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Full text of "Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, Volume 17"

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BEITRÄGE 

ZUR 

...SCHICHTE DER DEUTSCHEN SPRACHE 
UND LITERATUR. 



UNTER MITWIRKUNG VON 
HERMANN PAUL UND WILHELM BRAUNE 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

EDUARD SIEVERS. 



XVII. BAND. 



HALLE a. S. 

MAX NIEMEYER. 
1893. 



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LIBRARY OF THE 
LELAND STANFORD JR. UNIVERc: 

SEP 5 1900 



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INHALT. 



Seite 

Die sttdmark der Germanen. Von R. Mach 1 

Die Germanen am Niederrhein. Von demselben . 137 

Goten and Ingvaeonen. Von demselben 178 

Berichtigungen and nachtrage. Von demselben 221 

Zar geschiente der Verbindungen eines s bez. seh mit einem con- 

sonanten im neuhochdeutschen. Von 0. Aron 225 

Grammatisches. Von W. van Holten 272 

(XVIII. Zar geschiente der den got. -£j, -öm, -ön and -ö ent- 
sprechenden endsilbenvocale in den andren altgerm. dialekten 
and verwantes: s. 272. — XIX. Zar geschiebte des -aw(-) im 
altgerm.: s. 285. — XX. Ueber die erbaltung des -w in drei- 
und viersilbigen formen im ahd., as. and aonfrk.: s. 288. — 
XXI. Ueber die entsprechangen von altem *-nassuz, +-%aföuz 9 
*-skapi: s. 297. — Nachtrage: s. 802). 
Zu v. Richthofens Altfriesischem Wörterbuch. Von 0. Bremer 303 
Die Bistritzer mundart verglichen mit der moselfränkischen. Von 

G. Kisch 347 

Eine vermeintliche ausnähme von der i-umlautsregel im altnordischen. 

Von E. Wadstein 412 

Etymologisches. Von C. C. Uhlenbeck 435 

Die reiserechnungen des bischofs Wolfger von Passau. Von A. H ö f e r 441 

Grammatisches. Von W. van Holten 550 

(XXII. Zu den comparativsuffizen der adjeetiva und adverbia 
im germanischen: s. 550. — XXIII. Die westgerm. endungen 
der 2. sg. praet. ind. starker flezion und der 2. sg. praes. und 
praet opt: s. 554. — XXIV. Ueber die synkope des thema- 
vocals in den ags. und afr. endungen für die 2. und 3. sg. 
praes. ind.: s. 556. — XXV. Zur flexion der verba gehen und 
stehen: s. 557. — XXVI. Noch einmal zur geschieht von -öwj- 
und -öwi(-) in den germ. dialekten: s. 563. — XXVIL Got. 
bauan u. s. w. : s. 566. — XXVIII. Die behandlung von un- 
gedecktem -e im urgerm. : s. 567. — XXIV. Die got endung 
•3 des gen. plur.: s. 570). 

Aldius. Von W. Brückner 573 

Blond und flatus. Von G. E. Karsten 576 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 

Aus ungetrübten geschichtlichen quellen schöpfen wir die 
künde, dass dereinst ganz Süddeutschland von keltischen stammen 
besetzt war. Mit den Zeugnissen der alten gewährsmänner stimmt 
das der Ortsnamen überein; ja das letztere verrät uns kel- 
tische spuren selbst im südwestlichen teile Korddeutschlands. 
Doch war hier die Rheingrenze früher und, wie sich noch zeigen 
wird, überall schon von den Germanen erreicht worden, bevor 
sie auch südwärts vom Main und dem nordrande von Böhmen 
und Mähren festen fuss fassten. 

In der mitte der alten keltischen Stellung in Süddeutschland 
liegt, durch eir umlaufenden gebirgswall geschützt und gleich 
einem bollwerk nach norden vorspringend, das land Böhmen. 
Sein name, der 'nichts anderes als der dat. plur. des seinerseits 
widerum aus dem landesnamen Beheim (= ßoiohaemum, Boihae- 
mum, Boviaifiov) gebildeten volksnamens ahd. Beheima («= Batpoi, 
Bai[v]oxal(iai) ist, bewahrt uns mittelbar die germanische be- 
zeichnung des alten Boierlandes bis auf unsere tage, so dass 
wir über dessen läge schon nicht mehr im zweifei sein können. 
Auf germanischer seite wird uns der name der Boier auch 
noch in dem der landschaft Baias, eines teiles der patria Alois 
beim geographen von Ravenna, überliefert, ferner in dem der 
aus Böhmen stammenden Baioarii Baiern, endlich in Beowinida, 
einer deutschen bezeichnung der Tschechen im mittelalter. Alles 
weist also hier auf dieselbe örtlichkeit hin. 

Unmittelbar bezeugt sind die Boier in Deutschland nur 
durch drei antike quellen. Nach Strabo p. 293, der sich dabei 
auf Posidonius beruft, sassen sie zur zeit des Kimberneinfalles 
noch am erkynischen walde: <pr}öl öh xal (p Iloceiäoiviog) Bolovg 
xbv < Eqxvviov ÖQVfiov olxelv xqotsqov ' xovq 61 KlfißQovg oq- 

Beitrftge sur getoMohte der deutschen spräche. XVII. X 



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2 MUCH 

(irfiavTag knl xov xojiov xovxov, axoxQOvCd-ivxaq vno xmv 
Boicov Iril xov "Icxqov xal xovq SxoQÖlcxovq raXaxaq xara- 
ßfjvat. Caesar nennt da, wo er von den gallischen nieder- 
iassungen in Germanien spricht, die Boier nicht mehr, wusste 
aber doch, dass sie ehemals dort gewohnt hatten. Boiosque, 
qui trans Rhenum incoluerant et in agrum Noricum trans- 
ierant, Noreiamque oppugnarant, receptos ad se socios sibi ad- 
sciscunt heisst es BG. 1, 5 von den auswandernden Elvetiern. 
Tacitus endlich versichert uns Germ. 28, nachdem er von der 
einstigen ausbreitung der Gallier über den Rhein im allgemeinen 
gesprochen hat: igitur inter Hercyniam silvam Rhenumque et 
Moenum amnes Helvetii, ulteriora Boii, Gailica uiraquegens, tenuere. 
Darin kommen also alle drei berichte überein, dass sie von der 
ansässigkeit der Boier in Deutschland als von etwas vergangenem 
sprechen. Gegen Süden dürften Boier bis hinab zur Donau ge- 
reicht, ja selbst noch eine art brückenkopf auf dem rechten 
stromufer besessen haben, Boiodurum an der mündung des Inn, 
gegenüber von Passau, d. i. seinem namen nach die Boierfeste, 
wie Batavodurum diejenige der Bataver. Dass ihre sitze das 
heutige 'Böhmen und Baiern ' gewesen seien, wie Mommsen RG. 
2*, 166. 3 6 , 244 vermutet, ist freilich so haltlos, dass es nicht 
erst widerlegt zu werden braucht; man vgl. übrigens Müllenhoff 
DA. 2, 267. 

In den westen von Boihaemum bis zum Main und Rhein 
kommen nach der oben ausgehobenen stelle aus Tacitus Germ. 28 
in vorgeschichtlicher zeit die Elvetier zu stehen, und noch bei 
Ptolemaeus 2, 11,6 begegnet uns nördlich von der rauhen Alb 
die 'einöde der Elvetier', rj xAv "EXovtjxlov eQTjfiog: Zeugnisse, 
deren wert freilich Müllenhoff mit dem hinweis auf das nicht- 
wissen Caesars und dessen bestimmte aussage über den Rhein 
als grenze der Elvetier zu erschüttern gesucht hat Der aus- 
druck ^Qrjfiog brauche nicht notwendig ein von den bewohnern 
verlassenes land zu bezeichnen, sondern könne auch aus der 
beschaffenheit desselben erklärt werden; und so hätte auch ein 
strich im norden der Elvetier *EXovt]xla>v iQrjpoq genannt werden 
können, ohne dass man sich dieser noch als seiner ehemaligen 
bewohner erinnerte. Was uns Tacitus von den sitzen derselben 
berichtet, sei auf ein misveratändnis jenes ausdruckes zurüek- 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 3 

zuführen. — Es ist aber nicht recht einzusehen, warum für ein 
gebiet, in dem Elvetier gar nicht selbst sesshaft waren, der 
name deserta Helvetiorum — so lautete er offenbar auf latei- 
nisch — aufgekommen sein soll. Dafür gibt es auch keine 
seitenstücke ; denn die deserta Boiorum ebenso wie die tcov 
rsraiv iQtjfiia haben ihre namen nach ihren bewohnern. Und 
wie soll ferner, wenn jene bezeichnung deserta Helvetiorum — 
das appellativ im sinne von 'wildnis' oder 'haide' genommen — 
immer nur am Albgebirge gehaftet hätte und aus der be- 
schaffen hei t dieser örtlichkeit zu erklären wäre, bei Tacitus 
die Vorstellung von der ehemaligen ausbreitung der Elvetier 
bis zum Main und erkynischen walde entstanden sein? Seiner 
behauptung wird man also die berechtigmig doch nicht so leicht 
absprechen dürfen. Als deserta Helvetiorum mochte man seiner- 
zeit alles land im Süden des Mains bis an die Rheinbeuge be- 
zeichnen, und vielleicht entstammt der entsprechende ausdruck 
bei Ptolemaeus nur geschichtlicher Überlieferung und ist in seine 
karte neben jüngeren in demselben bereich aufgekommenen 
namen eingetragen. Er kann aber auch einem bis auf die zeit 
des Ptolaemaeus oder vielmehr seines gewährsmannes noch 
nicht oder nur spärlich neubesiedelten teil des alten ager Hel- 
vetiorum zukommen. 

Gegenüber der bestimmten behauptung des Tacitus fällt 
Caesars 'nichtwissen' nicht so schwer ins gewicht; jedenfalls 
hat ihm Tacitus selbst, der doch Caesars bellum Gallicum recht 
wohl kannte, keine so grosse bedeutung beigelegt als den 
gründen, die ihn zu seiner eigenen aussage bestimmten. Was 
die Römer nach anderthalbhundertjähriger herschaft über die 
Elvetier von deren Vorgeschichte erfahren hatten, brauchte 
Caesar bei seinem kriegerischen zusammenstoss mit ihnen noch 
nicht notwendig gehört zu haben. Und wenn, so lag doch für ihn 
kein anlass vor, es zu berichten, vielleicht sogar ein grund, es 
zu verschweigen. In der tat verschweigt er uns auch die wahre 
Ursache des elvetischen auswanderungsversuches , dem er ent- 
gegentrat, den umstand nämlich, dass diesem stamme die nachbar- 
schaft der Germanen zu gefährlich und unbequem geworden war: 
er sucht ihre Unternehmung vielmehr als eine durchaus abenteuer- 
liche hinzustellen, sei es um seine einmischung in sie und die 
gallischen händel besser begründet erscheinen zu lassen, sei es 

1* 



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4 MUCH 

weil sein sieg nicht so glänzend erschienen wäre, wenn er von 
dem gegner, dessen tapferkeit er widerholt und mit recht 
hervorhebt, berichtet hätte, dass derselbe auch den Germanen 
nicht habe stand halten können. An und für sich hätte die er- 
Zählung von dem ersten zurückweichen der Elvetier dem ruf 
ihrer kriegstüchtigkeit eintrag getan, zugleich aber auch den 
wahren beweggrund ihres zweiten aufbruches enthüllt. Beides 
mochte Caesar bestimmen, von ihren ehemaligen nördlicheren 
Wohnsitzen uns nichts mitzuteilen. Und was soll es gar gegen 
diese beweisen, wenn er den Rhein als ihre grenze angibt? 
Können denn nicht 50 oder 100 jähre vorher die dinge ganz 
anders gelegen haben? Dass zu Caesars zeit noch Elvetier 
nördlich vom Bodensee sassen, wird ja von Tacitus gar nicht 
behauptet und war, wie sich leicht erweisen läset, auch nicht 
der fall. Dazumal begegnen uns dort an ihrer statt bereits 
die Markomannen, die zuerst Caesar B6. 1,51 unter den hilfs- 
völkern Ariovists nennt, und die in ihren alten sitzen nach 
Florus 4, 12 noch mit Drusus einen kämpf zu besteben haben. 
Als einen teil der alten MaQxopawlg muss man die Agri De- 
cumates jedenfalls betrachten, wenn das land ausserhalb der- 
selben bis zur Donau von Dio Cassius in einer stelle, die noch 
ausführlicher besprochen werden soll, als ein teil des Marko- 
mannenlandes, fieQog rtjg MaQxofiavvidog, nicht als das Marko- 
mannenland schlechtweg bezeichnet wird. Dass auch in dem 
winkel zwischen Rhein und Donau der name 'mark' haftet, 
von dem der der Markomannen sich herleitet, zeigt die be- 
zeichnung silva Marciana für den Schwarzwald, die keltische 
Abnoba\ s. Zeuss, Die Deutschen 10. Endlich tut Caesar, so 
oft er von dem lande jenseits des Oberrheins spricht, immer 
auch der Germanen als seiner be wohner erwähnung, so BG. 1, 1: 
proximi sunt {Helvetü) Germanis, qui trans Rhenum mcohmt, qui- 
buscum continenter bellum gerunt .... fere quotidianis proeliis 
cum Germanis contendunt, quam aut suis finibus eos prohibent, 
aut ipsi in eorum finibus bellum gerunt. BG. 1,2: Helvetü con- 
tinentur: una ex parte flumine Rheno, latissimo atque altissimo, 
qui agrum Helveliorum a Germanis dividit. BG. 1,27: nocte ca- 
stris Helvetiorum egressi ad Rhenum finesque Germanorum con- 
tenderunt. BG. 1, 28: Id ea maxime ratione fecit, quod noluit 
cum locum unde Helvetü discesserant vacare, ne propter boni- 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 5 

tatem agrorum Germani, qui frans Rhenum incolunt, e suis finibus 
m Helvetiorum fines transirent. 

Der aufenthalt der Markomannen im Südwesten Deutsch- 
lands war indes nicht von langer dauer, und auch während 
sie herren des landes waren, kann neben ihnen geradesogut 
ein rest der alten keltischen bevölkerung fortbestanden haben, 
wie später in den ostdeutschen marken, in denen uns widerum 
der name Marcomanni entgegentritt, ein teil der slaviscben. 

Einen unbestreitbar keltischen stammnamen nennt uns ein 
zu Miltenberg am Main gefundener grenzstein. Und zwar — 
merkwürdig genug — den namen Touloni, also eine völlig gleich- 
wertige nebenform zu Teutoni, da hier das ou nicht etwa als 
ablaut zu eu, sondern als eine im gallischen vielfach auftretende* 
aber noch nicht allgemein durchgeführte entwicklung aus diesem 
laute aufzufassen ist; ebenso stehen sich Toutates und Teutates, 
Loucetius und Leucetius gegenüber; vgl. ßrugmann, Grundr. 1, 57. 
Kossinna, der dies zuerst richtig erkannte, hat aus dieser namens- 
gleichheit (Westd. zs. 9, 213) den schluss gezogen, dass wir es 
bei den Toutonen des Miltenberger steines mit einem in der 
heimat zurückgebliebenen rest der Teutonen zu tun und dass 
wir diese als Kelten zu betrachten haben. Es ist sofort klar, 
von welcher tragweite diese aufstellung ist, wenn sie sich als 
stichhaltig erweist, ja dass sie mit allem was unmittelbar aus 
ihr sich ergibt, einen fortschritt in der erkenntnis der Vor- 
geschichte Deutschlands bedeuten würde, wie uns seit Zeuss 
keiner mehr geglückt ist. 

Mit der früher besprochenen nachricht des Tacitus über 
die ehemalige ausbreitung der Elvetier stehen Toutonen im 
Süden des Mains nicht in Widerspruch; nur wird man diesen 
stamm, der wie Mommsen im Korrespondenzblatt des gesamt- 
vereines der deutschen geschichts- und altertumsvereine 1878, 
85 f. bemerkt, ausserhalb des römischen limes zu denken ist, 
für eine Unterabteilung der Elvetier zu halten haben, die, 
während die Markomannen im lande waren, diesen unterworfen 
war und nach deren abzug wider selbständig hervortrat. 

Die einschränkung der Elvetier auf die Schweiz und die 
ausbreitung der Germanen vom Main bis zur Donau ist eine 
so gewaltige Umwälzung, dass wir uns wundern müssten, wenn 
der Süden von ihr und von der Völkerbewegung, deren ergebnis 



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6 MUCH 

jene besitzveränderung war, nichts verspürt hätte. Und wenn 
Elvetier an der seite der Kimbern in Gallien und in Italien 
auftreten, wird ihr zurückweichen im norden leicht mit ihren 
wanderzügen im gefolge dieser Germanen in Verbindung zu 
bringen sein. Doch lässt sich der grosse gebietsverlust den 
sie erleiden, aus ihrer beteiligung an den kimbrischen feldzügen 
noch nicht erklären, falls von ihnen wirklich nur der stamm 
der Tigurinen ausgewandert war, von dem wir wissen, dass er 
ohne schaden zu leiden wider in die heimat zurückgekehrt ist 
Allein Strabo erzählt uns p. 293 unter ausdrücklicher be- 
ruf ung auf Posidonius, dass von den Elvetiern ausser den Ti- 
gurinen die Toygenen den Kimbern sich angeschlossen hätten ; 
und vorher schon, p. 193, berichtet er, dass von drei el vetischen 
stammen im Kimbernkriege zwei zu gründe gegangen seien, 
wobei er wider an die Tigurinen und Toygenen denken wird, 
sicher aber an die letzteren, da er p. 183 berichtet, dass Marius 
den Massalioten den von ihm angelegten Rhonekanal als 
oqlöxeIov xavä xbv nqbq !AfißQa)va$ xal Twvysvovq Jt6Xe(iov 
übergeben habe, die Toygenen also unter die gegner der Römer 
bei Aquae Sextiae rechnet. Tcovyevovg ist indes hier sicherlich 
nur Verderbnis. Denn bei Aquae Sextiae standen dem Marius, 
soviel wir aus allen anderen quellen wissen, lediglich die Teu- 
tonen und Ambronen gegenüber, und jedenfalls kam, auch wenn 
andere noch dabeigewesen wären, den Teutonen eine solche 
bedeutung zu, dass sie nicht übergangen werden durften. Selbst 
Müllenhoff, der für die Toygenen eine lanze einlegt, muss darum 
DA. 2, 296 zugeben, dass p. 183 wenigstens Strabo sich ver- 
schrieben oder verlesen habe und dass dort Tevrovovg das richtige 
sei. Damit ist aber die lesart Tcovyerot auch an der anderen 
stelle aufs tiefste erschüttert. Kein anderer gewährsmann kennt 
einen stamm dieses namens und umgekehrt Strabo in seinem 
bericht über die Kimbernzüge keine Teutonen ! Er nennt diesen 
namen überhaupt nur einmal, p. 196, wobei unbestritten Caesar 

An und für sich schon verlangt 

name der Tmvyevol begegnet 

in TbvxovoL Denn wenn dort, 

von Kimbern allein die rede 

\k (floösidcovioc) rovg 

x ö'avräv TiyvQlvovq rt xal 



1 rv * e\ c\nt* 



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DIE 8ÜDMARK DER GERMANEN. 7 

lawyivovg, &g xe xal ovvegoQfifjocu. xävrsq (livtoi xaxslv&rfiav 
vxo rar 'Pwfialcov avxoi re ol KlfißQOi xal ol owaQdfievoi 
tavroig, ol /ihr vxeQßaXovreq tag "AXjcbk; dq xr\v 'irattav ol 
(Tlgcö xä)v"AXx£a>v — so können die övvaQafievoi nur die mit- 
ausgewanderten Elvetier sein; und dass Strabo sie in bauscb 
und bogen zu gründe gehen lässt, ohne sich übrigens dabei 
noch auf Posidonius zu berufen, ist jedenfalls ein irrtum oder 
eine flüchtigkeit Ein kern von Wahrheit muss aber wohl in der 
sache sein; das ist jedoch nur dann der fall, wenn die ausser- 
halb der Alpen vernichteten Toygenen für die Teutonen zu 
nehmen sind. Das Verderbnis von TEYTÜNOI in TEYrQNOI 
und das weitere, vielleicht einem etymologisierenden besserungs- 
versuch entsprungene in TQYTENOI ist begreiflich genug. 
Zeuss ist nach all dem im vollen rechte, wenn er, nicht wie 
Müllenhoff nur an äiner, sondern (s. 143. 147.225) an beiden 
stellen dießToygenen in Teutonen bessert, und auch im rechte, 
wenn er (s. 225) behauptet, dass Posidonius den namen Teu- 
tonen unter die Elvetier gestellt habe. Nur geschah dies nicht 
irrtümlich, wie er meint. Denn da — falls die Teutonen EU 
vetier sind — die deserta Helvetiorum aus ihrer auswanderung 
sich erklären und die entvölkerung ihrer heimat zum eindringen 
der Markomannen anlass gab, gerade wie Caesar nach der 
zweiten auswanderung der Elvetier ein weiteres vordringen der 
Germanen befürchtet (BG. 1, 28), so sind die Teutonen ohne 
zweifei aus dem lande im Süden des Mains herzuleiten. Das 
zeugnis des Posidonius besagt also dasselbe wie das von ihm 
völlig unabhängige des Miltenberger Steines, und wenn jemals 
der rechtsspruch geltung hat: 'durch zweier zeugen mund wird 
alle Wahrheit kund', so ist es hier der fall. 

Dass der name Teutoni mit einem keltischen worte buch- 
stäblich übereinkommt, wird auch durch die personennamen 
Touto, Toutonius, Toutona (Glück, Die kelt. Namen 64 t) 1 ) be- 
wiesen, und dass er in der überlieferten gestalt kein deutscher 
sein kann, hat Müllenhoff s. 113 f. gezeigt. Allerdings könnte 
auch germ. *Peuponez oder *Peudonez den Römern in keltisierter 



1 ) DieseB buch wird im folgenden als Glück schlechtweg bezeichnet, 
ebenso Müllenhoff DA. 2 und Zeuss, Die Deutschen als Müllenhoff und 
Zenas. 



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8 MUCH 

gestalt als Teutones und selbst Tetäoni zu obren gekommen sein; 
allein ein solches germanisches wort ist, wenn auch möglich, 
so doch nicht belegt; die Wahrscheinlichkeit, dass wir es dabei 
mit einem von haus aus keltischen worte zu tun haben, besteht 
also auch schon ohne rficksicht auf die Miltenberger Toutonen. 

Müllenhoff hat denn auch s. 115 Teutoni für gallisch ge- 
nommen und zwar für eine altgallische benennung der Nordsee- 
völker. Sonst aber pflegen uns wandernde Germanenstämme 
immer stammweise und unter ihren stamm n amen entgegenzu- 
treten. Auch die Ambronen sind durchaus nicht ein teil der 
Teutonen, wofür sie Müllenhoff s. 114 ausgibt, und bei Plutarch, 
Marius 19 gar nicht als das, sondern als rcov jtoksfilcov xo 
(laxifMOTarov fjeQog bezeichnet, ebenso sonst bei ihm und in 
allen anderen quellen von jenen auseinandergehalten. Und was 
in aller weit sollte die Gallier veranlasst haben, die Nordsee- 
völker durch einen besonderen zusammenfassenden namen von 
den übrigen Germanen zu unterscheiden? Ausserdem kamen 
doch auch die Kimbern vom meere, da es von ihnen gerade 
berichtet wird und sich ein rest von ihnen später nach dort 
vorfindet nach Zeugnissen, deren wert ich am gehörigen orte 
zu prüfen beabsichtige, die man aber keineswegs einfach deshalb 
bei seite schieben darf, weil man den gedanken nicht aufgeben 
will, dass der name Teutonen schon die Nordseevölker im 
allgemeinen bezeichne, also auch die Kimbern einschliessen 
müsste, wenn sie meeran wohner waren. Eher noch wäre — 
vor dem fund des Miltenberger steines — zu erwägen gewesen, 
ob Teutoni nicht ein alter gallischer name für die gesamtheit 
der Germanen sei ; aber freilich hätte auch dieser gedanke ab- 
gewiesen werden müssen eben wegen der Kimbern und Am- 
bronen. Teutones, Teutoni kann also nur der name eines be- 
sonderen Stammes gewesen sein. 

Dass dieser aber noch von den Römern in Deutschland 
angetroffen worden sei, wird nach Müllenhoffs eigenen aus- 
führungen 8. 115. 283 — 289 kein einsichtiger mehr behaupten. 
Alle versuche sie zu lokalisieren, von Mela bis Ptolemaeus, 
beweisen nur, dass es in der in betracht kommenden zeit gäng 
und gäbe war, die Teutonen als Deutsche von der meeresküste 
zu betrachten: eine ansieht, die leicht genug aufkommen konnte, 
da man gewohnt war, sie mit den Kimbern zusammen zu nennen, 



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DIE SUDMARK DER GERMANEN. 9 

diese aber in. der tat von der Nordsee gekommen waren und 
ein zurückgebliebener teil desselben volkes dort sich forterhielt 
Gegenüber den Miltenberger Toutonen und den emetischen Teu- 
tonen des Posidonius fallen die erdichteten Teutonen in Deutsch- 
land sehr wenig ins gewicht Was endlich die angeblichen 
Teutonen des Pytheas betrifft, so erheben sich auch gegen sie 
einwände in fülle, und man wird gewis einmal Eossinna recht 
geben, der uns Westd. zs. 9, 214 den beweis in aussieht stellt, 
'dass Plinius die beiden völkemamen (Gutonen und Teutonen), 
von denen Pytheas nichts erfahren hat, aus seiner eigenen 
kenntnis heraus in den bericht eingeschwärzt hat'. Uebrigens 
hat schon Hugo Berger (Lit centralblatt 1888, 331 f.) die Teu- 
tonen bei Pytheas deshalb angezweifelt, weil Posidonius — 
was auch Möllenhoff aufgefallen ist — obwohl er Pytheas 
kannte, ihrer gelegentlich seiner ausfttbrungen über die herkunft 
der Kimbern nicht erwähnung tut 

Da die Teutonen sich als stamm der Elvetier erwiesen 
haben, so wird man auch dem Germanentum der Ambronen 
nicht ohne mistrauen entgegentreten. Wenn Strabo p. 193 von 
3 stammen der Elvetier berichtet, von denen 2 zu gründe ge- 
gangen seien, so könnte man dabei ausser an die Toygenen 
Teutonen an die Ambronen denken, sie also ebenfalls als El- 
vetier ansehen, und den dritten, dem Verhängnis entronnenen, für 
die Tigurinen nehmen, die ja tatsächlich mit heiler haut davon- 
kamen. Doch war letzteres, wie p. 293. 294 lehrt, nicht Strabos 
meinung, da er hier auch die Tigurinen untergehen lässt: man 
muss also mit Zeuss s. 225 und Müllen hoff s. 152 jene beiden 
angeblich vernichteten stamme für die Tigurinen und Teutonen, 
die dritte abteilung für die daheim zurückgebliebenen Elvetier 
halten. Und da Strabo andernfalls p. 293 Ambronen neben 
Tigurinen und Toygenen hätte namhaft machen sollen, rechnete 
sie Posidonius kaum zu den Elvetiern. Auch ihr name schliesst 
zwar keltischen Ursprung nicht aus, lässt aber auf deutscher 
seite nicht nur anknüpfung an personennamen wie Ambri und 
Ambrico, sondern auch an den ingvaeonischen volksnamen der 
Ymbre und den inselnamen Amrum, älter Ambrum, zu; ja letzterer 
scheint nichts anderes als der dativ des namens der Ambronen 
zu sein; s. Möller, Ae. volksepos 89. Da von ihnen überdies 
ausdrücklich die flutsage erzählt wird, werden sie mit den 



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10 MÜCH 

Kimbern vereint von der Nordsee gekommen sein. Wie sich 
Germanen im allgemeinen gegenüber den Kelten durch grössere 
tapferkeit auszeichnen, werden auch sie unter den gegnern des 
Marius von Plutarch 19 als die kriegstüchtigsten — xo (taxi- 
ficitarov fiiQog — bezeichnet und ebendort der sieg über Mallius 
und Gaepio ihnen zugeschrieben. Bemerkenswert ist, dass zu- 
letzt die Kelten sowohl als die Germanen sich trennen und 
Teutonen und Ambronen auf der einen, Tigurinen und Kimbern 
auf der anderen seite in Italien einzudringen suchen. Auch 
über den ganzen verlauf ihrer Wanderungen sind wir nun, nach- 
dem sich herausgestellt hat, wo die Teutonen den Kimbern 
sich zugesellt haben, weit mehr im klaren, als es bisher der 
fall war, was einer weiteren ausführung nicht bedarf. 

Das was sich uns bisher über den südwestlichen winkel 
Germaniens und seine Vorgeschichte ergeben hat, ist mittelbar 
auch von belang für die entscheidung der frage, wo die Volcae 
Tectosages Caesars hingehören. Müllen hoff nimmt von diesen 
s. 265. 277. 300 an, dass sie, vom Maine und aus Hessen, ihrer 
älteren heimat, durch die Sveben nach ßöhmen vertrieben, 
dieses land nach dem abzug der Boier bewohnt hätten. Dass 
aber im jähre 58 die auswandernden Elvetier noch von den 
Boiern, qui trans Rhenum incoluerant et in agrum Noricum trans- 
ierant, Noreiamque oppugnarant (Caesar BG. 1, 5), zuzug erhalten 
konnten, beweist, dass letztere damals noch nicht zur ruhe ge- 
kommen waren. Sie können also erst kurz vor Caesars ankunft 
in Gallien ihre heimat verlassen haben. Zu gleicher zeitstellung 
der räumung Böhmens gelangt ja auch Müllenhoff s. 265. Die 
Maingegend und Hessen ist aber offenbar viel früher von Ger- 
manen besetzt worden. Denn wenn ihre niederlassung in der 
'mark' den Markomannen zu Caesars zeit bereits einen namen 
eingetragen hatte, so hat dies zur Voraussetzung, dass die Ger- 
manen am Oberrhein nicht eben erst eingewandert waren; und 
nördlich vom Maine erfolgte der vorstoss nicht später: denn 
wie hätten die Germanen ein land 'mark' nennen können, das 
mit ihren geschlossenen sitzen gar nicht zusammenhieng? 

Die Volcae Tectosages können also vor dem abzug der 
Boier nach Noricum nicht westlich von diesen gesessen haben. 
Aber auch nachher nicht in Böhmen. Caesar berichtet uns 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 11 

nämlich B6. 4, 3 von einem grossen unbewohnten lande an der 
rückseite der Sveben : itaque una ex parte a Suebis circiter milia 
passuum sexcenta agri vacare dicuntur. Ad alteram partem suc- 
cedunt Ubü . .; auf eben diese einöden wird BG. 6, 23 angespielt: 
cwitatibus maxima laus est, quam latissime circum se vastatis 
fmibus solitudines habere. Hoc proprium virtutis existimant, ex- 
pulsos agris finitimos cedere neque quemquam prope audere con- 
sistere; simul hoc se fore tutiores arbitrantur repentinae incursi- 
oms timore sublato. Mit den Verhältnissen unmittelbar über 
dem Rhein, dessen ufer er im Oberelsass selbst erreicht hatte, 
war Caesar nicht so wenig vertraut, dass er sich bei ihrer dar- 
Stellung auf das hörensagen berufen und einen ausdruck wie 
vacare dicuntur gebraucht hätte. Und dort wusste er über- 
dies, wie schon oben ausgeführt wurde, Germanen ansässig. 
Unter den solitudines und agri vacantes ist also unmöglich etwas 
anderes als Böhmen zu verstehen. Und dieses land lag zum 
grössten teil noch Öde, als Maroboduus seine Markomannen 
dort ansiedelte. Wäre deren niederlassung erst nach Über- 
windung eines Volkes von der bedeutung der Volcae Tectosages 
Caesars erfolgt, so hätte das den Römern nicht entgehen können, 
die damals schon an der Donau standen. Tacitus min- 
destens, der den Markomannen den rühm der einstigen aus- 
treibung der Boier zugesteht, hätte uns davon etwas erzählen 
müssen. Von den Volcae Tectosages in Deutschland hört aber 
mit Caesar überhaupt jede künde auf. Endlich geht aus dem 
was dieser unser einziger gewährsmann über sie berichtet, klar 
hervor, dass er sie noch ebendort ansässig weiss, wo sie sich 
nach ihrer auswanderung nach Germanien, d. i. dem Sigovesus- 
zuge des Livius, niedergelassen hätten. Ac fuit antea tempus, 
heisst es BG. 6, 24, quum Germanos Galli vir tute superarent, ultro 
bella inferrent, propter hominum middtudinem agrique inopiam 
trans Rhenum colonias miiterent. Itaque ea, quae fertilissima 
Germaniae sunt, loca circum Hercyniam silvam .... Volcae 
Tectosages occupaverunt atque ibi consederunt ; quae gens ad hoc 
tempus his sedibus sese continet summamque habet iustitiae 
et bellicae laudis opinionem. Mit Böhmen haben also die Volken 
gewis nichts zu tun. 

Es bleiben uns eigentlich nur noch die striche weiter im 
osten für sie übrig. Und wenn Caesar über ihre sitze sagt) 



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12 MUCH 

da88 sie am erkynischen walde liegen und die fruchtbarste 
gegend Deutschlands seien, so passt dies ohnedies auch auf 
kein land so gut als auf Mähren. Ehe die Quaden sich dieses 
landes bemächtigten, wird dort, weil noch weiter im osten kel- 
tische Kotinen stehen, ein keltisches volk gesessen haben, und 
dies wohl noch während Caesar in Gallien stand. Denn da der 
svebische stamm der Quaden nicht von dem vandilischen hinter- 
lande Mährens, sondern nur von den Ermunduren oder Sem- 
nonen oder deren Umgebung sich abgelöst haben kann, so hat 
sein vordringen nach Mähren die räumung Böhmens durch die 
Boier, die, wovon schon die rede war, ums jähr 60 v. Chr. 
erst erfolgt ist, zur Voraussetzung. Weder von dem ein- 
dringen der Quaden in Mähren noch von dem Untergang der 
Yolken ist uns etwas überliefert, und dies mttsste eigentlich 
schon zur Vermutung führen, dass zwischen beiden ereignissen 
ein Zusammenhang besteht. Mindestens müssen beide sich 
zugetragen haben, bevor die Römer Noricum und Pannonien 
ihrem reiche einverleibt hatten, da sie ihnen andernfalls 
nicht unbekannt geblieben sein könnten, am wenigsten dann, 
wenn damit der übertritt der nordungarischen Kvrvoi und 
noch anderer keltischer scharen vom linken auf das rechte 
Donauufer verbunden war. Ja man möchte sogar glauben, 
dass dieser übertritt vor dem sieg des Dakenkönigs Burvista 
über Noriker und Boier — über dessen zeitstellung man 
Mttllenhoflf s. 266 vergleiche — erfolgt sei. Denn nachdem 
es sich einmal gezeigt hatte, dass letztere durch ihre Über- 
siedlung nach Pannonien recht eigentlich aus dem regen in die 
traufe gekommen waren, wird die Versuchung für andere Kelten- 
stämme, ihnen dabin nachzufolgen, keine grosse gewesen sein, 
es sei denn widerum nach Burvistas tode. 

Man wird fragen, was mit den Volken geschehen sei. Die 
Kotinen darf man kaum als reste von ihnen betrachten, weil, 
wie Müllen hoff s. 324 ff. 337 erwiesen hat, deren sitze nicht in 
Mähren, sondern im oberen Grantal zu suchen sind, die Kvtvot 
in Pannonien aber, ein losgesprengter teil desselben Stammes, 
gerade südlich von dem durch Vannius begründeten reiche das 
rechte Donauufer besetzt halten, also vor ihrem übertritt zu- 
sammenhängend mit dem zurückgebliebenen teil des Stammes 
und gegenüber ihren späteren sitzen die ebene und die tal- 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 13 

mündungen von den kleinen Earpatben bis zu den Ösen an 
der Eipel bewohnt haben werden. Eher könnte man denken, 
dass hinter den bloss nach den sitzen am Bakonyerwalde be- 
nannten Hercuniates "EQxovvtateq die Volken verborgen sind. 
Vielleicht ist aber gar kein nennenswerter teil von ihnen dem 
Verhängnis entronnen. Die Boier, welche die Überlegenheit der 
svebischen waffen wohl mehr als einmal gefühlt hatten, werden 
bei zeiten zur erkenntnis gelangt sein, dass sie der verknechtung 
verfallen würden, falls Germanen in ihr land einbrächen in der 
absieht, es dauernd zu besetzen, und entzogen sich diesem ge- 
schick durch die auswanderung. Dass dagegen die Volken, die 
an die Sveben nirgends angrenzten und, ehe die entscheidung 
fiel, durch die Boier gedeckt, kaum jemals viel mit ihnen zu 
tun hatten, sich rechtzeitig der gefahr von dieser seite versahen, 
ist nicht wahrscheinlich. Die Quaden, die nun in ihrer durch 
den abzug der Boier entblössten flanke erschienen, waren nicht 
nur ein feindliches heer, sondern ein mit weib und kind heran- 
ziehendes volk, das aber, sei es, dass es Böhmen bereits für 
das eigen eines bruderstammes hielt oder weil es durch die 
reicheren mährischen gefilde angelockt ward, gleich in diese 
vordrang. Ohne zweifei setzten sich die Tektosagen zur wehr 
und wurden geschlagen. Wenn aber die Germanen sofort in 
dem eroberten lande sich niederliessen, gab es für dessen be- 
wohner als volk nicht mehr die möglichkeit der flucht und ihr 
los war hörigkeit oder sonst eine form der Unfreiheit Ein 
grosser teil mag im kämpfe selbst erlegen sein. 

An der west- oder südwestseite der Germanen könnten 
die Volken nach all dem nur vor dem Sigovesuszuge gesucht 
werden. Aber auch für diese fernere vorzeit fehlt uns der 
grund, sie gerade dorthin zu stellen. Dass die Germanen die 
Kelten als *Walhöz bezeichneten, hat nicht zur notwendigen 
Voraussetzung, dass die Volken die einzigen Kelten waren, mit 
denen sie zu schaffen hatten und an die sie grenzten, sondern 
nur, dass die Volken sich ihnen besonders bemerkbar machten. 
Und das taten sie ja gerade in Mähren, da über dieses land 
schon in vorgeschichtlicher zeit — s. Undset, Jernalderens be- 
gyndelse 53. 7u. 102. 292 — der wichtigste Verkehrsweg nach 
dem norden führte, während rechts und links schwerübersteig- 
bare gebirge sich vorschoben. Die gallischen handelsleute, die 



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14 MUCH 

in das innere Deutschlands vordrangen, mögen darum zumeist 
Volken gewesen sein. Aber auch zu kriegerischen zusammen- 
stössen war bei dem mangel geographischer hindernisse leichter 
gelegenheit und anlass und die reiche Marchniederung verlockte 
zu einfallen. Es ist somit sehr wahrscheinlich, dass das germ. 
*Walhöz erst von den Uolkoi in Mähren seinen ausgang nimmt 

Der fall der Volken scheuchte einen der nachbarstämme 
auf. Wir sehen die Kotinen (Kutnen), ausgenommen einen teil 
des volkes im Grantal, der unmittelbarer gefahr nicht so aus- 
gesetzt war, vielleicht auch im gebirge sich leichter halten zu 
können hoffte und wegen der erzlager, die er ausbeutete, von 
dem boden, der sie barg, sich nicht wird haben trennen wollen, 
auf dem anderen Donauufer schütz suchen, so dass ihr land 
geraume zeit, bis die Sveben des Vannius sich hier ansiedelten, 
brach lag, gerade wie Böhmen. Wenn aber schon die unter 
den kleinen Karpathen ansässigen Kelten zur auswanderung Ver- 
anlassung fühlten, darf man solches umsomehr bei den bewohnern 
des nach Mähren hin offenen Niederösterreich voraussetzen. 
Dass die Volken auch durch dieses land bis zum Donaustrom 
hinabreichten, ist nicht gerade wahrscheinlich, kann aber auch 
nicht bestimmt in abrede gestellt werden. Auf die frage, ob 
wir in den KdfiJtoi und den *PaxaxQlai ^Paxaxai Kelten- 
reste zu erkennen haben oder nicht, soll später eingegangen 
werden. 

Wenn Caesar B6. 6, 24 nur die Volken und nicht auch die 
Kotinen als Kelten in Germanien aufführt, so geht daraus 
nicht hervor, dass er von ihnen nichts gewusst hat, da es viel- 
mehr se hr wahrscheinlich ist, dass er die ostgrenze Germaniens 
von der Weichselquelle zur Donau nicht so weit östlich sich 
verlaufend dachte, dass sie einen teil Oberungarns noch ein- 
geschlossen hätte, wie denn noch Plinius 4 § 80 das conftnium 
der Germanen nach älterer Vorstellung von der March und der 
gegend von Carnuntum beginnen läset. Ebenso wird man 
daraus, dass Caesar die Anarten, die er gelegentlich als an- 
anwohner der Hercynia nennt, nicht als Kelten in Germanien 
bezeichnet, nicht schliessen dürfen, dass sie keine Kelten waren. 
Dass sie Caesar neben den Daken zu einer zeit, wo diese unter 
Burvista eine grossmachtstellung einnahmen, als ein selbständiges 



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DIE SUDMARK DER GERMANEN. 15 

volk erwähnt, brachte Müllen hoff 8. 82 dahin, sie für ein von 
den Daken stammverschiedenes element und zwar, der panno- 
nischen Ösen an der Eipel wegen, für Pannonier zu halten, 
wofür er s. 83 auch die bei Ptolemaeus neben den "Avclqtoi auf- 
tretenden TevQioxoi nimmt. Der name der letzteren ist zweifellos 
ganz derselbe wie die alte benennung der Noriker TsvqIöxoc neben 
TevQiörai, TccvqIoxoi, TavQlörai und könnte nach Müllenhoff 
von einem schon vor den Kelten zu beiden Seiten der Donau 
verbreiteten worte herstammen, das hober gebirgszug oder 
gebirgsübergang bedeuten mochte. Allein wenn die einen Teu- 
risken Kelten sind, werden wir mit Tomaschek, 66 A. 1888, 
300, auch die anderen am ehesten für Kelten halten. Zudem 
tragen auch die Anarten einen keltischen namen, der sogar 
verständlich genug ist. Wenn sie bei Caesar Anaries, bei Ptole- 
maeus "Avaqxoi heissen, so vergleicht sich dies dem schwanken 
des auslautes in keltischen namen wie Santones : Santoni, Teu- 
tones : Teutoni, Caletes : Caleti, Veiiocasses : Veliocassi u. a. m. — 
vgl. Glück s. 37 f. 1 14. Müllenhoff s. 115 — und wie hier überall 
die form mit o-suffix die jüngere ist, haben wir auch Anaries 
gegenüber "AvaQrot für das ursprünglichere zu halten. Den 
gallischen Caletes d. i. 'duri' nach ir. calath, bret. calet (Glück 
8.44), unserem held (Kluge, EW. 4 138), stehen britannische An- 
calites bei Caesar B6. 5, 21 gegenüber, deren name, da kurz e 
im keltischen allgemein mit t wechselt, soviel als An-caletes 
und weil idg. # im britannischen und gallischen regelmässig 
als an und nur ganz ausnahmsweise als en auftritt, unbedenk- 
lich mit 'induri' zu übersetzen ist. Ebenso ist dann An-artes = 
lat. in-ertes und mhd. unarte, mehrzahl von un-art 'misratener 
oder ungezogener mensch'. Freilich weiss ich nicht anzugeben, 
ob nicht auch die pannonische entsprechung zu lat. inertes an- 
artes gelautet hätte, und schliesslich könnte auch, zumal es 
sich um einen von nachbarn beigelegten Spottnamen handelt, 
eine gallische bezeichuung für einen pannoniscben stamm vor- 
liegen. Doch kommt eine solche möglichkeit nicht weiter in 
betracht, da Ptolemaeus genau an die nordgrenze der üiraQrot 
und TevQioxoi einen ort Kclqqoöovvov stellt, dessen name 
deutlich ein keltischer ist und noch dreimal in anderen kel- 
tischen oder vormals keltischen gegenden sich widerholt. Wenn 
übrigens Anarten, Teurisken und Koistoboken bei Ptolemaeus 



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16 MUCH 

im norden bis an den Tyras reichen, so gehört dies mit zu den 
vielen fehlem seiner karte von Sarmatien und Dakien. Vom 
Tyras sind alle diese stamme zu trennen, und man wird dann 
auch das von Ptolemaeus an den Tyras versetzte KaQQoöowov 
mit ihnen nach dem Süden, nicht mit diesem flusse weiter 
nach norden rücken. 

Dass der naine Anartes, wie Müllenhoff glaubt, von Caesar 
coilectivisch gebraucht wird, ist nach all dem immer noch mög- 
lich, und die "Avclqtoi des Ptolemaeus, der ja alle Damen, die 
ihm zukommen, nebeneinander auf seine karte setzt, stehen dem 
nicht im wege. Nur hätten wir es dann nicht mit einem um- 
fassenden namen für eine mehrheit pannonischer, sondern mit 
dem für die keltischen Völker des nördlichen Ungarn zu tun; 
als ihre abteilungen hätten wir die Eotinen und Teurisken zu 
erkennen, und vielleicht stehen die 'trägen' Anarten und die 
1 raschen' Volken noch in einem besonderen gegensatze. Seit 
Caesars zeit haben diese nordungarischen Kelten gewaltige 
einbussen erlitten: auf der einen seite durch die in die 
Karpathen eindringenden Germanen, auf der anderen, wenn 
nicht auch durch die Daken Burvistas, so doch gewis später 
durch die sarmatischen Jazygen, die bis an die nach ihnen 
benannten * sarmatischen berge' und bis in den rücken der Ko- 
tinen sich verschoben und dort, im nördlichsten teil ihres ge- 
bietes, wie schon aus dem namen des ortes BoQftavov — ver- 
glichen mit den gallischen orts- und götternamen Borma, Bormo, 
Bormani, Bormanus, Bormana (s. Becker, Bonn, jahrb. b. 33 u. 
34, s. 15 ff. h. 42, s. 90 ff.) — hervorgeht, auf altkeltischem boden 
stehen. Wenn darum Ptolemaeus die Anarten noch ein zweites 
mal als ÄvayzoipQaxxoi uns vorführt, so wird diese hybride 
form aus einem unverstandenen Anarti fracti entsprungen sein. 

Etwa auch die Koistoboken den Anarten beizuzählen, ver- 
wehren die auf einer inschrift (CIL. 6, 1801) erhaltenen koisto- 
bokischen personennamen Pieporus, flatoporus und Drilgisa. 
Das zweite compositionsglied der beiden männlichen namen 
ist nämlich deutlich dasselbe wie griech. -noQoq in Evjcoqoq, 
&eoxoQOQ usw. (Fick, Die griech. personenn. 133) und germ. 
*faraz, fem. *farö in ahd. einfar 'solivagus', got. Sende fara, 
Theudifara (Wrede, Spr. d. Ostg. 134) und könnte im keltischen 
sein anlautendes p unmöglich erbalten haben. Auch für -gisa, 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. i7 

den zweiten teil des weiblichen namens, die entsprechung zu 
mnd. nrh. gis, gise 'obses, vades* und *gtsaz, *gisö in germ. 
namen wie fVitegis u. a., würde man im keltischen -gesa er- 
warten; vgl. Volu-gesus, rr/oo-dovrov, Gesatia, Gesariacum (Glück 
s. 28). Dass Pieporus in seiner ersten hälfte mit dem dakischen 
volksnamen IlUyijoi sich deckt, hat bereits Mttllenhoff s. 87 
bemerkt; ich erinnere noch an die Uitvylxai. 

Dass die Ösen Pannonier sind, wird sich gegenüber den 
bestimmten äusserungen des Tacitus, Germ. 28. 43 nicht be- 
streiten lassen, und wenn ihr name auch aus dem keltischen 
als positiv zu - dem superlativischen gallischen volksnamen 
Osismi und nach dem kymr. zeitwort osi und osiaw 'conari, 
moliri, audere' (Glück s. 141) als 'audaces' sich deuten lässt, 
so können sie, wie später den namen OvtaßovQyioc durch die 
Germanen, so früher einen keltischen durch ihre keltische Um- 
gebung erhalten haben ; es kann sich aber auch, wofür das von 
Müllenhoff s. 326 verglichene pannonische Osones und Oseriates 
spricht, um ein Kelten undPannoniern gemeinsames wort handeln. 
Anschliessend an die Ösen gegen westen mit Mttllenhoff noch 
einen pannonischen stamm der t PüxarQlai anzusetzen, geht, von 
anderen zwingenden gründen vorläufig abgesehen, darum schon 
nicht an, weil dort vor ihrem übertritt über die Donau die 
Kvxvoi gesessen haben müssen, da sie sonst mit den Kotinen 
im oberen Grantal nicht in Zusammenhang gestanden hätten. 

Das« auf dem linken ufer des Oberrh eines vor dem ein- 
dringen der Vangionen, Nemeter und Triboken in geschlossener 
reihe gallische Völker wohnten, steht ohnedies fest. Und jetzt 
schon zu untersuchen, welche stamme im besonderen auf diesem 
Schauplätze in betracht kommen, wird um so weniger von nöten 
sein, als es sich für uns nur um einen allgemeinen überblick 
über die alte keltische Stellung im Süden der Deutschen handelt. 

Auf germanischer seite stehen in der nördlichen ecke 
zwischen Rhein und Main zu Caesars zeit die Ubier, und zwar 
schon seit langem, da sie bereits durch die läge ihrer Wohn- 
sitze in ihrem wesen beeinflusst erscheinen und von ihnen 
BG. 4, 3 gesagt wird : et paulo, quam sunt eiusdem generis, et 
ceteris humaniores, propterea, quod Bhenum attingunt, multumque 

B«ltxftg» tur geschieht« dar deuteohan fpraohe. XVII. 2 



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18 MüCH 

ad eos mercatores ventitant, et ipsi propter propinquitatem Gal- 
licis sunt moribus assuefacti. 

Im rücken der Ubier und mit ihnen verfeindet haust ein 
mächtiger Svebenstamm, von Caesar immer Suebi schlechtweg 
genannt. Ueber diese Sveben Caesars herschen noch immer 
so unrichtige Vorstellungen, dass es schon nötig ist, etwas 
länger bei ihnen zu verweilen. MUllenhoff scheint sie s. 277 
für die Markomannen zu nehmen; dagegen ist s. 278 von Sveben 
in Hessen die rede, und s. 300 heisst es, dass die Yolcae Tee- 
tosages vom Maine und aus Hessen zu Caesars zeit durch die 
Sveben verdrängt und an ihre stelle Chatten und Markomannen 
getreten seien: ' beides hochdeutsche Völker, die sich nur von 
den Hermunduren und Semnen an der mittleren Elbe jenseits 
des urwaldes abgesondert haben' könnten. Damit ist den 
Chatten svebische abkunft zugesprochen, wenn auch nicht aus- 
drücklich gesagt, dass sie zu den Sveben Caesars gehören, denen 
sie Zeuss s. 94, J. Grimm GDS. 569 und andere zurechnen oder 
geradezu gleichstellen. Es hat allerdings auch an Widerspruch 
nicht gefehlt, so von seiten Baumstarks (Völkerschaft!, teil 
d. Germ. 48), der sich dabei auf Watterich und Wietersheim 
beruft. Letzterer zumal hat, Zur vorgesch. deutscher nation 80 ff., 
eingehend die Sonderstellung der Chatten vertreten; aber nicht 
mit den besten gründen, die sich dafür vorbringen Hessen, 
und ohne sich recht darüber klar zu werden, was dann mit 
den Sveben Caesars selber anzufangen sei und wohin sie ge- 
hören. Aehnliches gilt von einer arbeit Rieses 'Die Sueben' 
im Rhein, museum 44, 331 ff. Hier sind die Chatten nicht nur 
von den Sveben Caesars auseinandergehalten, sondern, wie ich 
denke, mit recht als ein diesen zinsbares volk erklärt. Die 
Sveben selbst aber macht Riese zum gegenstände neuer, jeden 
haltes entbehrender wagschlüsse. 

Wie die ansieht, dass die Sveben Caesars die Chatten 
seien, aufkommen und durchgreifen konnte, ist eigentlich nicht 
gut einzusehen. Denn nirgends werden die Sveben bei Caesar 
auf nachmals chattischem boden erwähnt Die Chatten hingegen 
sind später nirgends als Sveben bezeichnet, im gegenteil von 
Tacitus, Germ. 38 diesen ausdrücklich entgegengestellt, ebenso 
von Strabo p. 290 im gegensatz zu den Sveben den kleineren 
germanischen Völkern zugerechnet Neben Sveben stehen sie 



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DIE SUDMARK DER GERMANEN. 19 

auch bei Florus 4, 12: missus in eam provinciam primos domuit 
Usipetes: inde Tenctheros percurrit et Chattos. Nam Marco- 
mannorum spoliis insignibus quendam editum tumulum in tropaei 
modwn excoluit. Inde validissimas nationes Cheruscos Suevosque 
et Sugambros pariter aggressus est. Desgleichen bei Dio Cassius 
55, 1, wo es von Drusus heisst: sq re t&h> Xattcov igißaXe xal 
jtQorjX&e fiexQ 1 *% Sovrjßlaq. Als Nichtsveben kennzeichnen 
sich die Chatten ferner durch ihre von der svebischen grund- 
verschiedene haartracht; vgl. Tacitus, Germ. 31 u. 38: ein um- 
stand, auf den Baumstark a. a. o. 58 f. mit recht nachdruck 
gelegt hat 

Von besonderem belang sind die Zeugnisse des Florus und 
Dio Cassius und zwar deshalb, weil diese beiden gewährsmänner 
den namen Sveben genau in demselben engbegrenzten sinne 
gebrauchen wie Caesar selbst, nämlich zur bezeichnung eines 
besonderen Stammes, einer politischen einheit So stehen bei 
Florus a. a. o. Sveben neben Markomannen, die doch sicher auch 
svebischer abkunft sind, und ebenso werden von Caesar B6. 1,51 
in der Schlachtaufstellung des Ariovist Sveben nicht allein von 
den Eudusiern und Haruden, sondern auch von den Marko- 
mannen und Vangionen, Nemetern und Triboken unterschieden. 
Sicbtbarlich haben wir es dabei mit einer hilfsschar zu tun, die 
von den Sveben — in Caesars sinne — dem Ariovist zu- 
gekommen war, und ähnlich sind die Markomannen hier auf- 
zufassen. Caesar nennt auch den Ariovist niemals rex Sue- 
borum, sondern rex Germanarum im gegensatz zu Plinius HN. 2 
§ 67, wo ein rex Sueborum erwähnt wird, der dem Metellus 
Celer während er als proconsul Gallien verwaltete (62 v. Chr.), 
etliche Inder, die an die germanische kttste verschlagen worden 
seien, zum geschenk gemacht habe, und der kein anderer als 
Ariovist sein kann. Dies hat freilich Kiese, Rhein, mus. 44, 345 f. 
bestritten mit dem hinweis darauf, dass in der quelle, aus der 
Plinius jene erzählung mitteilt, bei Mola 3, 45, dieselbe person 
rex botorum genannt werde, was am einfachsten in Boiorum 
geändert werden könnte. Letzteres ist zuzugeben. Es stehen 
sich dann aber immer noch Sueborum und Boiorum als gleich 
gut bezeugt gegenüber, und welches davon den Vorzug verdient, 
kann nicht zweifelhaft sein, wenn man das damalige freund- 
schaftliche Verhältnis Ariovists zu den Römern, die geringe 



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20 MÜCH 

entfernung seines gebietes und machtbereiches von der narbo- 
nensischen provinz einerseits bedenkt, andrerseits die abgelegen- 
heit der Boier in Böhmen, den mangel nachweisbarer beziehungen 
derselben zu den Römern und endlich ihre läge im jähre 62 v. Chr. 
in anschlag bringt. Wieso Ariovist rex Sueborum genannt werden 
konnte, soll später noch gezeigt werden. 

Von den Sveben, deren Florus und Dio Cassius beim bericht 
über die germanischen kriege des Drusus erwähnung tun, kann 
es als ausgemacht gelten, dass sie die nachmaligen Ermunduren 
sind. Aus dieser tatsache Hesse sich auch schon auf die Suebi 
Caesars zurückschliessen. Doch kann deren gleich ung mit den 
Ermunduren ebensowohl unmittelbar als richtig erwiesen werden. 

Die grenzen seiner Sveben hat uns Caesar nach drei rich- 
tungen hin angegeben, vgl. BG. 4, 3 : itaque una ex parte a 
Suebis circiter milia passuum sexcenta agri vacare dicuntur. 
Ad alter am partem succedunt Ubii . . ., und BG. 6, 10: referunt: 
Suebos omnes . . . penitus ad extremos fines se recepisse; silvam 
esse ibi infinita magnitudine, guae appeüatur Bacenis ; hone lange 
introrsus pertinere et pro nativo muro obieetam Cheruscos a Suebis 
Suebosque a Cheruscis iniuriis ineursionibusque prohibere. 

Unter den agri vacantes, auf die auch BG. 6, 23 hingedeutet 
wird, ist, wie schon früher nachgewiesen wurde, nichts anderes 
als das damals ödliegende Boiohaemum zu verstehen. Die süd- 
ostgrenze der Suebi Caesars fällt also mit derjenigen der spä- 
teren Ermunduren zusammen. 

Im westen reichten sie nirgends bis an den Rhein, sondern 
grenzten hier, wie oben erwähnt wurde, an die Ubier. In 
welcher gegend, lässt sich aus Caesar allerdings nicht genau 
feststellen. Aber das gebiet der Ubier muss sich doch ziemlich 
weit landeinwärts erstreckt haben, da Caesar, der zweimal 
bei ihnen weilt, niemals seinen fuss auf svebischen boden zu 
setzen in die läge kommt Nach der Verpflanzung der Ubier 
auf die linke Rheinseite wird das land das sie bis dahin inne 
hatten, von den Römern den Chatten überlassen nach Dio Cassius 
54, 36; vgL 54, 33, wo Chatten am Rheine erwähnt werden. 
Später entwickelt sich aus diesen chattischen ansiedlern am 
Rheinufer der selbständige stamm der Mattiaci, während die 
vom ströme entfernteren teile des ehedem ubischen gebietes 
wohl mit dem hauptvolk der Chatten in fester Verbindung 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 21 

blieben. Den späteren grenzen der Chatten und Ermunduren 
am Maine können ganz gut die älteren der Ubier und Sveben 
entsprechen. Man gelangt dabei ins gebiet der fränkischen 
Saale, wenn wir es bei dieser, was weitaus das wahrschein- 
lichste ist, mit dem salzfluss zu tun haben, um dessen besitz 
nach Tacitus, Ann. 13, 57 Chatten und Ermunduren im streite 
lagen. 

Das gebirge endlich, das nach BO. 6, 10 wie eine natür- 
liche mauer Sveben und Cherusken trennt, ist der Harz, wofür 
es auch Zeuss s. 11. 94 genommen hat. Jedenfalls gibt es keinen 
anderen gebirgszug an der seite der Cherusken, der eine natür- 
liche ausgedehnte den verkehr erschwerende grenze bildete, von 
dem also Caesars worte gelten könnten: silvam esse ibi inftnita 
magnitudine, hanc longe inirorsus pertinere et pro nativo muro 
obiectam Cheruscos ab Suebis Suebosque ab Cheruscis iniuriis in- 
cursionibusque prohibere ; auf den Harz aber passen diese an- 
gaben vollständig. Auffallend ist nur der name Bacenis, denn 
dieser, germ. *Bäkerii, ist bis auf den belanglosen vocalwechsel 
in der ableitungssilbe, für den es Seiten stücke genug gibt, — 
8. Kluge, Nom. stammbild. § 39 ff. — genaue ältere entsprechung 
zu jüngerem Buochunna, Boconia, Buconia, d. i. Rhön und 
Vogelsberg; s. Zeuss s. 9. Förstemann DN. 2*, 289. Natürlich 
aber kann die Buconia nicht die grenze eines Volkes gegen die 
Cherusken sein, und ebensowenig hätten sich die Sveben, wenn 
sie an der Buconia sich aufstellten, bis an ihre äusserste grenze, 
an die extremi fines, zurückgezogen. Alt ist der name Buconia 
doch wohl, da auch die Bucinobantes auf dieselben buchen- 
wälder hinweisen; und es ist nicht wahrscheinlich, dass zwei 
gebirge aus der nachbarschaft desselben Svebenstammes den 
gleichen eigennamen führten. So manches spricht zudem dafür, 
dass es gar nicht eine entfernte örtlichkeit und nicht die 
Cheruskengrenze war, an der die Sveben Caesar erwarteten. 
Denn wenn er nach BG. 6, 10, als er von der Vereinigung des 
suebischen heerbannes erfährt, ein festes lager bezieht und die 
Ubier beauftragt, ihr vieh zu bergen und ihre sämmtliche habe 
in die festen platze zu bringen, um den feind durch mangel an 
lebensmitteln zu einer schlacht auf ungünstigem boden — ge- 
meint ist wohl vor allem zu einem stürme auf sein lager — zu 
bewegen, so beweist das, dass er einen feindlichen angriff erwartet; 



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22 MÜCH 

während nach dem ersten Rheinübergang keine von diesen 
Yorsichtsmassregeln eingeleitet wird. Muss nicht darnach das 
zweite mal die haltung der Sveben eine drohendere gewesen 
sein, ihre heeresmacht näher gestanden haben? Als Caesar 
das erste mal bei den Ubiern weilte, erfuhr er, dass die mann- 
schaft der Sveben in der mitte ihres gebietes sich sammle und 
ihm dort die schlacht anbieten wolle; s. B6. 4, 19; wenn er 
damals schon sich über die grenze nicht vorgewagt hatte und 
jetzt, nach seinem zweiten Rheinübergang, überdies verteidigungs- 
massregeln ergriff, lag für seine gegner nicht der geringste grund 
vor, von dem orte ihrer heeresversammlung an das äusserste 
ende ihres landes zurückzuweichen. Damit hätten sie die Römer 
und Ubier geradezu zu plünderungszügen herausgefordert. Und 
andrerseits sollte Caesar diese gelegenheit nicht benützt und sein 
heer über den Rhein zurückgeführt haben, ohne das Svebenland 
auch nur gesehen zu haben? Alles würde aber begreiflich, 
wenn die Germanen nicht an der cheruskischen, sondern an 
der ubißchen grenze, an der Buconia, sich aufstellten und ihm 
dadurch den weg in ihr land verlegten. Dass Caesars com- 
mentarien weder genau noch unparteiisch genug abgefasst seien, 
hat ihm schon Asinius Pollio nach Suetonius, Caesar 56 vor- 
geworfen. 

Immerhin haben wir den Harz, ob er nun in Wahrheit den 
Germanen *Bükem hiess und an ihm das Svebenheer im jähre 
53 v. Chr. Stellung nahm oder nicht, als grenze der Suebi kennen 
gelernt, ja mehr noch, als ihre äusserste grenze, extremi ftnes, 
von Caesars Standpunkte aus. Dieser ausdruck ist deshalb be- 
sonders wertvoll, weil er beweist, dass nicht noch andere stamme 
ausser den Ermunduren, etwa Semnonen und Langobarden, unter 
dem Svebenvolke, dem Caesar gegenüberstand, mitbegriffen 
sind. Gleiche zahl der gaue bei zwei germanenstämmen ist 
nichts so sehr auffälliges, dass wir versucht sein könnten, das 
was Tacitus, Germ. 39 von der stärke der Semnonen berichtet, 
auf ein misverständnis dieses gewährsmannes zurückzuführen. 
Dass unter den pagi mehr eine Stammeseinteilung als eine 
landschaftliche gemeint ist, erhellt schon aus dem ausdrucke: 
' pagos centum Sueborum ad ripam Rheni consedisse, qui Rhemtm 
transire conarentur\ der von Caesar BG. 1, 37 gebraucht ist. 
Wenn nach BG. 4, 1 jeder einzelne gau über 2 mal 1000 waffen- 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 23 

fähige männer verfügt, so gibt dies für hundert gaue 240000 
oder 200000, je nachdem dabei das germanische grosshundert 
gemeint ist oder nicht. Auf die frage, wie sich die zahl der 
waffenfähigen zur gesammtzahl eines yolkes verhalte, findet 
sich erwünschter aufschluss bei Caesar, BG. 1, 29, wo die 
stärke der Elvetier samt ihren verbündeten nach ihren eigenen 
Zählungen und aufzeichnungen auf ungefähr 368000 angegeben 
wird, wovon gegen 92000 mann, also gerade ein viertel, waffen- 
fähige waren. Bei den auf ähnlicher sittigungsstufe stehenden 
Germanen werden wir ein gleiches Verhältnis voraussetzen 
dürfen. Der fehler ist also gewis nicht beträchtlich, wenn wir 
die volle volkszahl der Sveben Caesars, wobei natürlich nur die 
freien gerechnet sind, auf 960000, beziehungsweise 800000 ver- 
anschlagen : eine zahl, die freilich denen, die noch in dem wahne 
befangen sind, dass die Germanen halbe nomaden gewesen 
seien, absonderlich gross vorkommen wird, soferne sie diejenige 
der Ermunduren allein sein soll. Doch kann sie uns nicht in 
erstaunen setzen, wenn wir bedenken, dass die Usipeten und 
Tenktern, welche den Sveben hatten weichen müssen und sich 
mit ihnen nicht zu vergleichen wagten, nach Caesar BG. 4, 15, 
430000 Köpfe stark waren, und wenn wir den nachhaltigen 
widerstand erwägen, den nachmals die Cherusken unter Ar- 
minius und deren verbündete einem der gewaltigsten römischen 
machtaufgebote entgegenzustellen vermochten. 

Für die Chatten bleibt zwischen Sugambern, Ubiern, Sve- 
ben und Cherusken noch räum genug übrig. Sie haben zu 
Caesars zeit sicher schon an der Eder und Fulda gehaust, nur 
reichten sie natürlich damals, als die Ubier noch ihre alten 
sitze inne hatten, nicht bis zum Rhein und Main, und Caesar 
hatte somit auch keine Ursache, sie zu nennen. Wenn es nicht 
gestattet ist, daraus dass er der Bruktern und Friesen nicht 
erwähnung tut, zu schliessen, dass es diese namen zu seiner 
zeit noch nicht gegeben hat, so wird dasselbe auch von dem 
der Chatten gelten. Diese sind doch wohl unter jenen nicht 
namentlich angeführten überrheinischen naliones mitinbegriffen, 
die nach dem belgischen feldzuge (BG. 2,52), oder unter den 
civitates, die nach seinem ersten Rheinübergang, als er ins 
Sugambernland einfällt (BG. 4, 18), gesante an ihn schicken, 
das erste mal angeblich auch, um geisein zu versprechen 



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24 MÜCH 

während er ihnen das zweite mal selbst solche zu stellen auf- 
trägt Auf dieselben Verhandlungen scheint er sich BG. 7, 65 
zu berufen, wenn er erzählt: Caesar .... trans Rhenxan in Ger- 
maniam mittit ad eas civitates, quas superioribus annis pacaverat, 
equitesque ab his arcessit et levis armaturae pedites, qui inter 
eos proeliari consuerant. Doch waren diese reiter auch ohne 
vorher angeknüpfte freundschaftliche beziehungen mit den 
stammen, denen sie angehörten, sogar von Sugambern oder 
Sveben — von den nach Tacitus' zeugnis im fusskampf aus- 
gezeichneten Chatten kamen sie doch kaum — für sold immer 
zu haben, und von einer tatsächlichen Unterwerfung von Ger- 
manen ausser den Ubiern hätte uns Caesar sicher ausführlich 
berichtet. Von denen die das erste mal gesante an ihn ge- 
schickt hatten, stellten doch einzig die Ubier (B6. 4, 16) wirk- 
lich geisein, und nach seinem zweiten Rheinübergang kommen 
selbst gesante an ihn nur noch von den Ubiern (BG. 6, 9). 
Den nachbarstämmen war es damals um Caesars gewogenheit 
nicht mehr zu tun. Dagegen geschieht zur selben zeit (BG. 6, 10) 
solcher Völker erwähn ung, die von den Sveben abhängig oder 
ihre bundesgenossen waren: Interim paucis post diebus fit ab 
Ubiis certior Suebos ornnes in unum locum copias cogere atque 
iis nationibus, quae sub eorum sint imperio, denuntiare, ut auxüia 
pedidatus equitatusque mittant. Wir dürfen also die Chatten 
am ehesten unter dem anhang der Sveben suchen, von denen 
sie so abhängig gewesen sein werden wie die Ubier (vgl. BG. 
4, 3), bevor sich Caesar ihrer annahm. Schon ihres weniger 
ausgedehnten gebietes halber werden die Chatten damals nicht 
so mächtig gewesen sein wie später. Dass es zu Caesars 
zeit schon ein volk der Chatten gegeben hat, folgt mittelbar 
auch aus seiner erwähn ung der insula Batavorum BG. 4, 10. 
Denn von den Batavern erzählt Tacitus widerholt (Germ. 29 
und Hist. 4, 12) — und es ist kein grund vorhanden, seinen 
mitteilungen zu mistrauen — dass sie von den Chatten aus- 
gegangen seien. 

Von den germanischen stammen im osten der Ermunduren 
berichtet uns Caesar nichts, da er mit ihnen nicht unmittelbar 
zu schaffen hatte. Man wird aber nicht fehl gehen, wenn man 
zu seiner zeit und früher schon Semnonen und Lugier der haupt- 



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DIB 8ÜDMARK DER GERMANEN. 25 

sache nach in denselben sitzen sucht, in denen sie uns nachmals 
entgegentreten. Von den Semnonen ist es ja durch Tacitus, 
Germ. 39 ausdrücklich bezeugt, dass sie für das stammvolk der 
Sveben, vetustissimi Sueborum, galten und dass bei ihnen und 
in dem svebischen Stammheiligtum, das in ihrem bereiche lag, 
die initia gentis gesucht wurden. 

So wie der Semnonenhain des mittelpunkt der sve- 
bischen, war der altheilige hain (antiguae religionis lucus) der 
Nah(an)arvali, von dem Tacitus, Germ. 43 erzählt, der des 
vandilischen kultverbandes, und beide heiligtttmer können nur 
in altererbter heimat, nicht auf neugewonnenem boden gelegen 
haben. 

Ueber die Wohnsitze der Nah(an)arvali ist aus Tacitus 
selbst kein näherer aufschluss zu gewinnen, wohl aber aus einer 
vergleichung seiner nachrichten über die Lugier mit denen an- 
derer gewährsmänner, vor allem des Ptolemaeus. Tacitus führt, 
allerdings mit der bemerkung, dass er nur die wichtigsten nam- 
haft mache, fünf lugische Unterabteilungen an, ungerechnet die 
im süden der Hercynia angesiedelten Buren und Marsingen, die 
er beide nicht als Lugier bezeichnet, obwohl erstere wegen des 
Zeugnisses des Ptolemaeus, letztere aus anderen gründen, auf 
die später noch näher eingegangen werden soll, als solche gelten 
dürfen. Es ist immerhin beachtenswert, dass uns bei Ptolemaeus 
ebensoviele namen zur Verfügung stehen als bei Tacitus, und 
da seine quelle, wenn es wirklich noch mehr lugische stamme 
gab, sich ebenfalls an die namhafteren wird gehalten haben, 
so ist es gar nicht ausgeschlossen, dass bei Tacitus und Ptole- 
maeus dieselben stamme erwähnt sind. Mindestens aber wird 
letzterer den wichtigsten von allen, die um das bundesheiligtum 
sesshaften Nah(an)arvali nicht übergangen haben : es fragt sich 
nur, unter welchem namen sie bei ihm auftreten. 

Deutlich ein und dasselbe sind die Helvecones des Tacitus 
und die AlXovalcovsQ des Ptolemaeus, ohne dass es deshalb 
nötig oder auch nur gestattet wäre, jene namenform in Elvae- 
ones zu ändern, wie Mttllenhoff, Zs. fda. 9, 249 und Germ, ant 
40 getan hat, zumal die bildung *elwekaz 'gelblich' neben 
*elwaz (ahd. elo, elatver, mhd. ei, eltver 'gelb 1 ) in den adjectiven, 
auf welche ahd. rutichön 'rötlich sein' und mndl. graken 'grauen 1 



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26 MUCH 

zurückweisen (s. Kluge, Nom. stammbild. § 213) seitenstücke 
besitzt Man wird also weit eher umgekehrt bei Ptolemaeus 
AlXovalxmvec, d. i. "EXovixcovsg herzustellen haben. — Auch der 
keltische name der Elvetier, den man hier ebenso wie den der 
Elven oder Elvier (s. Zeuss s. 209) zum vergleich wird beiziehen 
dürfen, ist, wie es scheint, mit einem deminutivsuffix gebildet; 
denn keltischem -etio- — so und nicht als -etio- ist das suffix 
in Helvetii wegen der Schreibung *EXovrjTioi bei Ptolemaeus, 
Plutarch und Dio Cassius, 'EXovtjttioi bei Strabo anzusetzen — 
entspricht vorkeltisches -eitio- (vgl. Brugmann, Grundr. 1, 56), 
eine grundform also, mit der germanische deminutivbildungen 
wie ahd. jungidi n. 'junges von tieren', mhd. vingeride n. u.a.m. 
bei Kluge, Nom. stammbild. § 60, sichtbarlich aufs engste ver- 
want sind. — Eine neben form zum volksnamen *Elwekonez, 
nämlich *Eltvonez ohne weitere ableitung, also — abgesehen 
von der schwachen adjeotivendung — genaue entsp rechung zu 
keltisch 'EXovol, Helvi bei Strabo und Plinius, lassen die 
Schreibungen AIXovcovsg in der hs. 6, 'EXovcoveg in M, und 
Elxwnes im cod. lat 4803 des Ptolemaeus erschliessen. 

Auch die namen Manimi bei Tacitus und 'Ofiavoi bei 
Ptolemaeus klingen an einander an. Mit dem gleichen worte 
haben wir es aber bei ihnen gewis nicht zu tun, und ob 
sie zu einander in bezieh ung stehen und in welcher, bleibt 
erst noch aufzuklären. Mit Manimi vergleicht sich der form 
nach nur alts. wanum 'schön' (ahd. rotam 'rot'? s. Kluge, Nom. 
stammbild. § 184); die ableitung -mo- mit mittel vocal ist also 
im germanischen — von Superlativbildungen abgesehen — nur 
noch in resten vertreten, wogegen besonders das griechische 
reich ist an hierhergehörenden bildungen ; vgl. Brugmann, Grundr. 
2, 163. Ob gerade ein germanischer name *Manimöz anzu- 
setzen ist, bleibt übrigens fraglich, da das i leicht durch an- 
gleichung an lat animus, optimus u. dgl. an stelle eines anderen 
germanischen lautes getreten sein kann: eine erwägung, die 
indes für die deutung des Wortes ganz belanglos ist. 'Opapol 
auf der andern seite scheint dieselbe wurzel mit einfacher o- 
ableitung zu enthalten; dafür jedoch ein präfix, das kaum ein 
anderes sein kann als das germanische un. Denn für u konnte 
hier, wenn dessen kürze feststand, ebenso griechisch o geschrieben 
werden, wie in Aoylcweg bei Zosimus, Ev/iovöoqoi bei Strabo 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 27 

und anderen germ. namen bei griechischen Schriftstellern; in 
welch grossem umfang dasselbe zeichen auch zur widergabe 
von lateinisch ü verwendet wird, hat Dittenberger im Hermes 
6, 280 ff. gezeigt. Eine lautverbindung v/i aber war im grie- 
chischen unzulässig, so dass \)(iavol als Vertretung von germ. 
*Unmanöz oder *Unmanai ganz in der Ordnung ist. Zur er- 
klärung des namens wird man nicht gut etwa an mhd. unman 
' unmensch' anknüpfen; denn wenn dieser sinn auch annehmbar 
wäre, so doch nicht der, den wir dann in Manxmi suchen 
müssten ; dies würde nämlich, da das wort man den nebensinn 
'held' im urgermanischen nicht hatte, einfach den begriff 'mensch' 
oder eine Steigerung desselben enthalten, und nur als 'die mensch- 
lichen', als 'humani', wird sich ein germanisches volk kaum be- 
zeichnet haben. Ich denke deshalb, dass wir es mit einem 
sonst im germanischen verlorenen worte zu tun haben und ver- 
gleiche griech. ftoviftog ' bleibend, beständig, standhaltend, aus- 
dauernd, beharrlich, fest, treu' und $fi-/iovo$ * darin oder dabei 
bleibend, ausdauernd, beständig'. Ins griechische übersetzt wären 
somit die Manimi Movifioi und die 'Ofiavoi *"A(ji)itovoi. Sich 
'die beständigen' zu nennen hatte aber ein volk dann beson- 
deren anlass, wenn es zum stamme der Vandalen, d. L 'der 
wandelbaren' gehörte. Nachbarliche eifersuch t hat freilich den 
ehrennamen Manxmi in sein gegenteil verkehrt, ein Vorgang, 
zu dem sich im folgenden merkwürdige seitenstücke bieten 
werden. 

Es stehen sich also noch die Helisii, tfah(ari)arvali, Harü 
einerseits und die Sittyyai, BovQyovvreg und Jiöovvoi andrer- 
seits gegenüber. Dass die BovQyovvreg bei Ptolemaeus nicht 
ausdrücklich alsLugier bezeichnet werden, beweist natürlich nicht, 
dass sie von diesen auszuschliessen sind, da ja bei demselben 
gewährsmanne auch die SiXlyyai und AUovaicoveg nicht als 
Aovyioi aufgeführt werden und ebensowenig der gesammtname 
2ovTjßoi jedem einzelnen der svebischen stammnamen vorgesetzt 
erscheint. Jedenfalls aber haben sich die Burgunden und viel- 
leicht mit ihnen und in ihnen aufgehend die Elvekonen nach- 
mals durch ihre Wanderung in die Maingegend von der gemein- 
schaft der lugischen Völker abgelöst, und sie sind sicher auch 
ein anderer stamm als derjenige der Hasdingen, der unter den 
übrigen Vandalen die fübrung übernimmt und durch seinen mit 



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28 MUCH 

den gottesdienstlichen gebrauchen im alten Stammesheiligtum 
in unmittelbarer beziebung stehenden Damen, wie Müllen hoff, 
Zs. fda. 12, 347 dargetan hat, als das gleiche volk wie die 
Nah(an)arvali sich erweist Bei Plinius HN. 4 § 99 werden 
Charini als eine abteilung der Vandili namhaft gemacht, ein 
volk, das von den Harii des Tacitus nicht verschieden ist, ob 
man nun J. Grimms auffassung dieses namens als got harßs 
'legionen' (6DS. 714) und Müllenhoffs erklärung des ersteren 
(8. 117) als die 'plünderer, verheerer' billigt oder nicht Be- 
denklich scheint mir bei dieser deutung nur die anknttpfung an 
aisl. hernabr und der ansatz eines gotischen *harin6ps oder *hari- 
nödus, da schon der umlaut in hernatir zeigt, dass wir es hierbei 
mit einer jungen analogiebildung zu tun haben und die er- 
weiterung des stf ffixes 6p(u) durch n eine besonders nord. und engl 
entwicklung ist; b. Kluge, Nom. stammb. § 136. Deshalb brauchte 
man Müllenhoffs etymologie noch nicht ganz fallen zu lassen. 
Doch möchte ich Harii lieber mit mhd. herge, einer ablautenden 
nebenform zu huore (s. Kluge EW. 4 150) vergleichen, ohne 
dass deshalb dabei notwendig ein übler sinn vorliegen muss, 
der ja auch in diesen germ. appellativen gegenüber dem ver- 
wandten lat. cärus 'lieb', altir. cara 'freund', caraim 'ich liebe' 
jüngeren Ursprunges ist Die Harii sind einfach 'die freunde', 
gerade wie die thrakiscben Priantae, ftir deren namen J. Grimm 
GDS. 201 durch vergleichung mit got fiyönds eine erklärung 
gefunden hat, wie die *Carantes, das sind die in der letzten 
Römerzeit wider selbständig gewordenen keltischen Norici oder 
Nori, die dann mit eingedrungenen Wenden vermischt und 
slavisiert als Carant-ane auftreten, oder wie die pannonischen 
Amantes bei Plinius. Es fügt sich, dass letztere von Ptolemaeus 
als 'ApavTivoi aufgeführt werden, so dass wir für die hypo- 
koristische nebenform Charini, germ. *Harinöz, neben Harii, 
*Harßz in einem gleichbedeutenden volksnamen selbst ein seiten- 
stttck besitzen und nicht erst auf ital. carmo neben coro oder den 
galt namen Carantinus neben Carantus uns zu berufen brauchen. 
Dann sind aber die Burgunden, die bei Plinius a. a. o. neben 
den Charinen als vandilischer stamm aufgeführt werden, auch 
von den Hariern des Tacitus zu trennen, und wenn man nicht 
voraussetzen will, dass sie dieser ganz und gar übergangen 
hat und umgekehrt der stamm der Helisii bei Ptolemaeus nicht 



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DDE SÜDMARK DER GERMANEN. 29 

vertreten ist, wird man die Helisii und die BovQyovvreg Burgun- 
diones einander gleichsetzen müssen. Da ferner dieSilingen später 
als ein selbständiger stamm neben den Hasdingen (= Nah[an]- 
arvalen) auftreten, so bleiben zum vergleich mit den letzteren 
einzig die Aiöovvoi übrig. Diese stehen auf der karte des 
Ptolemaeus unmittelbar über dem kaxißovQyiov 6qoq 9 westlich 
von der Weichselquelle: ein ansatz, der durch die läge der 
Dunheibr in nordischer aus langobardischer quelle entspringender 
sage bestätigung findet; vgl. Zs. fda. 33, 8. Damit ist das lu- 
gische Stammesheiligtum in unmittelbarer nachbarschaft des 
erkynischen waldes oder in diesem selbst nachgewiesen: wir 
werden uns also die Lugier als alte anwohner desselben vor- 
zustellen haben. Wegen Dünheiör in der Hervararsaga und 
ZOYMOYH bei Strabo p. 290, das am ehesten aus AOYNOY2 
verderbt ist, braucht man übrigens Aiöovvoi bei Ptolemaeus 
noch nicht, wie es geschehen ist, als eine verderbte lesart zu 
betrachten; vielmehr wird sich *JHdünöz zu *Dünöz gerade so 
verhalten wie ahd. rviwvnt zu mint und ahd. ßfcdtra zu nhd. 
falter. Der name, der in seiner kürzeren form ein und der- 
selbe ist wie der der thrakischen ßvvol, ist mit rücksicht auf 
griech. &vveiv 'sich heftig bewegen, einherstürmen', &vei 'er 
wütet, er tobt', dvvoq 'impetus, cursus, bellum', altind. dhünduli 
oder dhürmtai 'er schüttelt, er bewegt rasch hin und her', nhd. 
tümon, tümalön 'rotari, circumire' und andere bildungen aus 
einer idg. wurzel dhü 'heftig bewegen, stürmen, toben' als 'die 
stürmischen' zu erklären. 

Damit sind indes die namen des vornehmsten der van- 
dilischen stamme noch nicht einmal erschöpft, denn auch die 
Victovalen,- die zuerst unter den volkern des Markomannen- 
krieges und später auf dem boden des vorher römischen Dakiens 
auftreten, sind für dasselbe wie die Hasdingen zu nehmen; s. 
Müllenhoff, Zs. fda. 9, 134. 12, 346 f. DA. 2, 82. 324. Dass Vic- 
tovali vor allen anderen mannigfach wechselnden Schreibungen 
desselben namens den Vorzug verdient, ist leicht zu zeigen. 
Denn Victobali, die gemeine lesart bei Ammianus Marcellinus, 
— s. Müllenhoff, Zs. fda. 9, 133 — ist schon a. a. o. mit anderen 
namen zusammengestellt, in denen dieser schriftsteiler, ein 
Antiochener von geburt, germanisch w in griechischer weise 
durch b widergibt, und zu den dort angeführten belegen wird 



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30 MüCH 

man noch BcUchobaudes (von Dietrich, Ausspr. d. got. 56 zu- 
treffend als Valchobaudes erklärt) stellen dürfen. Auf Victovali 
weist auch das Victophali bei Eutropius, das durch den einfluss 
des vorhergehenden Taiphali verderbt ist; s. Zeuss s. 460. 
MUllenhoff a. a. o. Wenn uns aber bei anderen Schriftstellern 
formen wie Victuali, BixxöaXoi begegnen, so sind diese mit 
jenem Victovali ganz gut vereinbar, da hier ebensogut wie in 
Chasuarii, Catualda, Xarrovagioc und öfters der Stammauslaut 
des ersten vor anlautendem tv des zweiten compositionsgliedes 
synkopiert sein kann. Der vorliegende name hätte also in go- 
tischer lautgebung * Waiht(a)walds, urgerm. *Wihtawalöz gelautet 
Da umgekehrt aus älterem Victuali die nebenform Victovali 
schlechterdings nicht zu erklären wäre, so kann von Müllen- 
hoffs annähme (Zs. fda. 9, 133), dass der name ein abge- 
leiteter sei und ein verlorenes subst. '(got. vaihtv? sacrificium?)' 
voraussetze, nicht mehr die rede sein , obzwar auch DA. 2 
die Schreibung Victuali, die übrigens an sich keine falsche 
ist, noch beibehalten wird. — Dass Victo- nichts anderes sein 
wird als das Wioht-, Wiht- angelsächsischer namen, denen auch 
ein langobardischer Wectari bei Paulus Diaconus 5, 23. 24 
(s. Zeuss s. 460) und ein deutscher Wihto zur seite stehen, ist 
wahrscheinlich genug. Wir besitzen in neuhochdeutscher spräche 
ausser wicht, got. waihts, das t- stamm ist, also hier nicht un- 
mittelbar in betracht kommt noch zwei verschiedene -wicht 
in Zusammensetzung mit ge- : ein gewicht, das zu wiegen gehört 
und daher mittelbar zu dem vorgenannten worte, und ein ge- 
wicht, das eine nebenform zu geweih und somit eine ableitung 
von der altgerm. wurzel wlg 'kämpfen' ist; s. Kluge EW. 4 114. 
Ob aisl. vett- in vittvangr 'ort, wo ein kämpf stattgefunden hat', 
auf *wihta- oder *wehta zurückgeht, bleibt ungewiss, da im alt- 
nordischen auch vega, d. i. unser wiegen und wegen (in bewegen), 
lat vehere u. s. w. die bedeutung 'kämpfen' angenommen hat. 
So weit reichen wir mit dem germanischen zur erklärung des 
namens Victovali ganz gut aus; auch ein germanisches adjec- 
tivum *walaz wäre, wenn wir ein solches ansetzen dürften, 
durch anknüpfung an die germ. wurzel wal in walten oder 
an jene von wähl, wohl und wollen so weit verständlich, dass 
wir in Victovali den sinn 'die kämpf tüchtigen' oder einen ganz 
ähnliehen suchen müssten. Für jenes adjeotivum fehlt es in- 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 31 

dessen ganz und gar an belegen, wogegen es im keltischen 
gerade als zweites compositionsglied in namen mehrfach ver- 
treten ist; s. Glück s. 48. 65. 90. Ja es findet sich sogar ein 
kymr. name Gueithgual, dessen erstes glied von Glück s. 88 aus 
kynir. gueith, gweith, jetzt gtvaith 'opus, labor, opificium, pugna' 
erklärt wird und der gallisch yekto-, oder (da das e im gallischen 
zu t hinüberschwankt und in der tat gall. Convictolitavis belegt 
ist) Uiktoualos, latinisiert Victovalus lauten würde. Da aber 
neben kymr. Gueithgual, arm. Tütwal (=*Toutoualos), gall. inschr. 
Nertovalus namen wie kymr. Huwel (= *Suuelos) sich finden, 
erscheint das a in kelt. *ualos gerade wie in Vallaunus neben 
Veüaunus, Garmani neben Germani, xdgvov neben Cernunnos, 
Nafiavcarcg und Nafiavöarixaßo neben Nemausus, Trigaranus 
neben griech. ysQavog, 'AqxwIo. neben Hercynia als eine mund- 
artliche Verschiebung von ursprünglichem e, so dass die laut- 
gesetzliche entsprechung zu gallischem *Uiktoualoi got. *Waiht{a)- 
wilas, nicht *fVaiht(a)wal6s lauten würde, der name Victovali 
also, wenn man sein zweites compositionsglied nicht als eine 
ablautende nebenform zu dem in Gueithgual betrachten will, den 
eindruck eines keltischen lehn Wortes macht. Wir hätten es 
dabei mit einem seitenstück zu Triboci, Usipetes, Nemetes und 
zugleich mit einem sprachlichen beleg für die alte nachbarschaft 
der Lugier und Kelten zu tun. 

Da die Victovali dasselbe volk sind wie die Nah(an)arvali, 
so ist man auch versucht, von den gleich gut beglaubigten 
formen dieses namens, Nahanarvali (oder Nachanarvali) und 
Naharvali (Nacharvali), die letzteren vorzuziehen und Nahar-, 
Nachar-vali abzuteilen. Den ersten teil, einen r-stamm oder 
einen vocalischen mit synkope wie oben in Vicluati, weiss 
ich allerdings nicht zu deuten, und an dem überlieferten zu 
ändern, wäre schon ein wagnis. Indes ist auch für Nahanarvali 
noch keine halbwegs befriedigende erklärung gegeben worden. 
Detters deutung dieses namens als 'totendränger' (Zs. fda. 31,207) 
— das erste glied als modale bestimmung genommen — auf 
welche der genannte selbst kein gewicht mehr legt, scheint mir 
von anderem abgesehen schon darum bedenklich, weil man bei 
Tacitus als stammauslaut von o-stämmen o, nicht a zu erwarten 
hat, also Nahan-arvali abteilen müsste. Auch wird man sich 
auf die eigentümliche kampfweise der Harier, von der uns 



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32 MUCH 

Tacitus berichtet, nicht berufen dürfen, wenn es sich darum 
handelt, den namen eines nachbarstammes zu erklären. Für 
keltisch wird aber Naharvali nicht gut gelten können, es sei 
denn, dass die aufnähme des Wortes bereits vor der germanischen 
lautverschiebung erfolgt ist, und haben wir es dabei mit einer 
einheimischen bildung zu tun, so wird damit freilich auch die 
annähme keltischen Ursprunges von Victovali zu einer minder 
zuversichtlichen werden. Ganz aufzugeben braucht man sie 
deshalb noch nicht, da -*ualos in folge seines anklanges an 
verwante germanische worte so leicht verstanden werden konnte, 
dass es auch zu neubildungen verwendbar war. 

Ein sicheres zeugnis für die alte nachbarschaft der Van- 
dalen und Kelten ist aber der name der ersteren selbst, sei es 
nun dass er seine träger (wie Scherer, Hist zs. n. f. 1, 160 wollte) 
als die 'beweglichen', oder dass er sie als die 'wandelbaren' 
bezeichnet, was sich mir nicht minder zu empfehlen scheint, 
da wir es dann mit einem noch schärfer ausgeprägten gegen- 
stück zu dem Spottnamen Sttebi, *Swcelnz zu tun haben. Ja 
die Vandalen mussten sich noch ein anderes Scheltwort gefallen 
lassen, den namen Lugier nämlich. Was dessen form anbelangt, 
lässt die griechische Schreibung Avyioi, Aoylcavsg ebenso wie 
die durch griechische vorlagen erklärbare lateinische Lygii, 
Ligii neben Lugii — vgl. Müllenhoff, Zs. fda. 9, 253. 23, 26 — 
über die quantität des stamm vocalee keinen zweifei übrig. Der 
auslaut des namens bei Strabo, Tacitus, Ptolemaeus, Dio Cassius 
deutet einstimmig auf einen ja-stamm, also gemeingerm.*Zt<g/dz; 
Aoyl&veg bei Zosimus aber und das für Lugiones verschriebene 
Lupiones der Tab. Peut auf einen n-stamm, also germ. *Lug- 
jonez. Schon wegen dieser doppelform möchte man an ein zu 
gründe liegendes substantiviertes adjectiv denken, und dieses 
ist dann kein anderes als alts. luggi, ahd. luggi, lucci, lukki, 
lucki, amhd. lugge, lukke, mhd. lugge, luge, lüge 'lügnerisch', 
neben dem überdies ein urverwantes slavisches lüzi aus (*lügß) 
steht, so dass an der altertümlichkeit des Wortes nicht zu zweifeln 
ist. Die Lugier sind somit die 'lügnerischen', also auch in der 
rede wie als Vandalen im handeln unzuverlässig. Das ist 
natürlich freundnachbarliche Übertreibung ; doch müssen immer- 
hin gewisse eigentümlichkeiten ihres wesens zu solchen be- 
zeichnungen anläse gegeben haben, und diese können sich nur 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 'M 

unter dem einflusse des lebhafteren Verkehres mit dem Süden 
herausgebildet haben. Wir müssen ihnen also den platz an- 
weisen, wo sie den fremden culturströmungen am meisten ans-* 
gesetzt waren. 

Ebenso hat ja aueh den Ubiern ihre hingäbe an gallische 
einflösse ihren namen eingetragen. Dieser ist, wie Müllenhoff 
schon Zs. fda. 9, 130 f. gezeigt hat, buchstäblich dasselbe wort wie 
ahd. ubbi (aus germ. *ubjaz). Dieses bedeutet 'maleficus', und wir 
werden auch für den volksnamen denselben sinn voraussetzen 
dürfen, eher als wie (Müllenhoff a. a. o. und DA. 2, 301 vorschlägt) 
den der 'üppigen, reichen \ zu dem man nur durch beizieh ung 
anderer verwanter worte gelangen könnte, wogegen er für 
jenes ubbi selbst, dem auch noch das sinnverwante übel — 
8. Kluge EW. 4 363 — zur seite steht, nicht nachweisbar ist. 
Sieber ist auch den Ubiern ihr name von ihren feinden, den 
Sveben, beigelegt worden, und es ist kein zufall, dass die namen 
von deren ost- und westnachbarn auch in ihrer bildung einander 
verwant sind und an einander anklingen. 

Für die vorgeschichtlichen engen beziehungen der Goten- 
Vandalen zu den Kelten legt endlich die gotische spräche 
zeugnis ab. Es sei hier an got. k&ikn erinnert, das auf 
gall. keliknon zurückgeht (vgl. KBeitr. 2, 108. Kluge in Pauls 
Grundr. 1, 103), aber, da das wort den westgermanischen sprachen 
fehlt, durch Vermittlung der Lugier den Goten zugekommen 
sein wird. Und ähnlich verhält es sich wohl mit got. siponeis 
Schüler, jünger', das innerhalb des germanischen ganz ver- 
einsamt dasteht, aber, entlehnung aus dem keltischen voraus- 
gesetzt, aus der gallobritischen wurzel sep, ir. sec (vgl. air. 
sechem *folgen, befolgen', do-seich 'sequitur', sochuide 'societas, 
copia*) = idg. seq folgen* ungezwungen sich erklären lässt 
Auch got. peikabagms halte ich in seinem ersten teil für ein 
zunächst aus dem keltischen übernommenes wort, das aber 
weiter auf lat. ftcus zurückgeht; da das keltische den laut f 
nicht besass, musste es ihn durch p ersetzen, geradeso wie der 
gleiche laut von Slaven und Aisten in lehnworten aus dem 
germanischen durch/? wiedergegeben wird: s. Kluge in Pauls 
Grundr. 1,321. Möller, Ae. volksep. 54. Dass peikabagms der 
palmbaum ist, steht dem nicht im wege; denn dass man die 
feigen mit datteln verwechselte oder doch auf dattelpalmen 

Beiträge zur geschieh to der deutsohen spräche. XVII. 3 



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34 MUCH 

wachsen Hess, ist nicht so unerklärlich und jedenfalls verständ- 
licher als jene ältere Verwechslung in folge deren got germ. 
- ulbandus 'kamel' bedeutet. In gleicher weise erklärt sich got. 
cUerv 'öl' durch keltische Vermittlung. Unmittelbar aus lat 
otivum 'öl, salb öl' — oleum kommt hier von vornherein nicht 
in betracht — kann das gotische wort nicht entsprungen sein, 
weil das o in entlehnungen aus dem lateinischen auf ger- 
manischer seite nicht mehr zu a gewandelt wird und lat. i auch 
durch germ. i wiedergegeben worden wäre. Aus älterem lat. 
*oleivom musste aber bei frühzeitiger Übernahme ins keltische 
in dieser spräche lautgesetzlich *oleuon werden (s. Brugmann, 
Grundr. 1, 56), woraus im germanischen durchaus regelmässig 
*olewo(n), jünger *alewa(n), got. alew entstand. 

Wenn wir noch über die Lugier hinaus im osten der oberen 
Weichsel germanischen spuren nachgehen, so kommen als gegen- 
ständ unserer Untersuchung einzig die Bastarnen in betracht 
Damit ist aber nicht nur die frage nach ort und zeit ihrer 
ausbreitung und die nach ihrer einteilung aufgeworfen, sondern 
auch und zwar vorerst die, ob wir sie wirklich als Germanen 
zu betrachten haben oder nicht. 

Wenn alle die gewährsmänner, die einer zeit angehören, 
in der man Germanen von Kelten zu scheiden gelernt hatte, 
die Bastarnen für Germanen halten und Tacitus ihnen Germ. 46 
ausdrücklich germanische spräche zuschreibt, wenn ferner ihre 
erhaltenen eigennamen mindestens nicht gegen das deutsch- 
tum des Volkes sprechen und ebenso ihre sonstigen eigentümlich- 
keiten zwar solche sind, die uns auch bei Kelten wie bei Ger- 
manen, aber bei jenen doch nirgends mehr in solcher frische 
und ursprünglicbkeit entgegentreten, so scheint das ergebnis zu 
dem Müllenhoff in der Bastarnenfrage gelangt ist (s. 105 ff.) 
völlig gesichert zu sein. Es ist aber neuerdings wider er- 
schüttert worden durch den hin weis auf ausgesprochen gallische 
Ortsnamen am Tyras und an der Donaumündung. Tomaschek, 
der in den GGA. 18S8, 300 auf diese aufmerksam macht, ge- 
langt durch sie zu dem Schlüsse, dass die Bastarnen als ein 
keltisch -germanisches mischvolk mit überwiegend keltischem 
Charakter zu betrachten seien. 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 35 

Die nameD, auf die es hier ankommt, sind, soweit sie 
Tomaschek aufführt, am Tyras Euqqoöovvov, OvißavzavaQiov 
und an der DonaumOndung 'AlioßQig im gebiet der BQitoXdyai. 
Dazu kommt noch auf dem rechten Donauufer in der beutigen 
Dobrudscha gerade gegenüber von JikioßQit- ein Novioöowov, 
das ausser von Ptolemaeus auch sonst noch mehrfach erwähnt 
wird. Auch bei dieser gallischen 'Neuenbürg* werden wir es 
mit einer ansiedlung der BQtzoXayat zu tun haben, und hart 
an deren nordgrenze, keineswegs aber zu den Oevxtvoi, kommt 
den grundangaben nach ChbißavxavaQiov zu stehen. Da über- 
dies der name BQixoXaycu selbst — vgl. kymr. breith, ir. brit 
'varius, versicolor', akelt. Britones, Britovius u. a. m. — ganz 
den eindruck eines keltischen macht und sogar, da -Xaycu ein 
mit unserem laken urverwantes wort sein kann, sein sinn 'die 
buntmäntel 1 sich erraten lässt, so werden wir an dem Kelten- 
tum dieses Stammes wenigstens nicht mehr zweifeln dürfen. 
Aber für die Bastarnen wäre aus dem was für die Britolagen 
gilt doch nur dann ein schluss zu ziehen, wenn diese ein teil 
von ihnen sind. Als solcher sind sie aber nirgends bezeugt 
und dass sie es trotzdem sind, ist nicht wahrscheinlich; denn 
wenn die Römer ausser den Peucini auf dem Donaudelta in 
deren unmittelbarer nachbarschaft noch einen anderen bastar- 
nischen stamm kennen gelernt hätten, wären sie doch kaum 
dazugekommen, den namen Peucini jemals für etwas anderes 
zu nehmen als den einer bastarniscben Unterabteilung, und 
hätten ihn nicht auf den weiter nordöstlich über den Karpathen 
ansässigen teil der Bastarnen übertragen. Das galatische element 
im norden der Donaumündung ist also wohl ein vom bastar- 
nischen verschiedenes, selbständiges, und damit fällt nun gleich 
ein neues licht auf die Galater, die mit Skiren im bunde nach 
dem Zeugnisse einer inschrift aus Olbia (CIG. 2058) diese Stadt 
bedrängten. Denn wenn schon zugegeben werden muss, dass 
die Griechen auch Germanen, ehe sich über diese genauere 
künde verbreitete, als Galater bezeichnen konnten, so wäre 
doch, falls hier derartiges vorläge, nicht begreiflich, wie dann 
von Galatern und Skiren die rede sein könnte, da doch auch 
diese sicher Germanen waren. 

Haben die BQixoXdyai nicht mehr als Bastarnen zu gelten, 
so könnte die ansieht, dass die Bastarnen Kelten seien, nur 



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3(5 MÜCH 

noch an dem namen Koqqoöovvov eine stütze finden, den 
Ptolemaeus an den obersten Tyras setzt. Dieser name be- 
gegnet uns noch etliche male in anderen gegenden, so in einem 
ehedem keltischen teile Germaniens unterhalb des ÄoxißovQyiov 
OQog, ferner in Vindelikien und endlich in Pannonien, so dass 
er nahezu appellativen Charakter zu haben scheint; um so eher 
Hesse er sich einfach als der einer Station keltischer kaufleute 
auffassen, die vielleicht bei der umgebenden bevölkerung ganz 
anders hiess. Doch ist dies nicht einmal nötig, da wir bereits 
bei den keltischen Anarten — Teurisken, an deren grenze Ptole- 
maeus den ort Koqqoöovvov stellt, für ihn ein unterkommen 
gefunden haben; s. oben s. 15. Dass Koqqoöovvov ein bastar- 
nischer name ist, läset sich jedenfalls nicht erweisen, nicht 
einmal, dass er einem orte ihres gebietes zukommt. 

Auf der andern seite erhält die annähme germanischen 
Ursprunges der Bastarnen so kräftige neue stützen, dass sie 
nicht mehr zu erschüttern sein wird. Zunächst sei auf den 
namen fl(umen) Agaiingus hingewiesen, den die Tab. Peut, die 
in jenem bereich noch keine Goten kennt, an den oberlauf des 
Dniester setzt: eine sicher germanische Wortbildung, mit der 
sich die flussnamen EXbmg in Ostpreussen (das wäre in römisch- 
germanischer form Albingus), ffing Vatyntönism&l 16, Gitting 
SE. 1, 577, 3 u. a. m. vergleichen lassen. 

Auch j4zfiovoi, der name eines bastarnenstammes nach 
Strabo p. 306, dort mit 2iöoveg und üsvxlvoi zusammen an- 
gefahrt, lässt sich aus dem germanischen und zwar als eine 
ähnliche bildung wie germ. *ermuna- (in IJermun-duri und aisl. 
jgrmun-) neben *ermana-, *ermena- (*ermina-), also als ein er- 
haltenes passiv- oder medialparticipium erklären. Eine verbal- 
wurzel al findet sich in ags. atoi, eatol 'schrecklich', aisl. atall 
'fierce', von Kluge, Nom. stammbild. § 190 mit lat. ödi zu- 
sammengestellt. Germ. *Atmunöz, wofür Strabo ebenso "Arfiovoi 
schreiben konnte, wie er *Ermunduröz durch EvfiovöoQoi wider- 
gibt (mit griechisch volksetymologischer Umgestaltung statt 
'Eqiiovöoqoi , sofern diese nicht erst auf rechnung der Über- 
lieferung zu setzen ist), können 'die verhassten, die furchtbaren', 
vielleicht auch 'die hässlichen' sein, mit demselben bedeutungs- 
übergang wie bei diesem worte. Weshalb Müllenhoff s. 109 
jirfiovot für verderbt hält, ist nicht recht einzusehen. 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN 37 

Viel wichtiger und auch verständlicher ist der name ßa- 
starnae Basternae selbst. Bast bedeutet im mengl. ' ungesetz- 
liche ehe', im afrz. fils de bast 'unehelicher söhn', und hierher 
gehört auch unser bastard, frz. bdtard, bastard: 8. Kluge EW. 4 20. 
Man pflegt diese worte vom mlat. bastum, ital. span. basto, frz. 
bat 'packsattel, saumsatte]' (das übrigens auch aus dem ger- 
manischen stammt) abzuleiten, da die Maultiertreiber ihre Sättel 
alB betten benutzten. Aber bastarde sind söhne vornehmer 
Täter. Und gesetzt auch, dass jenes bast zur erklärung von 
bastard genügte (wofür das deutsche bankert, bänkling sprechen 
könnte), ist es doch schwer einzusehen, wie bast selbst die 
bedeutung 'ungesetzliche ehe 1 angenommen haben soll. Welchen 
sinn übrigens dieses wort ursprünglich gehabt hat, ist hier nicht 
yon belang, denn ein aus dem lateinischen stammender bestand- 
teil des romanischen ist es gewiss nicht, und wenn eine junge 
ableitung davon 'kebskind' bedeutet, kann dies auch bei einer 
anderen, älteren der fall gewesen sein. Und nichts ist der 
deutung des namens Bastarnae Basternae als 'blendlinge' so 
günstig als gerade sein suffix. Denn unter den wenigen be- 
legen für dasselbe die wir besitzen, sind einige aus denen sich 
eine bestimmte bedeutung desselben erkennen lässt. Ist got. 
widutvairna (das sogar in seiner schwachen form genau zu 
Basterna stimmt) 'der verweiste', eigentlich 'der witwensohn', 
und dirne, got. *piwairn6 'knechtstochter, die tochter eines un- 
freien, die daher selber unfrei, d. h. dienerin ist' (Kluge EW. 4 55), 
so ist hier beidemale ein abstammungsverhältnis bezeichnet, dem 
nebenbei ein gewisser makel anhaftet Und abd. zwitarn be- 
deutet vollends einen 'zwitter, bastard, mischling aus zwei 
Völkern'. Der name Bastarnen ist also ein Spottname, und bei 
seiner bedeutung ist es begreiflich, warum der bericbterstatter 
des Tacitus diesem stamme trotz seiner anerkannt germanischen 
spräche und Bitte nicht den vollen adel germanischer art zu- 
gestehen will; ja wenn von ihnen Germ. 46 geradezu gesagt 
wird: connubiis mixtis nonnihil in Sarmatarum habitum foe~ 
dantur, so ist damit nur eine nicht gerade wohlwollende Über- 
setzung und Umschreibung ihres namens gegeben, und deutlich 
verrät sich hier wie anderwärts die germanische quelle, aus 
der Tacitus mittelbar oder unmittelbar geschöpft bat. 

Der name Peucini Uevxtvoi begegnet in zwiefacher ver- 



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38 MUCH 

weodung. Ursprünglich bezeichnet er (worauf schon seine etymo- 
logie führen müsste) den bastarnischen stamm der die insel 
Ilevxtj, also das Donaudelta, besetzt hielt. Nur in diesem sinne 
gebraucht den namen der älteste gewährsmann für die Peukinen, 
Strabo, p. 305 f., und auch Ftolemaeus (3, 10, 4. 7) kennt in 
der gleichen läge in Niedermoesien den stamm der Uevxivoi, 
setzt aber freilich (3, 5, 7) und zwar, weil er immer jeden be- 
sonderen namen für ein besonderes volk nimmt, sogar Uevxivoi 
neben den Baötiovai auch in Sarmatien und bei ihnen ein 
gebirge Ilevxri (3, 5, 5) oder üevxlva oqtj (3, 5, 9) an, das kein 
anderes als die Alpes Bas tarnte ae der Tab. Peut. sein kann, 
und Tacitus, Germ. 46, wohl auch Plinius HN. 4 § 99 gebrauchen 
beide namen als gleichbedeutend. Wenn die Bastarnen an der 
Donau, die Peukinen also, mit denen doch die Römer anfänglich 
allein zu tun hatten, eine andere abteilung weiter im nordwesten 
als stamm verwant bezeichneten und von ihr sich herleiteten, 
so ist es nicht auffällig, dass man auch diese unter dem namen 
der Peukinen mit einzubegreifen anfieng; giebt es doch für 
eine solche Verallgemeinerung eines Stammnamens seitenstücke 
in fülle. 

Die Wohnsitze der nordwestlichen Bastarnengruppe , die 
von den Peukinen durch eine reihe fremder stamme getrennt 
st, sind noch näher bestimmbar. Fürs erste müssen sie, 
wenn ein teil der Karpathen nach ihnen Alpes Bastarnicae 
qeisst, bis ans gebirge hinanreichen, und wegen des namens 
fl{umen) Agdlingus wohl auch bis zum oberen Dniester. Wenn 
sie ferner bei Strabo p. 306 als sowohl den Tyregeten als den 
Germanen benachbart (totg TvQsyiraig ofiogoi xal reo/mvolg) 
bezeichnet werden, und wenn nach Plinius HN. 4 § 80 sie und 
darnach andere Germanen vom conftnium der Germanen an die 
aversa 'die abgekehrten äusseren gegen nordost und norden 
zu gekehrten gegenden' (Müllenhoff s. 322) besetzt halten, so 
werden sie an der oberen weichsei mit den lugischen stammen 
sich berührt haben. Es kann damit auch jetzt schon als er- 
wiesen gelten, dass die SIöcovsq des Ptolemaeus von den 
2Jidoveg des Strabo nicht verschieden sind. Sie sind ein 
bastarnischer stamm, der von norden her über das gebirge 
vorgedrungen ist, gerade wie auf der anderen sehe der Weichsel 
der lugische stamm der Buren. 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 39 

Plinius HN. 4 § 99 nennt Peucini Basternae als eine haupt- 
abteilung der Germanen, und Strabo p. 306 versichert von ihnen 
ausdrücklich, dass sie in mehrere stamme (slg jzXelco <pvXa) 
zerfallen, führt auch einige davon namentlich an. Es ist darum 
aussieht vorhanden, aus der Sarmatia Europaea des Ftolemaeus 
Ober sie noch mehr als ihren gesammtnamen zu erfahren. In 
der tat findet sich dort eine specialdiathese ihrer zwischen 
Weichsel und Earpathen sesshaften hauptabteilung, ein umstand, 
den man bisher unbegreiflicher weise übersehen bat Unter 
den nur in folge eines misverständnisses an die Weichsel ver- 
setzten &lvvoi führt Ftolemaeus 3, 3, 8 folgende Völker an: 
JZovZcoveg' ixp' ovq &QOvyovvdla>ve$, slxa Avagivol xctQa xfjp 
xapaXrjv xov Chiiöxovla xoxafiov' vq>' ovg "OfißQcoveg , slxa 
ItraQTOtpQaxroi, üxa BovQylcovsc. Alles das sind, wenn wir 
von den kvaQxotpQaxxoi absehen, die deutlich mit den 3, 8, 3 
im nordosten der provinz Dakien genannten "AvaQxoi zusammen- 
gehören (s, oben s. 16), durchaus germanische namen. 

JSovXcovEg zunächst gehört zu got. bisauljan (iialveiv, bisaul- 
nan fiuxlveöB-at, alts. suljan, ahd. bisulen, mhd. suln, sütn, md. 
stäwen, ags. syllan, sylian l besudeln', ahd. solön, mhd. solen, 
soin, ags. soiian 'besudelt werden 1 , ahd. mhd. sol st. n. m. 'kot- 
lache', ahd. soiagön, mhd. solgen 'sich im kote wälzen, mit kot 
beschmutzen' und wohl auch ahd. solo, saiawSr 'dunkelfarbig, 
schmutzig' sammt seinen entsprecbungen in den anderen ger- 
manischen sprachen. Die HovXmvtg sind also klar und deutlich 
4 die schmutzigen' oder 'die unsauberen'. Das ist gewiss ein 
anfeiner name, den man aber verstehen und in diesem sinne 
gelten lassen wird, wenn man in erwägung zieht, dass nach 
Tacitus (Germ. 46), bei dem wir schon eine parapbrase des 
namens Bastarnae entdeckt haben, bei den Bastarnen sordes 
omnhun beobachtet wurde. Gesetzt auch dass Tacitus damit 
nicht so sehr unreinlichkeit als ärmlich keit im gegensatz zu 
niior und splendor bezeichnen und keinen von den germanischen 
eigentümlichkeiten abweichenden zug angeben wollte (s. Baum- 
stark, Völkersch. teil d. Germ. 310 ff.), so muss wohl, wenn er 
sich zu einer betonung der sordes der Bastarnen berechtigt 
glaubte, schon sein gewährsmann einen ähnlichen ausdruck ge- 
braucht haben, und da sich uns die letzte quelle seiner künde 
gerade über die Bastarnen bereits als eine germanische dar- 



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40 MUCH 

gestellt hat, so muss doch auch anderen Germanen die sordes 
der Bastarnen aufgefallen sein. Wenn Baumstark selbst die 
mögliebkeit zugibt, dass wir im torpor procerum, von dem zu- 
gleich mit der sordes omnhtm die rede ist, eine bastarnische 
Steigerung erblicken dürfen, so gilt ein gleiches jedenfalls auch 
von dem damit geparten ausdrucke. 

Zur erklärung des namens <pQovyovvölcoveg suchten Möller, 
Ae, volksepos 27 und Mttllenhoff s. 80 durch die annähme zu 
gelangen, dass es der in eine andere Umgebung versetzte name 
der Burgunden sei; und letzterer wollte auch in den AvaQivol 
oder jißctQivol die Varinen erkennen, deren namen Marinus zu- 
sammen mit dem der Burgunden * dreist genug auf das andere 
ufer der Weichsel brachte, um hier dem mangel an detail ab- 
zuhelfen'. Als begröndung hiefür wird geltend gemacht, dass 
auch Plinius HN. 4 § 99 auf die Burgundiones Varini (uarinne 
nach den hss.) folgen lasse. Allein an einer fülle von namen 
im osten der weichsei fehlte es dem Marinus ohnedies nicht, 
so dass er es nicht nötig hatte, in so gewaltsamer weise neue 
herbeizuschaffen. Je mehr dreistigkeit man ihm zumutet, desto 
gewagter wird diese Zumutung selbst. Was jene stelle des 
des Plinius betrifft, so ist dort von den 'VandilV die rede, 
' quorum pars Burgundiones uarinne Charini Gutones 9 . Die 
Charini sind dabei, wie bereits s. 28 dargetan wurde, die Harn 
des Tacitus. Die Varini aber, das nacbbarvolk der Angeln, 
mit denen zusammen sie zu den Nerthusvölkern gehören und 
so wie bei Tacitus auch noch in der lex Anglorum et Werino- 
rum gepart vorkommen, konnte Plinius nicht unter den Vandilen 
aufgezählt haben; in uarinne steckt also wohl der durch an- 
gleich ung an den folgenden entstellte name eines anderen van- 
dilischen Stammes; ist es aber doch für Varini zu nehmen, so 
wird es nur eine spätere in den text geratene glosse zu dem 
sonst nicht vorkommenden Charini sein. Der name Varnen 
könnte sich indessen in einem anderen local widerbolen. Daran 
dachte Zeuss s. 133, und er musste eigentlich auf diesen ge- 
danken kommen, da er auch die Avciqjioi, welche Ptolemaeus 
2,11,9 zwischen den Faradinen und Sveben (d. i. hier den 
Semnonen) aufstellt, für die Varnen hält: freilich selbst wider 
ohne ausreichenden grund, denn auch sie stehen bei Ptolemaeus 
au ganz anderem orte als die Varini des Tacitus und könnten 



tizedby G00gle 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 41 

dahin nur durch einen irrtum geraten sein. Ebenso könnte 
av als widergabe des germanischen w einzig aus einem zu- 
fälligen fehler erklärt werden, denn das angebliche Avilfa bei 
Cassiodor, Variar. 5, 20, auf das sich Zeuss a. a. o. beruft, ist 
eine unform und auch schon beseitigt: wie Wrede, Spr. d. Ost- 
got 107 versichert, schreibt Cassiodor Wilia 1, 18; 5, 18. 19. 20; 
9, 13. Dass av und germ. w grundverschiedenen lautwert haben, 
muss doch auch bedacht werden, wenn es sich um die frage 
handelt, ob eines durch das andere widergegeben werden konnte. 
Den eindruck eines germanischen wortes macht aber der name 
ävclqivoI auch dann, wenn er nicht als dasselbe wie Varini auf- 
zufassen ist. Was freilich *Awaf%nöz oder *Abarinüz — welche 
von beiden formen vorauszusetzen ist, blfeibt fraglich — be- 
deutet habe, ist schwer zu sagen, weil dabei verschiedene 
Möglichkeiten sich die wage halten. 

Der wagscbluBS, dass ^QovyovvölcovBg und BovQyovpdiwveg 
zusammengehören, entbehrt somit jeder anderen stütze, als der 
die ihm etwa die ähnlichkeit beider namen selbst bieten könnte. 
Wenn Möller der meinung ist, dass 'römisches f durch griecb. 
(f widergegeben, die widergabe eines statt der anlautenden 
media in germ. mundarten noch vorhandenen Spiranten, des 
lautes nnl. v gewesen sein' könne, so ist zu erwidern, dass 
weder der vorausgesetzte lautwert des germ. anlautenden b 
für die in betracht kommende zeit auch nur einigermassen 
wahrscheinlich ist, noch weniger aber eine widergabe dieses 
lautes durch lat. f t da sich schon bei Caesar Batavi, Bacenis 
findet und die lat. Umschrift deutscher namen Oberhaupt an 
bestimmte regeln gebunden ist. Auch das — sicher noch 
spirantische — inlautende germ. b wird im lateinischen durch 
b und v umschrieben: neben Suebi und Suevi aber ist eine 
form Suefi ganz unerhört. Wäre also b im anlaut germanischer 
worte noch als spirant erklungen, so hätten die Römer höchstens 
gelegentlich v dafür setzen dürfen. Wir werden daher den 
gedanken an einen Zusammenhang von Burgundiones und 
&Qovyovvöl(oveq aufzugeben und uns für jeden dieser namen 
um eine besondere etymologie umzusehen haben. 

Für den ersteren ist diese eigentlich schon von Kluge in 
Pauls Grundr. 1, 305 durch die Zusammenstellung mit dem der 
keltischen Brisantes gegeben, soferne kelt. brigant- seinerseits 



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42 MÜCH 

bereits als entsprechung zu altind. brhänl-, brhat-, avest. ber*zant- 
4 erhaben, hoch, gross' erkannt ist; vgl. Thurneysen, KZ. 28, 146. 
Genau würde keltischem Brigantes je nach der Stellung des 
aecentes genn. *Burgundez oder *Burgunf>ez entsprechen. Auf 
letztere form, der vorgerm. Bhrghntes vorausliegt, wird das 
Bovqyovvtoov bei Ptolemaeus zurückweisen. Burgundianes , 
*Burgundjonez zeigt schwache adjectivform und verhält sich 
zu *Burgundez wie ahd. nerrendeo zu alte, neriand, got. nasjands; 
man vgl. das völlig gleichartig gebildete got nihmndja 'proxi- 
mus' und bisunjanS 'ringsumher' (aus HisundjanS, s. Kluge, 
Beitr. 10, 444). Ausser im volksnamen ist germ. *burgund- noch 
in dem schönen Ortsnamen Burgunthart ( Förstern ann DN.2,*366), 
d. i. ' ragender wald, hochwald' erhalteu, vor allem aber in 
mehreren nordischen localnamen ; so in dem der dänischen insel 
Borren, alt Borghund (b. Bugge, Arkiv f. n. f. 6, 244), dann dem 
der insel Borgund in Norwegen (SE. 2, 492) und dem der nor- 
wegischen Stadt Borgund (Heimskringla 2, 308. 309). Im namen 
der insel Bornhotm, alt Borgundarholmr, ist der erste teil der 
gen. eines personennamens. Da Hlesey nach dem riesen Hier 
benannt ist und Sdmsey nach *Sämr (d. i. unter einfacherem, 
gleichbedeutendem namen derselben wie S&mmgr, der söhn des 
OÖinn und der SkaÖi), so darf man auch bei Borgundarholmr 
an benennung nach einer gottheit denken; und dies wird sieh 
umsomehr empfehlen, als es eine keltische göttin und nach- 
malige heilige Brigantia Brigita gibt, deren genaueste ent- 
sprechung eine germanische *Burgundi, gotische *Baurgitndi> 
altnordische *Borgund(r) wäre. Die gleiche ältere form, die 
nichts anderes ist als das femininum zu *burgund-, gerade wie 
altind. brhatU, avest. ber*zat(i das zu altind. brhant- brhat-, 
avest ber*zant- (s. Brugmann, Grundr. 2, 317), liegt auch jenem, 
stadt- und inselnamen Borgund zugrunde; man vgl. damit das 
ebenso gebildete got. hulundi ' höhle* und aisl. ndnd («= got 
*nSfoundi) 'neighbourhood, nearness, proximity*. 

Sofern Kluge die gleichung Brigantes — Burgundi(ones) und 
Chatti — Cassi darauf zurückführen will, dass die Germanen 
gebiete occupierten, auf denen zuvor Kelten sesshaft waren, 
kann ich ihm freilich nicht beipflichten; ebensowenig seiner 
Übersetzung von Brigantes Burgundi(pnes) durch 'monticolae'. 
Jedenfalls passt ein name dieses sinnes auf die Burgunden in 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 43 

der ostdeutschen tiefebene nicht : sie könnten ihn nur aus einer 
älteren heimat mitgebracht haben, und dann selbst wäre es 
nicht recht erklärlich, warum er nicht durch einen andern er- 
setzt wurde. *Burgundionez heisst wörtlich mir 'die ragenden, 
hohen', dasselbe also wie Chauci, germ. *Hauhöz\ und auch 
den germanischen Chauken stehen widerum in Wahrheit völlig 
gleiohbenannte keltische Kavxoi (Ptolemaeus 2, 2, 5) gegenüber. 
Alle diese namen könnten sich auf die körpergrösse beziehen 
(vgl den Burgundio septipes bei Sidonius Apollinaris, Epp. 8, 9. 
Carm. 12, 11): wahrscheinlicher aber sind es in übertragenem 
sinne auszeichnende beinamen: man denke nur an den heah 
HecUfdene in Beowulf. Auch die göttin Brigantia ist 'die er- 
habene, erlauchte', nicht 'die bergbewohnende \ 

Damit sind wir aber von unserem wege 6chon allzuweit 
abgekommen. Für die tpQovyovrdlcovec, um die es sich uns 
hier zunächst handelt, ist das eben vorgebrachte doch nur in- 
soferne von belang, als dadurch die deutschheit auch ihres 
namens erwiesen wird. Vielleicht gehört dieser mit unserem 
furcht zusammen, bedeutet also (poßeQoL Auch als 'die bunten' 
könnte man ihn verstehen : man vgl., was die ableitung betrifft, 
altind. prsant- 'gefleckt' und mit seiner Stammsilbe ahd. for- 
hana 'forelle', altind. prpni 'gesprenkelt' und griech. jtsQxvog 
,bunt, schwärzlich, dunkel'. Damit sind die möglicbkeiten nicht 
einmal erschöpft, so dass es nicht leicht fällt, sich für eine 
bestimmte deutung zu entscheiden. In ^ovQyovpölcoveg braucht 
man <pQovyovpdlcoveQ nicht zu ändern, da germ. ur und ru 
etymologisch so gut wie gleichwertig sind. 

Der name "OfißQcoveg gibt um so sicherer germ. *Umbronez 
wider, als auch die italischen Umbri bei den Griechen 'OfißQixol 
heissen. *Umbronez aber ist eine ablautende nebenform zu 
*Ambronez, die sich sogar, vom auslaut abgesehen, noch vor- 
findet und zwar im volksnamen Ymbre im WidsiÖlied 32 und 
in dem namen, mit welchem die bewohner von Amrum {Ambrum 
im Liber census Daniae) sich bezeichnen und der in alter form 
*Ymbringar lautete, wie Möller, Ae. volksepos 89 versichert- 
Ambrones ist von Th. R. v. Grien berger im Salzburger Kyffbäuser 
mit altind. dmbh-as n. 'gewalt, furchtbarkeit', ambhr-nä- 'ge- 
waltig, schrecklich' zusammengestellt worden: eine etymologie, 
durch die uns, wenn sie das richtige trifft, auch *Umbronez 



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44 MUCH 

verständlich wird. Und zwar würde dies dasselbe bedeuten 
wie *Atmunöz, so dass man die "O/ißQwveg des Ptolemaeus und 
die fafiovoi des Strabo für ein und dasselbe volk zu nehmen 
sich versucht fühlt. 

Der name BovQylcwsg endlich findet aus got. baurgjans 
noXlxat eine treffliche erklärung. Er bezeichnet augenscheinlich 
einen in befestigten platzen — vielleicht im gebiet einer zins- 
pflichtigen fremden bevölkerung — sesshaften Germanen stamm. 
Dass wir es dabei nur mit einer deutschen benennung der in 
ihren natürlichen vesten wohlbehaltenen bergbewohner zu tun 
haben, wie Müllenhoff s. 81 voraussetzt, liegt doch sehr ferne; 
denn überall verbindet sich im germanischen mit dem worte 
bürg schon der feste begriff einer künstlich angelegten befesti- 
gung. Neben got. baurgjans käme allerdings noch ein anderes 
völlig gleichlautendes wort in betracbt, unser bürge, mhd. bürge, 
ahd. burigo; wie könnte aber ein volksstamm 'die bürgen' 
heissen ? 

Natürlich haben nicht all die genannten stamme, und noch 
weniger auch die in derselben reihe von den Burgionen ab 
aufgezählten dakischen, an der ostgrenze Germaniens platz. 
Ptolemaeus (oder der ältere geograph, dessen karte er benützt) 
hat hier wie anderwärts namen unter einander gesetzt, die 
neben einander stehen sollten. Und wenn die unter den 
V/jßQcovsi; aufgeführten XvctQTo<pQaxTOi mit den in der nordwest- 
ecke Dakiens genannten "Avclqtoi zusammengehören, so ergibt 
sich daraus schon, dass die folgenden namen in der richtung 
von west nach ost anzuordnen sind. Man wird dann natürlich 
nicht mehr wagen dürfen, aus den nach den BovQylcwsg er- 
wähnten ÄQOvrjrai 'Aqovfftai zu machen und diese an die Arwa 
zu stellen, auch wenn dort noch platz übrig wäre, was nicht 
mehr der fall ist. Wenn Ptolemaeus die läge der AvaQivol 
durch die Weichselquelle bestimmt, so ist das möglicherweise 
erst von seiner karte abgelesen. Vielleicht war aber diese be- 
stimmung doch schon in der ersten nachricht mitenthalten, die 
ihm oder seinem Vorgänger über sie zukam. Denn wenn wir 
ihren namen wirklich an die rechte seite der oberen Weichsel 
stellen, so kommen dann die VfißQcoveg südwestlich von ihnen, 
westlich von den Slöooveg zwischen die 4>Qovyovvöi<Dvsg und 
die 7a£vyf g Msravdorai zu stehen ; und diese anordnung scheint 



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zedby G00gle 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 45 

die richtige zu sein, da wir von der stelle, wo wir die "OfißQwveg 
angesetzt baben, gegen osten vorschreitend mit dem namen 
ÄvaQTo<pQaxToi an die nordwestecke Dakiens geraten, wohin 
Ftolemaeus in seiner Dacia die "Av<xqtoi stellt. Die BovQylcweq 
wird man sich am oberen Tyras zu denken haben. Dem 
römischen gesichtskreis am nächsten lagen darnach von der 
nördlichen Bastamengruppe nächst den Sidonen die Ombronen: 
ein neuer grund für uns, hinter den Uiöovsg und yizfiovoi des 
Strabo die Mdcoveq und "OpßQcopsg des Ptolemaeus zu vermuten. 
Einen germanischen volksnamen enthält auch noch die zweite 
östlichere sarmatische völkerreihe bei Ptolemaeus 3, 5, 9, die 
folgendermaßen lautet: Tcbv de elQtjfievcop tlolv avatoXixcizeQOi 
vjto [ikv tovg Ovevtdag (jtdXiv) raXlvöai xal JSovöivol xal 
2xavavol ntyQ 1 x ®> v ^Xavmv litp* ovg iyvlAlooveg, eha Kot- 
ozoßSxoi xal TQavofiovtavol ptyQ 1 X( * n> Hevxivwv 6q£cov. Hier 
stehen die Wenden sicher nicht am rechten platze, und von 
ihnen ist jedenfalls abzusehen. Sind die übrigen namen auf 
ein und dieselbe eintragung zurückzufahren, so müssen wir, um 
die Verbindung von den aistiscben Galinden und Sudinen zu 
den Eoistoboken herzustellen (die ins nördliche Ungarn gehören, 
8. Müllenhoff s. 83 ff.), die Stavanen für die Slaven oder doch 
eine abteilung von ihnen nehmen und 'lyvlUcoveg für einen 
namen der gesammten Bastarnen oder für den eines bastar- 
nischen Stammes, der uns etwa gar schon in der westlicheren sar- 
matischen völkerreihe unter anderem namen begegnet ist. Alle 
Vermutungen bleiben hier natürlich sehr unsicher, da uns ander- 
weitige nachrichten fehlen, auf grund deren wir die vorliegenden 
angaben des Ptolemaeus nachprüfen könnten. Was für ein 
germanischer name aber hinter dem Verderbnis 'iyvXXlcoveg 
sich verbirgt, ist noch wohl zu erraten. Denn gerade wie bei 
Zosimus p. 59 ein Burgunde oder Wandile 'lytXZog (irLiAOS), 
in einer hs. noch iyylXXog (irriAAOZ) heisst statt irriAAOS, 
got. *ln-gild$, ebenso musste aus irrYAAIQNES d. i. got. 
*Jn-guidjans durch nachlässigkeit der abschreiben fast notwendig 
WYAAIQNE2 werden. In- ist hier Verstärkungspartikel wie 
beispielsweise in nhd. ingrimmig, mhd. inguot, ags. infröd, aisl. 
Igrcetm (vgl. J. Grimm, Gramm. 2, 758 ff. Dietrich, Zs. fda. 10, 
313. 11,413. Germ. 10,264. Höfer, Germ. 15, 61 ff. Wrede, Spr. 
d. Ostg. 103 f.) und *-guldjonez eine zu gelten und seiner sippe 



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46 MÜCH 

gehörige Wortbildung. *lnguldjonez wird 'die hoch angesehenen' 
oder etwas ähnliches bedeutet haben. 

Je reieher aber der namenbestand ist den die Sarmatia 
des Ptolemaeus enthält, und je sorgfältiger dieser die Völker 
der östlichen Umgebung der Weichsel verzeichnet, mit um so 
mehr recht findet es Zeuss s. 156 auffällig, dass dabei der 
Skiren keine erwähnung geschieht. Wo diese sassen, ergibt 
sich aus der aussage des Plinius HN. 4 § 97, dass zufolge der 
meinung einiger von osten her bis zur Weichsel Sarmaten, 
Veneden und Skiren wohnen. Aber hinter den <Plvvoi, die 
Ptolemaeus an diesen fluss unterhalb der rv&coveg ansetzt, 
können sich die Skiren nicht verbergen, wie Zeusfe a. a. o. ver- 
mutet. Wie sollte <Plwoi aus SxZqol verderbt sein? Auch 
darf man die Qivvoi aus der Sarmatia des Ptolemaeus gar 
nicht ganz beseitigen: sie gehören dahin als nordostnachbarn 
der Wenden und sind nur aufs geratewol und darum an 
falscher stelle angesetzt, weil sie dem ptolemaeischen karto- 
graphen in einer generaldiathese mit Wenden und Goten zu- 
sammen als Völker des Ostens genannt worden waren, doch 
ohne dass ihre gegenseitige Stellung aus der nachricht über sie 
klar wurde. So wird es auch begreiflich, warum Goten und 
Wenden auf seiner karte die platze getauscht haben. 

Die einfachste erklärung für die nichterwähnung der Skiren 
bei Ptolemaeus ist die, dass dieses volk ein stamm der Ba- 
starnen ist und bei ihm unter anderem namen auftritt. Und 
zwar geschieht dies, denke ich, unter dem der HovXcovtq, d. i. 
der 'sordidi', gerade weil Sciri, germ. Sktröz, wie man längst 
erkannt bat (vgl. Zeuss s. 156. J. Grimm GDS. 466), 'nitidi' 
splendidi' bedeutet. Wir haben es hier mit einem ganz ähn- 
lichen falle wie bei den Manimi 'Ofiavoi zu tun, die noch dazu 
gerade gegenüber den Sciri JZovlcovsq auf dem linken Weichsel- 
ufer sesshaft sind. Man hat also gleiches mit gleichem ver- 
golten und ist auf keiner seite den schimpf schuldig geblieben. 
Nur wird man, wie meist in solchen fällen, nachträglich nicht 
gut entscheiden können, wer damit angefangen hat. 

Wenn die Skiren ein stamm und zwar der hauptstamm 
der Bastarnen waren, so wird nun auch das rätselhafte ver- 
schwinden der letzteren erklärt. Denn durch den übertritt von 
100000 Bastarnen auf römischen boden und ihre ansiedlung 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 47 

in Thrakien durch Kaiser Probus (s. Zeuss s. 442) hat doch 
nicht das ganze volk zu bestehen aufgehört. Es ist überdies 
wahrscheinlich, dass es der stamm der Peucini im engeren 
sinne ist, um den es sich hier handelt. Dieser war ja seit dem 
vordringen der Goten an der unteren Donau wider selbständig 
hervorgetreten, nachdem er eine zeit lang der römischen provinz 
Niedermoesien einverleibt war: Peucini ab instUa Peuce, quae 
ostio Danubii Ponto mergenti adiacet, treten nach Jordanes c. 16 
unter den bundesgenossen Ostrogotas auf und Peucini nach 
Trebellius Pollio, Claud. 6, Usvxai nach Zosimus 1, 42 unter 
den während der regierung des Claudius auf seeraub aus- 
ziehenden Goten ; s. Zeuss s. 442. 

Aber auch auf die Skiren der olbischen inscbrift fällt nun 
ein neues licht Wenn einmal ein teil des Skirenstammes bis 
in die nähe von Olbia vorgerückt war und nach dem Zeugnisse 
jenes denkmals sogar für den winter einen handstreich auf 
diese Stadt plante (was doch schon auf eine art ansässigkeit 
in ihrer nähe hindeutet), so ist es nicht wahrscheinlich, dass 
er dem reichen und fruchtbaren Süden widerum den rücken 
gekehrt habe. Sind die Galater in der gesellschaft der Skiren 
die BQtxoXaycu, so sind sie selbst niemand anders als die 
Uevxlvoi; ohnedies fehlt uns für diese noch der alte sonder- 
name neben der allgemeinen bezeichnung Bastarnen; denn 
uevxlvoi kann nicht als solcher gelten, da er ein localname 
ist, der erst nach längerer anwesenheit in der neuen heimat 
entstanden sein kann und in der tat erst von Strabo ab er- 
wähnt wird. Diese lücke wird durch die SxIqoi jener inscbrift 
ausgefüllt. Dass der name später an der Donau in Vergessen- 
heit geriet, ist eben durch das aufkommen des namens Uevxlvoi 
erklärt. 

Veranlassung zur bezeichnung einer abteilung der Germanen 
als Bastarnen gab jedenfalls erst deren niederlassung auf ur- 
sprünglich fremdsprachigem boden. Und wenn nun 'nicht all- 
zulange vor dem jähre 182' (Müllenhoff s, 104) weiter nach 
dem süden vorgedrungene bastarnische auswanderer sich bereits 
selbst Bastarnen nennen, so bat dies schon zur Voraussetzung, 
dass der name nicht mehr als Spottname gefühlt wurde oder 
dass man sich doch mit ihm schon abgefunden hatte, ähnlich 
wie ja aueh der name der Sveben oder Ubier und vieler anderen 



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48 MUCH 

mit Spottnamen benannten Völker zuletzt von diesen selbst ge- 
braucht wird. Nur wird derartiges nicht schon kurze zeit nach 
dem aufkommen eines solchen namens geschehen sein. Man 
sieht, in welch früher zeit bereits der vorstoss der Germanen 
über die obere Weichsel erfolgt sein muss. 

Von all den Völkern und Völkergruppen die wir als alte 
nordnachbarn der Kelten kennen gelernt haben, verdienen mit 
rücksicht auf ihre spätere rolle vor allem die Sveben unsere 
aufmerksainkeit 

Zs. fda. 32, 407 f. ist der name Suebi aus dem germanischen 
verbaladjectiv *swäbiz, aisl. svdfr erklärt worden': eine deutung, 
die übrigens schon Wackernagel, Zs. fda. 6, 260 in ihrem sinne 
getroffen hat Dass sie die richtige ist, bestätigt der gegensatz, 
der sich im namen der Vandalen ausdrückt, mag man diesen 
als 'die wandelbaren' oder als 'die beweglichen' verstehen. 
Aus diesem gegenstück, das nach dem osten weist, geht auch 
hervor, dass es nicht tunlich ist, das aufkommen des Sveben- 
namens mit der ausbreitung der Germanen gerade über ur- 
sprünglich keltisches gebiet in beziehung zu setzen, wie dies 
Zs. fda. 32, 408 ff. geschehen ist. Wohl aber werden sie in ihrer 
alten heimat weniger als andere Germanenstämme dem verkehr 
mit der fremde ausgesetzt gewesen sein, und notwendig gieng 
aus solcher abgeschiedenheit ihr nachweisbar zäheres festhalten 
an hergebrachten sitten und anschauungen hervor, vielleicht 
auch eine gewisse Schwerfälligkeit und spätreife, wie wir denn 
auch jetzt noch vom Schwabenalter sprechen; vgl. Kossinna, 
Westd. zs. 9, 109. Der Svebenstamm gleicht ganz jenen ge- 
stalten im germanischen märchen und mythus, die in ihrer 
jugend träge und stumpf und gering geschätzt sind, bis bei 
einem besonderen anlasse ihre angeborene heldenart zum durch- 
bruche kommt Ganz Süddeutschland ist nachmals so gut 
wie ausschliesslich durch die Sveben dem Germanentume ge- 
wonnen worden: eine tatsache, die ja bereits als ausgemacht 
gelten kann. 

Ehe wir aber ihre weiteren wege und Schicksale verfolgen, 
wird es sich empfehlen, uns erst über ihre älteste heimat und 
über ihre ausbreitung in Norddeutschland zu unterrichten, und 
zu diesem zwecke gilt es zunächst darüber ins klare zu kommen, 



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Die südmark der germanen. 40 

welchen von den norddeutschen stammen der Svebenname wirk- 
lich gebührt. 

Unter den alten gewährsmännern nimmt bekanntlich in 
bezug auf die Sveben Tacitus eine ganz eigene Stellung ein. 
Ausser den Semnonen und Langobarden und ausser den süd- 
deutschen stammen zwischen den agri Decumates einerseits und 
den Ösen und Eotinen andrerseits gelten ihm auch noch die 
Nerthußvölker als Sveben, wenn nach ihrer aufzählung Germ. 40 
im folgenden cap. fortgefahren wird: et haec quidem pars Sue- 
borum in secretiora Germaniae porrigitur] Sveben sind ihm ferner 
die Lugier nach Germ. 43 : dirimit enim scinditque Suebiam con- 
tinuum montium iugum, tdtra quod plurimae gentes agunt ex 
quäms latissime patet Lygiorum nomen\ auch die germanischen 
grenznachbarn der Aisten, da er diesen selbst noch Germ. 45 
ritus habitusque Sueborum zuspricht; ja selbst die bewohner 
Skadinaviens, nach deren erwähnung es erst heisst: hie Suebiae 
ftnis. Dementsprechend wird auch die Ostsee Germ. 45 Suebi- 
cum mare genannt. 

Dagegen greift bei anderen gewährsmännern, abgesehen von 
den JBovijßoi kyysiXol des Ptolemaeus, der Svebenname in das 
ingvaeonische gebiet nirgends hinüber, und ebensowenig werden 
anderswo nordgermanische oder vandilische stamme den Sveben 
zugerechnet. Auch die namen ^Stvcebtz und *fVandalöz (oder 
*WandiWz *Wandulöz; vgl. Wrede, Spr. d. Wand. 39) drücken 
schon einen sich wechselseitig abschliessenden gegensatz aus. 

Um so auffallender noch ist der taciteische gebrauch des 
Svebennamens, als wir gerade der Germania die wichtigsten 
belege dafür danken, dass wir es bei den Sveben mit einer 
Stammesgenossenschaft zu tun haben. Nicht nur von ihrer 
eigentümlichen, sie von anderen unterscheidenden tracht und 
ihrem gemeinsamen gpttesdienst erfahren wir durch diese quelle, 
sondern auch geradezu von ihrer gemeinsamen abstammung: 
nur unter der Voraussetzung dieser sind im cap. 39 die aus- 
drücke ' vetustissimos se Sueborum Semnones memorant\ 

i omnes eiusdem sanguinis populi', 'inde initia gentis' verständlich. 
Das was uns Tacitus vom svebischen gottesdienst berichtet 
(den Mttllenhoff, Schmidts Zs. f. gesch. 8, 241 ff. als den dienst 
des allgottes Tlwaz erwiesen hat), kann aber in Wahrheit von 
der gesammtheit der taeiteischen Sveben nicht gegolten haben, 

B«itTlg» tax gwohiohto d«r dtutaohen spräche. XVII. 4 



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50 MÜCH 

da unter diesen, wie wir gesehen haben, auch der ingvaeonische 
und lugische cultverband mit einbegriffen ist. Ganz deutlich 
gerät schliesslich Tacitus, wie Kossinna, Westd. zs. 9, 202 richtig 
bemerkt, mit sich selbst in Widerspruch, da er Germ. 2 ebenso 
wie Plinius die Vandalen den Sveben gegenüberstellt, indem 
er Marsos Gambrivios Suebos Vandilios neben einander aufzählt 
Darnach steht es kaum mehr in frage, auf welcher sehe das 
ursprüngliche und richtige gelegen ist, und auch Baumstarke 
grobheiten (Völkerscbaftl. teil d. Germ. 140 ff.) gegen Schweizer, 
Usinger, Waitz, Sybel und Müllen hoff, die alle am taciteischen 
gebrauch des Svebennamens anstoss genommen haben, können 
die entscheidung gegen Tacitus nicht abwehren. Aufzuklären 
bleibt nur noch, wieso dieser dazu gekommen sein kann, auch 
die ingvaeoni sehen Völker und die ganzen Nord- und Ostger- 
manen unter den Sveben mit einzubegreifen. 

Das nichtsvebische Germanien bei Tacitus deckt sich völlig 
mit dem gebiet, welches die Kömer vor der erhebung unter 
Arminius als ihren besitz betrachteten. Im osten grenzte dieser 
an den machtbereich des Maroboduus. Zu diesem müssen wir 
während der rachekriege des Germanicus zunächst die Ermun- 
duren rechnen wegen ihrer durchaus teilnahmlosen Stellung 
gegenüber den Römern und Arminius. Der Langobarden frühere 
Zugehörigkeit zum anhange des Maroboduus wird durch die 
nachricht von ihrem abfall von ihm (Tacitus, Ann. 2, 45) voraus- 
gesetzt, ohne da 88 es sich freilich feststellen Hesse, zu welcher 
zeit ihr anschluss an ihn erfolgt ist. Wahrscheinlich mussten 
die Römer Maroboduus' vorherschaft über Langobarden und 
Ermunduren in dem ruhmlosen frieden anerkennen, den sie im 
jähre 6 n. Chr. abzuschliessen genötigt waren. Und wenn man 
vor dem kriege dieses Jahres ihm von römischer seite nach 
Velleius Paterculus 2, 109 zum vorwürfe machte, dass ganze 
Völker bei ihm Zuflucht fänden, die von den Römern abfielen, 
so ist das damals kaum auf etwas anderes zu beziehen als 
auf die aufnähme der Langobarden und Ermunduren in seinen 
Völkerbund, und beide stamme waren wohl in einem beriebt 
namentlich bezeichnet, den Strabo benützte; nur hat dieser einen 
ausdruck, wie den von Velleius gebrauchten : gentibus hominibus- 
que a nobis desciscentibus erat ad tum perfugium wörtlich ge- 
nommen, und er erzählt daher p. 291 von einer flucht und aus- 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 51 

Wanderung der EvfiovdoQoi und AayxoöaQyoi über die Elbe 
{wvl öh reXtcog elg xr\v jtSQalav ovxol ye ixjtsstrcixaöi tpevyovrsg)) 
die tatsächlich niemals stattgefunden haben kann. Dass die 
Langobarden im jähre 16 n. Chr. wahrscheinlich dem Arrainius 
gegen die Römer beistehen, spricht nicht gegen ihre damalige 
Zugehörigkeit zum machtgebiete des Maroboduus, dessen gefüge 
doch gewiss so locker war, dass es ihnen die beteiligung an 
jenen kämpfen auf eigene faust gestattete, und vielleicht ist 
dieselbe auch der erste schritt ihres völligen Übertrittes zu Ar- 
minius. Sonst gehörten zum reiche des Maroboduus, ausser den 
Markomannen selbst, die Semnonen nach dem Zeugnisse des 
Tacitus, Ann. 2, 45 und des Strabo p. 290; dieser macht uns 
überdies noch Aovlovg, Zov/tovg, Bovrovag, MovylJLcovag, Si- 
ßlvovg unter seinem anhang namhaft: namen, unter denen man 
den ersten sicher mit recht in den der Lugier, den dritten und 
den fünften mit weniger gewähr in den der Gu tonen und 
Sidinen hergestellt hat ZOYMOYS steht weit eher für AOY- 
NOYS als für BOYPOYS] vgl. Zs. fda. 33, 8. MovylXcovag 
dagegen, aus dem man gewaltsam genug die Burgundionen 
herauslesen wollte, macht nicht gerade den eindruck des 
verderbnisses und bedeutet wohl 'die mächtigen, starken'. 
Zu dem gleichbedeutenden ags. meagol wird sich *Mugilonez 
verhalten wie ahd. mugan zu magan; doch kann ein ablauts- 
rerhältnis zu diesem ags. worte auch bestehen, wenn es mit 
Sievers, Beitr. 5, 79 anm. und Kluge, Nora, stammbild. § 190 
als meagol aufzufassen ist; in letzterem falle wäre für den 
volksnamen auch länge des stammvocales in anschlag zu 
bringen. Ein besonderes und im übrigen unbekanntes volk 
werden aber die Mugilonen nicht gewesen sein, vielmehr ein 
solches, das sonst unter anderem namen auftritt. Dass dabei 
ein bestimmter stamm von den Ostseeinseln näher in betracht 
kommt, wollen wir vorläufig unerörtert lassen. Gewiss aber darf 
man die von Strabo aufgezählten namen (schon deshalb, weil da- 
runter die der Langobarden und Ermunduren fehlen) nicht als das 
vollständige Verzeichnis der Völker des Maroboduus betrachten; 
es steht also der Vermutung nichts im wege, dass auch die 
Kerthusvölker zu den durch vertrage von ihm abhängigen gehört 
haben, von denen Velleius 2, 108 spricht. Denn durch das er- 
scheinen einer römischen flotte an der küste Nordjütlands war 

4* 



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52 MtJCfi 

ihnen, ja sogar den Skadinaviern, die von den Römern dro- 
hende gefahr vor äugen gerückt — weit näher selbst, als etwa 
den Goten — und damit anläse gegeben, sich dem schütz- und 
trutzbttndnis gegen die eroberer anzuschliessen. Ihr Verhältnis 
zu diesem und seinem hochbegabten schöpfer braucht man sich 
dabei nicht als ein viel festeres vorzustellen als das befreun- 
deter Germanenfttrsten zum Ostgotenkönige Theoderik. 

Was lag unter solchen umständen für die Körner, als sie 
das westliche Germanien noch besetzt hielten, näher, als die 
freien Germanen nach dem fahrenden volke Suebi, ihr land 
Suebia zu nennen? Standen doch über den grenzen des rö- 
mischen machtbereiches im inneren Deutschland sowohl als an 
der Donau von den Langobarden bis zu den Quaden aus- 
schliesslich oder so gut wie ausschliesslich echte Sveben, und 
schon darnach hatten sie mehr veranlassung zu einer ausdehnung 
des begriffes Suebia auch über das ganze von Germanen be- 
wohnte hinterland, als die Franzosen, von Allemagne im sinne 
von 'Deutschland' zu sprechen. Hätten die Ueberrheiner die 
fremdherschaft nicht abgeschüttelt, oder hätte die Schöpfung des 
Maroboduus sich länger forterhalten, so hätte der Svebenname 
allgemein den sinn angenommen, in dem er uns bei Tacitus 
begegnet, und in dem auch die Sov^ßotkyyuXol bei Ptolemaeus 
2, 11,8 zu verstehen sind. Dass dies die erst auf der ptole- 
maeischen karte an die Elbe gerückten Angeln der kimbrischen 
halbinsel sind, beweist der umstand, dass anschliessend an sie, 
aber gleichfalls aus ihrer richtigen läge nach Südwesten ver- 
schoben, die Langobarden genannt werden: Tcov öh ivxog xal 
(lecoyetcov l&vcöv fiiyioxa fiiv laxi xo xe x&v Sovtjßoop xwv 
'AyytiXwv, 6t eloiv avaxolixartSQOi x<5v AayyoßaQÖ&v avaxti- 
vovxeg xqoq xag aQxxovt; (ityfii x&v fieöcov xov "4JLßiog xoxafiov 
xal xo xwv SovTjßcov xcov Se(iv6v(ov. Die Vorstellung von 
der nordöstlichen Stellung der ÄyyuXoi gegenüber den Aayyo- 
ßizQÖoi entspricht dabei ganz der antiken anschauung von der 
läge der kimbrischen halbinsel, die man sich gegen osten 
hinübergezogen dachte: ihre östlichste spitze — gemeint ist 
Fornäs — fällt bei Ptolemaeus sogar noch um ein gutes stück 
weiter nach osten als die 2ovfjßog- d. i. die Odermündung. 
Wirkliche Sveben (wofür sie noch von Müllen hoff s. 288 an- 
gesehen werden) können die Angeln und ihre nachbarstämme 



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zedby GoOgk 



Die südmark der Germanen. 53 

schon als Ingvaeonen nicht gewesen sein. Wenn sich die 
Engte im Widsi&liede 44 selbst den Swcefe gegenüberstellen, hat 
dies freilich nicht mehr zu bedeuten, als wenn in derselben zeit 
Baiern neben Schwaben genannt werden; das heisst, wir könnten 
es mit einer jüngeren einschränkung des begriffes Suebi zu tun 
haben. 

Kommen die kyysiXoi trotz des beisatzes Sovrjßoi bei 
Ptolemaeus in der tat nicht als solche in betracht, so sind 
andrerseits die meisten svebischen stamme bei diesem gewährs- 
manne nicht ausdrücklich als Sveben bezeichnet Es ist deshalb 
wohl möglich, dass von den Völkern die er uns im norden der 
Semnonen namhaft macht, also von den TevtovaQioi, OvIqovvoi, 
AvaQütoi und <PaQ<xöeivoL (von den Tevroveq ist natürlich ab- 
zusehen), das eine oder das andere, oder dass sie sämmtlich 
Sveben sind. Aber die blosse nachbarschaft der Semnonen ist 
doch nicht ausreichend, aus dieser möglichkeit eine Wahrschein- 
lichkeit zu machen, und an anderen nachrichten über jene 
stamme fehlt es uns völlig. 

Viel eher wäre bei den KaovXxoi des Strabo, KaXovxcoveq 
des Ptolemaeus der läge ihrer Wohnsitze halber an Sveben zu 
denken. Jedenfalls ist der von Müllenhoff, Zs. fda. 9, 231 ver- 
suchte nachweis, dass Kalukonen und Ampsivarier Unter- 
abteilungen (gauvölker) der Angrivarier seien, nicht als ge- 
lungen zu betrachten. Ja das einzig wesentliche, das sich zur 
begründung dieser aufstellung beibringen Hess, beschränkt sich 
eigentlich darauf, dass von Strabo bei erwähnung der von 
Germanicus im triumph aufgeführten gefangenen verschiedener 
germanischer stamme Angrivarier nicht, dafür aber KaovXxoi 
xal Kctfiipiavol genannt werden, und an einer andern stelle (die 
übrigens die namen zum grossen teile aus jener aufzählung 
der gefangenen herübernimmt) in gleicher Zusammenstellung 
der Ka&vXxcov (1. KaovXxmv) xal kpipavcov gedacht wird. Dass 
aber gefangene Angrivarier nicht erwähnt werden, findet die 
einfachste erklärung darin, dass die Römer keine gehabt haben, 
oder richtiger, dass sie die welche sie gehabt hatten, gegen 
die römischen in den händen der Angrivarier ausgetauscht haben 
werden. Diese sollen sich während des letzten feldzuges des 
Germanicus nach widerholter empörung wider unterworfen 
haben ; für die Römer gewiss kein grund, ihnen ihre gefangenen 



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54 toüCH 

ohne gegengabe zurückzustellen. Aber solche Römerfreunde 
waren sie auf keinen fall über nacht geworden, dass sie die 
schiffbrüchigen und gefangenen Römer, die sie um ihr geld von 
den ferner wohnenden gekauft hatten (Tacitus, Ann. 2, 24: 
multos Angrivarii nuper in fidem accepti redemptos ab inlerioribus 
reddidere) ohne entschädigung ausgeliefert hätten: befanden 
sich aber noch Angrivarier in römischer gefangenschaft, so be- 
stand die entschädigung naturgemäss in deren freilassung. 

Der name der Ampsivarii, um vorerst von diesen zu handeln, 
ist schon seiner bildung nach demjenigen der Angrivarii zu 
gleichartig, um eine Unterabteilung dieser zu bezeichnen. Wären 
sie dies, gehörten sie also zu den bewohnern des angers, so 
begreift es sich schwer, wieso sie Müllenhoff (a. a. o. s. 238) an 
die Weserberge stellen konnte. Allzuheftig eifert er auch 
(s. 239 f.) gegen die deutung des namens Ampsivarii als 'Ems- 
an wohner \ Denn seiner bemerkung: 'man wird auch wohl 
kein beispiel beibringen können einer composition des -varii 
mit einem flussnamen' ist der hin weis auf die vom flusse Nith 
benannten Picti, qui Mduari vocantur bei Beda in der Vita 
S. Cuthberti, Boll. Mail 3, 103 (Zeuss s. 573), ferner auf die Mar- 
harii Mährer (Zeuss 8. 600. 640) d. i. 'Marchan wohner' entgegen- 
zustellen, aber auch auf die Chasuarii, gegen deren beziehung 
auf die Hase Müllenhoff selbst DA. 2,217 nichts mehr einzu- 
wenden hat. Das p in Ampsivarii ist sicher euphonisch (Müllen- 
hoff, Zs. fda. 9, 239) und auf rechnung des lateinischen zu setzen: 
man vgl. dempsi für demsi, prompsi für promsi, sumpsio für sumsio 
und den namen der bruttischen Stadt Tempsa, die auch Temesa 
Temese hie ss. Im übrigen trage ich gar kein bedenken, auf 
germanischer'seite synkopierung aus älterem *Amisjawarjöz an- 
zunehmen, obwohl im flussnamen selbst und in anderen Worten 
mit gleichem quantitätsverhältnis in urgerm. zeit synkope nicht 
eintritt; denn in Zusammensetzungen gelten doch für die ein- 
zelnen bestandteile sichtbarlich andere betonungsgesetze, als 
wenn sie allein stehen, und niemand wird behaupten wollen, 
dass für den zweiten vocal in *Amisjawarjöz dieselbe tonfülle 
zur Verfügung stand, wie im einfachen *AmisI. Auf Emisgowe 
aber darf man sich zur begründung einer gegenteiligen meinung 
nicht berufen, da dies eine junge bildung, oder Emis- aus dem 
flussnamen widerhergestellt sein kann. Dass Ampsivarier nach 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 55 

Taeitus, Ann. 13, 55 von den Cbauken aus ihrem lande ver- 
trieben werden, ist sehr wohl begreiflich, wenn sie an der 
unteren Ems, nicht aber, wenn sie an den Weserbergen sassen. 
Sind die Ampsianen nicht mehr als ein teil der Angriva- 
rier zu betrachten, so entfällt damit schon jeder grund, warum 
die Ealukonen für einen solchen gelten sollten. Wenn gefangene 
vom stamme der KaovXxoi von Germanicus im triumph auf- 
geführt werden konnten, so war dies volk an dem freiheitskampfe 
der Germanen mit beteiligt und ist wohl mit unter die nicht 
namentlich bezeichneten nationes zu rechnen, die nach Tacitus, 
Ann. 2, 12 in der silva Herculi sacra heerversammlung hielten. 
Und wenn Ptolemaeus 2, 11, 10 die KaXovxcovsq zu beiden selten 
der Elbe sesshaft weiss, so können sie nur zwischen den Er- 
munduren und Langobarden gesessen haben, die selbst den 
genannten ström berührten. Auf den ersten blick befremdend 
ist es freilich, wenn er sie über den Cherasken, und noch auf- 
fälliger und notwendigerweise irrtümlich, wenn er sie über den 
Silingen ansetzt Betrachtet man aber die ganze namenreihe: 
DaXiv vxo (ikv xovg Sifivovaq olxovöi SiXlyyat .... vjto de 
xovg 2kXlyyag KaXovxcoveg lip kxaxsQa xov "AXßioq jtoxa/iov, 
v<p org XcuqovoxoI xal Kapavol (lixQ 1 T °v MeXtßoxov oqovq 
— so ergibt sich leicht, dass hier aus dem neben- ein unter- 
einander gemacht ist; nur konnte der geograph die Silingen 
zu oberst nicht brauchen, weil ihm in anderen quellen als der- 
derjenigen, aus welcher die vorliegende aufzählung geflossen 
ist, verschiedene nordnachbarn der Semnonen: Tsvxovoqioi, 
OvIqovpoi, Tevxovec, AvctQxoi oder doch ein par von diesen 
namhaft gemacht waren. Deshalb Hess er Semnonen und Silingen 
ihre platze tauschen. Wenn Cbamaver als nachbarn der Cherus- 
ken, und ebenso, wenn sie später als solche der Chatten und 
Tubanten genannt werden (Ptolemaeus 2, 11, lt: vxö öh xovg 
Kafiavovg Xäxxai xal Tovßavxoi), so ist das nur möglich, wenn 
man sich ihren machtbereich über das land der Bruktern aus- 
gedehnt dachte, gerade so wie dies bei Tacitus, Germ. 33 der 
fall ist. Man beachte auch, dass gerade von den Chamavern 
wegen des CHAMAVI QVI EL PRANCI der Tab. Peut. der 
bund und name der Franken auszugehen scheint Das MeU- 
ßoxov oqoq an ihrer seite ist natürlich dahin nur auf der karte 
des Ptolemaeus geraten, auf die es aus einer anderen quelle 



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56 MUCH 

eingetragen ist. Somit stehen die Kakovxcoveg, nachdem die 
namen richtig geordnet und in gehörige richtung gebracht sind, 
zwischen Semnonen im osten nnd Cherusken im westen, was 
sich ohnedies auch aus ihrer bereits erschlossenen Stellung 
zwischen Langobarden im norden und Ermunduren im Süden 
hätte folgern lassen. Wir werden sie nun keinesfalls mehr mit 
Zeuss (8. 112) nordöstlich von den Cherusken ansetzen, noch 
weniger übrigens mit ihm (s. 113) lediglich darum, weil sie von 
Strabo mit den Ampsianen zusammen genannt werden und 
Germanicus mit ihnen zu schaffen hatte, voraussetzen, dass sie 
erst neben diesen gewohnt hätten und dann an die Mittelelbe 
gezogen seien. 

Der schluss aus ihren nach drei Seiten hin von Sveben 
umgebenen und auf das rechte Eibufer hinaberreichenden Wohn- 
sitzen auf das Svebentum der Ealukonen ist indes durchaus 
nicht zwingend, und er muss wol unterbleiben, da Strabo p.291 die 
KaovXxoi unter den kleineren nichtsvebischen Germanenstämmen 
aufzählt Und noch aus einem anderen gründe. Bekanntlich 
berichtet uns Tacitus, Germ. 36 von einem in das Schicksal der 
Cherusken mit hineingezogenen nachbarvolk derselben, den Fosen. 
Da die Cherusken im norden nach Tacitus, Ann. 2, 19 durch 
einen grenzwall von den Angrivariern geschieden waren, im 
Süden nach Caesar BG. 6, 10 durch den Harz von dem Sveben- 
stamme den wir als die Ermunduren erkannt haben, und auch 
im westen zwischen ihren auf dem linken Weserufer liegenden 
gauen und den Bruktern und Chatten weder räum genug für 
einen andern stamm vorhanden ist, noch ein solcher in diesen 
gegenden, die so oft kriegsschauplatz waren, gewohnt haben 
kann, ohne widerholt genannt zu werden, so können die Fosi 
nur in der östlichen Umgebung des Cheruskenlandes gesessen 
haben. Da ferner Tacitus den namen Calucones oder Caulci 
nicht kennt und umgekehrt Ptolemaeus und Strabo keine <P<x>ool 
(obgleich dieser bei beschreibung des triumphes des Germanicus 
anlass gehabt hätte, sie unter den kampfgenossen der Cherusken 
aufzuzählen, und jener uns im übrigen weit mehr namen über- 
liefert als Tacitus), so sind wir fast genötigt, Fosi und KaXov- 
xa>ve$ KaovXxoi für dasselbe volk zu halten. 

Da x auch bei den Griechen durchaus nicht die häufigere 
widergabe von germ. h ist, so fragt es sich, ob Mttllenhoffs 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 57 

Zusammenstellung der KaXovxcoveg KaovXxoi, deren name in 
den zwei von einander unabhängigen quellen, die ihn über- 
liefern, nur mit K anlautet, mit dem ahd. und alts. Personen- 
namen Hahihho, ffaiuco (Zs. fda. 9, 236) das richtige trifft Auch 
das* eine der beiden namensformen eine verderbte sei, scheint 
mir nicht erweislich. Denn da bei Strabo an einer stelle 
KaovXxoi steht, an der anderen Ka&vXxa>v, wobei aber B 
auf zurückweist (s. Mollen hoff, Zs. fda. 9, 236), so dass auch 
hier KaovXxmv das ursprüngliche ist, kann eine Umstellung aus 
KaXovxoi nicht auf rechnung der Überlieferung gesetzt werden; 
und germ. *Kaulk~öz könnte sich zu *Kaluk-onez grade so ver- 
halten wie aisl. mjölk (aus *meulk) zu got. miluks (aus *melukz). 
Da es ausserdem noch eine germ. wurzel melk gibt (in melken, 
melk, fiiXxa bei Oalen 10 p. 468 (s. Kluge in Pauls Grundr. 
1, 307), so Hesse sich neben kaulk und kaluk auch eine wurzel 
kalk denken, und wir gelangten auf diesem wege zu got kalkjö 
(oder kalki?) 'hure' und kalkinassus 'hurerei'. Ein Spottname 
mit dem sinne, der aus diesen gotischen beziehungen deutlich 
wird, ist der in rede stehende name um so eher, als Fosi, d. i. 
germ. *Fösöz oder besser *Föstz — vgl. verbaladjectiva wie ahd. 
chuoni, got gadöfs, aisl. cegr u. a. m. bei Kluge, Nom. stamm- 
bild. § 231 und die bairischen Hösi Huosi — mit rücksicht auf 
hhi. feseRg f amhd. fesil 'fruchtbar', ahd. fasel, ags./te*/ ( foetus 
proles, soboles', aisl. fosuü ( a brood', mhd. vasel ( männliches 
Zuchttier' als 'foeeundi' zu verstehen sein wird. Der eine name 
scheint also den begriff des anderen in üblem sinne fortzuent- 
wickeln. Uebrigens sind die anderen gründe für die gleich- 
setzung der Fosi und KaXovxcovsg KaovXxoi bereits so aus- 
reichend, dass es nicht mehr darauf ankommt, ob auch die 
vorgetragene deutung ihrer namen zutreffend ist und ein Zu- 
sammenhang derselben besteht oder nicht Und jedenfalls sind 
die Fosen kein svebisches volk ; das beweist, abgesehen davon, 
dass sie nicht einmal Tacitus den Sveben zurechnet, ihre enge 
Verbindung mit den Cherusken. 

Aber selbst das Svebentum der Langobarden ist nicht ganz 
einwandfrei. Dass Tacitus diesen stamm unter die Sveben 
rechnet, ist belanglos. Auch die Sovijßoi AayyoßaQÖoi des 
Ptolemaeus fallen wenig oder gar nicht ins gewicht, wenn da- 
neben Zovtjßoi kyyeiXoi stehen. Und gegen das zeugnis des 



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58 MÜCH 

Strabo könnte man darauf verweisen, dass im WidsiÖlied 32 
den Langobarden ein urkönig Sc£afa zugesprochen wird, der 
kein anderer ist als Sc6af und *Ingwaz: s. Müllenhoff, Beo- 
vulf 10. Doch wird das besser aus späterem einfluss ihrer 
ingvaeonischen Umgebung erklärt werden. Und wenn andrer- 
seits ihre eigene stammsage von einem kämpfe mit den Van- 
dalen berichtet, der in der urzeit des Volkes stattgefunden haben 
soll, für den in geschichtlicher zeit auch jeder anlass fehlte, so 
ist das nur zu verstehen, wenn sie wirklich Sveben waren. 
Nur als solche und in der svebisohen Urheimat im lande der 
Semnonen können sie mit den Vandalen aneinandergeraten sein. 

Von den svebischen stammen Norddeutschlands stehen die 
Semnonen am weitesten im osten, und dieser umstand schon 
könnte uns bestimmen, sie für das ältere volk zu halten, auch 
wenn Tacitus dies nicht ausdrücklich berichtete. Wann und 
auf wessen kosten von ihnen aus die ausbreitung gegen westen 
erfolgte, enthüllt sich uns durch eine reihe von Schlüssen, die 
sich an den namen TevQioxatficu anknüpfen. Unter dieser be- 
zeichnung begegnen uns bei Ptolemaeus 2, 11,11 die nord- 
anwohner der 2ovör}ta oqtj, d. i. des Erzgebirges: eine Unter- 
abteilung der Ermunduren also, die wir uns im übrigen bis zum 
Harz und vom Thüringerwalde bis zur Elbe ausgebreitet denken 
dürfen, da ihr name auf ein geographisch geschlossenes gebiet 
hinweist. TevQioxalftac ist ganz so zu verstehen wie Bai(v)o- 
Xcclftai] und so wenig man die Boier schon *Bajahaimöz zu 
nennen Ursache hatte, so wenig werden die TevQioxal/icu das- 
selbe volk sein wie die Teurier selbst, vielmehr dasjenige, 
welches deren gebiet nach ihnen in besitz nahm, und somit ist 
es schon wahrscheinlich, dass wir es bei den Teuriern mit 
einem vorermundurischen, und wohl gar wie bei den Boiern 
mit einem keltischen stamme zu tun haben. Es fragt sich, ob 
ihr name uns nicht näheren aufschluss über sie gewährt. 

Ueber die form des germanischen wortes, das Ptolemaeus 
als TtvQioxalfiai widergibt, sind wir insoferne von vornherein 
noch nicht ganz im klaren, als die antike Umschrift germanisches 
f> von / nicht gut sondert: vgl. Wrede, Spr. d. Ostg. 170. Ptole- 
maeus im besonderen schreibt nur einmal & in einem germa- 
nischen namen, nämlich in rvfrcovtg (3, 5, 8), wo aber gerade 
/Yrorfs das richtige wäre, sonst immer nur r, und zwar in 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 59 

Bovqyovvtcov und etlichen anderen fällen, die alle bei gelegen- 
beit besprochen werden sollen, sicher für germ. p. Die Tsv- 
Qioxalfiai können darnach ganz gut bei den Germanen *Peur- 
jahaimöz geheissen haben. Der erste compositionsteil ihres 
namens erklärt sich dann als jä-ableitung aus dem germ. worte 
*/>euraz, aisl. pjdrr 'stier', das mit aslov. turn Naurus, auer- 
ocbs' und prenss. tauris 'wisent* zusammen auf eine gemein- 
same grundform *teuros zurückweist; und wir werden nicht 
fehl gehen, wenn wir auch hier wie in aisl. kib 'zicklein', fyl 
'füllen' und anderweitig (s. Kluge, Nom. stammbild. §58) das 
ya-euffix als deminutivbildend, die Teurier also als 'die jungen 
stiere 9 vielleicht auch als 'die jungen auerstiere' oder 'die jungen 
wisente' verstehen. 

Ganz das gleiche bedeutet aber der keltische stammname 
Tcurisci TsvqIoxoi, der uns ausser in Noricum auch schon 
in Oberungarn begegnet ist. Wenn die norischen Teurisken 
in der regel Taurisci TavQloxoi heissen, so ist dabei nur ihr 
ursprünglicher name durch einen anderen gleichbedeutenden 
ersetzt, und zwar von seite der Römer und Griechen, für die 
es besonders dann nahe lag, den keltischen volksnamen zu 
uostrificieren, wenn er ihnen in der jüngeren form *Touriskoi 
zu obren kam. An taurus ravQog 'stier' wird man dabei um 
so eher gedacht haben, als TaVQioxoc auch als griechischer 
eigenname vorkommt und als solcher sicher deminutivum von 
zavQoc ist; man vgl. griech. namen wie Kvvlcxog, Aayloxa, 
Ahovxlcxoq, NeßQloxog. 

Taurisci heissen übrigens gelegentlich auch die Taurini, 
ein ligurischer aber keltisch benannter stamm, und wider wird 
man dabei an latinisierung von kelt *Touriskoi, *Tounnoi denken 
müssen. Ja wenn nach Steph. ßyz. 608, 3 Mein, die Taurini 
bei Eratosthenes angeblich TsqIöxoi hiessen, ist dies sicher nur 
Verderbnis für Tevglaxoi, also auch hier die jüngerem *Touriskoi 
vorausliegende keltische namenform *Teuriskoi noch nachweis- 
bar. An Zusammenhang des namens der Taurisken mit dem 
der Tauern ist schon wegen des auftretens desselben volks- 
namens in anderen örtlichkeiten nicht zu denken, und selbst 
für die norischen Taurisken wäre eine bezeichnung als 'Tauern- 
an wohner ' wenig passend, da an den gebirgsübergängen dieses 
namens und in deren nähe doch nur der allerkleinste teil von 



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60 MUCH 

ihnen ansässig war. Deutlich ist auch Taurini eine deminutiv- 
bildung, und zwar eine nach art von ahd. fidtn, geizzin, zikkin 
und anderem bei Kluge, Nom. stammbild. § 57; und wenn die 
Taurini auch Taurisci hiessen, also hier ein deminutivsuffix das 
andere vertreten konnte, wird man unbedenklich auch Tevqio- 
(das zu Teurisko- sich verhält wie griech. naiölov zu xaiötoxoq) 
für einen anderen namen der keltischen Teurisken nehmen. 
Und vielleicht bestand die nebenform nur in der germanischen 
Zusammensetzung mit -h<mna(ri) und -haimöz, da sie sich hier 
als die kürzere empfahl und schon deshalb (wenn sie überhaupt 
möglich war) fast von selbst eintreten musste, weil damit der 
parallelismus mit *Bajahaima(n\ *ßajahaimöz hergestellt wurde. 
Wie im Süden des Harzes vor alters die Teurisken, so sitzen 
im norden dieses gebirges noch in geschichtlicher zeit die 
Gherusken. Beide stamme und ihre namen gehören deutlich 
zusammen; denn wie jene 'die jungen stiere' sind diese 'die 
jungen hirsche'. Gegenüber XIqovöxol bei Dio Cassius und 
XaiQovoxol bei Ptolemaeus kommt die Schreibung Xtjqovöxoi 
bei Strabo schon mit rücksicht auf die unzuverlässigkeit dieses 
gewährsmannes in der Überlieferung germanischer volksnamen 
nicht weiter in betracht. Der name ist als germ. *fferusköz l ) 
anzusetzen, und dies kann nicht gut etwas anderes sein als 



l ) Bremer freilich gibt Beitr. 1 1 , 3 der Schreibung Strabos den vorzag 
und hebt, am dieser mehr ansehen zn geben, hervor, dass Strabo richtig 
Zeyi/utjQog gegen Zrjyl/xeQog bei Dio Cassius schreibe, als ob wir nicht 
die gesammtheit der germanischen namen, die uns beide überliefern, ver- 
gleichen mUssten, um ein urteil zu gewinnen, wer von ihnen mehr glauben 
verdient. Zudem liegt in ^yifiBQog deutlich nur eine vertauschung der 
stammvocale vor, Eeyiitrjpos aber findet sich bei Strabo gar nicht, statt 
dessen vielmehr (der gen.) Alyifir^ovg oder AlytiAtjQov, jedoch nach aus- 
lautendem g des vorausgehenden wortes, so dass ZaiylfxrjQOQ herzustellen 
ist. Ebenso schreibt Strabo an einer stelle (S)aiyiattjg t Ptolemaeus 
AlXovaltaveq und Fufottyla, Dio Cassius rcu(o)ß6fxa()oq , wo überall <z< 
für germ. ? steht; vgl. Zs. fda. 35, 869; — und doch weiss Bremer über das 
ai in Xatpoiaxoi nichts besseres zu sagen, als dass man es für den 
offenen flaut geltend machen könnte. Am auffallendsten ist es aber, 
wenn Bremer als grund, weshalb wir in Cherusci kein kurzes (also ge- 
schlossenes), sondern ein langes (also offenes) t anzunehmen hätten, den 
umstand anführt, dass die römischen und griechischen Schriftsteller in den 
ältesten deutschen eigennamen anlautendes germ. h nur vor a, au, ai 
durch eh, bez. / widergegeben hätten, dagegen vor e durch A, bez. spi- 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 61 

eine ableitung von *herut- 'hirsch', was unabhängig von mir 
and gleichzeitig auch Edward Schröder erkannt hat. Es bleibt 
nur noch zu erwägen, ob *Herut-köz oder *fferut-sköz zu gründe 
liegt Beides würde zu *ßerusköz fuhren und beides ist möglich. 
Und zwar würde sich ersteres bildungen wie ags. bulluc 'junger 
ochse' neben aisl. boli l ochse', aisl. mabkr neben got. mapa 
'made' und anderem der art bei Kluge, Nom. stammbild. § 61 
an die seite stellen. Und ist unter den germ. tiernamen mit 
Ar-suffix zufällig keiner ohne mittelvocal gebildet — denn schwed. 
mask, von dem Noreen, Urgerm. judl. s. 57 dies voraussetzt, ist 
wohl erst eine junge schwedische entwicklung aus mapker — 
so kann man sich darauf berufen, dass sonst im germanischen 
Ar-ableitungen auch ohne mittelvocal vorkommen. *lferut-sköz 
dagegen stünde dem namen *Teuriskoi *Peurisköz auch seiner 
form nach näher und verdient wohl deshalb schon den vorzug. 
Ein seitenstück dazu ist frosch, ahd. frosk, ags. forte, aisl. froskr, 
das wegen des gleichbedeutenden ags. frogga von Brugmann, 
Grundr. 2, 260 auf fruh-ska-, von Kluge EW. *97 auf fruh-tqar 
zurückgeführt wird. Und hieher gehört auch der name Oiscingas, 
den nach Beda das geschlecht des Hengest, und der zuname 
Oitc, den (Eric, dessen söhn, führte, sofern Heinzel, Anz. fda. 
16,274 mit recht vermutet, dass darin, sowie in (Eric selbst 



ritus asper. Der Überlieferang eine so haarfeine Unterscheidung iuzu« 
trauen, ja diese geradezu wie eine bekannte tatsache und als ausgangs- 
punkt einer folgernog hinzustellen, ist um so unzulässiger, als einerseits 
die widergabe vor germ. h auch vor dunkeln lauten keine gleichartige 
ist — schon Caesar schreibt Barudes, Tacitus Vahalis, Harii — andrer- 
seits ausser Cherusci nicht ein völlig sicherer alter beleg für germ. 
h vor e oder t vorhanden ist und spätere Schreibungen wie Chilperi- 
eus, Brunichildis doch auch ihre tradition haben. Warum Bremer 
jene so haltlose behauptung aufstellte, ist übrigens klar. Die Che? 
rusken waren ihm einmal 'die haarigen' und das musste nun bewiesen 
werden. Die herleitung ihres namens von got. hairus 'seh wert' ist gewis 
nicht ansprechend, zumal seit der gott Heru sich als ein phantasie- 
gebilde erwiesen hat. Wenn aber Bremer sie verwirft, weil sie, wie 
er meint, das einzige beispiel einer sk- oder wAr-ableitung wäre, und 
deshalb Cherus-ci abteilt, so müsste er doch folgerichtig seinerseits andere 
beispiele solcher Ar-ableitungen aus s- stammen anführen. So ist es also 
mit der besseren methode bestellt, deren Bremer im vergleich mit Müllen- 
hoff — s. Litteraturblatt f. germ. und rom. phil. 9, 443 f. — sich be- 
rühmte. 



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62 müch 

das wort eoh stecke, wodurch sich diese namen sehr gut an 
Hengest uud Uorsa anschliesscn würden. 

Dadurch dass wir die filtere heimat der Teurisken, die 
ja doch in die Alpen sowohl als in die Karpathen erst in 
verhältnismässig später zeit eingedrungen sind, in Norddeutsch- 
land nachweisen können, bestätigt sich Müllenhoffs annähme, 
dass das vordringen der Germanen in Deutschland mit den 
grossen Eeltenwanderungen nach dem Süden und osten in Zu- 
sammenhang steht. Vor diesen, vor dem Sigovesus- und Bello- 
vesuszuge, also im 5. jh. v. Chr., lief die grenze beider Völker 
über den Harz, wenn, wie es ihr name fordert, die Cherusken 
nachbarn der Teurisken in *Peurjakaima(n) waren. Im übrigen 
fiel die Germanengrenze damals mit der nachmaligen grenze 
der Semnonen gegen Ermunduren und Markomannen zusammen, 
wurde also durch die Mittelelbe bis hinauf zu ihrem durchbruch 
durch das böhmische randgebirge, dann weiter gegen osten 
durch dieses selbst gebildet; auch die Lugier mögen damals 
schon bis ans gebirge gereicht haben. Standen aber die Che- 
rusken bereits wesentlich in dem bereich, in dem sie nachmals 
ihre geschichtliche rolle spielen (nur vielleicht noch nicht so 
weit nach westen und etwas weiter nach osten reichend), so 
müssen zu gleicher zeit die Istvaeönen schon im westlichen 
Norddeutschland ausgebreitet gewesen sein; denn dass sie sich 
später erst zwischen den Cherusken und der Nordsee nach 
westen vorgeschoben haben, ist nicht gut denkbar, und schon 
ihre ganze eigenart weist darauf hin, dass sie nicht später als 
die Erminonen mit den Kelten in bertthrung gekommen sind. 
Ja es scheint gar nicht ausgeschlossen, dass sie im 5. jh. 6chon 
den Rhein an seinem unterlaufe erreicht hatten. Mindestens 
aber geschah dies schon vor dem eintritt der germanischen 
lautverschiebung, da der linke mündungsarm des Rheines bei 
Caesar mit keltischem namen als Vacalus (s. Glück s. 160) be- 
zeichnet ist, bei Tacitus hingegen als Vahalis, bei Sidonius 
Appollinariß als Vachalis, also mit deutscher lautgebung, die ja 
auch der jetzt üblichen namenform Waal zu gründe liegt 

Als die Sveben nach der auswanderung der Teurisken über 
die Elbe vordrangen, war übrigens die germanische lautver- 
schiebung noch nicht vollzogen, wenn anders der bergname 
Finne auf kelt. penn 'köpf zurückgeht, wie Müllenhoff s. 234 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 63 

ansprechend vermutet. Die flussnamen auf -apa, -ipa, -vpa 
stehen dem nicht in wege, da sie, wenn sie keltischeu Ursprunges 
sind, in ihrem grundbestande doch nur auf keltische mit b- 
sufBx gebildete zurückgeführt werden können. Jedenfalls ver- 
dienen die norddeutschen localnamen keltischen Ursprunges 
erneute beachtung, da ihre behandlung durch dte Germanen 
einen terminus für die lautverschiebung aufzustellen gestattet. 
Auch zwischen den namen *H'alhöz und *Uolkoi liegt die laut- 
verschiebung mitten inne, und soferne Caesar von den Volcae 
Tectosages mit recht erzählt, dass sie durch die grosse 
Keltenwanderung nach Germanien und an den erkynischen wald 
geraten seien, so bestätigt sich damit, dass jenes germanische 
Sprachgesetz nach dem gigovesuszuge in kraft getreten ist 
Man beachte auch, dass der germanische name des hanfes, 
ahd. hanaf, ags. hcenep, aisl. hanpr, gegenüber griech. xdvvaßig 
durchaus verschobenen laut zeigt. Diese pflanze wurde den 
Griechen von Skythien her (von wo aus sich ihre cultur über 
Europa ausbreitete) erst im 5. jh. bekannt: Herodot 4,74 be- 
sehreibt ihre Verwendung seinen lesern noch als etwas neues. 
Kaum früher aber als die Griechen, die mit der nord koste des 
Schwarzen meeres von alters her durch ihre poetischen pflanz- 
Städte in lebhaften beziehungen standen, lernten die Germanen 
sie kennen. — Auf der anderen seite weist der name der 
Kimbern, wofür ich mir den naohweis für bessere gelegenheit 
spare, schon verschobenen laut auf. Und aus dem um das jähr 
10U v. Chr. entlehnten namen der Donau, kelt. *Dänuuios, ist 
schon germ. *DönawJ, ahd. Tuonauua, nicht *Tönawi, *Zuonauua 
entsprungen. Vielleicht in noch früherer, sicher aber in vor- 
römischer zeit, ist das ebenfalls nicht weiter verschobene got. 
peika-, kiiikn, sipöneis — s. oben s. 33 — aus dem keltischen 
herübergenommen worden. Die lautverschiebung dürfte darnach 
im dritten jh. v. Chr. oder wenig früher oder später erfolgt sein. 

Der erste schritt nach westen führt die Sveben schon auf 
keltischen boden. Und im zusammenhange mit dem vordringen 
anderer Germanen in das alte Keltenland mag auch der Elb- 
übergafag der Langobarden stehen, die dabei an die stelle einer 
weiter nach westen abrückenden Germanenabteilung, etwa der 
Chatten, getreten sein mögen. 



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64 MUCfl 

Ein einbrach in das keltische Sttddeutschland erfolgte aber 
erst, nachdem die Ermunduren längs des nordrandes von Böhmen 
und über diesen hinaus bis an den oberen Main sich vorge- 
schoben hatten. Dort endlich war eine stelle erreicht, an der kein 
natürliches hindernis das vordringen nach dem Süden aufhielt 

Ueber die zeit der erwerbung der elvetischen mark sind 
wir jetzt, nach Kossinnas die Teutonen betreffender entdeckung, 
so sehr im klaren, dass man sicher um kein volles Jahrzehnt 
fehlgreifen würde, wenn man im jähre 1900 den 2000jährigen 
gedenktag dieses ereignisses begienge, mit dem der marko- 
mannisch-bairische stamm, wo nicht seinen Ursprung, so doch 
seinen ersten mächtigen aufschwung nimmt 

Ob die Germanen welche an die. stelle der ausgewanderten 
Teutonen traten und deren zurückgebliebene reste unterwarfen, 
als geschlossener stamm eingerückt, oder ob sie bloss ermun- 
durische und andere svebische freischaaren gewesen sind, wird 
sich schwer entscheiden lassen. Markomannen heissen sie erst 
nach ihrer niederlassung in der 'mark', sie scheinen aber da- 
neben doch ursprünglich noch einen anderen eigentlichen stamm- 
namen geführt zu haben. 

Als die Elvetier im jähre 58 v. Chr. den nachher von Caesar 
vereitelten auswanderungsversuch unternahmen, schlössen sich 
ihnen nach BG. 1,5 ausser einer boischen abteilung drei nachbar- 
stämme an, die Rauraci, Txdxngi und Latovici. Davon sind die 
erstgenannten auch später noch bekannt und um Augusta 
Rauracorum, d. i. Äugst bei Basel, ansässig (s. Zeuss s. 220), 
die namen der beiden anderen aber sind nachmals verschollen. 
Doch gewährt die bedeutung von Latovici, d. i. 'locis lutosis s. 
gtagnosis habitantes' (s. Glück s. 115) einen anhaltspunkt, da 
in der nachbarschaft der Elvetier — jene drei stamme sind 
BG. 1,5 als ftnitimi derselben bezeichnet — nur das Rheintal 
südlich vom Bodensee oder allenfalls das Bodenseeufer selbst an- 
läse zu einer solchen bezeicbnung gegeben haben kann. Zwischen 
Rauraken und Latoviken wird man dann die Tulingen zu suchen 
haben. Aber am linken ufer des Rheines haben sie, da dieser 
ström nach BG. 1, 2 die grenze der Elvetier selbst gegen die 
Germanen bildet, nicht platz. Auf die rechte Rbeinseite ver- 
weist zudem ihr name, dessen suffix im keltischen nicht nach- 
weisbar, im deutschen dagegen eines der geläufigsten ist und 



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DIE SÖDMAHK DER GERMANEN. 65 

gerade in einer fülle von alten volksnamen Verwendung ge- 
funden bat. 

Diese werden freilich so ziemlich alle noch nicht richtig 
verstanden, da man von dem Vorurteil befangen ist, dass es 
sich dabei um patronymika handele. Dass wir aber mit solchen 
Dicht ausreichen, zeigt deutlich der name Thuringi: denn es ist 
nicht einzusehen, warum sich dieser stamm nicht nur als *Pu- 
ronez oder *Ermunduröz, sondern auch als deren nachkommen 
bezeichnet haben soll. Die richtige erklärung des namens 
Thuringi ergibt einzig seine Zusammenstellung mit den über- 
aus zahlreichen, in allen germanischen sprachen vertretenen ab- 
leitungen auf -inga-, denen eigenschaftsbezeichnungen, adjectiva 
und abstracta, zu gründe liegen; man vgl. ahd. muoding, arming, 
mahtmg, ags. höring, lytling, aisl. vitringr, veslingr, snillingr u. a. m. 
bei Kluge, Nom. stammbild. § 24. Hj. Falk, Arkiv 4, 352 be- 
zeichnet diese bildungen als intensiva, und in der tat scheinen 
sie zum teil den begriff zu verstärken; aber meist haben sie 
nur die bedeutung substantivierter adjectiva. Eben darum 
stehen häufig in volksnamen einfache Substantivierungen und 
m^a-ableitungen neben einander: ich erinnere hier ausser an 
die Düringe an die Flamen oder die Fläming e und an die Bd- 
ningas im WidsiÖlied v. 19, die dort den Burgendan zur seite 
stehen, deren neben Burgundaib gelegenes land aber im prolog 
des Edictum Rotharis Baynaib Bainaib heisst, woraus man einen 
volksnamen got *Bain6s — vgl. aisl. beinn in der bedeutung 
'hospitalis', Cleasby-Vigfüsson 56 — erscbliessen kann. Nur 
beiläufig sei hier bemerkt, dass man ganz mit unrecht die nor- 
dische sagenüberlieferung allgemein eines irrtumes zeiht, weil 
sie Sigmunds vater Vglsungr nennt, während im Beowulf Sig- 
mund Wtelses eafera heisst. Vqlsungr braucht ja gar nicht söhn 
des *Va!s, sondern kann ganz das gleiche wie *Va!s selbst 
ausdrücken. 

Um auf die Tulingi zurückzukommen, so dürfen wir ihren 
namen, da ihn Caesar aus elvetischem munde, also mit kel- 
tischem lautersatz vernahm, unbedenklich als germ. *Pulmgöz 
ansetzen. Wie die *Puringöz 'die wagenden' sind sie 'die tragen- 
den', 'die geduldigen' oder 'die ausdauernden'; wie der eine 
name mit aisl. pora und seiner sippe — vgl. Zeuss s. 103. 
Henning, Runendenkmäler 98. Wrede, Spr. d. Ostg. 77 — ge- 

Beitrftge zur geschieht« der deutschen ipraohe. XVII. 5 



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66 MUCH 

bort der andere mit aisl. pola, got. pulan, ahd. dolen, ags. 
poiian zusammen, zunächst aber zu ahd. mhd. dole, dol stf. 
Meiden', aisl. pol n. 'patience, endurance'. Somit ist nicht allein 
die deutschheit des namens Tultngi einleuchtend, sondern auch 
seine besondere eignung, den nacbbarstamm der Thuringi zu 
bezeichnen. Die Tulingen sind also kaum etwas anderes als 
die Markomannen. Und dass auch von deren seite den Elvetiern 
eine freischaar Sich anscbloss, darf uns nicht wundern, wenn 
nur aussieht auf land- und beutegewinn vorhanden war; hatten 
doch umgekehrt seinerzeit elvetische Teutonen und Tigurinen 
den wandernden germanischen Kimbern und Ambronen sich 
zugesellt. 

Ein nacbbarvolk der Markomannen sind die Varisten. 
Aber ob mehr als das, bleibt fraglich. Dass sie 'ohne Zweifel' 
eine abteilung von ihnen seien, die in den alten sitzen zurück- 
blieb, lässt sich jedenfalls nicht mit fug behaupten. Niemals 
werden sie mit unter die Markomannen gerechnet, und da diese 
als Baiwaren Böhmen verliessen, war ihr erstes, die Varisten 
zu verdrängen; doch darüber im folgenden. Gepau besehen 
wissen wir nicht einmal, ob sie Sveben sind, da darauf, dass 
Taoitus sie diesen zuzählt, in anbetracht des sinnes, den er 
mit diesem namen verbindet, nichts zu geben ist. Wir wissen 
aber auch nicht, ob sie schon vor der einwanderung der Marko- 
mannen in Böhmen dort standen, wo wir sie später antreffen, 
oder ob sie unter die stamme zu rechnen sind, die nach Strabo 
p. 290 Maroboduus ausser den Markomannen im Süden der Her- 
cynia ansiedelte. 

Ihre sitze hat man bisher aus der folge der namen bei 
Ptolemaeus 2, 11, 11 zu bestimmen gesucht, wo es heisst: ... xal 
vxhg ta Sovdfjra oQtj TivQtox<*l(tcu, v*o 6h ra oqtj OvaQioroi' 
tha t) raßQpjxa vkt] " vjto 6h tijv raßQtjrav vktjv MaQxofiavol, 
vtp % ov<; 2ov6tvo\, xal (iixQ* *ov Aavovßlov xotafiov oik6Qaßat- 
xdjüjrot. 

Da von den Varisten so viel auf jeden fall feststand, dass 
sie nicht innerhalb der böhmischen randgebirge anzusetzen sind, 
wollte Zeuss ihre läge unter den Xov6fjta oQtj durch die annähme 
erklären, dass dieser name ein das Erzgebirge, den Franken- 
und Thüringer wald umfassender sei (s* 8), so dass sie, wenn 
er sie (s. 117) an das Fichtelgebirge und die fränkischen höben 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 67 

stellt, immer noch unter die SovÖrpa oqij zu stehen kommen. 
Und in gleicher läge dachte sie sich ßichtbarlich auch Müllen- 
hoff, da er s. 302 von Varisten am Fichtelgebirge redet. 

Soviel ist aber sofort klar, dass, wenn auch die von Zeuss 
versuchte ausdehnung des begriffes Sovörjra oqtj und seine 
ansetzung der Varisten richtig wären, durch diese seine auf- 
fassung die oben ausgebobene stelle des Ptolemaeus nicht 
wesentlich verständlicher würde. Denn die raßQrjra vXtj ist 
nach dem was Strabo p. 292 von ihr sagt, unzweifelhaft der 
Böhmerwald, wofür sie ja auch Zeuss immer nimmt. Wie 
kommt aber der Böbmerwald unter, das ist — in der von den 
JSovdtjta oqtj zur Donau herablaufenden reihe — südlich von den 
Varisten zu stehen? Und wie kommen dann noch unter ihn 
die in Wahrheit nördlich von ihm sesshaften Markomannen, 
unter diese endlich die Sudinen, die doch deutlich mit den 
2ovörfta oqtj zusammengehören? Der fehler des Ptolemaeus 
ist aber nicht schwer zu erkennen und zu verbessern: er be- 
steht darin, dass die ganze namenreihe zwischen den Uovöt/xa 
oqtj und den Kampen in verkehrter Ordnung auf die karte ge- 
setzt ist. Um dies anschaulich zu machen, seien hier die namen 
in der Ordnung des Ptolemaeus und in der berichtigten neben 
einandergestellt : 

TevQioxalftcu TevQioxalftai 

Sovörjza 6q?] JSovöijta oqtj 

OvaQiOxoi Sovöivol 

raßQrjra vktj MaQxofiavol 

MaQxoftavot raßQrjra vXt) 

JEovöivoi OvaQiötoi 

jiÖQaßaixäfiJtoi JiÖQaßacxdfiJtoi 

Dass Ptolemaeus diese Umstellung einer namenreihe . vor- 
nehmen konnte, war aber nur möglich, wenn er über ihre 
richtung im unklaren, ihr Zusammenhang mit dem ström im 
Süden, dem gebirge im norden in der quelle aus der er sie 
schöpfte, nicht gegeben war. Wäre ihm oder wer es sonst ist, 
von dem der betreffende teil der ptolemaeiscben karte herrührt 
— eine einschränkung, die auch im folgenden immer zu gelten 

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68 MÜCH 

bat, wenn von Ptolemaeus die rede ist — der name der 
köQaßaixäfiJtot, die er in bestimmten Worten ans Donauufer 
stellt, zugleich mit den übrigen zugekommen, so hätte ein Zweifel 
darüber, wie die namen einzutragen seien, in ihm nicht auf- 
kommen können, und sein irrtum — denn nur um einen solchen 
kann es sich hier handeln — wäre unmöglich gewesen. Inso- 
ferne fördert dieser irrtum sogar unsere erkenntnis. Denn 
stünden jene vier namen in der gehörigen Ordnung, so könnten 
wir nicht ermitteln, was nun klar wird: dass der name kÖQa- 
ßcuxafijtot aus einer anderen einzelnachricht als die über ihm 
stehenden auf die ptolemaeische karte geraten ist. Und da die 
namen der beiden Rampenstämme sicherlich zusammen über- 
liefert sind, so gilt dasselbe auch von dem der üaQfiaixafLxof 
im Verhältnis zu der durch ihn abgeschlossenen namenreihe. 

Die Rampen reichen in der Germania des Ptolemaeus bis 
zur 'E/Lov?/tIcov igt/fiOQ und den klntla oqtj: eine erstreckung, 
die von vornherein unglaublich ist bei einem volke das gar 
keine geschichtliche rolle spielt, gegen die aber die eben er- 
wiesene tatsache zeugnis ablegt, dass sie mit den auf der karte 
hinter ihnen eingetragenen namen in den quellen des Ptole- 
maeus nicht zusammen genannt wurden. Ein schon von Müllen- 
hoff s. 325 gekennzeichneter fehler der plolemaeischen karte 
besonders in ihrem südlichen teile ist die starre anordnung der 
namen in reihen von norden nach Süden : ein verfahren, in folge 
dessen, wie a. a. o. gezeigt ist, die ostnachbarn der Quaden in 
deren rücken zu stehen kommen. Wir haben oben ähnliches 
in der Bastarnendiathese und in der reihe die den namen 
KaXovxcoveq enthält, beobachtet. Schon die im Verhältnis zu 
der nord-südlichen zu geringe ausdehnung des ptolemaeischen 
Germaniens in der richtung von west nach ost musste dazu 
verleiten, nach möglichkeit aus dem neben- ein übereinander 
zu machen; und dazu kam, dass namen untereinander ge- 
schrieben viel mehr platz fanden als neben einander. Durch 
die namen Balfioi, ^PaxatQlai, 'Paxdtai, köQaßaixäfixoi und 
UaQftmxdfutoi war der räum am Donauufer schon vollständig 
in anspruch genommen, und wie im Osten die OvtoßovQyiot sammt 
ihren Untermännern, so mussten auch westliche stamme mit 
rückwärtigen platzen sich begnügen, obwohl sie auf die vordersten 
ein anrech t gehabt hätten. Wie weit wir aber, um diesem 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 69 

unsererseits widerum geltung zu verschaffen, die Kämpen gegen 
osten zurückschieben müssen, ergibt sich aus den sitzen der 
Varisten selbst, wenn sich diese bestimmen lassen und gezeigt 
werden ksnn, dass sie bis zur Donau herabreichten. 

Tacitus nennt uns Germ. 42 die Naristi unter den Völkern 
an der 'stirne' Germaniens, l quatenus Danubio peragitur\ Nach 
der nunmehr berichtigten stelle des Ptolemaeus, oder besser 
gesagt nach der Vorstellung seines gewährsmannes, sitzen sie 
unter der raßQrfta vir], unter dem Böhmerwalde. Dieser lässt 
aber bis zur Donau nur einen so schmalen streifen bewohnbaren 
landes übrig, dass es ganz unglaublich ist, dass hier zwei ver- 
schiedene stamme hinter einander gesessen haben. Es ist auch 
folgendes zu erwägen. Jene namenreihe: OvccqiötoI, raßQqra,MaQ- 
xo/iavol, Sovöivol enthält die angäbe eines römischen reisenden 
oder germanischen gewährsmannes, oder das was in Regino, 
Boiodurum oder sonst einer Donaustation derselben gegend über 
die nordnacbbarn allgemein bekannt und zu erfahren war. 
Dass die Verbindung jener namen mit den Sovdfjta oqt) und 
den Teuriochaimen erst von Ptolemaeus hergestellt werden 
musste — andernfalls wäre ja die umkebrung der reihe nicht 
möglich gewesen — ist einfach damit erklärt, dass die 
kundschaft des gewährsmannes nicht über die nordgrenzen 
Böhmens hinausreicbte, oder damit, dass er gar nicht die ab- 
sieht hatte, in seiner aufzäblung weiter fortzufahren, die an 
jener grenze einen natürlichen abschluss fand. Aber ganz un- 
begreiflich wäre es, wenn er zwischen der Donau und den 
Varisten eine lücke gelassen hätte. 

Die wichtigste nachricht über das in rede stehende volk 
ist indes die zuerst von Zeuss s. 585 auf sie bezogene stelle 
in Engilberts vita s. Ermenfredi (Boll. Sept. 7, 117), die von 
der herkunfl der Warasci am Jura folgendes meldet: (Eustashts) 
progrediens Warescos ad fidem convertit, qui olim de pago qui 
dicitur Stadevanga, qui situs est circa Regnum flumen, partibus 
orientis fueranl eiecti, quique contra Burgundiones pugnam ini- 
erunt, sed a primo cerlamine terga vertentes dehinc advenerunt, 
atque in pugnam reversi, victores quoque effecti, in eodem pago 
Warescorum consederunt. Dass die eine lesart, Regnum, nicht 
die andere, Rhenum, die richtige ist, ergibt sich aus dem be- 
stimmenden zusatz partibus orientis, der auf den Rhein nicht 



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70 MUCH 

zuträfe. Abgesehen davon ist es nur zu verstehen, wenn ein 
abschreiber einen ungeläufigen durch einen bekannten namen 
ersetzt, nicht aber das umgekehrte. Das flumen Regnus ist, 
wofür es Zeuss s. 585 nimmt, der Regen, Regan beim Geo- 
graphen von Ravenna, ein fluss, der, beiläufig bemerkt, ger- 
manisch benannt ist: sein name ist dasselbe wie das appella- 
tivum regen, eine etymologie, die schon im mittelalter geläufig 
war, als man den Regen in Ymber, Regensburg in Imbripolis, 
Hiatopolis (s. Förstemann DN. 2 \ 1233, 1235) antikisierte. Für 
das hohe alter der benennung zeugt das Regvno der Tab. Peut. 
an der stelle Regensburgs, ein name, der nichts anderes als 
der flussname selbst ist, gerade wie <PXt]ovfi, NavdXia, kfitola, 
Aovxjtla, khcifioevvlg in der Germania des Ptolemaeus oder 
die Römerorte Abtesina, Aliso, Arrabo, Arelape, Trigisamo, Guntia 
u. a. m. Wenn aber die alte heimat der Warasci Stadevanga 
genannt wird, das ist 'ufergefild', so kann das, wo die ripa 
Danuvii in der nähe lag, nicht mehr auf das ufer des Regen 
abzielen. Unter dem gestade schlechtweg muss in jener gegend 
das der Donau selbst gemeint sein. Stadevanga hiess der gau 
natürlich nicht vom Standpunkte anderer Donauanwohner, son- 
von dem der nördlicheren Germanenstämme aus. • 

Zeuss s. 585 möchte die Warasci am liebsten von den nach 
Dio Cassius 71, 21 während des Markomannenkrieges auf rö- 
mischem boden angesiedelten 3000 Naristen herleiten. Wie 
aber hätten diese so lange ihren namen, ihre nationalen er- 
innerungen und ihr heidentum bewahren können? Da die 
Burgunden, ehe sie den Rhein überschritten, am Maine sassen, 
so vermutet Müllenhoff, Zs. fda. 9, 132, dass ihnen von dort die 
benachbarten Varisten nach Gallien gefolgt seien. Hätten sie 
sich aber so früh schon den Burgunden angeschlossen und schon 
deren Schicksale vor deren niederlassung in Sapaudia geteilt, 
so wären sie in ihnen spurlos aufgegangen. Und überdies be- 
richtet ja die vita s. Ermenfredi in bestimmtester form etwas 
ganz anderes von ihnen, wovon wir ohne not nicht umgang 
nehmen dürfen ; um so weniger, als ihre austreibung aus Stade- 
vanga in dem Übergang der Markomannen-ßaiern über den 
Nordwald die natürlichste erklärung findet, an die auch Zeuss 
s, 585 gedacht hat, ohne indes diesen gedanken festzuhalten. 
Wenn er daran anstoss nimmt, dass eine kleine abteilung im 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 71 

kämpfe gegen die mächtigen Burgunden das feld behauptet 
haben boII, so ist dagegen einzuwenden, dass wir ja die macht 
der einwandernden Warasken (denen überdies, wie später dar- 
gethan werden soll, die Skudingen zur seite standen), gar nicht- 
abzumessen in der läge sind, dass wir auch nicht wissen, ob 
ihnen der gesammte heerbann der Burgunden gegenüberstand, 
und dass es schliesslich nicht die Unterwerfung der Burgunden 
ist, die sie erzwangen, sondern ihr eigener anschluss an die- 
selben und die abtretung eines landstricbes zur besiedlung. 

Der name der Varisten stellt an uns eine frage, deren be- 
antwortung wir um so mehr versuchen sollten, als uns dies für 
spätere Untersuchungen zu statten kommen kann. Die Über- 
lieferung schwankt in der widergabe seines anlautes zwischen 
V und iV derart, dass beides so ziemlich gleich gut beglaubigt 
ist, und Müllenboflf entscheidet sich Zs. fda. 9, 131 f. für Varisti 
hauptsächlich aus dem gründe, weil dies leicht eine etymologie 
zulässt Nach Baumstark, Völkerschaftl. teil d. Germ. 201 
hätte sogar schon 1841 Tross 'bewiesen', dass statt des hand- 
schriftlichen Naristi oder Narisci Varisti zu lesen sei. Dass 
man aber Naristi nicht verwerfen darf, zeigt ein denkstein aus 
Carnuntum (CIL. 3, 4500) mit der inschrift: D. M. Naevio Pri- 
migenio domo Naristo arm. LXXV filia Creusa parenti pientissimo 
et Naevia coniunx posuerunt et ceteri srü. Das denkmal ist, wie 
Mommsen a. a. o. richtig bemerkt, einem der nach Dio Cassius 
71, 21 auf römischem boden angesiedelten Naristen gewidmet. 
Wenn aber Mommsen dieser inschrift wegen widerum die form 
Varisti für verderbt erklärt, so erheben dagegen schon die 
späteren Warasci einspräche. Es bleibt nichts übrig, als uns 
mit beiden formen des namens abzufinden. Dass sie etymo- 
logisch Dichte mit einander zu tun haben, ist dabei von vorn- 
herein klar, aber sicher ist es nicht ohne bedeutung, dass sie 
an einander anklingen. 

Müllenhoff erklärte Varisti Zs. fda. 9, 132 als eine superlativ- 
bildung von got wars 'behutsam* (ahd. gawar 'providus, vigi- 
lans 9 ), womit warjan 'defendere' und wahrscheinlich warnön 
'prospicere, instruere' zusammenhänge, und wollte darin eine 
kriegerische bedeutung suchen, wie denn auch Zeuss s. 117 
ähnlich die Varisten als die 'wehrischen von warjan' auffasst. 
Allein gerade dieses wort muss ganz aus dem spiele bleiben 



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72 much 

da es mit got. wars kaum verwant ist (s. Kluge EW. 4 378), 
und damit auch die kriegerische bedeutung, es sei denn, dass 
man diesen ausdruck als eine vox media gebraucht Ist doch 
aisl. varr an mancher stelle geradezu als 'fugax, timidus, timens' 
zu verstehen: vgl. viti vig varastr Lokasenna 13 u.a.m. bei 
Egilsson 853. Beim suffix aber wird man allerdings an das 
des Superlativs zu denken haben, das ja auch in personen- 
namen wie Neosta, Pezzista, Liebesta, IUrosta (s. Förstemann 
DN. 1,1119) vorliegt; wäre es doch, wenn wir es mit einer 
acyectivbildung nach art von Segestes zu tun hätten, unerklärlich, 
warum uns nicht Varesii,- immer nur Varisti, überliefert wird. 
Das suffix in Naristi ist dann natürlich dasselbe. Den zu 
gründe liegenden stamm dieser namenform aber wird man — 
eine andere möglichkeit besteht ohnedies nicht — zu idg. *ner 
'mann' zu stellen haben, für das Brugmann, Grundr. 2, 358 
aind. n-dr-, gr. av-fjQ gen. avÖQ-oc 'mann', ÖQ-anp 'mensch* 
(Hesych) aus *vq-, umbr. ner-f- acc. 'proceres', ner-us 
'proceribu8' als belege anführt Dasselbe wort ist aber auch 
innerhalb des germanischen wenigstens *) in einigen ab- 
leitungen erhalten ; so in dem nur noch der poetischen spräche 
angehörigen aisl. adj. rühr 'fortis, strenuus', das got *n€reis, 
oder *nirs (vgl. aisl. mtkrr, got. mßrs in vailamir Phil. 4, 8), gerro. 
*närjaz lauten würde und uns auch noch in einem volksnamen 
begegnen wird ; ferner in dem merkwürdigen ags. neorxna tvong 
'paradisus'; denn liegt hier wirklich, wie Grein, Sprachsch. 2,291 
vermutete, metathese von sc zu es vor, gleichwie in betwux 
und vielfach sonst im ags. (vgl. Sievers, Ags. gr. § 205, 3), so 
kennen wir auf älteres *neorscena wong zurückschliessen, worin 
ein germ. adj. *ner-skaz 'fortis, strenuus' fortlebt. Neorxna 
wong sind 'die himmelsaun, da heldenväter niederschaun', das 
4 p rat um virorum fortium'. Vielleicht gehört hierher auch der 
name der altnordischen göttin fljgrun, der sich dann mit dem 
der Nerio, der gemahlin des Mars bei den Sabinern (s. Preller, 
Rom. myth. \\ 341 ff.) und der aus insebriften bekannten galli- 
schen Naria berühren wird; ja vielleicht gar auch gall. nerto-, 

l ) Die stehende formel Mtiutir niara dröttinn Volkv. 6. 13. 18, die 
sehr an da« homerische ava§ dvÖQdiv hyaiiifivwv gemahnt, muss wol aas 
dem spiele bleiben, da das metrum die form njära oder niara verlangt. 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 73 

air. nert, kymr. nerth 'kraft, macht, mannheit' — aisl. njartS- 
in Zusammensetzungen wie njartildss, njarbgjgrb und die tu- 
ableitung Nerthus, Njgrtir: Wortbildungen, die freilich nur unter 
der Voraussetzung verständlich sind, dass ner von haus aus 
eine verbalwurzel ist Was jene gallische Naria betrifft, ist ihr 
name nicht etwa unmittelbar mit Naristi zusammenzustellen, 
sondern für eine keltische sonderentwickelung aus *Neria ähn- 
lich den s. 31 besprochenen zu nehmen und weist ebenso wie 
der lateinische gentilname Nerius, altind. narya, avest. nairya 
i mannhaft, mann 1 , auf ein idg. adj. *nerios zurück. Jenes germ. 
*narjaz, aisl. narr steht dazu in demselben ablautsverhältnis 
wie avtjQ zu hom. avsQeg. Damit sind aber die möglichen 
ablautstufen noch nicht erschöpft, wie, von clvöqoq abgesehen, 
kyrfvcoQ -yvoQog und tjvoQirj l mannheit' zeigen. Es werden 
also auch ahd. Ndrigaud, Ndriher, Nörinc, Nuorinc u. a. m. bei 
Förstemann DN. 1, 963, Nürnberg Nuorinberg, d. i. berg des 
Nuoro, möglicherweise auf dieselbe wurzel zurückzuführen 
sein, und ebenso wird uns ein idg. *norios, germ. *narjaz be- 
greiflich. 

Zweifellos sind also die Naristi 'die tapfersten', die Varisti 
'die feigsten'. Dabei ist, was die umkehrung des begriffes in 
sein gegenteil anbelangt, an die Manimi 'Opavol und die 2ov- 
Xcovec. Sciri zu erinnern. Dass sich dabei der eine name in 
seiner äusseren gestalt eng an den anderen anschliesst, gemahnt 
an die gotischen *Gibid6s, d. i. 'die freigebigen', die daneben 
*Gipidös oder *Gipidans 'maulaffen' Messen. Eine Superlativ- 
bildung wie Naristi ist der keltische volksname Osismi, der 
zudem das gleiche, nämlich ( audacissimi' bedeutet: s. oben s. 17. 
Da übrigens Varisti später durch Warasci verdrängt erscheint, 
dessen suffix sich mit dem im namen des batavischen See- 
räubers Gannascus (Tacitus, Ann. 11, 18. 19) vergleicht, wird 
man auch die lesart Narisci nicht sofort bei seite schieben 
dürfen; vielleicht geht sie auf eine weitere nebenform des 
namens, germ. *Narisköz, zurück. 

Genau dasselbe wie Naristi bedeutet der name einer Völker- 
schaft, die uns Ptolemaeus zwischen Semnonen und Sachsen 
namhaft macht, nämlich der der *TevroväQioi oder *TevtovaQoi. 
Statt der hier angesetzten formen ist allerdings TevxovoaQoi 
die gemeine lesart, neben der BDEMZJ Tbvxovo&qoi, GrüSv 



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74 MÜCH 

Arg. TsvtovooqoI, A TevrovoaQioi bieten; im cod. lat. 4803 
aber steht Teutonari, ebenso in der ed. Ulm., in der ed. Rom. 
vollends Teutonarii. Was das Verderbnis betrifft, so lässt sich 
dabei an eine dittographie denken, vergleichbar mit der in 
rafiaßQlovvoi statt rapßQiovtoi bei Strabo p. 291 oder r<uo- 
ßofiaQog bei Dio Cassius 77, 20 statt racßofiaQog abd. *Geba- 
mär (8. Kossinna, Zs. fda. 29, 268). Dass Tevtov ooqioi, wie 
Müllenhoff s. 287 meint, ein name ist, 'den die Römer nur nach 
analogie von Angrivarii, Chasuarii u. a. erfunden haben können 
um ein collectivum für mehrere kleinere Völker oder gemeinden 
im norden der Semnonen zu haben', glaube ihm, wer es über 
sieb bringt. Wollte man den Römern oder Ptolemaeus schon 
eine solche fälsch ung zutrauen (was doch nur auf grund von 
anderweitig festgestellten fällen geschehen dürfte), so ist hier doch 
ein verdacht deshalb schon unbegründet, weil es an namen im 
norden der Semnonen ohnedies nicht gebrach und weil Ptole- 
maeus regelmässig germanisches w durch ov widergibt, Tevro- 
vooqioi TevrovoaQoi also gar nicht als Umschrift von lat. Teu- 
tonovarii betrachtet werden kann. Teutonarii Teutonari, an 
dem also festzuhalten ist, zeigt in seinem ersten teile keltische 
lautgebung wie Teutoburgiensis (saltus), TsvroßovQyiov oder Teuti- 
bürg tum in Pannonien, Teutomeres bei Ammianus Marcellinus 
und ist zu verstehen wie mhd. dietdegen, dietzage, ags. pSodwiga, 
peodwundor, aisl. pjöbdrengr, pjöbhagr und zahlreiche ähnliche 
ausdrücke, in denen dem ersten teil lediglich die aufgäbe zu- 
fällt, den begriff des zweiten zu verstärken. Dasselbe ist ja 
anerkanntermassen bei dem namen der Hermunduri d. i. *Ermun- 
duröz der fall. Ob der zweite teil besser -vclqoi oder -v&qioi 
geschrieben wird, ist bei dem schwanken der Überlieferung 
schwer entscheidbar. Beides ist möglich, nur würde in ersterem 
falle das substantivum selbst, nicht erst das abgeleitete ad- 
jeetiv vorliegen; man vgl. dazu den skyth. mannsnamen Xov- 
vccQog (Fick, Die griech. personennamen LXXVI), der mit 
Tevro-vaQoi auch insoferne übereinkommt, als sein anfangs- 
glied Xov- d. i. avest. hu-, idg. su-, germ. su- (in Su-gambri, 
Su-leviae, s. Zs. fda. 35, 319) zur Verstärkung des grundbegriffes 
dient — Vielleicht sind also die Teutonarier ein in älterer 
heimat zurückgebliebener rest der Naristen. Doch kann ein 
soleher name, der eine eigenschaft hervorhebt, die so ziemlich 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 75 

jeder Germanenstamm zu besitzen beansprucht haben wird, leicht 
auch zufällig sich widerholeo. 

Sicher dasselbe volk wie die Naristen — aber unter an- 
derem namen — sind dagegen die Armalausi, da sie die Tab. 
Peut. zwischen den namen Alemannia und Marcomanni einträgt, 
die Naristen'Varisten aber, die wir gerade dort suchen müssten, 
nicht kennt. Auch die Notitia gentium (Mttllenhoffs Germ. ant. 
157) nennt uns Armilausini zwischen den namen Jotungi und 
Marcomanni und die Excerpta des Julius Honorius (Germ. ant. 
162) erwähnen Armilausini (mit den Varianten amilaismi, armi- 
lausiones, armelausi) zwischen den Burgundiones und den Mar- 
comanni. Ihr name ist von armelausa, der bezeichnung eines 
kriegsgewande8 nach Isidor von Hispalis Origg. 19, 22, abzu- 
leiten. Dies hat schon Zeuss erkannt; er hielt jedoch den 
namen des kleidungsstttckes für keltisch und fasste im Zu- 
sammenhang damit s. 309 Armalausi als eine gesammtbenennung 
der angeblich keltischen KovqIovbq und XaixovcoQoi auf, deren 
deutschheit aber im folgenden ebenso nachgewiesen werden 
soll wie ihre Zugehörigkeit zu den Alamannen, so dass ein 
zweiter gesammtname für sie nicht nötig ist und am wenigsten 
in dem neben Alemannia aufgeführten Armalausi gesucht werden 
darf. Dass armelausa selbst deutsch ist, zeigte J. Grimm GDS. 
500 durch den hinweis auf aisl. ermalaus und ermalaust fal. 
Genauer Übrigens als diese uneigentlicben composita stimmt 
das aisl. adj. ermlauss 'armless, sleeveless' (Cleasby-Vigfosson 
133), aus germ. *armjalausaz. Die armelausa, germ. *armjalau$ö 
(sc *paidö?) war darnach ein ärmelloses kleid, und leute die 
ein solches trugen, konnten auch selbst tropisch *Armjalausöz, 
später mit synkope in der compositionsfuge *Armilausöz heissen. 
Auch Armilausini und Armilausiones haben als berechtigte neben- 
formen zu gelten; dagegen ist Armalausi auf der Tab. Peut 
Verderbnis für Armialausi oder Armilausi. 

Ein teil des alten Markomannenlandes, der bis zur Donau 
hinabreichte, wurde kurz nachdem die Markomannen nach 
Boiohaemum abgezogen waren, von den Römern ermundu- 
rischen auswanderern überlassen. Darüber meldet Dio Cassius 
55, 10a (ed. Dindorf 3, 166) folgendes: 6 yaQ Aopixioq xqoxsqov 
fiiv, %wq Ixt x<5v xqos xd> Iöxqw ycoqicQV tjQX^, *ovg xe *Eq/iovv- 



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7C MUCH 

ÖovQovg ix xfjg olxelag ovx oltf ojtmg i^avaöravtag xal xara 
^rjtTjöiP treQag yijg JtJLavcofitvovg rfxoZaßcbv iv (i£qu ttjg Mag- 
xofiavvldog xaroixiöe. 

Diese stelle kam Zeuse, der sie kennt und s. 105 ausbebt, 
natürlich sehr ungelegen. Da ihm, wie schon erwähnt wurde, 
die Sovötjra oqtj der inbegriff des Erzgebirges, Franken- und 
Thüringerwaldes sind, da er ferner die TevQioxal/iai für die 
gesammten Ermunduren nimmt, Ptolemaeus aber die TtvQto- 
Xalfiai im Süden durch die JSovdijta oqt) begrenzt, kann er nur 
schliessen, dass von den durch Domitius Ahenobarbus ange- 
siedelten Ermunduren später' keine spur mehr vorhanden sei. 
Dass sie sich ihm gerade unter die Markomannen, i neben denen 
sie sitze erhielten', verloren zu haben scheinen, lässt erkennen, 
dass er die MaQxo/iawlg nicht für die ältere heimat der Marko- 
mannen, sondern für Boiohaemum hielt, das indes weder bis 
zur Donau herabreicht noch von Domitius Ahenobarbus jemals 
beherscht wurde, also in obiger stelle des Dio Cassius nicht 
gemeint sein kann. Nur insoferne verdient dessen nachricht 
von einer gebietsabtretung an die Ermunduren eine ein- 
schränkung, als nur ein teil derselben neue Wohnsitze gesucht 
und erhalten haben kann; doch ist ein derartiges misverständnis 
leicht genug begreiflich, da der ausdruck Hermunduri in 
seiner lateinischen quelle als 'Ermunduren' oder als 'die 
Ermunduren' verstanden werden konnte, also wohl nur ein 
Übersetzungsfehler vorliegt. Von der landanweisung an sie 
wusste aber merkwürdigerweise noch Procopius, denn auf ein 
anderes ereignis kann es sich gar nicht beziehen, wenn er De 
b. Gotb. 1, 12 meldet, dass im osten von den Franken die 
Thüringer das ihnen von kaiser Augustus geschenkte land be- 
wohnten : fisrä dh avtovg lg xa JtQog avloxovxa ijXiov OoQvyyoi 
tfaQßaQOi, dovrog Avyovotov xqwtov ßaöilicoq, lÖQvöamo. 
Procop selbst oder sein gewährsmann muss sich darnach des 
Zusammenhanges der Thüringer mit den Ermunduren bewusst 
gewesen sein, und trifft nur darin nicht das richtige, dass jene 
Ermunduren, denen Augustus einen landstrich einräumen Hess, 
zu Procops zeit längst ihren namen und ihre Wohnsitze ver- 
ändert hatten. Sie waren Alamannen geworden und als solche 
gegen Südwesten vorgedrungen, dafür aber waren andere 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 77 

Thüringer aus der alten heimat des volkes teilweise an ihre 
stelle nachgerückt. 

Zunächst freilich reicht der name der Ermunduren noch 
eine zeit lang bis zur Donau herab, und so noch bei Tacitus. 
Das geht schon aus der stelle hervor, die er ihnen Germ. 42 
neben den übrigen Donauvölkern anweist, wienn er sagt: iuxta 
Hermunduros Varisli ac deinde Marcomanni et Quadi agunt\ 
ferner daraus, dass er uns sonst ein anderes volk zwischen den 
Naristen und dem limes nennen müsste. Vor allem aber aus 
Germ. 41, wo es heisst: propior (ut, quomodo paulo ante Rhenum, 
sie nunc Danuvium sequar) Hermundurorum civitas, fida Romanis : 
eoque solis Germanorum non in ripa commercium, sed penitus 
atque in splendidissima Raetiae provinciae colonia. Passim sine 
custode transeunt; et cum ceteris gentibus arma modo castraque 
nostra ostendamus, his domos villasque patefeeimus non coneu- 
piscentibus. Dass Zeuss s. 104 sogar trotz dieser stelle, die 
wahrlich einer glosse nicht bedarf, es bestreiten konnte, dass 
Tacitus von Donau-Ermunduren etwas wisse, ist unbegreiflich 
genug. Aber auch hier war wider das Vorurteil, dass die 
Sovdfjfta oQtj sich durch Thüringen hindurcherstreckten, der 
anlass aller irrungen. 

Wenn Tacitus von Ermunduren an der Donau redet, so 
nennt er damit das volk bei seinem gesammtnamen, der aber 
das Vorhandensein von Unterabteilungen unter besonderen namen 
nicht ausschließet. Aufschluss über solche dürfen wir bei diesem 
gewährsmanne, der sich zumeist, und zumal an der Donau, 
damit begnügt, uns eine allgemeine Übersicht zu geben, nicht 
erwarten. Doch werden seine angaben auch hier in will- 
kommener weise durch die des Ptolemaeus ergänzt. Und zwar 
geschiebt dies vor allem durch das folgende Völkerverzeichnis 
in dessen Germania (2, 11,11): UaXiv djt avaxoXSn> fiev t<5p 
'4ßvoßaicop oQicov olxovoiv vjtö rovg 2ovr)ßovg KaöovaQOt, sha 
NsQTfQeavol, dxa Aavöovroi, vg>' ovq Tovqcovoi xal MaQovlv- 

yoi xal vjzÖ pev tovg MaQOvlvyovg Kovglcoveq, sha 

XaitovatQOi, xal (tixQ 1 T °v Aavovßlov xoraftov ol Ua^/iai- 
xapxoi. Dabei haben wir es allerdings mit zwei gruppen von 
namen zu tun, von denen es von vornherein noch gar nicht 
feststeht, dass sie in diesem gegenseitigen zusammenhange auch 
schon in der quelle des Ptolemaeus gestanden haben. Ob sie 



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78 MUCH 

erst von ihm aneinandergeschweisst und wo etwa sonst noch 
jüngere fugen anzunehmen sind, wird jedenfalls nur eine ein- 
gehende Untersuchung des ganzen Verzeichnisses lehren. 

Die Sveben, die darin zu oberst stehen, sind die irrtümlich 
bis an den Rhein vorgeschobenen Sovfßoi AayyoßaQÖoi und 
JSovfjßoi kyyeiXol, d. i. Langobarden und Angeln, die auch sonst 
in dem nordwestlichen teile der ptolemaeischen Germania die 
grösste Verwirrung anrichten. Von ihnen ist jedenfalls ganz 
abzusehen. In den Kaöov&Qot jedoch gewinnen wir einen festen 
ausgangspunkt. Die bestimm ung ihrer Wohnsitze ermöglicht 
vor allem Tacitus, Germ. 34, wo es heisst: Angrivarios et Cha- 
mavos a tergo Dulgübini et Chasuarii ciudxmt aliaeque gentes 
kaud perinde memoratae. Da nun die Dulgubnier jedenfalls an 
die ostseite der Angrivarier zu stehen kommen — auch Ptole- 
maeus setzt die AovXyovpvioi unter den AaxxoßaQÖoi Lango- 
barden an — so sind im rücken der Chamaver, das heisst 
auf ihrer dem Rhein abgewanten seite, die Chasuarier zu 
denken, worauf auch die reihenfolge der aufzählung führt. Zieht 
man noch in betracht, dass Tacitus sich das gebiet der Cha- 
maver auf kosten der Bruktern erweitert vorstellt, so sind die 
Chasuarier, da weiter östlich und südlich die Bruktern von den 
Cherusken begrenzt werden, kaum anderswo zu suchen als 
dort, wo später das Hasagowe liegt. Von Zeuss s. 113 ist bereits 
die möglicbkeit erwogen, ihren namen als * Haseanwohner ' zu 
erklären, wie sie denn auch von J. Grimm GDS. 588 aufgefasst 
wurden. 

Auf den der Chasuarier folgen zwei nirgend sonst belegte 
namen. Ganz deutlich ist dagegen der dritte. Dass ein von 
der Hase durch ganz Deutschland herabführendes, im westen 
von Böhmen die Donau erreichendes Völkerverzeichnis auch 
die Ermunduren enthalten wird, ist leicht begreiflich, und so 
sind denn auch die Tovqcovoi unbedenklich für diese zu nehmen. 
Wenn Müllenhoff s. 1 15 behauptet, dass in lateinisch-griechischer 
Umschrift nie deutsche, sondern nur gallische namen zwischen 
consonantiscbem und vocalischem suffix schwanken, so ist das 
durch den hinweiß auf <Pavovai und /levävoi bei Ptolemaeus 
zu widerlegen; überdies könnte Tovqcovoi dem Vorbild der in 
der tat völlig gleichbenannten gallischen Turoni oder Turones 
seinen auslaut verdanken. Im anlaut scheidet den germanischen 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 79 

von diesem urverwanten keltischen namen die lautverscbiebung 
des t zu p, dessen genaue widergabe aber nacb dem s. 58 
bemerkten bei Ptolemaeus nicbt zu erwarten ist. Tovqcdvoi 
kann also für germ. *Puronez genommen werden. Dieses aber 
ist um so eher nur ein anderer name der Ermunduren, als 
diese später auch als Thuringi Düringe auftreten, und *Puringöz 
und *Puronez ganz und gar gleichbedeutende bildungen sind. 

Haben wir für die Tovqcdvoi einmal Unterkunft gefanden, 
so bleibt für die NeoreQsavol und Aavöovxoi nur noch ein 
geringer Spielraum übrig. Zu den Tacitus, Germ. 34 erwähnten 
atiae gentes haud perinde memoratae wird man aber nicht Zu- 
flucht nehmen dürfen, um sie los zu werden; denn unter diesen 
sind wohl nur die in der Germania nicht genannten Ampsi- 
varier, Tubanten und Chattuarier (Marsen) zu verstehen. Wie 
wäre es auch möglich, durch zwei kleine völkchen eine brücke 
zwischen Chasuariern und Thüringern herzustellen? 

Südlich von den Chasuariern sitzen die Bruktern, und zwar 
die sogenannten grösseren Bruktern, und es muss darum zu- 
nächst versucht werden, an diese anzuknüpfen. Das Enter igowe, 
an das Zeuss s. 113 denkt, ist aber ganz aus dem spiele zu 
lassen, weil ein gemeingermanisches Sprachgesetz verletzt wäre, 
falls hier nicht dem anlautenden e älteres a vorausliegt. Auch 
J. Grimms bmweis auf die Nerthus (GDS. 623) eröffnet keinen 
ausweg. Ueberdies kennzeichnet sich unser name eigentlich 
sofort ebenso wie Xfitpavol (K)a(iipiavol bei Strabo, dem lat 
*Ampsiäni zu gründe liegt, als ungermanisch in seiner endung, 
und wie in diesem falle werden wir es auch bei *Nertereani 
mit einem localbegriffe zu tun haben. Ebendahin fährt die 
betrachtung des wortstammes, der mit dem in griech.- vigtegog 
'unten, weiter unten befindlich' und umbr. nertro l links 1 sich 
deckt. Wir müssen ihn deshalb entweder für ein diesen worten 
genau entsprechendes germ. *nerpera- (oder jünger *nerpra~) 
nehmen, dessen p ebenso wie das in *Purones durch t wider- 
gegeben werden konnte, oder wir haben es mit dem dazu in 
ablaut8verhältnis stehenden germ. *nurpera- aisl. noriSr n. 'der 
norden' zu tun, das in der lat. Umschrift oder gar erst bei der 
Umschrift des namens ins griechische angleichung an jenes 
riQTSQoq erfahren hat. So wie sich zu dem germ. lat. Austria 
ein Austriani bilden Hesse, so mochte es ein germ. *Nurperja(n) 



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80 MUCH 

n. 'nordland' geben, latinisiert *Nurierea, *Nerterea, wenn die 
ja-ableitung wie in framea behandelt wurde, und anschliessend 
daran *Nurtereani, *Nertereani. Vielleicht liegt aber in Nbqts- 
qeccvoI ein fehler der Überlieferung vor, oder ein solcher, der 
bei der Übertragung ins griechische sich eingestellt hat, und 
es ist wohl gar lat. *Nurteränei oder *Nerteränei vorauszusetzen, 
eine unter dem einflusse von lat. extranetis entstandene Um- 
gestaltung eines germ. wortes, das uns als ahd. nordröni, ags. 
noröerne, aisl. norrcrim erhalten ist. Im nordischen bezeichnet 
norrcenir auch die Norweger, das wort ist also sichtbarlich ge- 
eignet einen volksnamen abzugeben. Die NsQteQeavol werden 
somit bewohner eines norderlandes oder nordergaues sein oder 
die nördliche abteilung eines Volkes; und letzteres sind die 
grösseren Bruktern in der tat. Es tritt noch hinzu, dass 
im gebiet der kleineren Bruktern, am linken ufer der oberen 
Ems also, im umkreis von Münster, später ein Südergo sich 
findet, dem aber kein Norder- noch auch ein Öster- oder 
Westergo zur seite steht: ergänzte man es durch ein A r orderg6, 
so würde dieses in das land der grösseren Bruktern und unter 
das Ifasagowe fallen. 

Die Javöovtoi, die zu den Turonen hinüber die Verbindung 
herstellen sollen, können nun nicht gut mehr etwas anderes 
sein als die den Bruktern benachbarten Cherusken unter einöm 
anderen namen. Zeuss s. 113 stellt zu Aavöovxoi die alts. 
mannsnamen Dando, Dendi, ahd. Tanto ; vgl. mehreres bei Förste- 
rn an n DN. 1,332 f. 2*, 451 f. Mit diesen namen gehört aber 
auch unser (and zusammen, und dass wir es nicht nur mit 
einem hd. stamme tant zu tun haben (Kluge EW. * 350), zeigt 
eine fülle von bildungen aus der wurzel dand auch ausserhalb 
des deutschen, die man am vollständigsten bei Skeat ED. 152 
zusammengestellt findet. Alle diese belege weisen für die wurzel 
auf eine grundbedeutung 'eitel, nichtig, unbedeutend' hin; die 
daraus abgeleiteten verba, meist intensiva, drücken dann ur- 
sprünglich aus: derartiges tun oder sprechen oder damit sich 
abgeben. Um den volksnamen ganz zu verstehen, müssen wir 
aber auch auf das suffix rücksicht nehmen. Doch dieses gibt, 
wie es überliefert ist, zu gerechten bedenken anlass, und schon 
Müllenhoff brachte deshalb Zs. fda. 9, 236 in Vorschlag, Aavöovxoi 
zu schreiben, den Kaovlxoi des Strabo, KaXovxmveg des 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 81 

Ptolemaeus zu liebe. Allein deren nähere bezieh u Dg zu den 
Aavöovxoi ist nicht erweisbar und entstellung von griech. K 
zu T durchaus nicht wahrscheinlich. Wenn schon verderbt, ist 
griech. T am ehesten aus r entstanden : ein fehler, der sich in 
den handschriften des Ptolemaeus in einer unzahl von fällen 
wiederholt. Die änderung in Aavdovyoi ist also unbedenklich 
gestattet, aber auch nur diese. Wir gelangen so zu engl, dandy, 
aus ags. *dondi%, urgerm. *dandugaz, und dass wir das rechte 
treffen, wenn wir die Aapöov(y)oi für 'dandies' nehmen, findet 
sofort bestätigung. 

Die Cherusken, um die es sich ja dabei handelt, hatten 
zu Tacitus' zeit ihre rolle so sehr ausgespielt, dass dieser von 
ihnen Germ. 36 berichten konnte: in totere Chaucorum Chatto- 
rumque Cherusci nimiam ac marcentem diu pacem inlacessiti 
nutrierunt idque iucundius quam tutius fuit, quia inter inpotentes 
et validos /also quiescas; ubi manu agitur, modeslia ac probitas 
nomina superioris sunt, ita qui olim boni aequique Cherusci, nunc 
inertes ac stulti vocantur; Chattis victoribus fortuna in sapien- 
tiam cessit. Zum schaden hatten also die besiegten auch noch 
den spott, und sein ausdruck erinnert auffallend an das 'tolc 
sint Uualha, spähe sint Peigira' der Casseler glossen. Und gab 
es nach der mitteilung des Tacitus einen zu seiner zeit üblichen 
Spottnamen für die Cherusken des sinnes Mnertes ac stulti' oder 
'dandies', was dasselbe ist, so mochte er auch schon statt des 
alten volksnamens selbst gebraucht werden. Sucht man andrer- 
seits nkch dem worte das die Chatten als 'sapientes' kenn- 
zeichnete, so kommt vor allem dasjenige in betracht, mit wel- 
chem die älteste germanische sprachquelle diesen begriff wider- 
gibt, nämlich got. handugs, das bei Wulfila, da wo es vorkommt, 
immer griech. ootpoc übersetzt; selbst begegnet es allerdings 
nur an zwei stellen, dafür aber 18 mal das abstractum handugei 
und zwar in allen fällen gegenüber griech. öocpia. Dazu halte 
man noch asl. chqdogu 'erfahren *, ein lehnwort aus dem ger- 
manischen (s. C. Hofmann, Germ. 8, 5 und Kluge in Pauls Grundr. 
1, 321). Wir können also hier ein altes Wortspiel erraten: wie 
die Cherusken 'dandugaV biessen die Chatten 'handugai*. Nur 
zeigt sich gar keine spur davon, dass auch dieser beiname 
jemals den hergebrachten stammnamen ersetzt hätte. Die 
nachbarschaft wird überhaupt für Spottnamen immer empfäng- 

B«£träge aar gesjhichte der deutschen spräche. XVII. Q 



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82 MÜCH 

lieber gewesen sein und sie fester gehalten haben als rühmende; 
und so sind denn auch aus den 'weisen' Chatten schliesslich 
'blinde' Hessen geworden. 

Wir stehen nun wieder bei den Turonen. Dass sie die 
Thüringer sind, kann jetzt noch zuversichtlicher behauptet 
werden als zuvor. Es fragt sich nur, ob der name in einem 
engeren sinne, oder in dem weiteren wie bei Tacitus ffermun- 
duri gebraucht wird. In letzterem falle würden die Turonen selbst 
sich schon bis an die Donau erstrecken, und wenn uns unterhalb 
von ihnen noch andere stamme genannt werden, so hätten wir 
es dabei mit einem anderen selbständigen Verzeichnisse zu tun, 
das erst von Ptolemaeus mit ihnen verknüpft wurde. Da dieser 
sonst, was sich noch zeigen wird, aus älteren quellen schöpft 
als Tacitus, so ist es nicht wahrscheinlich, dass die Donau- 
ermunduren bei ihm ihre sondernamen bereits zu dem der 
Turonen in gegensatz stellten. Zu einem entscheidenden urteil 
führt uns aber der name der MaQovlvyoi, der bei Ptolemaeus 
mit dem der Tovqcovoi gepart erscheint. 

Er ist nämlich wesentlich derselbe wie der vielumstrittene 
name Mauringa. Mit diesem ist er schon von Müllenhoff, Nordalb. 
stud. 1, 141 (aber nicht mehr DA. 2) und von Möller, Ae. volks- 
epos 28 f. zusammengestellt worden ; immer aber stand der 
richtigen erkenntnis hindernd im wege, dass man auch die ags. 
Myrgingas, die in Wahrheit anders benannt und ein ganz anderes 
volk sind, mit ins spiel zog. Auch hätte Möller die verwant- 
sebaft von *Mauringöz * Maurungöz und *Marwingöz nicht durch 
den hinweis auf hd. örentil, dessen erster teil gar nicht aus 
arwa- entstanden ist, begründen sollen, sondern durch den auf 
aisl. meyrr, norw. nwyr (Aasen 522) gegenüber dem gleich- 
bedeutenden ahd. maratvi und auf norw. maur 'forknyt, forsagt, 
aengstlig' auch 'smaalig, karrig', maur-egg 'skjerhed i eggen' 
gegenüber ahd. maro; vgl. noch die norw. ableitungen mauren 
'spred, som lettelig brister eller Steves', maurast oder maura 
seg (ar) 'blive skjor eller sprod' (Aasen 484) und Maur- M6r- 
in germ. personennamen, darunter schon westgot. Maurtco und 
Maurüa, ostgot vielleicht Morra mit bypokoristischer consonani- 
dehnung nach Wrede, Sp. d. Ostgot. 105. *Marwingöz und 
*Mauringöz * Maurungöz sind also nur mundartliche neben- 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 83 

formen ein und desselben namens. Und was dieser bedeutet 
haben wir eigentlich auch schon gefunden. 

Bei Paulus Diaconus 1, 12. 13 heisst Mauringa eine land- 
schaft, in der die Langobarden wohnten, bevor sie nach Golatda 
und weiter nach Antaib, Bainaib, Burgundaib gelangten, und es 
kann damit, da zu der zeit, um die es sich handelt, Böhmen 
und Mähren noch von Germanen besetzt war, nur ein teil der 
norddeutschen ebene rechts von der Elbe gemeint sein. Doch 
kommt dabei die gegend im Süden der Eider, die immer in 
den bänden den Sachsen verblieb, nicht weiter in betracht. 
Sicher jüngeren Ursprungs ist die anwendung des namens Mau- 
rungani beim Geographen von Ravenna 1, 11 (verstümmelt 
**ungani 4, 18), wenn er damit die ganze 'patria Albis' be- 
zeichnet. Ja die von ihm überlieferte namensform zeigt bereits 
slavische Umformung, wie Heinzel, Ostg. heldens. 23 ff. (WSB. 
99) dargetan hat, und verhält sich zu dem zu gründe liegenden 
deutschen stammnamen geradeso wie Slezane zu Süingi: ein 
beweis mehr dafür, dass die einwandernden Wenden noch 
starke reste der älteren germanischen bevölkerung in den ost- 
landen vorfanden und slavisierten; anders ist es wohl nicht 
erklärlich, wenn germanische volksnamen bei ihnen fortbestehen. 
Dass dies bei dem der Silingen und dem der Maurungen der 
fall war, schliesst es eigentlich schon aus, dass beide an der- 
selben örtlichkeit hafteten. Es bleibt uns somit nichts andres 
übrig, als Mauringa für das land der Semnonen zu nehmen. 
Und wenn dort Slaven zuerst die Elbe erreichten und sich 
Maurungane nannten, so ist es begreiflich, wieso gerade dieser 
name alsbald — erst von den Deutschen und dann wohl auch 
von ihnen selbst — auf die gesammtheit der Eibslaven be- 
zogen werden konnte, ja auf die der Slaven überhaupt — 
denn auch von dieser Übertragung hat Heinzel (a. a. o.) eine spur 
entdeckt. 

Die hauptmas8e der Semnonen hatte sich aber bereits zu 
ende des 3. jh. n. Chr. nach dem Süden gezogen und an der 
seite der Alamannen, die ihrerseits in die agri Decumates vor- 
rückten, eine neue beimat gefunden, in der sie allmäblig mit 
den genannten zu einem einheitlichen volke verschmolzen. 

Von dieser Wanderung der Semnonen berichtet uns aller- 
dings keine einzige quelle. Wir müssen aber doch an sie 

6* 



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S4 Mücfl 

glauben, erstlich weil wir sonst, wie das schon von verschiedener 
seite betont wurde, nicht wttssten, wo sie hingekommen seien, 
und weil es auch wohl noch möglich ist, ihre spuren im söd- 
westen aufzufinden. 

Ob in den zahlreichen berichten aus späterer zeit, in 
denen Sveben neben Alamannen namhaft gemacht werden, unter 
den enteren mit Zeuss s. *315 ff. immer die zugewanderten 
Semnonen zu verstehen seien, müsste freilich erst im einzelnen 
untersucht werden. Tatsache ist, dass später die Alamannen 
auch Schwaben heissen, und das konnten sie auch soweit sie 
nicht gerade semnonischer, wenn sie nur im allgemeinen sve- 
bischer abkunft waren. Ausgegangen ist jedoch der name viel 
eher von einem bestandteil des volkes, der unmittelbar von den 
vetustissimi 1 und i nobilissimi Sueborum 1 herstammte: umgekehrt 
konnte auch der name Alamannen seiner bedeutung wegen 
leicht auf irgend ein der Vereinigung neu beitretendes dement 
übertragen werden. 

Vielleicht war aber auch der name Semnones für die 
Schwaben noch nicht ganz verschollen. Denn Zeuss führt s. 317 
unter den belegen für die nachmalige doppelnamigkeit der Ala- 
mannen auch den folgenden an: ol leyofitvoi reQfiavol {^Qayyot\ 
oi df/<pl xov 'Pijvov xorafiov sloiv, oi xart&sov rr/v yrp> vcor 
Jilßavwv [j4la[iavdiv], ovg xäi Sf/vcovag [2ov7]VOvg] xakovötr. 
Fragm. ap. Suid. ed. Küster. 2, 294. Weshalb man aber den 
namen Schwaben durch 2rjvmveq widergegeben hätte, ist nicht 
recht begreiflich. Dagegen wird der name- Semnones schon von 
Velleius mit angleichung an den des bekannten gallischen und 
oberitalischen Keltenstammes Senones geschrieben, um so leichter 
antikisierend von einem späteren Griechen. Durch 2r/va>veg 
statt Hivoveg gibt den namen des keltischen Stammes Polybius 
2, 17 wider, so dass auch für das r\ der Stammsilbe ein vorbild 
vorhanden ist. 

Weitaus bedeutsamer ist das auftauchen des namens Zi- 
waren für die Schwaben. Denn wem anders konnte er ur- 
sprünglich zukommen, als den Semnonen mit ihrem heiligtume 
des 'regnator omniuuT? So hat ihn denn auch Müllenhoff auf- 
gefa88t Nur ist er nicht Ziu-uarii zu schreiben und in seinem 
zweiten teil nicht dasselbe wie die volksnamen auf -varii. Die 
Wessobrunner handschrift, die ihn überliefert, schreibt ihn 



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zedby G00gle 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 85 

Cytmari, nicht Cyituarii, das auch gar keinen sinn geben würde. 
Er ist zu den personennamen auf idg. -uoros, germ. -waraz, 
griech. -oqoq zu stellen und hat in griech. 8£a>Qoq und ags. 
Freewaru (Beowulf 2022) bemerkenswerte seitenstttcke. Seine 
deutung: ' Verehrer des Zio' ist übrigens die richtige. 

Wenn ein teil der Alamannen semnonischer abkunft ist, so 
sind es die Juthungen. Denn diese gerade stehen upter ihnen 
zu weitest im osten, und auch die rolle die sie spielen ist zu 
bedeutend und vor allem zu selbständig für eine Unterabteilung 
der Alamannen, die das von anfang an gewesen wäre. Endlich 
gestattet ihr name in ihrer alamannischen Umgebung keine an- 
knüpfung, erklärt sich aber leicht bei annähme ihres Ursprunges 
von den Semnonen. Freilich sind sie weder dasselbe volk wie 
die Eudusii, wofür sie Mtillenhoff Zs. fda. 10, 564 — später 
aber wohl selbst nicht mehr — hielt, noch bedeutet ihr name 
die 'echten, nächsten abkömmlinge des gottes' d. i. des *Tirvaz. 
Dass seine ältere germanische gestalt *Eupungöz war, ist jetzt 
durch einen den (ma()ribus Suebis Euthungabus errichteten altar 
(Rhein, museum n. f. 45, 639. Westd. zs. 9 Corr.-bl. n. 147) über 
allen zweifei sichergestellt. Er wird also allerdings richtig von 
Müllenhoff, Zs. fda. 10, 562 und J. Grimm GDS. 500 aus aisl. jöt5 
'proles, infans, filius* gedeutet. Aber fasste man das suffix 
auch als patronymiscb, so hätte man es doch nur mit 'nach- 
kommen der jugend, des sohnes oder der söhne' zu tun. Wir 
werden es indes nicht anders zu beurteilen haben als in den 
bisher schon besprochenen fällen. Dann ist *eupungaz einer, 
der die eigenschaften des jöb besitzt ; das wort besagt also 
dasselbe wie aisl. jobligr d. i. 'blooming like a baby* (Cleasby- 
Vigfüsson 326), ' perfecta sanitate floridus' (Egilsson 453); vgl. 
svemn bS$i mikill ok jotiligr, meybarn bcefti mikit ok jötiligt. 
Und *Eupungöz 'floridi* verhält sich zu *Marnringöz *Maurungöz 
Mauringöz 'languidi, marcidi' gerade so wie Naristöz 'fortissimi' 
zu *Warx$idz 'ignavissimi' oder *Sklröz 'nitidi' zu *Sulonez 
'sordidr oder *Manimöz konstantes' zu *ünmanöz Mnconstantes', 
wobei der voranstehende name immer der ist, den das betreffende 
volk sich selbst beilegte, wogegen ihm den anderen von ent- 
gegengesetzter bedeutung die nachbarn aufgebracht haben 
werden. 

Dass die Maurungen dasselbe volk wie die Semnonen sind, 



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86 MUCH 

kann nun vollends für sichergestellt gelten. Die namen Tov- 
(kdvoi xal MaQovivyoi sind also offenbar als die von nachbar- 
völkern zusammen in die ptolemaeisehe karte eingetragen 
worden. Damit sind wir aber am ende der mit den Chasua- 
riern beginnenden namenreihe angelangt, und wenn diese bei 
Ptolemaeus später eine fortsetzung findet, die westlich von 
Böhmen zur Donau hinabführt, so knüpft er dabei nur eine 
namengruppe an, die auf seiner karte zufällig unter die Mar- 
vingen geraten war, aber aus einer andern quelle stammen muss. 

Da wir aber auch die Kampen bereits aus guten gründen 
von den über ihnen namhaft gemachten stammen abgesondert 
und an die ostseite der Varisten gerückt haben, so bleiben uns 
als deren westnachbarn nur noch an der Donau die XairovcoQoi 
und hinter diesen die KovQlmvsq übrig. 

Kelten, wofür Zeuss s. 121. 309 sie nahm, können diese 
stamme schon aus dem gründe nicht gewesen sein, weil sie 
abteilungen der Ermunduren des Tacitus sein müssen. Dass Xai- 
tovcoqoi ein keltisches wort sei, konnte Zeuss wohl nur zu einer 
zeit für möglich halten, die seinen keltischen Studien vorauslag. 
Auch beim namen KovQiaweg reicht der anklang an Curiosolites, 
Tricorii, Curia nicht aus, die Vermutung, dass er keltisch sei, zu 
begründen, und noch weniger darf man ihn gar, wie Brugmann, 
Grundr. 2, 339 tut, unbedenklich als beispiel eines keltischen 
völkerschaftsnamens anführen. In Wahrheit ist er mit dem 
got. adj. kaürus und dem zeitworte kaürjan zusammenzuhalten. 
Urgerm. *Kurjonez, got. *Kaurjans kann als schwache form zu 
jenem adj. oder als nom. ag. zum verbum aufgefasst werden; 
seine bedeutung würde im ersteren falle 'die beschwerlichen, 
lästigen' sein, im letzteren 'die belästiger, bedrücker, bedränger', 
was, verglichen mit dem sinne und der Verwendung von ab(L 
scatho, ags. sceaba, nicht einmal etwas ehrenrühriges auszusagen 
braucht; vgl. Caesar BG. 6,23: latrocinia nullam hdbent infa- 
miam, quae extra fines cumsque civitatis ftunt. 

XaixovooQoi zeigt synkope in der compositionsfuge vor an- 
lautendem w des zweiten teiles gerade wie Catualda, Chasuarii, 
Chattuarii, und ist sicher in Xcux- und -ovcoqoi zu zerlegen. 
Man wird dabei an Zusammensetzungen mit germ. *haita- 'hei 88 ' 
wie ags. hdtheort, ahd. heizmuotig, mhd. heizwellic, heizsühtig, 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 87 

heizgrimme erinnert. Der zweite teil des namens lässt sich mit 
ahd. wuorag 'berauscht 1 , alts. wdrig wörag, ags. werig 'ermüdet ' 
zusammenbringen; denn dazu kann es leicht ein primäres, ohne 
die ^a-ableitung gebildetes adjectivum nach art der bei Kluge, 
Nom. stammbild. § 206 besprochenen fälle gegeben haben; ja 
dieses liegt wohl vor in aisl. cerr 'wahnsinnig, wütend', das 
sehr gut gotischem *wörs entsprechen kann : das weitergebildete 
norw. eren bedeutet sogar auch 'beruset, drukken' (s. Aasen 960). 
Die bedeutung aber die uns im altisländischen entgegentritt 
(vgl. übrigens auch norw. sr zumal in dem sinne 'yderst bidsig 
el. heftig af graadighed eller deslige', Aasen 960) und aus der 
sich der begriff 'berauscht 1 und 'müde' sehr leicht entwickelt 
haben kann, lässt eine Verstärkung durch Zusammensetzung 
mit *haita bereits zu. Sind also die Xaixovcogot, germ. *Hait- 
wöriz, älter *Hailawöriz t soviel als 'die heiss wütigen'? Dabei 
wäre natürlich an die kämpf wut, den bekannten 'furor teuto- 
nicus', zu denken! Germanisch benannt sind sie auf jeden fall; 
das beweist schon der anlaut ihres namens. 

Noch fehlt uns aber eine Vorstellung, wie weit Kurionen 
und Chaitvoren gegen westen sich erstreckten, und schon deshalb 
müS8ten wir das Verzeichnis der Rheinvölker bei Ptolemaeus 
2, 11,6 genauer in betracht ziehen. Dasselbe, das sich sofort 
als durchaus zusammenhängend darstellt, lautet folgendermassen: 
Kaxi%ovGi dh xfjQ rsQfiavlag xa fthv JiaQa xov'Pijvov Jioxapov 
aQxofidvoig an aqxxmv o ( t xe Bqovxxbqoi ol fiixQol xal ol 2v- 
yafißQoi, v(f ovg ol 2ovr]ßoi ol AayyoßaQÖoi ' dxä TivxeQOi 
xal ^IvriQlmvtg (isxagv xov xt 'Ptpov xal xmv Äßvoßalmv 6q£wv 
xal txi 'ivxoveQyoi xal OvaQylcoveg xal KaQlxavot, vg> ovg 
OviöJtol xal r\ xcov 'EXovtjtIcov iQrjfiog [*ixQ l x ®> v ^Q^l^vop 
lAlxümv oQtcov. Letztere sind, was gleich hier bemerkt werden 
soll, die rauhe Alb, da Ptolemaeus früher ihre läge über den 
Donauquellen ausdrücklich angibt, indem er sie als xa o/icbvvfia 
xolg ÄXnzioig xal ovxa vxeQ xi}v xe<palijv xov Aavovßlov xo- 
xa/iov bezeichnet, und da auch die gradangaben für ihre end- 
punkte ebendorthin führen ; vgl. Zeuss s. 7. Müllenhoff s. 268. 

Dass die kXjtela oqtj bei Ptolemaeus als ein gebirge inner- 
halb der rsQfiavla gelten, dass auch die Elvetieröde daneben 
erwähnung findet, und dass in der untersten zone seiner 
rtQfiavia (leyaltj die orte TaQoöovvov und ßcofiol <Pläßioi auf- 



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S8 MUCH 

geführt werden, beweist, dass er auch die agri Decumates in 
diese mit einbezieht. Dadurch kennzeichnen sich seine quellen 
für den südwestlichen winkel seiner karte von Grossgermanien 
als sehr alte, und es ist schon darum nicht gestattet, aus dem 
ansatz der Ovicjioi unmittelbar über der Elvetieröde mit Zeuss 
s. 90. 305 auf Völkerverschiebungen zu schliessen, die auf jeden 
fall erst nach Tacitus stattgefunden haben könnten. 

Die Oviojiol stehen bei Ptolemaeus unmöglich an der stelle 
die ihnen gebührt Denn in folge der Verpflanzung der Su- 
gambern nach Germania inferior hatten Usipier und Tenktern 
räum genug sich auszubreiten und sich zu entfalten, und keinen 
anlass sich weiter nach Süden zu drängen, wo auf römischer 
seite vertust der Unabhängigkeit drohte, auf germanischer aber 
kein fleck erde mehr zu vergeben war. Die Tenktern und die 
Tubanten stehen auch bei Ptolemaeus noch am alten platze; 
nur ihre treuen waffengefährten sollten diesmal ganz ihre 
eigenen wege gegangen sein? Doppelt unwahrscheinlich ist, 
dass gerade der nördlicher wohnende der beiden bruderstämme 
sich abgelöst haben sollte, um durch das land des andern nach 
dem Süden zu ziehen. 

Die Stellung der Usipier, Tenktern und Tubanten innerhalb 
des alten Sugambernlandes, in ihren späteren sitzen also, ist 
noch wohl zu bestimmen. Die Tubanten sassen jedenfalls 
landeinwärts an der seite der Chatten, denn als deren nachbarn 
nennt sie uns Ptolemaeus, und in gleicher läge begegnen sie 
uns bei Tacitus, Ann. 13, 56. Hier wird uns erzählt, dass sich 
die heimatflüchtigen Ampsivarier von den Usipiern zu ihnen 
und weiterhin erst zu den Chatten und dann zu den Cherusken 
zurückziehen: Ampsivariorwn gens retro ad Lsipos et Tubanies 
concessil. quorum terris exacti cum Chaüos, dein Cheruscos petissent 
u. 8. w. Wenn aber von den im norden der Lippe gelegenen 
'agri vacantes' aus, in welche die Ampsivarier damals eiu- 
gedrungen waren, der übertritt in das gebiet der Usipier er- 
folgen konnte, so müssen diese den nördlicheren teil der Su- 
gambria innegehabt haben. Am selben orte berichtet uns 
Tacitus von den Tenktern, sie hätten miene gemacht, für die 
Ampsivarier zu den waffen zu greifen. Deshalb habe der 
Statthalter von Niedergermanien Dubius Avitus den legaten des 
heeres der oberen provinz Curtilius Mancia schriftlich aufge- 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 89 

fordert, über den Rhein zu gehen und mit einem angriff vom 
rocken aus zu drohen, während er selbst die legionen in ihr 
gebiet hinüberftthrte. An der südlicheren läge der Tenktern 
darf darnach nicht gezweifelt werden. Für die nördliche der 
Usipier kann man noch anführen, dass sie mit Tubanten und 
Bruktern im vereine nach Tacitus, Ann. 1, 51 die waldhöhen 
besetzen, durch die Germanicus von seinem ersten raubzuge 
gegen die Marsen zurückkehrt. Doch sind hier die Tenktern 
von Tacitus möglicherweise nur darum nicht erwähnt, weil es 
von selbst verständlich ist, dass mit dem einen der beiden 
stamme auch der andere mittut Aber sicher noch weniger ist 
es gestattet, daraus, dass Usipier um das jähr 70 n. Chr. mit 
Chatten und Mattiaken vereint (nach Tacitus, Hist. 4, 37) Mainz 
belagern, einen schluss auf ihre sitze zu ziehen; denn abgesehen 
davon, dass hier ebenfalls eine Synekdoche vorliegen kann, war 
ein solches unternehmen ihrem heerbann auch auf weitere ent- 
fern ung hin möglich. 

Man sollte also erwarten, dass uns auch Ptolemaeus die 
Oviöxoi vor den T&xsqoc nenne. Und über diesen wird wirklich 
ein platz für sie frei, wenn man nur die Sovrjßot ol Aayyo- 
ßaQÖoi, die in folge einer falschen Vorstellung über ihre sitze 
hier eingeflickt sind, wie es ihnen gebührt, hinausweist. Aber 
auch die UvyafißQot sind zu streichen, denn sie verdanken nur 
geschichtlicher Überlieferung ihre stelle ; vgl. Müllenhoff, Zs. fda. 
23, 33 f. An und für sich schon bot der nördlichere teil des 
Rheinlandes eine grössere namenfülle als die gegend im Süden 
vom Main innerhalb des nachmaligen römischen limes. Auf 
dem oberen teil der karte standen also die namen viel dichter 
beisammen als auf dem unteren: sollten nun noch zwei dort 
eingeschoben werden, so war dies ein anlass, das Inisverhältnis 
auszugleichen. Man machte für sie platz, indem man oben 
einen der namen hinauswarf, und verwendete diesen, um weiter 
unten eine lücke auszufüllen. Dermassen berichtigt ergibt 
das Verzeichnis der Rheinvölker bei Ptolemaeus die folgende 
reibe : 

Bqovxxbqoi ol ftixpoi 

Ovionoi 

Tbvxsqol 

'lvqQlwveq 



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90 MÜCH 

r IvTov6gyoi 
OvaQyiwveg 
Kagizavoi 
'E?*ovtjt{<ov tQtJUOQ 
!ilneia oqti 

Zeugnisse, aus denen unmittelbar erhellt, wie weit Usipier 
und Tenktern stromaufwärts reichten, besitzen wir nicht. Da 
ihnen aber das verödete land der Sugambern zugefallen war, 
so wird ihre südgrenze mit der ehemaligen sugambrischen zu- 
sammengefallen sein. Völlig genau ist auch diese nicht anzu- 
geben; aber man wird nicht fehlgehen, wenn man die Sugambern 
gegenober den Eburonen und ihre südnacbbarn zu Caesars zeit, 
die Ubier, gegenüber den Trevern ansetzt Dorthin stellt 
letztere Strabo p. 194, und den Trevern gegenüber und zugleich 
auf ubischem boden lagern nach Caesar BO. 1, 37. 54 die hundert 
gaue der Sveben unter Masua (Nasua d. hss.) und Cimberius* 
Nach B6. 6, 29 führt die brücke, die Caesar vor seinem zweiten 
Rheinübergang schlagen Hess, auf ubisches gebiet hinüber. 
Eben diese brücke ist aber nach B6. 6, 9 vom lande der Trevern 
aus angelegt und nach B6. 6, 29 im Süden der Arduenna, da 
Caesar von der brücke aus erst durch diesen wald ziehen muss, 
um die Eburonen zu überfallen, was hier gegen Zeuss s. S3. 84 
bemerkt sei, der die stelle des Rheinüberganges im norden des 
waldes in der gegend von Bonn sucht. Dreissigtausend passus 
unterhalb der brücke gehen aber nach B6. 6, 35 zweitausend 
sugambrische reiter über den Rhein, um an der ausplünderung 
des Eburonenlandes teil zu nehmen, gewiss schon auf sugam- 
briscbem gebiet, weil ein übertritt auf ubisches sie von ihrem 
ziele nur abgelenkt hätte. Die grenze beider stamme muss 
mithin zwischen jene Übergangsstelle und die ältere brücke 
fallen, die sich nach B6. 6, 9 ein wenig unterhalb der zweiten 
befand, wie es scheint hart an der grenze der Sugambern, gegen 
welche der erste Rheinübergang hauptsächlich gerichtet war. 
So wie das sugambrische — und früher schon — war das 
ubische land durch Überführung seiner bewohner auf die linke 
Rheinseite herrenlos geworden, und wie dort Usipier und 
Tenktern, waren hier chattische ansiedier eingezogefi, aus denen 
ein besonderer stamm hervorgieng, der mit einem keltischen 
namen Mattiaci genannt wurde. Vielleicht stammte er aus der 
gegend von Mattwm, der hauptstadt der Chatten. 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 91 

Den nördlichen teil des mattiakischen gebietes umfasst im 
mittelalter der Engersgau, und da für ivt/Qlcoveg auch 'lyyQlcovsg 
geschrieben wird, so ist es begreiflich, wenn Zeuss s. 99 sich 
versucht fohlte, dieser lesart den vorzug zu geben und den gau- 
namen mit dem volksnamen in Verbindung zu bringen. Be- 
stünde aber hier eine beziehung, so müsste notwendig ^Ayyqlmvtq 
hergestellt werden, denn es ist offenbar ganz unzulässig, um- 
gekehrt einer vereinzelt vorkommenden form Ingerisgowe zu 
liebe die häufig begegnende alte Schreibung Angerisgowe zu 
verwerfen, wie Zeuss a. a. o. es tut. Auch das bei Förstemann 
DN. 2 2 , 83 aus einer grösseren anzahl von quellen belegte 
Engerisgowe Engrisgowe sammt ähnlichen formen mit anlauten- 
dem e ebenso wie das heute gangbare Engers fällt nur zu 
gunsten der annähme ins gewicht, dass a der ursprüngliche 
anlaut des namens ist Und dem widerspricht jenes Ingeris- 
gowe eigentlich gar nicht, da hier das i ebenso wie in Hamor- 
biki, Alfstidi und vielen anderen Ortsnamen eine widergabe des 
geschlossenen e, des Umlautes von a, ist *Angrionez wären 
bewohner des angers, urgerm. *angraz, oder gleich den Angri- 
variern solche des angerlandes, urgerm. *angrja(n). Ausser in 
dem letztgenannten völkerschaftsnamen , den man fälschlich 
immer unmittelbar zu anger stellt, ist uns dieses collectivum, 
eine bildung gleich aisl. pyrm 'dorngebüsch', ahd. weppi 'ge- 
webe' und mehr derart bei Kluge, Nom. stammbild. § 65, auch 
im namen der Stadt Enger nordwestlich von Herford in West- 
falen, die einst Angari Angeri hiess, in dem eines zweiten 
Enger nordwestlich von Warburg ebenfalls in Westfalen, alt 
Engeri (Förstemann DN. 2 2 , 82 f.), und in dem von Batenengre 
(bei Dronke, TrF.c. 41,53) erhalten. Und eben dieses wort 
scheint auch in der Zusammensetzung Engersgau vorzuliegen. 
Doch nur auf den ersten blick. Denn wenn darin, was ja an 
und für sich schon auffallen müsste, der erste teil ein genitiv 
wäre, wie könnte dann die hauptstadt des gaues Engers schlecht- 
weg heissen ? Nur von dieser hat der gau selbst seinen namen ; 
und das befriedigt um so mehr, als seine beschaffenheit gar 
nicht eine solche ist, dass er der 'gau des angerlandes 1 genannt 
werden könnte. 

Wir müssen dem namen 'JvrjQlcovsg schon auf einem anderen 
wege beizukommen trachten, wenden uns aber lieber vorläufig 



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92 MUCH 

dem der ivrovsQyoi zu. Ersatz des r durch p darf man sich 
in ihm gerade wie früher bei Tovqcdvoi, *BovQyovvrBq und 
TevQioxalfiat unbedenklich gestatten: er darf also als germ. 
*In-pwergöz angesetzt werden; denn so und nicht anders ist 
abzuteilen. Davon ist der zweite teil das deutsche zwerch oder 
quer, jedoch in einer durch ursprüngliche suffixbetonung ver- 
änderten form, urgerm. *pwergaz, für die auch sonst noch be- 
lege genug vorhanden sind. So ist den Wörterbüchern zu ent- 
nehmen: krum unde zwirg [: gebirg] (Ls. 1, 375, 17), Der vor was 
kriecht, der wart nun herr, ye lenger er was ye zwerger (Mich. 
Beham. 113,2), zwergaxt, zwergagst = twerchackes 'bipellis, bi- 
pennis', quergpfeiff (Eselkönig 1625) d. i. zwerchpfei/fe\ ferner 
twerge d. i. twerhe stf. 'quere* im reim mit berge (Jer. 23677) 
und ein intransitives zeitwort twergen 'quer oder schief gehen, 
irren': ob ich an der wärheit iht twerge [: berge) (Schoneb. 9463). 
Man vgl. den grammatischen Wechsel in mhd. schelch und aisl. 
skjalgr. Was die bedeutung von *pwergaz anbelangt, so ist jeden- 
falls die auch dem verwanten lat. torquere (aus *tuerkuere) zu- 
kommende die ursprüngliche. Im volksnamen ist aber eine 
übertragene anzunehmen, und eine solche liegt in got pwairhs 
oQylXoq, oQyia&elq und pwairhei oQyrj, frvfioq, tQiq, aber auch 
in ags. pweorh 'perversus, pravus* in der tat vor. In- ist dann 
die germanische Verstärkungspartikel in, die uns bereits im 
volksnamen *Inguldjonez — 8. oben s. 45 — begegnet ist. 7j>- 
rovsQyot bedeutet mithin entweder 'perversi, pravi' oder 'furiosi, 
furibundi'. Ist letzteres der fall, so darf man an den keltischen 
volksnamen Ambibarii erinnern, der ganz das gleiche besagt: 
s. Glück s. 20 f. 

Statt IvtjQiowtg, um nun wider zu diesen zurückzukehren, 
hat Müller in seiner Ptolemaeusausgabe s. 255 'ivxgioovsq in 
den text gesetzt und verzeichnet dazu in der anmerkung folgende 
andere lesarten: 'IvxqIovsq X, 'lyxQicovsq FN, lyxQlovsq SS£n, 
y Ivt}Qla>vtg BEGZ2W, ed. Arg., Inerones ed. Vic; ot rxQicweq 
(sie) D£A, OiyxQicovtq MO; 'lyyQlmvtg VUa, 'iyyxQicoveg PR, 
'föxQl&veg a, NixQlcoveg A, Mtriones edd. Rom. et Ulm. Dar- 
nach würde allerdings die mehrzabl der handschriften gegen 
die form 'ivrjQleoveq entscheiden. Es begreift sich aber leicht, 
dass man gerade an dieser anstoss nahm, eine Verderbnis in 
'ivyQicovtg oder 7vxQicovt^ ist deshalb verständlicher als es der 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 93 

umgekehrte Vorgang wäre. Aus diesem gründe schon mflssten 
wir Müllen hoff zustimmen, wenn er Germ. ant. 126 ivrjQUovsg 
bevorzugte. Und da wir nunmehr in dem unmittelbar folgenden 
namen eine Zusammensetzung mit der Verstärkungspartikel in 
erkannt haben, werden wir dieselbe auch hier suchen; eine 
abteilung '[v-yQicoveg oder 'Iv-xqUdvss ist aber unmöglich. 
Freilich fahrt auch iv-TjQi&vse; noch zu keinem ergebnis. Allein 
so sehr die widergabe germanischer namen bei Ptolemaeus im 
allgemeinen alles lobes würdig ist (trotz allem, was man darüber 
aus eigenem Unvermögen, diesen quell auszuschöpfen, gesagt 
hat), so werden wir doch von ihm nicht erwarten, dass er 
doppelte liquida immer als solche richtig zum ausdruck bringe; 
ja gleich bei der aufnähme des namens durch die Römer konnte 
aus *In-ruerjonez Ineriones werden. Und nun ist uns der name 
sofort verständlich, nachdem wir früher schon (s. 72) ein germ. 
adj. *närjaz t aisl. narr 'fortis, strenuus' kennen gelernt haben. 
*Irmeerjcnez bedeutet genau dasselbe wie das auch etymologisch 
verwante *Peuda-narßz und *Naristöz. 

Die Innerionen sind als nachbarn der Tenktern zweifellos 
Mattiaken; aber wahrscheinlich nur der eine teil von diesen, 
während die Intvergen der andere sind. Denn beide namen 
bilden ein par, und das mattiakiscbe land wird durch den 
Taunus in zwei hälften geschieden. Davon haben wir die nörd- 
liche an der Lahn als das gebiet der Innerionen, die südliche, 
vom Main begrenzte als den sitz der Intvergen zu betrachten. 
Den geweckteren mut der Mattiaken im vergleich zu den Ba- 
tavern hebt Tacitus, Germ. 29 hervor: cetera similes Batavis, 
nisi quod ipso adhuc terrae sitae solo ac caelo acrius animantur. 
Gewiss gab ihre grössere leidenschaftlichkeit anläse zu ihrer 
bezeichnung als ' vielkühne' und * ingrimmige'; und als letzteres, 
nicht etwa als 'perversi', werden wir nun 'ivxovsQyoi mit recht 
verstehen. Es ist nur die frage, ob wir es bei Tacitus mit 
einem selbständigen Zeugnisse für die mattiakiscbe eigenart zu 
tun haben, oder ob seine worte widerum auf die bemerkung 
eines germanischen gewährsmannes zurückgehen, zu der sich 
dieser erst durch jene namen veranlasst sah, geradeso wie der- 
selbe oder ein anderer von den Bastarnen erzählte, dass sie 
mischlinge seien. 

Mit den folgenden namen geraten wir schon über die 



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94 MÜCH 

Mainlinie. Unter der 'Ekow/rlcov sQijfiog nördlich vom Alb- 
gebirge können dann unmöglich die ganzen sogenannten agri 
Decumate8 gemeint sein, es sei denn, dass der name ebenso 
wie jener der Sugambern nur geschichtlicher Überlieferung seine 
eintragung in die karte verdankt. Viel eher aber bezeichnet er 
einen kleineren noch öde liegenden landstrich am Albgebirge, 
dessen umkreis jedenfalls am spätesten widern m eine dichtere 
bevölkerung erhielt. Für die an Setzung der OvaQylcoveg und 
KaQlravot ist es übrigens so ziemlich belanglos, für welche 
dieser beiden möglichkeiten wir uns entscheiden. 

Von diesen beiden volksnamen, die uns noch übrig sind, 
lautet der zweite in gemeiner lesart KaQirvol, der Codex Va- 
ticanus aber, derselbe der allein BovQyovvrcov und IkZlyyai 
richtig überliefert, schreibt für das KaQirvol der anderen hand- 
schriften Kaqlravoi, und das verdient so sehr den Vorzug, dass 
Zeuss' versuch s. 99, den namen als 'Chartini aus hart, harz, 
wald' zu erklären, von anderen gründen abgesehen, nicht mehr 
in betracht kommt. Der name macht durchaus nicht den ein- 
druck eines deutschen und wird um so eher als keltisch anzu- 
sprechen sein, als es auch britannische KoQitavoi gibt nach 
Ptolemaeu8 2, 3, 11. Kar kann eine keltische mundartliche form 
für ker sein, und dieses würde zu kor in ablautsverhältnis stehen; 
ein gleiches wäre auch der fall, wenn kor aus idg. kr ent- 
standen sein sollte: vgl. kelt. Arduenna, lat. arduos, gr. 6q&6$, 
idg. *fdhuös (Brugmann, Grundr. 1, 243). Da aber unmittelbar 
vor den KoQixavoi KoQvaovioi genannt werden, ist vielleicht 
auch hier KaQiravol das ursprüngliche und die überlieferte 
form mit o ein ergebnis der angleichung an den vorausgehenden 
namen. Ein keltisch benannter und wohl auch wirklich kel- 
tischer stamm innerhalb der agri Decumates wird uns nicht 
in erstaunen setzen nach dem was wir aus Tacitus, Germ. 29 
über deren bevölkerung erfahren. Aber wenn die Karitanen 
bis an den Main gereicht hätten, so wäre zwischen ihnen und 
den Intvergen kein platz für einen dritten stamm, für die Var- 
gionen nämlich, übrig. 

Wo diese hingehören, lehrt ihr name. Zeuss s. 99 dachte bei 
ihm an ableitung von warg, wargus lex Sal. Rip., aisl. vargr, 
und in der tat wäre ein germ. adj. *wargjaz l wölfisch, räuberisch', 
wovon *ff'argjonez die substantivierte schwache form sein könnte, 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 95 

recht gut möglich. Ein nom. ag. zu got. gawargjan, ahd. vor- 
wergen 'verdammen, verfluchen' kann der volksname deshalb 
nicht sein, weil dabei kein befriedigender sinn herauskommt 
und auch auf die partikel ga- oder vor- nicht gut verzichtet 
werden kann. Dagegen empfiehlt es sich, an ein anderes 
*wargjan anzuknüpfen. Ein solches wort ist nämlich als neben- 
form zu ahd. würgen, älter *wurgfan, got. *rvaurgjan l würgen* 
immer möglich und auch wirklich belegt in mhd. wergen (Griesh. 
pred. 1, 56) Geissen', eigentlich l würgen machen 1 , causativum 
zu wergan: s. Schade AW. Ml 28. Ob übrigens die Vargionen 
l die wttrger f und die Eurionen 'die dränger' oder jene 'die 
wölfischen, räuberischen', diese 'die lästigen' sind, ist von ge- 
ringem belang. Der Charakter der namen bleibt doch in beiden 
fällen der gleiche, und in beiden stehen sie zu einander in 
deutlicher beziehung. Ein solcher Zusammenhang besteht aber 
auch nach der andern sehe hin, denn dort sitzen über dem 
Rheine die Vangionen und im anklang an deren namen ist 
ohne zweifei der der Vargionen gebildet Stand einmal auch 
dieser fest, so stellte sich für deren hintermänner leicht die 
bezeichnuug Eurionen ein. Die Stellung die Ptolemaeus den 
Vargionen gibt, ist also wohl die richtige. Deshalb brauchen 
sie in der nähe des Rheines nicht in grösserer zahl gewohnt 
zu haben, jedenfalls aber reichte ihr machtgebiet bis zu diesem 
ström, und wie früher zu den Markomannen werden die Teu- 
tonen jetzt zu ihnen in einem abhängigkeitsverhältnisse ge- 
standen haben, etwa so wie die Grudii, Geidumni und andere 
völkchen nach Caesar BG. 5, 39 zu den Nerviern. So mag es 
sich erklären, dass Ptolemaeus nichts von Toutonen weiss, und 
so erklärt es sich wohl auch, dass die römischen und grie- 
chischen autoren überhaupt von ihnen nichts erfahren haben. 
Als dann der limes gezogen wurde, der gerade im norden viel 
näher dem Rheine verlief als weiter im Süden, mögen sich die 
bis in die stromniederung vorgedrungenen Germanen wider 
landeinwärts zurückgezogen haben, so dass nun Tacitus, Germ. 
29 nur noch von gallischen ansiedlern auf dem boden der agri 
Decumates zu berichten hatte. 

Und nun erst ist uns über die Ermunduren bei Ptolemaeus 
ein abschliessendes urteil gestattet Sie treten uns einmal als 
gesammtvolk unter dem namen Tovqcovoi entgegen, daneben 



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96 MUCH 

in vier stamme gesondert, als TevQioxal/iai, KovQlmveg, Oüxq- 
ylcopeg und Xcutovwqoi. Davon sitzen die erstgenannten nörd- 
lich vom Erzgebirge, den Hovdt/ra oqtj — man wird sie sich 
im übrigen als von der Elbe, vom Harz und vom Thüringer- 
wald begrenzt denken dürfen — , südlich vom Thüringerwald 
die Kurionen, und von ihnen aus gegen den Rhein hin die Var- 
gionen, bis zur Donau die Chaitvoren. Zwischen ihnen allen 
besteht zu Tacitus zeit noch eine feste Verbindung. Doch muss 
sich diese bald darauf gelockert haben, und die folge davon 
war, dasß die gesammtnamen des Volkes nur noch an dem 
teil desselben der den ältesten Stammsitz innehatte, an den 
Teuriochaimen, haften blieben; und da diese in ihrer abgeschie- 
denen läge hinter dem Waldgebirge und weit entfernt vom 
limes mit den Römern nichts zu schaffen hatten, so scheinen die 
Ermunduren überhaupt aus der geschichte verschwunden zu 
sein, bis sie — nach ein par Jahrhunderten — als Thüringer 
wider hervortreten. 

Die loslösung der südlichen Ermundurenabteilungen von 
ihrem stamm volke legte den grund für eine neue entwicklung. 
Der kämpf mit dem Römerreiche, besonders seit der anlegung 
des limes, drängte zu einer widei Vereinigung der kräfte, als 
deren ergebnis bund und volk der Alamannen zu gelten hat 
Den älteren kern desselben bilden Vargionen, Kurionen und 
Chaitvoren, und es ist vielleicht kein zufall, dass uns nachmals 
widerum drei alamannische stamme, die ßveinobantes, Brisigavi 
und Lentienses namhaft gemacht werden. Die Juthungen (Sveben) 
dagegen haben sich erst nachträglich angeschlossen. 

Was alles bisher über die herkunft der Alamannen vor- 
getragen wurde, findet man bei Baumann in den Forschungen 
zur deutschen geschichte XVI zusammengestellt Am bekann- 
testen davon ist wohl die von Zeuss s. 90. 305 vertretene, von 
J. Grimm aber mit recht verworfene annähme, dass die Usipier 
und Tenktern den grundstock derselben abgegeben haben. Sie 
stützt sich auf die Stellung der Usipier in der Germania des 
Ptolemaeus und hat nach dem was sich uns über diese bereits 
ergeben hat, jedweden halt verloren. Was anderswo vorgebracht 
wurde, verdient kaum eine Widerlegung. Dass wir es bei den 
Alamannen mit einem Völkerverein, nicht mit einem einheit- 
lichen neuzugewanderten stamme zu tun haben, sagt schon ihr 



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zedby G00gle 



DIE SL DMARK DER GERMANEN. 97 

name selbst. Nur darf man ihn nicht wie J. Grimm GDS. 
348 verstehen, dem, obwohl er das got. alamans beizieht, 
dennoch Alaman, das ebenso als ahd. roannsname erscheine, 
für einen * ausgezeichneten mann oder helden' gilt. In jenem 
got. alamans (Skeireins 51,17: in aUaim alamannam, 43,17: 
alamanne kunt), das 'alle menschen' bedeutet, liegt aber dieser 
sinn sicher nicht vor. Auch der aisl. gen. plur. almanna- in 
zahlreichen Zusammensetzungen (s. Cleasby-Vigfüsson 17) be- 
deutet 'general, common, universal', lässt also für das verlorene 
almmix (= got. alamans) die bedeutung 'alle menschen' er- 
schliessen; dazu stimmen die ableitungen almenni n. 'the people, 
public', almenniligr 'general, common', almenning f. almenningr 
m. 'fundus communis, common land' und almennr 'common, 
public'. Zeuss s. 306 hat also den Alamannennamen richtig 
erklärt, wenn er in ihm den begriff des gesammtvolkes findet, 
und nur seine ansetzung eines bundesnamens Alamannida ist 
zu verwerfen : vgl. Kluge EW. * unter Almende. Ja schon Asi- 
nius Quadratus (nach Agathias, Histor. 1,6; vgl. Zeuss s. 305) 
hat nicht ganz unrecht, wenn er '4Xa(iavol als gvyxXvöeq av- 
&QcojtoL xal (iiyadec deutet. Urgerm. * alamanne z 'alle männer, 
alle menschen' war gewis anfangs ein nur im plural gebräuch- 
liches wort; aber da'sB es Skeireins 51,17 in allaim alamannam 
heisst, nicht in alamannam schlechtweg, zeigt schon eine 
Schwächung seines begriffes; und ganz ebenso wird das durch- 
aus jenem got. alamans gleichbedeutende alte, irminman Heliand 
1298 schon in der Verbindung mit all gebraucht und 3503 gar 
in der einzahl, wobei es nur 'einen aus der gesammtheit der 
menschen' bedeuten kann. Als *Alamannez zum volksnamen 
geworden war, konnte um so eher auch von einem einzelnen 
m Alamanz die rede sein; und vom volksnamen, nicht unmittelbar 
vom appellativum aus ist das wort endlich auch zum personen- 
namen geworden. Wenn man eingewendet hat, dass ein volk sich 
nicht als 'alle menschen' bezeichnen könne, so bedenke man, 
dass eine ähnliche hyperbel in den beigezogenen nordischen aus- 
drücken vorliegt, und dass auch, wenn wir das wort 'allgemein' 
gebrauchen, dabei nur an eine allgemeinheit innerhalb gewisser 
selbstverständlicher grenzen gedacht wird. Das eine aber ist 
klar, dass der name nicht im gegensatz zu anderen aussen- 
stehenden gemein wesen aufgekommen sein kann, sondern nur 

Beitrage sur geschiebte der deutschen spräche. XVII. 7 



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98 MÜCH 

im gegensatz zu den bestandteilen die er umfasste; er ist nur 
als name eines Völkerbundes verständlich. 

Dass die später hinzutretenden Jutbungen die Semnonen 
sind, hat sich uns allerdings als richtig erwiesen; aber gerade 
darum können nicht auch die anderen Alamannenstämme 
Semnonen sein. Was wäre auch aus der älteren germanischen 
bevölkerung im nordosten der agri Decumates geworden, wenn 
nicht aus ihr die Alamannen hervorgiengen? Dass es sich aber 
bei diesen nur um nachkommen der südlichen Ermunduren- 
abteilungen, der Vargionen, Kurionen und Chaitvoren handeln 
kann, erweist sich schon daraus, dass deren nächste nachbarn, 
die Yaristen und die Chatten, nach wie vor unter ihren alten 
namen fortbestanden. Die Alamannenfrage kann damit als 
erledigt gelten. 

Die bei den Deutschen zu allen Zeiten häufige reisläuferei 
ist abgesehen von anererbter abenteuer- und kämpf lust aus dem 
überfluss an beschäftigungsloser wehrhafter Jugend zu erklären. 
Die zeitweilig eintretende Übervölkerung ihrer heimat macht 
sich bei den Germanen nicht immer sofort in auswanderungs- 
versuchen bemerkbar, sondern oft schon, bevor solche erfolgen, 
in vorübergehenden einfallen und beutezügen in benachbartes 
gebiet, sowie im aufsuchen von kriegsdiensten im auslande. 
Dieselben Ursachen aber, die anfänglich nur zum auszug kriegs- 
lustiger schaaren nach rühm, sold und beute führten, mussten, 
da sie nachhaltig weiterwirkten, später den aufbruch ganzer 
volksteile veranlassen. So sind denn solddienste geradezu als 
Vorläufer und Wegweiser der auswanderungen aufzufassen. 
Beispiele hiefttr Hessen sich aus der zeit des Verfalles der 
Römerherschaft genug anführen. Es genügt hier, auf den 
hergang der eroberung Britanniens durch Hengist und Horsa 
hinzuweisen. Ganz ähnlich vollzieht sich auch die Festsetzung 
der Germanen in Gallien am linken ufer des Mittelrheines. 
Der zu kriegerischer hilfe herbeigerufene fürst, zuerst durch 
landanteil entschädigt, verstärkt sich durch stetige nachschttbe 
aus der heimat und bringt schliesslich seine früheren dienst- 
geber unter seine herschaft. 

Einen gedanken von Wilhelm Nitzsch aufnehmend, hat 
Müllen hoff Zs. fda. 10,553 versucht, die 120000 Germanen de* 



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GqoqI 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 99 

Ariovist unmittelbar mit den Sveben Caesars in Zusammenhang 
zu bringen, indem er sie für das aufgebot der 100 Svebengaue 
nahm, deren jeder 1000 mann, die also zusammen, das hundert 
als germanisches grosshundert gerechnet, ebenfalls 120 000 
k rieger aufbringen konnten. Da die hundert gaue der Sveben 
neben der macht Ariovists ausdrücklich erwähnung finden, als 
sie, um diesem zu hilfe zu kommen, bei den Trevern den Rhein 
zu überschreiten suchen (BG. 1, 37. 54), so mussten diese als das 
nachrückende zweite aufgebot erklärt werden. Aber wenn es 
sich in der tat so verhalten hätte, so hätte Caesar gerade 
a. a. o. den zusammeuhang der Sveben mit dem beere Ariovists 
nicht verschweigen dürfen. Dass er in der schlachtaufstellung 
der Germanen die Suebi neben den übrigen stammen als etwas 
besonderes aufführt, bestätigt nur, dass die anderen keine an- 
gehörigen des Svebenreiches gewesen sein können. Oder Caesar 
wäre selbst nicht gut unterrichtet gewesen. 

Jener gleichstelluug, die übrigens Müllenhoff später selbst 
nicht mehr zu vertreten scheint, stehen auch andere gewichtige 
gründe entgegen. Es ist doch nicht daran zu zweifeln, dass 
die jährliche aussendung der hälfte aller waffenfähigen zu 
kriegszttgen über die grenze eben kriegszeiten voraussetzt und, 
da Caesar von diesem Vorgang wie von etwas regelmässigem 
erzählt, lange und schwere kriege der Sveben in der zeit, bevor 
Caesar mit ihnen bekannt wurde. Wem ihre angriffe galten, 
erfahren wir BG. 4, 3, wo von den Ubiern erwähnt wird, dass 
sie von jenen oft bekriegt und zinsbar gemacht worden seien, 
und aus BG. 1,4, wo berichtet wird, dass die Usipeten und 
Tenktern vor ihnen weichend ihre heimat verlassen hätten. 
Weit mehr noch kommen aber die Boier hier in betracht. Denn 
gerade in die zeit, bevor Caesar nach Gallien kam, fällt ja 
deren austreibung aus Böhmen, und wenn es BG. 4, 3 von den 
Sveben beisst, sie betrachteten es als ehrensache für ein volk, 
von möglichst ausgedehnten einöden umgeben zu sein, und wenn 
dann von der grossen ödmark die rede ist, die sich uns als 
das verlassene land der Boier dargestellt hat, so wird es deut- 
lich, dass die Boier durch die Sveben Caesars, d. i. die Ermun- 
duren, vertrieben wurden, wobei es allerdings nicht ausgeschlossen, 
sondern wahrscheinlich ist, dass auch ihre verwanten, die Marko- 
mannen wacker mithalfen. Müllenhoff geht also wohl zu weit, 

7* 



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100 MÜCtt 

wenn er 8. 265 die behauptung des Tacitus (Germ. 42), dass 
die Markomannen die Boier aus Böhmen vertrieben hätten, ein- 
fach für falsch erklärt; einer einschränkung bedarf sie freilich. 
Jedenfalls wichen die Boier, der grösste und tapferste Kelten- 
stamm, der selbst den Kimbern erfolgreichen widerstand ge- 
leistet hatte, nicht gutwillig dem auf sie ausgeübten drucke, 
und durch den kämpf mit ihnen waren die Sveben (Ermunduren) 
sicherlich so sehr in ansprach genommen, dass sie nicht in der 
läge waren, ihr stehendes heer indessen im solde der Sequaner 
und Arverner in Gallien zu lassen. 

Und hätte Cäsar im jähre 58 v. Chr. wirklich das heer 
der Sveben aufs haupt geschlagen, so wäre es unerklärlich, 
wie 3 jähre später die heimatflüchtigen Usipeten und Tenktern 
ihm gegenüber hätten aussprechen können: sese unis Suebis 
concedere, quibus ne dii quidem immortales pares esse possini, 
reliquuum quidem in terris esse neminem, quem non super ort 
possint (B6. 4, 7), unerklärlich auch, weshalb Caesar später es 
nicht recht wagt, mit den Sveben anzubinden. 

Ob man endlich Ursache hat, die angäbe, dass Ariovists 
macht ungefähr 120000 mann betrage (was überdies Caesar 
nur als äusserung des Aeduers Divitiacus mitteilt, 8. B6. 1, 31), 
für völlig zuverlässig zu halten, ist auch erst die frage. Denn 
die aufs haupt geschlagenen Aeduer hatten grund genug, die 
macht ihrer feinde so gross und so gefährlich als möglich dar- 
zustellen. Nimmt man aber den bericht des Divitiacus für volle 
Wahrheit, so geht aus demselben doch hervor, dass Ariovists 
heer ganz zufällig jene stärke erreicht hatte. Anfangs heisst 
es, hätten nur 15000 Germanen den Rhein überschritten, später 
seien mehr und mehr herübergekommen: nunc esse in Gailia 
ad centum et XX milium numerum. 

Und ausdrücklich wird gesagt, dass Ariovist für seine 
schaaren teils landsitze erhalten hatte (B6. 1, 31. 44), teils für 
neue ankömmlinge solche verlangte (B6. 1,31). Wenn eine 
solche ansiedlung nicht wirklich erfolgt wäre, so wttssten wir 
nicht, wie die Vangionen, Nemeter und Tribokep ans linke Rhein- 
ufer gekommen wären. Das aufgebot der Sveben dagegen, von 
dem BG. 4, 4 die rede ist, kehrt alle jähre — zu winterbeginn 
natürlich — nach hause zurück, um im nächsten sommer durch 
ein anderes ersetzt zu werden. 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 101 

Dass die ansiedlung der drei obergermanischen stamme 
erat durch Ariovist erfolgt sei, ist freilich von Zeuss s. 217 f. 
bestritten worden, obwohl nicht recht einzusehen ist, warum 
Caesar, wie dieser forscher voraussetzte, in der behandlung 
früher und später angesiedelter Germanen einen unterschied 
gemacht haben sollte. Mit recht hat auch Mommsen R6. 3 *, 
258 darauf hingewiesen, dass Caesar Ariovist gegenüber sich 
bereit erklärte, die in Gallien bereits ansässigen Deutschen zu 
dulden (BG. 1, 35. 43). Wenn aber Mommsen lediglich deshalb 
annimmt, dass jene Völker nicht schon vor Ariovist in Gallien sich 
niederließen, 'weil sie in seinem heer fechten und früher nicht 
vorkommen', so kann sein schluss allerdings zufällig zu einem 
richtigen ergebnis führen, um stichhaltige gründe für dasselbe 
werden wir uns aber erst umzusehen haben. Denn dass Van- 
gionen, Nemeter und Triboken früher nicht vorkommen, ist so 
selbstverständlich wie nur etwas. Ist doch Caesar sogar der 
erste, der uns den namen des Rheines überliefert, wenn derselbe 
auch wohl schon in einer älteren uns verlorenen griechischen 
quelle gestanden hat Und dass sie im heere Ariovists fechten, 
hat für sich allein auch keine bedeutung, allerdings aber im 
zusammenhält damit, dass dessen gesammte macht BG. 1,31 
auf zuzüge aus Germanien selbst zurückgeführt wird, wenn 
es heiö8t: Horum (Germanorum) primo circiter milia XV Rhenum 
transisse: posteaquam agros et cultum et copias Gallorum ho- 
mines ferx ac barbari adamussent , traductos plnres: nunc esse 
in Gallia ad centum et XX miiium numerum. 

Uebrigens läset sich auch nachweisen, dass das dem Ario- 
vist von den Sequanern überlassene land sich völlig deckt mit 
der späteren Germania superior, mit den sitzen der Yangionen, 
Nemeter und Triboken also. Hätten diese vor seiner ankunft 
schon in Gallien gewohnt, so mttsste das an ihn abgetretene 
gebiet ausserhalb des ihrigen liegen. 

Nach BG. 1,31 könnte man freilich vermuten, dass Ariovist 
ein drittel des Sequanerlandes selbst in besitz genommen habe, 
und zwar ein drittel jeder einzelnen feldmark, nicht einen zu- 
sammenhängenden strich landes: quod Ariovistus, rex Germano- 
rum, in eorum ftnibus consedisset tertiamque partem agri Sequani, 
qui esset optimus totius Galliae, occupavisset . . — Dazu würde 
es stimmen, dass den Sequanern die Möglichkeit der flucht 



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102 MUCH 

abgesprochen wird, da sie den Ariovist in ihr land aufgenommen 
hätten und alle ihre Städte in seinen händen seien : . . reliqtäs 
. . fugae facultas daretur, Sequanis vero, qui intra fines suos 
Ariovistum recepissent, quorum oppida omnia in potestatc eius 
essen t, omnes cruciatus essent perferendi (BG. 1, 32). 

Doch wird man schon genötigt, in Caesars darstell ung 
mindestens starke Übertreibungen anzunehmen, wenn man be- 
denkt, dass die Sequaner, wie aus B6. 1,3 und 9, aus 6, 12, 
aber auch aus 1,31. 35 (wo der in ihren händen befindlichen 
geisein der Aeduer gedacht wird) zur genüge erhellt, ihre staat- 
liche Selbständigkeit bewahrt hatten. Dadurch erscheint es aus- 
geschlossen, dass Ariovist mit seiner gesammten macht bei 
ihnen gelegen habe und dass seine leute über das ganze land 
zerstreut siedelten. Denn dann hätten wir es hier mit einem 
germanischen reiche, nicht mehr mit dem der Sequaner zu tun. 
Höchstens könnte man B6. 1, 32 so verstehen, dass in den 
sequanischen Städten germanische besatzungen verteilt gewesen 
seien. Auch die äusserung Ariovists: neque (se) cxercitum sine 
magno commeatu in unum loco contrahere posse (BG. 1, 34) könnte 
in diesem sinne gedeutet werden. Doch ist sie auch ohne die 
Voraussetzung weithin zerstreuter besatzungen verständlich, da 
seine leute, soweit sie bereits mit landbesitz bedacht worden 
waren, in ihren dörfern gelebt haben werden, wenn sie nicht 
zur heerversammlung entboten waren. 

Hätten aber auch germanische abteilungen die städte der 
Sequaner besetzt gehalten, so waren sie doch ganz gewiss schon 
zurückgezogen, als Caesar zum angriffe gegen Ariovist vor- 
rückte. Im ganzen Sequanerlande befand sich zu dieser zeit 
kein einziger Germane. Dieser umstand wäre aber sehr be- 
fremdend, wenn die Völker Ariovists dieses land selbst bewohnt 
hätten; denn dann hätte sich sein heer auch hier und zwar 
gerade in Vesontio, auf dessen besitz der könig grossen wert 
legte (vgl. BG. 1, 38) zusammengezogen, da man als Sammel- 
platz einen in der mitte der zerstreuten teile gelegenen ort zu 
wählen pflegt 

Ist es somit wahrscheinlich, dass das dem Ariovist an- 
gewiesene land ausserhalb des Sequanerlandes lag, so wird 
dies zur vollen gewissheit dadurch, dass BG. 1, 38 das gebiet 
(fines) Ariovists ausdrücklich erwähnung findet in einem zu- 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 103 

sammenhange, der es sogar ermöglicht, seine läge mit einiger 
genauigkeit zu bestimmen. An sich wird es schon aus dem 
ausdrucke fines klar, dass es sich nicht um landgüter, die 
zwischen den gallischen zerstreut lagen, sondern wirklich um 
ein geschlossenes gebiet handelt 

Da nach B6. 1, 40 neben den Sequanern Leuken und 
Lingonen für Caesars heer getreide liefern sollen, so muss deren 
land ebenfalls von Germanen frei gewesen sein. Es bleibt 
also nur der strich nordöstlich von diesen beiden stammen 
zwischen Wasgenwald und Khein übrig. Hier kommt aber der 
südliche teil des Elsass nicht in betracht, weil Ariovists gebiet 
nicht in unmittelbarer nähe Vesontios gelegen haben kann, wenn 
Caesar erst nach ununterbrochenem siebentägigen, allerdings 
auf einem umwege führenden marsche (BG. 1, 41) auf seine 
feinde stösst, obwohl auch diese unterdessen, wenn auch des 
grossen trosses halber in langsamem zuge, gegen Vesontio zu 
weiter vorgegangen sein werden; denn bereits früher hatte 
Caesar erfahren, dass Ariovist von seinem gebiete aus in der 
richtung auf diese Stadt drei tagemärsche vorgerückt sei (BG. 1,38). 
Und zwar müssen die Germanen im Rheinthale hinaufgezogen 
sein, denn in diesem und in geringer entfernung vom ströme 
selbst fiel die entscheidung nach Caesar BG. 1,53: neque prins 
fugere destiterunt, quam ad flumen Rhenum milia passuum ex eo 
loco circiter quinque pervenerunt. Quinquaginta, wie Nipperdey 
nach Orosius 6, 7 und Plutarch, Caesar 19 in den text auf- 
genommen hat, ist sicher falsch, weil man sich eine so lang 
andauernde ununterbrochene flucht nicht vorstellen kann. Sie 
wäre überhaupt in einem tage nicht möglich, selbst wenn nicht 
schon ein teil desselben durch die schlacht in ansprach ge- 
nommen worden wäre; es müsste also des eintrittes der nacht 
als einer Unterbrechung mindestens der Verfolgung erwähnung 
geschehen, während doch aus Caesars ganzer darstellung hervor- 
geht, dass der Rhein erst diese aufhielt; vgl Mommsen 
BG. 3 «,256. 

War aber Ariovists gebiet die spätere Germania superior, 
das land der Yangionen, Nemeter und Triboken also, so folgt 
daraus nicht allein, dass diese stamme erst durch ihn an- 
gesiedelt wurden, sondern es erweist sich nun auch, dass die 
Sveben und Markomannen, die in seinem heere genannt werden, 



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104 MÜCH 

nur ermundurische und niarkomannische hilfstruppen sind, was 
wir ja schon von vornherein als das wahrscheinlichste angenommen 
haben, und endlich, dass die Eudusier noch so wenig als die Ha- 
rüden landsitze erhalten hatten, also offenbar erst in deren 
gesellschaft aus Jtttland gekommen waren. Denn andernfalls 
mttssten sie uns später noch gerade wie Vangionen, Nemeter 
und Triboken in Germania superior begegnen, was nicht der 
fall ist. Dass für die Haruden erst landanweisung verlangt 
wurde, ist B6. 1, 31 ausdrücklich gesagt. 

Woher das ursprüngliche heer und volk könig Ariovists 
gekommen ist, lässt sich schwer ausmachen. Sveben waren 
es gewiss. Das ergibt sich schon aus Plinius HN. 2 § 170, wo 
ein rex Sueborum genannt wird, der, wie ja schon s. 19 erörtert 
wurde, kein anderer als Ariovistus der rex Germanorum sein 
kann. Wahrscheinlich waren es auch Sveben im sinne Caesars, 
Ermunduren also. Aus dem umstände, dass Ariovists erste 
gemahlin, die er aus seiner heimat mitbrachte {quam domo secum 
duxerat, BG. 1, 53) Sueba natione genannt wird, also eine Er- 
mundurin war, lässt sich für ihn selbst freilich noch nichts 
sicheres entnehmen, da er auch aus einem fremden stamme 
seine frau wählen konnte. Nur sollte man dann fast eine be- 
merknng Caesars erwarten, dass der könig selbst nicht svebischer 
herkunft war, da doch sonst ein misverständnis allzu nahe lag. 
Auch der rege anteil, den das Ermundurenreich später an seinem 
Schicksale nimmt, indem es ihn mit dem aufgebot seiner hundert 
gaue zu unterstützen trachtet (BG. 1, 37. 54), ist am ehesten ver- 
ständlich, wenn er selbst aus diesem stammt. Sicher ist es, 
dass er daheim schon macht und ansehen besessen hat; sonst 
wäre der ruf der Arverner und Sequaner an ihn nicht ergangen; 
und nur durch grosse Versprechungen war er bewogen worden, 
diesem folge zu leisten; vgl. BG. 1,44: Transisse Rhenum sese 
non sua sponle, sed rogatum et arcessitum a GeUlis und BG. 6, 12: 
Germanos atque Ariovistum sibi adiunxerant eosque ad se magnis 
iacturis pollicitationibusque perduxerant. Trotzdem scheint er 
doch nicht mit einem geschlossenen, früher schon ihm unter- 
gebenen stamme nach Gallien gekommen zu sein, sondern an 
der spitze von freischaaren, da sonst gewiss auch alle seine 
verwanten mitgezogen wären, von denen er doch (BG. 1, 44) 
sagt, dass er sie verlassen habe: non sine magna spe, magnis- 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 105 

que praemiis domurn prop'tnquosque reliquisse. Freilich weiss 
man nicht, wie weit man sich auf Caesars berichterstattung 
verlassen darf, auch dort, wo es nicht gerade in seinem inter- 
esse lag, die Wahrheit zu verdunkeln. 

Sicher derselben herkunft wie Ariovist selbst sind eigentlich 
nur seine ersten geleitschaaren : jene 15 tausend, die nach der 
aassage des Divitiacus (B6. 1,31) zuerst den Rhein überschritten. 
Dass aus dieser abteilung der stamm der Vangionen hervor- 
gegangen sei, lässt sich daraus folgern, dass dieser gerade den 
fruchtbarsten teil des zugewiesenen landes besetzte, und dass 
er, wenn anders die aufzählung der stamme bei Caesar B6. 1,51 
in richtiger Ordnung erfolgt, in der Schlachtaufstellung den kern 
des mitteltreffens bildet, bei dem sich wohl auch der könig 
selbst befunden haben wird. Wann derselbe mit seinen ersten 
genossen nach Gallien hinübergegangen ist, erhellt aus seinen 
eigenen Worten, da er im jähre 58 v. Chr. in seiner antwort 
auf Caesars botschaft erklärt, dass seine Germanen 14 jähre 
lang unter kein dach gekommen seien (BG. 1,36). An etwaige 
frühere kämpfe ausserhalb Galliens ist dabei nicht zu denken, 
weil er nach einer anderen, früher schon erwähnten aussage 
(BG. 1, 44) heimat und verwante verlassen musste, als er nach 
Gallien gieng. 

Da die Stadt Worms in der Not. imp. und bei Ammianus 
Marcellinus Vangiones genannt wird und in den deutschen 
kaiserurkunden und bei den Chronisten bald Wormatia, Vurma- 
cia, Varmacia heisst, bald Wangionum civitas (vgl. Zeuss s. 219, 
J. Grimm GDS. 497. Förstemann DN. 2 *, 1550), so kann dagegen 
dass die Vangionen von den drei in betracht kommenden 
Germanenstämmen am nördlichsten wohnen, ein zweifei nicht 
aufkommen. 

Die aufsfellung der Nemeter und Triboken lässt Müllenboff 
s. 301 unentschieden. Und sie bereitet in der tat ernste 
Schwierigkeiten, so lange man sich bemüht, sie aus den nach- 
richten der alten zu ermitteln. Vor allem der bericht des 
Ptolemaeus (2, 9, 9) über sie und ihre Städte ist so heillos ver- 
derbt oder von anfang an irrtümlich, dass auch nach Zeuss' 
besserungsversuchen (s. 221) noch immer BQEvxöfiayog (Brumat) 
südlich von ÄQr/t vtoqoxov zu stehen kommt. Die angaben des 
Ptolemaeus sind also ganz ungeeignet, Schlüsse daraus zu 



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106 mucii 

ziehen. Aber auch Caesar lässt uns im stich, da er BG. 4, 10 
einzig die Triboken unter den Rheinanwohnern aufführt, der 
Vangionen und Nemeter aber dabei ganz geschweigt Und 
ihm schlies8t sich Strabos zeugnis p. 193 allzu deutlich an, als 
dass es von wert sein könnte; vgl. Zeuss s. 220. Bei Plinius 
HN. 4 § 106 und Tacitus, Germ. 28 — vielleicht geht hier Tacitus 
auf Plinius zurück — nehmen die Triboken die mittlere stelle 
ein, weshalb sie auch Zeuss s. 219 nicht so weit nach Süden 
reichen lässt als die Nemeter. Dabei konnte er sich zudem 
auf Caesar BG. 6, 25 berufen, wo von den finibus Helvetiorwn 
et Aemetum et Rauracorum die rede ist Streng genommen 
müssten dann freilich die Nemeter zwischen den Elvetiern und 
Rauraken gesessen haben, was gewiss nicht der fall war. 

Wenn aber Noviomagvts (Speier) bei Ammianus und in der 
Not imp. Nemetes Nemetae heisst (Zeuss s. 219) und wenn aus 
Altrip und aus dem Bienwalde bei Rheinzabern inschriftliche 
denkmäler stammen, die von der Colania oder Civitas Aemetum 
errichtet wurden (Brambach CIRh. 1948— 1951. 1952), und wenn 
in Brumat und etwa 12 meilen nördlich von dieser Stadt in der 
richtung gegen Selz je eine von der Civitas Tribocorum ge- 
widmete inschrift gefunden wurde (CIRh. 1954. 1953), so ist es 
klar, dass die Nemeter ungefähr in das Spxragowe und die 
Triboken in das elsässische Norlgowe zu stehen kommen. Dass 
auch Argentoratum den letzteren zugehört, wird noch einmal 
durch inschriftfunde erwiesen werden. Uebrigens ist so wenig 
wie der name der Yangionen auch jener der Nemeter im mittel- 
alter vergessen; und zwar muss er im sinne von Spxra oder 
Spxragowe gebraucht worden sein, wenn der Chronist Hermannus 
Contractus (Pertz, Scr. V p. 67 ff.) zum jähre 1034 erzählen 
konnte, kaiser Konrad II. habe aus seiner feste Limburg, 
zwischen Nemetern und Vangionen gelegen, ein kloster gemacht: 
ex Castro suo Limpurgo inter Nemetes et Vangiones sito mona- 
sterium fecisse. Die trttmmer der genannten bürg und nach- 
maligen abtei finden sich ganz in der nähe der bairisch-pfälzischen 
Stadt Isenach, hart an der grenze der alten gaue Wormazfelt 
und Spxragowe, 

Wenn Plinius und weiter Tacitus die Nemeter und Triboken 
ihre platze tauschen lassen, so sind sie dazu vielleicht durcfr 
Caesar verleitet, der, wie oben erwähnt wurde, BG. t>, 25 die 



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DIE SÜDMARK DEE GERMANEN. 107 

Nemeter in gesellschaft der Elvetier und Rauraken, die Triboken 
dagegen B6. 4, 10 in der der Mediomatriker und Trevern 
aufführt. Caesar aber, der niemals selbst das germanische 
Rheinland betreten hat, wie das deutlich aus seinen commen- 
tarien hervorgeht, war für seine angaben über dieses ganz auf 
die berichte der Gallier angewiesen. Und gleichwie man wohl 
heute in Frankreich gelegentlich von Elsass und Lothringen 
so wie von teilen dieses Staates spricht, so nannte man auch 
Caesar die Mediomatriker noch als Rheinanwohner (BG. 4, 10, 
Strabo p. 193); vgl. Müllenboff s. 301. Immerhin aber hat diese 
gallische anmassung für uns einigen wert, weil wir durch sie 
erfahren, dass den Germanen Ariovists nicht etwa nur sequa- 
nisehes land — wie es nach BG. 1, 31 scheinen könnte — 
sondern auch solches des Mediomatriker abgetreten wurde; 
diesen wird ehedem der nördlichste der drei Germanengaue 
gehört haben. 

Aber auffällig ist es, dass in derselben nachricht, in der 
Mediomatriker noch als Rheinanwohner, Vangionen und Nemeter 
aber nicht genannt sind, die Triboken bereits erwähnung finden. 
Dadurch könnte die Vermutung, dass die Vangionen der erst- 
angesiedelte stamm sind, leicht ins wanken kommen. Aber 
vielleicht ist der name Triboken gar älter als die germanischen 
niederlassungen im Elsass und kam etwa ursprünglich einem 
kleinen keltischen nachbarvolk der Sequaner oder einer ab- 
teilung von ihnen selbst zu. Als sich Germanen im gebiete 
älterer keltischer Triboken niederliessen, wird deren name auf 
sie übergegangen sein. Jedenfalls erhielten sie sowohl als die 
Nemeter ihre namen von den keltischen nachbarn beigelegt 
und nannten sich vielleicht selbst anders, bevor sie keltisiert 
und romanisiert waren. 

Sicher germanisch ist dagegen Vangiones. Ob aber die 
übliche ableitung dieses namens aus dem germ. worte *wangaz, 
got. wag g $ jtaQadeioog, ahd. alts. ags. rvang, aisl. vangr 'ebene, 
feld' das richtige trifft, scheint mir doch sehr zweifelhaft. Was 
die form betrifft, so lässt sich dagegen freilich nichts einwenden. 
Allein ein name *Wangjonez 'gefildbe wohner ' passt schlecht zu 
allen den germanischen stammnamen der Umgebung, zu */n- 
ncerjonez, *Inpwergöz, *H / argjonez, *Kurjonez u. s. w., die 
sämmtlich persönlich charakterisieren. Vor allem dichte man, 



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108 MUCH 

dass die namen der nachbarstämme *Wangjonez und *Warg- 
jonez, die sogar an einander anklingen, auch derselben wort- 
bildungs- und bedeutungskategorie angehören. Die *Wargjqnez 
haben wir bereits als 'die Würger' oder 4 die wölfischen' erkannt; die 
*Wangjonez aber denke ich sind 'die schlechten'; konnte doch 
neben germ. *wcmhaz, got wähs (in unwähs), alts. wdh, ags. woh 
'krumm, verkehrt, schlecht' leicht eine nebenform *wangjaz be- 
stehen. Aufs engste mit * Wangjonez verwant ist dann der name 
der Wöingas, die im WidsiÖlied 30 ( [tveold] Wald Wdingum, Wöd 
Pyringum) genannt werden; denn die inga -ableitung ist hier 
sicher nur substantivierend, gerade wie in Pyringas Thuringi 
Düringe, neben dem wir schon ein einfacheres *Puronez kennen 
gelernt haben: vgl. oben 8. 65 und s. 7 8 f. Ja da die IVöingas 
gerade mit den Pyringas — den Sveben Caesars — gepaart 
auftreten, sind sie wohl niemand anders als die Wangionen 
selbst. Ist doch das Völkerverzeichnis des WidsiÖ ans stocken 
verschiedensten alters zusammengesetzt. 

Als die Markomannen von Böhmen besitz ergriffen, waren 
etwa 50 jähre verstrichen, seit dieses land von den Boiern 
geräumt worden war. Es ist nicht anders möglich, als dass 
während dieser zeit bereits eine von den anstossenden ger- 
manischen gebieten aus allmählich vorschreitende besiedlung des 
brachliegenden landes erfolgte. Daher dürfte es uns gar nicht 
wundern, wenn uns später in Boiohaemum neben den Marko- 
mannen noch andere stamme begegneten, und zwar müssen wir 
solche gerade im norden, am fusse des Erz- und Riesengebirges 
erwarten. Und sie finden sich dort in der tat. Sind uns doch 
in einem in die Germania des Ptolemaeus verarbeiteten Völker- 
Verzeichnisse, von dem früher (s. 66 ff.) schon die rede war, die 
2ovdivoi begegnet, die dort ursprünglich über den Markomannen, 
unterhalb den Sovörjxa oqtj gestanden haben müssen. Dazu 
kommen noch namen aus einem anderen, in seinem ganzen 
zusammenhange deutlich aus einer quelle stammenden Völker- 
Verzeichnisse bei Ptolemaeus 2, 11, 10, das folgendermassen 
lautet: . . . jitgl xbv ^4Xßiv jcoxafiov ßaivoxatftcu, vxeQ ovg 
Baxtivol, xal ext vjcIq xovxovq vjto xa> l4oxtßovQylc) oQtt 
KoqxovtoI xal Aovycoi Bovqoi [*txQi xrjt; xsfpaXijg xov (JviOxovXa 



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DIE SÜPMARK PER GERMANEN. 109 

xorafiov ' vno 6h rovtovg xqcotoi Hlöcwsg, sha Knrvoi tha 
OvtoßovQyioi vjrhQ ror 'Oqxvviov ÖQVfiov. 

Es ist klar, dass diese aufzählung die ursprünglich ein- 
geschlagene nördliche richtung gegen die östliche vertauscht, 
also in einem bogen sich bewegt, weil sonst die unter den 
Buren namhaft gemachten stamme wider in das gebiet der vor 
ihnen genannten fallen müssten. Wenn Ptolemaeus die Buren 
unter das koxtßovQyiov oqoq stellt und bis zur Weichselquelle 
reichen lässt, so gehören sie in den norden von Mähren: ein 
ansatz, der sich auch «später bei eingehender Untersuchung 
als der richtige erweisen wird. Die KoqxovtoI, die ebenfalls 
unter dem kcxißovQyiov oqoc stehen, das allerdings eigentlich 
nur das gesenke ist (s. Zs. fda. 33, 1 ff.), aber bei Ptolemaeus 
den ganzen gebirgszug im norden von Böhmen und Mähren 
umfasst, sind dann notwendig anwohner des randgebirges im 
nordosten von Böhmen. An sie anschliessend gegen westen 
hin wird man sich die Batinen zu denken haben, so dass sie 
sich an der Elbe mit den Sudinen beröhrt haben werden. 
Denn Batinen und Sudinen sind doch wohl nachbarstämme. 

Freilich ist noch eine andere auffassung möglich. Der 
name Bai(v)oxa?(*cu selbst bezeichnet nämlich an unserer stelle 
die Markomannen, eine Verengerung seines umfanges, die sich 
vom Standpunkte des südlicheren beobachters aus erklären wird, 
dem als bewohner Böhmens zunächst Markomannen bekannt 
wurden ; ausserdem waren ja diese bei weitem das grösste und 
mächtigste volk in dem genannten lande, so dass, wenn von 
Baiochaimen die rede war, es in der regel ihnen gegolten haben 
wird und daher beide namen als synonyma aufgefasst werden 
konnten. Sind aber die Bcu(v)ox<xtftai des einen völkerverzeich- 
nisses die MaQxofiavol des anderen, so könnten auch die Ba- 
xeipol dasselbe volk sein wie die SovöivoL Wären die lot;- 
Srjfta oqtj, wie Müllenhoff, Zs. fda. 7, 526 wollte, wirklich nach 
den warmen quellen im nordwestlichen Böhmen benannt, so 
wären die Sudinen *die im bereich der warmen brunnen woh- 
nenden ' und der name Baxuvol dann offenbar als germ. *Ba- 
pinöz und als ableitung von bad, germ. *bapa(n), das ja in 
seinem ursprünglichsten sinne schon 'warmbad' bedeutet, zu 
verstehen. Die Sovötjta oqtj sind aber deutlich das Erzgebirge 



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110 MtTCH 

und in diesem selbst sind die böhmischen bäder gar nicht 
gelegen. 

Recht ansprechend ist andrerseits, was Zeuss s. 100 Ober 
den namen Baxuvol vermutet; denn als ableitung aus der 
germ. wurzel bat würde sich *ßa(inöz 'die trefflichen' bildungen 
wie got. sunjeins, ahd. wärin und ähnlichen bei Kluge, Nom. 
stammbild. § 199 an die seite stellen. Als sicher freilich 
kann auch diese erklärung nicht gelten, so lange Zovöivol und 
£ovöf]ra jedem deutungsversuch widerstrebt. Beiläufig sei hier 
an die aistischen 2ovöivol bei Ptolemaeus 3, 5, 9 erinnert. 

Ihrer herkunft nach dürften die Sudinen Ermunduren sein, 
die aber naturgemäss in Böhmen an die Markomannen sich 
anschliessen mussten und später wohl in diesen aufgiengen. 
Wenn die Batinen ein besonderer stamm sind, werden sie von 
den Semnonen ausgehen. Die KoqxovxoI endlich mögen van- 
dilischen Ursprunges sein. Alle drei nördlichen nachbarstämme 
Böhmens scheinen dahin ihre Vorposten vorgeschoben zu haben. 

Ueber die KoqxovxoI sind wir übrigens besser unterrichtet 
Sie begegnen uns nämlich auch bei Tacitus, wenngleich nicht 
unter demselben namen, sondern als Marsigni. Um die Stellung 
dieses Stammes zu ermitteln, haben wir von Tacitus, Germ. 43 
auszugehen, wo uns berichtet wird : Retro Marsigni, Cotini, Osi, 
Buri terga Marcomanorum Quadorumque claudunt. Da hier die 
Markomannen vor den Quaden den vortritt haben, wird wohl 
auch mit den stammen auf ihrer rück seite, nicht auf der der 
Quaden, begonnen worden sein, und deshalb schon möchte man 
die Marsigni am ehesten an den nordrand Böhmens setzen. 
Notwendigerweise aber muss dies geschehen, da Cotini, Osi und 
Buri sämmtlich unzweifelhaft nur an die Quaden sich an- 
schliessen, also für die nachbarschaft der Markomannen nur 
die Marsigni übrig bleiben. Wo die terga zu suchen sind, er- 
gibt sich deutlich daraus, dass im vorausgehenden cap. (42) von 
der frons Germaniae, quatenus Danubio peragitur, die rede war; 
sie liegen demnach auf der von der Donau abgekehrten seite. 
Dabei jedoch nach westen bis über die Elbe zu rücken, ver- 
bietet das retro, da von den Germanen in dieser richtung früher 
schon die rede war: vgl. Baumstark, Völkersch. teil d. Genn. 216f. 
Schon grösstenteils ins gebirge selbst aber fallen die Marsigni, 
da auch von ihnen, wie von den anderen mit ihnen genannten 



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DIE SÜDMAttK PER GERMANEN. 111 

stammen Germ. 43 bemerkt wird: omnesque hi popxdi saltus et 
vertices moi\tium iugumque insedermt. Dass die Marsigni des 
Tacitus genau dorthin gehören, wo die KoqxovxoI des Ptole- 
maeus stehen, kann demnach als völlig gesichert gelten. Es 
wird aber auch hier gut sein, noch auf die namen unser äugen- 
merk zu richten. 

Der beliebten Zusammenstellung des namens KoqxovxoI 
mit cech. Krkonose * Riesengebirge ' widerspricht Müllenhoff s. 373 
aufs entschiedenste mit dem hinweis, dass der böhmische name, 
wie Zeuss s. 123 gezeigt habe, aus dem slavischen selbst er- 
klärbar und der deutsche auf keinen fall unverderbt überliefert 
sei, im anlaut gewiss kein K, im suffix kein r gehabt habe. 
Woher aber könnten wir das, soweit es sich um den anlaut 
handelt, von vornherein so genau wissen ? An einer Verbindung 
nt im suffix müssen wir allerdings anstoss nehmen, weil sie 
innerhalb des germanischen allzu einsam dastünde. Wie zu 
bessern sein wird, ist bald entschieden nach massgabe dessen, was 
wir früher schon Über das Verhältnis von T und r in den hand- 
schriften feststellen konnten. Wenn cod. X, der beste also, an 
einer stelle MaQovtvxoi, an einer anderen der cod. W. MaQOviv- 
xovg schreibt, wenn in allen handschriften SxQsovivxa oder 
HxQeovivxla steht, wo es doch SxQeovlvya oder SxQeovivyla 
heissen muss, so ist offenbar auch in dem Überlieferten KOP- 
KONTOI KAI AOYTIOI BOYPOI nicht nur der zweite name 
zu berichtigen, sondern KOPKONrOI KAI AOYriOI BOYPOI 
herzustellen. *Koqxov?oI steht für lat. *Curcungi, germ. *Kur- 
kungöz. Dieses aber lässt sich mit rücksicht auf neuisl. korka f. 
*a pining or wasting away' in der Verbindung: pab er korka 
i honum, korkulegr 'pining' und korkna, aö *to d windle away' 
(Gleasby-VigfAsson 351) als 'die schwächlichen' oder 'die 
schwindsüchtigen' verstehen: eine deutung, die freilich in dem- 
selben masse mit vorbehält gegeben werden muss, als der an- 
sprach dieser neuisländischen worte, aus einer urgermaniscben 
wurzel kurk abzustammen, ein unsicherer ist. 

Marsigni ist, wie längst erkannt, taciteische Schreibung 
für Mar singt, gleichwie Reudigni für Reudmgi, beides wohl nach 
dem vorbilde des samnitischen stammnamens der Peligni oder 
lateinischer worte wie privignus, benignus. Dasselbe elemept, 



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112 MICH 

das in Marsigni durch ableitung weitergebildet ist, erscheint 
noch in dem namen der istvaeonischen Marsi und der Marsaci, 
oder wie diese sonst noch heissen, im späteren gaue Marsum. 
Zeuss s. 86 vergleicht ausserdem noch Marsiburc, Marsana, altn. 
Mjqrs (dessen stammvocal freilich nicht a ist) und den ahd. 
mannsnamen Mar so. Auch Marsus bei Forstemann DN. 1, 916 
und Märsingen, MB. a. 1040 (XIII 310), gehören hieher. 

Eine deutung dieser namen hat Scherer versucht, indem 
er Hist. zs. n. f. 1, 160 von den 'schlimmen' Marsen redet, wo- 
bei ihm offenbar got. marzjan oxavöakl^uv vorschwebt. Ein 
blick in ein got. Wörterbuch hätte ihn indessen überzeugen 
müssen, dass dieses got wort unmöglich die grundbedeutung 
'schlimm machen' gehabt haben kann. Wie könnte es sonst 
ausser 'ärgernis geben' auch 'hindern' bedeuten, und wie Hesse 
sich sonst frapja-marzeins 'betörung' verstehen? Ahd. marren, 
merren, mhd. merren bedeutet gar 'aufhalten, behindern, be- 
festigen, anbinden'. Ganz im gleichen sinne wird auch mhd. 
merwen (got *marwjan) gebraucht (s. Schade A W. * 594. Lexer 
MW. 1,2115), und das müsste uns schon auf den gedanken 
führen, dass *marsaz *marzaz und *marwaz Synonyma waren. 
Besitzen wir doch immer noch eine nebenform jenes Wortes in 
unserem morsch, germ. *mnrsaz, die sich in ihrem Stammvokal 
dazu verhält wie ahd. muruwi zu maro und marawi und das- 
selbe wie mürbe bedeutet; man vgl. die ableitungen mhd. zer- 
mürsen 'zerdrücken' und mörser, ahd. morsäri. Morsch sowohl 
als mürbe sammt ihrer sippe gehen gemeinsam auf eine wurzel 
mar, mr zurück, zu der mit Kluge EW. 4 240 griecb. fiaQalvco 
'lasse verwelken', aind. mld 'welken' und altir. meirb 'weich' 
zu stellen ist, aber wohl auch altir. marb, nkymr. marw 'tot' gehört, 
dessen üblicher herleitung aus der wurzel mer 'sterben' grössere 
lautliche Schwierigkeiten im wege stehen. Die bedeutungen 
'welk' und 'leblos' stehen sich nicht so ferne, dass ein Über- 
gang aus der einen in die andere ausgeschlossen wäre. Ebenso 
konnte sich die des 'unbeweglichen' — daher merren, merwen 
'befestigen, anbinden' — sowie die des 'schwachen, schlaffen, 
mürben, morschen' leicht entwickeln. Und auch die Übertragung 
auf ein sittliches gebiet, die in got. marzjan im sinne von 
'ärgernis geben' vorliegt, wird man sich unschwer erklären 
können, wenn man von der bedeutung 'verstricken' ausgeht 



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• DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 113 

Mit recht bemerkt Franck EW. 614: 'De germ. stam mars moet 
eene bet. als u roerloos, talmend, verward" hebben'. So wie 
marsch zu mürbe, 80 wie mhd. merren zu merwen verhält sich 
demnach der name der Marsingen zu dem der Marvingen, und 
zwar was form und inhalt betrifft: beide bedeuten sie 'die 
Schwächlinge'. Dazu dass die *KoQ*ovyol, die auch vermutlich 
'Schwächlinge' heissen, und die Marsigni dasselbe volk sind, 
stimmt dies vortrefflich. 

Auch für die istvaeonischen Marsen bewährt sich die deu- 
tung ihres namens als 'marcidi', da ihnen Sugambri oder Gam- 
brivti, d. i. 'strenui' gegenüberstehen. Zeuss 'sowohl (s. 86) als 
auch Mttllenhoff (Zs. fda. 23, 33; vgl DA. 2, 190) haben sogar 
dafür gehalten, dass die Marsen nur unter anderem namen ein 
teil der alten Sugambern sind. Für diese meinung scheint der 
umstand zu sprechen, dass bei Tacitus in seinem berichte über 
die feldzüge des Germanicus in Deutschland widerholt der 
Marsen, bei Strabo p. 292 aber, Wo er den triumphzug dieses 
feldherrn beschreibt, des devdoQig, eines sugambrischen fttrsten, 
gedacht wird, nicht aber der Marsen. Diese pflegt man aller- 
dings nach dem vorgange Cluvers in den text zu setzen anstatt 
des handschriftlichen Aav6wv\ doch daraus hat Groskurd rich- 
tiger AavyoßaQÖcov hergestellt Langobarden sind ja auch dem 
. Germanicus, wenn nicht früher, so doch in der Schlacht am 
Engrerwall gegenübergestanden, nach der er sich des sieges 
über die Völker zwischer Rhein und Elbe berühmt: debellatis 
inter Rhenum Albimque nationibus (Tacitus, Ann. 2, 22), sowie 
er später über Cherusken, Chatten, quaeque aliae nationes us- 
que ad Albim colunt (Ann. 2,41) triumphierte. 

Allein dass Marsen, deren eine grosse zahl den Römern 
in die bände gefallen sein muss, von Strabo unter den ge- 
fangenen des Germanicus nicht genannt werden, bliebe trotz 
jenes einen Deudorix, der als Sugamber bezeichnet wird, noch 
immer auffällig, da doch auch neben den vornehmen gefangenen 
chattischen und cheruskischen Stammes der übrigen menge der 
gefangenen aus diesen beiden Völkern noch besonders gedacht 
wird. Die Marsen müssen sich also doch hinter einem anderen 
der bei Strabo p. 292 verzeichneten namen verbergen, wenn 
auch nicht hinter Aavöcov. Dass in Wahrheit bei den Xar- 
xovaQioi an sie zu denken ist, geht schon aus der Verbindung 

Beitrige mos geschieht« der deutschen spraohe. XVII. $ 



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114 MÜCH 

der namen FafißQiovioi xal XatxovaQioi bei Strabo p. 291, 
verglichen mit Marsos Gambrwios bei Tacitus, Germ. 2, hervor. 
Mit den Chattnariern ist auch schlechterdings nichts anzufangen, 
wenn sie nicht dasselbe wie die Marsen sind. Zeuss s. 100 
hat sie freilich für die Bataver und Eanninefaten genommen 
oder für die ersteren allein; dazu verleitet ihn aber nur die 
von Tacitus bezeugte chattische abstammung dieser beiden 
Völker und der anklang der namen Chatti und Chatluarii, in 
denen aber das tt der lateinischen Umschrift ganz verschiedene 
germanische laute- widergibt, wie aus dem späteren Eassi, 
Hassiones u. s. w. einerseits, aus Hattuaria, ffazzoarii, ags. Hcet- 
ware andrerseits erhellt und längst erkannt ist Die Bataver 
sind auch nicht erst von Tiberius unterworfen, so dass sie 
nicht gemeint sein können, wenn Velleius Paterculus 2, 105 von 
diesem berichtet: intrata protinus Germania: snbacti Canninefatcs, 
Aituarii, Bructeri; recepti Chertmcu Vor allem aber können 
die Bataver, die treuesten und wertvollsten bundesgenossen der 
työmer in ihren kriegen mit Arminiue, unmöglich von Germa- 
nicus im triumphe aufgeführt worden sein. Endlich ist es nicht 
wahrscheinlich, dass die Bataver als ein selbständiger ger- 
manischer stamm in die fränkische zeit hinüberreichen, und 
wenn das selbst der fall wäre, so könnte nicht ein teil von 
ihnen entgegen der fränkischen Volksbewegung, die nach Gallien 
sich richtete, über den Rhein zurück an die Ruhr in den gau 
Hatterm verschlagen worden sein. Dagegen erklärt sich die 
besiedlung dieses gaues und ebenso die von Hattuaria im Süden 
der Waal von dem östlicheren lande der Marsen aus ganz 
einfach aus dem vordringen der Germanen gegen westen und 
ihrem einströmen in die benachbarten teile des Römerreiches. 
Wohin wären auch die Marsen gekommen, wenn sie nicht in 
den Chattuariern fortleben? 

Wir müssen es freilich auch erwägen, ob wir nicht daneben 
gar in den Marsingen abkömmlinge von ihnen zu erkennen 
haben. Dass man es dem Maroboduus zum vorwürfe machte, 
dass er einzelnen, ja selbst ganzen Völkern, die von Rom ab- 
fielen, einen Zufluchtsort gewährte, bezeugt Velleius Paterculus 
2, 109. Doch wird dies eher so zu verstehen sein, dass er 
nachbarvölker durch aufnähme in den von ihm gegründeten 
Völkerbund zu sich herüber und den herschaftsansprüchen der 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 115 

Römer entzog. Jedenfalls können unter jenen Völkern noch 
nicht die erst später hervortretenden und gegen Varus und 
Germanicus kämpfenden Marsen gemeint sein. Eher Hesse sich 
auf sie beziehen, dass nach Strabo p. 290 Maroboduus ausser 
den Markomannen noch andere (aXXovg jtXelovg) im Süden des 
erkynischen waldes ansiedelte. Seine bereitwilligkeit, durch 
solche ansiedlungen seine macht zu vermehren, wird man auf 
keinen fall bestreiten. An ihr zweifelten auch die Cherusken 
nicht, als sie nach der unglücklichen schlacht auf Idistaviso 
eine zeit lang, da sie den widerstand für aussichtslos hielten, 
den gedanken an Unterwerfung aber ihr heldensinn nicht zu- 
liess, über die Elbe auszuwandern beabsichtigten: abire sedibus, 
frans Albim conscdere parabant (Tacitus, Ann. 2, 19). Gerade 
dieses beispiel der Cherusken zeigt auch, dass auf der anderen 
seite, ausserhalb des machtbereiches des Maroboduus, grund 
genug zur auswanderung und auch der gedanke an eine solche 
vorhanden war. Und mehr noch als bei ihnen sicherlich bei 
den Marsen, die durch die römischen rachekriege weitaus am 
härtesten heimgesucht wurden. Diesen gilt wie der erste, so 
noch der letzte einfall des Germanicus, der sie, die allein furcht- 
barer Übermacht entgegenstanden, völlig zur Verzweiflung brachte: 
b. Tacitus, Ann. 2, 25. Für die annähme, dass das schwergeprüfte 
volk kurz darauf wirklich ausgewandert sei, könnte man sich 
schliesslich auf Strabo p. 290 berufen, wo es heisst: xavrrjc, 61 
(tjJs jtorafilag) xä (tev elq xi]V KsXxixipt fisx^yayov ^Pcofialoi, 
xa 6* i<p(h) fiexaaxavxa elg xr/v Iv ßad-si x^9 av > xad-ajteQ MctQ- 
GolXotJtol tfdc\v oXlyoi xal x&v ZovyafißQcov piQog. So wie 
Zeu88 8. 86 will, der dies so versteht, dass die hauptmasse der 
Sugambern sich vom ströme und der nachbarschaft der Römer 
in die östlichen waldhöhen zurückgezogen habe, ist diese stelle 
jedenfalls nicht auszulegen, man müsste denn nicht nur die 
gleichung der Marsen und Sugambern, der aber hier gerade 
Strabo widersprechen würde, voraussetzen, sondern auch, dass 
die Sugambern am Rheine schon den Römern als Marsen be- 
kannt geworden seien. Was konnte es auch den Sugambern 
helfen, wenn sie ein par stunden weiter von der grenze entfernt 
wohnten, und was sollte ihre hintersassen veranlasst haben, 
ihnen land zur neuansiedlung abzutreten? Da wo sie Ger- 
manicus antrifft, hinter der silva Caesia in der gegend um 

8* 



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116 MUCH 

das Tafanaheiligtum standen die Marsen sicher auf alteigenem 
boden. Und nicht dahin erst, nur von dort könnten sie aus- 
gewandert sein. 

Allein die sache verhält sich wohl ganz anders. Denn 
wenn selbst noch ein anderer stamm von Rheine weg vor den 
Römern ins innere Deutschlands sich zurückgezogen hätte, hatte 
doch keiner annähernd die bedeutung der Markomannen. Und 
wenn uns nur ein name eines solchen ausgewanderten Stammes 
genannt wird, so niuss es der der Markomannen sein. Diese 
konnte man auch, da sie von der Mainmündung bis zum Boden- 
see den Rhein berührt hatten, viel eher zu den bewohnern der 
jzorafila rechnen, als es bei den Marsen der fall war. Und hätte 
Strabo an unserer stelle von diesen gesprochen, so hätte er 
sie gerade so gut wie die Sugambern nachher p. 291 unter den 
kleineren, nichtsvebiscben Völkern Germaniens aufzählen müssen; 
er kennt sie aber dort nur unter dem namen XarxovdQioi ebenso 
wie p. 292. Um so zuversichtlicher darf man annehmen, dass 
MaQOoi p. 290 erst aus einem Verderbnis des namens Moqxo- 
fiavol, das sich zu diesem ähnlich verhielt wie Aavöcuv zu 
AavyoßdQÖwv, hergestellt worden ist; und unbedenklich dürfen 
wir widerum MaQxopavoi dafür einsetzen. 

Was die Marsigni *KoQxovyoi betrifft, so werden wir am 
besten auf unsere ursprüngliche Vermutung zurückgreifen, dass 
bereits vor der einwanderung der Markomannen in Böhmen 
von dem benachbarten geschlossenen germanischen Stammes- 
gebiete aus eine besiedlung dieses landes begonnen hatte. Sie 
wären demnach für leute vandilischer herkunft zu halten, und 
dazu stimmt es, dass das gebirge an dem sie wohnen von 
Dio Cassius 55, 1 OvavdaXixd oqij genannt wird. Es müsste 
uns nur, da die Verschiedenheit der abstammung ihr aufgehen 
in den Markomannen jedenfalls erschwerte, wundern, wenn wir 
späterhin nichts mehr von ihnen erfahren sollten. Wie die an- 
deren vandilischen stamme werden auch sie sich allmählich gegen 
osten und in die Umgebung der römischen provinz Dakien ge- 
zogen haben. Und dann sind sie wohl dieselben, die dort 
unter dem namen Lakringen auftreten. Diese weiden von 
Capitolinus, M. Antoninus 22 unter den Völkern des marko- 
mannischen krieges, von Petrus Patricius, Exe. legatt. ed. Bonn. 
« 104 oia himifoaapATinaaAn daa kaisers Marcus Aurelius, von 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 117 

Dio Cassius 71, 12 als feinde der Hasdingen genannt. Für 
ihren namen, der trotz der schwankenden Oberlieferung mit 
Sicherheit als AaxQiyyol (germ. *Lakringdz) angesetzt werden 
darf (vgl. Jlüllenhoff, Zs. fda. 9, 1 33), lässt sich durch vergleich 
mit griech. laryaQoq 'schlaff', aisl. lakra 'to lag behind', engl. 
lacker- hat 'der schlaffe, unzugerichtete hut' ebenfalls die be- 
deutung ' Weichlinge' erschliessen. 

Im anschlusse an die Markomannen ist wohl der beste 
ort, auch Qber die stamme im heutigen Ober- und Nieder- 
österreich zu handeln, so weit diese läüder zu Germanien ge- 
hörten. Denn wenn auch die Markomannen im engeren sinne 
nur einen teil Böhmens inne hatten, so erstreckte sich ihr macht- 
gebiet doch bis zur Donau; das geht schon aus Tacitus, Germ. 
42 hervor, wo Markomannen neben Naristen und Quaden als 
Donauanwohner aufgezählt sind. Die kleineren stamme zwischen 
den Naristen und dem machtgebiet der Quaden, deren namen 
wir aus Ptolemaeus kennen lernen, werden wir deshalb zu dem 
anhange der Markomannen rechnen müssen. 

Es sind dies die * IlaQfiaixdfiJioi', die 'kÖQaßatxdfuiot' und 
die c Paxaxai oder 'PaxaTQiai. Denn dass die *PaxcctQlai nicht 
an die ostseite der Batfioi gehören, wohin sie Müllenhoflf s. 330 
stellen wollte, dass wir sie vielmehr für dasselbe volk halten 
müssen wie die 'Paxdrcu, hat Eossinna im Anz. fda. 16, 59 über- 
zeugend dargetan. 1 ) Dass die ostgrenze der 'Paxarai an der 
March zu suchen ist, wohin sie ja auch Müllenhoflf s. 330 ver- 
legt hat, soll später im zusammenhange mit dem was über die 
Baluoi zu sagen ist, begründet werden. 

Was die sogenannten 'Adqaßaix&nnoi und IlaQfiacxdfijcoi 
betrifft, so ist zunächst zu bemerken, dass kÖQaßat Kdfutoi 
und UctQuai Kdfutoi die einzig richtige Schreibung ihrer namen 
ist Auf sie fährt schon der umstand, dass Ptolemaeus einmal 
von Kämpen (Kdfixoi) allein spricht; geradezu zwingend zur 
auffassung von '4ÖQaßcu und IldQficu als namen von Unter- 
abteilungen des gesammtvolkes der Kdfinoi ist aber die tat- 

') Die ganz und gar wertlosen ausffthrungen Pniowers über die 
PaxatQlai (im anhange zu Mttllenhoffs DA. 2, s. 335 ff.) sind von Kossinna 
im Anz. fda. 16, 56 ff. durchaus nicht zn strenge beurteilt worden and 
brauchen hier nicht nochmals widerlegt zu werden. 



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118 MÜCH 

saohe, dass weder das keltische noch das germanische einen 
compositionsrocal ai kennt, von Zusammensetzungen also hier 
nicht die rede sein kann, wogegen JiÖQaßac und IläQfiai als 
vollständige volksnamen gefasst ihres auslautes wegen umso- 
weniger auffallen können, wenn neben ihnen ^Paxaxat oder 
^PaxaxQlai stehen. Damit sind, hoffe ich, die kdQaßaixäfijtoi 
und IlaQficuxdfijüOi, gebilde, die gerade so ungeheuerlich sind 
als SovrjßoiXayyoßaQÖoi oder AovyiolßovQoi es wären, ein für 
alle mal abgetan. 

Zur erklärung von IläQpai, das er noch als compositions- 
teil auffasste, hat Zeups s. 121 an lat parma 'schild' und bei 
kÖQaßca an ävÖQaßdrcu erinnert, das Lydus p. 80 durch xata- 
(pQaxroc erklärt. Da es griech. worte mit avÖQa- als erstem 
compositionsglied gibt, abgesehen von solchen mit clvöqo-, unter 
denen sogar ein ganz anklingendes dvÖQoßdz^g 'paederast' vor- 
kommt, so kann das v leicht durch deren einfluss in oben- 
stehendes wort gekommen sein; äöQaßärat aber, wenn man 
so herstellen darf, muss sich ebenso zu einem *adraba (oder 
-os -an?) verhalten, wie r<uoaxoi zu yaXooq. IläQfiai und 
kÖQaßai sind also 'die schilde' — oder besser 'die rundschilde' 
— und 'die panzer', namen, die in tropischer anwendung volks- 
namen werden konnten, geradeso wie derjenige der benach- 
barten Armiiausi oder jener der Bardi, LangobardL Jenes 
d(v)ÖQaßarat macht ganz den eindruck keltischer herkunft, und 
für lat. parma lässt sich der von Zeuss s. 121 vermutete Ur- 
sprung aus dem keltischen daraus als wahrscheinlich erweisen, 
dass dieses wort sichtbarlich mit aisl. hvarmr 'augenlid' ur- 
verwant, sein p also aus ku entstanden ist, ein lautübergang, 
der im lateinischen nicht stattfindet (s. Brugmann, Grundr. 1, 
321 f.), wohl aber im gallisch-brittischen regel ist (s. Grundr. 
1, 326 f.), freilich auch im umbrisch-samnitischen (s. Grundr. 1, 
321). Aber zugegeben, dass die beiden in betracht stehenden 
volksnamen worte keltischen Ursprunges sind, so folgt daraus 
noch gar nicht unbedingt das Eeltentum dieser stamme selbst Sie 
können ja von dem sttdufer der Donau aus benannt sein, ent- 
weder von der noch keltisch redenden provinzialbevölkerung 
oder auch von den Soldaten der römischen garnisonsorte; denn 
wenn schon feststeht, dass die ihren namen zu gründe liegenden 
ausdrücke nicht ursprünglich lat sind, so steht doch auf der 



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DIE SÜDMAKK DER GERMANEN. 119 

andern seite auch fest, dass das lateinische sie als lehnworte 
aufgenommen hatte : das gilt auch von a{v)ÖQaßdxai, da dieses 
wort sonst niemals Lydus hätte zu ohren kommen können. 

Wären schon keltische stamme nördlich der Donau in Ober- 
und Niederösterreich zurückgeblieben, als sich Boier und nach- 
her Kytnen über den ström südwärts zogen, so ist es der staats- 
männischen beföhigung des Maroboduus nicht zuzutrauen, dass 
er die pforten seines reiches solchen unzuverlässigen dementen 
anvertraut habe. Wenn irgendwo, so haben wir in den Donau- 
völkern südlich von den Markomannen jene anderen von Ma- 
roboduus angesiedelten Germanenstämme zu erkennen, auf die 
Strabo anspielt, wenn er p. 290 vom lande im Süden der Her- 
cyniasagt: eh ov ixtlvog xojtov aXXovg re fietaviöTtjoe xtel- 
ovg xat 6tj xal rovg ofioe&vetg tavra) MaQxofi/iavovg. Denn 
anderswo haben wir für sie nirgends Unterkunft gefunden. 
Nehmen wir sie für jene Donauvölker, so würde sich uns auch 
gleich deren enge Verbindung mit den Markomannen erklären, 
die es Tacitus gestattete, sie unter diesen mitzubegreifen. 

Dazu kommt, dass sich von den IJagfiac wenigstens zeigen 
lässt, dass sie auch einen deutschen namen hatten, und zwar 
einen solchen, von dem üaQiiai nur die Übersetzung ist Die 
Parmen sind in ihren sitzen an der Donau nachbarn der Va- 
rißten, von denen wir in erfahrung gebracht haben, dass sie 
durch die aus Böhmen nach Südwesten vordringenden Baivaren 
aus ihrer heimat am Regen und in Stadevanga verdrängt bei 
den Burgunden am Jura sich niederliessen: s. oben s. 69 ff. 
Wenn nun dort neben ihnen, neben den Warasci, ein stamm der 
Scudmgi sitzt (s. Zeuss s. 584 f.), für den sich sonst nirgends 
eine beziehung findet, so liegt nichts näher, als diese für die 
alten ostnachbarn der Varisten zu halten, die ja ebenso der 
stoss der Baivaren treffen und zur auswanderung nötigen musste. 
Scudmgi hat einen alamannischen Scudiio (Ammianus Marc 
14, 11) zur seite, und wenn es schon ein blosser zufall sein 
sollte, dass dieser ein scutariorum tribunus ist und als solcher 
bezeichnet wird, so müssten wir dabei doch auf den gedanken 
kommen, dass seinem namen ein mit griech. öxvrog und lat. 
scütum 'haut, leder' oder 'mit leder überzogener schild' ver- 
wantes und später verlorenes germ. wort zu gründe liegt Auf 
die gleiche idg. wurzel sku 'bedecken, beschützen' geht übrigens 



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120 MÜCH 

auch aisl. skaunn 'schild' zurück: s. Kluge EW. 4 299. Was die 
Wortbildung Scudingi *Skudingöz anbelangt, so sind seitenstficke 
wie aisl. hyrningr 4 bornträger ', mhd, bertinc 'langbart, kloster- 
bruder' oder der volksname Hasdingi, aisl Haddingjar, ags. 
Heardingas, mhd. Hartwige, eine ableitung von got. *hazds, aisl. 
haddr, ags. heord 'langes, weibliches haar' (s. J. Grimm 6DS. 
448. Mttllenhoff, Zs. fda. 12, 347. Wrede, Spr. d. Wand. 42 f.), 
vor allem aber der name der Rondingas, WidsiÖ 24, = ahd. 
Rantingä, d. i. 'schildmänner' (Müllenhoff, Zs. fda. 11,281) zu 
vergleichen. 

Hiessen aber die Parmen von haus aus *Skudingöz, so 
liegt wohl auch dem namen kdgaßai eine germanische be- 
zeichnung voraus ; und zwar ist diese vermutlich als *Bruningöz 
anzusetzen. Aeusserlich käme damit ahd. Brunningas, Brünning 
bei Palling zwischen Alz und Salzach überein, das Forste- 
mann DN. 2*, 333 irrtümlich statt zu ahd. brunna 'brünne' 
zu brün stellt; doch wird hier eine patronymische bildung vor- 
liegen. 

Und nun können wir auch ohne die vorgefasste meinung, 
dass wir es dabei notwendig mit einem keltischen namen zu 
tun haben, an den der Kafixoi herantreten. Zeuss s. 121 hat 
eine spur von ihnen in dem Ortsnamen Cham, alt Chambe, marcha 
Chambe, finden wollen, und Mttllenhoff s. 330 bringt sie ebenfalls 
mit Champrichc und mit dem niederösterreichischen flusse Kamp 
in Verbindung. Allein der ort Cham und ebenso der gau Champ- 
riche in seiner Umgebung hat gewis erst von dem nebenfluss 
des Regen, der Chamb heisst, den namen; es kommen also 
eigentlich nur zwei flttsse namens Chamb und Kamp in betracht 
Beide können ehedem nur Comb geheissen haben und Cambus 
für den niederösterreichischen Kamp findet sich in der tat bei 
Einhart, Ann. ad a. 791 (Pertz 1, 177). Dies ist aber nichts 
anderes als keltisch *kambos (s. Glück s. 34), ein wort, dessen 
bedeutung 'curvus' gerade auf die in rede stehenden flüsse voll- 
kommen zutreffend ist. 

Nach dem was über die Varisten sich ermitteln liess, sassen 
diese um den Regen zwischen Böhmerwald und Donau; daher 
sicher auch am bairischen Chamb, mit dem also die Kämpen 
gar nichts zu tun haben können. Ob sie den niederöster- 
reicbischen Kamp noch berührten, ist ungewiss, da wir keinea 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 121 

anhaltspunkt dafür besitzen, wie weit die Rakatrier gegen westen 
reichten. Aber gesetzt auch, dass diese nur das linke ufer des 
Süsses besetzt hielten und das rechte schon den Kampen ge- 
hörte, so konnte doch ein stamm, der an einem flusse Cambus 
wohnte, nicht nach diesem schlechtweg Käfotoi benannt werden. 
Dabei Übersehe man auch nicht die Verschiedenheit der laute. 
Kelt kambos ist allerdings mit griech. xa/ixtj, xa/ix-rog, got. 
hamfs verwant und aus idg. *kampos entsprungen, aber nicht 
unmittelbar; vielmehr muss hier schon in einer vor- oder doch 
urkeltischen periode, wohl durch einfluss des nasals — vgl. 
Zimmer, QF. 13,287 — aus der tenuis p die media b geworden 
sein. Dass aber der volksname erst durch lateinische Volks- 
etymologie an campus angeglichen worden sei, ursprünglich also 
*Kamboi gelautet habe (was auch dann noch mit dem fluss- 
namen nichts zu tun hätte, sondern selbständigen Ursprunges 
wäre und allenfalls 'perversi' bedeutet haben könnte), ist nicht 
wahrscheinlich, denn selbst dort wo solche volksetymologische 
umdeutung und Umgestaltung wirklich nahe lag, nämlich in Orts- 
namen oder von solchen abgeleiteten volksnamen, ist sie doch 
nur durch eine schlechte lesart Campodunum im Itin. Ant zu 
belegen, während die besten handschriften an zwei stellen 
Cambodunum haben und ebenso Cambonum, Cambiacum, Combo- 
lectri, Cambiovicenses u. 8. w. geschrieben wird : s. Glück s. 34. 
Mit der keltischen etymologie des namens KdfiJtoi ist es 
also recht schlimm bestellt und wir werden uns um so mehr 
auf germanischer seite um eine erklärung für ihn umsehen 
müssen. Da hierbei von lehnworten wie £amp/''oertamen' oder 
kamp 'eingehegtes stück feld* natürlich abzusehen ist, so wüsste 
ich nur an aisl. kanpr kampr, ags. cpiep, altfries. kenep 'knebel- 
bart', mndl. kanefbeen l Wangenbein' anzuknüpfen. Allerdings 
weisen diese worte auf germ. *kanipa- zurück (s. Kluge EW. 4 177 
unter knebel) oder sonst auf eine form mit mittelvocal ; daneben 
war aber wohl, so wie bei anderen ableitungen, so auch hier 
eine form ohne solchen möglich. Die Kampen könnten also 
* die knebel bärte' sein, wobei widerum an die Bardi, Langobardi 
zu erinnern ist, vor allem aber daran, dass auch die Unter- 
abteilungen der Kampen, die Parmen und Adraben, sowie die 
benachbarten Armilausen nach äusserlichkeiten der tracht be- 
nannt sind. 



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122 much 

Und vielleicht ist dies auch bei den Rakaten der fall 
Wieso Ptolemaeus oder sein Vorgänger dieses volk zweimal 
auf seine karte gesetzt hat (s. Kossinna, Anz. fda. 16, 59), ist 
leicht zu erraten. Einmal erfuhr er aus einer quelle, die von 
einer der oberen Donaustationen ihren Ursprung nahm, von 
einem volke der 'Puxavat unterhalb der Kampen; ein ander- 
mal durch eine mitteilung, die wahrscheinlich aus Carnuntum 
stammte, von den ^PaxcctQicu an der seite der Bat/ioi; und so 
wenig er die AayyoßaQÖoi und AaxxoßaQÖot als dasselbe volk 
erkannte, so wenig kam ihm hier der gedauke, dass es sich 
nur um verschiedene formen eines und desselben namens handle. 
Sind aber die c PäocarQlai von den 'Paxaxai nicht verschieden 
und nicht an die seite der Ösen, sondern zwischen die Kämpen 
und Baimen, also an die Westseite der March zu stellen, so 
werden wir es bei ihnen schon gar nicht mit Pannoniern zu 
tun haben. Dass in den beiden nördlichen vierteln Nieder- 
österreichs die den Germanen vorausgehende bevölkerung keine 
pannonische, sondern eine keltische war, beweist der bereits 
besprochene natne des Kampflusses und der ort MeöioXaviov 
mit den gradbestimm ungen Xrf (ig q" (bei Ptolemaeus 2, 11, 15), 
der sicher in das gebiet der 'Paxdtcu fällt Und vielleicht ge- 
hört in dieses auch noch das gleichfalls keltisch benannte 'EßovQo- 
öovvov (W fifj'). Dass die Rakaten selbst Kelten waren, ist 
durch diese namen, die gerade so gut wie so viel anderes kel- 
tisches sprachgut in allen teilen des südlichen und westlichen 
Deutschlands von zurückgebliebenen resten der vorgermanischen 
bevölkerung übernommen sein können, natürlich nicht bewiesen 
und wäre es noch nicht einmal, wenn ihr eigener name als 
keltisch zu gelten hätte. 

Warum eigentlich der name 'PaxatQicu durchaus nicht nach 
einem keltischen aussehen soll (Müllenhoff s. 330), ist mir voll- 
ständig unbegreiflich. Eine wurzel rak wird es in den ver- 
schiedensten sprachen geben. Aus dem keltischen vgl man den 
inschriftlich überlieferten namen Raconius, Racconius (Zeuss- 
Ebel GC. 773) und gael. racaid 'a noise, disturbance', ir. racan 
'noise, riot' (Skeat ED. 487 unter rocket). Was das suffix be- 
trifft, so stimmt es genau zu dem in den namen Aratrius und 
Aralria, die aus Aquileja, Venedig und Monfalcone inschriftlich 
bezeugt sind, aber freilich wird man diese nicht so unbedenklich 



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DIE SÜÜMAKK DER GERMANEN. 123 

wie es Holder, Altkeit. Sprachschatz 277 tut, als keltisch be- 
trachten dürfen. Ein altir. arathar (= lat aratrum) gibt es 
aber in der tat und daneben eine reihe ähnlicher /ro-ableitungen, 
von denen aus mit i'o-suffix neue Wortbildungen möglich waren, 
gerade so wie ans einem dhro-st&mme *keredhron, jünger *kere- 
dron (= lat cerebrum, urital. *kerefrom, idg. *keredhromH) der 
name des Galaterfübrers KsQt&Qtog (d. i. 'cerebrosus'?) bei 
Pausanias 10, 19,4 entsprungen ist 

Auch auf germanischer seite ist eine wurzel rek : rak durch 
mehrere bildungen und in verschiedenen bedeutungsentwicklungen 
vertreten: s. Kluge EW. 4 unter rechen, rechnen, recken. Aber 
nicht leicht findet sich etwas darunter, woraus sich ein völker- 
schaftsname ableiten liesse, es sei denn aisl. raka, schwed. 
raka, dän. rage in der bedeutung 'rasieren', rakstr 'shaving', 
rakstr -mabr 4 a barber' (Cleasby-Vigfüsson 482). Besonders 
dieses rakstr y das urnordisch *rakastraz heissen würde, ist hier von 
belang. Denn dazu würde sich eine ableitung *rakastrjaz 'ra- 
sierer' gerade so verhalten wie got (gup-)bl6streis 'opferer ' 
zu blostr 'opfer' oder ags, bcecestre 'bäckerin' zu aisL bakstr 
'das backen'. Ob wir deshalb den volksnamen als germ. 
*Rakastrjöz anzusetzen haben, ist freilich noch die frage, da 
im ersten Jahrhundert n. Chr. vielleicht das germ. /»ra-suffix 
in bildungen mit mittelvocal noch nicht völlig verdrängt war. 
Und um so schwerer wird es halten, über seine germanische 
gestalt völlig ins reine zu kommen, als die formen c Pa7caxQUxt 
und 'Paxätai leicht auf keltischer mit umdeutung verbundener 
nostrificierung des namens beruhen können. 

Eine dritte nebenform desselben scheint das fcech. Rakousy 
'Oesterreich', Rahdane 'Oesterreicher' vorauszusetzen, falls 
diese worte hiehergehören, was mir wahrscheinlicher dünkt, 
als der von Heinzel, Ostgot heldens. 29 (WSB. 1889) vermutete 
Ursprung derselben aus *Hrapagutans, *Hradagoza. Denn von 
diesem namen, der die Goten des Hradagais bezeichnen soll, 
ist es doch, auch wenn er gebräuchlich war, sehr fraglich, ob 
er jemals in Niederösterreich haftete. Andrerseits fällt, nachdem 
sich gezeigt hat, dass die annähme pannonischer nationalität 
für die Rakatrier jedes grundes entbehrt, auch Müllenhoffs be- 
denken (s. 331) dagegen hinweg, dass der volksname selbst 
sich über die völkerwanderungszeit hinaus erbalten konnte. 



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124 MUCH 

So gut wie die Scudingen (UaQfiai) diese tiberdauern, werden 
sich auch reste der Rakatrier, zumal im niederösterreichischen 
Waldviertel, erbalten haben, und MUllenhoffs ansetzung eines 
orts- oder landschaftsnamens Racosia, Racosium oder Racusia, 
Rakusium zur Vermittlung zwischen 'Paxazai und RakuSane ist 
darum unnötig und umsoweniger gut zu heissen, als ein solcher 
localname als bildung aus dem volksnamen doch nicht ver- 
ständlich wäre und uns die nötigung, eine neben form desselben 
anzusetzen, nicht erspart bliebe. Rakusane ist seiner bildung 
nach mit den schon besprochenen namen Carantani, Maurungani 
(8. Heinzel a.a.O. 23 ff.), Slezane zu vergleichen; ferner mit 
Merane (Heinzel a. a. o. 20 ff.), mit Guduscani und mit Boemani, 
ßehemani (Förstemann DN. 2 2 , 298), ßeheimare (Zeuss p. 641 
nach der St. Emmeramer descriptio civitatum), letzteres offenbar 
statt Beheimane verschrieben oder verlesen. In allen diesen 
fällen haben die Slaven durch anfügung des in ihren eigenen 
volksnamen sehr verbreiteten Suffixes -an stammnamen der be- 
völkerung, die sie bei ihrer einwanderung vorfanden, sich an- 
geeignet. 

Wie die Kampen, d. i. 'die knebelbärte' den Rakatriern, 
Rakaten, oder wie sie sonst noch hiessen, d. i. 'den rasierern' 
oder 'rasierten 1 , so stehen auch die norddeutschen Langobarden 
den ' geschorenen' gegenüber. In der langobardischen stamm- 
sage ist die Vorstellung von der ältesten heimat des Volkes in 
Scadinavia mit der von ihren sitzen an der Elbe zusammen- 
gefallen. Das erste land, in das sie von dort auswandernd 
gelangen, ist dann Scoringa, und da diesem namen als nächster 
Mauringa zur seite steht, werden wir die gleiche bedeutung 
des Suffixes wie in diesem vorauszusetzen, also nicht mit Müllen- 
hoff, Nordalb. Studien 1, 141 und DA. 2, 97 an ableitung aus 
engl, shore, ndd. schore, schare 'ktiste' zu denken haben. Es 
wird vielmehr Scoringa zu lesen und dies aus schür, mhd. 
schuor, zur wurzel sker : stör gehörig, zu erklären sein. 

Allerdings ist es nicht ganz unbedenklich, wenn zur erklärung 
eines namens aus dem südlichsten germanischen bereicb, wie es 
der der Rakatrier ist, die lediglich im norden vorhandene bedeu- 
tung eines Wortes beigezogen wird. Da indess das germanische 
altertum der körperpflege im allgemeinen und der von hart 
und haar im besonderen weit mehr aufmerksamkeit widmete, 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 12$ 

als spätere zeiteu, so dürfen wir für dasselbe auch eine reichere 
fülle von ausdrücken voraussetzen, die diesem begriffskreise 
angehören. Und gerade eine so zutreffende bezeichnung des 
'bartschabens', wie das nordische raka es ist, bat leicht anspruch 
auf ursprünglich weitere Verbreitung. Doch ist es auch gar nicht 
ausgeschlossen, dass die Völker zwischen den Markomannen 
und der Donau aus höherem norden zugewandert sind. Wenn 
Maroboduus sie ansiedelte, so können sie deshalb doch ganz 
oder zum teil aus sehr entfernten gegenden Germaniens seinem 
rufe oder der aussieht auf landerwerb gefolgt sein, gerade wie 
Ariovistus von. den Eudusiern und Haruden aus Nordjütland 
zuzug erhält oder Alboin von den Sachsen. Dass gerade über 
der Donau Völker von sehr verschiedenem Ursprünge neben 
einander sassen, beweisen schon die unterschiede ihrer tracht, 
die in ihren namen — auch abgesehen von dem der Rakatrier — 
hervortreten. Die Pannen Skudingen insbesondere erinnern an 
das was Tacitus, Germ. 43 nach erwähnung der Goten, Rugier 
und Lemovier bemerkt: omniumque harum gentium insigne ro- 
tunda scuta . . . 

Ja, an jene Harudes und Eudusii Ariovists ist vielleicht 
nicht nur als an ein seitenstück zu erinnern. Wir haben von 
denselben bereits in erfahrung gebracht, dass sie im gebiet des 
Ariovist noch nicht angesiedelt waren, und es fragt sich, was 
denn nach dessen niederlage gegen Caesar mit ihnen geschehen 
sei. Vernichtet waren beide stamme doch gerade so wenig als 
die Vangionen, Nemeter und Triboken, die nachmals die be- 
völkerung der Germania superior ausmachen. Sie werden also 
wahrscheinlich über dem Rheine bei den Markomannen schütz 
gefunden haben. Dass sie aber in ihnen aufgiengen, ist nicht 
wahrscheinlich : man denke, wie zähe z. b. die Rügen unter den 
Ostgoten oder die Sachsen unter den Langobarden in Italien 
an ihrer Sonderstellung festhielten. Der gegensatz zwischen 
Markomannen und Haruden -Eudusiern war aber sicher noch 
grösser als der zwischen den vorgenannten stammen. Es darf 
nach all dem mindestens als eine in betracht kommende möglich- 
keit gelten, dass unter den anderen, die nach Strabo Maroboduus 
ausser seinen stammesgenossen ansiedelte, Eudusier und Ha- 
ruden gemeint seien. 



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126 MUCH 

Ueber zeit und umstände des Vordringens der Qaaden ist 
oben 8. 12 f. schon gehandelt worden. Es bleibt nur nachzutragen, 
dass sie sieb ihre sitze im Marchlande vermutlich unter einem 
könige namens Tudrus erkämpft haben. Denn Tacitus be- 
zeichnet Germ. 42 die königsgeschlecbter der Markomannen und 
Quaden als nobile Marobodui et Ttidri genus. Bei der bedeutung, 
welche flir den Quadenstamm der siegreiche kämpf mit den 
kriegstüchtigen Volken und die eroberung des fruchtbarsten 
landes im Süden des erkynischen waldes haben musste, kann 
nur derjenige fürst als der berühmteste in seiner Überlieferung 
genannt worden sein, der während jener ereignisse sein ftihrer 
war. Ebenso sind die Markomannen unter ftthrung und auf 
den rat des Maroboduus, dem hier Tudrus gegenübersteht, in 
Böhmen eingezogen. Dass sonst von jenem Tudrus jede künde 
fehlt, bestätigt nur, dass er keiner späteren zeit angehört Der 
sinn seines namens, der als ein beiname zu verstehen ist, er- 
gibt sich aus ags. tydre 'zart'. 

Woher die Quaden gekommen sind, bleibt auch noch zu 
untersuchen. Aus Schlesien nicht, weil wir als alte nördliche 
naehbarn der Volken bereits die Vandilen kennen gelernt haben, 
und an dem Svebentum der Quaden doch nicht gezweifelt werden 
darf (vgl. Kossinna, Westd. zs. 9, 207 f.); auch schon deshalb 
nicht, weil ihre spräche im gegensatze zu der der Goten und 
Vandalen frühzeitig ä in a wandelt. Ein beleg hiefllr ist der 
name des königs raioßoficiQog d. i. raißofiaQoc = ahd. *Geba- 
mdr (Kossinna, Zs. fda. 29,268) aus dem jähre 216 n. Chr. (bei 
Dio Cassius 77,20), wie denn auch bei den Markomannen ein 
Marcomarus (Aurelius Victor, De Caes. 16) und ein BallofiaQiog 
(Petrus Patricius, Exe. leg. ed. Bonn. p. 124) begegnen: s. Müllen- 
hoff, Zs. fda. 7, 52S f. Wann dieser lautwandel erfolgt ist, sind 
wir nicht im stände zu ermitteln, da uns bei beiden stammen, 
übrigens auch bei Alamannen und Semnonen belege für erhaltenes 
& völlig fehlen. Um so eher wird man auch für den namen 
der Quaden selbst länge des stammvocales voraussetzen dürfen, 
wie schon J. Grimm GDS. 507 getan hat. Allerdings wäre auch 
eine bildung *kwadaz als nom. ag. zu *kwepana(n) 'sprechen* 
denkbar; aber belegt ist ein solches wort nicht, und fflr den 
namen eines Stammes passt eine bedeutung 'die Sprecher' 
oder 'die sprechenden 1 nicht gut. Auf das seitenstück des 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 127 

Slavennamens wird man sich jedenfalls nicht berufen dürfen, 
auch wenn dessen ableitung von slovo 'wort' (die Miklosich EW. 
308 abweist) feststünde, da es allenfalls begreiflich ist, wenn 
ein volk von fremden Völkern, nicht aber, wenn ein stamm 
von gleichsprachigen stammen als sprachbegabt • sich unter- 
scheidet. Der üble sinn von md. quät, nndl. kwaad 'böse, hässlich, 
verderbt', mengl. cwid 'schlimm' wird uns dagegen nach dem 
was sich uns über die germanischen volksnamen im allgemeinen 
schon ergeben hat, nicht abhalten können, gerade aus diesem 
worte denjenigen der Quaden zu erklären, der sich dann ganz 
dem der Ubier an die seite stellt. Ja die Vßioi des Petrus 
Patricius (Exe. leg. ed. Bonn. p. 124), d. i. lat Ubli, germ. *Ub- 
fix in griech. Schreibung, die mit Markomannen und Lango- 
barden zusammen im Markomannenkriege auftreten, sind wohl 
nichts anderes als die Quaden selbst unter einem anderen 
gleichbedeutenden namen. Sind uns doch auch die Marsingen 
noch als *Kurkungen und als Lakringen begegnet Dass die 
"Otfioi mit den Aviones des Tacitus nicht verknüpft werden 
dürfen, liegt klar zu tage: beide namen' haben nichts weiter 
als ein j der ableitung gemein. 

Da die Markomannen ebenso wie die Sveben des Ariovist 
der bauptsache naeh von den Ermunduren ausgegangen zu sein 
scheinen, und von eben diesen später ein teil des verlassenen 
Markomannenlandes neu besiedelt wurde, so ist derselbe stamm 
kaum im stände gewesen, innerhalb desselben Jahrhunderts auch 
noch eine so starke abteilung wie die Quaden, die man schon 
bei ihrem einbruch in Mähren auf etliche hunderttausend köpfe 
schätzen muss, auszusenden. Eher möchte man an herkunft 
von den Semnonen denken, die ja nach der räumung Böhmens 
ungehindert eine abteilung zum kämpf mit den Volken vor- 
schieben konnten. Und es verdient beaebtung, dass die Quaden 
in einer zeit der äussersten bedrängnis durch die Römer (um 
178 n. Cb.) gerade zu den Semnonen auswandern wollten, [ierava- 
OTtjvai xqoq JSe/ivovag, wie Dio Cassius (Excerpt. Xiphilin. 71, 
20) berichtet. Eine semnonische freisebaar, die erst in Mähren 
zu einem neuen selbständigen stamme erwuchs, waren sie indes 
nicht. Denn da sie im Südosten Deutschlands die ersten und, 
als die Römer die Donaugrenze erreichten, noch die einzigen 
auf dem plane waren, so müssen diese ihren namen von ihnen 



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128 MUCH 

selbst gelernt haben. Und wenn sich ein volk so sehr an einen 
scheltnamen gewöhnt hatte, dass es sich schon selbst damit 
bezeichnete, so kann dieser nicht erst vor kurzem aufgekommen 
sein. Die Quaden müssen also bereits in einer älteren heimat 
so geheissen haben; und das konnten sie entweder als eine 
geschlossene Unterabteilung oder als ein nachbarvolk der Sem- 
nonen. 

Der erste, welcher den namen der Quaden, allerdings in 
ganz verderbter gestalt als KoXöovot überliefert, ist Strabo. 
E}r nennt sie p. 290 als einen der Svebenstämme kvrog tov 
ÖQVftov, und zwar jenes ÖQVfiog, der unmittelbar vorher als 
ÜQxvpiog ÖQVfiog bezeichnet wurde. Man sieht daraus, wie 
Ptolemaeus dazu kommen konnte, über seinen Kovadol einen 
'Oqxvvioq ÖQVfiog anzusetzen, und dass dabei gar nicht die Vor- 
stellung von einem gebirge, das der mährischen höhe entspricht, 
mitspielt, wie Zeuss s. 6 und Müllenhoff s. 324 ohne rechten 
grund voraussetzen. Dass das gebirge im norden von Mähren 
noch ein zweites mal, aber viel weiter nach norden hinaufgerückt, 
als JioxtßovQyiov oQog vorkommt, hindert gar nicht, den Öp- 
xvviog ÖQv/iog für die Hercynia zu nehmen, da uns doch auch 
eine reihe von Völkern auf der ptolemaeiscben karte zweimal 
begegnet ist. 

Es durfte uns eigentlich nicht wundern, wenn dies ge- 
legentlich noch öfter geschehen wäre, sofern nur genügend viele 
verschiedene oder anscheinend verschiedene namen eines volkes 
zur Verfügung standen. Und wenn deshalb vermutet wurde, 
dass die Balfioi (d. i. Balaifioi *Baehaemi: s. Müllenhoff s. 328), 
die auf der ptolemaeischen karte unterhalb der Quaden zu 
stehen kommen, dasselbe volk seien, wie die Baivoxalpcu und 
die MaQxofiavot, so ist dies nicht von vornherein abzuweisen. 
Aber was hätte Ptolemaeus veranlassen sollen, böhmische Bal/toi 
an die Donau hinabzurücken, in eine gegend wo ihm ohnedies 
der räum zu eng wird, so dass er genötigt ist, die beiden flflgel 
in der aufstellung der Donaugermanen zurückzuziehen, also die 
OvicßovQyioi hinter die Quaden, die OvaQiötol und Xcuxovcoqoi 
hinter die Ka/utoi zu stellen? 

Es bleibt also das was Zeuss s. 119 und Müllenhoff s. 328 ff. 
annahmen, zu recht besteben: die Balfioi haben für die aus 
ßoiohaemum stammenden Sveben des Vannius zu gelten. Dass 



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DIE SÜDMARX DER GERMANEN. 129 

diese, Dach Tacitus, Ann. 2, 63 ursprünglich das geleite der 
köoige Maroboduus und Catualda, nicht etwa nur ihr 'coniita- 
tos' im sinne germanischer gefolgscbaften, sondern ganze heere 
waren, geht doch ans der beflirchtung der Römer hervor: ne 
guietas provincias immixti turbarent, was von ein par hundert 
leuten inmitte einer ihnen fremden beyölkerung nie zu besorgen 
gewesen wäre. Von so wenigen hätte auch nicht berichtet 
werden können, dass ihnen ein könig gegeben wurde. 

Dazu kommt die zweifellos nicht geringe bedeutung des 
Vannianischen Svebenreiches, die aus allem erhellt, was Tacitus, 
Ann. 12, 29 f. Aber dasselbe und seinen könig berichtet Freilich 
mag Yannius auch angehörige seines eigenen Stammes, des 
quadischen also, in seinem lande angesiedelt haben, und dadurch 
wird das nachmalige aufgeben der Bal/ioi in den Quaden er- 
leichtert worden sein, «dessen hauptursacbe indes die politische 
Vereinigung beider stamme war, die vielleicht schon durch 
Sido und Vangio, die schwestersöhne des Yannius und seine 
nach folger in der herschaft, zu wege kam. Dass uns Ptole- 
maeus noch den namen Balfioi Oberliefert, den die Germania 
des Tacitus nicht mehr kennt, zeugt für das hohe alter der 
nachrichten, auf grund deren die eintragungen auch im süd- 
östlichen teil seiner karte erfolgt sind. 

Yon den Sveben des Yannius steht es fest, dass der Mortis, 
d. i. die March, ihre westgrenze war, da sie nach Tacitus, Ann. 
2, 63 inter Marum et Cusum angesiedelt wurden. Doch wird 
dies nur von der mündung dieses Süsses gegenüber von Car- 
nuntum gelten, wo die letzten ausläufer der kleinen Karpatben 
unmittelbar an ihn herantreten ; weiter gegen norden aber muss 
das gebirge allein die grenze gebildet haben. Denn was hätte 
die Quaden veranlassen sollen, bei ihrer einwanderung in Mähren 
nur das rechte Marcbufer zu besetzen, da doch erst die Kar- 
pathen ihrer ausbreitung den natürlichen nächsten abschluss 
gaben? Dass wirklich die kleinen Karpathen Quaden und 
Balpoi schieden, ergibt sich aus der läge der Aovva vXtj. 

Diesen namen hat Müllenhoff s. 324. 327. 373, übrigens 
nicht ohne Vorgänger, auf den niederösterreicbischen 'Manhar? 
bezogen. Aber einen solchen gibt es in Wahrheit gar nicht; 
man kennt hierzulande nur den namen Mannhardsberg und 
versteht darunter in volkstümlichem gebrauche lediglich einen 

Beitrftge snr gcsshichte der deutschen spräche. XVII. 9 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 131 

Aovva vlrj gemeint sein. Ohnedies würde es befremden, wenn 
ans f&r einen so augenfälligen gebirgszug, der noch dazu in 
unmittelbarer nähe Ton Carnuntum abbricht, kein alter name 
erhalten wäre. Zeuss mit seinem ansatz der Aovva vXij (s. 4. 
118) erscheint also vollständig gerechtfertigt. 

Wenn aber Ptolemaeus auch die UidrjQcoQvxeTa im Süden 
der Quaden nennt, so beweist dies gar nicht, dass derselbe 
Zusammenhang schon in seiner quelle vorhanden war, sondern 
Mur, das* auf seiner karte, von der die angaben in seiner 
Germuia abgelesen sind, die SiöijQcoQvxela ebenso wie die 
Aovva vhf awischen die Quaden im norden und die Baimen 
im sttden gestellt waren. Dabei ist die Verschiebung der beiden 
Völker Doch eine verhältnismässig geringe verglichen mit der 
von Ptolemaeus sonst mehrfach vorgenommenen änderung der 
neben- in eine Überordnung. So sind z. b., worauf auch schon 
hingewiesen wurde, die OviößovQywL in den rücken der Quaden 
geraten und dadurch erst und erst auf der ptolemaeischen 
karte in beziehung zum 'Oqxvvioq ÖQVfiog gekommen, mit dem 
sie in Wahrheit nichts zu tun haben. Geradeso verdanken es 
die Quaden lediglich ihrer Verschiebung aus dem Nordwesten 
in den norden der Balfioi, dass sie im Süden durch die Hiötjq- 
c&Qvxeta begrenzt erscheinen, während letztere, die eisengruben 
der Kotinen im oberen Grantal (Müllen hoff s. 324), in der quelle, 
ans der die eintragung in die ptolemaeisehe karte erfolgte, nur 
an der nordgrenze der Bat/iot genannt worden sein können. 

Die Balfiot reichen also von der Marchmündung und den 
kleinen Karpathen über die ganze nordungarische ebene bis 
mindestens zur Gran und wahrscheinlich sogar bis zur Eipel. 
Denn der fluss Cusus, den Tacitus, Ann. 2, 63 als die ostgrenze 
der Sveben des Vannius nennt, ist, wie Müllenhoff s. 323 mit 
ansprechenden gründen dargetan hat, am ehesten für die Eipel 
zu nehmen. Auch die stelle, in der Plinius des vannianischen 
reiches gedenkt (HN. 4 § 80. 81), hat erst durch Müllenhoff 
s. 322 ff. die richtige auslegung erfahren. Ein zweifei bleibt 
dabei nur besteben bezüglich der Duria, welche Plinius — sich 
gewissermassen selbst berichtigend — als die grenze der Sveben 
angibt, nachdem er früher den Monis als solche namhaft ge- 
macht hat (a Maro, swe Duria est a Suebis regnoque Vamtiano 
tirimtns eos . . .). Die erwähnung der Maren, zu der es stimmt, 



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132 Hüch 

da88 Plinius unmittelbar vorher vom conftnhm Germanorum bei 
Carnuntum gesprochen hat, findet aus der älteren grenze der 
Germanen vor begründüng des vannianiscben reiches ihre er- 
klärung: s. Mttllenhoffs. 324. Dass aber Plinius, als ihm dieses 
reich einfiel, aufs geratewol den nächsten bedeutenden neben- 
fluss der Donau, die Wag, genannt habe, ist nicht recht glaublieh. 
Viel eher wird Duria ein anderer name für die Gran sein, die 
in ihrem untersten laufe ganz nahe mit der Eipel zusammentritt, 
so dass eine begrenzung durch Duria im sinne von Gran oder 
durch Cusus Eipel wesentlich dasselbe besagen und der unter- 
schied sich leicht aus grösserer oder geringerer genauigkeit der 
angäbe oder verschiedenen Stadien der ausbreitung der BaZfiot 
erklären würde. Dass wir dabei neben dem, wie es scheint, 
germanischen namen Gran, rQavovag bei Marcus Aurelius, noch 
einen zweiten, fremden für denselben fluss annehmen mftssten, 
kann in einer gegend, wo Germanen, Kelten und Pannonier 
sieb ineinanderschoben, nicht zu bedenken anlass geben, und 
der nötigung an eine doppelte benennung zu denken, entgehen 
wir auch gar nicht, wenn wir die Duria mit Mttllenhoff für 
die Wag nehmen. Denn der name Wag, der nicht gerade, das 
germ. appellativum masc. generis ahd. alts. wäg, ags. wdg, got 
wSgs 'woge, Auf ist, sondern unmittelbar dem aueh diesem 
worte zu gründe liegenden verbaladjectiv *wcegiz 'beweglich, 
bewegt' entspringt, reicht sicher in die quadiseb-baimische zeit 
hinauf und ist nur zufällig nicht belegt 

Betreffs der sitze der keltischen Kotinen und der pannonischen 
Ösen, von denen erstere im oberen Grantal, letztere im tal der 
Eipel zu suchen sind, haben Mttllenhoffs Untersuchungen s. 324 ff 
32 f. 324. 326 als abschliessend zu gelten. Auch der grund für 
seinen ansatz der OvicßovQyiot (s. 326) ist ein zwingender, und es 
erübrigt nur noch die frage zu entscheiden, ob wir es bei ihnen 
mit den gesammten Ösen oder nur mit einem teile von ihnen zu tun 
haben. Da uns Ptolemaeus in letzterem falle auch noch den 
namen des anderen teiles nicht gut hätte verschweigen können, 
von einem solchen aber weder bei ihm noch anderwärts eine spur 
sich findet, scheint die erstere annähme von vornherein die wahr- 
scheinlichere, und Mttllenhoffs schwanken hat offenbar nur darin 
seinen grund, dass er die OvicßovQyiot gleich Zeuss s. 123 nach 
einem orte namens Wisburg benannt dachte, also nicht gut für 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 133 

einen grösseren stamm halten konnte, eher für die abteilung 
eines solchen. Ihr name ist aber nichts anderes als germ. 
*Wes(u)burgjdz 'die in guten bürgen wohnenden ' oder 'die gute 
bürgen besitzenden'. Die synkope in der compositionsfuge, der 
hier gewis auch die natur der folgenden laute günstig war, bat 
in AovxtpovQÖov, in dem inschriftlichen Matronennamen Satt* 
chamims Sailhamiabus und vor allem in dem völkerscbaftsnamen 
Hermunduri alte seitenstflcke. Und Ovio- statt zu erwartendem 
Oveö- darf um so eher mit ahd. Wlsu-(mdr) verglichen werden, 
als Ptolemaeus auch schon <Plwoi, Velleius Paterculus Sigimerus 
schreibt Aber idg. *uesu- 'gut', aind. väsu-, aveftt. vohu-, drfs 
von Tomaschek BB. 9, 93 in einem illyrischen eigennamen Ves- 
cleves und von Kögel, Litteraturbl. 8, 108 in deutschen und 
keltischen namen nachgewiesen wurde, bat auch in letzteren 
in lat tran88cription die gestalt Vesu- und Visu-, was uns hier 
nicht befremdet, weil e im keltischen vielfach zu i hinüber- 
schwankt. Man könnte also die Schreibung OvioßovQyioi auch 
aus dem einfiusse anklingender und verwanter keltischer namen 
auf die Orthographie des Ptolemaeus oder aus keltischer Ver- 
mittlung erklären. Und jedenfalls ist die vorgeschlagene Än- 
derung eine so geringfügige, dass wir sie uns sehon gestatten 
dürfen, vorausgesetzt dass sie sich sonst empfiehlt. 

Im rücken der Baimen und Quaden haben wir die Sidonen 
und Buren zu suchen. Letztere sind nach Ptolemaeus Lugier, 
eine angäbe, an deren ricbtigkeit wir nicht zweifeln dürfen. 
Ihr name könnte sie als die ausgewanderte junge mannscbaft 
anderer stamme bezeichnet haben, denn Buri Bovqoi ist — da 
es ein ahd. bür 'incola', das Zeuss s. 126 vergleicht, nicht gibt 
— sicherlich nichts anderes als got. baur, ags. byre, aisl. burr 
'filius'. Wahrscheinlich aber liegt im volksnamen nicht mehr 
diese ursprüngliche, sondern die bedeutung 'mann, hold' vor, 
die leicht aus dem begriff 'junger mann' hervorgebt. Man vgl 
die bedeutungsentwicklung von mhd. degen, engl t harte, mhd. 
kneht, ags. cniht, ags. mago, nhd. junker, vor allem aber die 
von altgerm. baro (mit den nebenformen barro, baro, borro, auch 
barus) 'mann, held, königsdegen, halbfreier \ mhd. bar 'mann' 
und ags. beorn (ahd. bern in namen) 'held, fürst'. Denn trotz 
Kögel, Zs. fda. 33, 22 bin ich geneigt, diese worte als wurzel- 
verwant mit got. baur zu betrachten: jenes mhd. bar 'mann' 



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134 MUCH 

wird man doch von mhd. bar 'söhn' und jenes ags. beorn 'held* 
von lit. bdrnas 'knabe (poetisch), knecht', lett bernas 'kind' 
nicht trennen wollen. — Wegen borro könnte sogar die schrei* 
bung Bovqqoi bei Dio Cassins anspruch anf beachtung erheben: 
vielleicht weist sie auf germ. *Burröz, dem ein stamm *brno- 
*zu gründe läge, zurück. Dem Buri, Bovqoi entspricht dagegen 
germ. *Burti. 

Wenn Ptolemaeus die namen Bovqoi, Ulöcoveg, Koxvoi, 
OvioßovQyiot in eine reihe untereinanderstellt, so deutet das 
höchstens darauf hin, dass sie in seiner quelle im Zusammen- 
hang genannt waren; deshalb sind wir aber nicht bemüssigt» 
für die Buren wirklich Unterkunft im norden der Sidonen zn 
suchen. Dass sie Ptolemaeus unter das ÄaxißovQyiov oQoq an- 
setzt und bis zur Weichselquelle reichen lässt, ist aber kaum 
ganz bedeutungslos. Man wäre also nicht abgeneigt, sie in den 
norden von Mähren und nach österreichisch Schlesien zu stellen, 
und dies auch schon darum, weil sie dort mit den übrigen 
Lugiern, von denen sie herstammen, noch in unmittelbarem 
zusammenhange stünden. Mttllenhoff bat dagegen aus dem 
umstände, dass sie immer innerhalb des Karpatbenlandes auf- 
treten, 'so schon zur zeit Trajans als bundesgenossen der Daken 
und später nicht anders', schliessen wollen, dass sie unterhalb 
des Jablunkapasses in den tälern der oberen Wag ansässig 
waren. Dabin mögen sie später in der tat vorgedrungen sein, 
wie denn die Vandalen Oberhaupt die Quaden umgehend gegen 
und in die römische provinz Dakien vorrückten, und wenn die 
Sidonen in der zeit nach Ptolemaeus und schon in der hier 
wider auf jüngere quellen zurückgehenden Germania des Ta- 
citus nicht mehr genannt werden, so lässt sich das aus dem 
Verluste ihrer Unabhängigkeit an die Buren oder ihrer Ver- 
drängung durch diese erklären. Wird doch den Buren selbst 
später durch die nachrückenden übrigen Vandalenstämme ein 
ähnliches Schicksal bereitet, da sie entweder in diesen auf- 
gegangen oder durch sie noch weiter nach osten geschoben 
worden sein müssen, und letzteres zu vermuten könnten uns die 
in gesellschaft der Goten, Karpen und Urngunden auftretenden 
BoQavol des Zosimus (Zeuss s. 694 f.) veranlassen, deren name 
zu Buri sich verhalten kann, wie got baurans zu baut. 

Für die Sidonen des Ptolemaeus bleibt dann, falls seine 



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DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 135 

Buren noch ins nördliche Mähren fallen, kein anderer platz 
übrig als der den Müllen hoff den letzteren zuweist Und 
umgekehrt müssen die Buren des Ptolemaeus noch ausserhalb 
der Karpathen angesetzt werden, wenn von den Sidonen sich 
zeigen lässt, dass ihnen der platz unter dem Jablunkapass und 
weiter aufwärts an der Wag und Arwa gebührt. 

Müllenhoff sieht s. 325 in Slöcoveg einen landschaftlichen 
namen, der einen teil der Quaden, etwa die im heutigen Neu- 
traer comitat ansässigen, als die ' abwärts wohnenden' bezeichne, 
sei es nun im Verhältnisse zu den Buren oder zu den mährischen 
Quaden. Als beleg hiefür werden die namen der beiden 
8chwe8tersöhne des Vannius, Vangio und Sido, angeführt, die 
beide von landschaftlicher und ethnischer bedeutung seien und 
von denen der erste auf die ebenen über der Donau deute. 
Warum aber nicht auf die rheinischen Vangionen, die Sieger 
von Magetobriga, deren name doch den Schwägern des Quaden 
Vannius sicherlich nicht unbekannt war, ist nicht einzusehen; 
ebensowenig, warum der name Sido nicht nach dem namen 
eines nachbarvolkes gewählt sein soll, das vielleicht den Quaden 
befreundet nnd bei dem vorstoss gegen die Kelten mit ihm 
verbündet, dessen herscherhaus vielleicht mit dem quadischen 
verschwägert war. Waren beide namen wirklich ethnisch, was 
übrigens sehr fraglich ist, so ist sogar anzunehmen, dass sie 
nicht unter leuten aufgekommen sind, die alle selbst Sidonen 
oder Vangionen waren, weil sie sonst gar nicht charakterisiert 
hätten; ebensowenig wird der volksname Franke oder Sachse 
in Franken oder Sachsen selbst zu einem mannsnamen geworden 
sein. Aus jenen beiden quadischen namen und aus ihnen allein 
gerade auf einen Quadenstamm der Sidones zu schliessen ist 
jedenfalls mehr als gewagt. 

Dazu kommt, dass von Strabo p. 306 JSiöovsg als eine ab- 
teilung der Bastarnen genannt werden und dass auch Valerius 
Flaccus, Argon. 6, 95 an einer stelle, wo von Bastarnen die rede 
ist, den ausdrnck Sidonicae habenae gebraucht; vgl. Müllenhoff 
s. 105. Von diesen bastarniscben Sidonen wird man die Si- 
donen des Ptolemaeus umsoweniger trennen dürfen, als sich, 
wie wir s. 38 ff. bereits erkannt haben, unmittelbar über den Kar- 
pathen östlich von der Weichsel die übrigen Bastarnen an- 
schliessen. Und nun kann es auch keinem zweifei mehr unter- 



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136 MÜCH 

liegen, dass uns Ptolemaeus mit recht die Weichselquelle als 
die ostgrenze der Buren namhaft macht. Letztere mit Müllen- 
hoff weiter nach osten und die Sidonen unter sie zu stellen ist 
deshalb nicht gestattet, weil diesen dadurch der Zusammenhang 
mit den anderen Bastarnen abgeschnitten würde. Dass Tacitus 
die Sidonen nicht mehr nennt, braucht nicht notwendig darauf 
gedeutet werden, dass sie zu seiner zeit schon vom Schau- 
plätze verschwunden waren. Denn anschliessend an die Marko- 
mannen und Quaden schon von den Bastarnen zu sprechen 
verstiess gegen den ganzen plan seiner Germania, und in eine 
aufzählung einzelner bastarnischer stamme sich einzulassen war 
wohl auch von anfang an nicht seine absieht. 

Wenn Sidones 'die herabreichenden, abwärts wohnenden' be- 
deutete, so stünde das mit der Stellung, die wir ihnen einräumen, 
freilich in Widerspruch. Aber eine solche deutung eines ger- 
manischen namens ist ja von vornherein schon nichts weniger 
als ansprechend. Vielleicht ist Sidones gar aus dem keltischen 
zu erklären ; wenigstens klingt daran der keltische mannsname 
Sldonius, der selbst ein einfacheres Sido voraussetzt, auffallend 
an. Diesen vergleicht Zeus8-£bel GC. 20 mit altir. $id, stid 
'pax'. Sind also die Sidones 'die friedfertigen 1 ? Ein keltischer 
name bei einem an die Kelten ursprünglich, ja an die keltischen 
Kotinen auch später noch angrenzenden stamme darf uns nicht 
wunder nehmen und wird nach dem s. 38 ff. vorgebrachten 
nicht mehr gegen das germanische Volkstum der Bastarnen 
entscheiden können. Zudem könnte es sich bei jenem sid, so- 
fern es nur auf vorkeltisches *sidh- zurückgeht, um ein Kelten 
und Germanen gemeinsames wort bandeln, das den letzteren 
später verloren gieng. Sido und Vangio Hesse sich dann als 
'der friedfertige' und 'der schlimme' verstehen; mit beinamen 
haben wir es dabei ja sicherlich zu tun. 

WIEN im mai 1891. RUDOLF MUCH. 



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DIE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 

Aus dem umstände dass bereits im 5. vorchristlichen Jahr- 
hundert die Cherusken an der nordseite des Harzes stehen, war 
uns der schluss gestattet, dass zur selben zeit die Istvaeonen 
im nordwestlichen Deutschland gegen den Rhein hin ausgebreitet 
waren. Dass die Germanen diesen ström schon vor eintritt der 
lautverschiebung erreicht hatten, Hess sich aus dem Verhältnisse 
der namen Vacalus einerseits und Vahalis Waal andrerseits ent- 
nehmen. 

Ueber die Stellung der einzelnen stamme in der nordwest- 
lichen ecke Germaniens reicht indes unsere kenntnis bisher 
nicht über die römische kaiserzeit zurück. Vor Caesars auf- 
treten müssen aber die dinge dort noch ganz anders gelegen 
haben, weil damals noch die Usipeten und Tenktern irgendwo 
auf der rechten Rheinseite ein ihrer grossen volkszabl ent- 
sprechendes ausgedehntes gebiet inne hatten. Nach ihrer aus- 
wanderung musste dasselbe ganz oder teilweise ihren nachbarn 
zufallen; diese treten uns demnach zu der zeit, wo wir zuerst 
nacbricht Ober sie erhalten, nicht mehr in ihrer ursprünglichen 
aufstellung entgegen. 

Damit ist der punkt gegeben, wo wir mit unserer Unter- 
suchung einzusetzen haben. Gelingt es uns, die herkunft der 
Usipeten und Tenktern zu erkunden, so wissen wir zunächst, 
wo eine Verschiebung stattgefunden hat, und vielleicht lässt sich 
dann auch art und umfang derselben ermitteln. 

Aus Cäsars dürftigen angaben ist freilich nicht zu er- 
raten, wober die genannten stamme gekommen sind; er hat es 
wohl auch selbst nicht gewusst. Wenn dagegen Müllenhoff s. 
301 bemerkt, dass vielleicht der name Usipii oder Usipetes ver- 
rate, dass diese schon ehedem nachbarn der Gallier waren, so 
ist damit eine spur gefunden, die zum ziele führen kann. Dass 



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138 MÜCH 

Mttllenhoff selbst ihr nicht weiter nacbgieng und nicht bestimmter 
sich ausdrückte, bat wohl nur darin seinen grund, dass ihm 
jener volksname zwar aus allgemeinen gründen keltisch zu sein 
schien (vgL s. 230), ohne dass ihm indes eine bestimmte etymo- 
logie vorschwebte. 

Der name, um den es sich handelt, ist in drei verschiedenen 
formen anzusetzen. Bei Caesar und an einer stelle, Ann. 1,51, 
bei Tacitus steht Usipetes\ dazu gehört auch Ovcuthai bei 
Dio Cassius 39,47. 54,20. 32 und bei Appian, Celt 1, 18; Usipii 
begegnet uns bei Tacitus, Agr. 28 und Martialis 6, 60; Usipi endlich 
widerholt bei Tacitus; dazu stellt sich Novoixot bei Strabo 
p. 292, wo das N aus dem voranstehenden Bqovxteqcov an- 
geschleift ist (8. J. Grimm 6DS. 534), Ovölxat bei Plutarch, 
Caesar 22 und Ovioxol bei Ptolemaeuö 2, 1 1, 6, falls dies aus 
Ovcixol umgestellt ist. 

Usipetes ist ohne zweifei ein consonantischer stamm, dessen 
nom. sing, im lateinischen als tsipes anzusetzen* wäre. Unter 
diesen umständen ist es schon nicht geraten, ip- noch als ab- 
leitung zu betrachten; und damit entfällt eigentlich der grund, 
der MQllenboff s. 230 veranlasst hat, das wort für keltisch zu 
halten. Doch auch wenn man dasselbe als zusammengesetzt, 
also als Us-ipeles, Cs-ipü, Us-ipi auffasst, so ist es aus dem ger- 
manischen nicht deutbar. Wir müssen also doch zum keltischen 
unsere Zuflucht nehmen. 

Ein element us- ist gerade in gallischen wortern widerholt 
vertreten. So in Usuernum auf der Tab. Peut, Ussubium (statt 
Usubium) im Itin. Ant., ovoovßlovp (herba lactago, lauriola Gallis) 
bei Dio8Corides 4, 147, Ovaßiov (statt Ovoovßiop) bei Ptole- 
maeus 2, 11, 15. Davon scheint der erste name eine Zusammen- 
setzung mit vernum, kymr.guern, air. fern 'alnus' zn sein; vgl. 
den kymrischen Ortsnamen Penngwern, GlUck s. 35. Die übrigen 
weisen auf ein abgeleitetes keltisches wort *usubion, das aus 
*ti€subion entstanden ist, wie schon daraus hervorgeht, dass 
derselbe ort, den das Itin. Ant Ussubium nennt, in der Tab. 
Peut. als Vesubio vorkommt Ebenso lautete der localname, 
von dem der keltische volksname der Vesubiani abgeleitet ist 
Der gleiche Übergang von ui, gi in u begegnet übrigens noch 
mehrfach im keltischen ; so in Unclli neben Venelü, Obisci neben 
Vibisci, Uberi neben Viberi, Urbigenus neben Verbigenus. Dio 



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DIE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 139 

ableitung in *Usubi<m, *Uesubion ist dieselbe wie in Mandubii, 
Esubii, Vidubhun, OvsQovßtovfi (oxqov): 8. Glück s. 91; und wie 
diesen bildungen durchaus u-stämme zu gründe liegen — vgl. 
die Zusammensetzungen Mandu-bralius, Esu-nertus, Vidu-casses, 
Veru-cloetius — so ist auch aus jenen ein stamm *usu-, *uesu- 
zu erschliessen, der nichts anderes ist als das idg. *uesu 'gut', 
das wir bereits im germanischen volksnamen der OmößovQyioi 
kennen gelernt haben; s. oben s. 133. Vor vocalischem anlaut 
des zweiten gliedes tritt in der Zusammensetzung natürlich früh- 
zeitig synkope ein. Den zweiten teil des namens Usipi wird 
man unbedenklich mit epo- (norm. sing. *epos) gleichsetzen dürfen, 
d. i. mit der gallischen entsprechung zu urkelt *eJcuos, idg. *ekuos 
'pferd', da die Vertretung von idg. e durch i oder wechselnd e 
und t in keltischen Worten eine ganz gewöhnliche erscheinung 
ist (s. Glück s. 90. Zeuss-Ebel GG. 100 ff. Windisch in Gröbere 
Grund r. 1, 304), die sich durch eine fülle von beispielen be- 
legen lässt. -ipetes in Us-ipetes ist dann genau dasselbe wie 
lat. equites, nur dass letzteres, das ursprünglich equetes geheissen 
haben muss, an composita wie com-i-t-es angeglichen ist: s. 
Brugmann, Grundr. 2, 369 ; etwas ferner steht griech. innoxa. 
-ipii endlich in Usipii ist dasselbe wie griech. umtos; auch als 
keltischer eigenname ist *Epios zu erschliessen aus dem britan- 
nischen Städtenamen 'Eniaxov bei Ptolemaeus 2, 3, 10: s. Glück 
s. 42. Vsipetes, Usipii, Usipi entspricht also urgallischem *lles(u)- 
epeies , *Ues(u)epioi, *Ues(u)epoi, urkeltischem *Ües(u)ekuetes, 
*Ues{u)etyioi, *Ues(u)ekuoi; zu der letzteren form vgl. man be- 
sonders griech. svijtjtog und den vandalischen namen Wisumar, 
das wäre wulfilanisch got. *lVisumarhs. Die bedeutung von 
Uüpetes ist 'die guten reiter' oder 'die wohlberittenen 1 ; Usipii, 
Usipi kann dasselbe, mindestens aber das letztere bedeuten. 
Auf die germanisch benannten OviößovQyioi, die 'gute bürgen 
besitzenden oder bewohnenden' ist als auf ein seitenstück schon 
hingewiesen worden. 

Dass wir es hier mit einer durchaus zutreffenden bezeich* 
nung zu tun haben, geht aus dem hervor, was Tacitus, Germ. 
32 berichtet. Proximi Chattis — heisst es dort — cerlum iam 
alveo Rhenum quique terminus esst sufficiat Usipi ac Tencteri 
colunt. Tencteri super solitum bellorum decus equestris discipli- 
nac arte praecellunt, nee maior apud Chattos peditum laus quam 



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140 MÜCH 

Tencteris cquilum . Sic instituere maiores; posiert imitanlur . Hl 
licsus infantium, haec iuvenum aemulatio ; perseverant senes . Inter 
familiam etpenales et iura successionum equi traduntur: excipitfiUus 
non ut cetera maximus natu, sed prout ferox hello et melior. Natür- 
lich gilt all das auch von den Usipeten, deren Damen Tacitus 
nur der kürze halber nicht widerholt. Ihre tüchtigkeit im reiter- 
kampf zeigten beide Völker auch als sie Caesar gegenüber- 
standen und 800 von ihnen 5000 römische reiter schlugen und 
in schmählicher flucht vor sich hertrieben: 8. BG. 4, 12. 

Dass der name der Usipeten, wie sich eben herausgestellt 
hat, keltisch ist, zwingt uns dazu, ihre alten sitze, aus denen 
sie im jähre 59 auswanderten, unmittelbar an der grenze der 
Kelten und Germanen zu suchen. Diese ist aber zu Caesars 
zeit und offenbar schon länger durch andere stamme fast ganz 
besetzt; den Rhein abwärts folgen auf die Markomannen die 
Ubier, auf diese die Sugambern; auch die Bataver im Rhein- 
delta sind Caesar (BG. 4, 10) bereits bekannt Lediglich zwischen 
den beiden zuletzt genannten stammen ist noch eine lücke offen, 
und einzig dort sind also die Usipeten anzusetzen. Dass sie 
dort nicht unmittelbare nachbarn der Sveben waren, steht mit 
Caesars mitteilung, dass sie von diesen vertrieben worden seien 
(BG. 4, 4. 7), nicht in Widerspruch, sondern beweist nur, dass 
die Sveben über ihre nachbarvölker damals eine vorherschaft 
ausübten und über mehrere auch ferner wohnende eine solche 
anstrebten. Zu ersteren werden wir jetzt mit grösserer Zuver- 
sicht als oben s. 24 die Chatten rechnen. Zu letzteren gehörten 
die Usipeten und Tenktern, die sich der abhängigkeit durch 
auswanderung zu entziehen trachteten. Dass diese nicht sofort 
nach Gallien sich bewegte, hat wohl darin seinen grund, dass 
im jähre 59 im eigentlichen Gallien Ariovist massgebend war, 
vor dessen macht die beiden stamme sich ebenso hätten beugen 
müssen, wie daheim vor der der Sveben. Auf kosten der da- 
mals noch ungeschwächten kriegstüchtigen Beigen aber war 
schwer etwas auszurichten. Wo sie sich während der ersten 
drei jähre nach ihrer auswanderung in Germanien aufhielten, 
und wo sie sich niederzulassen dachten oder schon nieder- 
gelassen hatten, ist schwer zu sagen. Vielleicht waren die 
lücken damals noch nicht ganz geschlossen, welche der auszug 
der Kimbern und Ambronen hinterlassen hatte. Dass sie aber 



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DIB GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 141 

nach drei jähren an den Rhein zurückkehrten und nun doch nach 
Gallien übersetzten, ist offenbar durch die veränderte läge der 
dinge in diesem lande verursacht. Caesar erzählt BG. 4, 6, dass 
bei den Usipeten und Tenktern, die soeben den Rhein über- 
schritten hatten, gesante gallischer Staaten erschienen, um sie 
zu weiterem Vormärsche aufzumuntern und ihnen für diesen 
fall alle mögliche Vorschubleistung zuzusagen ; man wollte sich 
also der Germanen gegen Caesar und die Römer bedienen, 
deren gefährliche herschaftsgelüste man bereits durchschaut 
hatte. Solche gallische abordnungen mochten aber schon zu 
ihnen gekommen sein, als sie noch in Germanien standen. 
Mindestens werden sie von den zu ihren gunsten veränderten 
Verhältnissen Galliens erfahren haben und dadurch zu ihrem 
einfall in dieses land veranlasst worden sein. 

Und nun wird sich auch die rätselhafte tatsache leicht 
erklären lassen, dass zu der zeit, wo Usipeten und Tenktern 
den Rhein überschritten, also im herbste des Jahres 56 (s. Caesar 
BG. 4, 15), an der stelle ihres Überganges nach BG. 4, 4 die kel- 
tischen Menapier auch auf der rechten seite des Stromes einen 
streifen landes innehatten. Es war dies offenbar ein teil des 
alten Usipetenlandes, den die Menapier erst nach dem jähre 
59, nach der auswanderung seiner ursprünglichen besitzer, als 
herrenloses gut sich angeeignet hatten und wohl nur deshalb 
eine zeit lang halten konnten, weil auch das binterland damals 
noch brach lag. Dass von alters her Menapier am rechten 
Rheinufer sesshaft gewesen sind und einen landstrich mitten 
unter den Germanen behauptet haben, ist ganz undenkbar, 
weil auch die gesammtheit der Menapier (die nach Caesar BG. 
2, 4 am aufgebot der Beigen mit nur 7000 mann sich beteiligen), 
geschweige denn jener überrheinische teil derselben, keinem 
der germanischen nachbarstämme gewachsen war, der nächste 
krieg also ihren besitz in Germanien ihnen hätte entreissen 
müssen. Nur wenn auch die germanischen stamme in der Um- 
gebung eben erst eingerückt wären, Hesse sich ein politisch 
selbständiger rest der alten keltischen bevölkerung neben ihnen 
begreifen, nicht aber konnte ein solcher durch Jahrhunderte 
fortbestehen. 

Dass übrigens die Lippe, die später nach Dio Cassius 54, 33 
(s. Zeuss s. 84) die nach ihrem verunglückten auswanderungs- 



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142 MüCH 

versuch nedangesiedelten reste der Usipeten von den Sugambern 
trennte, auch vor dem jähre 59 schon ibe nordgrenze der letz- 
teren bildete, lässt pich bezweifeln. M0gReh ist es ja, dass 
auch dieser stamm ein stock des nachbarlandes stak zu der 
zeit zulegte, wo es von seinen alten bewohnern verlassen was. 
Wollte man aber den Usipeten auch noch einen strich im Süden 
der Lippe zuweisen, so ist damit noch immer kein unterkommen 
für die Teijktern gefunden; und fflr beide stamme zusammen, 
für ein vojk von 430000 köpfen (s. Caesar BO. 4,15), ist so 
leicht nicht räum geschafft. 

Kommen die Usipeten, wie es ihr name verlangt, unmittelbar 
an die Keltengrenze, also an den Rhein, zu stehen, so sind die 
Tenktern, die doch schon vor der auswanderung ihre nachbarn 
gewesen sein werden, weiter landeinwärts in ihrem rücken zu 
denken, alao an der seite der Bruktern und auf einem boden, 
der später der hauptsache naeh eben diesen zufiel. Wahr- 
scheinlich hat sich die südwestliche kleinere abteilung dieses 
Stammes, die Bqovxtbqoi iXXartovsg (Strabo p. 291) oder fiuc^oi 
(Ptolemaeus 2, 11,6) erst aus brukterischen ansiedlem auf alt- 
tenkterischem boden herausgebildet Dass wir aber die ur- 
sprünglichen sitze der Tenktern neben denen der Bruktern zu 
suchen haben, lässt sich schon aus den namen selbst folgern, 
und bestätigt damit zugleich, dass auch die Usipeten dorthin 
gehören, wohin wir sie bereits aus anderen gründen gestellt 
haben. 

J. Grimms versuch (6DS. 532 f.), die namen Tencteri und 
Bructeri als Zusammensetzungen mit ( heer' gleich den personen- 
namen auf ahd. heri, got harjis zu erklären, war schon zu 
seiner zeit nicht gut zu rechtfertigen. Aber auch die Möglichkeit 
einer anderen Zusammensetzung erscheint hier ausgeschlossen, 
so dass einzig mit Zeuss s. 89. 92 an ableitungen gedacht werden 
kann. Es ist nur die frage ob Bruct-eri, Tenct-eri oder ob 
Bruc-teri, Tenc-teri abzuteilen ist. Ist letzteres der fall, so haben 
wir es dann wohl mit ursprünglichen /r- stammen zu tun, als 
deren reste im germanischen im übrigen — ausser den ver- 
wantschaftsnamen — vielleicht mit Kluge, Nom. stammbikL 
§ 30 ags. eaidor, bealdor, aisl. baldr zu betrachten sind; und 
wie in diesen fällen, soferne sie hierher gehören, wäre auch in 
den beiden volksnamen bereits übertritt zu vocalischer declinatkra 



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DIB GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 143 

erfolgt Besser aber wird man Bruct-eri, Tenct-cri abteilen und 
an adjectivische ro-ableitungen denken. Der mittelvocal e beim 
ro-suflix, der ausserhalb des germanischen, zumal im griechischen 
recht oft beobachtet wird, ist im germanischen selbst freilich 
nur noch in etlichen wenigen spuren wie ahd. weigir neben 
wexgor und ags. st&ger 'steil* vertreten (s. Kluge, Nom. stamm- 
bild. § 196), wird aber in älteren sprachperioden häufiger ge- 
wesen sein. Sicher ohne ihn sind die alts. eigennamen Borhter, 
der gauname Borahlra und Ortsname Borahtride (s. Zeuse s. 92. 
352) gebildet, und auch das Burcturi der Tab. Peut. weist kaum 
auf vorgerm. *Bhrklro- zurück, dürfte vielmehr vor dem r der 
ableitung jüngeren secundärvocal entwickelt haben. Wir sind 
daher genötigt, anzunehmen, dass nach analogie der zahlreichen 
germ. ro- (ra-) ableitungen ohne mittelvocal vereinsamtes *Bruh- 
teröz, *Tenhteröz frühzeitig durch *Bruhtröz,*Tenhtröz verdrängt 
wurde, es sei denn, dass wir den einschub des e der antiken 
Umschrift zuschreiben wollen, also von vornherein die formen 
germ. *Bruhtröz, *Tenhtröz zu recht bestehen lassen. Auf jeden 
fall haben wir es mit ganz eigentümlichen Wortbildungen zu 
tun, zumal wegen des der ableitung vorausgehenden /; wir 
dürfen darum mit Sicherheit voraussetzen, dass die beiden volks- 
namen nicht unabhängig von einander entstanden sind, sondern 
zu einander in beziehung stehen. 

Was den Wechsel von ru und ur in dem gewöhnlichen 
Bructeri einerseits und in Burcturi, Borhter, Borahlra, Borah- 
tride andrerseits betrifft, so bietet derselbe keine Schwierigkeit; 
man vgl. das s. 43 über <pQovyovvdla)V£q bemerkte. Aus der 
annähme Kluges in Pauls Grundr. 1,352, dass ur in derartigen 
fällen die lautgesetzlich entwickelte form sei, wogegen die Um- 
stellung in ru auf analogie von mittel- und hochstufe derselben 
wurzel beruhe und deshalb besonders im ablautsystem der verba 
vertreten sei, würde sich die form Bructeri erklären lassen, 
falls man den namen mit brechen, got. brikan brak brikum 
brukans zusammenbringt. An die ursprüngliche sinnliche be- 
deutung dieses Wortes wird im volksnamen nicht zu denken sein. 
So wie in nhd. Verbrecher oder mhd. ordenbreche, vridebreche, 
ags. wiberbreca, lat frangere fidem, foedus, in got brakja ' kämpf 
in md. brach bei Jeroschin 65°. 141 b 'wortbrüchigkeit, untreue' 
mhd. brüchic auch 'wort-, treubrüchig ' (Lexer MW. 362) oder 



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144 MüCH 

in unserem mit jemandem brechen überall eine übertragene be- 
deutung vorliegt, darf man eine solche auch im namen Bruc- 
teri voraussetzen. Aber, als ro- ableitung gefasst, ist dieser 
offenbar nicht ganz unmittelbar zu brechen zu stellen, setzt viel- 
mehr bereits ein an die einfache wurzel angetretenes suffixales 
* voraus und steht also wohl mit ahd. brahl, mbd. braht, alts. 
braht 'lärm', davon abgeleitetem braht en brehten ' lärmen', alts. 
brahlum 'lärm, lärmende menge', ags. breahtm 'lärm' und vor 
allem mit ahd. utädarpruht 'obstinatio, repugnantia', uuidhar- 
bruhtic 'rebellis' (Graff 3, 270 f.), mhd. rviderbruht stf. 'Wider- 
setzlichkeit, trotz', widerbruht, rviderbrühtic 'widersetzlich, un- 
gehorsam' in näherer verwantschaft. Braht verhält sich in 
seiner bedeutung zu brechen wie lat. fragor zu frangere: & 
Schade AW. 2 82. Der begriff 'lärm' kann aber leicht in den 
von 'aufruhr' übergehen, wofür ital. rumore ein beispiel 
ist; aus dem begriffe 'aufruhr' hinwiderum kann sich der 
der 'Widersetzlichkeit' entwickeln. Auch einfaches brüht * wider- 
stand' bei Frauenlob und brühtic bei J. Grimm, Weistümer 4,25 
(Lexer MW. 1,365) im sinne Von widerbruht und rviderbrühtic 
wird darum kaum erst aus diesem abgespalten sein, auch wenn 
man für brüht als grund bedeutung die von braht voraussetzt 
und nicht vielmehr an eine andere von brechen ausgehende 
selbständige bedeutungsentwicklung denkt. Die Bructeri scheinen 
mir darnach die 'aufrührerischen' oder 'die widersetzlichen, ab- 
trünnigen' zu sein. 

Dass in Tencteri das anlautende T für Th geschrieben ist, 
also germ. p vertritt, ist nicht wahrscheinlich, da der name in 
verschiedenen von einander unabhängigen quellen, aber niemals 
mit Th im anlaut vorkommt. Caesar vor allen hätte germ. p 
sicher durch th widergegeben, wenn er selbst die ihm fremde 
consonantengruppe germ. ht durch chth, das ist die ihm aus dem 
griechischen geläufige lautverbindung %&, bezeichnet, also Tench- 
theri schreibt, wodurch wir wenigstens eine gewähr dafür be- 
sitzen, dass wir es mit einem germanischen, nicht mit einem 
keltischen namen zu tun haben. Ueber Tencteri bei Tacitus 
und TsyxrrjQol bei Dio Cassius ist weiter nichts zu bemerken. 
In TivxeQoi bei Ptolemaeus und TayxQ^i TayxccQiai bei Ap- 
pian, Gall. 4, 18 ist das inlautende t zum zwecke bequemerer 
ausspräche beseitigt Das a des Stammes in Tarflgiai Tayx a Q£<** 



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DIE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 145 

ist aber kaum aus einem Verderbnis zu erklären, wird vielmehr 
als ein beleg für eine anders abgestufte nebenform des ger- 
manischen namens selbst aufzufassen sein. Gänzlich abzuweisen 
ist natürlich J. Grimms versuch (GDS. 532), Tencteri unmittelbar 
mit aisl. tengbr ' verwantschaftlich verbunden, verschwägert' 
tengtiir stf. pl. 'verwan tschaft liehe Verbindung, schwägerschaft ' 
tenghafaüir 'Schwiegervater', tengtiamöüir ' Schwiegermutter ', 
tengbasystir Halbschwester 1 , tengöamenn 'verwante' zusammen- 
zubringen. Denn aisl tengbr ist park zu tengja und hätte 
germ. zweifellos gatangidaz gelautet. Auch ahd. Zenhtheri, Zanh- 
theri, das J. Grimm a. a. o. ansetzt, ist ebenso wie ein ahd. adj. 
zenht bei Zeuss 8. 89 lautgesetzlich unmöglich. Die Tencteri 
worden got. *Teihtrd$, 9\s\.*T6t(t)rar, a\te.*Tihtrös, ags. *7fA- 
iras, ahd. *Zihtra, nhd. die *Zeichtern heissen. Mittelbar wird 
der name mit jenem tengör allerdings zusammengehören. Denn 
aisl. tengja setzt ein adj. germ. *iangj<u voraus, dasselbe das 
uns in ags. getenge ( nahe befindlich, verwant' und alts. biteng i 
'verbunden, drückend' erhalten ist und in zäh, ahd. zähi, ags. 
töh einen nächsten verwanten besitzt Neben germ. ianh tätig 
kann es aber sehr gut noch eine andere abstufung derselben 
wurzel gegeben haben. Und eine solche, vermehrt um ab- 
leitendes to-, scheint im englischen tight, mengl. tiht fortzu- 
leben, das, wenn es nicht aus germ. *tenhtaz hervorgegangen, 
sondern dasselbe wort wäre wie unser dicht (aus *penhtazi 
Kluge EW. *53), *thight, *thiht lauten müsste. Wenn uns im 
mengl. wirklich auch noch tt&ht, in neuengl. mundart heute 
noch thihte begegnet, so ist das in der tat entsprechung zu 
unserem dicht, hat sich aber im kämpf ums dasein mit dem 
formell ähnlichen und gleichbedeutenden, aber unverwanten tiht, 
soweit es sich um das schriftenglische handelt, nicht behaupten 
können. Wäre engl, tight aus dem skandinavischen entlehnt, 
wie man gemeiniglich annimmt, so wäre entweder sein anlaut 
oder sein vocal unerklärlich, da im nordischen zu einer zeit 
da ht noch bestand hatte, nirgends p bereits zur tenuis ge- 
worden war. Neben engl, tight kennt übrigens die engl, see- 
mannssprache auch noch ein gleichbedeutendes taut, das viel- 
leicht auf *tarihtaz zurückgeht und in diesem falle die Schreibung 
des volksnamens mit a statt des gewöhnlichen e als berechtigte 
nebenform bestätigen würde. Germ, tanh sammt seinen neben- 

Beiträge rar geschieht« der deutschen •praehe. XVII. |Q 



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146 MÜCH 

formen enthält den begriff des festen zusammenhalten^ *7Vwä- 
t(e)röz mag also leicht 'die treuen' oder etwas ähnliches be- 
deutet haben. Der gegensatz, der in den namen Bructeri, Teno 
teri zum ausdrucke kommt, hat offenbar in ereignissen seinen 
grund, die sich noch im dunkel der vorzeit abspielten. Bei 
ihrem eintritt in die geschiebte und später stehen die Tenktern 
in einem engen bundesverhältnis zu den Usipeten, so dass sich 
die Vermutung aufdrängt, dass von diesen die namengebung 
ausgegangen sei. Demselben bunde mttssten dann einmal auch 
die Bruktern angehört, diesen namen aber erst nach ihrem ab- 
fall von ihm empfangen haben. 

Auch die reste der Usipeten und Tenktern, die von der 
katastrophe im jähre 55 v. Gh. übrig geblieben waren und nicht 
einmal gering an zahl gewesen sein können, weil sie schon dem 
Drusus wider als selbständige Völker entgegentreten, haben zu- 
nächst einen teil ihrer alten sitze inne. Die ersteren stehen 
näher am Rheine, weiter landeinwärts die anderen nach Florus 
4, 12: Drusus primos dotnuil Usipetes, inde Tencteros percurrit 
et Cattos\ vgl. Zeuss s. 89. Von den Sugambern sind die Usi- 
peten jetzt durch die Lippe getrennt nach Dio Cassius 54,33: 
AQOvöoq .... xov xe 'Pijvov £ji6QCu<d&?] xal xovg OvOtxixaq 
xaxsöxotyaxo * xov xs Aovxiar $£evge xal lg xr\v xeov Strfap- 

ßoeov jtoosxwQTjöev ; vgl. Zeuss s. 84. Dass nach der 

Übersiedelung der letzteren auf das linke Rheinufer deren land 
im Süden von den Tenktern, weiter nördlich von den Usipeten 
und hinter diesen im osten von den Tubanten besetzt wurde, 
ist s. 88 ff. gezeigt worden, ebenso dass von einer weiteren süd- 
wanderung dieser drei Völker keine rede sein kann. Nun erst 
hatten die Bruktern völlig freien Spielraum, sich die Lippe ab- 
wärts an deren rechtem ufer vorzuschieben, bis sie mit den 
von westen vordringenden Chamavern zusammentrafen, mit 
denen sie nachmals in einen verhängnisvollen streit geraten 
sollten. Vorübergehend, ehe sie hinter den Usipiern Stellung 
nehmen, treten die Tubanten am Rbeinufer nördlich von der 
Lippe in den nachmaligen agri vacui et mililum usui sepositi 
auf, in denen nach Tacitus, Ann. 13, 54 nach einander Cha- 
maver, Tubanten und Usipier gewohnt haben sollen, wobei aber 
die namen in der umgekehrten reihenfolge mitgeteilt werden. 

Wo wir die Tubanten vor dem jähre 55 suchen müssen, 



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DIE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 147 

wird auch nicht schwer zu entscheiden sein. Nicht anderswo 
nämlich als in Trvente. Denn wenn auch beide namen nicht 
unmittelbar zusammengehören, wie J. Grimm GDS. 593 noch 
meinte, so treffen sie doch in ihrer bedeutung zusammen. 
Twente, ein name, für den wir jetzt durch das cives Tvihanti 
auf den Tbingsussteinen belege aus dem beginne des 3. Jahr- 
hunderts besitzen, bedeutet (wenn auch der zweite teil des 
Wortes noch etymologisch dunkel ist) sicher ein aus zwei gauen 
bestehendes land, sowie das benachbarte Drenihe, im 9. jb. 
Thrianta (Förstemann DN. 2 2 , 48U), eine landschaft von drei 
gauen. Die Tubantes andrerseits sind 'die an zwei banten woh- 
nenden', gerade wie die Bucinobantes 'die im buchenbant hei- 
mischen 1 : 8. J. Grimm GDS. 593 f. Wie Tu- zu erklären ist, 
da man doch Tvi- erwarten sollte, ist freilich fraglich. Zu ver- 
gleichen ist nhd. zuber zober, mhd. zuber zober, ahd. zübar neben 
zwxbar 6lq>Qog, aisl. iuilugu 'zwanzig', aber auch lat. du-plus, 
du-plex, du-centi, umbr. du-pursus 'bipedibus', formen, die 
Brugmann, Grundr. 2, 468 f. nicht ganz befriedigend aus der ein- 
wirkung von quadru- zu erklären sucht. 

Die Frisen dürften in der zeit vor Caesar die Vecht und 
die Yssel noch nirgends überschritten haben, denn auch in der 
Veluwe, wo nachmals die Frisii minores oder Frisiavones stehen, 
ist dazumal noch nicht platz für sie, weil wir dahin die später 
ganz in das verlassene Usipierland übergetretenen Chamaver 
stellen müssen. Dazu veranlasst uns, abgesehen davon, dass 
eine andere wähl kaum übrig bleibt, auch der name Chamavi 
selbst, der sich am besten erklärt, wenn die träger des* 
selben ursprünglich nachbarn der ßatavi waren, also ihnen 
gegenüber auf der rechten Rheinseite sassen. Wir haben es 
hier wider mit einem ähnlichen namenpar zu tun wie bei den 
Tenktern und Bruktern. Das suffix ist auch wider ein ganz 
ungewöhnliches, ja es ist, von volksnamen abgesehen, im ger- 
manischen Wortschatz in genau derselben gestalt überhaupt 
nicht nachweisbar. Im keltischen begegnet es dagegen sehr 
häufig: 8. Zeuss-Ebel GC. 783; doch beweist der anlaut von 
Chamavi zur genüge, dass hier nicht etwa ein keltischer name 
vorliegt. Dass das a der ableitung kurz ist, obwohl es etliche 
mal von dichtem auch als länge verwendet wird, folgt schon 
daraus, dass das germanische zu beginn der römerzeit ein 

10* 



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148 

langes a überhaupt ni 
suffix von alten neben 
va(f)6g neben tav-v 
prthiv-i neben prth-u- 
zu haben. Aus dem 1 
air. tana, körn, tanow 
genau 'mund', galt. Gt 
yivvg) , gall. Litavia 
prthü). 

Die wurzel in Ba 
got. batiza und balneo 
Von eigennamen geh 
kalenders und wahre 
Ostg. 121, 7). Die Bat 
tigen, trefflichen*. 6a 
Dame Vellavii oder Ve 
steht: s. Glücks. 164 f 
-aw- auf andere als u 
ist natürlich der schlu 
*baluz als positiv zu j 
Baza indessen, der al 
kann ein solcher gew< 
got. *batja 'der trefflicl 
form wäre wie hardja 

Mit grösserer sich 
muz neben Chamavus, 
hemmen, mhd. hemmen 
hemmen', das durch ein 
namen Sait-chamiae & 
ist (s. Zs. fda. 35, 3 
einem adjectiv abgelei 
merren oder bei mhd. n 
bairischen hemmen di 
binden', so erinnert di 
sinne von i anbinden, x 
Vermutung, dass Charm 
nonyma sind. Hemme 
jedenfalls 'bewirken, d 
setzen wir das zu gru 



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DIE GERMANEN AM NIEDEKKIIEIN 149 

läset sich aus dieser grundform die gemination in ahd. harn 
hammcr 'lahm, gicht brüchig' geradeso erklären wie iiv mann, 
dum (aisl. unumgelautet ptmnr) oder got kinnus (vgl. Kluge in 
Pauls Gruüdr. 1, 335), wogegen im verbum und in ahd. hamal 
Verstümmelt, hammel', altdän. harn 'hammel', ebenso in den 
hierhergehörenden altisländischen eigennamen Hamr, Hemingr, 
Hamall der einfache laut vorliegt. Für Hamaland findet sich 
gelegentlich Hammoland geschrieben ; auch Hamuland (s. Förste- 
mann DN. 2 2 , 393), worauf man indes nicht so viel gewicht 
legen wird. Bedeutungsvoller ist, dass neben Chamavi eine form 
Hamii für den volksnamen vorausgesetzt werden muss, die 
geradeso zu einem nom. sing. *Hamuz gehören kann, wie im 
gotischen der plur. hardjai zu hardus. Denn nach wem sonst 
als Chamavern soll die nach dem Zeugnisse mehrerer inschriften 

(CIL. 7,748. 758. 774. 1110. 1195; vgl. 750: Dee Hammi ) 

in Britannien stehende cohors I Hamiorum (sagiltariorutn) und 
die nach CIL. 8, 10654 in Afrika verwendete coh. II Amiorum 
benannt sein ? Dass der name hier einmal ohne das anlautende 
H geschrieben wird, hat keine bedeutung den 5 oder 6 fällen 
gegenüber, in denen er mit H belegt ist. Auch die rätselhaften 
Xalficu, die Ptolemaeus 2, 11,9 unter den Bqovxtiqoi ol (isi- 
govc anführt, von Müller, Ptolemaeus 259 f. bereits für die 
Chamaver erklärt, werden nun um so unbedenklicher für diese 
genommen werden dürfen, als von *Xäfiioi oder *Xapiai aus sehr 
leicht angleichung an -xalftca in TevQioxccl/iai, Bai(v)oxccl(tai 
möglich war. Ihre Stellung aber stimmt zu der Vorstellung des 
Tacitus von der ausbreitung der Chamaver auf kosten der 
Bruktern und ebenso dazu, dass die Kafiavol an einer anderen 
stelle bei Ptolemaeus (2, 11, 10) mit den XcuqovoxoI zusammen 
genannt werden. 

Freilich begegnet auch im namen der Frisiavones Frisiavi 
Frisavi (so auf einem matronensteine ? s. M. Ihm, Der mütter- 
oder matronenkultus, Bonn, jahrbb. h. 83 n. 329) dasselbe ab- 
leitende element -aw-. Aber wenn diesem stamme, den Frisii 
minores des Tacitus, die Frisii maiores oder Frisii Frisiones 
schlechtweg gegenüberstehen, so sind diese einfacheren zweifellos 
die älteren namen, und Frisiavones Frisiavi (Frisavi) wohl erst 
nach dem vorbilde von Batavi, Chamavi gebildet, um die in die 



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DIE. GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 151 

19, 29) zu alew. Ist diese erklärung richtig, so ist natürlich 
die möglichkeit, dass das nach dem j auftretende -aw- in Fri- 
siavi Frisiavones eine organische entwicklung sei, umsomehr 
aasgeschlossen. Schon gar den namen einer mischform verdient 
das CIL. 6, 3260 überlieferte Frisaevo, das, wenn es nicht etwa 
Verderbnis ist, nur aus der Verschmelzung einer nach art 
von Ingvaeones, Istvaeones gebildeten form Frisaeo mit gewöhn- 
lichem Frisiavo entstanden sein kann. 

Der bereich, den die Friesen — im weitesten sinne — 
während der römischen kaiserzeit einnehmen, ist jedenfalls ein 
so wenig geographisch geschlossener, dass wir ihn schon deshalb 
nicht als denjenigen betrachten können, in dem sich der stamm 
als eine besonderheit und einheit herausbildete. Dem gange 
der ausbreitung der Rheingermanen entspricht es aber, dass 
die erweiterung des Stammesgebietes in der richtung nach 
westen hin erfolgt ist. Auch diese erwägung wird uns mit- 
bestimmen, im lande nördlich der Vecht bei den Frisii maiores 
die älteste heimat des gesaramtvolkes zu suchen. Geradeso 
haben wir das land der grösseren Bruktern als die wiege dieses 
Stammes kennen gelernt. Und es ist wohl kein zufall, dass auch 
von den beiden stammen der Chauken bei Ptolemaeus der west- 
liche Kav%oi ol fdixQol, der östliche Kav%oi ol (tel£ovs heisst 
Auch hier wird die ausbreitung von ost nach west erfolgt sein; 
und vielleicht bedeuteten die dem griecb. fidCpvq und (uxqoi, 
lateinischem maiores und minores zu gründe liegenden germa- 
nischen ausdrücke gar nicht so sehr 'grösser' und 'kleiner' als 
vielmehr 'älter' und 'jünger', so dass wir es mit namen nach 
art von ags. Ealdseaxan zu tun hätten. Wenn Zeuss s. 139 f. 
vermutet, dass entgegen der angäbe des Ptolemaeus in Wahrheit 
die westlichen Chauken die maiores gewesen seien, weil nach 
Tacitus, Ann. 11, 19 Corbulo, der eben die Friesen zur bot- 
mässigkeit gebracht, auch die grösseren Chauken zur Unter- 
werfung bewegen will, so ist dem entgegenzuhalten, dass die 
Römer, die damals dem von den Chauken zum führer er- 
korenen Eannenefaten Gannascus feindlich gegenüberstanden, 
durch ihre sendlinge (missis, qui maiores Chaucos ad dedUionem 
pellicerent) sehr wohl versucht haben können, eine abteilung 
im rücken ihres gegners zum abfall von ihm zu bestimmen. 

Da schon Caesar BG. 4, 10 die Bataver im norden der 



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152 MÜCH 

Waal ansässig weiss, so wird man sich auch die Kannenefaten 
damals bereits in denselben sitzen zu denken haben wie zur zeit 
des Plinius und später; ebenso die Marsakier und Sturier. Dass 
auch diese beiden stamme Germanen sind, ergibt sich aus dem 
Zeugnisse des Plinius, der sie HN. 4 § 101 neben anderen völker- 
schaften als bewohner der inseln zwischen Scheide und Fliestrom 
auffahrt, wenig später aber mit berufung auf diese aufzählung 
die Völker auf den Rheininseln (quos in insulis diximus Rheni) 
für Germanen erklärt, wie er denn auch schon 4 § 98 das land 
bis zur Scheide von germanischen stammen besetzt weiss. Dass 
diesen auch noch die westlichste der Scheideinsein, Walehereo, 
gehörte, zeigen die daselbst so zahlreichen einer göttin mit dem 
unbestreitbar germanischen namen Nehalennia (s. Zs. fda. 35, 
324 ff.) errichteten altäre. Germanisch sind endlich auch die 
namen der beiden in rede stehenden stamme selbst Marsaci, 
woneben auch Marsacn und Marsaquü vorkommt — letzteres 
CIL. 6, 3263 — , bedeutet jedenfalls wesentlich dasselbe, wie 
Marsi, also 'die kraftlosen, hinfälligen'; s. oben s. 112 f. Das 
suffix, um welches der zu gründe liegende adjectivstamm hier 
vermehrt erscheint, hat vielleicht deminutiven Charakter und 
wohl nur den zweck, die Marsakier von den nicht allzufernen 
binnenländischen Marsen zu unterscheiden. Dass auch erstere 
daneben *Marsöz schlechtweg genannt wurden, zeigt der mittel- 
alterliche gauname Mar mm. — Die Slurii, germ. *S(ürjöz, sind 
'die starken' oder «-«--*-"«"»—' —' -^ -*-• - •- • <»- 
deutend durch kraf 
sicherlich im gegei 
Auch für den 
noch ausständig, at 
neuerer zeit gewöh 
fächern n\ allein ga 
in seiner literarisch 
auch durch die ins 
gewähren zwei, CIL 
staben des namens, 
fatium : Cannenefaii 
bei Brambach CIR 
Cannenafatium, wie 
Cannan : Cannanef 



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DIE GERMANEN AM NIEDERRnEIN. 153 

stinae Cananivati) Gruter 1003, 3, Canafalium CIL. 5, 5006, Can- 
nunefatum Wilmanns, Exempl. 2091, Canonefas CIL. 6, 3203. 
Unter den drei belegen fOr einfaches n bringen also zwei den 
namen auch sonst entstellt, denn das v in Cananivati ist allzu 
vereinzelt, als dass man es als Umschrift von germanisch b und 
als grammatischen Wechsel zu f auffassen könnte. Was den 
mittelvocal betrifft, so ist bekanntlich i in den handschriften das 
bestbeglaubigte; es findet sich im cod. med. bei Tacitus, Hist 
4, 15. 16, Ann. 4,73. 11, 18 wogegen Hist. 4,32. 56. 79. 85 Can- 
(njenefates geschrieben steht und auf den in Schriften niemals 
i vorkommt. Zu inschriftlichem Cannunefates stellt sich Cannen- 
ufates bei Plinius, wo der zweite und dritte vocal des namens 
siohtbarlich ihre platze vertauscht haben. Der zweite ist also 
als a, e, i, o und u belegt. Die Möglichkeit, Canna-, Canne- 
u. s. w. als erstes compositionsglied aufzufassen, ist dadurch 
schon ausgeschlossen, da man doch nicht annehmen wird, dass 
ein germanisches wort zu gleicher zeit a-, i- und u -stamm ge- 
wesen sei; ein compositionsvocal e ist vollends unerklärlich. 
Aber auch die abteilung Cannane-fates, Cannene-fates u. s. w. 
ist nicht zu rechtfertigen; denn hier könnte der erste bestand- 
teil nur ein gen. plur. sein, wie denn in der tat Kluge in 
Pauls Grundr. 1, 318. 360 f. 398 und bereits Holtztnann, Bonn, 
jahrbb. h. 36, 16 an einen solchen dachte. Aber diese annähme 
verbietet sich schon mit rticksicht darauf, dass dabei ein für 
einen volksnamen passender sinn sogut wie ausgeschlossen 
wäre. Auch -fates Hesse sich nicht aus got. faps, pl. fadeis 
erklären, wofür es Zeuss s. 1 02 und J. Grimm GDS. 586, ebenso 
von anderen nicht zu reden, Mtillenhoff, Zs. fda. 7, 526 und 
Kluge in Pauls Grundr. 1,318, genommen haben, da sonst der 
name in lat. Umschrift -fadi, oder mindestens -fades lauten 
würde; vgl. thiuphadus in der lex Visigotorum. In Cannenefates 
ist die Schreibung mit / eine so ausnahmslose, dass man auch 
für das germanische nur die tennis t, nicht die spirans p, ge- 
schweige denn d voraussetzen darf. Es bleibt somit nur noch 
die möglichkeit, Cannen-efates abzuteilen. Dabei wird das erste 
glied vor vocalisch anlautendem zweiten seinen stammauslaut 
eingebttsst haben, so dass es als germ. *kannena- angesetzt 
werden darf. Die formen mit anderem mittelvocal sind nun 
gar nicht mehr auffällig: man vergleiche Ermen-, irmin-, Er- 



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154 MUCH 

manarik, ^(q^ovöoqoi, Jgrmutirekr oder aisl. ßbinn, alts. Hödaii, 
aschw. Opon, Opun und mehr derart bei Noreen, Urgerm. judl. 
§ 21, 12. Auch die bedeutung von *karmena- wird, obzwar das 
wort dem germanischen verloren gegangen ist, noch zu er- 
schliessen sein, da wir es dabei jedenfalls mit einer ableitung 
aus der verbalwurzel kann zu tun haben. Der zweite teil -efates 
läset auf germ. *efatez schliessen, einen consonantischen stamm, 
wie wir uns ähnliche als den verben auf got -atjan zu gründe 
liegend vorstellen müssen. Im griechischen entsprechen bildungeo 
auf -dg, -döog, neben denen verba auf -a&iv = den germanischen 
auf -atjana(n) (s. Eögel, Beitr. 7, 183. Kluge in Pauls Grundr. 1, 
381) einhergehen. Ja -efates ist wohl dasselbe wort wie griech. 
Inndg, pl. ijutadec, wobei das f gegenüber got. aihwa, alts. ehu, 
ags. eoh, aisl. jör nicht besonders auffällt, da derselbe Spiranten- 
Wechsel in einer fülle von beispielen — s. Noreen, Urgerm« 
judl. § 34, 1 — belegt ist. 7jrjr«s wird als fem. adjectiv neben 
Ixmxog gebraucht; als Substantiv bezeichnet es klasse oder 
stand des ritter; ijcjiä&ö&cu bedeutet ' rosse lenken, fahren, 
reiten'. *Kamen-, *Kannan-, *Kannun-efatez sind somit 'die 
erfahrenen, kühnen* oder, wenn etwa der erste teil passivisch 
zu verstehen ist 'die erprobten reiter'. Wir haben es also mit 
einem germanischen seitenstück zum keltischen namen der 
Usipetes zu tun, ohne dass sich übrigens gall. -ipetes und germ. 
*-efatez völlig entspricht. Formell näher steht letzterem ein 
kelt. stamm epid-, der um die 40-ableitung vermehrt im namen 
der britannischen 'Exlöiot bei Ptolemaeus 2, 3, 8 vorliegt und 
mit griech. Ixjuö- in den mannsnamen KaXXuiJtlörjc, KaXXutxiöaq 
und wohl auch im namen des hellenisch-skythischen Volkes der 
KaUuriöcu (oberhalb der Stadt Olbia) sich deckt. Epid- Ixxiö- 
und efat- ijtjtaö- verhalten sich zu einander wie die verba auf 
-t£w zu denen auf -agco. 

Dass die. Kannenefaten wirklich treffliche reiter waren, 
kann man daraus schliessen, dass sie bei Tacitus, Hist 4, 15 
als origine lingua vir tute par Batavis bezeichnet werden, die 
Bataver aber als die vorzüglichsten reiter gelten : vgl. Plutarch, 
Otho c. 12: ijtTJyaysv OvaQog kXtpfjvog xovg xaXov/iivovq Ba- 
xdßovg ' elal 6h rtQfiavciv IxjtelQ aQioxoi und Dio Cassius 55,24: 
§£voi xe Ijtjtslg ixiXexxol, olq xo xcSv Baxaovcov . . . pvopa, ort 
dt] xqoxiOxoi ixxevuv elol, xelxcu (Zeuss s. 102). Widerholt 



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DIE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 155 

werden uns von den Batavern auch proben dieser Nichtigkeit 
im reiterkampfe berichtet. 

Jedenfalls aber hat sich diese kunst bei Batavern und 
Kannenefaten erst in ihren sitzen auf den ebenen Rheininseln 
entwickelt, denn der binnenländische Germanenstamm der 
Chatten, von dem jene nach Tacitus, Germ. 29 und Hist. 4, 12 
ausgegangen sind, ist nach Germ. 30. 32 gerade wegen seines 
trefflichen fussvolkes berühmt, wie dies auch der natur ihres 
landes besser entspricht. Und noch jünger als die fertigkeit selbst 
wird ein name wie *Kannenefatez sein, der diese schon voraussetzt 
Aber auch die namen ßatavi : Chamavi, Tencteri : Brucleri sind 
wegen ihrer Wechselbeziehung nicht schon aus einer älteren 
heimat mitgebracht; ebensowenig Tubantes und Usipetes, weil 
ereteres in Twente, letzteres an der grenze der Kelten auf- 
gekommen ist. All das sind schwerwiegende gründe dafür, 
das8 die Germanen schon lange zeit, bevor das licht der ge- 
schickte über jene gegenden heraufzudämmern beginnt, den 
Niederrhein erreicht hatten. Zu dem aus dem Verhältnis von 
Vahalis Waal zu Vacalus gezogenen Schlüsse stimmt dies vor- 
trefflich. 

Dass die namenform Vahalis schon von Tacitus gebraucht 
wird, beweist übrigens, dass zu seiner zeit auch das linke ufer 
der Waal bereits von Germanen besetzt war, und damit steht 
auch im einklange, dass derselbe gewährsmann die Bataver 
nicht allein auf dem Rheindelta, sondern auch in einem ufer- 
strieh auf der linken seite des Stromes ansässig weiss; vgl. 
Genn. 29: virtute praecipui Batavi non multum ex ripa, sed 
msulam Rheni amnis cotunt\ ferner Hist. 4, 12: Batavi, donec Irans 
Rhenum agebant, pars Chat tortun, seditione domestica pulsi, ex- 
trema Gallicae orae vacua cultoribus, simuique insuiam 
int er vada sitam occupavere. Nach Hist. 5, 19 lag sogar der 
hauptort der Bataver, das oppidum Batavorum, im folgenden 
eap. Batavodurum genannt, auf dem linken Rheinufer. Und 
gar so schmal kann das germanische gebiet an der küßte Galliens 
nicht gewesen sein, wenn noch in Groot Zundert an der Aa, 
südlich von Breda, wie eine daselbst gefundene inschrift (Bram- 
bach CIRh. 132: Deae Sandraudigae cultores templi) bezeugt, ein 
tempel der germanischen göttin Sandraudiga, d. i. Nerthus, stand : 
8. Zs. fda. 35 8. 327 f., zum namen : Tb. v. Grienberger ebenda 



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156 mucu 

8. 390 f. Dass die Bataver sofort bei ihrer an Siedlung am 
Niederrhein auch schon auf dessen linkem ufer fuss gefasst 
haben, wäre eigentlich aus Tacitus, Hist. 4, 12 zu folgern. Min- 
destens spricht die keltische form des namens der Waal, die 
uns Caesar überliefert, nicht dagegen, weil sie ihm auch von 
weiter landeinwärts wohnenden Kelten, die den ström doch 
auch kannten und nannten, oder von keltischen kaufleuten zu- 
gekommen sein kann. 

Bei Plinius HN. 4 § 106 begegnet uns neben den Mena- 
piern und Morinen ein stamm der Texuandri (pluribus nominibus), 
dessen name von Kern in seiner abhandlung Germaansche 
woorden in Latijnsche opschriften aan den Beneden-Rijn. (Ver- 
slagen en mededeelingen der k. akad. van wetenschappen. 
Afdeeling letterkunde. Tweede reeks. Tweede deel p. 304 — 
336, Amsterdam 1872, — Revue celtique 2, 172 ff.) als ableitung 
von got taihswa (germ. *tehswa~) im sinne von 'südlich' erklärt 
und als batavische gesammtbenennung aller oder des grössten 
teiles der belgischen Germanen aufgefasst wird. Allein der 
letzteren annähme steht es schon im wege, dass uns in einer 
inschrift (Eph. ep. 3 p. 134 n. 103, vgl. 5 p. 243) Texand(ri) et 
Sunic(i) vex(illarii) cohor. II Nervior. genannt werden, und auch, 
dass die im Mittelalter Texandria, Taxandria zubenannte land- 
schaft, die im Süden der Waal nach westen bis an die Scheide 
sich erstreckt, aber sowohl den pagus Menapiscus als auch das 
gebiet der Tungern ausschliesst (s. Zeuss s. 211) und einmal 
sogar in einer Urkunde vom jähre 815 (Codex Lauresbamensis 
1, p. 163), worauf sich Kern zur stütze seiner etymologie mit 
recht beruft, mit dem Testarbant gleichgestellt wird, spricht da- 
für, dass wir es bei den Texuandri des Plinius nicht mit einem 
Sammelnamen, sondern mit dem eines besonderen volksstammes 
zu tun haben. Und zwar dürfte er eben der südlichen auf 
dem festland ansässigen und allmählich sich weiter ausbreitenden 
abteilung der Bataver zukommen. Eine andere möglichkeit bleibt 
ohnedies kaum übrig. 

Stromaufwärts schliessen sich an die Texuandri die Cugerni 
an, von Plinius HN. 4 § 106 als Germanen bezeugt. Für ihr 
deutsches Volkstum spricht es wohl auch, dass bürger einer 
stadt in ihrem bereich, cives Traianenses, im jähre 187 n.Chr. 
der germanischen göttin Hariasa einen altar errichten: a. 



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DIB GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 157 

Brambacb, CIRh. 314. Caesar kennt sie noch nicht, weiss viel- 
mehr in der gegend, wo wir sie später antreffen, noch Menapier 
ansässig. Dies spricht für ihre späte einwanderung und mit 
recht erklärt sie darum Zeuss s. 85 und schon üluver 410 ff. 
för die durch Tiberius an das linke Rbeinufer verpflanzten 
Sugambern, von denen wir ohnedies sonst nicht wüssten, was 
aus ihnen geworden sei. 

Ihr name ist uns bei Tacitus in der form Gugerrä Über- 
liefert, woneben Hißt. 5, 16. 18 auch Cugerni vorkommt, das sich 
durch die Zeugnisse der inschriften (CIL. 3,2712, 7, 1085. 1193. 
1195) als das richtigere erweist Plinius HN. 4, § 106 dagegen 
schreibt Guberni und eine inschrift aus der alten Station Proco- 
litia am Hadrianswall in Schottland, besprochen von Hübner, 
Hermes 12, 262, coh. 1 Cubernorum, wodurch eine andere form 
des namens, Cuberni, neben Cugerni sichergestellt wird. Jenes 
Guberni bei Plinius könnte der angleichung an gubernare, also 
lateinischer Volksetymologie, seinen anlaut verdanken und 
kommt, was diesen betrifft, jedenfalls dem inschriftlichen be- 
lege gegenüber nicht in betracht. Von allen etymologien 
namens, die sich noch an Guberni, Gugerni halten, ist jetzt 
natürlich ganz abzusehen. Dies tat bereits Müllenhoflf, der im 
Hermes 12, 272 einen neuen deutungsversuch unternahm, bei 
dem er eine grundform *Queverna *Quiverna ansetzt und für 
eine ableitung von got. kwius (gen. kwiwis) nimmt; Cuberni stünde 
für Cuverni; das g in Cugerni scheint er sich, wiewohl dies 
nicht ausdrücklich ausgesprochen wird, so wie das in unserem 
jugend als aus tv entsprungen zu denken. Für einen urger- 
manischen Übergang von kwe, kwi in ku fehlt es indes ganz 
und gar an anderweitigen belegen. Und wie sollte ferner so- 
wohl auf einer inschrift als bei Plinius germ. w durch b wider- 
gegeben sein ? Diese etymologie ist also wenig befriedigend. Sind 
Cugerni und Cuberni wirklich als verschiedene formen eines 
und desselben Wortes zu betrachten, so wird man vielmehr an 
einen Wechsel von g und b, aus vorgermanischem q, wie in 
aisl. ylgr : ahd. wülpe (aus *wulbjö), ahd. srvigen, ags. swigian : 
got. sweiban l aufhören', agutn. hagri : alts. havoro haboro und 
anderen fällen bei Noreen, Urgerm. judl. 91 f. (§ 34, 1) zu denken 
haben ; allein, so viel ich sehe, ist auf diesem wege keine deu- 
tung zu gewinnen. Und da wir schon so viele, zum teil an 



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158 MUCH 

einander anklingende doppelnamen germanischer stamme kennen 
gelernt haben, so ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass uns 
auch hier zwei etymologisch verschiedene namen vorliegen. Im 
übrigen nötigt uns nichts, nur auf eine solche erklärung der- 
selben abzuzielen, die sie als abgeleitete worte betrachtet, zu* 
mal die ableitung -erno- nur durch einige wenige fälle im ger- 
manischen vertreten ist. Teilt man dagegen beide namen in 
Cu-gerni, Cu-berni ab, so kann zunächst ihr erster bestandteil 
das gleiche wort sein wie unser kuh; was den vocal betrifft, 
vgl. man ags. cti, aisl. kyr, afries. kü, saterl. cü gegenüber ahd. 
cuo, alts. altschw. kö und zur erklärung dieses lautwandels 
Noreen, Urgerm. judl. 19 ff. (§9); nach Brugmann, Grundr. 2 
452 kann es übrigens auch schon eine idg. Stammform gu neben 
gffy. gegeben haben. Der zweite teil, -berni, dem germ. Hernöz 
zu gründe liegen wird, ist wohl dasselbe wie bern in den ahd. 
namen Egilbern, Gerbern, Wtgbern, Gundbern, Fridubem, Bern- 
hard, Bernlind u. a. m. bei Förstemann DN. 1,223 ff. und ags. 
beorn 'vir, princeps, vir nobilis, dux, miles, dives'; vgl. auch 
die Zusammensetzungen folcbeorn, gütibeorn, sigebeorn. Eine 
aussergermantsche entsprechung , 1 it. birnas 'knabe (poetisch) 
knecht', lett. bernas 'kind', ist von besonderem werte, denn die 
hier vorliegenden bedeutungen zeigen, dass das wort mit bairan 
und barn zusammengehört. Für den Übergang von der bedeu- 
tung 'junger mann' in die von 'edling, held' sind schon oben, 
8. 133 mehrere beispiele zusammengestellt Andrerseits kann 
für die bedeutungsentwicklung, die uns im litauischen vorliegt, 
auf das seitenstück von baro, degen, pins, mago, knehl, knappe, 
junge, bube, boy hingewiesen werden. Dabei zeigt es sich in 
mehreren fällen, dass die beiden bedeutungsentwicklungen sogar 
bei demselben worte nebeneinander vorkommen können. Be- 
sonders lehrreich ist in dieser beziehung degen, germ. *pegnaz, 
das zudem eine ganz gleichartige Wortbildung wie *bernaz ist 
Germ. *Kübern!>z sind demnach 'kuhknechte' oder 'cowboys' 
und einen solche» namen wird man sich für be wohner frucht- 
barer weidetriften gern gefallen lassen. Cugerni dagegen erklärt 
sich in seinem zweiten teile aus germ. *gernaz, ahd. alts. gern, 
aisl. gjarn, ags. georn 'begierig', so dass von der etymologie 
J. Grimms, der GDS. 529 den namen als Gibigerni 'munifioi 
largi' verstand, wenigstens ein teil nachträglich bestätigung 



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DIE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 159 

findet Wegen got. faihugairns, ags. feohgeorn 'habsüchtig' 
könnte man versucht sein, auch in *Kügernöz oder *Kügernai 
ähnliche verallgemeinerte bedeutung des ersten teiles anzu- 
nehmen. Doch ist eine solche sonst innerhalb des germanischen 
nicht belegbar. Wir werden also immerhin Cugerni als 'die 
nach kQhen oder rindern lüsternen' verstehen, wobei das ver- 
wante aind. go-hara und go-harana 'stealing cows' zu vergleichen 
ist. Sicher haben wir es dabei mit einem Spottnamen zu tun, 
der die räuberischen neigungen seiner träger kennzeichnen soll, 
ähnlich wie wir Deutsch Österreicher von bosnischen 'hammel- 
dieben' sprechen. Aufgebracht wird er von den Ubiern sein, 
die damit den spott, der in ihrem eigenen namen lag (s. oben 
8. 33) zurückgegeben haben mögen. Auf ihre herden werden 
es die Sugambern wohl schon in der alten heimat gelegentlich 
abgesehen haben, als beide stamme noch auf dem rechten Rhein- 
ufer benachbart wohnten. Hier verdient auch hervorgehoben zu 
werden, dass Caesar von einer sugambrischen schaar, die an der 
von ihm freigegebenen plünderung des Eburonenlandes sich be- 
teiligte, BO. 6, 35 berichtet : primos Eburonum ftnes adeunt, mnllos 
ex fuga dispersos excipiunt, magno pecoris numero, cuius 
sunt cupidissimi barbari, potiuntur. Invitati praeda iongius 
proccdunt. Non hos palus in bella latrociniisque natos, non 
sitoae moraniur. Mindestens geht aus dieser stelle hervor, wie 
passend ein name Cugerni d.i. 'boum cupidi' für die8ugambern war. 

Es kommt aber westlich vom Niederrhein ausser Batavern, 
Kugernen und Ubiern auch noch eine ältere germanische be- 
völkerungsschicht in betracht. Dass dies der fall ist, muss 
freilich erst noch sichergestellt werden, umsomehr als sich Zeuss 
und Mttllenhoff in gegenteiligem sinne entschieden haben. 

Unter den stammen, die im zweiten jähre des gallischen 
krieges Caesar gegenüberstanden und BG. 2, 4 namentlich und 
unter angäbe der stärke ihrer aufgebote aufgeführt sind, lassen 
sich mehrere gruppen deutlich unterscheiden. Zunächst eine 
grosse abteilung Belgae im engeren sinne und ihr land Belgium. 
Dass die Morinen und Nervier nicht mehr zu diesem gehörten, 
geht aus B6. 5, 24 unzweifelhaft hervor, wo deren gebiet neben 
dem der Belgae selbständig angeführt wird. Man kann aber 
schon von vornherein mutmassen, dass alle südlich dieser beiden 



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160 MÜCH 

ansässigen belgischen stamme zusammen Belgium ausmachten, 
denn auf die grosse des so benannten gebietes lässt die stärke 
der dahin Verlegten besatzungen, einmal 3 (BG. 5,24), das 
andere mal 4 legionen (B6. 8, 46. 54), schliessen. Im einzelnen 
kann die Zugehörigkeit zu Belgium nachgewiesen werden von 
den Bellovaken, bei denen nach B6. 5, 46 M. Crassus mit einer 
legion das Winterquartier bezogen hat, während es von eben- 
demselben BO. 5, 24 heisst, dass er einer der in Bdgis verteilten 
legionen vorgesetzt worden sei; ferner von den Ambianen, da 
in Samarobriva, also in ihrem lande, nach B6. 5, 47 eine an- 
dere von jenen legionen lagert, und von den Atrebaten, deren 
hauptort Nemetocenna nach BO. 8, 46 in Belgium liegt Die 
dritte der nach BG. 5, 24 zu den Beigen verlegten legionen 
mu88 aber zunächst zu den Suessionen gesant worden sein, da 
sonst dieser mächtige stamm, der 50000 krieger zu stellen im 
stände war (BG. 2, 4), ohne beaufsichtigung geblieben wäre; 
später wird diese legion allerdings notgedrungenerweise zu den 
Carnuten versetzt (BG. 5, 25). Dass die Suessionen zu Belgium 
zu rechnen sind, geht aber auch daraus hervor, dass BG. 2, 4 
eines Suessionenköniges Divitiacus gedacht wird, der nicht nur 
einen grossen teil Galliens, sondern auch Britanniens beherscht 
habe. Letzteres bezieht sich offenbar auf die nach BG. 5, 12 
aus Belgium hinübergewanderten stamme im südlichen teile der 
insel, die damals noch in politischem verbände mit dem mutter- 
lande gestanden haben werden. Von diesen ist es dann leicht 
erklärlich, dass sie unter der vorherschaft eines festländischen 
und sogar binnenländischen Staates standen, doch nur wenn 
dieser zu Belgium gehörte und dort gerade die führende stelle 
einnahm. Sind aber die Suessionen ein teil Bei gi ums, so gilt 
ein gleiches auch von den Remen, ihren fratres consangumeique 
(BG. 2, 3 vgl. 2, 12) und attributi (BG. 8,6). Wenn es hingegen 
BG. 5,24 heisst: quartam (legionem) in Remis cum Tito Labien» 
in confinio Treverorum hiemare iussit, tres in Belgis collocavil, 
so folgt daraus für die Remen selbst noch gar nichts; denn 
diese legion ist nicht zu ihrer Überwachung, sondern der 
Trevern wegen aufgestellt, wie die weiteren ereignisse beweisen. 
Ueberhaupt nehmen die Remen seit ihrem anschlusse an Caesaf 
eine Sonderstellung ein. Natürlich müssen wir uns auch die- 
jenigen stamme, welche zwischen den bisher genannten sesshaft 



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DIE GERMANEN AM NlEDERKHElN. 161 

waren, als zu Belgium gehörig vorstellen, da sich dieses nur 
als ein geschlossenes gebiet denken lässt. Alles in allem um- 
fasst dieses also die Bellovaken, Ambianen, Atrebaten, Ka- 
leteo, Viromanduer, Suessionen, Veliocassen und Remen, von 
nach Caesars zeit erst hervortretenden, vielleicht nur Unter- 
abteilungen bezeichnenden namen abgesehen. 

Offenbar ist von diesem engeren bereiche aus der Beigen- 
name ausgegangen und auf andere stamme ausgedehnt worden, 
die sich dem bunde der eigentlichen Beigen anschlössen; ob 
erst damals, als dieser sich in kriegsbereitschaft gegen Caesar 
setzte, oder früher schon, bleibt ungewiss. 

Beigen in diesem jüngeren und weiteren sinne sind die 
Nervier sammt ihren dienten, ferner die Aduatuker, endlich 
die Menapier und Morinen. Diese stamme zusammen mit den 
bewohnern des eigentlichen Belgium sind B6. 2, 3 als Belgae 
bezeichnet, wenn es daselbst heisst: omnes Beigas in armis esse, 
Germanosque, qui eis Rhenum incolant, sese cum his coniunxisse. 
Zugleich gebt aber aus dieser stelle hervor, dass Caesar die 
Germani cisrhenani von allen Beigen — dieses wort schon im 
weiteren sinne verstanden — als eine besonderheit unterscheidet. 
Und dem steht es nicht entgegen, dass im folgenden capitel 
(BG. 2, 4) Condrusi, Eburones, Caeroesi und Paemani, 'qui uno 
nomine Germani appellantur.' unter denen aufgeführt sind, die 
an dem gemeinsamen kriegsrat der Beigen (in communi Belgarum 
concilio) sich beteiligen, weil dieser a potiori so genannt sein 
kann. Und wollte man aus der schematischen einteilung Galliens 
in einen von Beigen, einen von Kelten (Galliern) und einen von 
Aquitaniern bewohnten teil (BG. 1, 1) den schluss ziehen, dass 
Caesar die Germani cisrhenani doch den Beigen zurechne, so 
mttsste man folgerichtig auch behaupten, dass er die Vangionen, 
Nemeter undTriboken mit unter die Kelten einbeziehe. Ob er 
den namen Belgae auch in einem dritten sinne noch gebraucht 
hat, ist übrigens belanglos; auf jeden fall wird es deutlich, 
dass wir es bei Caesar mit einem besonderen stamme oder 
einer gruppe von stammen namens Germani zu tun haben. 
Und damit steht es auch im einklang, wenn Tacitus in der 
^besprochenen stelle seiner Germania, in der er das auf- 
kommen des Germanennamens erörtert, diesen als namen eines 
Stammes, einer natio, und zwar der nachmaligen Tungri erklärt, 

Beiträge zur geechiohte der deutschen ipraohe. XVII. \\ 



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162 MUCH 

der dann auf die gens, auf das gesammtvolk, übertragen 
worden sei. 

Wir haben es also im nordosten Galliens auf der einen 
Seite mit einer abteilung zu tun, die Germani b eis st und nicht 
oder nur in uneigentlicbstem sinne zu den Beigen gerechnet wird, 
ausserdem den Beigen oder sagen wir den übrigen Beigen gegen- 
über gering an zahl ist: sie stellen gegen Caesar nach BG.2,4 
etwa 40 000 mann, die eigentlichen Beigen ohne die Remen, die 
von ihnen abgefallen waren und deren heerbann auf 50 000 mann 
veranschlagt werden darf, zusammen 266 000 mann. Es ist aber 
etwas ganz anderes, wenn Caesar von den Remen nach BG. 2, 4 
erfährt, dass die meisten oder ein grosser teil der Beigen 
von Germanen, und zwar Oberrheinischen, abstammen: pleros- 
que Beigas esse orfos ab Germänis Rhenumque antiquitus traduclos 
u. s. w., und durchaus lässt es sich nicht einsehen, warum, wie 
Müllenhoff s. 197 f. will, die Germani cisrhenani den 'ganzen, 
eigentlichen inhalt der behauptung' der Remen hergegeben haben 
sollen, zumal ja auch nach Tacitus, Germ. 28 nebst den Trevern 
die belgischen, aber nicht zu den Germani cisrhenani Caesars 
gehörenden Nervier sich germanischer abstammung rühmen und 
von Strabo p. 194 vollends zu den germanischen Völkern ge- 
rechnet werden; vgl. Müllenhoff s. 201. 

Demgemäs8 werden wir, nach dem germanischen demente 
im nördlichen Gallien fahndend, ein doppeltes zu untersuchen 
haben; erstlich, was es mit dem Volkstum der Germani cis- 
rhenani für eine bewantnis hat, und zweitens, wie es mit der 
germanischen abstammung der plerique Belgae bei Caesar, der 
Treveri und Nervii bei Tacitus sich verhält. 

Während Zeuss s. 190 f. daraus, dass Caesar BG. 2, 3 die 
Germani cisrhenani von den Beigen trennt, den schluss zieht, 
dass er sie für eigentliche Germanen vom geschlecbte der über- 
rheinischen gehalten hat, behauptet Müllenhoff s. 197, nach 
Caesars ansiebt und darstelluag habe weder eine solche stamme* 
gemeinschaft noch der glaube daran bestanden. Aber auch ans 
mehr oder weniger vorgeschrittener keltisierung oder Verbindung 
eines germanischen mit einem keltischen bestandteil kann es 
erklärt werden, wenn Ambiorix, der Eburone, um sein vorgehen 
gegen das römische Winterlager zu entschuldigen, sich auf die 
pflichten gegen die gallische gesammtnation beruft (BG. 5, 27). 



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DIE (JEUM.VXEN AM NIEÜEUUHEIN. 163 

Darauf ist ja auch darum schon wenig gewicht zu legen, da 
die Eburonen, selbst wenn sie noch reine Germanen waren, 
was wir gar nicht behaupten wollen, gegen die Römer mit den 
Galliern gemeinsames interesse verband, und sie in politischem 
und geographischem sinne jedenfalls als Gallier gelten konnten, 
gerade wie die pannonisch redenden Osi von Tacitus, Germ. 28 
eine Germanorum natio genannt werden. Auf der andern seite 
fallt es sehr ins gewicht, dass Caesar BG. 6, 32 von den Segrä 
Condrusigue ex gente et numero Germanorum redet, wobei wohl 
das wort gens auf das germanische volk im allgemeinen, nu- 
merus hingegen auf die abteilung der Germani cisrhenani sich 
bezieht. Man vgl. Tacitus, Germ. 2: ita nationis nomen, non 
gentis, evaluisse pauiatim u. 8. w. Hier würde natio dem numerus, 
gens dem gleichen worte bei Caesar entsprechen. 

Ueber jeden zweifei erhaben steht die tatsacbe, dass Ta- 
citus an der angezogenen stelle die linksrheinischen Germanen 
für gtammesgenossen der übrigen ansieht. Denn seine natio 
Germanorum muss er doch als einen teil der gens Germanorum 
gedacht haben, und wenn er von dem stamme der Germani- 
Tungri sagt: quoniam qui primi Rhenum transgressi Gallos ex- 
pukrinf, sie also in ausdrücklichen gegensatz zu den Galliern 
stellt, so ist dies nur bei Stammesverschiedenheit von diesen 
zu verstehen. 

Die Übertragung eines sondernamens auf eine höhere ein- 
heit, wie sie Tacitus für den Germanennamen voraussetzt, ist 
nichts ungewöhnliches. Man braucht nur der bezeichnung der 
Griechen als f 2?yU^i>£e und Graeci, der anwendung des namens 
der Volcae für die gesammten Kelten und Romanen, oder jenes 
der Alemannen, beziehungsweise der Schwaben und Sachsen 
für alle Deutschen sich zu erinnern. Auch das umgekehrte 
begegnet uns nicht selten, so z. b., wenn die Holländer bei den 
Engländern Dutchmen oder die Alpenslaven bei den Baiwaren 
Windigehe heissen. Von einander unabhängig sind der artname 
Germani (cisrhenani) und der gattungsname Germani gewis nicht, 
während der name Germani Oretani allerdings selbständig auf- 
gekommen sein kann. Sicher ist dies ja auch hier keineswegs, 
denn die annähme, dass die hispanischen Germanen auf eine 
verschlagene abteilung wirklicher Germanen zurückzuführen 
seien, enthält nichts unwahrscheinliches, freilich auch nichts 

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164 MUCH 

nachweisbares. Aber gerade bei nachbarvölkern musste sieh 
das bedürftig, sie durch namen zu unterscheiden, am meisten 
einstellen. Wenn uns daher an der seite der Germanen im 
weiteren sinne auch noch eine besondere abteilang dieses namens 
begegnet, so werden wir hier einen Zusammenhang vermuten und 
voraussetzen müssen, dass wir es mit verschiedenen Stadien 
ein und derselben begriffsentwicklung zu tun haben. Wie 
sollte jedoch eine Übertragung eines namens von der einen auf 
die andere Rheinseite stattfinden, wenn nicht die Germani eis- 
rhenani durch Stammesgemeinschaft mit den Ueberrheinern ver- 
bunden waren ? Ein geographischer oder politischer grund war 
dabei nicht massgebend, und wenn es nicht ein ethnographischer 
gewesen sein soll, so käme nur etwa noch ein cultureller in 
betracht 

Auf den ersten blick scheint die letztere möglichkeit nicht 
ganz ausgeschlossen und in der bedeutung des Germanennamens 
eine stütze zu finden. Dass dieser keltischen Ursprunges ist, 
steht bereits völlig fest; die bisher unternommenen zahlreichen 
versuche, ihn zu deuten, sind indes kaum der anführung und 
Widerlegung wert. Dies gilt auch von seiner auffassung als 
'nachbarn' oder 'schreier', die abgesehen davon, dass dabei 
kein ansprechender sinn herauskommt, die länge der ableitungs- 
silbe aus lateinischer Volksetymologie erklärt, was doch ein 
recht bedenklicher notbehelf ist Bei der immer mehr zu tage 
tretenden nahen verwantschaft des keltischen und italischen 
liegt nichts näher, als dass das keltische wort *germänos eine 
entsprechung zu dem lateinischen germänus ist. Dagegen spricht 
es gar nicht, wenn uns innerhalb des keltischen neben Ger- 
manos, Germani auch Garmanos, Garmani begegnet, da ähnliehe 
Vertretung von e durch a auch sonst noch im keltischen vor- 
kommt: 8. oben s. 31. Die bedeutung des volksnamens Ger- 
mani ist also durch die des lat. adj. germänus gegeben; nur 
dass man dabei nicht an die junge und bloss in der poesie be- 
legte Substantivierung dieses Wortes mit dem sinne 'bruder' 
wird denken dürfen. Die ursprünglichkeit der sitten und lebens- 
weise und die reinerhaltung der rasse könnte gewis auch 
einem teile der Gallier selbst einen namen eingetragen haben, 
der ihn als die 'stammhaften, echten, unverfälschten', 4U die 
yvrjoioi bezeichnete; und wenn dieser teil in dem, worin er 



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DIE GERMANEN AM NIEDERRHETN. 165 

sich von anderen Galliern unterschied, mit den Deutgehen 
übereinstimmte, so wäre es sogar nicht unerklärlich, wenn man 
in einem weiteren sinne auch diese unter die 'GermanV ein- 
gerechnet hätte. Doch weit eher noch als ein fremdsprachiges 
volk hätten dann die anderen auf älterer entwicklungsstufe 
verharrenden keltischen stamme wie die Volken, ein teil der 
Britannier oder die maxime feri unter den Beigen (Caesar B6. 
2, 4), die -Nervier, als Germanen bezeichnet werden müssen. 
Aber nicht einmal bei letzteren ist dies wirklich der fall, da 
ihnen nur noch germanische herkunft zugeschrieben wird. Mit 
der auffas8ung des namens Germania,]* eines von der abstammung 
absehenden 'eulturnamens' kommen wir also nicht gut aus. 

Dass Müllenboff8 gründe für das Keltentum der Germani 
cisrhenani, die er in' ihren keltischen volks-, personen- und 
ortsnamen sowie darin findet, dass die heutigen Wallonen nicht 
gut romanisierte Deutsche sein könnten (s. 198), nicht zwingend 
sind, ist schon von Eossinna im Anz. fda. 16, 31 anm. 1 mit 
recht bemerkt worden. Bei den Wallonen ist doch auch von 
keltischer nationalität heutzutage nichts mehr zu erkennen. 
Was ihre Ortsnamen betrifft, deren uns übrigens aus alter zeit 
recht wenige Überliefert sind, so ist in einem ursprünglich von 
Galliern bewohnten lande, in dem wir uns Germanen auf jeden 
fall nur ajs ein erobernd eingedrungenes element zu denken 
haben, etwas anderes gar nicht zu erwarten, als dass sie keltisch 
seien. Wäre ein schluss aus den Ortsnamen einer gegend auf 
die nationalität ihrer bevölkerung berechtigt, so müssten beispiels- 
weise auch die bewohner Obergennaniens, wo in römischer zeit 
ausschliesslich keltische Ortsnamen vertreten sind, von haus aus 
Kelten oder die Westgoten in Spanien Romanen gewesen sein. 
Und wenn selbst auf dem rechten Rheinufer ein germanischer 
stamm, die Usipeles, keltisch benannt ist, und von den seit 
höchstens 14 jähren in Gallien ansässigen Germanen Ariovists 
die Triboci und die Nemetes keltische namen führen, so wäre 
es noch weit weniger auffallend, wenn ähnliches bei einem 
volke vorkäme, das gewis schon ungleich länger dem einflusse 
der keltischen nachbarschaft ausgesetzt war und gewis auch 
eine keltische Urbevölkerung in sich aufgenommen hatte. Auch 
auf keltische personennamen ist so viel nicht zu geben, denn 
sie begegnen neben germanischen überall bei den Rhein- 




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166 MUCH 

germanen. Excingus heisst beispielsweise der vater eines Ubiers, 
also wohl selbst ein solcher, nach dem Zeugnisse einer inschrift 
aus Chälon sur-Saöne (Cauat inscr. de Chälon p. 33 ; Eph. ep. 
5, 2. 36). Aus ganz Obergermanien wird es schwer halten 
überhaupt noch einen germanischen personennamen aufzutreiben. 
Selbst Ariovistus trägt einen zweifellos keltischen, denselben wie 
ein britannischer augenarzt, dessen sigill zu Ken ehester in 
Herefordshire gefunden wurde (CIL. 7, 1320). Ebenso ist Ma- 
roboduus wenigstens in der form in der es uns überliefert ist, 
keltisch. Es darf überhaupt nicht ausser acht gelassen werden, 
dass die nachrichten der alten meistens zunächst aus keltischer 
quelle geschöpft sind. 

Uebrigens verdient der germanisch-cisrhenanische nameo- 
bestand nochmals nachgeprüft zu werden. Die Unterabteilungen 
des volkes heissen bei Caesar: Eburones, Condrusi, Segtii, Cae- 
roesi und Paemani, wozu aus späteren quellen Tungri, Sunuce* 
(Sunuci Sunices Sunici) nebst einigen nebenformen zu Caeroesi 
(oder, wie man wohl besser schreiben dürfte, Caerösi) hinzu- 
kommen. Davon ist der name der Paemani, nur an einer stelle 
bei Caesar BG. 2,4 belegt, zuerst von Zeuss s. 213 mit dem 
des gaues Falmenia, jetzt Famenne, zusammengebracht worden. 
Müllenhoff, der diese Zusammenstellung billigt, denkt deshalb 
s. 197 au ein Verderbnis von PAEmani aus FAEmani oder FALmani. 
Jedenfalls muss die form mit /*, wenn die namen zusammen- 
gehören, die älteste sein, da sie, wie Müllenhoff s. 196 mit 
recht bemerkt, weder im romanischen (wallonischen) noch im 
deutschen in diesen gegendeu au» der mit p hervorgehen konnte. 
Damit ergibt sich aber eine namensform als die ursprüngliche, 
die entschieden unkeltischen, wohl aber germanischen Charakter 
hat Doch braucht dann Paemani bei Caesar nur in Palmani, 
nicht weiter, geändert zu werden, da p keltischer lautersatz für 
f sein kann, geradeso wie in dem s. 33 besprochenen falle, wo 
es sich um eine entlehnung aus dem lateinischen handelte. 
Völlig den eindruck eines deutschen macht auch der name 
Tungri, denn der ansatz eines germ. *tungraz, idg. grundform 
*dnkrös, als nebenform von *tangraz, grundform *donkros, (ahd. 
zangar, m hd. zanger 'beissend, scharf, bissig', md. fang er 'frisch, 
munter', andl. tangher 'acer, acris, asper, asper gustu, atacer, 
gnavus', afrz. tangre 'hartnäckig', ital. tangher 'ungeechjü», 



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DTE GERMANEN AM NTEDERRHEIN. 167 

grob') ißt um so unbedenklicher, als die dabei geforderte ablaut- 
stufe derselben würzet in grieoh. daxvm, aus *dnknö, tatsächlich 
vorliegt, und ähnliche doppelformen von adjectiven innerhalb 
des germanischen etwas ganz gewöhnliches sind ; vgl. ahd. mu- 
rutvi neben maro, marawi, ahd. rose neben rase u. a. in. Sicher 
keltischen stammnamen bei den Germani cisrhenani und einigen 
unbestimmbaren stehen also auch germanische gegenüber. 

Von den eburonischen königsnamen bei Caesar ist der eine 
Ambiorix, allerdings keltisch, was ja, wie das beispiel des 
Ariovist gezeigt hat, nichts beweist; der andere, Catuvolcus, 
kann ebensogut in seiner grundlage germanisch sein, denn es 
ist nicht zu bezweifeln, dass auch ein germ. *Hapuwalhaz Caesar 
in keltisierter gestalt als *Kat\molkos zu ohren gekommen wäre. 
Nicht gerade den eindruck eines germanischen macht der name 
eines Tungern Tausius bei Capitolinus, Pertiu. cap. 11. Von 
den namen einer Mainzer inschrift (Brambach CIRh. 1231), auf 
der ein Freioverus Veransati ftilius) cive(s) Tung(er) genannt 
wird, ist der des vaters keltisch, der des sobnes aber sicher 
germanisch, wie sein erstes compositionsglied erweist Das 
zweite wird wohl dasselbe sein wie das in Audovera, Leubovera, 
Leudovera, Gunthivera; man vgl. darüber Wrede, Spr. d. Ostg. 
123. 152. Zum Freioverus gesellt sich ein von Th. Bergk, Bonn, 
jahrbb. h. 57 s. 28 mit ihm verglichenes namenpaar Freio et 
Friatto auf einer von Beger veröffentlichten, aus dem Lüttich- 
schen stammenden, also auch wohl tungrischen inschrift. Zwischen 
diesen beiden namen, die sogar in engerer beziehung zu ein- 
ander zu stehen scheinen, hält der ubisebe Freiatto von dem 
Saitchamims-steine die mitte, soferne er mit dem ersten die 
Stammform, mit dem zweiten die ableitung gemein hat Was 
letztere betrifft, so vergleiche man die namen der Franken 
Charietto und Nevitta, des Goten Fravitla und die lateinisch 
weitergebildeten inschriftlichen namen Ascattinius (Brambach 
CIRh. 48), und Gumattius (CIRh. 66), bildungen, die sich späteren 
kurznamen wie Heinzo, Cuonzo an die seite stellen: s. Kluge in 
Pauls Grundr. 1, 305. 7Tals element einer deminutivableitung be- 
gegnet allerdings auch im keltischen (s.Zeuss-EbelGC. 274) und in 
aasgedehntem masseim romanischen, wo es vielleicht germanischer 
herkunft ist. Wie Freio und Freiatto im übrigen zu beurteilen 
sind, wird sich vorläufig nicht mit Sicherheit entscheiden lassen. 



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168 MUCH 

Friatto scheint entweder eine ablautende nebenform desselben 
namens zu sein oder nur eine andere widergabe eines lautes 
ei zu enthalten, der im begriffe stand, zu i zu werden; und 
jedenfalls wird man germ. vollnamen wie Friobaudes, Friliub, 
Friulf u. a. m. zum vergleich beiziehen dürfen. Da zu beginn 
der Römerzeit in Deutschland noch Segi- gesprochen wurde, 
so dürfte es uns nicht wundern, wenn damals auch idg. ei im 
germanischen noch als ei erhalten war. Und. dafür spricht wohl 
auch der name der göttin Alateivia, deren denkstein, derzeit im 
Bonner museum, bei Xanten, also auf kugerniscbem boden, ge- 
funden worden ist. Von meinem versuche, sie nach got. gaiho- 
jan als 'die allordnende' zu deuten (Zs. fda. 35,322) wird man 
absehen müssen, da hierbei das dem e folgende t unberück- 
sichtigt bleibt Eber haben wir es mit einer germanischen 
üavöla, einer ' allleuchtenden' zu tun. Man vgl. die idg. wurzel 
div und besonders lat. deivos divus, lit. devas, preuss. deiwas 
'gott' (= aisl. Tyr, pl. (ivar, ags. Tlg, ahd. *Zio in Cyuuari, 
Ciesburg, Ziestac)] wegen der ableitung auch lit deivys 'abgott* 
und deive 'gespenst'. Vielleicht kommt die Alateivia nicht nur 
in ihrem namen mit der Bavöla d. i. SeXrjvri (Preller, Griech. 
myth. 1,363) tiberein, sondern ist etwa auch gleich dieser und 
der lat. Diana eine mondgöttin : ihr altar ist, wie seine inschrift 
bezeugt, ex iussu von einem medicus namens Divo errichtet, und 
beziehung zur geburtshilfe und zu heilzauber verschiedenster 
art gehört bekanntlich zum wesen aller mondgöttinnen; was 
Diana und Artemis betrifft, welch letztere sogar den beinamen 
ZcDTtiQa führt, vgl. man Preller, Rom. myth. s 1, 3 12 ff. und Griech. 
myth. 1,248. 

Erscheint uns somit das Volkstum der Germani cisrhenam 
schon in einem ganz anderen lichte, so werden wir gut tun, 
auch was die Beigen betrifft, uns Müllenhoffs ansieht nicht 
blindlings anzuschliessen. 

Dass die Remen in Caesars zweitem kriegsjahre der mei- 
nung waren, dass ein grosser teil der Belgae von den Germanen 
'eis Rhenum' abstamme, konnte Müllenboff füglich nicht ab- 
streiten, er glaubte jedoch s. 197 ihre behauptung aus ihrer 
damaligen Stellung zu den übrigen Beigen zum guten teil er- 
klären zu können. Allein zu Caesars zeit sowie später — 
vgl. BG. 6, 24 und Tacitus, Germ. 28 — galt es für ehrenvoller, 



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DIE GEKMANEN AM NIEDERRIIEIN. 169 

ein Germane als ein Gallier zu sein. Das was die Retuen von 
den übrigen Beigen aussagten, ist also ein lob und nicht aus 
ihrer damals feindseligen Stellung zu diesen erklärlich, wohl 
aber um so glaubhafter, da es trotzdem ausgesprochen wird. 

Auch nach Tacitus, Germ. 28 waren Nervier und Trevern 
übertrieben stolz auf ihren germanischen Ursprung; ebenso 
galten dem Strabo (p. 194) nicht nur Nervier, sondern auch 
Trevern — s. Müllenhoff s. 201 — als germanische Völker. Da 
mu88 man doch fragen, was denn zu dieser ansieht anlass ge- 
geben haben könnte, wenn sie ein irrtum wäre, und was uns 
Oberhaupt veranlassen kann, an ihrer berechtigung zu zweifeln 
and Ober die herkunft der in rede stehenden stamme besser 
unterrichtet sein zu wollen als diese selbst. Im gründe wird, 
wenn wir auf den ausdruck reQfiavixov e&voc bei Strabo nicht 
mehr gewicht legen, als er verdient, von ihnen auch gar nicht 
behauptet, dass sie Germanen seien, nur dass sie von solchen 
sich herleiteten. Sie haben demnach schon als keltisiert zu 
gelten. Und gegen die annähme eines ursprünglich germanischen, 
jedoch bereits keltisierten dementes unter den Beigen im all- 
gemeinen, den Nerviern insbesondere und unter den gallischen 
Trevern lässt sich nicht der geringste einwand erheben. Wenn 
die Beigen im allgemeinen von den übrigen Galliern durch 
grössere tapferkeit sich unterscheiden, die Nervier zumal nicht 
nur als die rauhesten unter allen Beigen gelten — s. BG. 2, 4. 
15 — sondern auch den ruf ihrer tugend in ihrem helden- 
kampfe gegen die Kömer durch die tat bewähren, und wenn 
ihre Staatseinrichtungen die erziehung des Volkes in der richtung 
auf ein männlich kriegerisches ideal anstreben (s. BG. 2, 15), 
gerade wie bei den Germanen, und sie deshalb ihre grenzen 
gegen die einfuhr ausländischer waren absperren, ebenso wie 
die Sveben (s. BG. 4, 2) in derselben absieht, der Verweichlichung 
vorzubeugen, wenigstens die weineinfuhr verbieten; wenn end- 
lich BG. 8, 25 auch die kriegstüchtigkeit der Trevern hervor- 
gehoben und von ihnen berichtet wird, dass sie cid tu et feritate 
wenig von den Germanen verschieden seien, so sind das alles 
umstände, die zwar für sich allein die annähme germanischen 
Ursprunges der betreffenden stamme nicht begründen könnten, 
die aber, da dieser von ihnen selbst behauptet wird, allerdings 
aus ihm miterklärt werden dürfen. 



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1 70 Mucn 

'Da&8 die meisten Beigen von den Germanen trans Rhenum 
abstammen, also von den übrigen Beigen verschiedenen Ur- 
sprunges sein sollen und doch mit ihnen demselben volksstamm 
angehören', ist noch kein innerer Widerspruch, wie Müllenhoff 
s. 197 meint, da ja der name Belgae, wenn nicht von anfang 
an bloss ein politischer begriff, doch deutlich zu einem solchen 
geworden war und, wie wir gesehen haben, in verschiedenem 
sinne gebraucht wurde. Uebrigens braucht auch das plerique 
oder doch jener ausdruck, der diesem worte Caesars in dem 
berichte der Kernen entsprach, nicht so verstanden zu werden, 
als ob ein teil der belgischen stamme germanischen Ursprunges 
gewesen sei, der andere nicht; vielmehr kann es sich auf eine 
in den einzelnen stammen vorhandene und zwar in manchen, be- 
sonders den näher am Rheine wohnenden, stärkere germanische 
schicht beziehen. Eine solche kann aus eroberndem eindringen 
von Germanen ebenso wie aus friedlicher ansiedlnng ger- 
manischer söldner erklärt werden; wahrscheinlich fand eines 
wie das andere statt. Dabei würde sich auch, wenn die Ger- 
manen unter den Kelten verstreut lebten, eine rasche keltisieruog 
am leichtesten begreifen lassen. 

Ganz ähnlich erklärt sich wohl die geschiente von der 
kimbrisch -teutonischen abkunft der Aduatuker. Fabel (wofür 
Zeuss 8. 191 sie hielt) ist sie gewis nicht, da es ja zu Caesars 
zeit noch leute genug gab (vgl. BG. 1, 13), welche den einfall 
der Kimbern und Teutonen mit erlebt hatten. Andrerseits aber 
können sämmtliche Aduatuker, ein volk, das gegen Caesar 
19 000 mann ins feld stellt, unmöglich von den 6000 abstammen, 
die zur bedeck ung des kimbrisch -teutonischen lagere zurück- 
gelassen worden waren, und ehe sie ruhe fanden, sich noch 
eine weile mit den nach bar Völkern herumschlagen mussten. 
4 Die Wahrheit wird sein', um mit Müllenhoff zu sprechen, 'dass 
der rest der zurückgebliebenen Cimbern und Teutonen mit ihrer 
bagnge endlich bei den Aduatukern oder den altern bewohnen) 
der gegend aufnähme fand und mit ihnen verschmolz'. Es ist 
aber gar nicht einzusehen, warum eine hypothese, mit der sieb 
Müllenhoff — obwohl er doch nicht nur die Kimbern, sondern 
auch die Teutonen noch für Deutsche nahm, — bei den Adua- 
tukern zufrieden gibt, nicht auch mutatis mutandis auf andere 
Beigen angewendet werden soll. 



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DIE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 171 

Das schlagendste seitenstück zu den belgischen Germanen 
sind indes die Fenier Irlands nach dem was Zimmer Zs. fda. 
35 ober deren Ursprung und bedeutung nachgewiesen hat Auch 
hier haben wir es mit einer art kriegerkaste zu tun, deren an- 
gehörige allmählich keltische namen und keltische spräche an- 
nahmen, aber die erinnerung an ihre herkunft fortbewahrten. 
Die alte politische und Stammeseinteilung Irlands bleibt dabei 
unberührt, abgesehen davon, dass in der gegend von Dublin 
ein eigenes selbständiges germanisches Staatswesen sich bildet. 
Mit diesem könnte man die Germani cisrhenani vergleichen, 
wiewohl es auch von anderen stammen nicht ausgeschlossen 
erscheint, dass ihre bildung von Germanen ausgegangen sei. 
Keltische namen beweisen nicht das gegenteil ; und wer könnte 
es auch mit voller bestimmtheit ausmachen, ob ein name wie 
Belgae oder Nervii nicht von haus aus germanisch ist? Was 
Belgae bedeutet, wird Kelten und Germanen bewusst gewesen 
sein, da es sowohl ein air. bolgaim 'ich schwelle', als ein alid. 
belgan, mhd. beigen 'schwellen, zornig sein 1 gibt; vgl. Kluge 
EW. 4 17 unter Balg, wo auch ein aind. barh 'gross, stark sein* 
angezogen ist. Aehnlich verhält es sich mit dem namen Aer- 
vii. Dieser ist aus der uns bereits aus einer reihe germanischer 
volksnamen bekannten wurzel ner ebenso abgeleitet wie das 
gegensätzliche ahd. marawi, muruwi aus der wurzel mar, mr. 
Die Nervii heissen also 'die tapferen', was sie ja auch sind, 
wie ihr todesmutiger widerstand gegen die Römer zeigt, und 
wofür sie gelten; vgl. Caesar BG. 2, 15: reperiebat: .... esse 
hommes feros magnaeque virtutis. So ohne weiteres wird man 
darnach schpn nicht mehr bestreiten dürfen, dass es germanische 
stammnamen unter den Beigen gebe. 

Noch verdienen aber die Grudii, einer der von den Ner- 
viern abhängigen stamme, die uns Caesar BG. 5, 39 namhaft 
macht, in besonderem masse unsere aufmerksamkeit. Denn 
ihr name gehört doch wohl zum got. adj. usgrudja, das in der 
redensart tvairpan usgrudja Ixxaxelv, 'mutlos werden, mut und 
kraft verlieren' belegt ist. Leider ist von diesem worte nicht 
bestimmt auszumachen, ob darin das us- verstärkende oder 
ausschliessende bedeutung hat, was beides möglich ist Wenn 
ereteres wie beispielsweise in usfilma tvairpan (poß&o&ai eben- 
so hier der fall ist, kommt auch einfachem grudja- die be- 



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172 MÜCH 

deutung 'kraftlos, mutlos* zu. Grudii : Nervii wären dann 
widerum gegenstücke, wie uns ähnliche schon widerholt unter- 
gekommen sind. 

Damit sind wir bei einem punkte angelangt, von dem aus 
uns der Germanenname selbst erst ganz verständlich wird und 
sogar über ort, art und Ursache seines aufkommens ein un- 
erwartetes licht sich verbreitet. Gegen seine deutung aus gall. 
*germanos yvrfiio<; wird von berufener seite kaum ein einwand 
erhoben werden. Es handelt sich nur noch um die frage, wieso 
die Gallier dazu kamen, ihre nachbarn mit einem derartigen 
namen zu bezeichnen. Als ein volk unvermischter rasse sind 
die Germanen allerdings auch den Römern aufgefallen; vgl. 
Tacitus, Germ. 2: Ipsos Germanos indigenas crediderim mini- 
meque aliarum gentium adventibus et hospitiis mixtos \ und Germ. 4: 
lpse eorum opinionibus accedo qui Germaniae popxäos nullis aliis 
aliarum nationum conubiis infectos propriam et sinceram et tantum 
sui similem gentem extitisse arbitrantur. Unde habitus quoque 
corporum, quamquam in tanto numero, idem omnibus . . . Die be- 
zeiohnung 'die stammechten' wäre also auf sie. ganz zutreffend, 
nur verlangt sie naturgemäss einen gegensatz, wie denn auch 
Strabo, der p. 290 das wort Germani, dabei immer noch nicht 
so weit irre gehend als die modernen etymologen, für das 
lateinische adjeetiv hielt, die namengebung also den Römern 
zuschrieb, als solchen die Gallier sich dachte. Es steht indessen 
unumstösslich fest, dass der name von den Römern bereits vor- 
gefunden wurde. Und den Galliern wird man es doch nicht 
zumuten, dass sie sich selbst gewissermassen als die unechten 
hingestellt hätten, dadurch, dass sie für die überdies von ihnen 
stamm verschiedenen Deutschen den namen 'die stammechten' 
aufgebracht hätten. Man sollte also wegen seines inhaltes ver- 
muten, dass die Deutschen selbst sich den namen beigelegt 
haben, wenn dem nicht wider der umstand zu widersprechen 
schiene, dass seine form eine undeutsche ist. Aber alles erklärt 
sich aus den belgischen Verhältnissen. Hier hatte eine unter 
die alte keltische eingedrungene deutsche bevölkerung der 
herschaft sich bemächtigt und gab nach und nach infolge des 
Verkehres mit den unterworfenen die deutsche spräche auf; 
der Stammesgegensatz zu diesen blieb jedoch bestehen, ebenso 
die erinnerung an die eigene abstammung. Gerade dann abw 



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zedby G00gle^ 



DTE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 173 

lag für die eingewanderten Deutschen im nordosten Galliens 
ein grund vor, ihre Verschiedenheit von den Galliern zu be- 
tonen, als sie durch das allmähliche aufgeben des äusserlichen, 
sprachlichen Unterschiedes in gefahr kamen, mit ihnen ver- 
wechselt zu werden. Fühlten sie sich gegenüber den Galliern 
als etwas besseres und galten sie es vielleicht diesen selbst 
— vgl. Caesar BG. 24: pautatim (Galli) assuefacti superari multis- 
que vidi proeliis ne se quidem ipsi cum Ulis virtute comparant — , 
glaubten sie, wie ja noch die Nervier und Trevern zu Tacitus* 
zeit, durch ihre deutsche abstammung einer gloria sanguinis 
(Germ. 28) teilhaft zu sein und bildeten sie tatsächlich den 
adel, das herschende element im lande, so lag für sie nichts 
näher, als sich als Germani, d. i. yvrjOioi, von ihrer Umgebung 
zu unterscheiden. Von selbst musste sich dann dieser name 
auf die Ueberrheiner übertragen, die ja alle der gleichen 'un- 
verfälschten' abkunft waren, und er konnte auch für ein noch 
nicht keltisiertes element auf dem linken Rheinufer stammname 
werden, der sich dann, als solcher, selbst bei nachträglicher 
teilweiser keltisierung desselben erhalten konnte. Zugleich mit 
dieser Übertragung des namens Germani auf alle, auch die 
überrheinischen stammverwanten und mit dem augenblick, da 
Germani ein wirklicher volksname geworden war, man also 
auch von germanischer spräche im gegensatze zu gallischer 
geredet haben wird, musste natürlich aus der germana origo 
der plerique B eigne und der Treveri eine Germanica origo werden. 

Man sieht, wie viel doch von Tacitus' hypothese über den 
Ursprung des Germanennamens bestehen bleibt. Und gerade 
das was Müllenhoff s. 200 an ihr unwahrscheinlich fand, dass 
nämlich 'eine einzelne, siegreich vordringende volksschaar 
ihren eigenen namen auf ihre stammesgenossen übertragen und 
allmählich als gesammtnamen zu allgemeiner anerkennung bei 
freund und feind gebracht hätte 1 entspricht, wie sich nun heraus- 
stellt, doch dem Sachverhalt. 

Zur bestimmung der zeit, wann die germanischen nied er- 
lassungen in Belgien und im nordöstlichen Gallien überhaupt 
erfolgt sind, gewähren uns Caesar und Tacitus keine sicheren 
anhaltspunkte. Dass das nuper (Germ. 2) nicht auf ein erst 
vor kurzem vorgefallenes ereignis deuten muss, hat J. Grimm 
GOS. 786 an beispielen gezeigt. An jener stelle ist der aus- 



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174 MUC'H 

druck recens et nuper additum, womit der Germanenname be- 
zeichnet wird, überdies nur im zusammenhange mit dem vorher- 
gehenden zu verstehen. Den früher aufgezählten alten namen 
(antiqua nomina) gegenüber, die nach Tacitus' meinung von 
göttersöhnen sich herleiten und somit in mythisches dunkel 
zurückreichen, konnte ein anderer als recens et nuper additum 
gelten, wenn er nur überhaupt erst in geschichtlicher zeit auf- 
gekommen war. Auch könnte man ja annehmen, dass zwischen 
dem einfall der Germani-Tungri und der Übertragung ihres 
namens auf das gesammtvolk ein längerer Zeitraum verstrichen 
sei. Das recens et nuper bezieht sich aber nur auf letzteres 
ereignis, könnte uns also im besten falle auch nur für dieses 
aufschluss gewähren. Zieht man andrerseits den ausdruck an- 
tiquitus in betracht, den Caesar mit bezug auf das eindringen 
der belgischen Germanen gebraucht, so werden wir dieses 
immerhin ein par Jahrhunderte vor beginn unserer Zeitrechnung 
zurück verlegen dürfen. Da übrigens der name Germanen erst 
auf der linken Rheinseite aufgekommen ist und die einwan- 
derung der Deutschen bereits voraussetzt, so muss diese vor der 
zeit erfolgt sein, aus der uns der älteste beleg für ihn vorliegt 
Bekanntlich werden uns von den römischen triumphalfasten 
Germanen als bundesgenossen der vom consul Marcellus (im 
jähre 222 v. Chr.) besiegten insubrischen Gallier namhaft ge- 
macht. Es geht nicht an, gegen den wert dieses Zeugnisses 
mit dem hin weis anzukämpfen, dass sowohl der von Livius 
und Polybius benutzte annalist, als auch der gewährsmann 
Plutarchs statt der Germanen nur Gaesaten nenne, denn in 
diesen beiden quellen erschöpfen sich doch wohl nicht die nach- 
richten, welche von den kämpfen des Marcellus der nachweit 
künde brachten. Auch schliessen sich die bezeichnungen Gae- 
saten und Germanen keineswegs aus, ergänzen sich vielmehr, 
da ja anerkanntermassen ersteres kein volksname, sondern ein 
appellativum ist, das eigentlich den 'speerträger' bezeichnet 
(Zeuss-Ebel GC. 52), weiter aber denjenigen, der mit dem Speere 
seinen erwerb sucht, den soldkrieger: ein sinn, in dem das 
wort Polybius (2, 22) bekannt wurde und den Orosius bestätigt; 
vgl. Müllenhoff s. 195. Wenn Strabo p. 212. 216 den namen 
als Volksnamen nimmt, so ist dies gewis nur ein — übrigens 
begreifliches — misverständnis. Es ist aber ganz in der ord- 



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DIE GEUMAXEN AM NIEDEKIUIEIN. 175 

nung und entspricht dem Charakter dieses denkmals, wenn uns 
gerade die fasten den eigennamen des besiegten volkes nennen 
und nicht mit der bezeicbnung der gegner nach dem gewerbe 
sich genügen lassen. 

Auch in der quelle, die Diodor benutzte, muss der name 
Germanen vorgekommen sein. Gelegentlich seiner kurzen er- 
Zählung (25, 13) der von Polybius ausführlicher geschilderten 
ereignisse vor der schlacht bei Telamon berichtet er uns nämlich 
von einem bündnisse der Kelten mit den Galatern: KeXxol öe 

fitra rakaxwv xaxd ^Roftalayv xoXe/JOv äfrQolöavxeg 

Galater bedeutet aber nach dem sprachgebrauche dieses Schrift- 
stellers soviel als Germanen, wie ganz bestimmt aus 5, 32 
hervorgeht, wo es heisst: 'XQrjöi/iov 6* toxi öioqIöcii xo xaQa 
xoXlolg ayvoovfitvov ' xovg yciQ vjtsQ MaacaXlag xaxoixovvxag 
iv xco (isooytlcp xal xovg jtaQa rag H4Xxeig hi de rovg lotl 
xaöt xoiv IlvQi]vaia)P oqwv KeXxovg ovofia^ovöc, rovg ö^jtIq 
xavxrjg xJ\g KeXxtxijg dg xä JtQog voxov (I. jtqoc &qxxov: s. 
Niebuhr, Rom. gesch. 2*, 587 f. Zeuss s. 62. Müllenhoff s. 178) 
vevovxa fitQrj Jtaga xe xbv coxsavov xal xo *Eqxvviov oqoq 
xa&iÖQV(tivovg xal Jiavxag rovg igi/g (lixQt xr\g 2xvß-lac raXdxag 
XQogayoQBvovöiv ' ol de 'Ptoftaloi xaXiv jtävxa xavxa xa e&PTj 
ovXXrjßdtjV fiiä jtQogTjyogia jteQiXafißävovOtv, 6vo(ia£ovxeg raXa- 
xag axavxag. Und wenn auch Diodor an einigen stellen die 
bezeichnung Galater, dem gewöhnlichen gebrauche entsprechend 
als synonym mit Kelten anwendet, so kann dies doch nicht 
der fall sein, wo beide namen neben einander aufgeführt sind. 
Hier denkt Diodor sicher an leute aus dem von ihm früher 
beschriebenen gebiet der Galater, aus Germanien also. 

Endlich weist auch Properz 5, 10, 39, wenn er die feinde 
des Marcellus mit dem Rheine in beziehung bringt und ihrem 
föhrer Virdomarus eine Belgica parma zuschreibt, darauf hin, 
dass sie ihm sein gewährsmann als Germanen namhaft machte. 
Dies hat auch Müllenhoff nicht bestritten. 

Es ist natürlich möglich, dass die fasten, Diodor und 
Properz alle aus derselben quelle schöpften; es ist auch mög- 
lieb, aber keineswegs ausgemacht, dass die quelle der fasten 
die annalisten der sullanischen zeit gewesen sind, wie Müllen- 
hoff s. 195 will; aber dass diese aus den Gaesaten Germanen 
und aus der Rhone den Rhein gemacht hätten 'aus keinem 



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176 MUC'H 

anderen gründe als um des reizes der neuheit willen', ist denn 
doch unglaublich. Wir werden die Germani der fasten am so 
eher für echt halten, als auch später, wo immer uns sold- 
truppen in keltischem dienste begegnen, diese regelmässig Ger- 
manen sind. Von den Galliern haben ja auch die Römer 
durch Caesar die Verwendung germanischer söldner gelernt 
Und wenn Polybius die Gaesaten von der Rhone statt vom 
Rheine kommen las st, so ist ein solches misverständnis in einer 
zeit, in welcher der Rhein noch so gut wie unbekannt war, 
begreiflich genug. 

Wertvoll für unsere Untersuchung ist auch die Schilderung 
der schlacht zwischen den verbündeten Gaesaten und Galliern 
und den Römern. Während die keltischen Insubern und Boier 
mit hose und sagum bekleidet in den kämpf gehen, entkleiden 
sich die Gaesaten völlig und treten so in die vorderste schlacht- 
reihe: Ol fihv "lOOf/ßQeq xal Botoi xäg ävagvQlöag Ixovxeg xal 
xovq tvxexelg xmv ödyov jtsqI avxovg igixagav • ol de r<xi- 
odxai, öid xe rtjv qnXoöo^lav xal xo fraQOoq xavx dxo$Qlipav- 
xeg, yvpvol (tex* avxwv xdjv ojtkcov, jtq<5xoi xijq övvafieaK 
xaxioxtjCav (Polybius 2, 28). Nun lässt sich der gebrauch, 
nackt zu kämpfen, den wir bei den Germanen so häufig an- 
treffen, allerdings auch von Kelten belegen. Wenn es aber 
hier die Gaesaten durch das ablegen der kleider und durch 
die auf8tellung im ersten gliede ihren keltischen waffen- 
gefährten zuvortun, die selbst anerkannt tapferen stammen 
angehören, so sprechen diese beweise eines überlegenen helden- 
mutes für ihr germanisches Volkstum. Beachtenswert, wenn 
auch für ihr Germanentum nicht entscheidend, ist die aus- 
drücklich hervorgehobene Schönheit und jugendkraft der nackten 
Vordermänner, sowie ihr goldener arm- und haisschmuck, offen- 
bar der ringgeldlohn für ihre kriegsdienste: 'Exxkexxixt) 
ö 9 ijv xal xcjv yvfivmv XQoeoxcbvxcw avÖQQJv ijxe ixufdveut 
xal xlvrjoig (etwa ein waffentanz?), a\q av diayeQovxmv xalc 
dxfialg xal xolg eidtöt . Ilavxeg 6* ol xäg XQcixag xaxi%ovTU 
OJtelQag xQVöolg fiaviaxaig xal jttQix^QOig \fiav xaxaxtxoöfifi' 
(tivoi (Polybius 2, 29). 

Gewis sind die Gaesaten, von denen Polybius hier er- 
zählt, die im jähre 225 v. Chr. unter führung des Ariovistus 
und Coucolitanus in Italien fochten, von deneu unter Virdo- 



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DIE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 177 

maru8 aus dem jähre 222 Dicht stammverschieden. Und während 
die letzteren von den fasten, waren erstere, wie wir gesehen 
haben, von den quellen des Diodor als Germanen bezeichnet. 
Aber germanische söldnerscharen kamen wohl früher schon 
Dach Italien, da Polybius an einer stelle (3, 48), die sich auf 
die vorher erzählten Gaesatenzüge ausdrücklich zurückbezieht, 
von mehr als einem oder zwei Alpen Übergängen der Kelten 
Ton der Rhone spricht: ov% löxoQrjöavxeg yaQ oxi ov/ißalvei 
xovg KeXxovg xovg xaga xov ^Poöavbv noxapov olxovvxag ovx 
«#«£ ovöh äig jtqo xr\g kvvlßov jtaQovalag, ovöh pr\v Jtalai, 
XQOdpdtcog öh, /isydXoig OXQaxoxeöoig vmQßavxag rag 04Xxsig 
xaQarsxdx&cu (ihv 'Pto/ialoig, avvTjycoviofrcu öh EeXxolg xolg 
xbqI xov ndöov mdla xaxoixovci, xad-dneQ rjfietg Iv xolg üiqo 
xovxcov lÖTjlaioafitp. Vielleicht sind also auch die von den 
Boierfürsten Atis und Galatas herbeigerufenen hilfstruppen, 
deren auftreten in das jähr 236 v. Chr. fällt — Polybius 2, 31, 3 
bezeichnet sie allerdings als ix xmv "AXxtmv rcddtag, was 
indes aus seiner Verwechslung der Rhone mit dem Rheine sich 
erklären wird — in Wahrheit Germanen. 

Ob aber die Gaesaten- Germanen aus Belgien oder un- 
mittelbar aus Oberrheinischen gegenden kamen, ist nicht 
gut auszumachen. Die belgica partim, welche Propertius 
ihrem führer beilegt, würde man doch höchstens für die 
meinung dieses dichters ins feld führen können, und selbst das 
kaum: denn hätte er diesen ausdruck in der absieht gebraucht, 
damit die herkunft aus Belgien anzuzeigen, so wären die 
worte Claudius a Rheno traiectos areuit hostet nicht verständlich. 
Propertius wird doch gewusst haben, auf welcher seite des 
Rheines Belgien liegt. Jedenfalls aber wurde Germam in der 
zweiten hälfte des 3. vorchristlichen Jahrhunderts schon als 
stamm- oder volksname gebraucht; man wird daher den einbruch 
der Deutschen in Gallien entsprechend früher ansetzen müssen. 
Und noch bevor sie den Rhein überschritten, werden sie sich an 
dessen rechtem ufer häuslich eingerichtet haben. Zu dem, was uns 
oben schon für ihre frühzeitige ausbreitung bis zu diesem 
ströme zu sprechen schien, gesellt sich damit ein neuer grund. 

GROENINGEN, miteommer 1891. RUDOLF MUCH. 



B«ltTigt gor gwohiohU d«r deuUchen spreche. XVUL 12 

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GOTEN UND INGVAEONEN. 

-Nach der Stellung, die Tacitus sowohl als ihre eigene 
stammsage den Goten einräumt, waren diese ursprünglich die 
nächsten nachbarn der Rügen und der lugischen stamme, standen 
aber auch von den nördlicheren Bastarnen nicht allzu ferne. 
Die bedingungen gleichartiger Sprachentwicklung waren also 
hier gegeben, umsomehr als von der grenze Mährens her durch 
lugisches gebiet hindurch zu den Goten und der bernsteinkQste 
ein lebhafter handelsverkehr bestand. Auch nach ihrem auf- 
brach aus den alten Stammsitzen waren, von den westwärts 
abziehenden lugischen Burgunden abgesehen, die Lugier, Goten, 
Rügen und Skiren in engerer Verbindung, zudem galt bei ihnen 
allen das gotische des Wulfila als kirchensprache und ihr 
Christentum war arianiscb. Man sieht, wieso Procopius dazu 
kam, sowohl Vandalen (De b. Yand. 1, 2) als Skiren (De b. 
Goth. 1,1) und Rügen (De b. Goth. 3, 2) yonxa $&vt] zu nennen. 
Grösseres gewicht ist aber auf diesen ausdruck schon deshalb 
nicht zu legen, weil derselbe gewährsmann, De b. Goth. 1, 1 
und De b. Vand. 1, 3 sogar die iranischen Alanen — doch 
höchstens wegen ihres gotischen Christentums und ihrer engen 
politischen Verbindung mit den Vandalen — mit unter die 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 179 

heimat an der unteren Weichsel zu den Ulmerugen und den 
Vandalen in gegensatz. Nachdem eben von ihrer einwanderung 
aus Scandza die rede war, heisst es von ihnen bei Jordanes 
c.4 weiter: unde mox promoventes ad sedes Ulmerugorvm, gut 
tunc Oceani ripas insidebant, castra metati sunt eosque commisso 
proelio propriis sedibus expulerunt eorumque vicinos Vandalos tarn 
tunc subiugantes suis applicavere victoriis. Nachbarn der Rügen 
waren die Vandalen in dem späteren eingeschränkten sinne 
dieses namens gar nicht, und umsoweniger empfiehlt es sich, 
hier schon diesen vorauszusetzen. Auf der anderen seite steht 
freilich das zeugnis des Plinius, der UN. 4 § 99 die Gutones als 
einen teil der Vandili aufführt. Was dagegen Rügen und 
Lemovier betrifft, wird sich gar nichts beibringen lassen, was 
für ihre zugehör zu den Vandalen sprechen könnte. Auch die 
Goten bilden mindestens unter diesen eine besondere gruppe; 
denn zu den Lugiern gehören sie auf keinen fall: vgl. Tacitus, 
Genn. 43: ultra Lygios Gotones regnantur. Und wenn ihre 
stammsage Scandza als ihre älteste heimat angibt, aus der sie 
zu schiff Ober das meer gekommen seien, so verdient sie um- 
somehr glauben, als in Skadinavien selbst — gegenüber der 
Weichselmündung — ein stamm namens Goten, altn. Gotar, 
fortbesteht, derjenige, von dem die insel Gotland, altn. Gotland, 
Golaveldi, den namen hat. 

Ueber die bedeutung des Gotennamens weiss Wrede, Spr. 
d. Ostg. 44 nichts besseres zu sagen, als dass, wer die Zeuss- 
Grimmsche deutung der ' Wandalen ' als der 'umherziehenden' 
annehme, auch gegen die 'Goten' als die 'ausgebreiteten' kein 
bedenken haben werde. Wir haben indes jenen 'umherziehenden 
Vandalen' schon ein für alle mal den laufpass gegeben und 
können uns daher auch mit den 'ausgebreiteten Goten' nicht 
weiter befassen. Aber schon Lottner KZ. 5, 154 war auf dem 
richtigen wege und irrt nur, wenn er durch aisl. goti 'hengst' 
verleitet für den namen Goten sowohl als auch für das aisl. 
appellativ gotnar, das in poetischer spräche 'männer, helden' 
bedeutet, eine ältere bedeutung 'hengste' voraussetzt und für 
das gleichnis an aisl. jofurr 'fürst' erinnert. Der hengst ist 
möglicherweise als der ' besprenger' ^oft genannt: vgl. aisl. gota 
in dem sinne Ho spawn', got n. 'spawning', gota, u f. 'spawn', 
gotrauf f. 'the spawn hole in female codfish or salmon', gotungr 

12* 



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180 MUCH 

m. 'young fish, fry' (Cleasby- Vigftisson 202. 209) ; wahrschein- 
licher aber ist das wort, das nur bei skalden belegt ist, wie 
Bugge, Tolkning af runeskriften pä Rökstenen 136 f. annimmt, 
von haus aus der eigenname von Gunnars ross und als solcher 
vom volksnamen ausgegangen. Aber auch wenn die andere 
erklärung die richtige sein sollte, wird dasselbe wort unmittel- 
bar zur bedeutung 'zeugungskräftiger mann 1 gelangt sein, wie 
denn auch norweg. gut 'junger mann, bursch' und aisl. gautar 
unter anderem 'viri 1 (Egilsson 226) bedeutet; und wenn OÖinn 
nicht nur Gautr Gauti allein, sondern so wie aldafabir so auch 
aldagautr heisst, worin der erste teil der gen. plur. von gld ist, 
bezeichnet ihn dieser name wohl als den 'schöpfer', den Er- 
zeuger der menschen'. Somit sind sowohl Goten als Gauten 
durch ihren namen als die 4 zeugungskräftigen ' gekennzeichnet, 
sofern ihnen derselbe nicht etwa erst in dem sinne 'männer, 
helden' beigelegt wurde. Eine namensform got. Gudans oder 
Gupans hat es nie gegeben; aisl. Gobpjöti ist, wie Heinzel 
Hervararsaga 76 (WSB. 1887, 490) gezeigt hat, in folge von 
tonlosigkeit der ersten silbe aus Gotpßti entstanden. 

Wenn uns Ptolemaeus2, 11, 16 als die beiden südlichsten 
stamme der grossen Sxavöla die rovxat und die AavxLcovta 
namhaft macht, so wird man dabei an die Gauten und Dänen 
zu denken haben. Zeuss s. 158 hat kühn genug Aavximveq in 
Hxavdlcovtg ändern wollen; allein dieser name, dem got. ga- 
dauka 'hausgenoss' zur seite steht, ist zweifellos sehr gut über- 
liefert. Umsomehr kommt es in frage, ob man rbvtai unter 
Voraussetzung eines nicht recht begreiflichen fehlers in ravxai 
ändern darf. Wenn es neben dem appellativ *gautaz (=aisL 
gautr, ahd. -gbz und ags. -gdat in namen) ein gleichbedeutendes 
*güiaz (= norw. gut) gegeben hat, wird eben auch ein volk 
*Gautöz und * Gütöz geheissen haben können; ja selbst die 
möglichkeit eines parallelnamens *Gutöz neben *Gautöz kommt 
in betracht Für die festländischen Goten ist es mindesten» 
wahrscheinlich, dass sie *Gutans und * Gutös geheissen haben; 
aber freilich lässt sich die letztere namensform nur mit Sievers 
in Pauls Grundr. 1, 407 aus den in späteren griech. und lat 
quellen hergehenden formen roxd-oi } r6&oi und Gott, Gotti, 
Gothi, keineswegs aber mit Wrede, Spr. d. Ostg. 46 auch aus 
got Gutpiuda und aus dem neben Gotna vorkommenden genitiv 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 181 

Gota von aisl. Gotar erschliessen. Wenn wir aber auch für 
jene rovreu bei *Gü(öz stehen bleiben, so zeigt sich doch 
damit schon, dass es hier so wenig wie bei den *Puronez, die 
auch *Ermunduröz und *Puringöz hiessen, oder bei der gotischen 
Unterabteilung der *Greutung6s, *Grautung6s oder *Grutungö$ 
(s. Wrede, Spr. d. Ostg. 49) auf eine feste form des namens, 
sondern dass es vielmehr auf den begriff desselben ankam. 
Und sollten nicht sowohl * Gautöz und * Gütöz als auch * Gu- 
tonez und * Gulöz ursprünglich alles namen ein und desselben 
Stammes gewesen sein? Als sich teile desselben, von den 
übrigen durch das meer geschieden, selbständig entwickelten, 
konnte die mehrheit der vorhandenen namen leicht verwendet 
werden, um unterscheidende bezeichnungen zu schaffen. Diese 
erwägungen führen darauf, dass es nicht notwendig die Goten 
auf Gotland, sondern dass es möglicherweise die Gauten waren, 
von denen die Weichselgoten ausgiengen. Und vielleicht stehen 
gar die gotischen Greutungi mit den Evagreotingi des Jordanes 
in Zusammenhang, die Müllenhoff, der (s. 63 f.) ihren namen 
aus dem verderbten Evagre Otingis der hss. hergestellt hat, im 
Süden des Wettersees ansetzt. 

Dies hätte allerdings zur Voraussetzung, dass das gotische 
gesammtvolk schon in seiner skadinavischen Urheimat in 
mehrere stamme zerfiel und zwar ganz oder teilweise dieselben, 
die uns nachmals an der Donau und am Pontus entgegen- 
treten. Plinius, Tacitus und Ptolemaeus sprechen allerdings 
nur von Goten schlechtweg; aber wer wollte daraus schon 
folgern, dass die Stammeseinteilung dieses Volkes zu ihrer zeit 
noch nicht bestand? 

Wie viele Gotenstämme wir zu unterscheiden haben, lehrt 
die sage, wenn sie von drei fahrzeugen erzählt, auf denen die 
überfahrt aus Scandza erfolgt sei und aus deren einem, das 
zuletzt das ziel erreichte, die trägen Gepiden hervorgegangen 
seien. Aus den beiden anderen schiffen hat man offenbar die 
Tervingen (Visegoten) und Greutungen (Ostrogoten) hergeleitet 
Der bestand eines vierten Gotenstammes ist aber dadurch aus- 
geschlossen. Keinesfalls wird man also die Taifalen (oder 
Thaifalen?) mit Müllenhoff s. 91 als solchen zu betrachten 
haben, vielmehr als eine lugische oder bastarnische abteilung. 
Auch die a.a.O. vorgetragene erklärung ihres namens, den sie 



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182 MÜCH 

ohne zweifei nach ihrer niederlassung in der 'dakischen ebene' 
erhalten haben sollen, ist in hohem grade bedenklieb. 

Wenn uns Jordanes c. 17 den namen Gepidoios A.x.-aujds 
(Müllenhoff s. 365) fiberliefert, so sind wir dadurch über die 
sitze der Gepiden wenigstens einigermassen unterrichtet. Ueber 
die Stellung der Ostrogoten und Visegoten würden uns ihre 
namen aufklären, wenn es sich nur erweisen Hesse, dass sie 
schon an der unteren Weichsel aufgekommen sind. Auch die 
frage, wie weit sich dort der germanische bereich nach osten 
bin erstreckte, bleibt vorläufig unerledigt, bis uns etwa funde 
eine aufklärung bringen. Von den flössen im osten der 
Weichsel ist Guthalus bei Plinius 4 § 100 entschieden von den 
Goten benannt, 'wenn auch nicht gerade nach ihrem volks- 
namen', wie Müllenhoff s. 209 mit recht betont Der name 
setzt ein zu giutan gebildetes adjeetiv got. *gutals, germ. *gut- 
alaz voraus, bis auf den unwesentlichen suffixablaut dasselbe, 
das dem isl. gutta 'to gurgle, used of the noise made by a 
liquid when shaken in a bottle' (Cleasby-Vigfüsson 221) zu 
gründe liegt. Den namen Xqovoq bei Ptolemaeus 3, 5, 1 hat 
Müllenhoff s. 351 durch hin weis auf aisl. hrynja 'herunterfallen' 
von gewässern 'herabstürzen, strömen', ahd. runen, mhd. rünen 
befriedigend erklärt. Er ist entweder ebenso wie Guthalus ein 
deutscher name für den Pregel oder Guthalus und Xqovoq 
verteilen sich auf Pregel und Alle. 'Povdcov, bei Ptolemaeus 
der name des nächst östlichen flusses nach dem Xqovoq 
also ohne zweifei der Memel, bedeutet so viel als 'der rote'; 
doch ist es nicht entscheidbar, ob das wort gotisch oder aistisch 
ist; vgl. lit. riidas 'rotbraun' und das seiner gestalt und seinem 
Ursprünge nach mit 'Povöcov völlig zusammenfallende lit. rudü 
'herbst', anderseits aber mhd. rot 'rot', roten 'rot werden' 
(neben rot und röten), ahd. rutichön 'rötlich sein', ags. rudu 'röte' 
rudig 'rot'. Wenn der rechte und bedeutendste mttndungsarm 
der Memel lit. Rusne heisst, darf man deshalb 'Povdcov nicht 
in 'Povocov ändern wollen. Gleichwohl wird zwischen beiden 
namen ein Zusammenhang bestehen, denn auch Rusne ist kaum 
etwas anderes als 'der rote' oder 'der rostfarbene'; vgl. lett 
rüsa 'rost', ahd. rosamo 'rubor, aerugo, lentigo' und got *W- 
rusnjan 'verehren' (Kluge EW. 4 284), das ist wohl 'rot werden 
vor jemandem'. Wenn aber auch von den Goten vielleicht 



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GOTEN UND INGVAEONEN 183 

aas ihrer eigenen spräche verstanden, sind Rusne und < Povö<nv 
von haus aus wohl eher aistisch; befand sich doch die bern- 
steinküste nach Tacitus, Germ. 45 in den händen der Aisten, 
nicht in denen der Goten; vgl. Müllenhoff s. 19. 



Grenze der Goten gegen westen ist bei Ptolemaeus die 
Weichsel. Uebersch reiten wir diese in der angegebenen ricbtung, 
so stossen wir bei ihm an der meereskQste zunächst auf das 
volk der ( Pövrixleioi 9 dessen sitze er (2,11,9) als zwischen 
(hkaöova und Oviotovla gelegen bestimmt Wenn andrerseits 
die gotische wandersage bei Jordanes c. 4 von kämpfen der 
Goten mit den Ulmerugi, d. i. Inselrugen auf den Weichsel- 
holmen (Müllenhoff s. 5), berichtet, und Tacitus, Germ. 43 nach 
den Goten längs des Oceans Rugii et Lemovii aufzählt, so 
leuchtet es ein, dass unter jenen K Povrlxisioi Rügen zu ver- 
stehen sind. Dazu kommt, dass Ptolemaeus in ihrem gebiet, 
wenn auch hart an dessen westgrenze, einen ort 'Povyiov an- 
setzt Wenn dagegen Zeuse s. 154 die Rügen in den Sudivol 
(Siöivol) des Ptolemaeus widererkennen möchte, die doch an die 
Goten gar nicht hinanreichen, hat dies lediglich darin seinen 
grund, dass er den namen 'PovrlxXeioi mit dem der später neben 
den Rügen auftretenden Turkilingen verbinden zu dürfen glaubt 
Aber die dabei vorausgesetzte zweimalige buchstabenumstellung, 
durch die 'Povrixleioi aus *TovqIxXuoi und dieses aus 
*TovQxiXeioi entstanden sein soll, ist wenig wahrscheinlich; 
und wie wäre zudem der auslaut in *TovqxIXbioi gegenüber 
Twrcilingi zu beurteilen? POYTIKAEIOI ist doch sicher aus 
POYriKAEIOI verderbt und zeigt uns den anderen gebräuch- 
licheren namen des Volkes mittels eines deminutivsufSxes weiter- 
gebildet: zu germ. *Rugiz verhält sich *Rugiktiö gerade wie 
alts. nessikfi 'w firmchen ' zu nesso 'wurm' oder ahd. gensi(n)- 
kli(n) 'gänschen' zu gans; über die ableitung 8. Kluge, Nom. 
stammbild. § 63. Dass die antike Umschrift dem namen nach 
dem vorbilde anderer volksnamen masculine endung gab, ist 
nicht auffällig. Durch das Verständnis seines suffixes ist uns 
auch seine deutung insoferne erleichtert, als er, wenn er der 
Verkleinerung fähig ist, nur substantivischer, nicht adjeetivischer 
herkunft sein kann. Ags. Holmry(z)um WidsiÖ 21 (dem freilich 



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184 MUCH 

Rugum 69 gegenübersteht), altn. Rygir, langob. Rugiland scheinen 
auf einen t-stamm *Rugi~ hinzuweisen. Der volksname in 
seiner einfacheren gestalt wttrde sich dann völlig decken mit 
ags. ryge, engl, ryc, aisl. rugr 'roggen', aber auch allein mit 
diesem worte. Dadurch wird er freilich noch nicht verständlich, 
allein das verwante lit. rugys bedeutet 'roggenkorn' und erst 
im plural {rüget) 'roggen', so dass auf germ. und slav. seite 
— vgl. slav. ridx 'roggen* — eine bedeutungsentwickelung 
ähnlich wie bei unserem körn vorliegen dürfte. Ein volksname 
des sinnes 'die körn er' und 'die körnlein ' ist allerdings noch 
immer sonderbar; aber vielleicht hat eine geschichte dazu ge- 
hört, die ihn uns verständlich machen würde. Je seltsamerer 
übrigens ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er in Deutsch- 
land und in Korwegen selbständig aufgekommen ist; vielmehr 
werden die Rugii an der Weichsel und die Rygir am Bukke- 
fjord nur durch Wanderung getrennte teile eines und desselben 
volkes sein, über dessen ältere sitze wir freilich ganz im un- 
klaren sind. 

An die < Pov{y)LxXuot schliessen sich auf der ptolemaeischen 
karte in der richtung gegen westen die Uiöivol und weiterhin 
die <PaQaduvol oder <PaQoöeivol an. Beide stamme sind unter 
sieh und von ihren nachbarn durch flüsse geschieden: (xera dt 
tovg Hagovaq dxo xov XaXovCov jtorafiov (itXQ 1 T0 *> Sovi)- 
ßov Jiotafiov &aQaöetvol, eha Siötvol fiixQ 1 T °v Ovuzöova 
Jtorafiot, xäl fiet* avrovg 'PbvrlxXeioi (lixQi tov Oviozovka 
xoraftov. Sowie der letztgenannte fluss ist auch der 2kwijßo$ 
jtora/iog sofort bestimmbar, und zwar als die Oder, da seiner 
2, 11, 8 als des grenzflusses zwischen Semnonen und ßurgunden 
gedacht wird, was nicht gut auf einen unbedeutenderen küsten- 
fluss passen würde. Auch die gradangaben für seine mündung 
im Verhältnis zu denen für die Weichselmündung und für die 
einbuchtung an der ostseite der kimbrischen halbinsel sowie 
seine ins AöxißovQyiov oqoq fallende quelle erweisen ihn als 
die Oder. Sein name macht jedoch Schwierigkeiten. Denn 
die Oder ist gar nicht ein Svebenfluss xax* hgoxqv, weit eher 
noch ein vandalischer, da nur an ihrem mittellaufe, dort wo 
sie das gebiet der Silingen verlässt, etwa von der mündung 
des Bober an, svebische Semnonen ihre anwohner sind, übrigens 
nur an ihrem linken ufer. Auch dass es Sovrjßog und nicht 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 185 

lovTjßixog xorafiog heisst, befremdet auf den ersten blick und 
bringt uns fast dahin, den namen unmittelbar aus dem verbal- 
adjectiv *swcebiz, also als 'den schläfrigen 9 , zu verstehen, was 
ja kein unpassender sinn wäre. Allein, wenn uns auf 
der Tab. Peut ein fl. Patdbus an stelle der Waal begegnet, 
werden wir an der form des namens Sovfjßoq jtota/iog schon 
nicht mehr anstoss nehmen, und was die irrtümliche benennung 
des flusses nach den Sveben betrifft, so ist an das mare Suebi- 
cum, d.i. die Ostsee, bei Tacitus , Germ. 45 und an den Chk- 
vedixoq xoXxoq bei Ptolemaeus 3, 5, 1 zu erinnern. 

Oviaöova und XaXovcog dagegen waren auf der ptole- 
maeischen karte sicher nur als küstenflüsse eingetragen, da sie 
nirgends bei bestimmung der läge weiter landeinwärts wohnender 
stamme benfitzt sind und auch über ihre quellen nichts ver- 
lautet Beide namen sind wohl nur, weil sie grenzflüssen zu- 
kamen, den alten bekannt geworden. Und zwar wird man 
bei der Oviaöova, deren mündung nach den gradangaben 
zwischen die des Sovrjßog und des OviötovXa jtcrrafiog, aber 
etwas näher bei letzterer angesetzt ist, an Grabow, Wippet* 
oder Persante zu denken haben. Dass sie widerum die Oder 
selbst, oder gar deren name aus älterem Viadua, *Wiadwö Von 
den Slaven umgeformt sei, wie unbegreiflicher weise Müllenhoff 
8.209 und Zeuss s. 16 vermuten, ist bestimmt abzuweisen, weil 
nicht die geringste spur vorhanden ist, dass die angaben des 
Ptolemaeus über die germanische Ostseeküste und ihre Völker 
mehrere ineinander geschobene diathesen darstellen. Der name 
des XaXovoog ist an zwei stellen überliefert und hat, verglichen 
mit fltiBsnamen wie Füusa, Suulmusa, ein allzugut germanisches 
aussehen, als dass man dabei mit Müllenhoff s. 212 an Ver- 
derbnis aus *Xaßovlog denken möchte; ja vielleicht ist er 
geradezu eine entsprechung zu dem italischen flussnamen Calore, 
lat Caior, d. i. 'der warme fluss'. Seine gleichsetzung mit der 
Havel würde aber auch allem widersprechen, was wir sonst 
von ihm wissen. Das gilt übrigens ebenso von den versuchen, 
ihn für die Eider oder die erst nach dem ort Haie benannte 
Halerau auszugeben: mündet er doch bei Ptolemaeus in die 
Ostsee. Da sein name eine anknüpfung an einen fortlebenden 
flassnamen des in betracht kommenden bereiches nicht gestattet, 
sind wir ausschliesslich auf die gradangaben angewiesen, durch 



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1 86 MÜCH 

die Ptolemaeus seine mündung bestimmt, wobei aber in betracbt 
kommt, dass diese in den verhältnismässig am besten ge- 
zeichneten teil seiner karte von Germanien fällt Nach diesen 
gradangaben aber, oder vielmehr nach ihrem Verhältnis zu 
denen für die JSovrjßoq, d. i. die Odermiindung, und die 
jiQog dvaroXag km<5TQO(prj an der basis der kimbrischen halb- 
insel ist der XdXovoog xora/iog unschwer als die Warnow zu 
erkennen. 

Die Wohnsitze der ptolemaeischen Siöivol und <PaQaöeivot 
sind also recht gut bestimmbar. Es fragt sich nur, wie sich 
die Lemovn des Tacitus zu ihnen verhalten. Von vornherein 
kommen dabei verschiedene Möglichkeiten in betrachte Ent- 
weder sind die Lemovii dasselbe wie die 4>aQ<xdeivol oder sie 
umfassen auch die Siöivol oder gar auch noch die kleineren 
stamme, die Ptolemaeus im norden der Semnonen namhaft 
macht, wobei natürlich von den Tevzoveq abzusehen ist. Welcher 
von diesen fällen vorliegt, wäre leicht zu entscheiden, wenn 
sich für die $aQ<zöeivoi bei Tacitus anderswo ein unterkommen 
fände. Von seinen Nerthusvölkern hat freilich keines mit ihnen 
etwas zu tun, wie eine eingehende Untersuchung über diese 
noch ergeben wird. Es könnte aber sein, dass sich das macht- 
gebiet der Semnonen zu Tacitus zeit bis an die Ostsee aus. 
gedehnt hatte, und dass er deshalb die Völker im norden von 
ihnen unter ihrem namen mit einbegreift, gerade wie die 
Parmen, Adraben, Rakaten und Baimen unter dem namen der 
Markomannen und Quaden. Schliesslich kann auch ohne solchen 
grund ein stamm übergangen sein. Sind doch auch die Tu- 
banten, Ghattuarier (Marsen) und Ampsivarier in der Germania 
des Tacitus nicht erwähnt, von Dänen und Gauten nicht zu 
sprechen. 

Dass die namen <PaQaöeivol bei Ptolemaeus und Suardones 
bei Tacitus und auch die beiden stamme selbst trotz Zeus» 
s. 154 und J. Grimm GDS. 470 f. nichts mit einander gemein 
haben, bedarf wohl keiner längeren auseinandersetzung. Nicht 
viel besser freilich steht es mit Möllers versuch, Ae. volksepos 
27 f. die <PaQ<xöeivol als die Heaöobearden des WidsiÖliedeß 
und eine Unterabteilung der taciteischen Langobarden zu er- 
weisen. Der name der Heaöobearden ist nur im gen. plur. 
als Hecfoobeardna (WidsiÖ 49. Beowulf 2032, 2037. 2067) über- 



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GOTEN UND INGVAKONEN. 187 

liefert, woraus unbedenklich ein nominativ Ueabobeardan zu 
folgern ist, schon darum, weil * Beordern 'die bärtigen' be- 
deutet, also einen annehmbaren sinn gibt, während eine bildung 
Beardnas nicht recht verständlich wäre. Offenbar aber glaubt 
Höller durch ansetzung des nominativs Heabobeardnas den 
<PaQaöeivol auf halbem wege entgegenkommen zu können. 
Diese selbst nimmt er für BccqöivoI, da Ptolemaeus auch 
$Qovyowöia>veg für BovQyovvölcovsg schreibe. Darauf dürfte 
man sich aber nur berufen, wenn gezeigt werden könnte, dass 
dies wirklich der fall ist. Nach dem was bereits oben s. 40 ff. 
bei besprechung dieser namen gegen die möglichkeit einer 
Umschrift von germ.6 durch lat./; griech.qp vorgebracht wurde, 
kann auch <PaQadeivol nur germ. * Faradinöz widergeben, es 
sei denn, dass dabei ein fehler der Überlieferung vorliegt. 
Ad die möglichkeit eines verderbnisses ist aber höchstens bei 
dem inlautenden A zu denken, das für A verschrieben sein 
könnte. Und neben ahd. wanchaHn, luogalin, folgaHn, ags. hellen 
und zahlreichen anderen ähnlichen bildungen (s. Kluge, Nom. 
stammbild. § 200), wäre in der tat ein germanisches *faratinaz, 
oder — da neben 4>aQaöetvol eine gleichwertige lesart &ctQödeivol 
vorkommt — *farulinaz mit derselben bedeutung wie das 
einfachere aisl. fqrvdl, d. i. l rambling, strolling about', sehr wohl 
möglich. Aber auch einer bildung *faradinaz wird man schon 
wegen got, Uuhadeins gut germanisches aussehen nicht abstreiten 
können. 

Die beobachtung, dass namen von nachbarstämmen mittels 
desselben Suffixes gebildet sind, die wir schon bei den Teurisci : 
Chertuci, Sovöeivol : Bateivol, Tenet eri : Bructeri, Batemi: 
Chamavi gemacht haben, bestätigt sich bei den 4>aQaösivol und 
Iiöivoi aufs neue. Und offenbar entspricht auch hier wie in 
den vorgenannten fällen, soweit wir zu einem Verständnis der 
namen gelangen konnten, der formellen eine bedeutungs- 
beziehung. Wer darum mit Zeuss s. 154 Ziöivol von Ada 'seite, 
kastenstrich' ableitet, wird auch in <PaQ<xöeivoi den hinweis 
auf einen ortsbegriff suchen müssen. Dass sich ein solcher in 
einer ableitung aus der wurzel far leicht entwickeln kann, 
zeigt unser fürt und aisl. fjqrbr, ja selbst das holländische 
wart, das unter anderem 'kanal, graben, fahrwasser' bedeutet 
An fjordähnlichen meeresarmen sassen die <PaQaönvoi zwischen 



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188 MÜCH 

Warnow und Oder in der tat, und das könnte uns noch mehr 
in der Vermutung bestärken, dass ihr name wesentlich dasselbe 
ausdrücke wie der norwegische volksname Firbir. Allein zwei 
namen, von denen der eine 'küstenan wohner', der andere 
'an wohner des fahrwassers' bedeutet, sind schlechte gegenstücke. 
Zudem fehlt es innerhalb des germanischen nahezu vollständig 
an anderweitigen belegen für eine Verwendung des sufSxes 
-Ina-, um örtliche Zugehörigkeit auszudrücken, denn von Peucini 
üevxlvoi Ilsvxivol, dessen sinn gewiss 'bewohner der insel 
Peuke' ist, steht es, da der name dieser insel selbst sicher ein 
fremder ist, bei weitem nicht fest, ob wir es dabei mit einer 
germanischen Wortbildung zu tun haben. Einzig die Xaiöeivol 
bei Ptolemaeus 2, 11, 16, aisl. Heiönir ffeinir sind zweifellos 
bewohner der Heibmork oder Heitir und müssen diesen namen, 
wie sein d gegen /> in got. haipi zeigt, sogar schon vor durch- 
ftthrung des germ. accentes erhalten haben. Ganz sicher ist 
aber der fall auch nicht, denn Heibnir Heinir und * Haidinöz 
stimmt nicht gut zusammen: vielleicht geht also Xaiöeivol 
zunächst auf lat Chaedini zurück, das selbst wider an stelle von 
Chaednii getreten sein könnte, geradeso wie Dulgubini bei Tacitus 
an stelle von Dulgubnii. — Wenn aber gegenüber diesem 
zweifelhaften und jedenfalls vereinzelten falle zahlreiche germ. 
adjeetive auf -in und -atin moralische bedeutung zeigen, so 
wird man auch in gleichgebildeten germanischen volksnamen 
zunächst eine solche in an schlag bringen müssen. Und sind 
wir nicht etwa irre gegangen, wenn wir oben s. 136 in *Si- 
donez den sinn 'die friedfertigen' vermuteten, so dürfen wir 
auch *Sidinöz ebenso verstehen. *Faradinöz *Farudinöz (oder 
*Faraiinöz *Farufinöz) aber kann leicht 'die reisigen, kriege- 
rischen' oder 'die reisläufer' bedeuten: nach was für fahrten 
sollten sie auch sonst benannt sein als nach raub- oder krieg* 
fahrten ? 

Schwierigkeiten bereitet uns auch der name Lemovii bei 
Tacitus und zwar zumal seines Suffixes wegen, das in dieser 
form nicht wohl germanisch sein kann. Ein ausgang -evii oder, 
was aufs selbe hinauskommt, -ivii, wäre dagegen nicht be- 
fremdlich; man vgl. Gambrivii und ffUieviones; denn auch 
letzteres ist wohl nur ein schwachformiges adjeetiv, germ. 
*ülewjonez, das sich zu aisl. illr 'schlecht' verhält wie Garn- 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 189 

brwii zu ahd. gambar: der gesammtname für die skadinavischen 
Germanen stellt sich damit als Spottname den namen Lugii, 
Vandaii, Suebi unmittelbar an die sehe. Ihren ausgang nimmt 
die ableitung -ervja- (-iwja-) vermutlich von u-stämmen; man 
vgl. die griech. movierung yXvxtla ^yXvxifia zu yXvxvg. Da- 
neben konnten aus anderen formen des ursprünglichen paradig- 
mas der adjecti vischen u-stämme, etwa einem nom. acc. plur. 
gen. neutr. auf -ewö auch formen wie got. lasiws ' schwach ', 
also w-ableitungen mit mittelvocal e ohne secundäre/a-ableitung 
entspringen. Deshalb brauchen übrigens nicht alle derartigen 
bildungen wirklich auf u-stämme zurückzugehen, da das suffix 
innerhalb gewisser bedeutungskategorien prodnctiv geworden 
sein kann. Viel zahlreicher als im germanischen sind ver- 
wante ableitungen im keltischen, wo indessen -eu{o- durch 
-ou(o- vertreten wird, geradeso wie uns hier neyio- 'neu' in 
der regel in jüngerer gestalt als nouio- begegnet: vgl. ßrug- 
mann, Grundr. 1, 57. Ist also auch Lemovii in seinem suffixe 
gallischen namen wie Lexovii, Segovii u. a. m. (Zeuss-Ebel GC. 
784) angeglichen und sollte es eigentlich Lemevii lauten ? Wenn 
germanische compositionsglieder in eigennamen wie Hapu-, 
Baja-, ~rtk in lateinischer Umschrift durch gallisches Catu-, 
Boio-, -rtg- ersetzt wurden, warum nicht auch einmal eine 
germanische ableitung durch die ihr entsprechende und ge- 
läufigere gallische? Was die Wurzelsilbe betrifft, sei an kilämo 
'frequenter' Pa. 190, 23 und maniämi 'menschlichkeit' N. ßo 
102 b erinnert, aus denen Eögel, Zs. fda. 33, 24 mit recht auf 
eine ablautende nebenform zu ahd. -luomi geschlossen hat. 
Ans einem worte, das 'frequens' bedeutete, ist ein volksname 
allerdings noch nicht gut zu verstehen; der in einer reihe von 
Zusammensetzungen wie ags. andlöman 'utensiüa, vasa', ags. 
Zeldman ( suppellex, instrumenta', ags. gelöme, ahd. giluomo 
4 frequenter', ahd. gastluomi 'gastlich 1 , scaliduomi 'schattig', suhl- 
htomi 'pestilens' u.a.m. erhaltene germ. adjecti vstamm *Wmu-, 
*lömja- ist aber vielleicht von haus aus derselbe wie in mhd. 
tiieme 'matt, schlaff, mild 1 . Denn von dem begriffe 'milde' 
kann die bedeutung 'nicht kärglich gebend, nicht kärglich vor- 
handen' zu der in obigen Zusammensetzungen entwickelten 
hinüberführen: s. Schmeller BW. 1, 1473. Ist aber mhd. lüeme, 
das mit lahm verwant ist und ursprunglich 'gliederschwach' 



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190 MÜCH 

zu bedeuten scheint (s. Kluge EW. 4 198 unter lahm) , von abd. 
-luomi zu trennen, so kann immer nocb der volksname damit 
zusammengehören , wenngleich wir uns dann auf kilämo und 
manlämi als auf belege für die <§-stufe der gleichen wurzel nicht 
mehr berufen dürften. Was entschieden für Zusammenhang 
mit lahm und lüeme spricht , ist der umstand, dass *lctmewjaz, 
was die bedeutung anbelangt, ein genaues gegenstück zu *gam- 
brewjaz, jünger *gambritvjaz wäre, woraus sich das gleiche 
suffix in beiden fällen am besten erklären würde. Sollte Lt- 
movii etwa aus Lomevii verderbt sein, so bleibt natürlich die 
deutung aus mhd. lüeme umsomehr bestehen. 

Ist es nun ein zufall, dass auch der name Turciiingi, dessen 
beziehung zu "PovrlxXeioi wir abweisen mussten, allem anschein 
nach etwas ähnliches wie 'Schwächlinge' bedeutet? Mit ahd. 
zorhl 'splendidus', wie Zeuse s. 155 wollte, kann er doch kaum 
zusammenhängen, da er sonst nicht einstimmig in allen quellen, 
auch bei Jordanes, der den vandalischen königsnamen *Wisu- 
marhs durch Uisumar widergibt, mit c oder x geschrieben sein 
könnte; wohl aber wird das germ. adj. *turkilaz, das ihm zu 
gründe liegt, bis auf den unwesentlichen suffixablaut dasselbe 
sein, wie das, das aus ahd. zorkotön (Otfr. 3, 23. 25) 'schwer 
erkrankt darniederliegen' erschlossen werden kann. Freilich 
sind uns Spottnamen von Völkern mit dem sinne 'die Weichlinge, 
die Schwächlinge, die schwindsüchtigen ' schon zahlreich genug 
und in den verschiedensten gegenden Germaniens aufgestossen 
und etliche werden uns im folgenden noch begegnen. Ihr 
häufiges vorkommen erklärt sich gerade aus dem hohen an- 
sehen, in dem körperliche kraft und tüchtigkeit bei den alten 
Deutschen standen. Es könnte sich also auch in dem vor- 
liegenden falle widerum um von einander unabhängige be- 
nennungen handeln. Aber dass die nachmals in gesellschaft 
der Rügen auftretenden Turkilingen deren alte nachbarn ,die 
Lemovier, sind, ist an und für sich schon nicht unwahrscheinlich. 
Wer sollten sie sonst auch sein? Und müsste es nicht be- 
fremden, wenn die germanischen Ostseeanwohner zwischen 
Ragen und Sachsen sich schon vor der völkerwanderungBzeit 
spurlos verloren hätten? 

Dass Rügen und Lemovier keine Goten sind, ist bereits 
oben s. 179 bemerkt worden, ebenso, dass es an beweisen für 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 191 

ihre Zugehörigkeit zu deu Vandilen durchaus gebricht. Mit min- 
destens ebensoviel recht wie zu diesen , dürfen wir sie zu den 
Ingvaeonen zählen, zumal Plinius die Teutonen (unter deren 
fälschlich verwendetem namen er die küstenvölker der Ostsee 
bis zur Weichsel versteht, da sie an anderer stelle bei ihm 
angeblich nach Pytheas als nachbarn der Goten auftreten) als 
einen teil der Ingvaeonen aufführt Oder tut er dies nur, weil 
die Kimbern Ingvaeonen waren und er die Teutonen zur ge- 
sellschaft der Kimbern rechnet? Wenn die Rügen und Le- 
movier bei Tacitus nicht einen teil der Nerthusvölker, sondern 
eine gruppe für sich bilden, so ist das kein grund gegen ihre 
Zugehörigkeit zu den Ingvaeonen im allgemeinen; denn die 
Nerthusvölker bilden doch innerhalb dieser einen engeren kreis, 
aus dem einige stamme bereits herausgetreten sind: auch die 
Chauken, die Plinius den Ingvaeonen beizählt, rechnet ja 
Tacitus nicht zu den Nerthusvölkern. Und ebenso besteht der 
cultverband, dessen mittelpunkt der Semnonenhain war, zu 
Tacitus' zeit nur noch aus Sveben, nicht auch aus Chatten und 
Cherusken, die doch nach Plinius auch Erminonen waren. 
Rügen und Lemovier dürften bereits ihr besonderes stamm- 
heiligtum der erdmutter gehabt haben und sie gerade mögen 
jene pars Sueborum sein, bei der nach Tacitus, Germ. 9 die 
Isis verehrt wurde, d.i. die Nerthus in einer äusserlich ab- 
weichenden auffa8sung: vgl Zs. fda. 35, 327, wo nur noch un- 
gerechtfertigter weise dem namen Vandilen die herkömmliche 
falsche ausdehnung gegeben wird. 

Ueber Vermutungen kommen wir bei all dem freilich nicht 
hinaus; und ebenso bleiben wir über die äussere abgrenzung 
der Ingvaeonen nach westen noch sehr im unklaren. Dass 
die Angrivarier, Ampsivarier, Ghasuarier und Friesen zu ihnen 
gehören, kann bei jedem dieser stamme weder mit bestimm t- 
heit behauptet noch in abrede gestellt werden. 

Viel besser sind wir über den bereich des cultverbandes 
der Nerthus unterrichtet oder doch an der band der quellen 
ans zu unterrichten in der läge; und ein gleiches gilt bezüglich 
der Stellung der einzelnen stamme, die ihn bildeten. 

Wenn Tacitus, Germ. 40, nachdem er von den Langobarden 
gesprochen hat, fortßthrt: Reudigni deinde et Aviones et Anglii 



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192 MUCH 

et Varini et Eudoses et Suardones et Nuithones fluminibus auf 
silvis muniuntur, so weist schon das deinde darauf hin, dass 
hier bei der aufzählung eine gewisse Ordnung eingehalten ist 
Die Reudigni sind darum als nordnaehbarn der Langobarden 
zu denken und somit dasselbe volk wie die 2ät-oveg des Pto- 
lemaeus, die sich nach dessen zeugnis (2, 11,7) vomüiXßig bis 
zum. XaXovoog noTapog über den ansatz der kimbrischen halb- 
insel (fori xov avxiva rijg KipßQcxijg xtQöovrioov) hinerstrecken. 
Reudigni, von dessen endung dasselbe gilt wie von Marsigni 
(8. oben 8. 111), läset auf germ. *Reudingöz schliessen und hat 
mit ried, ahd. riot, älter hriot, alts. hreod, ags. hreod schon 
des anlautes wegen nichts zu tun. Mit recht hat man dagegen 
got gariups oepvog, gariudi öefivottjg, gariudjo alöcig zur er- 
klärung beigezogen; aber freilich war es verfehlt, diesen Worten 
zu liebe die Reudigni als oefivoi zu verstehen, denn dieser sinn 
kommt erst durch Zusammensetzung mit ga- zu stände : gariups 
bezeichnet einen, der öfter rot wird, und daher einen scham- 
haften, ehrbaren; beim volksnamen dagegen haben wir uns 
an das einfache germ. *reudaz zu halten. Dieses ist eine ab- 
lautform von rot, germ. *raudaz, scheint aber eine eigentümliche 
bedeutung ausgebildet zu haben: denn wenn der Gote den 
begriff oe/ivog durch gariups, nicht durch *garaups ausdrückte, 
mus8 ihm *riups von der röte des gesichtes gegolten haben, 
und ebenso ist aisl. rjWr soviel als 'ruddy* (s. Cleasby-Vig- 
fiisson 500); man beachte besonders den ausdruck rautian ok 
rjötian, der Rfgsm&l 21 von Karl, dem söhne des Afi und der 
Amma, gebraucht wird, wobei das erste beiwort auf die färbe 
des haares, das andere auf die des gesichtes, zumal der wangen, 
sich bezieht und das blühende aussehen kennzeichnen soll. 
Reudigni * Reudingöz wird man demnach als Meute von röt- 
licher, blühender gesichtsfarbe* zu verstehen haben. 

Einen anderen alten namen der Sachsen bewahrt uns das 
WidßiÖlied. Und zwar ist dies der name Myrgingas, den man 
bisher irrtümlich mit dem der Maurungen zusammengebracht 
und für den einer svebischen abteilung gehalten bat Dato 
hat freilich das WidsiÖlied selbst anlass gegeben. Denn wenn 
es unmittelbar, nachdem vom kämpfe der Engte mit den Myr- 
gingas und der festsetzung der grenze zwischen beiden die rede 
war, im v. 43 f. mit beziehung auf diese grenze heisst: hioidon 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 193 

/brft sippan Engte and Sw&fe swä hit Offa gestög, so scheint 
die gleichsetzung der Sw&fe und Myrgingas gerechtfertigt, ja 
sogar geboten. Allein Saxo Grammaticus (ed. P. £. Müller 1, 
170 ff.) berichtet uns von einem kämpfe des Uffo mit den 
Sachsen, der unbestritten derselbe ist wie derjenige mit den 
Myrgingas, auf den das WidsiÖlied anspielt und im selben 
locale ausgetragen wird: wie im ags. liede Fifeldor, so wird 
bei Saxo die Eider (fluvius Eidorus) genannt, was ganz auf 
das gleiche hinauskommt Die Sachsen können aber unmöglich 
als Sveben bezeichnet werden. Auf der einen oder anderen 
seite muss daher ein irrtum vorliegen, und auf welcher dies 
der fall ist, kann auch sofort als ausgemacht gelten, da an 
der Eider niemals Sveben, wohl aber Sachsen nachbarn der 
Angeln waren und mit ihnen krieg führen konnten. Die Sachsen 
sind zudem im ersten katalog des WidsiÖ gar nicht genannt, 
was doch sehr auffallen müsste, wenn sie sich nicht hinter 
den im v. 22 aufgeführten Myrgingas verbergen. Wenn es 
ferner v. 22 f. heisst: Witta weold Swdfum, Wada Hdßlsingum 
(Hcelsingum?) , Miaca Myrgmgum, Mearcheatf Hundingum, so 
können Sw&fe und Myrgingas nicht dasselbe sein, es sei denn, 
daas von diesen beiden benachbarten versen der eine unecht ist 

Engte and Sw&fe im v. 44 muss nun notwendig in Engle 
and Seaxan gebessert werden. Die Verwechslung der Sachsen 
und Schwaben ist nicht allzu auffällig, wenn sonst im ger- 
manischen epos Eruier und HeaSobearden, Langobarden und 
Goten verwechselt werden. Noch dazu liegt bei diesen seiten- 
Btücken der grund des irrtums bei weitem nicht so klar zu 
tage als in unserem falle. V. 61 lautet nämlich: Mid Englum 
ic wces and mit Sw&fum and mit Afaenum; und waren hier 
Angeln und Schwaben in stehender Verbindung, so konnte diese, 
so lange das lied mündlich überliefert wurde, leicht auch im 
v. 44 das ursprüngliche Engte and Seaxan verdrängen. 

Myrgingas und Mauringa unter einen hut zu bringen, werden 
wir uns nun nicht mehr bemühen. Ohnedies hat alle an- 
strengung in dieser richtung bisher nichts gefruchtet Man 
sieht nicht ein, was es helfen soll, wenn man mit MttUenhoff 
s. 97. 99 Mj}rgingaland und MQrging schreibt: das g bleibt dabei 
immer noch unerklärlich. Auch von einem grammatischen Wechsel 
von w aus gw vor -mg flir die starken casus mit g vor -ung 

B«itrigt nr getohlohte der dratochen iprmohe. XVII. 13 



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194 MUCH 

für die obliquen , wie Möller will (Ae. volksepos 28), kann hier 
nicht wohl die rede sein, da das w in maratvi, muruwi schon 
ein vorgermanisches ist, wie die keltischen entsprechungen 
zeigen: vgl. 8. 112. Heinzel, der die Unvereinbarkeit von Maur- 
ing und Myrgmg richtig erkennt, vermutet deshalb, Ostg. helden- 
sage (WSB. 119 [1889]), 25, dass ags. Miering volksetymologisch 
zu mirige 'merry' gestellt wurde; und da nunmehr von einem 
zusammenhange mit Mauring abzusehen ist, wird es in frage 
kommen, ob Myrgingas nicht von haus aus als eine Weiter- 
bildung aus myrge mirige zu gelten hat. Allein dieses wort 
weist ebenso wie ahd. würg 'mutabilis', murgfäri 'caducns, 
fragilis, transitorius' und got. gamaurgjan 'kürzen' auf germ. 
*murguz = griech. ßga/vg zurück (s. Kluge, Nora, stammbild. 
§180. Noreen, Urg. judL 7), heisst also ursprünglich 'kurz', 
dann 'kurzweilig', aber auch im ags. noch nicht 'munter, fröhlich' 
von pcrsonen, geschweige denn in der zeit, da der name Myrg- 
ingas aufgekommen ist. Neben germ. *murguz ßQccxvc scheint 
es aber noch ein ähnliches, mit lat. marcere, marcescere, mar- 
cidus verwantes germ. wort gegeben zu haben. Man vgl. mhd. 
murc 'morsch, faul' das allerdings nur im nom. (im reim auf 
burc) belegt ist: 8. Lexer, MW. 1, 2250; vor allem aber mittel- 
deutsch morgen, morghen 'saft- und kraftlos, schlaff, mager 1 
(Weigand DW. 2, 77). Aisl. morkinn 'putridus' zeigt dagegen 
andere abstufung des gutturals, die vielleicht aus einer vorgerm 
Stammform mrknö- zu erklären ist. Man beachte übrigens die 
gleichartige ableitung in md. morgen, aisl. morkinn und in norw. 
maiiren 'sprod' (Aasen 484). 

Es scheint also hier widerum ein namenpaar nach art von 
Varisli : Naristi, X)fiavol : Manimi, HovXcovsg : Schi, MaQOvtvyoi 
: Juthungi vorzuliegen. Zu den beiden letztgenannten namen 
stimmt Myrgingas : Reudigni zudem in der bedeutung: wie jene 
'die schlaffen' und 'die jugendfrischen', sind diese 'die saft- 
und kraftlosen' und 'die mit blühender gesiehtsfarbe'. Ver- 
mutlich ist der Spottname den Sachsen von ihren mit ihnen 
verfeindeten nordnachbarn, den Angeln, aufgebracht, jedenfalls 
aber viel länger festgehalten worden, als man ihn in seinem 
ursprünglichen sinne verstand. Wenn bei Saxo (ed. P. E. Müller 
1, 387) dem könige Sigurd Ring die worte in den mund ge- 
legt sind : ex parte adversa perpaucos Bonos esse, Saxones < 



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GOTEN UND INGVAEONEK. 195 

phtres aiiasque effoeminatas gentes in acte stare, so ist hierbei 
der vorwarf gegen die Sachsen nicht so zugespitzt, dass man 
ihn mit einem geläufigen auf sie gemünzten scheltworte in 
Verbindung bringen dürfte. Die stelle ist aber mit ein zeugnis 
dafür, wie gerne gerade Völker, denen kriegstttchtigkeit als das 
höchste galt, ihren gegnern diese abstritten; vgl. auch Saxo 
p. 300. 303. 

Von dem festen grund, den wir bei den Reudigni des 
Tacitus bereits gewonnen haben, ist es nun ein leichtes weiter 
fortzubauen. Zunächst folgen diesen in seinem Verzeichnisse 
die Aviones und dann gleieh die AngliL Da wir aber die 
Angeln bereits aus dem WidsiÖ als die nordnachbarn der 
Sachsen auf dem festlande kennen gelernt haben, kann es 
ans nur willkommen sein, wenn uns der wortsinn des namens 
der Aviones gestattet, ja sogar nötigt, mit ihnen auf die inseln 
hinauszurücken. Denn klärlich sind die Aviones germanische 
*An>jonez, gotische * Aujans Inselbewohner': vgl. J. Grimm 
GDS. 472. Es fragt sich nur, ob sie nach westen oder osten, 
ob sie auf die nord friesischen oder dänischen inseln gehören. 

Die enteren kommen wegen ihres geringen umfanges als 
bereicb eines besonderen volksstammes von vornherein schon 
weniger in betracht, und man wird sich daher lieber für die 
anderen entscheiden; zuversichtlich aber dann, wenn gezeigt 
werden kann, dass sie noch zum gebiete der Nerthusvölker 
gehören, und dass uns ein anderer volksname, den wir auf sie 
ansetzen könnten, von Tacitus nicht zur Verfügung gestellt 
wird. Haeht doch dessen Verzeichnis der Nerthusvölker durch- 
aus den eindruck der Vollständigkeit 

Die frage, die wir uns hier gestellt haben, hängt aufs 
innigste zusammen mit der nach der läge der Nerthusinsel 
selbst Wenn wir auch diese hiermit neuerdings aufwerfen, 
soll damit nicht gesagt sein, dass sie nicht schon da und dort 
richtig beantwortet wurde; aber, wo dies der fall war, geschah 
es nur ganz zufällig und ohne dass man die wirklich stich- 
haltigen gründe vorgebracht hätte. Und doch liegen diese 
nahe genug. 

Wenn es heute nicht mehr möglich ist oder nur durch 
fände ermöglicht werden könnte, die stelle des svebischen oder 
logischen stammheiligtumes zu ermitteln, so liegt der haupt- 

13* 



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196 MÜCH 

grund hierfür darin, dass das eine wie das andere in einer 
gegend lag, die von Germanen in der völkerwanderungszeit 
verlassen wurde und an ihrer statt slavischen einwanderen! 
zufiel. Im bereiche der Nerthusvölker dagegen trat lediglich 
ein germanischer stamm an stelle von anderen, von denen 
überdies reste genug mit der neueingedrungenen nordischen be- 
völkerung verschmolzen, um dieser die alten Überlieferungen zu 
vermitteln. Auch erhielt sich das heidentum hier so lange, dass 
wir über seine formen und seine cultstätten gut unterrichtet 
sind. 

Von vornherein aber und aus ganz allgemeinen gründen 
ist es die insel Seeland, die hier unsere auf merksam keit auf 
sich lenkt Denn wo sollten sich die Germanen die erntesegen 
spendende erdmutter besonders heimisch gedacht haben, als in 
dem fruchtbarsten lande, das sie von haus aus besassen? Das 
ist aber unbestreitbar Seeland. Mit recht wird diese insel von 
Adam von Bremen in der Descriptio insularum aquilonis 7, 370 
als opuleniia frugum celeberrima und von Saxo in der vorrede 
seines geschichtswerkes (ed. P.E. Müller 1, 11) als conspicua ne- 
cessariarum rerum ubertate laudanda und amoenitate cuncias 
nostrae regionis provincias antecedens gerühmt: sie ist auch 
heutzutage weitaus die blühendste provinz des dänischen 
Staates. 

Mit dieser natürlichen beschaffenheit des landes wird es 
wohl zusammenhängen, wenn von der sage Seeland als der 
eigenste erwerb der göttin Gefjon hingestellt wird, in der wir 
Zs. fda. 35, 327 bereits die Nerthus erkannt haben. Freilich hat 
Müllenhoff 8. 362 den Schauplatz der ganzen sage von GeQon 
und Gylfi nach Schweden verlegen wollen, wegen der angeblich 
nur aus einer falschen etymologie herstammenden Verbindung 
Seelands (das als f Seeland' gefasst wurde, wogegen es ur- 
sprünglich Selttnd d. i. 'die an Seehunden reiche insel* tuess: 
s. Bugge, Arkiv 6, 237 ff.), mit dem Mälarsee. Doch findet sich 
eine anspielung auf die sage schon in einer Bragi dem alten 
zugeschriebenen strophe, die dann falsch und diesem erst sehr 
spät untergeschoben sein mttsste, da zu seiner zeit der naine 
der insel noch nirgends volksetymologisch entstellt war. Zu- 
dem bedeutete $&r im aisl. gar nicht und auch im altdän. nicht 
in erster reibe 'see' in unserem sinn, d. i. c stehendes binnen- 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 197 

£e wässer \ Aber wenn man Müllenhoff schon zugeben wollte, 
dass die Verbindung Seelands mit dem Mälarsee nur die folge 
einer Volksetymologie sei, so ist damit noch gar nicht aus- 
gemacht, ob der see oder ob die insel der sage ursprünglich 
angehört Es würde vielmehr erst darauf ankommen, welche 
Torstellung natürlicher erscheint, die des lospflügens einer insel 
vom gegenüberliegenden lande, von dem sie nur durch einen 
sund getrennt ist, oder die von Müllenhoff vorausgesetzte des 
herauspflügen8 eines gar nicht natürlich begrenzten landstriches 
aus einem see, noch dazu einem rings von felsigen ufern ein- 
geschlossenen und mit inseln übersäten, wie es der Mälar ist 
Freilich konnte, wenn die ursprüngliche gestalt der sage die 
war, dass Seeland durch Gefjon von Schonen abgepflügt wurde, 
das land nicht von haus aus als einem Schwedenkönig Gylfi 
abgenommen und nicht als dem Dänenreiche erst zugefügt er- 
scheinen. Aber hier kann leicht eine Verschiebung stattgefunden 
haben, indem an die stelle der Ingvaeonen in der herschaft 
über Seeland und damit auch in der sage, die gleichfalls ursprüng- 
lich ingvaeonisch gewesen sein wird, die Dänen traten: notwendig 
musste dann, weil Schonen auch dänisch war, der könig, dem 
Gefjon das land abnimmt, nach Schweden hinausgerttckt werden. 
Auf diese art erklärt sich sogar ganz einfach und ungezwungen 
die gewiss auffällige und anstoss gebende Verbindung der insel 
mit einem so ferne liegenden locaL Eine Übertragung Gylfis 
von einem nichtschwedischen volke auf die Schweden muss 
doch auch Hüllenhoff annehmen, ohne dass er indes einen grund 
für sie anzugeben weiss. 

Wenn uns in der Ynglingasaga c. 5 erzählt wird, dass 
OÖinn die Gefjon dem Skjoldr, dem ersten könige von Däne- 
mark, vermählt habe, so haben wir allein deshalb, weil die 
übrigen quellen dieses umstandes geschweigen, auch noch nicht 
grund genug, dabei an eine erfindung des Snorri zu denken. Da 
vielmehr Skjtfdr, der in der Fms. 5, 239 als Skdnunga goti be- 
zeugt ist, in den ags. genealogien als Sceldwa oder Scyld mitten 
unter Frey- und NjorÖhypostasen seinen platz hat und an der 
spitze der HleiÖrkönige ebenfalls Stammvater eines Frey- 
geschlechtes ist, nur NjorÖr selbst sein kann, und andrernolts 
Gefjon die Nerthus ist, so tritt uns hier deutlich das ehevor- 
bnndene göttliche geschwisterpaar und zwar in beziehnun|r iu 



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198 MÜCH 

Seeland und den HleiÖrkönigen entgegen. Dass diese so viel- 
fach Vertreter von Vanengöttern sind — man denke nur an 
die verschiedenen FröÖi — weist schon darauf hin, dass vor 
allem den Vanen zu ehren in HleiÖr (Lederun) jene grossen 
opferfeste gefeiert wurden, von denen noch Thietmar von Merse- 
burg 1, 9 berichtet: sie sind auch gar nichts anderes als das 
Fröblod, das nach Saxo (ed. P. E. Müller 1, 50) von Haddingus, 
selbst einem deutlichen Vertreter des NjgrÖr, eingesetzt wurde. 
All das lässt uns HleiÖr als eine alte und zwar als die im 
ganzen bereich der Dänenherschaft weitaus bedeutendste Vanen- 
cultstätte erkennen. Und da der ort auf einer meeresinsel 

— auf Seeland — gelegen ist, ja sogar der see in seiner 
nächsten nähe nicht fehlt — es ist der Videsß bei Ledreborg, 

— so ist nicht zu zweifeln, dass wir dort an der stelle des 
ingvaeonischen Nerthustempels stehen. Ja auch der name 
Hleibr, der als appellativum im nordischen nicht belegt, aus 
dem ablautenden got. hleipra oxtjvy jedoch in seinem sinne 
verständlich ist, stammt wohl noch aus vordänischer zeit und 
erhält uns die ingvaeonische bezeichnung fttr das gebäude, in 
dem wagen und bild der göttin verwahrt wurden. 

Dem ansatz der taciteischen Avionen auf den dänischen 
inseln steht also nichts mehr im wege. Wir werden aber so- 
gleich widerum fragen, wie sich Ptolemaeus zu ihnen verhält 

Wir finden bei diesem gewährsmanne als nordnachbarn 
der Sdgcoreg drei- stamme verzeichnet: im westen SiyovXmrsg, 
weiter östlich SaßaXlyyiot , am östlichsten Koßavöol. Es ist 
aber recht befremdlich, dass die kimbrische halbinsel gerade 
dort, wo sie am schmälsten ist, drei Völkern neben einander 
räum gewährt haben soll Andrerseits spricht Ptolemaeus von 
drei kleineren Skandien, d. i. Seeland, Fttnen und Laaland- 
Falster, die indessen auf seiner karte auf einen bruchteil ihres 
umfanges eingeschrumpft sind; und vielleicht hängt es damit 
zusammen, dass er aus ihrem bereich keinen volksnamen tiber- 
liefert. Aber sollte ihm oder seinem gewährsmanne von dort 
in Wahrheit keiner zugekommen sein? Setzte er namen die 
auf die inseln gehört hätten auf das festland, so machte er 
sich nur desselben fehlers schuldig wie Tacitus, der von seinen 
sieben Nerthusvölkern, die inselbewohnenden Avhnes einge- 
schlossen, Germ. 40 sagt: fluminibus aut silvis muniuntur. Wenn 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 199 

wir bei beiden dieselbe folge in der aufzählung voraussetzen, so 
müssen wir mit den drei nach den Hdgcoveg, d. i. den Reudigni 
des Tacitus, aufgeführten namen gegen osten ins meer hinaus- 
rücken: ihre dreizahl entspricht dann nicht nur den drei Skan- 
dien des Ptolemaeus sondern auch der tatsächlichen gliederung 
des landes. Aviones bei Tacitus dagegen ist der alle drei 
stamme umfassende gesammtname. 

HtyovXmvsg scheint schwache form eines germanischen 
adjectivs *sigulaz zu sein, das wie got sakuls zu sakan, aisl. 
gjyfull zu gefa, ahd. ezzal zu ezzan (s. Kluge, Nom. stammbild. 
§ 192) zu ahd. alts. sigan, ags. sigan, aisl. siga gehören wird. 
Abgesehen von der hier nicht verwendbaren ursprünglichen 
bedeutung des Wortes heisst ndl. zij'gen auch * hinfallen, in Ohn- 
macht fallen', ebenso mh(L seiger nicht nur 'langsam tröpfelnd', 
sondern auch 'matt, marcidus', ahd. seiglxh 'languidulus'; norw. 
sigm 'sanken, lidt falden eller sammentrykt' und daneben 
'trat, madig, udmattet' (Aasen 643). 

Ziehen wir die Übrigen germanischen volksnamen zum 
vergleich bei, so fällt uns der anklang an MovyiXcovec bei 
Strabo p. 290 auf, und dieser ist um so merkwürdiger, als sich 
uns für *Sigulonez eben die bedeutung 'die hinfälligen, ohn- 
mächtigen ', für *Mügilonez früher (s. 51) gerade die gegenteilige, 
nämlich 'die mächtigen, starken' als wahrscheinlich ergeben 
hat. Sollte hier etwa ein ähnliches Wortspiel vorliegen wie 
bei Varisti Naristi, durch beide namen also derselbe stamm 
bezeichnet werden? Bestätigte sich das, so würde damit unsere 
Vermutung über die weite erstreckung des machtbereiches des 
Haroboduus — denn zu seinem anhange werden die Movyl- 
lovsq gerechnet — einen starken rüekhalt gewinnen. 

Und wirklich lässt sich auch SaßaUyyioi bei Ptolemaeus 
mit Ikßivol bei Strabo vereinigen, zu dem es sich etwa so 
verhalten kann wie Sibeke zu Savulo Seafola Sabene. 2aßa- 
Uyyioi setzt ein aus der verbalwurzel sab saf (in ahd. in-, 
wi-seffen, alts. af-, an-sebbjan = lat sapere) gebildetes adj. 
* sabal az 'verständig, scharfsinnig' voraus (vgl. Müllen hoff, Zs. 
Ma. 6, 459), aus dem dann mit dem so vielfach verwendeten 
suffix -inga- eine Substantivierung erfolgen konnte. Dass der 
volksname patronymischen Charakter habe, wie Henning, Runen- 
denkmäler 124 vermutet, scheint mir eine ferner liegende mög- 



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200 MÜCH 

lichkeit zu sein, die sich gleichwohl Dicht ganz abweisen lässt. 
Das i der ableitang ist wohl zu streichen; oder soll es eine 
zwischen gemeingerm. -inga- und nord. -ingjan- (Klage, Nom. 
§27) mitten inne stehende gleichbedeutende ableitung -mgja- 
gegeben haben? JSißivol dagegen kann zu einem germ. ad- 
jectiv *seblnaz (got. *sibeins) gehören, das zu *sebö(n), alts. 
sebo, ags. sefa, aisl. seft ebenso gebildet wäre wie etwa alts. 
mtiin l feindselig* zu niS; vgl. Kluge, Nom. stammbild. § 199. 
Der einwand, dass es bei Strabo dann Seßivol heissen mtoste, 
ist nicht stichhaltig, da wir auch schon bei Velleius Paterculos 
Sigimerus und bei Ptolemaeus OvtoßovQyiot angetroffen haben 
(vgl. oben s. 133). 

So wie statt SaßaXlyytoi SaßaXLyyoi, so erwarten wir 
umgekehrt statt Koßavöol Koßavöiol; vgl ahd. arandi 'rauh' 
und barranti 'starr 1 (Kluge, Nom. stammbild. §235). Eine Ver- 
derbnis wäre aber hier sehr leicht aus dem Cubandi = Cubandii 
einer lat. vorläge zu erklären. Was die wurzel betrifft, darf 
man vielleicht an norw. kubbe (und kubb) m. 'klods, blök, kort 
stump af en trostamme' (= isl. kubbi, kubbr, schwed. kubb, norw. 
kubben (kubbut, kubbel) 'but, stump, rundagtig'), noget tyk og 
kort' erinnern, denn germ. *kubdn4/az 'stumpf, kurz' würde 
derselben bedeutungskategorie wie ahd. arandi, barranti an- 
gehören. Und widerum lässt sich auch Bovtovbq bei Strabo, 
wie es überliefert ist, in einem ganz ähnlichen sinne verstehen: 
isl. butr und kubbi, kubbr, norw. butt und kubbe, kubb ist durch- 
aus gleichbedeutend und ndl. bot, ndd. but, dän. but, span. 
boto, franz. bot in pied-bot 'klumpfuss' soviel als 'kurz, stumpf, 
plump'. 

Als die östlichsten in der den taciteischen Aviones ent- 
sprechenden Völkergruppe bei Ptolemaeus sind die Koßavöol 
auf Seeland anzusetzen, also dort, wo uns nachmals Eruier 
begegnen« 

Die hindeutung auf die wohnsitze dieses Stammes bei Ma- 
mertinus Paneg. Maximiniano Aug. dictus (a. 289) c 5 (viribus 
primi, loci* Ultimi barbarorum) und ebenso die bei Sidonius 
Apollinaris in seiner epistel aus Burdegala 8, 9 (Hie glaucis 
Heruhu genis vagatur, lmos oceani cotens recessus, Algoso prope 
concolor profundo) wäre allerdings auch zu verstehen, wenn 
sie vom söd- oder nordufer der ostsee kamen; dass aber das 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 201 

Dicht der fall ist, ergibt sich aas der naohricht des Jordanes 
e. 3, dass die Dänen (die ursprünglich in Schonen sassen) die 
Eruier aus ihren Stammsitzen vertrieben hätten: Dani ex ipsorum 
(Scandzae cidtorum) stirpe progressi, *qui Hertüos propriis 
sedibus cxpiderunt. Das alte Eruierland muss darnach einen 
teil des späteren Dänemark ausmachen. Ueberdies hat Müllen- 
hoff, Beovulf 31 ff. durch eine lichtvolle Untersuchung gezeigt, 
dass auch noch die dänische königssage, vor allem im Beowulf 
und WidsiÖ, die erinnerung an siegreiche kämpfe der Dänen 
mit Erulern auf Seeland bewahrt, wenn auch die letzteren 
nicht mehr unter diesem namen bekannt sind« Selbst die zeit, 
in die ihre austreibung fällt, lässt sich einigermassen bestimmen, 
wie dies ebenfalls schon Müllen hoff, Beovulf 30 f. versucht hat 
Denn im jabre 459 und zuletzt unter der regierung des west- 
gotischen königs Eurik werden noch Eruier aus der Ostsee er- 
wähnt (8. Zeuss s. 479), im jähre 512 aber, als ein teil der von 
den Langobarden besiegten Donau-Eruler nach norden zurück- 
wandert, sitzen sogar am Kattegat bereits Dänen und ein selb- 
ständiges Eruierreich im norden besteht damals nicht mehr, 
wie aus dem berichte Prokops Ober jene rück Wanderung, De 
b. Goth. 2, 15 (s. Zeuss s. 481) deutlich hervorgeht — Dar- 
nach ist es, wie ich beiläufig bemerken will, gar nicht aus- 
geschlossen, dass erulische runendenkmäler auf uns gekommen 
sind, und es verdient gewiss beachtung, dass das Hariso der 
spange von Himlingoje auf Seeland sonst als germanischer 
name nicht belegt ist, ausser gerade als erulischer auf einer 
insehrift, CIL. 5, 8750. 

Wenn im WidsiÖ und Beowulf die Eruier unter dem namen 
der HeaÖobearden auftreten, so wird dieser irgendwie von den 
Barden im Bardengau, den Bardi bellicosissimi Helmolds, auf 
sie übertragen worden sein. Werden sie nebenbei WidsiÖ 47 
Wicinga cynn genannt, so lässt dies allerdings noch einen zweifei 
zu, ob dabei ein anderer eigentlicher volksname vorliegt. Wenn 
es aber v. 59 heisst : Mid Wenlutn ic rvces and mid Wffrnum and 
mid Wicingum, so wird es schon (trotz Müllenhoff, Beovulf 97) 
völlig klar, dass Wicmyxs in der tat ein ags. name für die 
Eruier gewesen sein muss. Und zwar stimmt derselbe sehr 
wohl zu der tatsache, dass diese vom ende des 3. bis in die 
zweite hälfte des 5. Jahrhunderts hinein als äusserst verwegene 



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202 MUCH 

Seeräuber die küßten des Römerreiches verheeren: vgl. Zeuss 
8. 477 ff. Vielleicht hat gar zur ausbildung des begriffes wiking 
der umstand mit beigetragen, dass das volk der Wikinge ein 
seeräubervolk xar £§oxtjv war. Germ, wlkingaz scheint von 
haus aus weitere bedeutung gehabt zu haben. Wenn Möllenhoff 
Beovulf96 (Bugge, Studien 1881 8.6 folgend) der meinung ist, 
dass die Angelsachsen die bei ihnen einbrechenden und in festen 
lagern sich einnistenden nordleute nach ags. wie als rvicingas 
Magerer' bezeichnet hätten, so widerspricht dem schon die Ver- 
wendung des wortes als name für die Eruier; ausserdem war 
das aufschlagen von lagern doch nichts für die nordischen See- 
räuber im gegensatze zu anderen, die in fremdem lande krieg 
führten, charakteristisches. Aber die herleitung von wie kann 
man gelten lassen: *mkingaz wird ursprünglich derjenige sein, 
der sich im lager — im gegensatze zum hause — aufzuhalten 
pflegt, der also den krieg als beruf gewählt hat; man vgl die 
worte, die Caesar BG. 1,36 dem Ariovist in den mund legt: 
inteüecturum , quid invicii Germani, exercitatissimi in armis, qui 
int er annos XII 11 tectum non subissent, vir tute possent; ferner 
Ynglingasaga 34: vdru margir sebkonungar peir er ritiu litii 
miklu, ok dt tu engl lond\ pötti sä einn meti fltflu heita mega 
sdkonungr, er hann svaf aldri undir sötkum äsi, ok drakk aidri 
at arinshorni. Unter solchen umständen fällt es auf, dass die 
naebbarn der Eruier- Wikinge, die Dänen mit älterem namen 
bei Ptolemaeus Aavxlcoveq heissen, worin wir bereits eine ab- 
leitung von germ. *dauka- 'haus' erkannt haben. Es liegt nieht 
ferne, hier an einen gegensatz der im hause zu den im lager 
lebenden zu denken. Aber besser noch wird man germ. *Dauk- 
jonez als olxslot in dem sinne 'die freundlichen, die ver- 
trauten' verstehen. 

Auch auf die möglichkeit eines anderen gegensatzes zwischen 
Dänen und Erulern sei noch hingewiesen. Wenn es bei Jordanes 
c. 3 heisst: Suetidi cogniti m hac gente corpore eminentiores: 
quamvis et Dani, ex ipsorum (Scandiae eultorum) stirpe progressi 
Herulos propriis sedibus expulerunt, qui inter omnes Scandiae 
nationes nomen sibi ob nimia proceritate affeetant praeeipuum, 
so erfordert hier der ganze Zusammenhang eine Verschiebung 
des qui an die stelle unmittelbar vor Herulos, es sei denn, dass 
wir einem so schlechten Stilisten wie Jordanes eine nicht sinn- 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 203 

gemässe ausdrucksweise zumuten; sicherlich wird nur von den 
Dänen ausgesagt, dass sie sich auf ihre körpergrösse etwas 
besonderes zu gute taten. Und war das der fall, so konnten 
sie sehr wohl ihre kleiner gewachsenen nachbarn als 'knirpse' 
bezeichnen. Nichtsdestoweniger möchte ich auf die früher er- 
wogene etymologie von Koßavöol und Bovroveg kein besonderes 
gewicht legen, so lange es an älteren belegen für eine wurzel 
kub und but 'kurz, stumpf gebricht. Auch sind die germa- 
nischen stammnamen bei Strabo dort, wo wir sicher wissen, 
am welche es sich handelt, zum teile so entsetzlich verunstaltet, 
dass wir für die übrigen nichts gutes voraussetzen dürfen; ja 
es müsste uns fast wunder nehmen, wenn uns irgendwo eine 
ganze gruppe von wohl erhaltenen aufstiesse. Was oben über 
die MovylZcoveg , Sißtvol und Bovroveg gesagt wurde, kann 
deshalb nicht als mehr denn eine möglichkeit gelten, neben der, 
wie ich denke, als am meisten in betracht kommend diejenige 
bestehen bleibt, dass der herschenden annähme gemäss Bov- 
roveg und Sißivol für rovroveg und 2iöivol verderbt ist; das 
mitteninnestehende MovylXcoveg brauchte man dann nur in 
VovytXcoveg zu ändern, um an die zwischen Goten und Sidinen 
sesshaften Rügen anzuknüpfen; denn wenn diese *Rugtz und 
daneben *RugikRö hiessen, warum nicht auch mit einem dritten, 
nur mittels eines anderen deminutivsuffixes gebildeten namen 
*Rugüoncz? 

Um nun wider zur kimbrischen halbinsel zurückzukehren, 
so müssen dort die XaXoi des Ptolemaeus den Anglii des 
Tacitus entsprechen, falls wir recht hatten, die JSiyovlcoveg, 
Saßallyyuoi, Koßavöol des einen zusammen den Aviones des 
anderen gleichzusetzen. Sicher sind die Angeln nicht Be- 
wohner des Winkels'; vielleicht aber ayxvZopijroi und mit dem 
namen XdXoi vom hehlen als 'die verschlagenen, listigen' be- 
zeichnet: vgl. norw. haai (=» aisl. hau, ahd. hdli, mhd. hmle), das 
nicht nur 'glat, slibrig' sondern auch 'slu, listig 9 bedeutet (Aasen 
272) und neben dem gleichbedeutendes schwedisches hol auf eine 
ablautende nebenform mit kurzem vocal hinzuweisen scheint, 
da man als entsprechung zu aisl. hall im schwedischen häl 
erwartet 

Weiterhin stehen sich XaQovdeg und <Powöovcuot bei 
Ptolemaeus und Varini Eudoses bei Tacitus gegenüben Greterer 



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204 MÜCH 

stellt die &ovvöovöioi in den westen, die XctQovdeg in den 
osten. Damit stimmt es freilich nicht, dass das land, das den 
namen der letzteren fortbewahrt, flgrö d Jötlandi (Fornald. 1, 
1 14), dän. Harthesyssel, jetzt Harsyssel, zwischen dem Limfjord im 
norden und der Sk&rnaa im sttden, an der Westseite der jütischen 
balbinsel gelegen ist (s. Nielsen, Bidrag til oplysning om syssel- 
inddelingen i Danmark 64. Bugge, Beitr. 12,10). Allein das 
braucht uns nicht zu beirren, da in Jtttland in folge der aus- 
Wanderung eines teiles seiner ingvaeonischen bewohner und 
des eindringens der Dänen eine Verschiebung der stamme nach 
westen hin erfolgt sein kann, wie uns eine ähnliche vielfach 
anderorts begegnet: man denke nur an die läge desgaues Borahtra 
oder Hattuaria im vergleich zu den alten sitzen der Bruktern 
und Chattuarier. 

Ob die namen Varini und XaQovöeg zu einander in irgend 
welcher bedeutungsbeziehung stehen, ist schwer zu sagen, da sie 
sieb unserem Verständnis überhaupt nicht voll erschliessen. Von 
dem ersteren läset sich wenigstens mit einiger Sicherheit be- 
haupten, dass er von haus aus eine participialbildung sei zur 
germ. verbal wurzel war 'sehen, achten auf, sorgen für', die 
uns schon im namen Varisti in veränderter bedeutung unter- 
gekommen ist. Das später vielfach begegnende Vorm Ovüqvoi 
(s. Zeuss 361 ff.) zeigt dieselbe ableitung ohne mittel vocal, ist 
also als germ. *War-nöz neben *War-enöz anzusetzen, sofern nicht 
ein got plural *IVarn6s, gen. *Wärn£ mit synkope wie in haipno 
'heidin* (s. Kluge in Pauls Grundr. 1,381) anlass zu dieser 
jüngeren Schreibung gegeben hat. Was den namen der Haruden 
betrifft, so stimmt derselbe in seiner bildung auffallend zu der 
unseres Held. Man vgl. Harudes bei Caesar, Charydes auf 
dem Mon. Ana, XaQovdeq bei Ptol., Harudi in den Ann. Fuldens^ 
Arodus bei Paulus Diac, "Aqov& bei Prokop und Agatbias, 
Harud Haruth im Necr. Fuld. (Förstemann DN. 1, 636), ArocM 
statt Arothi Harothi (s. Mttllenhoff s. 66) bei Jordan es, altn. 
HgrÖir (auf dem Rökstein noch gen. sing. Harups) mit aisl. 
holdr; üdoQÖog bei Prokop mit aisl. hauldr (Noreen, Urgerm. 
judL 44); Hceretialand in der Sachsenchronik, *H<Brttias im 
WidsiÖ, Beeret! im Beowulf und ahd. Harid, Harido (Förstemann 
DN. 1, 637) mit ags. hceleöas, ahd. helid, alts. helip. Wegen 
des wechseis von germ. d und p im suffixe muss dessen dental 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 205 

▼orgerm. t gewesen sein. Lägen einzig die formen mit mittel- 
vocal u vor, so dürfte man unbedenklich verwantschaft mit 
griech. xovQtjrsg, KovQrjteg annehmen. Da das r\ in diesen 
worten doch wohl erst aus dem nom. sing, eingedrungen ist, lässt 
sich für sie eine grundform xoq/stsq erscbliessen und zu dieser 
konnte sich germ. *harwupez *harwudez, das lautgesetzlich zu 
*harupez *harudez werden musste, ebenso verhalten wie aisl. 
tylör hgidr (aus halupr) zu kelt calet- in Caletes u. a. m. (s. 
oben 8. 15). Griech. xovqtjtss bedeutet 'junge mannschaft'; 
das wort wäre also auch vorzüglich geeignet, einen volksnamen 
abzugeben; und Kovqtjtsq heisst in der tat nicht nur ein priester- 
geschlecht des Zeuss auf Kreta, sondern auch ein alter volks- 
stamm in Aetolien. Allein ags. HcercÜas ist aus einer grund- 
form *Koructes schlechterdings nicht zu erklären. Es bliebe 
also, wenn man die in betracht gezogene etymologie dennoch 
aufrecht halten wollte, als einziger ausweg die annähme übrig, 
dass die in der tat in alter zeit auch bei den Ingvaeonen nicht 
belegte namenform mit e der ableitung einer jüngeren an- 
gleichung an das ähnliche und bedeutungsverwante hceletias 
ihren Ursprung verdanke; und das liegt durchaus nicht ausser 
dem bereich der Möglichkeit, wie zahlreiche verwante Vorgänge 
zeigen. 

Von dem einklang der namen der norwegischen ffgrbir 
und der ingvaeoniscben Charudes gilt dasselbe, was früher 
Ober die den ßgrtiir benachbarten Rygir und die südgermanischen 
Rugü bemerkt wurde. Wir haben widerum eher an ethno- 
graphischen Zusammenhang als an eine zufällige gleiche be- 
nennung zu denken. Die Ifarudi der Ann. Fuld. werden wohl 
ein an den Harz versetzter bruchteil derjtttländischen Haruden 
sein und identisch mit den Warnen der lex Angliorum et 
Werinorum und des Fredegar c 15. Wenn ihr name nur 
antikisierte benennung der 'bewohner des hardtes' wäre, 
so müsste man Harudes erwarten; denn so lautet der name 
bei Caesar und auch bei Orosius (6, 7) Arndts. 

Hat sich bisher für die gleichung der XctQovösg und Varini 
kein unmittelbarer beweis ergeben, so wird sie doch in hohem 
grade wahrscheinlich, wenn gezeigt werden kann, dass die 
&ovpdov0ioi des Ptolemaeus dasselbe sind wie die Eudoses des 
Tacitus. Und das ist in der tat möglich. Unter den hilfsscbaaren 



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206 MÜCH 

des königs Ariovist werden uns nämlich von Caesar BG. 1, 37 
Sedusii und Harudes genannt. Da aber das anlautende S in 
Sedusii leicht erst aus dem vorausgehenden Nemetcs angeschleift 
ist, und die handschriften des Orosius (6, 7), der die stelle nach 
Caesar widergibt, Eduses, Edures, Eudures bieten, haben schon 
Zeuss s. 152 und Müllenhoff, Zs. fda. 10, 563 den namen be- 
richtigt. Was dessen flexion betrifft, meint letzterer wohl mit 
recht, dass sie bei Orosius dem vorangehenden Vangumes, 
Nemetes gleichgemacht sei. Statt Sedusii bat es also *Eudusii 
zu heissen, und das ist wesentlich derselbe name wie Eudoses 
bei Tacitus. Die *Eudusii und Harudes Caesars entsprechen 
aber doch wohl den <Povröovöioi und XaQovöeg des Ptolemaeus, 
und daraus ergibt sich sofort die gleichheit der <Povvöovötoi 
und der Eudoses und in zweiter folge die der <PovvöovGioi 
Xciqovöbc; und der Eudoses Varini. 

Freilieb <Povvdovoioi mit Zeuss s. 151 f. J. Grimm 6DS. 
738 und Müllenhoff, Zp. fda. 9,242 in Evöovowt zu dernän, 
halte ich für viel zu gewagt. Und warum sollten hier nicht 
wider zwei verschiedene nur an einander anklingende namen 
desselben volkes vorliegen? 

Eudoses bei Tacitus hat Möller, Beitr. 7, 505 f. für Eudoses 
genommen und als einen eigentümlichen nom. plur. eines a- 
stammes erklärt. Davon wird aber wegen des *Eudusii bei 
Caesar nicht mehr die rede sein dürfen. Vielmehr ist o hier 
— wie in Gotones Gothones bei Tacitus sogar in der Stamm- 
silbe — für germ. u geschrieben. Der name ist also wohl von 
haus aus ein adjeetivischer f-stamm, wobei die form mit zu- 
tretender ja-ableitung vom femininum ihren ausgang nehmen 
wird. 

Oewis hat Müllenhoff, Zs. fda. 10, 562 nicht mit unrecht 
Eudusii mit aisl. jöti n. ( proles' zusammengestellt. Wenn da- 
gegen Möller, Beitr. 7, 506 dessen Stammsilbe mit der in Jade 
(mit fries. iä aus eu) gleichstellt, so möchte ich doch auch dies 
nicht zurückweisen, vielmehr scheinen mir beide ansichten ganz 
gut vereinbar zu sein. Der name Juthungi im verein mit Eu- 
tharicus erweist zur genüge, dass wir von vorgerm. eut, 
nicht eudh, wie Kremer, Beitr. 8, 437 wollte, auszugehen 
haben. Das ist aber offenbar dieselbe wurzel, aus der lat 
üter 'schlauch' entsprungen ist, und auf eine andere ablaut- 



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zedby G00gle 



GOTEN UND INOVAEONEN. 207 

stufe derselben wird man üterus 'bauch, mutterleib', besonders 
'trächtiger mutterieib' zurückführen dürfen. Was die bedeutungs- 
entwiokelung anbelangt, ist an das seitenstQck von ags. codd 
'schlauch, sack, hülse', aisl. koddi 'polster' und got. qipus, aisl. 
kvitir, ags. cwiti, abd. quid 'bauch, mutterschoss', ahd. quoden 
'femina, interior pars coxae', got. lausqiprs 'nüchtern', aisl. 
kobri 'tierhode', mnd. koder 'wampe' zu erinnern. Auch der 
Obergang von dem begriff 'schwangerer mutterieib' zu dem 
von 'kind' ist leicht begreiflich. Jade bedeutet also 'sack, 
schlauch 9 geradeso wie Codanus, das schon Müllen hoff & 284 
mit ahd. quoden und seiner sippe verglichen hat und nur den 
lauten nach nicht ganz oorrect als germ. *quebn ansetzt; und 
um so passender ist ein solcher name für einen an der seite 
der breiten Wesermttndung gelegenen aber selbst nicht mit 
einer flussmttndung verbundenen meerbusen: vgl. unser Sack- 
gasse. Es fragt sieb nun, an welche stufe der bedeutungsent- 
wieklung des zu gründe liegenden Stammes die ableitung Eu- 
doses Eudusii anknüpft Es könnte in ihr sehr wohl derselbe 
begriff enthalten sein wie im namen Juthungi, den wir wegen 
seines gegenstöckes *Maurungi MaQovivyot auch jetzt noch wie 
oben s. 85 als 'die jugendfrischen ' verstehen werden. Allein 
germ. *Eudusez *Eudusjöz zeigt nicht nur eine sehr alter- 
tümliche ableitung, sondern erweist sieb auch durch sein d 
gegenüber dem p in Juthungi und Eutharicus, womit 
auch aisl. jtö unmittelbar zusammengehören dürfte, als eine 
schon in der zeit vor durchftthrung des germanischen acoentes 
erfolgte Wortbildung, und unter solchen umständen ist es wohl 
gestattet, von einer älteren bedeutung des Stammwortes aus- 
zugeben. Die *Eudusez *Eudusßz erscheinen uns dann als 
'ulerini', als 'die leiblichen, echten sprösslinge', als t ywjaoi i 
oder 'germani'. Dabei beachte man, dass sich in allen diesen 
Worten der begriff des Ursprunges aus demselben und dem 
echten stamme, demselben uteras y mutterleibe, yivoq oder 
germen festgesetzt hat — Was es nun mit den <Powöovöioi 
ftr eine bewantnis hat, bedarf keiner langen auseinandersetzung: 
sie sind germanische *Fundusjöz d. i. 'findelkinder'; vgl. ahd. 
fimdaimg, mhd. fundelinc oder funtktnt, engl. foundHng. Denen, 
die als besonders stammecht gelten wollten, hielt man ent- 
gegen, dass sie leute unbekannter herkunft, von den eigenen 



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208 MUCH 

eitern nach der geburt ausgesetzt and von fremden gefunden 
und aufgezogen worden seien. 

Und nun lässt es sich gar nicht mehr verkennen, welche 
bedeutung gerade bei Ptolemaeus den spott- und Übernamen 
zukommt, ja dass dessen berichterstatter sie regelmässig bevor- 
zugen, wo mehrere namen einer Völkerschaft zur Verfügung 
standen. Das wird vielleicht nicht so sehr in einer tendenz 
als in der socialen Stellung derselben ihren grund haben. Es 
ist gewis nicht gleicbgiltig, ob ein germanischer fürst, ein hoher 
adeliger, ein heldensänger die quelle ethnographischer nacb- 
richten ist, oder ob sie dem munde eines fahrenden possen- 
reissers, eines händlers, eines Soldaten entstammen. Wenn sieh 
heute ein fremder durch einen niederösterreichischen bäuerlichen 
Viehhändler über die nachbarländer unterrichten lassen wollte, 
würde er vielleicht auch statt von Oberösterreichern und Steirern 
von Mostschädeln und Kropfjodeln zu hören bekommen. — 

Für verwant mit Eudoses hat man ursprünglich allgemein 
auch den namen Juten genommen: so Zeuss & 146. J. Grimm 
GDS. 738 und Mttllenhoff, Nordalb. Studien 1, 119; wogegen 
später der gedanke an eine solche verwantschaft, da diese den 
lautgesetzen widerspräche (s. Möller, Beitr. 7, 506), ebenso all- 
gemein und unbedenklich wider aufgegeben wurde. Und gar 
nicht mit vollem rechte.- Denn zwischen germ. eud- und eut- 
kann ganz gut dasselbe Verhältnis bestehen wie etwa zwischen 
isl. bläubr, ags. bliad, ahd. blödi einerseits und mhd. bl&z, aga. 
blSat, aisl. blautr andrerseits, wobei die form mit tenuis auf 
einer n-ableitung bei sufiixbetonung beruht: aus vorgerm. eulno- 
musste germ. eutto und weiterhin euto- euta- werden; vgl. Noreen, 
ürgerm.judl.§37,2. §39,3. 

Dass der name Juten ursprünglich nicht einen dänischen 
stamm bezeichnet, sondern einen den Angeln verwanten, erhellt 
daraus, dass Beda 1, 15 (vgl Zeuss s. 497) neben Angeln und 
Sachsen auch Juten unter den germanischen eroberern Britan- 
niens nennt und ihnen die besiedelung von Kent, Wight und 
Hampshire zuschreibt, wo doch überall später altenglisch ge- 
sprochen wurde. Dieser umstand veranlasste Möller, Ae. volks- 
epos 88 ein von den skadina vischen Jötar (deren namen er 
als germ. Jeuto-z im nom. sing, ansetzt) verschiedenes volk der 
Juten in Britannien anzunehmen, das er von den Saxones Eben 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 209 

(d. L Eutin) und Euthiones herleitet Letztere sind ihm eine 
chaukische abteilung, deren reste er ohne weiteres an die nieder- 
ländische koste setzt, von wo die übrigen nach. Britannien 
hinübergezogen seien. In Wahrheit aber gibt es gar keine 
Saxanes Eucii, da beide namen an der betreffenden stelle in 
dem briefe des Frankenköniges Theodebert an kaiser Justinian 
selbständig und einander beigeordnet sind (s. Zenss s. 387), wie 
schon daraus hervorgeht, dass sonst der Sachsen daselbst, ob- 
wohl sie in einem abhängigkeitsverhältnis zu den Franken 
standen, gar keine erwähnung geschähe. Ags. Siotas Siotas 
aber, dem zu liebe Möller den namen der dänischen Jdtar im 
altgermanischen mit j anlauten lässt, ist, was seinen anlaut 
betrifft, entweder so wie geormen für formen yrmen zu beurteilen 
— wie dies Mttllenhoff s. 206 und ten Brink, Beowulf 205 
getan haben — oder es ist in dieser gestalt ein lehnwort 
aus dem dänischen. Jötar braucht also beileibe nicht aut 
altes *Jeutöz, sondern kann ganz wohl auf *Eutöz oder *Eut- 
onez zurückgehen, wozu jene Eucii (= Eutii) und Euthiones, 
d. L *Eutjöz *Eutfonez, und die Ytas, Ytt oder Ytan des Wid- 
siö trefflich stimmen, da der unterschied der ableitung doch kaum 
von wesentlicher bedeutung ist. Es werden also Zeuss s. 501 und 
J. Grimm GDS. 738 im rechte bleiben, wenn sie die Juten für einen 
ursprünglich deutschen stamm halten. Nachdem ein teil desselben 
nach Britannien Übergesiedelt war, haben die übrigen den 
Dänen sich unterworfen und mit dänischen einwanderern ihr 
land geteilt Von diesen haben sie nach und nach die nor- 
dische spräche angenommen, wogegen sie ihren stammnamen 
auf ihre neuen berrn übertrugen, doch so, dass diese deshalb 
den namen Dänen nicht aufgaben, der nur fortan als der 
weitere erscheint — Um so grösser ist unter solchen umständen 
die Versuchung, den namen der Juten als den eines vordänischen 
Stammes mit dem der Eudoses in Zusammenhang zu bringen. 
Wie uns dann deren andenken der name Jütland forterhält, so 
finden wir das der Angeln im namen des landes Angeln, das 
der Haruden im namen des Harsyssel bis auf unsere tage 
bewahrt 

Aber auch im WidsiÖlied zeigten sich alle ingvaeonischen 
stimme der kimbrischen halbinsel, soweit wir sie bisher kennen 
gelernt haben, vertreten: die Reudigni Sagovsq als Myr gingas, 

Btltrigt sar goachiobte der deuteohen iprache. XVIL 14 



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210 MUCH 

die Anglii XdXoi als Enpe, die Varini XaQOvdeq als Warnas, 
die Eudoses <Povvöovöioi als Y'tas (oder Y'te, Y'tanl). Doch 
bewahrt das ags. epos mindestens noch einen namen der nach 
Jütland gehört. Wenn man nur zu dem gen. plur. Wendla im 
Beowulf 348 und dem dat. plur. Wenlum im WidsiÖ 59 einen 
nom. Wendle, nicht, wie man bisher getan hat, Wendlas ansetzt, 
kann dieser name genau dasselbe ausdrücken wie Wendilenses 
bei Saxo, aisl. Vandilsbyggjar , Vendilfolk, nämlich bewohner 
yon Vendül, dem nördlichsten teile von Jütland bis zum Lim- 
fjord: vgl. den norw. volksnamen Firbir 4 an wohner des 
fjords', ags. Myrce 'bewohner der marken'. Auf das einmal 
bei Saxo vorkommende Wandali wird man sich dabei freilich 
nicht berufen dürfen, weil das nur antikisierung ist Natürlich 
kann Wendla, Wenlum auch zu einem nom. Wendlas — lat. 
Vandili gehören, also eine form des Vandalennamens sein. 
Aber was Mttllenhoff gegen die seit Grundtvig im norden 
hergehende auffassung der angelsächsischen Wendlen vorbringt, 
ist kaum stichhaltig. Einen 'amtmann des Vendsyssel' werden 
wir uns unter dem am hofe des Dänenköniges HroÖgar 
weilenden Wendla leod Wulfgar nicht vorstellen dürfen. Aber 
kann es nicht der fürst eines von den Dänen unterworfenen 
und noch nicht in ihnen aufgegangenen ingvaeonischen Stammes 
sein? Das liegt doch wohl näher, als dass er von den Wan- 
dalen gekommen sei, die zu HroBgars zeit längst aus dem ge- 
sichtskreise der Angeln ausgetreten waren. Warum die auf- 
fassung der Wendeln als bewohner des Vendsyssel, wie Mttllen- 
hoff, Beovulf 89 meint, voraussetzen würde, dass Vendill schon 
zum dänischen reiche gebort habe, ehe die Angelsachsen ab- 
zogen, ist mir nicht verständlich. Gegen die Müllenhofische an- 
nähme spricht auch v. 59 des Widsißliedes: Mid Wenlum and 
mid Wcernum and mid Wicingum; denn mit Warnen und Wikingen, 
d. i. Erulern , zusammen ist doch eher ein drittes von den 
Nerthusvölkern genannt als ein so entferntes, wie es die Van- 
dalen waren. 

Für die Wendle des Beowulf und WidsiÖ erwarten wir 
aber bei Tacitus und Ptolemaeus eine entsprechung, und es ist 
nur in der Ordnung, wenn bei diesem über den XaQovöeq und 
<Povvöov0iot als nördlichstes volk der halbinsel noch die KlpßQoi 
genannt werden. So viel ist auch jetzt schon klar, dass man 



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GOTEN UND tNGVAEONEN. 211 

diesen namen bei ihm gar nicht beseitigen könnte, ohne dass 
eine lücke zurückbliebe, dass er also nicht erst in folge einer 
falschen localisiernng, wie Mttllenhoff dartnn wollte, an seine 
stelle gelangt ist Im gegenteile muss der eine name KlfißQoi 
den zwei namen Suardones (Suarines) und Nuit(h)ones bei 
Taeitus die wage halten. Und das mag sogar auffallen. Aber 
werden nicht auch umgekehrt die Mattiaci des Taeitus durch 
die 'fvTjQltDPEg und 'ivrovsQyoi des Ptolemaeus vertreten, die 
Hermunduri des einen gar durch die TevQioxat/iai, OvaQyla>pe$, 
KovQlcoveg und Xcutovcoqoi des andern? Und sind die Bruktern, 
Friesen, Chauken je in zwei Unterabteilungen geschieden, warum 
soll ähnliches nicht auch bei den KlpßQoi der fall sein? Taeitus 
und Ptolemaeus lassen sich hier sehr einfach in einklang bringen, 
wenn man die Suardones (Suarines) und Nuit(h)ones für gau- 
yölker der KlfißQoi nimmt. Die sache kann sich freilich auch 
anders verhalten, da es doch nicht völlig ausgeschlossen ist, 
dass bei Ptolemaeus ein volk Übergangen ist. Zuversichtlicher 
lassen sich dalier nur die Sätze aufstellen : alle Nuii(h)ones sind 
Kimbern, alle Wendle sind Kimbern, alle Nuit(h)ones sind Wendle. 
Ueber das Verhältnis der Suardones (Suarines) zu den Kimbern 
sind zweifei möglich. Und wenn sie selbst zu diesen gehören, 
ist damit noch nicht gesagt, dass sie auch ein teil der Wendle 
sind, denn diese können sehr wohl mit den Nuit(h)ones ganz 
und gar zusammenfallen. 

Wenn Möller, Ae. volksepos 6 vorschlägt, statt Nuilhones 
Vithones zu lesen, und den stamm dieses namens an die Widau 
(älter Withä) in Schleswig rückt, Hesse sich das nur unter der 
Voraussetzung rechtfertigen, dass die aufzählung der Nerthus- 
rölker bei Taeitus eine ganz ordnungslose ist Zudem läset 
sich der name eines flusses Withä allerdings verstehen, jede 
stütze aber fehlt für die annähme, dass nach einer *Wlpahwö 
deren anwohner einfach *Wtponez geheissen haben können. 
Will man aber umgekehrt den fluss nach dem volke benannt 
sein lassen, so mttsste der volksname selbständig erklärt werden 
können. Was aber sollte *Wtponez bedeutet haben? Auch 
scheint es mir gar nicht die beste art zu sein, sich des ver- 
derbten Nuithones oder Nuilones zu entledigen, wenn man das 
anlautende N einfach streicht 

Mit Verderbnissen werden wir ja hier sicher rechnen müssen. 



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2l2 MUCO 

Und wer kühn genug ist, mag aus Suardones und Nuitones 
kurzweg Suartones und Huitones herstellen. Als *Swartonez 
und *Hmtonez, 'die schwarzen' und 'die weissen', so etwa nach 
der verschiedenen färbe ihrer schilde oder ihrer tracht benannt, 
wären die beiden stamme als gauvölker der Kimbern ein- 
leuchtend gerechtfertigt Und wenn ein par mindere hand- 
schriften in der tat huitones bieten, so zeigt das, wie leicht N 
und H verwechselt werden konnten. Aber Tacitus, der germ. 
*ffrö/iartks durch Cruptorix widergibt, hätte wohl auch für 
germ. *Hwitonez nicht Huitones sondern Quitones geschrieben. 
Und schon gar nicht Suardones für *Swartonez; denn auf Aev- 
66qi£ bei Strabo oder <Pqovöu; statt <Pqovxu; bei Ptolemaeus 
(s. Glück s. 35) oder Badaus auf einer inschrift (GSL 6, 3240) oder 
das schwanken der hss. zwischen Aduatuci und Atuatuci darf 
man sich nicht berufen, weil in Bachen der rechtschreibung 
jeder Schriftsteller und jede Urkunde aus sich selbst heraus be- 
urteilt werden muss. Wenn dagegen J. Grimm, GDS. 472 die 
Suardones unter der Voraussetzung als 'die schwarzen' gelten 
lässt, dass dabei, wie übrigens auch in Eudoses gegenüber 
Jötar, d noch der dem got / vorausliegende unverschobene 
laut sei, so wird ihm darin niemand mehr beipflichten. 

Eine andere erklärung, die er s. 471 vorträgt, knüpft nach 
dem vorgange von Zeuss, s. 154. 476 an got *swaird, ahcL 
swert an, nach dem die Suardonen so benannt wären wie die 
Saxonen nach dem sahs. Die Sweordweras des WidsiÖ 62 kämen 
dieser erklärung natürlich sehr zu statten. Allein für die wider- 
gäbe von germ. er durch ar findet sich sonst kein beleg, da 
Arminhis lateinisch und Arpus ein germanischer *Arpaz nicht 
*Erpaz ist: s. Zs. fda. 35, 365. Die Zusammenstellung mit ah<L 
eidswart bei MüUenhoff, Zs. fda. 11,287 ist schon mit rücksieht 
auf die grundbedeutung von 'schwören* und auf den mangel 
des zu erwartenden präfixes ga- wenig ansprechend. Endlich 
hat gleichfalls aus gründen der bedeutung auch unser schwarte 
aus dem spiele zu bleiben; denn was wäre mit einem namen 
des sinnes Meute mit behaarter haut' anzufangen? 

Uebrigens ist es sehr fraglich, ob Suardones die richtige 
form des namens ist, da die hss. B C c einstimmig Suarines 
bieten, dem nur in b vom corrector ß dones übergeschrieben 
ist, von den geringeren hss., die zum teil Suardones haben, 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 213 

abgesehen. Freilich trägt Suarines den Stempel der Verderbnis 
deutlich an sich, da latinisierungen germanischer n-stämme 
nach dem vorbilde von homo hominis nicht üblich sind und es 
Suarini heissen müsste, wenn eine ina-ableitung wie in Charini 
oder eine ina-ableitung wie in Varini vorläge. Die Verschieden- 
heit der lesarten bereitet hier deshalb besondere Schwierigkeiten, 
weil es auf den ersten blick gar nicht begreiflich ist, wie die 
eine aus der anderen oder beide selbständig aus einer dritten 
entsprungen sein können. Vielleicht aber verhält sich die sacbe 
so, dass Suardianes das ursprüngliche war. Daraus konnte durch 
überspringen des i beim abschreiben einerseits die lesart Suar- 
dones entstehen. Eine in einer hs. angebrachte correctur in 
gestalt eines zwischen d und o übergeschriebenen i konnte 
andrerseits leicht als eine correctur für die lautgruppe do auf- 
gefasst, Suardones also bei neuerlicher abschritt durch Suarines 
widergegeben werden. *Suardiones aber Hesse sich als germanisch 
*Su-ardjonez fassen, das heisst als die schwache form eines 
bahuvrihiadjectivs, bestehend aus der partikel su 'wohl' und 
einer ja-ableitung, sei es von einem unserem art, mhd. ort oder 
von einem ahd. ort f. 'ackerung', alts. ard m. 'wohnort', ags. 
eard m. 'wohnort, heimat, läge', aisl. grb f. 'ernte, ertrag' ent- 
sprechenden urgerm. worte. Die *Suardjonez sind darnach 
entweder 'die wohlgearteten ', wobei als an ein gegenstück an 
die keltischen Anartes zu erinnern wäre; oder sie sind 'die 
gutes ackerland besitzenden '. In letzterem falle würde sich 
*Su-ar4fonez, was form und inhalt anbelangt, keltischem Su- 
estiones an die seite stellen, das bei Zeuss-Ebel GC. 10 als 
'bene statuti, locati' erklärt wird: eine deutung, zu der als 
schlagende bestätigung der hinweis auf Caesar B6. 4 nach- 
zutragen ist, wo die Remen von den Suessionen, ihren nach- 
barn, berichten : latissimos feracissimosque agros possidere. 

Einfacher liegt die sache bei den Nuithones. Mit nurtones, 
das allein in der hs. b sich findet, und dessen r noch dazu 
durch den corrector ß in i gebessert ist, ist nicht viel zu machen, 
denn den begriff 'die nördlichen' hätten die Germanen sicher 
nicht durch *nurponez ausgedrückt; eher noch dürfte man 
dahinter eine ablautform zu dem s. 73 angezogenen aisL njarti 
vermuten. Man wird aber von dem weit besser belegten Nui- 
thones oder Nuitones auszugehen haben« Die frage ob / oder 



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214 MUCH 

th das richtige ist, wird nicht so sehr durch den stand der 
Überlieferung als vielmehr erst durch die etymologie entschieden 
werden können. Wenn wir im übrigen an dem namen, wie er 
auf uns gekommen ist, nichts ändern wollen, müssen wir, da 
es einen germanischen diphthong ui nicht gibt, Nu-ithones ab- 
teilen. Das wäre dann eine bildung nach art von got. * Gibida, 
*Gipida, Darida, gepid. Fastida, ahd. leitido 'führer', was die 
ursprüngliche betonung anbelangt allerdings nur mit letzterem 
übereinstimmend. Zum wortstamme halte man ahd. nüan, aisl. 
nüa, gnua neben got. bnauan ( zerreiben'. Aber mit *Aüiponez 
1 zerreibern ' ist doch nichts anzufangen. Und ein Verderbnis 
liegt hier allzu nahe, freilich keines von denen, die man bisher 
in anschlag gebracht hat Allein NVITONES kann auf die 
leichteste weise der weit aus NVTIONES verschrieben worden 
sein. Germanische *Nutjonez würden sich aus got. nuts (in 
unnutjans), unserem nütze, mhd. nütze, ahd. nuzzi, ags. nytt 
erklären lassen, und um so besser, als das ablautende aisl« 
ni/tr nicht nur 'utilis', sondern auch 'benignus, beneficus, strenuus' 
bedeutet und widerholt als auszeichnendes beiwort für personen 
gebraucht wird. Ob diese erklärung das richtige trifft oder 
nicht, ist übrigens für den gang unserer Untersuchung nicht 
von belang. 

Wohl aber ist ein wort über den namen Kimbern hier 
am platze, denn wenn dieser in der tat keltisch wäre, wofür 
MüUenhoff s. 117 und andere ihn halten, so könnte natürlich 
ein stamm dieses namens an der nordspitze Jütlands niemals 
bestanden haben. Wie sich indes aus einem worte cirn oder 
richtiger cimb, das zuerst silber bedeutet haben soll, nach dem 
glossarium von Cormac aber von dem silber, das den Fomori 
(Seeräubern, Wikingen) als zins (eis) gegeben, auf jeden zins 
übertragen wäre, ferner aus eimbid 'vinetus', eimbith 'captivus', 
eimbidi 'custodias' ein altkeltisches *kimbros 'räuber' mit einiger 
Wahrscheinlichkeit erschliessen oder rechtfertigen lassen soll, 
ist mir unerfindlich. Wenn übrigens der name Kimbern nach 
Festus p. 43 und Plutarch, Marius 11 im gallischen oder ger- 
manischen räuber bedeutet haben soll, ist darauf doch nichts 
oder nicht viel zu geben, weil der name eines Volkes, das 
vielleicht in der beimat schon mit seeraub sich beschäftigte 
und später durch jähre hindurch Gallien brandschatzte, leicht 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 215 

erst nachträglich diese appellative hedeutung angenommen hat 
Aus ags. cimbing 'comissura' und seiner sippe, die eine mit 
komm und griech. yofKpoq verwante germ. wurzel kemb voraus- 
setzt, wird germ. *Kimbrüz freilich nicht erklärt werden dürfen, 
vielmehr müssen wir uns hiefür um eine wurzel kimb um- 
sehen, die natürlich nur durch nasalierung eines in die f -reihe 
gehörigen kib entstanden sein kann. Wohl aber entspricht 
eine Zusammenstellung des volksnamens mit isL kbnbi Spötter 1 , 
kimbing 'spott' allen anforderungen, da dies zu aisL kifa 'zanken 1 , 
kif 'zank', unserem keifen, mhd. Idben, mnld. kiven, ndl. kijven 
'rixari', mhd. kip kibes 'zänkisches wesen, trotz, Widersetzlich- 
keit' gehört Und auch die bedeutung 'die zänkischen, die 
streitsüchtigen', die sich daraus für den volksnamen ergibt, ist 
so annehmbar, dass ich so wenig wie Tomaschek GGA. 1888 
301 einsehen kann, warum Mttllenhoff diese etymologie, die er 
8.118 selbst in er wägung zieht, zu gunsten jener so proble- 
matischen erklärung aus dem keltischen zurückstellt Dass der 
name Cimbri aus dem deutschen, nicht aus dem keltischen zu 
deuten ist, lehrt auch der name des Svebenherzogs Cimberius, 
der bei Caesar B6. 1, 37 zusammen mit seinem bruder Nasua 
namhaft gemacht wird. Nach Mttllenhoff b. 117 f. soll dieses 
Cmberius allerdings nur beweisen, dass der volksname der 
Kimbern in Oeutschlaud nicht unbekannt geblieben war. Allein 
Cmberius ist doch unmöglich erst eine ableitung aus dem 
volksnamen, der bei den Germanen nur *Kimbröz gelautet 
haben kann, selbst wenn er, was wir damit nicht zugeben 
wollen, in ihrem munde ein lehnwort gewesen wäre. Vielmehr 
haben wir es hier mit einer ganz selbständigen bildung aus 
der wurzel kimb zu tun; und man wird wohl nicht fehl gehen, 
wenn man deren ableitung für die urgerm. entsprechung zu 
ahd. -dri nimmt, zumal auch das aisl. -eri, -ari durch sein er- 
haltenes e, a auf vorausliegendes ce, also auch auf eine von 
gotisch -areis abweichende gestalt des Suffixes zurückweist 
Sichtbariich handelt es sich hier um einen beinamen, und *Kim- 
bärjaz 'der zänker' kann um so eher einer geheissen haben, 
wenn sein bruder 'der fröhliche' oder 'der ausgelassene' hiess. 
MasuOj wie es überliefert ist, weiss ich allerdings nicht zu deuten, 
denn sicher ist dabei nicht mit Wackernagel, Kleinere Schriften 
3, 350 an nase zu denken, und das ebendort verglichene Nas- 



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216 MUCH 

ualdus auf einer gürtelschnalle, gefunden bei Lavigny im Waadt- 
land, ist Nas-ualdus abzuteilen und in seinem ersten teile mit 
nisan, nasjan, nara u. s. w. zusammenzustellen: vgl. den ubischen 
mannesnamen Gasti-nasus oder Gasti-nasius (Brambach, CIRtu 
275: Louba Gastinasi filia Ubia). Mit rücksicht auf den Nasua 
bei Caesar wollte J. Grimm 6DS. 493 aus dem Macvoq o 
2e(ivov<Dv ßaöiXsvg bei Dio Cassius 67, 5 einen Näcvog machen, 
ohne doch dafür eine etymologie beizubringen. Dass aber hier 
wenigstens M das richtige ist, entscheidet der ahd. mannes- 
name Maso (bei Förstemann DN. 1,917). Ich wage deshalb 
umgekehrt für Nasua bei Caesar Masua in Vorschlag zu bringen. 
Seine erklärung findet germ. *maswaz durch kymr; masw Pilaris* 
lascivus, levis'; vgl auch die keltischen namen Masuco, Ma- 
sucia, Masuonia, Masunnius, Masuinnns (s. Glück 8.5). Ein 
lehnwort aus dem keltischen braucht deshalb das germanische 
wort nicht zu sein; noch weniger ist natürlich bei dem bei- 
namen eines Semnonenköniges an eine echt keltische benennung 
zu denken. 

Aus der Übereinstimmung der namen Klfißgoc und Xoqov- 
6sg bei Ptolemaeus mit Cimbri und Chart/des auf dem Monu- 
mentum Ancyranum lässt sich widerum das hohe alter der 
jenem zur Verfügung stehenden nachrichten erschliessen. Die 
quellen des Tacitus sind hier wider die jüngeren. Und fand 
dieser in dem ihm zur Verfügung stehenden und von ihm wider, 
gegebenen Verzeichnisse der Nerthusvölker von Kimbern nichts 
mehr, sondern nur andere namen; war ihm aber aus ander- 
weitigen nachrichten der fortbestand des volkes bekannt und 
wollte er auf ihre erwähnung wegen ihrer geschichtlichen be- 
deutung und eines dabei anzubringenden excurses nicht ver- 
zichten, so ist es ganz begreiflich, wenn er aufs geratewohl 
sie irgendwo unterzubringen suchte und dabei nicht die richtige 
stelle traf. Ein beweisgrund gegen die glaubwürdigkeit der 
übrigen und älteren berichte ist aber daraus bei weitem nicht 
herzuleiten. 

Und was sollte uns sonst wohl bestimmen und berechtigen, 
alle die Zeugnisse vom fortbestehen des kimbrischen volkes zu 
verwerfen, ja eines davon vom gewichte eines staatsdocumentes 
geradezu der fälschung zu beschuldigen ? In Wahrheit zerfliesst 
alles, was gegen dieselben vorgebracht wurde, in nichts. Denn 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 217 

als keltisch läset sich, wie wir gesehen haben, der name Kimbern 
nicht rechtfertigen, nnd der schluss, dass sie, die neben den 
Teutonen auftreten, nicht auch rom meere kommen können, 
weil der name Teutonen schon eine keltische gesammtbezeichnung 
für die nordseevölker sei, hat eine Voraussetzung, die sich selbst 
durch nichts beweisen, wohl aber leicht widerlegen lässt 
Letzteres ist auch bereits geschehen: vgl oben s. 5 ff. 

Wenn die Vorstellung von den sitzen der Kimbern in Jüt- 
land sammt den aus ihr entspringenden namen KifißQixrj 
Xsqoovtjcoq und Promontorium Cimbrorum auf einem irrtum be- 
ruhte, so mflsste sich doch ein grund der falschen localisierung 
angeben oder vermuten lassen. Das ist aber nicht der fall. 
Denn die keltische flutsage, wenn sie auf die Kimbern über- 
tragen wäre, wie Müllenhoff s. 166 annimmt, hätte nur zur 
Vorstellung von der herkunft vom ocean im allgemeinen führen, 
nicht aber die von der herkunft aus einem bestimmten, eng- 
begrenzten bereiche begründen können. Ist aber eine Über- 
tragung der flutsage von den Kelten auf die Kimbern über- 
haupt wahrscheinlich? Wenn uns von meeresfluten erzählt 
wird, die ein nordisches volk zur auswanderung nötigen, so 
haben wir dabei in anbetracht der bekannten furchtbarkeit der 
norctaeesturmfluten zunächst gar nicht an sage zu denken, und 
am wenigsten dann, wenn die nachricht von Zeitgenossen stammt, 
oder doch aus einer zeit, in der noch tausende von augenzeugen 
aller erzählten Vorgänge am leben waren. Ueberschwemmungen, 
zumal solche durch Sturmfluten, mochten in der vorzeit mehr 
als einmal Völker zur auswanderung nötigen; dass flutsagen 
verschiedentlich auftreten, braucht darum nicht oder doch nicht 
immer aus einer Übertragung sich herzuschreiben. Selbst der 
langobardischen und der neurischen flutsage, die einstimmig 
bedrängnis durch schlangen, die hier nur das bekannte mythische 
bild des wassers sind, als grund der auswanderung angeben, 
möchte ich nicht kurzweg einen kern von Wahrheit absprechen. 
— Dass im vorletzten Jahrzehnte des zweiten vorchristlichen 
Jahrhunderts ein volk aus dem nördlichen Jütland auswanderte, 
ist um so weniger unwahrscheinlich , als im jähre 58 v. Chr. 
widerum jütländische Eudusier und Haruden im beere Ariovists 
in Gallien stehen. 



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218 MÜCH 

Dass die Kimbern auch wirklich Deutsche waren, wird 
man nach dem, was sich uns ttber ihre heimat und herkunft 
bereits ergeben hat, nicht erst zu beweisen brauchen. Es wäre 
sehr verfehlt, wegen des Eeltentumes der Teutonen auch die 
Kimbern zu Kelten stempeln zu wollen. Im gegenteile müssen 
sie dann um so eher Deutsche gewesen sein ; woher wäre sonst 
die Vorstellung gekommen, dass jene wanderschaaren ganx 
oder teilweise aus Germanen bestanden haben? An ihrem 
germanischen Volkstum hat auch Möllenhoff nicht gezweifelt 
und seine bemerkungen über die erhaltenen kimbrischen königs- 
namen s. 119 ff. sind in allem wesentlichen zu billigen. 

Dazu kommt nun noch das zeugnis eines Ortsnamens, den 
man bisher in seiner bedeutung nicht gehörig gewürdigt hat, 
und zwar des namens TevroßovQyiov (Ptolemaeus 2, 15, 3) oder 
Teutiburgium (Itin. Anton. 243, 4) in Pannonien. Ein keltischer 
name, wofür Mttllenhoff s. 115 ihn hielt, kann das unmöglich 
sein, weil die keltische entsprechung zu idg. r nicht ur, sondern 
ri und altir. borg 'Stadt' erst aus dem altnordischen entlehnt 
ist. Wir haben es also sicher mit einem germ. *Peudaburgja(n) 
zu tun, einem namen, dessen wortsinn uns schon an die un- 
geheuren lagerplätze der Kimbern gemahnt, die sich nach 
Tacitus, Germ. 37 bis in seine zeit erhalten hatten. Denn 
*Peudaburgja(n) kann nicht nur 'die volksburg', sondern auch 
'die grosse bürg' bedeuten (vgl. oben s. 74), und es ist wohl 
auch kein blosser zufall, dass die andere Teutoburg, die, 
von welcher der Teutoburgiensis saltus den namen führt, tu 
einer Grotenburg, d. i. 'grossen bürg' geworden ist Um so 
eher aber werden wir bei dem pannonischen TBvroßovqytov 
Teutiburgium an ein Kimbernlager denken, als dieser ort hart 
an der nordgrenze der Skordisken gelegen ist, ebendort also, 
wo in der richtung des kimbrischen wanderzuges eine Wendung 
eintrat. Man braucht sich den verkehr zwischen den nord- 
leuten und jenem Keltenstamme gar nicht mit Mttllenhoff s. 291 
als einen feindlichen vorzustellen. Was die Germanen zur 
umkehr bewogen hat, ist eher als ein für die Kelten günstiger 
kämpf (von dem uns ja wohl etwas berichtet würde), die bei 
diesen eingeholte künde über macht und machtbereich der 
Römer. Sehen wir doch, dass die Germanen selbst nach ihrem 
siege bei Noreia es vermeiden, in römisches gebiet einzubrechen. 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 219 

Auf jeden fall aber setzt der entschluss zur umkehr ein längeres 
verweilen voraus; und wenn nun eben in der gegend, in der 
diese rast gehalten worden sein muss, ein germanischer Orts- 
name uns aufstösst, der 'das grosse lager' oder etwas ähnliches 
bedeutet, so liegt es nahe genug, gerade an der stelle, die er 
bezeichnet, den Wendepunkt der kimbrischen Wanderung zu 
suchen. War der aufenthalt an diesem orte ein längerer, so 
begreift es sich, dass der name, den die Germanen ihm gaben, 
auch der einheimischen bevölkerung bekannt wurde. Doch 
hindert uns auch nichts in der annähme, dass zurückgebliebene 
reste der nordischen wanderschaaren ihn der Umgebung und 
den eigenen entnationalisierten nachkommen Qberliefert haben. 
Erst nachdem die nordjtttländische heimat der Kimbern 
als erwiesen gelten kann, mag zuletzt noch der name Morimor 
rusa hier berührt werden. Plinius berichtet uns HN. 4 §95: 
septentrionalis Oceanus. Ämalciwn eum Hecataeus appellat a Para- 
paniso amne, qua Scythiam adiuit; quod nomen eius gentis lingua 
significat congelalum. Philemon Morimarusam a Cimbris vocari, 
hoc est mortuum mare, mde usque ad promunturium Rübeas, ultra 
deinde Cronwm. Wenn hier, wie Müllenhoff DA. 1,413 an- 
nimmt, a Cimbris mit inde zu verbinden und bloss örtlich zu 
verstehen wäre, so hätte sich Plinius schlecht genug ausgedruckt, 
da jedermann in dem ausdruck a Cimbris vocari zunächst ein 
gegenstQck zu dem unmittelbar vorhergehenden eins gentis lingua 
suchen wird. Freilich sagt Solin 19, 2 bloss: Philemon a Cimbris 
ad promunturium Rübeas Morimarusam dicil vocari, hoc est mor- 
tuum mare; ultra Rübeas qiäcquid est Cronium nominal. Und 
somit wird es in der tat fraglich, ob Philemon von einem 
kimbrischen worte gesprochen hat. Ein solches kann aber 
trotzdem vorliegen, da es sich um eine örtlichkeit handelt, deren 
grenze einerseits durch ein zweifellos germanisches, andrerseits 
durch ein gänzlich unbekanntes local bestimmt wird. Damit 
soll nicht behauptet werden, dass die Kimbern bereits ausser- 
halb des gesichtskreises der britannischen und nordgallischen 
Kelten gelegen haben, dass es also einen keltischen namen für 
ein meer, das bis zu den Kimbern hinanreichte, nicht gegeben 
haben könne. Man bedenke aber, dass Philemon die Kimbern 
als einen anfangs-, nicht als einen endpunkt namhaft macht 
Die möglichkeit, dass wir es bei Morimarusa mit einer ger- 



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220 MÜCH 

» 

manischen bezeichnung zu tun haben, hält somit der, dass 
der name keltisch ist, mindestens die wage, es sei denn, das« 
die etymologie für die letztere entscheidet Wirklich fällt Mori 
mit kelt mori in MoQixafißi], Moridunum, Moritasgus, Morim, 
Aremorici, ir. muir, kymr. m6r 'meer' vollständig zusammen. 
Das beweist aber noch gar nichts, da die namen Mainz, Maat, 
Wasgenwald gegenüber kelt Moguntiacum, Mosa, Vostgus — vgL 
auch got alSw : lat otlvum, über das oben s. 34 gehandelt ist — 
zeigen, dass der Übergang von idg. o zu germ. a ein verhältnis- 
mässig später ist, und wir voraussetzen dürfen, dass im zweiten 
Jahrhundert v. Chr. statt ahd. mori, got marci noch mori, mori 
gesprochen wurde. Jedenfalls kann über die bedeutung von 
Mori- ein zweifei nicht bestehen. In -marusa muss dann der- 
jenige begriff liegen, den das lat mortuum widergibt, ja es muss 
sogar wie dieses ein adjectivum sein, weil es als bestimmungs- 
wort einer Zusammensetzung an erster stelle zu stehen hätte. 
Morimarusa ist also für mori marusa zu nehmen, und daraus 
ergibt sich sofort auch die bedeutungsvolle tatsache, dass mori 
hier nicht wie ir. muir neutrum, sondern wie got marei und 
alte, meri femininum ist Sicherlich ist marusa mit ir. marb, 
kymr. marw 'tot 1 verwant, ist aber doch auch ein ganz anderes 
wort als dieses. Dagegen haben wir auf germanischer seite 
bereits ein adjectiv *marsaz und *marzas kennen gelernt, das 
uns im namen der Marsi und Marsigni sowie in got marzjan 
il 8. w. erhalten ist. Wenn es nun neben got marzjan ein 
aisl. merja gibt, ganz mit der bedeutung unseres mhcl zer- 
mürsen, und wenn uns neben mnl. merren, nnl. marren gleich- 
bedeutendes mnl. meren; nnL meren begegnet, so zeigt sich da- 
bei, dass das s oder z hier geradeso wie etwa in got talzjan 
neben untal-s nicht zur wurzel gehört, sondern das einer ad- 
jectivischen ;-ableitung ist, deren übertritt zur a-declination 
übrigens schon im volksnamen Marsi vollzogen ist Zu dem 
diesem zu gründe liegenden adj. *marsaz aber verhält sich 
*marusaz wie ags. dar (lat. acus) zu got ahs, ist also eine 
neben form desselben Wortes. Wir haben oben s. 112 f. gesehen, 
dass Franck EW. 614 für den germ. stamm mors mit recht 
die bedeutung 'roerloos, talmend, verward ' vorausgesetzt hat 
Und damit können wir uns auch in dem vorliegenden beson- 
deren falle vollständig zufrieden geben. Denn wenn auch 



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GOTEN UND INGVAEONEN. 221 

Morimarusa eigentlich nur 'das bewegungslose meer' bedeutete, 
konnte es sehr wohl auch durch mare mortuum Hersetzt werden. 
Neben mare mortuum und vsxqtj d-alaööa finden sich ja auch 
die ausdrücke jtejirjyvZa &dXaööa, prope immotum mare, mare 
pigrum (s. Müllenhoff DA. 1, 410 ff.), die, obzwar nicht aus- 
drücklich als Übersetzungen von Morimarusa bezeugt, doch 
offenbar alle auf denselben barbarischen begriff und namen 
zurückgehen, oder allenfalls auf einen germanischen und einen 
sinnverwanten keltischen. Wenn das mit germ. *marwaz ur- 
rerwante ir. marb, kymr. marw 'tot* bedeutet, so ist es übrigens 
gar nicht ausgeschlossen, dass auch das derselben wurzel ent- 
stammende und mit germ. *marrvaz, wie wir s. 112 gesehen 
haben, synonyme germ. *marsaz von der bedeutung 'unbeweglich' 
aus diejenige von 'leblos' erreicht hatte. Umgekehrt darf man 
wohl für das kelt. *maruos in älteren Sprachperioden neben der 
bedeutung 'tot' auch noch die beim germ. *marwaz festgehaltene 
Toraussetzen. Germanischem *mori marusa, jünger *mari *ma- 
rusö, kann also sehr gut ein gleichbedeutendes keltisches *mori 
*maruon entsprochen haben. 

WIEN, im winter 1891/92. RUDOLF MUCH. 



Berichtigungen und nachtrage. 

S. 3 z. 20 ist zu lesen Ptolemaeus. 8. 6 z. 11 v. u. To*vyivoi. S. 7 z. 4 
v.u. namen. S. 8 z. 19 noch. 8.17 z. 4 Gesoriacum. 8. 19 z.6 iaißaXe. S. 19 

z. 13 y. n. § 170 [statt: § 67]. 8. 21 z. 14 magnitudine hanc. S. 25 

z. 7 der mittelpunkt des. S. 82 z. 7 v. u. lüft (aus *%rt). S. 33 z. 10 
(wie Müllenhoff. 8. 35 z. 10 gradangaben. 8. 38 z. 17 v. u. ist S. 40 
z. 20 stelle [statt: stelle des]. 8. 40 z. 14 v. u. Angliorum. S. 43 z. 12 
im Beownlf. S. 55 z. 19 v. n. v<p\ S. 61 anm. z. 16 v. n. von germ. h. 
S.69 z. 4 kann. S. 73 z. 12 avige^. S. 73 z. 9. 10 v. n. Kannen efaten 
[statt: batavischen Seeräubers]. S. 74 z. 19 v. u. TevroßovQytov. S. 
76 z. 1 onwq. 8. 81 z. 17 lta. S. 83 z. 10 der Sachsen. 8. 85 z. 8 
v. u. *Mauringöz, ebendort *Naristöz. 8. 88 z. 10 v. u. Quorum. 8. 89 
z. 2 v. u. TtvxBQOi. 8. 94 z. 12. 13 Codex Vaticanus 191. 8. 109 
z. 13 Gesenke. S. 113 z. 15 v. u. zwischen. 8. 117 z. 5 isi. [statt: aisl.] 
S. 120 z. 8 ßondinzas. S. 122 z. 20 ?" [statt: q"]. 8. 124 z. 5 Racu- 
sium. S. 142 z. 18 iXdttoveg. S. 145 z. 9 v.u. skadinavischen. S. 147 
z. 20 Friesen. S. 147 z. 1 v. u. Römerzeit 8. 157 z. 19. 20 etymologien 
des namens. S. 157 z. 22 unternahm. S. 168 z. 5 v. u. Urans Rhenum' 



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222 MÜCH 

[statt: 'eis Rkenntn']. S. 171 z. 12 ausgegangen i$t 8. 175 z. 19 v. o, 
npooayoQevovoiv. 8. 175 z. 18 v. u. nQoayyoQiq. 8. 176 z. 5 v. u. ijaor. 
S. 183 z. 13 oceans. S. 1S6 z. 5 2oi>rjßo<;-. S. 196 z. 2 von den Ger- 
manen. 8. 196 z. 13 wo anders sollten. S. 199 z. 18 v. n. MägUotuz. 
8.206 z. 17 ändern. 

Beizufügen habe ich zn s. 26: Mit dem volksnamen Manimi ist der 
Personenname Menimo (Förstemann DN. 1,928) zusammenzustellen, wie 
dies bereits Mone, Heldensage 91 getan hat. Damit erledigt sich auch 
die frage, ob uns der mittelvocal in ersterem richtig überliefert ist oder 
nicht 

Zu s. 4t: Da dem namen AvuqivoI sha vorausgeht, könnte sein 
anlaut allerdings angeschleift sein. Dass es nicht kovagivoi heisst, stünde 
einer solchen annähme nicht im wege; denn aus kovapivoi konnte bei 
neuerlicher abschrift leicht Avagivol Äßaprjvoi werden. 

Zu s. 42. 43: In der auffassung der namen Burgunden und Chauken 
begegne ich mich mit A. Erdmann, Ueber die he|mat und den namen 
der Angeln 94. 95, welche schrift mir jetzt erst zu gesichte kommt 

Zu s. 57: Fosi, germ. *Föslz, ist vielleicht besser als (poßtpol xu 
verstehen: vgl. seh w ed. fasa 'schaudern, sich entsetzen', fasa (aish/aii) 
1 schauder, grausen, entsetzen', engl, (bei H tili well) fest *to frighten, to 
make afraid', affesed 'frightened', ags. ftsian (?) 'f agare \ /tfi (Beownlf 
2230) * grausen, entsetzen ', dän. faas * heftiger anlauf um schrecken ein- 
zujagen \ 

Zu s. 60: Die kürze des e in Cherusci bestätigt Claudianus an zwei 
stellen, abgedruckt bei Zenas s. 383 f. 

Zu s. 73: Was germ. *narja- betrifft, ist jetzt auf Kugel, Ana. fda. 
18,53 zu verweisen. 

Zu s. 82: Morra ist von Maur- besser zu trennen: s. Ktfgel, Ans. 
fda, 18,55. 

Zu s. 97: Der ansatz *Alamannez erscheint mir bei eingehenderer 
erwägung bedenklich, da uns nirgends Alamannes oder Marcomannes 
belegt ist. 

Zu s. 151: Falls jüngere Schreibungen wie <pQiooove<; bei Prokop 
wirklich auf germ. *FrUoncz ohne /-ableitung zurückweisen sollten, was 
mir zweifelhaft zu sein scheint, kann dabei eine bildung wie Bardo, 
Saxo vorliegen. Das Vorhandensein einer solchen nebenfonn würde also 
der vorgetragenen etymologie nicht widerstreiten. 

Es scheint aber noch eine andere völlig abweichende bezeichnung 
für das in betracht stehende volk gegeben zu haben, die freilich nur in 
verderbter gestalt überliefert ist Ich denke dabei an den namen CRHEP- 
8T1NI, der auf der Tab. Peut. im nordwestlichsten winkel Germanien! 
zwischen CHAMAV1 - QVI EL PRANCI d. i. Chamavi gut et Franci (e. 
Zenas s. 326) auf der Rhein- und HACI - VAP11 * VARII auf der meer 
seite mit anderer schrift eingetragen ist Haci ist sicher mit Zeuss s. 
380 in C hauet zu bessern. In den beiden folgenden Worten steckt aber 
kaum verderbtes AngHvarH, wie Zeuss s. 326, oder Ampswarn, wie MBDen* 



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BERICHTIGUNGEN UND NACHTRÄGE. 223 

hoff DA. 3, 216 annimmt. Sieber ist anch Vapii zunächst in Vorn herzu- 
stellen, und Vorn . Varü wird aus zwei mit varii zusammengesetzten 
samen verstümmelt sein (vgl. Müllenhoff DA. 3, 314 f.): neben Angrivarü 
kommt dann Ampsivarii, Chasuarn oder ChaUuarii in betracht. Die 
Crhepslini nahm Zenss 8. 380. 382 für Cherusci, worin ihm Müllenhoff 
DA. 3,216. 314 gefolgt ist Doch haben sie mit diesen nicht mehr als 
ein paar buchstaben und noch dazu in verschiedener Stellung gemein, 
gewiss viel zu wenig, um allein darauf hin die einen für die anderen zu 
nehmen. Die Cherusken wird man zudem auf der Tab. Peut. nicht suchen 
dürfen schon wegen der zeitstellung dieses denkmals; und was sollte 
ihr name zwischen denen der Chamaven und Chanken? Andrerseits 
würde es sehr befremden, wenn ein so bedeutendes volk und noch dazu 
eines ans der nächsten nachbarschaft der Römer, wie die Friesen es sind, 
auf der Tab. Peut fehlte. Und diese müssen wir gerade dort suchen, 
wo die Crhepstmi stehen. Wie dieser name im germanischen gelautet 
hat, ist schwer zu sagen. Vielleicht *Hrefst\nöz t da CRH ans OHR ver- 
schrieben sein kann. Wahrscheinlich aber gehörte das C, worauf mich 
Kossinna aufmerksam macht, in einer älteren gestalt der in der Tab. 
Peut. erhaltenen karte zu HACI (Chauci)\ es bleibt dann Rhepstini übrig, 
dessen Rh sich wie das in Rhenus, Rhaeti, Rhedones ans griechischem 
einflösse erklären wird. Die Verbindung fsl, wofür pst steht wie sonst 
pt für fl, ist, wie z. b. got. haifsls zeigt, gut germanisch; doch könnte 
es sich in unserem falle möglicherweise auch wie bei den aisl. Schreibungen 
ofst y krafstr, afslr (Noreen, Aisl. gr. § 226, 2) um eine Sonderentwicklung 
ans fl handeln. Ausser germ. *Refsnnöz ist also auch noch *Reftlnöz 

in anschlag zu bringen. 

i 
Zu s. 158 f.: Cugcrni Hesse sich noch in einem viel schlimmeren als 
bloss feindseligen sinne verstehen. Der name ist vielleicht ein seiten- 
stück zu der an der wende des 15. und 16. Jahrhunderts bei den Schwaben 
geläufigen bezeichnung der Schweizer als Kueghier. In neueren geschieht* 
werken wird diese in der regel als Kuhgier er widergegeben, was um so 
mehr an *Kü-gernüz erinnern würde ; doch geschieht dies nicht auf grund 
von belegen, sondern lediglich einer falschen etymologie zu liebe. Mit 
gier hat der name keinesfalls etwas zu tun, ist vielmehr in seinem zweiten 
teile nom. ag. zu mhd. geh\wen, gehlen in dem auch sonst widerholt be- 
legten sinne von *coire\ also völlig synonym mit älter deutschem kue- 
serte, kuesorte (Schm eller, BW. 1 327) und lit karpisys, eig. karwpisys 
(Knrschat, Lit W. 169). Ueber die art des Schimpfes, den er enthält, kann 
übrigens auch mit rücksicht auf die ihn begleitenden reden und hand- 
langen ein zweifei nicht bestehen. Und ähnliche Spottnamen von Völkern 
gibt es noch etliche. So soll ritter Hans Dietrich von Blumenegg, dem 
es nach den Eidgenössischen abschieden 300 vorgehalten wird, dass er 
im Venetianer krieg 1487 einen Schweizer einen ' Kühghyer' gescholten 
habe, sich auch geäussert haben, 'wenn dieser krieg aus sei, so wolle 
er lieber sto dem Bayer gehen, als zu den Schwitzern; ein Bayer sei 
besser, denn ein solcher mache neun farlin auf einmal, während ein 



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224 MUCH, BERICHTIGUNGEN UND NACHTRÄGE. 

Schwitzer in einem ganzen jähr nur ein kalb*. Man sieht hieraus, in 
welchem sinne der tirolische Schimpfname Boa{r)fgkx'n (Baierfarche), der 
zugleich ein Wortspiel zu bea(r)fQkz'n 'bärfarche, Zuchteber* ist — s. 
Schopf, Tirolisches idiotikon * 26 — und wohl gar diesem seinen Ursprung 
verdankt, verstanden oder doch gelegentlich gedeutet wurde. Hieher 
stellt sich auch der in Oesterreich sehr gebräuchliche name Katzelnuuhcr 
für die Italiener, statt dessen man freilich, wenn er sich mit dem rufe, in dem 
diese bei ihren nachbarn stehen, im einklange befinden soll, +Kitzclmachcr 
erwartet. Die übliche form wird daraus infolge einer umdeutung entsprungen 
sein, weil kilze sowohl 'junge ziege' als auch 'katze* bedeutet: ».Ringe 
EW. 4 171. Aehnliches wurde den Erulern nachgesagt nach Prokop De b. 
Goth. 2, 14: xal (ilgeiq ov% ootag tekovaiv, aXXaq xs xal avdQwv xal ovwv, 
und Päderastie wenigstens auch den Taifalen bei Ammianus Marcellinni 
31,9 und den Galliern bei Diodor 5, 32; vgl. MUUenhoff s. 181. Dau 
alle derartigen anklagen im wesentlichen und in der ausdehnung, in der 
sie ausgesprochen werden, unbegründet sind, bedarf keines beweise«. 
Immerhin aber werden vereinzelte Vorkommnisse zu ihnen anlass gegeben 
haben und diese widerum haben ihre Voraussetzung iu der lebensweise 
der betreffenden stamme. Dass man gerade gegen die Cuberni *Kü-bernöz 1 
' die kuhknechte*, den Vorwurf ausgesprochen hätte, dass sie corpore in- 
fames in der angedeuteten art seien, wäre ganz begreiflich, ebenso wie 
es der gleiche Vorwurf gegen die zumeist von rinderzucht lebenden 
Schweizer ist Aber *Ku-bcrnöz Hesse sich auch als * kuhsöhne* deuten 
und wäre dann ein selten-, beziehungsweise gegenstück zu Schimpfnamen 
wie ahd. mcrihun sun, ags. myran sunu f aisl. merarson, spätmhd. 
huntinsun, zohensun, aisl. kattarson. Auch den kuc Sorten son muss man 
sich als kuhsohn gedacht haben. Und die Vorstellung von den Schweizern 
als kuhsöhnen findet sich bei Liliencron, Die histor. Volkslieder der 
Deutschen 2, no. 200 Strophe 6 (s. 380). — Mit all dem soll indes nur auf 
möglichkeiten hingewiesen werden. Von anderem abgesehen fällt got 
faihugaims, ags. feoh^eom stark zu gunsten der früher s. 158 f. vor- 
getragenen deutungen ins gewicht. 

Zu s. 171 : Aus der wurzel belg idg. bhelgh 'schwellen* erklärt den 
namen ßelgac auch Holder, Altkeit Sprachschatz im an schlösse an Diefen- 
bach. Seine Übersetzung; 'die geschwollenen* ist aber wenig ansprechend: 
die Beigen sind entweder 'die starken* oder 'die zornigen* 

WIEN, am 20. mai 1892. RUDOLF MUCH. 



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Die Kheinlande um 60 v. Chr. 




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ZUR 

GESCHICHTE DER VERBINDUNGEN EINES 5 

BEZ. SCH MIT EINEM CONSONÄNTEN IM 

NEUHOCHDEUTSCHEN. 

I. 

§ 1. Die alten consonantenverbindungen sl, sm, sn, sp, st, 
sw werden wortanlantend im nhd. als sl, sm, sn, sp, st, Sw ge- 
sprochen und auch die schrift suchte dieser ausspräche wenig- 
stens bei seht, schm, sehn, schw gerecht zu werden. Ueber die 
zeitliche und örtliche ausdehnung dieser Schreibung soll die 
folgende Zusammenstellung einen überblick gewähren. 

Als zeitliche grenze nach rückwärts ist, wie aus den 
grammatiken (Weinhold, Mhd. gr.* § 206. AG. § 190) erhellt, 
das ausgehende 13.jahrh., als zeitliche grenze nach vorne, wie 
es aus den bestimmungen bei Eolross, 1 ) Fab. Frangk, 2 ) 

») In seinem Enchiridion (Müller 80 ff.) sagt er: *By di/ser kürlzung 
soll du ouch wissen / das offt der büchslab s. aliein für seh. geschriben 
würtl vnd dasselbig geschieht gemeingklich in den Worten j in welchen 
nach dem seh. difse buchstabenj nämlich L m. it. r. und w von stund 
an volgend / wie du in nachgesetzter figur söllichs eigentlich vnd heyter 
sähen wiirst.' 

I \ slahen {stemmen) 

m u. s. w. 

s für seh < n 
r 
w 

*) In seiner Orthographia (Müller 104) heisst es: Widderumb aber 

ist dis kein abbruch / sondern für gnug / vnd ein zierd angenohmen f 

so weil and s ettliche buchstaben vbersehen werden \ als das ch jnn diesen 

vnnd dergleichen / sprach j Sprech / storch / straus / für schprach / schprecht j 

Beiträge zur geflehlohte der dettteeben spreche. XVII. 15 



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226 ARON 

und Jo. Hei. Meichssner 1 ) hervorgeht, das beginnende 16. jh. 
anzusetzen. Durch den begriff 'hochdeutsch' ist auch die ört- 
liche begrenzung erschöpft. 

Von vornherein mahnt die orthographische manier der 
nhd. Schriftsprache die erwähnten Verbindungen in zwei grup- 
pen zu scheiden, einmal sl, sm, sn, sw, die als sohl, schm, sehn, 
schw geschrieben werden, zum andernmal sp, st, bei denen an 
der Schreibung zäh festgehalten wird. Hiezu kommt noch, dass 
die Verbindungen der ersten gruppe im gegensatz zur zweiten 
im inlaute fast gar nicht erscheinen. 

A. sl, sm, sn, sw. 
i. sl. 

1) In Oberdeutschland: 

a) In Alemannien. 

1. Urkundliche belege: 

§ 2. 1 a r u b. Hofslang 1 289 ; keiner seh lachte 1 302 ; beslossen (3) 
1340; totschlag (2), totslag 1350; ab schlag 1359; erslagen 1386; be- 
slossen, slachen 1393; dry schlagkne 1412 no. 144; todsieg 1419 no. 160; 
fürslahen, abzeschlahen 1419 no. 170; n. pr.: Schlipföwer, Schlipffouwer 
Schlüsse neben Slüsse 1421 no. 167; ussgeslossen 1424; slachen (tf), ge~ 
singen (0) 1425 no. 175; sloss, besliessen 1425 no. 176; verschlicht, be- 
schlossen 1428; tod schlag 1429 n. 185: geschlagen, abschlag 1429 no. 
186; Schlössern (ö) 1437 no. 201; sloss (ü), beslossen, besliessung, tod- 
sieg, verricht und verslicht 1437 no. 202. 205; schloss (2), slössem, 
schlössen, s Zossen (ö), absch Iahen 1437 no. 206; schlössen, schloss, 
ufschlag 1437 no. 207; schloss (ö) 1437 no. 209; sloss (2) 1437 no. 212; 
sloss (2) 1438 no. 216; schlichten, be Schliessung, besch Hessen, ab- 
schlachen, ver schlicht 1438 no. 218; beschlossen, ent s c h lachent (2), 



s(ch)t(h)raufs. (Hier bat die Frankfurter ausgäbe schtraufs, die Wittern- 
bergißche und die Kölnische sthraufs. Ueber dieses sth s. unten § 28, 
anm.). Vnd ist Ein gemeine Regel Wenns p odder t nach dem seh / 
von rechte gefordert/ so wirds ch vermieden / vnd das p odder t schlechte 
zunehst ans s gesatzt / wie jtzl gesehen. Des gleichen haldens eltlich 
auch j mit dem l und w wenn sie nach dem seh gehen / das sie das ch 
meiden / vnd schreiben also Slesier / Srveidnitz / Sweitzer / für Sehlesier / 
Schweidniiz / Schweitzer etc. \ Welches aber nicht so passt als Jens \ jnn 
vbung ist. 

l ) In dessen 'Handbtichlein' heisst es (Müller s. 163): Es mag auch 
vilmaln ch vermuten vnd geschriben werden/ Swalbach/ Swytzer / slag/ 
slafftrunck / vnnd nit Schwalbach / Schwytzer etc. 

*) Ueber die seltenen sl, sm, sn, sw im inlaute s. unten § 32. 



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^-VERBINDUNGEN IM NBD. 22? 

ent schlagen 1439 no. 221 ; ussge schlössen 1440 no. 224; slossen (2) 1440 
no. 225; beschlossen, beschliessen, verschlichti sach, todschleg, ver- 
slagen oder verspert 1440 no. 233. — Basel: *) von Sliengen 1284 no. 157; 
von Sliengen, zem Slüssel 1332 no. 293; geslagen 1334 no. 297; von Sliengen 
1S37 no. 303, 1342 no. 317; von Schlierigen 1347 no. 335; Slopen 1348 
no. 337 lat. urk.; slaht 1350 no. 344; von Sliengen 1356 no. 364; ge- 
schlechten 1357 no. 367; slahen 1359 no. 377; slahen 8.406,3; abeslag 
8.406,5. 1371 no. 412; geslagen s. 411, 24. a. 1371 no. 415; am sliffe 8. 415, 
15. 16; am sliphe s. 416, 3. a. 1371 no. 416; einheinrslahte 8. 425,34; ab- 
slahen 426,6. 1373 no. 420; abslag 8.437,3. a. 1374 no. 428; ent schlagen 
8.446. a. 1380 no. 438; Heinrich von Schleyten 8.467, 19; schlechter 8. 
468,4. a. 1384 no. 455; dem sleyrun 8.472,12. a. 1384 no. 457; totsiege 
8. 481, 14; absiahende s. 481,28. a. 1386 no. 468; Sl&ppe 1390 no. 475; an 
dem schliff 8. 527, 26, ze Schlugken 8. 528, 5, ze Slugken 8. 528, 6. 8. a. 
1392 no. 486; abslag (2) 1393 no. 489; geslagen 8.543, 8. a. 1395 no. 496; 
Schlegel 8. 544,21, entsch&ge 8. 544, 38, entschlahen 8. 550, 12, ent- 
schlagen s. 550, 13. a. 1396 no. 499; uf geschlagen 8. 555, 2, ufgeslagen 
(3), ufzeslahende 8.555,17. a. 1397 no. 502; entslahen 8.571,6, entste- 
hende b. 571, 7, a. 1399 no. 512; uf dieselben schlösse 8. 589, 37, geschla- 
gen ib. a. 1400 no. 525; slosse, slossen, schlössen 8.594. a. 1400 no. 526; 
uffschlahen s. 621,29. a. 1406 no. 548; beslossen 8.703,10. a. 1417 no. 
601; geslicht 1417 no. 603; slahen 8.720,14. a. 1421 no. 616; Verstössen, 
todslag 8. 734 a. 1422 no. 627; slacht 8. 736, 15, todslag 8. 737, 1 6 n. ö\, er- 
slagen 8.739,3 a. 1422 no. 628; beslagen 8.748,29 a. 1422 no. 637; ersla- 
gene s. 756, 18, todslage 8.753,35 u.ö\, todschlage 8.754,13 a. 1423 no. 
640; in den Schlatthof s. 768, 27 a. 1424 no. 645; geslicht s. 787, 7 a. 1431 
no.661; die slosse 8.788,14, ze slahende 8. 791,4, zuslahunge 8. 791,9, 
abeslag 8. 792,2 a. 1431 no. 664; todslagk 8.806,36 u. ö\, geslagen 8.807, 
2, uf slahen 8. 808, 6, beslossen 8. 808, 9 a. 1435 no. 677; geslagen s. 812, 27 
a.1436 no. 682; Sluzz 8.818,29 a. 1437 no. 687; abeslag 8.820,28 a. 1438 
no.689; sleyffin 8. 826, 31 a. 1438 no. 692; geslagen, versluge 8. 858 a. 1445 
do. 722. — Weistttmer: Eigen ( Rochhol tz 8.4) nnr sl (vor 1313); er- 
schlagen (Öffnung von Berkon 1348 ib. 8.21); nur seht im weistum v. 
Ennatiügen (Grimm 1, 239 ca. 1350); slahen (Birmenstorff 1363, Roch- 
holtz 8.44); schlüeg (Öffnung von Rudolfstetten nach 1408, ib. 8. 59); 
nur seht im weistum v. Altorf (Grimm 1, 11, a. 1439). 
2. Belege aus literarischen denkmälern:*) 
§ 3. «) Mainauer naturlehre: Nur sl: siecht 8.1; besluzit 2; 
slafene 2. — Basler Nibelungenbruchstücke: Nur seht, vgl. 
Wackernagel 8.45. — Der maget kröne: 5 sl: slafen 2,46; ge slacht 
4,24; slofs *4,394; be slafen 5,68; slahen 5,235 gegen 14 schl: schlofen 
3,2; schlahen 3,27; erschlugen *3, 128; schlug 4,211. 4,486; geschlagen 
4,246. 4,474; schleif 4, 291; beschlossen 4,299; erschlagen % 343; ge- 

*) Bei benutzung der Urkunden wurden nur originale beachtet. 
*) Die anordnung ist chronologisch (wenigstens ungefähr). 

15* 



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228 AROtf 

schlagen 5, 239; schlos *5, 247; x^Ä/u^ 5, 314; ttAßt; 5, 382. — Hugo von 
Montfort: Schreiber A: 9 sl: s lachte *l, 11. *4, 34. *5, 351; vers losten 
♦1,83; umbeslossen 1,66. 5,143; */*<;Afe 3,71; slechter 4,44; i/tcA** *8, 2 
gegen 1 *<?A/.- geschlichen 5,71; Schreiber B: 4 sl: zerslagen *13,5; &*- 
*tow*fi 27,28. 31,152; sieht *28,235 gegen 49 schl: beschlossen 13,58. 
28,542. 36,6; beschlossen 18,5. 176. 26,12. 27,10. 40. 34, 28 ; geschlossen 
28,240; beschliessent 21, 16; beschlüst 35,20; geschlaffen 15,2; schlaffen 
29, 127. 22, 100. 34, 40. 35, 21 ; entschlaff 18,5; entschßcff 25, 13. 47. 85. 
147; schlaff 28, 708; schlacht 15, 16; schlecht 27, 83; schleckst 27,71; 
schlahent 26,41. *29,19; *?A/t*0£ *15, 96. 25, 27. 94; beschlagen 28,27; 
geschlagen 28,142; erschlagen *24, 24. *60. *76; schlack 29,45; schliemen 
27, 114 ; *?Ato?A* 28, 176. 31, 28; schlichte 29, 4. 32, 152; schlichten *31, 143; 
schlecht *29,95. 31,44. 52. 35,11; schlichen 31,203; geschlecht 33,145; 
Schreiber C: nur *<;A/: ;£A/t6A*nl8,24; schlössest ib. 100; schlaffen *ib. 
104; schlaff \b. 180. — Kuchimeister: 22 */: erslagen *(17); zerslügent 
s.*106; *%*» 193. 289; **r*% s. *204; */aA*n 289 gegen 2 *<?A/: &*- 
schlagen 139; Schlitten 331. — Stretlinger chronik: fast nur W: 
slofs 11, 13,15. 21. 14 ö., 19; $r<r*/k?A/ 2,122 u. o.; slaf 9, 2. 3; ***##*/ 
9,3; slafen 9, 13; *fa/fefi 28, 5; stach 8, 10 u. s. w. gegen 1 schl: die 
schlüfsel s. 105,20. — Richental: nur schl 

ß) Merswin: 1 sl: siecht s. 41, gegen sonstiges schl (19 mal). — 
Elsässische predigten (hg. von Birlinger, Alem. 1, 60ff. 186 ff. 
225 ff.): sl: fürslinden *69; fürslinde *71 gegen sonst schl: schlössen 187; 
entschlaffen, schlafen ib.; schloses ib.; beschlossen 188; schl äugen, 
schlaugent 191; schlahent ib.; geschluogen ib.; schluog 192; xiA&i^ 
228 u.s.w. Das Elsässische arzneibuch, die Erläuterung der 
regel des hl. Augustin (hs. 2966 der Wiener hofbibliothek , von 
1459?), das Hl. namenbuch: nur sL 

y) Augsburger stadtbuch: nur sl. — Wackernagels pre- 
digten: überwiegend schl (vgl. Weinhold, Die spräche in W. Wacker- 
nagels altdeutschen predigten s. 7. 10. 15. — Ingold: 1 sl: j/tf/s.80; 
unsslicht s. 25, 10. — Conr. von Weinsbergs einnahmen- und aus- 
gaben-register : nur schl: schlos s. 16; beschlagen s. 17. — Ott Unlands 
manuale: 8 sl: bestachen s. 1; umslahen s. 16 (2); umg es lagen s. 17; 
umbslag s. 21. 26 (2); umbslagen 8.32 gegen 2 schl: be schlacken s. 1. 17; 
umbschlagen s. 18. — Hermann von Sachsenheim, Mörin: 27 sl: 
entslieff v. 63; uffslag 848; hersluog *1019; */<rcA* *1196. »1252. 1506. 
1542. 2202. 2407. 2530. 3458; besliessen 12S4; pstiefs 2072; Verstössen 
•2165; fJwp 2702. 1793. 4106. 4961; stachen 2648. 2714. 2817; geslagen 
2722. 4637; gesiecht 3207. 4053; #/«/ 3250; slos 4034 gegen 56 schl: 
Schlüssel 121; *rA/ü/> 138. 3138; cntschlauffen 173; fcA/o/; 191; 4944. 
entschlieffen 209; *?Ato<;A274. 381. 1956. 2404. 4998; schluog *501. »4500. 
4531. 4851; schlahen 543. 3269. 3244. 4187. 5607; geschlagen 813; he- 
schlössen 1108. 4287; abschlahen 1719; beschliessen 2042; schlust 2056. 
4789; schlauffens 2856; uf Schlüssen 2946; schlauffle 3027; schlamffen 
3053. 3243. 3623. 4547. 4743; geschlauffen 3239; beschlos 3765; schlichen 
3870. 4064. 5637; schlechten 3878; geschliffen 4209; beschliesst 4352. 



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S-VERBINDUNGEN IM NHD. 229 

5246; schlecht 4349. 4990. 5526 ; über schlahen *4745 ; schlaff (v.) 4751 ; schle- 
wem 5006; schlieffen 5214; schlauff 5721 ; schlieff 5854; verschlossen 
♦6053. — Der goldene tempel und Jesus der arzt: nur *<?A/. — 
Kaufringer: 64 W; beslagen 1,139. 152. 232. 305; er s lagen *2,95. 16, 
115; *% 2,254. 11,278. *16,45; stvertzsleg 4, 172; stachen 3,581; WoAin 
♦14,132; */«<?A 16, 183; 4*6*1 14,748; Wwtyr *3, 100. 452. 17,281; *%<f» 
3,505. 14,408; slagprugg 14,193; absleg 16,432; geslagen 3, 483. 642. 
695; underslagen *14, 258; ge suchen 2, 127; W*k?A* 4, 178; beslaffen 2, 
132. 5, 185; beslauffen 15, 639; beslieffb, 311. 450; */d#Vn II, 403; slauffen 
15, 2b;slavffens *2, 214 ; slauffen 1. pl. *8, 214; WiV/f 3, 579. 14, 594; slieffen 
5, 258; */aw/f 14,251. hl\\entslauffen 14, 263. 629; entslaffen 14, 585; *n/- 
sUcffU, 304; 6<tf/o* 2, 188. 7,236. 8, 186. 11, 216. 14, 598; beslossen 16, 76;^*- 
Woittn 16,98; twrifo* *4, 285; Wo* 8,364; *Atotf/ 14,190; siecht 12,56; 
geslächt 4, 61. 99. 123. 139. 8,20. 14,21; gesiecht 4,365. 383 gegen 22 
seht: schlauff en 1,71. 304; schlaffen 8,240; schlauff ens *5,396; schlau f 
fent *U,336; schlieff 1,91. 11,313; schlauff *14,539; schlauffgeld 1,219; 
wA/ö* 11,226. (v.); schlos (B.) 5,634; schlecht 1,384. *395. *5,562. 15,96; 
schleicht 2, 286; schleichen 16, 602 ; geschlackt 4, 128. 8, 318. 391 ; entschleift 
16,232. 

b) Im bairisch-österreichischem Sprachgebiet. 

1. Urkundliche belege: 

§ 4. Ottenslage 1305, ürkdb. des landes ob der Enns bd. 4, 495 
Q0.531; Slierbach 1306 ib. s. 499 no. 535; Neu sc klag 1312 ib. 5, 74 lat. 
urk.; Neitslag 1322 ib. 5, 346 no. 329, lat urk.; Otten dez Siegels 1359 
ib. 7 8. 625; geschlechtes 1361 ib. 8 s. 28 u. 31, no. 30; siechten 1361 ib. 
8 no. 42; gesiecht 1364 ib. s. 194 no. 191 ; slahen, geslagen 1369 ib. s. 419 
no. 423; geslossern (castellis) 1370 ib. s. 456; inbeslossen 1370 ib. s. 473; 
todsieg 1371 ib. s. 510. — Aus weistümern: todtslag 1342, bergrechte 
in der Gastein und Kauris Ö. w. 1 s. 200; totschlach ib.; durchsieg ib. 
8. 196; totslag 1358, Lungau ib. s. 238; totschlag 1462, Tiroler w. 1,53, 
Frauenchiemsee im gebirg (ö); totstag (ö) 1462 ib. s. 253, Axams; er- 
slagen, slaff enden, slüg 1487, landrecht im Zillertal Ö. w. 1,317; ge- 
slagen (ö), slahen, furslahten, er slagen, siecht, slüg, s lachrecht, fürslag, 
fürschlacht, schlagen (2), geschlouss 1497 und 1498, Mittersill Ö. w. 
1, 283 ff. 

2. Belege aus literarischen denkmälern: 

§ 5. Oswald von Wolkenstein: überwiegend sl: im ganzen 
130, wenn man auch die in den niederdeutschen liedern vorkommen- 
den mitrechnet, wie slapp 56, 1. 7 gegen 2 schl : schlegel 5, 5. 13; 
schlicklin 27,2. 1.— Peter Suchenwirt: nur sl. — Hans Schiit- 
berger 1 sl: schlofs s. 111,21 gegen sonstiges schl. — Nürnberger 
Polizeiordnungen (13. u. 14. jh.) Wechsel zwischen sl und schl. — 
Tucher: erste hand 159 sl: beslossen 18,9. 297,3; besloss 211,2. 15; 
geslossen 267,34; Verstössen »287,29; slofs 111,17. 158,10. 27. 159,11. 
160, 13. 21. 161, 2. 4. 11. 21. 25. 31. 162, 1. 16. 20. 23. 25. 26. 30. 33. 34. 
35. 248,20. 22. 33. 249,1. *7; slossen 150,1. 159,4. 160,7. 20. 161,26. 
246,5. 248,28; mähe l slofs 211,9. 15. 26. 212,2. 16. 21. 28. 213,7. 24. 35. 



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230 ARON 

214, 6. 32. 215, 2. 266, 9; kettenslofs 292, 26; slosser 97, 25. 248, 10. 
♦19. »26. *249, 5; slossern 242, 20; slof Siran *40, 28; siussel 221, 25. 
222, 10. 223, 11. 224,31. *248, 19. 25. 257, 26. 31. 258, 5. 265, 7. 15. 266, 
10. 287,33; slus seien 248, 29; Slussclfelderin *259, 32; Slusselfeldtr 
264, 17. 31; abges lagen 38, 3. 200, 31. 231, 33. 244, 7; abslagen 210, 
29. 221,13. 232,5; absiahen 218,8. 230,5. 6. 232,34; abzuslahen 218,18; 
absiecht 216,24. 239,4; anstecht 147,21. 26; anslahen 262, 17; aufslach 
256,33; f ursiahen *251,24; übers Iahen *236,36; versiahen *267, 26; sla- 
gen 40,14. 45,33. 94,9. 217,6; sinken 234,15. 256,9; stachen *201, 30; 
siecht 216,27. 235,2. 256,13. 275,23; singen 255,6; geslagen 64,17. 94, 

3. 5. 230, 14. 287, 24. 297, 14. 289, 7; stach *245,30; slachglocken 246,2; 
slachhaus 199,32. 200,1. 2. 19; aftersiegen *77, 80; durchsieg 288,36; 
huntslaher 267,24. 271,1; messingslaher 95,23. 152,7. 153,33. 154,3. 7. 
19. 161,4. 17; 191,8; peckslaher 157,6; sieget 217,30. 31. 218,5. 219,29. 
220,3. 8. 16. 233,25. 35; slegelzichens 234,2; Siegels 193,10; gestickt 
59,25; siecht *291,21; slechtz 45, 7; siechten 211, 6; snurslechtz *166,12; 
slechtliches *291, 27; sleiffern 206, 13; slott 292, 27; Sleipfenketten *100, 
14; Slemel *162, 16 gegen 433 seht: geschlossen 95, 13; schleust 128,21. 
129, 14; verschliefs *128, 15; schlaft 96,5. 9. 21. 29. 97,2. 101,10. 127, 

12. 128,26. 150, 2. *4. 5. 6. 7. 9. 10. 11. 13. 15. 16. 18. 20. 150,22. 24. 26. 

28. *30. 151, 1. 3. 5. 7. 9. 11. 13. 15. 17. 19. 21. 23. 25. 27. 29. 31. 33. 
152, 1. 3. 5. [shlofs] 7. 9. 10. 12. 14. 16. 18. 20. 22. 24. 26. *28. 30. 31. 
33. 35. 37. 153,1. 3. 5. 7. 9. 11. 13. 15. 17. 19. 21. 23. 25. 27. *29. *31. 
33. 154, 1. 3. 5. 7. 9. 11. 13. 15. 17. 19. 21. 24. 26. 28. 30. 32. 34. 155,1.3. 

5. 7. 9. 11. 13. 14. 15. 17. 19. 20. 22. 24. 26. 28. *30. 32. 34. 156,1. 2. 3. 

4. 5. 6. 8. 10. 11. 13. 15. 17. 19. 21. 23. 25. 27. 29. 31. 33. *35. 157, 1. 4. 

6. 8. 10. 12. 14. 16. 18. 20. *22. 24. 26. *28. 30. 32. 34. 158, 3. 4. 6. 8. 11 
15. 17. 19. 20. 21. 28. 25. 29. 31. 33. 35. 37. 159, *1. 3. 5. 7. 9. 13. *15. 
19. 20. 22. 24. *26. 28. 30. 32. 34. 36. 160,1, 3. 5. 8. 11. 15. 17. 19. 25. 

29. 31. 33. 161,6. 7. 8. 13. 15. 17. 19. 23.27. 29. 33. 35. 162,3. 5. 7. 9. 11. 

13. 17. *18. 28; schlössen 98,11. 27. 118,29. 128, 18. 151,16. 153, 16. 155, 
18. 157,3. 27. 161,6. 8. 13. 17. 162, 5. 7. 13. 28; mahelschlofs 127,3. 18. 
212, 10. 213, 1; schto/sgatlern 249, 14; schlüsseln, 27. 69, 1. 97, 9. 98, 12. 99, 
10. 110,14. 28. 117,29. 119,10. 127,4. 128,26. 131,2. 3. »142,22. 218,31. 
33. 219,2. 233,17. 250,29. *257,29; Schlosser *96, 31. 97,5. 17. 27. 31. 35, 
98,8. 12. 14. 18. 99, 3. 11. 14. 16. 18. 100, 25. 29. 32; Schlossermeister 
97, 12; abschlagen 68,31; anschlagen 97,28. 128,3; aufschlagen 85,22. 
91, 7. 149, 9; aufschlecht 98, 33; beschlagen 72, 17. 119, 31. 33. 100, 13; be- 
schtahen 99,30. 100, 1. 3. 14; verschlagen »215, 25; schlagen 45, 13. 87, 17. 
81, 1. *127, 13; schtahen 50, 10. 65, 10. 99, 17. 101, 20. 128, 24; geschlagen 
65, 11; anschlagen 97, 33. 101, 27; schlecht 45, 17. 60, 1. 5. 6. 7. 8. 9. 11. 
12. 13. 14. 15. 17. 18. 61, 1. 2. 4. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 
17. 18. 19. 21. 22. 23. 29. 275,19. 29; schlug 51,9; s c hl ac hg locken 109, 
28; tchlachhaut 76,21. 120,3; abtehtahung 229, 33; aftertchtag *74, 1. *3. 
♦75,26. *30. *32. *76, 32; durchschteg 288, 37; schtaher 56, 15; goltschtaher 
174,12; huntschtaher 103,22. 105,28. 112,1; metsingschtahers 138,32; 
peckschtaher 157,4; schtegel 164, 18. 20; Schlegel 100,5; schleift 112,24; 



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S-VERBINDUNGEN IM NHD. 231 

schleiffen 112,32. 113,6; geschliffen 113,2. 128,24; durchschliffenden 
248,35; schleiffer 112,20. 21. 24. 27. 33; schleufmewern 200,28; schleiff- 
müli 113, 6; schleiffreder 200, 24; schliff stein 113, 4; schleiffin [schlaiffen, 
schleipfen] 130, 10. 141, 25. 27. 33. 142, 1. 4. 6. 12. 17. *145, 29; abschleich 
46,26. 130, 13; schlaifsholtz 119, 8; schlött [schielt] *93, 21. 111, 25. 30. 32. 
112,4. 7. 17; schielten 111,26; schlötlfeger 111,23. 30. 112,10. 16. *25; 
schlicht 59,32; geschlechter 71,10; schlechtz 88,12. 186,4; schlechten 
99,10. 106,2; schlecht 110,21; ungeschlachte 92, 19; Schleyer *133, 12. 
♦27. *139, 15; Schleicher 56,21; Schlusselfelder 146, 15. 150,24. 172,19; 
zweite band 30 W: beslossen 297, 3; i/o/i 296, 18. 20. 25. 30. 297, 1. 310, 10; 
slossen 296, 25; felslofs 298,1; mahelslofs 297, 2. 15. 24; Wm***/ 296,26. 
326,27; Slusselfelder 332,29; slcipfen [sleyffen t slayffen] 296,8. 328,28. 
329, 15; */of O/W] 296,20. 298,22. 301, 23. 25; steuch 307, 17; aufslagen 
303, 1; aufgeslagen 297, 31. 301, 21; abg es lagen 331, 8; */<iA*a 321, 21; 
siecht 322,37; gestagen 297,14 gegen 3 seht: schloss *307,20; schlussel 
308,9; schleifmül *310, 10. 

c) Im mitteldeutschen Sprachgebiet. 

1. Urkundliche belege: 

§ 6. intschlichinde 1389, Cod. dipl. Sax. 2, 4. Meissner nrkdb. no. 210; 
usgeslofsen 1477 ib. no. 72; in das schlufs 1448 ib. no. 73: uzgeslossen 
1423 ib. no. 75; anslan 1433 ib. no. 79; beslyssung 1457 ib. no. 115; ge- 
siecht, geslossen 1463 ib. no. 287; seh los, slos rechnung von 1477/78, 
ib. 8.96; gesiechte 1506 ib. no. 328. — Slesia, slesisch heisst es nach 
Pietsch-RUckert, Entwurf s. 145 noch fast durchweg in schlesischen Ur- 
kunden des 15. jh. 'doch begegnet Schlesia schon (!) 1428, Scriptor. rer. 
Siles. 6, 91 und 1434, ebd. 196/ 

2. Belege aus literarischen denkmälern: 

§ 7. Job. von Franken stein: 'öfters' schl (Ferd. Khull, Ueber 
die spräche des Johannes von Frankenstein. Progr. Graz 1880 s. 9). — 
Buch von guter speise und J. Rothes Ritterspiegel: nur 
sL — Stolle: stets sl gegen 1 schl; schlofsen subst. s. 57. — Miscel- 
lanhs 1. duod. 41 1 schl: schlagen (vgl. Pietsch-RUckert, Entwurf s. 18). 
Luther: nur schl (das von MOnckeberg angeführte ratslahen ist nach 
Franke, Grundziige s. 76 § 89 zu streichen). 

II. sm. 

1) In Oberdeutschland. 

a) In Alemannien. 

1. Urkundliche belege: 

§ 8. Glarus: Ruodolf den Smit 1289; von Smitten 1302 no.33; 
Bug der smit 1320 no. 44; smitz (2) 1322 no. 46; Wernli Schmit 1411 
no. 141; kupfersmit 1421 no. 167; goldschtnid 4; smeltzen 1425 no. 175; 
Goltschmid 1425 no.776; kupfferschmid 1427 no. 180; Goldschtnid (2), 
Hartman Schmid 1428 no. 182; Gold schmid (4) 1429 no. 185; Smerikon, 
Goldscmid (2) und Golds chmid (dieselbe person) 1437 no. 202; G oll smit 
1437 no. 207; Golds chmid 1440 no. 224; Goldsmit und Gold schmid 
(dieselbe person) 1440 no.233. — Basel: Smidin 1348 no. 337, lat. urk.; 



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232 auon 

Johans der Smit 1356 no. 360; smiizet (2) 1363 no. 390; Smid 8.409,6. 
a. 1371, no.414, lat urk.; Smidin (2) 8. 437,35 u. 43 8, 6 a. 1375 no. 424; 
smid 1385 no. 458, s.473,13; smacheit 1397 no.502, s. 558,30; schmutzet 
1422 no. 628, 8. 736, 9; Smitz 1430 no. 658 8. 780,26. — St Gallen : 
Goldschmit 1307 no. 1169; Goltschmid 1312 no. 1216; desschmides 1347 
no. 1441. — Vorarlberg: Schmid, Schmäklin 1452, Mone 10,433. — 
Hohenzollern: klosterWald: Schmerlin 1350, Mone 10,477; Schmit 
1356 ib. 483; kupferschmid, Schmid 1462, Mone 11, 113; Habsthal: 
schmalz 1394, Mone 11, 224. — Augsburg: aus der Smuter 1290 no. 
124; zusmekke 1293 no. 193; chezzelsmid 1296 no. 160; smidhus 1325 no. 
277; schmit 1345 no. 410; kesselsmits 1368, erster zunftbrief, no. 612; 
Hans der smit (ein kesselschmied) 1368, zweiter zunftbrief, no. 612; 
schmid (3) 1374 no. 654. — Aus weistUmern: smertzen (2) vor 1313, 
amt Eigen, Eochholtz 8.4; smeltzet 1351, Erlinsbach ib. 8. 29; ger schmid 
14. jh. Ermatingen (Thurgau) Grimin Weist. 1, 239; schmaltz und smaltz 
anfang des 15. jh., hofrodel von Einsiedeln, Grimm 1,151. 

2. Aus literarischen denkmälern: 

§ 9. a) Mainauer naturlehre: nur sm: gesmide 8. 12; ver- 
smahlent 8.14.— Maget krdne: 5 sm: smack 4,9. 14; 6,17; smaichen 
3,63; versmehet *4, 337 gegen 4 schm: schmacheit 4, 201; verschmächt 
"5,79; schmecken 5,330; schmärck 11,13. — Hugo von Montfort: 
Schreiber A: nur sm: smertzen 1,27. *4, 14; smägen 4,133; smiegen 5, 
306; unversmogen *4, 169; Schreiber B: 11 sm: smertzen 14,44. 26.16. 
*43. 27,*80. 33, *87; smeh 14,11; unversmogen *16,22. *38, 125; smel 21, 
27; smacht 28, 20; gesmeltzet 28, 545 gegen 2 schm: schmacht 15,67; 
schmaragden 28, 552 ; schi eiber C sm : smertzen *38, 4.— Kuchimeister: 
2 schm: schmeckend 8. 108; Goldschmid 1 ) s. 224 gegen 1 sm: gesmack 
113. — Stretlinger chronik: 1 sm: smerzeu 907 gegen sonstiges 
schm (8); ungeschmack 19,11; schmerzen 28,11. 89,21. 140,7. 141,18. 
155,12; verschmächt 125,24; schmach 126,13.— Ulrich von Ricben- 
tal: nur schm: goltschmid 32. 182. 215; schmach 62; schmachk 81; 
schmack 81; schmecken 81; schmak 84; schmid 182. 215. Aach bei 
eigennamen: in den Schmer tinen hufs 38. 48; Schmerliko 152; Schmo- 
lenizgi 136. 139. 158. 191. 207. 209. 

/?)Merswin, Elsässische predigten, Dankrotzheim, Er- 
läuterung der regel des hl. Augustin: nur sm. 

y) Augsburger stadtbuch: nur sm. — Wackernagel: schmach 
29, 12 (s. Weinhold s. 7). — Ingo ld: 1 sm: versmächen *75 gegen sonstig. 
schm (30): schmachayt 3. 4. 32, 1. 2. 21; geschmeyd 6. (2) 7. 8; ver- 
schmachen*\2.*$2.(*2).*3h; verschmdchlichHG; geschmdcht 17; schmutz 
17; ver schmach *28; schmak 29. 73; schmidet 29; schmid 39. 78; für- 
schmeckender *40; verschmächt *45. *65. *68; schmecken 49; tw**;A«<l- 
Mmw^ *53; schmiten 78; schmolzot 80. — Conrad von Weinsberg: 
1 *m: *my<fc 41 gegen stetes schm im worte schmid, das fast auf jeder 
seite vorkommt — Hermann von Sachsenheim, Mörin: 18 sm: 



l ) So liest Z, aber V (die jüngere hs.) hat Gold smid. 

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S-VERBINDUNGEN IM NHD. 233 

smiert *154; s mitten 285; ungesmiert 368; smag 432; smidknecht 551; 
versmahen *658; versmacht *1062; imoiz* 1571; *motA *1632; kupffer- 
sadd *1952; 5m«A*l 2514. 2525; 5wa/ 3032; gesmakt 3374; versmaucht 
♦3540 ; routtA 3714; gesmecht 5234. 5560 gegen 12 *<?Am: schmal 115; 
verschmit *287; schmeher 1805; schmog 1839: geschmecht 3843; schmicz 
4229. 4231; schmakst 4440; schmer 4663; *c/tmt'rf 4903; schmoczt 5805; 
schmerz 5996. — Der goldene tempel and Jesus der arzt: nur 
«cum: a) schmal 866; verschmacht *128l; — b) verschmach *99; schmal 
121, 135. — Kanfringer: nur *<?Am (23): schmächlich 1,327; trcr- 
schmacht *2, 31 ; schmackes 3, 551 ; schmachlichen 3, 665; schmückt 3, 693. 
15,69; Schmielen 4,185. 195; ttAmo/ 5,132. 9,216. 16,725; schmachlich 
7,190. 13,45; verschmolzen *9, 107; schmukt 11,83; schmerzen 11,103. 
144. 14,449; schmachait 11,271. 12,183; schmack 13,56.61; schmach 
14, 673. 

b) Im bairisch-österreichischen Sprachgebiet. 

1. Urkundliche belege: 

§ 10. /onfaft derSmide 1311, Urkdb. d. 1. o. d. £.5 no.44; CAtin- 
rol Smuchenpfeninch 1322 ib. 5 8.322 no. 335; Goltsmid 1327 ib. 5 s. 492 
do. 498; «wir 1332 ib. 6 s. 59 no. 43; Ertsmit 1334 ib. 6 8. 114 no. 106; 
&«7, Challsmid 1361 ib. 8 no. 29; £m& 1363 ib. 8 no. 120; p*t <fcr 
Smelczer stainhauffen 1367 ib. 8 no. 322; Stephan der Smyd 1369 ib. 8 
8. 406 8 no. 411. — Aus weistttmern: schmaltz, geschmelert 14. jh., 
Pillersee T. w. 1,90; schmer, schmelert 1405, Nonnberg bei Salzburg Ö. 
w. 1, ilO; Friedrich der Smicher (2) 1411, Trins T. w. 1, 292; goltsmid 
1434, Brandenberg T. w. 1, 135; ima/z 15. jh., Innsbruck T. w. 1,231; 
schmach 1487, Zillerthal Ö. w. 1, 317; Lienhard S/nid 1497 und 98, 
Mittersill O. w. 1,283 ff. 

2. Belege aus literarischen denkmälern: 

§ 11. Oswald von Wolkenstein: 77 (76) *m: «ma/ 1,6, 2. 3, 1, 
32; smecken *4, 3, 6; smafc ib. *8, 13; smutz 1 ) 5, 1, 56; gesmissen ib. 1, 79; 
ungesmach*) 6, 93; srnertz *7, 3, 11 ; *m<?r 14, 4, 17 ; smalen 16, 2, 5; s mucken 
ib. 3, 16; smiegen ib.; goltsmid 17, 3, 24; ana/ 17, 2, 4. 31; 18, 8, 1; 
fm^rm 18, 2, *2; smttzen 24, 2, 7; gesmech 25, 4, 3; smucken 29, 1, 
34; jmiHl 30, 1, 15; versmogen ib. 1, *9; imiite ib. 3, 9; smucken 32, 

1, 10; smelhlein 33, 2, 15; smucken 35, 3, 37; smertzen 36, 3, 10; fma<;/i 
ib. 6, 3; ;/nt<fe 39, 1, 26; smalib. 2, 24; smertzen 44, 3, 2; smutz 45, 17; 
*m<?/ 47, 3, 6; smuck 48, 1, 11 ; smutz 49, 2, 6; smal 50, 2, 6; smertzen 
51, 3, 19; ;mtW 52, 1, 3; smal ib. 1, 6; smutz ib. 1, 12; gesmogen 63, 3, 
14; mttftt 65, 3, *5; smel 66, 2, 10; smutz 67, 2, *11; smirb ib. 3, 
12; versmächt ib. 4, *11; versmahen 68, 1, *12; unversmacht 69, 1, *7; 
«KT/* 70, 1, 30; fm*w£ 71, 1, 8; smielich 72, 1, 8; smuck 76, 1, *85; 
srnertz 77, 4, 10; 78, 1, 5; smal 79, 3, 5; srnertz 88, 2, 7; gesmuckt 90, 

2, 9; smucken 93, 2, 6; smercz 94, 2, *11; smdch 95, 4, 5; smecken ib. 



') X liest schmatz. 
*) I liest ungeschmag. 



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234 ARON 

5, 2; versmähen 106, 7, *10; smechlich ib. 8, 6; smertzen ib. 9, 2; *»ukA 
107, l, *14; *mute ib. 1, *19; *mw<;Ar 108, 6, *16; gesmitt 109, 4, 14; 
versmächt HO, 2, *3; smertzen ib. 3, *4; versmitt ib. 3, *6; smecken 
111, 2, 8; fmi/zW ib. 2, 18; smertzen 116, 2, 15; smecken 118, 6,4; 
*m*rfe 119, 1, *17; versmach 121, *112; [versmdch 122, 4, *5 nur in 
W] gegen 10 (8) schmatz [nur X] 5, 1, 56; ungeschmag [nur I] 6, 93; 
Schmitten 1 ) 29, 2, 32; schmertzen 33, 1,8; schmertz 37, 1, *3; schmucken 
64, 1, 6; schmatz 73, 2, 2; schmertze 87, 2, 5; schmertz 117, 4, 1 ; schmertun 
119, 1, 3. — Sohiltberger: 4*) *w: Stephan Smicher 6, 11; **ukA 32, 
23; gesmach 80, 21 ; smähe *l 1 1, 5 gegen 3 *<?Am : ge schmuck 79, 3; ttAfltl- 
hen 88, 4; schmach 98, 30. — Tu eher: erste band: 27 sm: smiäe 96, 
31; $mto 99,26; *mtV/«fn 242, 20; negwersmit *162, 19; sc her s mit *101,5; 
plechsmit 190, 20; kiingensmide 270, 24; Smitgassen *190, 19. 285, 33; 
Pfandsmitgassen 225, 16. 226, 1. 10. 234,10; smeltzhütt 270,26; *m*/te- 
Atf/fe» *144, 16. *156,21. »162,24. *2il,25. ♦219,24. "222,19; #m^:/ 270, 
25; versmeltzen *253, 33; smiren 249, 18; gesmiret 249, 16; wagensmire 
1 1 6, 28; ttnofrz 270, 26 ; sweinensmaitz 249, 12 gegen 62 xc/»m : schmiden *99, 2; 
schmid(t) 41,23. 97, 5. 18. 25. 27. 98, 5. *6. 18. 99, 2. 21. 25. *100, 23. 101, 12. 
124, 12. 128,3. *159, 1. 9; schmide 41, 15; der schnitten *41, 18; Schmitten 
84,17; goltschmit SA, 17, 146,30. 155,20. 156,5. 31. 158,6. 242,1; klingen- 
schmit 161, 21. 268, 36. 269, 5. 9; Pfantschmit 136, 24; PfanUchmU(dy 
gassen 136, 25. 137, 24. 36. 13S, 3. 194, 5. 225, 17. 236, 2; Pewlnschmidt 
49,7; plechschmit 154,23. 285,31; rotschmit 157,12. 160,11; Schmit 156, 
19. 158,38. 209,26; Schmidt *101, 13; Schmidmar 138,26. *226, 26; ttAmt- 
r<?» 248,21; wagenschmir 116,16. 18. 27. 292,29; schmeltzhutten * 156, 23. 
269, 1; schmaltzkessel *288,29; schmekt 115, 11. 239, 2. 2; schmeket 236, 
16; zweite band nnr xm: Pfansmitgafs 294, 14. 295,2; kiingensmide 313, 
28. — Beschreibung einer Seereise: nur sm: smirt z. 11; smyd 
z. 40.— Nürnberger polizeiverordnungen (13. u. 14. jh.): Darm. 
n. Im mitteldeutschen Sprachgebiet. 

1. Urkundliche belege: 

§ 12. schmalz 1287, Henneb. urkd. 3, 1550 (vgl. Weinhold, Mhd. 
gr.* § 208); Petir Smyd 1401, Meissner nrkdb. St. Afra no. 336; Mathis 
Mezzersmid 1444, ib. no. 273; Mattes Smid 1453, ib. no. 279; Ban/s 
Smidigen, vorsmirt 1477, ib. sohlossbaurechnung s. 95; schmide (2) 1477/ 75, 
ib. sohlossbaurechnung s. 97; smiren 1479/80, Schlossbaurechnung ib. s. 97; 
Matys Smyd 1480, ib. no. 142. 

2. Belege aus literarischen denkmälern: 

§ 13. Job. von Frankenstein, dasBuch von guter speise, 
die Übersetzung der Offenbarung Johannis, Rothes Ritter- 
spiegel: nur sm. — Miscellanhs: auch schm: schmerezin 1,40; vor- 
schmehunge 1, 150 (Pietsch-Rückert, Entwurf s. 144). 



') Weber gibt irrtümlicher weise im glossar smitzen an. 

*) Nicht gerechnet sind versmähen DH *91, 15 und smainst 84,7. 



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5-VERBINDÜNGEN IM NHD. 235 

III. 811. 

I. In Oberdeutschland. 

a) In Alemannien. 

1. Urkundliche belege: . 

§ 14. Glarus: abgeschnitten 1438 no. 218. — Basel: in dem 
Statt; des Sniders 1360 no. 380; sehne (2) 1363 no. 390; Snider 1371, 
b.416,27; Rudolf Schnider 1375, 8. 438, 23 no. 429; Rudi Schnider 1390, 
no. 475; Schnider 1391, lat. ark. 8.509, 8 no. 477; s nid er 1400, 8.599, 3 
no. 529; sehne 1422, s. 736, 9 no. 628; Claus Sc h nid er $ ib. 737 (ö); 
schnider 1424, 8. 768, 32 no. 645 ; äenmans Schnewlin 8.812,17; Snewlin 
813,17; Heini Snider b. 812,18, 1436, no.692; Heini Snider 1437, 8.816, 
37 no. 685; Benny Snider 1437, uo. 687 8.818,30; Schnider 1442 no. 716; 
Schnider 1444, 8. 854, 25 no. 720. — St. Gallen: In schnail 1302, 
Wartmann 3, 8.319; ze sneita, (derselbe ort) 1304 ib. 336; snewisse (3) 
1320 no. 1259; äh Schnitter 1342 no. 407. — Vorarlberg: schneberg 
1548, Mone 10,430; Schnider 1452 ib. 433). — Königsbrunn: (Mone 
10, 120 ff.): schnabet, snabel, schnür 1425. — Villingen: schnöd, 
schnell 1459, Mone 8, 476. — Augsburg: Snegalle 1283 no. 76; Wernher 
der Snelman 1284 no. 88; Wernher Snelman 1290 no. 124; Snetten 1299 
no. 174; zer s c hnittens 1368 no. 612; schnider 1374 no. 659. — Aus 
weistümern: sniden vor 1313, Eigen, Rochholtz b. 4; die snursleipfe 
ca. 1322, Elfingen ib. s. 9; sne, Ulli Schnider 1351, Erlinsbacb, ib. 8.29 
und 34; abschniden mitte d. 14. jh., Ermatingen (Thurgau), Grimm 1, 
239; Rudi Snider 1412, Bersikon, ib. 1, 49; snur 1417 Winkel (Zürich), ib. 

1. Belege auB literarischen denkmälern: 

§ 15. a) Mainauer naturlehre: sn: sne s. 14. — Basler 
NibelungenbruchstUcke: sehn: schnelle 1362,3. ^367, 2. *1371, 4. 
♦1643, 1. — Der maget kröne: sehn: sehne 2, 12. *5, 268. 5,305; 
schneiden *5, 488; geschneit 5,268. — Hugo von Montfort: Schreiber 
A: 8 sn: sne *2,35; sneller 4, 11; snell 4, *124. 164. 5,58. 60. 63. 226; 
gegen 1 sehn: verschneiden *5, 8; Schreiber B: 1 sn: snell *27, 38 gegen 
16 sehn: verschneiden *15, 41. *26, 35. *60; abschniden 28, 110; beschni- 
tten 28,43; schnell *15, 45. *28, 41. 33, 25. *55; sehne 15, 141. *19, 31. 27, 16; 
schnöde 24,130; schnöd 28, 432. 652; schnuck 31, 145; BchreiberC: sehn: 
schnuore 38, 1 ft. — Euchimcister: nur sehn : schnaid s. 41 ; ange- 
schnitten 42; Schneggenburg 138; sehne 242. 244; Schnabelburg 316. — 
Stretlinger chronik: nur sehn: schnell 6,11; abgeschnitten 100,28; 
abschnitte 155,13; schnellen 162,3. — Richental: nur sehn: schnider 
♦32. 182. 183; für schnider *58; verschnitten t *120; schnetzly *40; sehne 
64 (2); schnitzt 120; schnüren 159. 

ß) Merswin: nur sn: snede 38(2); 120. 123; snident 53; sniden 
129. 136. 139. — Elsässische predigten: nur sn. — Dankrotz- 
heim: nur sn: besnilten v. 43; snee 61. 82; snider 482.— Regel des 
hl. August in: nur sn: sneiden 51». 

y) Augsburger stadtbuch: nur sn. — Wackernagel: sn in 
no. 42— 52 (vgl. Weinhold 10), seltener sehn: schniden 35,58; geschniten 



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236 ARON 

28,31 (vgl. Weinhold 7). — Ingold: nur sehn: abschüttend 19; schncli- 
kait 23; schnellen ib.; sehn egg 29; schneidet 32; Schneider, vir Schneider 
*40; schnell *4t; schnöd, schnöden 44; schnell *45; glok schnür 62; schnöden 
63; schneidend 66; schneiden 67; schnateren *68; schnallen, schnatertafel, 
schnür 68; verschneident *71; schnell ~h\ schneit, erabschneyderin 81. — 
Ruland: *£Än: g wandschneid er 18. — Conrad von Weinsberg: nur 
jcA/i: schnyder (6) n. pr.; schnür Im 4; abzuschniden 18. — Hermann 
von Sachsenheim, Mörin: 22 xn: imift*/ 401. 548. 685: snoder 539; 
;/t<tä 580; fitftfen 981. 1089. 1537. 3276; ttrfrff *657; *w<f//*r 881. 3158. 
3450; *»*// *1054. *2452. *2870. 4021. 4038. 5648; snöder 2904; xm«w 
«3246; *ntf</*3487 gegen 19 sehn: Schnabel *250 ; #cAfit//284. 3687. *4 561. 
♦5346. 5372. 5937. 5947. *5980; schnitten 710; schnöder 1643; bescheiden 
1991; $<?Afitfrf*n 2003. 4798; Schnecken 1 ) 2097; schiede *2683; ttAntM (subst) 
2882; schnellen 4227; schnöde 5898. — Der goldene tempel: nur 
ttAn: schnuor 67. — Jesus der arzt: nnr tt/tn: schniderstuol 75. — 
Kaufringer: nurfcAn: schnelle %%2\ schnell 8,232. 16,451. 111; ;;Am» 
weifsen 4,192. 9,212; schnelliclich 12,242; schneid 13,239. 14,278. 732; 
schnall 13,403. 563; abgeschnitten 14,295; schnüren 16,123; schnöd 16, 
358. 485. — Reimchronik des Joh. Kurtz: nur jgäw: schnell v. 33. 
72. 572; schnödikait 351; schneggen 919. 

b) Im bairisch-Usterreichischen Sprachgebiet. 

1. Urkundliche belege: 

§ 16. Wemhart der Snöde 1321, ürkb. d. 1. o. d. E. s. 290 no. 
302; *mJr 1330 ib. 572 no. 575; Reicher der Sneider 1344 ib. 6, 467; Chun- 
rats dez Sneider 1359 ib. 7,625 no. 615; Görig der Sneider 1362 ib. 8, 
61 no. 59; Peter Snabel 1365 ib. 211 no. 208; snell (2) 1366 ib. 278 no. 
281. — Ans we^stttmern: sne bergreebte in der Gastein und Raum 
1 (1300—1350), Ö. w. 1, 196 ff.; Schneider (2) 1898, T. w. 1,294 ff. Pfons; 
sneibl (2), aufsneiden Innsbruck 15. jhd., T. w. 1,231; schneflüfsl 24,3; 
abschnitt 25,43 Oberinntal, Flaurling 15. jhd., T. w. 2,23; schnee St 
Valentin auf der haid, 1489, T. w. 2, 352. 

2. Belege aus literarischen denkmälern: 

§ 17. Oswald von Wolkenstein: 60 sn: snur 1,4, *19; snee 
ib. 5,16; snell 2, 1,*14; sneüem ib. 1,20; gesnuret 2,3,11 : snee 3,1,25; 
snellen 4, 1, 27; gesnitten 6, 1, 12 ; snur 12, 4, *4 ; snellel 1% 5, 8; versnäret 
ib. 6, *4; snarcht 13, 10, *3; snee 16,1,9; sndbel 18,3,*6; sneid ib. 6, 
*6; snöden 24,2,7; versnürt 25, 3,*16; snödem ib. 4,3; sneyden ib. 4, 
♦18; versnait 26, *150; snödes 29, 1,30; snödem ib. 2,22; snees 30,1,8; 
sn&ren ib. 2,36; snaltert 31,4,40; snee 33,1,*7; 35,1,42; sneblein 37, 
1,5; snell 40, l, 8. 44, 3, 18; snäggel 45, 20; snell 57, 3, 4; snäggl 58, 1, 1; 
snurra ib. 4,5; godersnal 60, 3,*8; snell 67,2,8; versnorpffen 70, 3,*9; 
gesneude ib. 3, 19; snurlin 71,2,5; gesneud ib. 3,4; **** 76, 3, *31; snee 
75, 1,*15; snell 88, 2, 15; sne 90, i,*2; snür 91,2,*9; snöden 98,2,*7; 
snurr 106, 11, *7; ubersneüet 108,3, *10; snee 109, 2, *3; snell 112, 2, 13. 



*) So mit Martin; die handschrift hat schnken. 

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S-VERBINDüNGEN M NHD. 237 

115,5,12; snöder 117,5,10; snallet ib. *6, 8; snöde 118,1,1; snee ib. 4, 
♦12; snöden 119,2,16; besnaid 121,2; sneü ib. 18,187. 122,1,3; besniten 
118, 1, 1 gegen 2 sehn: schneller 103, 1, 11; beschnaid 122, 1, 1. — Schiit- 
berger: 2sn: sneckenHh, 11; besneyden 86,21 gegen 11 sehn: schnellt 
48,8; schneylt 94,19; schneiden 52,14. 62,8. 92,7; schnabeü 69,28. 70, 
25; beschneyden 86,21. 22. 94, 12; schneydens dingk 87, 6. 1 ) — Beschrei- 
bung einer seereise: 1 xit: *nnr 61,11 gegen 2^An: schnyder i. 41; 
ttAjuy/ z. 291. — Nürnberger polizeiordnungen (13. n. 14. Jh.): 
nur sn. — Tücher: erste hand 34 sn: snur 110,4; snur 264, *15. 15; 
tnirlein 236,27; rebsnitr 111,16; snurmacher 158,31; Snürer 95,3; snur- 
lechtz 166,12; gesnitten 241,16; *n*A* 252,24, snee 252,26. *26. 253,28. 
31 32. *36. 254, 4; Snödin »165,32. *166, 5. *13. *32. 178, *15. # 24. *25. 179, 
*7. 210, *29. 31. *217,21. *218, 10. *222, 3. *270, 18; Snaltzer 156, 8; Stutzers 
172,9; Snigling 205, 13 gegen 60 sehn: schnür 263,7; rötelschnür 110, ß; 
schneiden 72,25. 76,18. 79,19. 112,23. 26. 32. 116,7. 120,19. 24. 121,14. 
19. 28. 122,32. 33; schniden 121,26; schneit [dt] 72, 23. 112,34. 120,25. 
35; schneidet 121,5. 13; geschnitten 75,33. 78,8. 20. 120,20. 121,1; aufs- 
geschnitten 123, 1. 269, 7; schnit 112, 32. 34. 120, 26. 28. 34. 121, 1. 20. 22. 123, 
10. 292,30; Schneider 151,9. *34. *152. 156, *8. *25. 160,23. 161,27. *162, 
18; Schneiders 146,13. 151,32; Schneider 209,32; sehne *234,24; Schnö- 
dm 206, *4. "7; schneller 130,36. 131,21. *210,23; schnellem 109,28. 215, 
24; Störchschnabel 100, 11; zweite hand 4 sn: sneüer 296, 14. 15. 16. 298, 
27 gegen 16 sehn: schneiden 317,*14. 14. 322,30. 35. 36. 323, 2; geschneiden 
323.15; schnaid (schnait) 304, 10. 323,-9. *10; geschnitten 305,37. 322,27; 
aufsgeschnitten 317,19. 325,2; schnit 322,26. 323,9. 

11. Im mitteldeutschen Sprachgebiet. 

1. Urkundliche belege: 

§ 18. sneidewerk 1277, Nassauer urkdb. no. 930; in Sneithaue 1280, 
ib. no. 974; Älheid Snellens 1300, ib. no. 1300. Hans Snyder 1418, Meissn. 
u.no.73; Michel Snider 1477, schlossbaurechnung ib. 95; Michel Schneider 
(2) schlossbaurechnung von 1477—78, ib. 96; Caspar Sneider 1480, ib. 
no. 180. 

2 Belege aus literarischen denkmälern: 

§ 19. Johannes von Frankenstein, das Buch von guter 
speise, Übersetzung der Offenbarung Johannis, Stolle haben nur 
sn. — Mi sce Hanns, v. 1440 sehn in schnaueze (vgl. Pietsch-RUckert, 
Entwurf 144). 

IV. sw. 

1) In Oberdeutschland. 

s) Im alemannischen Sprachgebiet 

1. Urkundliche belege:*) 



! ) DH bieten noch: schnitt 91,3; ab schniden 91,8; schniden 92,7. 

*) Hierbei lasse ich die so häufigen pronomina und pronominal- 
adverbia: swer, swaz, swie, smenne etc. einstweilen bei seite. — Ueber 
diese Wörter und ihr sporadisches auftreten mit seh s. weiter unten. 



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238 a&on 

§20. Qlarus: swande, swelen 1289 no. 31; geschwornen (1); 
swu&ren (2), geswesteran, swester, s wander 1302 no. 33; Snritz (ö) 1316 
no. 38; Schwyz 1316 no. 39; Surfte (ü) 1318 no. 41, 1319 no. 42; s wester, 
swantz, besweren 1322 no. 46; sweslern 1322 no. 47: gesworn, Smlz 1323 
no. 49; swester 1333 no. 56, 1340 no. 59 (tt); Schwitz 1350 *ö. 66; £ft>ife 
(ö); gesworn (8) 1352 no. 69; gesworn (3), sweren (adj.), verswigen 1359 
no. 76; gesworn 1367 no. 80; swöstere, schwagere 1370 no. 86; gesworen 
(2), Surfte, sweren, geswistergit 1387 no. 105; geswuoren (2), geswornen 
1393 no. 121; gesweret, geschworn, geswornen 1395 no. 126; gesworn (ö), 
swerrin 1400 no. 131; *fp*rn 1402 no. 132: gesworn 14(76 no. 137; Surfte, 
Heinrich Sw ander, Swartz 1407 no. 138; gesworn, geswornen (ö), swerren 
(2) 1408 no. 139; swanden, gesworn (2) 1411 no. 141; Schwandegg, schwm 
(2) 1412 no. 144; Surfte 1415 no. 155; swerren, geswecht, geswornen 1419 
no, 159; Surfte 1419 no. 160; gesworn (2), swerren (2) ib.; gesworn 1419 
no. 162; Surfte, Swanden 1419 no. 170; Surfte (ö) 1421 no. 166; Surfte (b. o.); 
gesworn (s. o.) 1421 no. 167; Surfte (ö) 1421 no. 168; geswornen 1422 no. 
169; gesworen, swerend 1424 no. 173; Switziß), geswornen (3), swerren 
(2), swechern, geswechert 1425 no. 175; Swyte (ß. o.), sweren 1425 no. 176; 
geswornen 1425 no. 195; surfte (2), gesworen, sweren 1428 no. 182; Surfte, 
gesworen (2) 1420 no. 185; swa^^r (b. o.), swöster 1429 no. 186: Surfte (OK 
gesworn neben geschworn, swerren neben schwerren (3) 1437 no. 201; 
Surfte (ö), gesworn (ö), geschworen, schwere (verbl), srver cm 1437 no. 
202); Schwager, schwöster, geschworn, Schwytz (2), S/ryte [Swrfte] (3) 
1437 no. 207; s wag er, swär, swärer, swerrmt, Switz (2) 1437 no. 209; 
Surfte (2) 1437 no. 212; witfir (2), Swyte ((5) 1438 no. 216; Malischwand, 
Schwitz (b. o.), beschwürt (3), ge seh warnen (4) neben geswornen (4) 
1418 no. 218; Sityte (ö), geschworn 1439 no. 220; Surfte (ö) 1439 no.22l; 
Surfte 1440 no. 224. 225. 226; Swytz, swerren (2), gesworn (2), geswornen 
1440 no. 227; Sivyte (s. o.), geswornen (o), gesworn, gesworner, beswärung 
(o) 1440 no. 2*3. — Basel: swester 1319 no. 251; gesworn, swin 1324 no. 
272; swester, geswistergide 1332 no. 293; swester 1334 no. 298; swester 
(2) 1337 no. 303: geschworen 1342 no. 321; geswomem 1343 no. 322; 1347 
no. 332; geswornen 1348 no 338; swerer 1350 no. 344; 1353 no. 352; 
sweren, gesworn 1355 no. 359; swager 1356 no. 360; fftvrir (2), gesworn 
1356 no. 364; swach, swester 1358 no. 369; swerer, gesworne (2), swereni, 
geswerent 1359 no. 377; Swaben 1360 no. 379; Nortswaben (2) 1360 no. 
380; swert verb., *w#r, swerer 1360 no. 881; geswechert, gesworn, swtrn 
verb. (2) no. 383; schweren 1363 no. 389; sweren no. 391; Swaben no. 
393; swerer 1365 no. 399; gesworn (4), geschworn 1366 no. 400; swester 
(2) 1369 no. 404; swerer (3) 1371 no. 412; swingelt (2), swester 1371 no. 
415; swester (2), geswistern, swüer 1871 no. 416; swager no. 417; **w*r 
(2) 1372 no. 419 1 ); */t><?r<rr 1373 no. 421; Swaben 1374 no. 428; fftwfer 
1377 no. 433; geswisterigen 1382 no. 449; swester, geswistergyd (o) 1384 
no. 455; geswomem (2) 1385 no. 458; swerer no. 461; swerer (3), swerent, 



') Hier sei aoeh Oma// ib. 422, 22 erwähnt 



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S-VERBINDUNGEN IM NHD. 239 

gesworen 1386 no. 463; swinger 1388 no. 463; swerer, gesworn no. 469: 
swesier (2) 1390 no. 474; no. 475; swingeltes 1392 no. 482; swerer no. 484; 
swerer, Swobes, Swabes (2) no. 486; swere 1 ), gesworn 1 ) (2) 1393 no. 489; 
swerer 1395 no. 494; swerer (2), gesworn (2) no. 49«; swesier 1396 no. 
497; swesier, swe Stern (2) no. 498 ; geswornen, gesworn, Swartz no. 500 ;, 
gesworn, swecherl 1397 no. 502; volswerer 1399 no. 509; swerer (3), ge- 
sworn (2) no. 519; swerer (3) no. 520; s wer liehen 1400 no. 526; geswornen 
(2), sweren verb., z* wer* 1406 no. 548; wm, swerer, gesworn no. 550; 
geswornen 1411 no. 575; gesworn 14)6 no. 592; beswern, gesworen no« 
595; gesworn 1417 no. 601; firm (2) no. 603; geswornen (o) 1418 no. 606; 
ttrerm 1420 no. 616; gesworn, Swarlzenburg (2) 1422 no. 627; geswornen 
(s.o.), geswistrides, sweren verb., no. 628; Swob, Swartzenburg no. 629; 
geschwornen (5) no. 630; sweren no. 631; sw eilen 8 üb St., no. 637; ge- 
swornen (§) no. 639; geswornen (o) 1423 no. 640; gesworen 1425 no. 646; 
swingelt 1430 no. 660; swerer 1432 no. 670; geschworen (o) 1435 no. 674; 
gesworn no. 678; 1436 no. 682; schweren verb. 1437 no. 686; gesworne 
no. 687; &*0p, üfanj Swebüi no. 688; geswechert 1438 no. 689; sweher, 
sweren verb. no. 692; geschwom 1439 no. 699; gesworn, swerer 1440 
do. 707; schwechert no. 708; swesier 1442 no. 711; fwtiti (2), gesworn 
1445 bo. 722. — St. Gallen: Swarzinstein 1307 no. 1169; swesier (2) 
1315 no. 1225; swager, swesier no. 1229; Swigger no. 1235; Swarzcnbach, 
Swiger 1319 no. 1249; geswisiem no. 1250; swagern (2), *fpa£*r(3), swester- 
man, swesier 1320 no. 1259; beswerm no. 1261; Swiger (ö) no. 1262; swesier 
do. 1263; 1321 no. 1272; $«?#r no. 1275; swerei, gesworn (2) no. 1276; ^e- 
wora no. 1279; swesier 1322 no. 1285; Swegler no. 1289; swuoren, ge- 
sworen 1324 no. 1296; gesworen, swerren 1327 no. 1314; Swigger no. 1318; 
swesier no. 1319; gesworn 1328 no. 1322; geswislergide, gesworn 1329 no, 
1332; swesUr (ö) 1330 no. 1335; be sweren beschweren 1335 no. 1361; #*- 
Mwm 1337 no. 1377; 1340 no. 1395; geswornen 1342 no. 1403; swesier 

1344 no. 1416; gesworn no. 1421; geswecht no. 1422; Swaben, Swanningen 

1345 no. 1431; gesworn, Swenningen 1346 no. 1439; sweren, gesworn 1347 
no. 1447; beswären 1318 no. 1456; gesworn, geswecht 1351 so. 1476; 
swestren, SwaigeUp 1 353 no. 1 497. — Vorarlberg: swäher, gesch wornem 
1448 Mone 10, 430; gesworen, geswornen, swager, schwigen 1452 ib. 433. 
— Kloster Wald (Hohenzollern): swesier (2) 1311 Mone 10, 454; 
1331 ib. 464; (o) 1333 ib. 467; Swigger (2), sweher s 1334 ib. 468; Swigger 
1338 ib. 473; swesier (s. o.) 1342 ib. 473; swuor 1345 ib. 475; swesier (2) 
1350 ib. 476; Swigger s 1359 ib. 483; swesier (s. o.) ib. 484. 485; swesier 
(3). sweslran, swestren, swechsten (2) 1388 Mone 11,88); schwehers (3), 
schweher 1392 ib. 92; Schwaindorf 1397 ib. 97; swesier (2) 1408 ib. 102; 
**<feter ib. 104; swöstran 1411 ib. 105; Swamdorf (2) 1438 ib. 108; 
schwesterman, Schwäger, sc hwiger 1467 ib. 115. — Augsburg: swester- 
gw 1301 no. 184; Swaben 1312 no. 221. 222. 223; swesier 1316 no. 242; 
swigger 1317 no. 248; swesier, gesworn ib.; Hainrick der Schwap 1318 



*) So lesen beide exemplare der Urkunde. 



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240 ARON 

no. 248; swaben, swigger 1319 no. 257;- geswie (subst.) 1320 no. 259; 
zwange 1322 no. 263; swester, geswistergid 1324 no. 270, swester, swager 
1327 no. 284; beschwöret, swcer adj. 1329 no. 290; swester, swager 
1330 no. 292, 294; swester (ö) 1330 no. 297; Swaben, gesworen, sweren 
swerent 1330 no. 299; gesworen (ö) 1331 no. 302, 311; beswcert, swwren 
adj. 1332 no. 316; Swaüben, gesworen, sweren 1333 no. 324; geswestergen 
1333 no. 325; swaulmüle 1334 no. 331; Swaben 1336 no. 339; swester 
no. 343; gestoorner 1337 no. 348; swalmulner 1338 no. 354; sweher, 
swager 1339 no. 362; swecher s., swuren no. 366; beswdren 1340 no. 368; 
sweher 1343 no. 398, 1345 no. 408; g es wester 1345 no. 410; gesworen 1348 
no. 437; besweren, swere adj. 1348 no. 448; swester (ö), ge swester no. 450; 
Swawen no. 454; Swoben no. 455; beswerung 1349 no. 462; Swigger, be- 
sweren, gesworn no. 468; uvm no. 472; swester 1350 no. 479; beswceren 
1351 no. 485: gesworn (0) 1352 no. 492; gesworen, swerlichen 1353 no. 
494 u. 8. f. bw. — Ans weistttmern: sweret vor 1313, Eigen, Rochholts 
8.4; Swartzenbrunnen ca. 1322, Elfingen ib. 9; swerren, gesworen 1348, 
Berkon ib. 19 ; geswornen (2) 30 ; swin 32 (2) 1351, Erlinsbach ib. ; Schwin- 
ton (2) 1363, Birmenstorff ib. 46; schwerren, schweren, schworlz, 
schwantz mitte des 14.jhd., Ermatingen (Thurgau) Gr.W. 1,239; Schwende 
schwenden (2) ca. 1408, Rudolfstetten Rocbholtz s. 59); Philipp Swerter 
geswistegit neben geschwistergit, swmen 1412, Bersikon Gr. W. 1,49; 
swaniz, s werte 1417 Winkel IZttrich] ib. 86. — swere anf. d. 14. jh., 
Heinesbrunn Gr. W. 4,93; gesworen, sweren, swester (2), Schwager an/, 
d. 14. jh., Altenschwiler ib. 9 n. 11; schwin 1382 [?], Niederburnhaapt 
ib. 75; verswigen, sweighoffe, schwecher ausgang d. M.jbd., Riespacb, 
ib. 3 ff.; ge s c h woren, seh wacher (2) 1 420, Prentzingen ib. 9; gesch worner, 
schwacher, schwachr 1420, Werenthansen ib. 1 ff. 
2. Belege ans literarischen denkmälero: 
§21. a) Mainauer naturlehre: nur sw: swarzir 1; swinde2.*Z; 
swerer 3; swendet 9. — Maget kröne: 7 sw: swebet 3,101; gesworn 
3, 130; swert 4, 244. 526; swuer 4, 273; sweb 5, 367; verswant *5, 328 gegen 
8 schw: beschwere 2, 48; geschwind 3, 8. 4, 144; schwur 4, 374; Schwestern 
5,211; Schwester 5,* 185. 324; schwarz 5,45. — Basler Nibelungen- 
brnchstttcke: nur sw, vgl. Wackernagel a. a. o. — Hugo von Mont- 
fort: Schreiber A sw: verswigen 3,*53; swer s. ib. 68; swartze 5,59; 
swuren ib. 102; swer adj. *5, 129; srvigen 9,6; Schreiber B sw: swebt 
12, 15; swer v. *13, 3; swigen 16, 46; swert 18, 137; swigen ib. 280; switten 
19,26; fiff^in 24,102; swert 25,116; swer adj. *26,51; swers v. 27,55; 
w*r adj. ib. 56; swer s. ib. *208. *235; swer v. ib. 111, 151; swer s. 
28,95. 99; swigen ib. 28; *w*r* ib. 123; verswunden ib. *176; swer adj. 
ib. *392. 530; sweb ende 30,1, wir; v. ib. 40; ge swuer 31,82; swartzer 
ib. 94; versweren ib. *12l; fir*r 32,*16 a.; swebst ib. 32; verswigen ib. 
♦76; sweren 33,4; swarzwald ib. 11; *wr v. ib. 107. 34,34. 37,53. 1 ) — 
Kuchimeister: 26 xir: gesworn 6, 125. 268. 324; S/wte 22; beswert 73; 
swöster *74. * 164. 176; gesungen 101; verswigen *105; geswand 107; 



») Ebenso C xip: wir 38,131. 142; 5W*tj ib. 159. 

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S-VERBINDUNGEN IM NHD. 24 1 

sititrent 138. 214 ; swösiren 165 ; Swarzenbach(Z) 193. 194. (2) 241. 252; geswu- 
ren 214; swhr 219. 255; sweren (verb.) *219 geg^n 13 seh: schwur 10,247; 
schweren (verb.) 22, 212; schwamm (verb.) 51; schtviirent 122; Schwaben 133, 
19$; verschweren *155; Schwär zenbach 187; schwären 212; schwenket 220; 
schwand 228. — Stretlinger Chronik: fast nur w. swanzl, \;swert$, 
26.9,19.56,9. 14. 70, 17; mw/* 9,5; $ mang er 12,5; besweren 15, 17. 58,3. 60, 
30; fowpwr 15,28. 56, 16; verswand *16, 23. *33, 5. 43,29. 73, 27. 137, 11; &*- 
swornen 33, 29; beswernifs 35,29. 38, 10. 48,20. 49, 17(2). 116,7; swarzen 37, 
1. 39,21. 79,22; w#r 42, 8; *w/^n 45, 16; swurent 49, 22. 80, 25. 88, 19; 
swester 54,19; geswal 55,20; besworn 56,9. 102,24. 103,16. 104,28. 127, 
17. 128,10; sweig 69,4; sweigte 69, 14; 5w4r 81,17; swetzen 85,8; fo- 
awrat 85,9; #w^ 110,12; war* 112,16; swimmen 122,4; swüren 132, 
18; s wen de 149,8; swendi 158,20; swerrent 163,27 gegen nur 2 x<?Ait>: 
verschwand *20, 21; schwimmen 121,20. — Ulrich von Richental: 
56 sw\ Stvitz 18; Switzer 66; swartzen 28. 80. 85. 100. 101; fwtfr 38; 
w^A^r 38; swinis 40; in rfrr Swarlzen hof *44; Swegen 51; Sweden 53. 
162. 201; swfirend 54; gesworen 66. 69. 72. 89; *it>*r*n 68. 70 (2). 105. 
106; *it>#r 68; swerent 70. 116; Swartzburg 66; Swartzach 91; S woben 
69. 184. 208; Swauben 79; *w<?rf 93. 97. 99. 105 (2) 107. 109. 200; wante 
100; ift^ifi 105; Swedur Kobin 184; Swalbach 194; /fann* Swartz 197 
(2); Swostery 201; SwiV/wa202; jawr* 211; 5wa^^r211; Swiger 211. 212; 
Swelher 213 *) gegen 65 ^Aw: schwur 14. 55(2). 70(2). 71. *94; geschworen 
18.70. 148; geschwomen 135; 0**£Än*#r55; schwuren 53. 66. 71. 106. 107. 
110; schwurint 56. 71. 102. 110; -rf 96. 135; schweren 71 (2). 158; schwert 
16. 78, 80. 106. 108. 134. 144. 146. 190; wäittfr 17. 102; Schwartzach 34. 
38; Schwor izen 37. 45. 48. 83. 199; Schwartz 48; schwär tz 124; Schwor tz- 
burg 145; Schwartzenburg 193(2); am tö. schwinis 40; am /&. schwini wilprdt 
40; seh we eher 40; schwechern 102; schwechrend 141; über schwenklich 
*42; schwigen 55. 137; schwitzen 131; Schweden 154. 207; Schwaben 159 
(2). — Legende von S. ldda von Toggenburg: nur ;<;Aw: Schwaben 
AI. 12,173; schwänz ib. 174. 

0) Merswin: nur *w: swerliche 29. 67. 132; xw<?r* 80. 84. 87(2). 97; 
besweret 133; swigende 32; geswinde 41. 53. 6'J (3). 71. 80. 81. 85(2). 88 
(3). 89 (4). 91. 94. 98. 101; swinde 118 (2); swarme 69; uberswenkende 
113. 124. 127. 128. 129. 132. 135; /wäre 130. 131; geswechet 136. Aber 
daneben schreibt er in nachstehenden fällen *w für $w: zwarc 16. 17. 70; 
zwarcer 16. 17; jsnwc 58 (2). 67; furzwigen 26; für zw ig et } -ent 58; zw igen 
64; liierende 52; zwach 64; zwerliche 68; x/twr 69. — Elsässische 
predigten, Dankrotzheim, Regel des hl. Augustin: nur *n>. 

y) Augsburger stadtbuch: nur **?. — Ingold: 23 sw: swert 
24(2). 51, 66(3). 71 (3). 78; swerler, swertern 71; swären 34. 55; swär 
73 ; versweren *53. *55 ; sweren 55 ; rokswantz 67; swanlz 67; swester 68 ; 



') Ich habe hier und in der folge die oben befolgte Ordnung der 
belege aus den denkmälern mit rlicksicht auf III insoweit verlassen zu 
müssen geglaubt, dass ich mit möglichster berücksichtigung ihrer folge 
im denkmale die Wörter derselben sippe zusammenstellte. 

Beiträge xur gesch tobte der deutschen spräche. XVII. \§ 



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242 ARON 

swayfstüch 69; gesrveig 81 gegen 40 schw: schrvartzer 6; schwartz 9 (2). 
68; schwerten 7; Schwert 9. 24. 29. 30. 81. 34; Schwester 12. 24; schwäre 
8; schwär er 9; schwär 16. *54; schwären 39. 73; schwärlichen 50; schweyget 
10. 18; geschweyget 10; geschweigend 18; verschweigen *59; geschwigen 
81; schwer 14; schweren 53; schwach *22; schwachen 65; schwantz 25. 
32. 67 (2). 72; schweinmisl 40; schwein 41; Schweinen 49; verschwand 
♦52; schwam 69. — Conrad von Weinsberg: nur *n>. — Ott Ruland: 

5 *w: swager 4; swebischem 6; *w«rz 6; Sweller (n. pr.) 11. 16 gegen 

6 jc/w: Schwindenbach 7 (n. 1.); schwartz 20. 24. 33; schwecher ' Schwager* 
35 (2). — Hermann von Sachsenheim, Mörin: 106 xip: $w*r 24. 
848. 1190. *1671. 2198. 2494. 2844. 2947. 3150. 3328. 3910; ;*>*r (subst) 
1027; #w«?rtf 1894. 2716; besweren 1397; beswert 1410. 2465; Swiczer 153. 
434. 2490. 2770; Swf7?2 497; beswuor 167; *wtiör *1002. *1539. ♦I546;*«wft 
2659. 3556; *wt>r<?n 2487; gesworn 1612. 1724. 1911. 2011. 2395. 2469. 3632: 
xw*r/ 236. 832. 459. 1096. 2204.4116; swerten 1081; aller sw er czsten *293; 
war« *304. 903. 907. 1224. 8415. 8750. 3773. 5116; swarczes 2172; 
swarczen *5261 ; 5fPa# 316. 720. 2540. *3918; *fW0 380. 701. 1576. 1707. 
2996. 3579. 3880. 3912. 3956. 5406. 5772. 6012; x«N0r<?n 1219. 1823. 2059. 
2863, 2861. 3883; geswig 2051; swigt 2422; verswant *490. *2994. *4033; 
S«ä& 529; Swaufc *1771. *1851. 2014. 2017; Swaben pl. 2367. 3489; Swaben 
land 1661. 1865; Swauben 2344. 3537. 4098; swann « cygnus ' *684; jw**/ 
684. 874. 2848; ****** 2854; wider swaiff (subst.) *994; xwi/* 1357. 4160; 
geswind 2614. 3798; $«% 2180 (adj.); Swarczwald 3726; *w«cA 3842. 
4135 gegen 44**Aw: schweren Üb. 5268. 5396. 5673. 5715. 5749; **A**r 
(verb.) 5758; geschworn 5696; s*Äw*r (adj.) 3812. *5078. 5197. 6065; be- 
schwer 2656; Schwiczer 2485; schwor cz 704 (sc). 5046. 5717; schwarczen 
5213. 5616; schw igen "549; schwaig 244; Schwaigen 5809; schwig 1011. 
1984. 4215. *4349. 4575. 4616. 4662. 5780; Schwaben 4748 (land); Schwaben 
(volk) 4748. *5456; Schwebschn 1850. 3848; schwebscher 5955; Schwauben- 
land 5694; schwan 890. 5618; schwalb 4422; schwach 4987; Schwester 
1016. 4582; Schwapelrüfs. — Der goldene tempel: nur **Aw: 
schwach 466. 831; schwarczer 1258; schweben (inf.) 126; schwebt 274; 
-*{ 789. 804; schweb ent 23. 515; **At**r 593. 641. 758. 838. 1057; 
schwär 450; schwer (subst.) 619; schwere 794; Schwestern 637; schwig 
798. 863; schw igen 873. 1039; geschwigen 1217; schwingen 54; Schwicz 
1284. — Jesus der arzt: nur *w: $w*r (subst.) 14; *#*r (adj.) 
30; *w*W 126. — Kaufringer: 104 w: *ittfr (subst.) 1,*59. *355. 414. 
3,1. 186. 306. 534. 4,263. 5,43. 198. 225. 266. 442. *658. 7,250. 8.40S. 9, 
♦63. 10,48. 11,41. *18l. 500. 557. 12,155. 13,95. 42G. 14, *4. 95. 231. 412. 
705. 753. 761. 15,97; $«;*> (adj.) 3,*107. *899. 477. 499. 4,330. 13,167. 14, 
674. 16,107. 708. 794; sware 14,299; b es wären 16,84; beswer 16,204; 
beswärt 5,648. 10,41; swach 3,188. *656. 8,395. U,*230. 14,410. 16,184. 
383. 434. 656; $ wachen 13,262; geswacht 6,16. 26; ungeswachtb.lt ; *a- 
beswachl 13, 128; verswach 7, *72; swanger 14,87. 127; wanA; 16, 592; **?*ftr 
3,700. 4,34. 7,382. 8,24; swaif 7, 226. 15,65; *W*rf 6,141. 238. 11,291. 
947; swertzsleg 4,172; swester 14,361. 421. 426. 432. 470. 17,93; sweigcn 
7,243. 17,257; *w«t0 1,119. 3,199. 719. 13, *187; verswant 1,*322; tw 



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5-VERBINDÜNGEN IM NHD. 243 

smendet 17,265; swang 8,606. 13, *227. 14,341. 863; geswizct § y §\\ sweifs- 
pad9,$9. 119. 189; gesrvorn 7,134. 164. 9,107. 10,46. 11,447 gegen 15 
schw: schwär (subst.) 2, 242. 3, 116. 4, 48. 482 ; geschwächt! 14, 293; schwaif 
(verb.) 5, *116; schwieff 14,*596; schweig 6, *249; verschweiget 17, *251; 
verschwand 1,*43; verschwinden 10, *46; verschwendt 17, *259; schwuor 
9,57. 11,443; schwur 15,11. 

b) Im bairisch-osterreichischen Sprachgebiet 

1. Urkundliche belege: 

§ 22. Friderich der Swaniz 1304, ürkb. d. 1. o. d. E. 4,454 no. 
495; Swager, swester, geswistereiden 1340 ib. 5 no. 88; swesler 1340 ib. 
no. 350; Heinreichs des Swarizen 1346 ib. 6,534; swtren (adj.) 1354 ib. 
7,358 no. 348; ze Swammern, swager 1356 ib. no. 453; Schwester neben 
swester (3) 1361 ib. 8 no. 14; sweyn 1361 ib. no. 24; Swans, geschworn 
neben geswornen 1361 ib. no. 30; Seybols des Sweinpekchen 1361 ib. s. 
49; swager, Swerperg 1362 ib. no. 61; beswerung 1362 ib. s. 107; beswert 
s. 226. 228; beswernuss s. 226; sweren (verb.) 8. 227, 1365 ib. no. 223; 
schwecher (subst.) 1365 ib. 8.233 no. 229; ungesworn 1366 ib. no. 281; 
geswistriden 1369 ib. s. 410 no. 411; swein 1369 ib. s. 437; sweher, swester 
1369 ib. no. 450; gesworn 1370 ib. s. 455. — Ans weistttmern: swerz- 
vehen 'angriff mit dem Schwerte* 1342, bergr. v. Gastein Ö. w. 1, 199; 
swaidler 1346, Gastein bergr. ib. 8.201; schwein, Schwaigen, schwenten 
aber versteigest 14. jh., Pillereee T. w. 1,90 ff.; swein 1387, Telfes ib. 
1,279; Peter Schwertz 1398, Pfons ib. 1,294; gesworen 1411, TrinsT.w. 
1, 292; swein, Swent, swenten 1434, Brandenberg ib. 1, 135; swimmet, 
Schwaiger ca. 1440, Wildschönan ib. 1, 133; schwär, swaiger, Swertan 
15. jh., ib. 1, 88; schwaig (2), beschwärt ca. 1440, Stumm ib. 1, 139; swar 
unbeswärt, swaiger, dienst swein 1462, Axams ib. 1,253; verschwige 15. jh., 
Abram ib. 1,201; swein (o.), sweinanger 15. jh., Innsbruck ib. 1,231; 
Swarlzenihals, schweinbern ib. s. 25, 15. jh., Flaurling T. w. 2,24; be- 
swäret(4), sweren, swein 15. jh., Zillerthal Ö. w. 1,317; swarzwüd, swein 
(3), swdrlich (S), beswärt, beswärung, swaigern, swaig 1497 u. 98, Mittersill 
ib. 1,283 ff. 

2. Belege aus literarischen denkmälern: 

§ 23. Oswald von Wolkenstein: 168 sw: swerer 1, 1,10; swer 
(adj.) ib. 1,24; swam ib. 2,28; swais ib. *5,4; sbere ib. 6,5; swert 2,2, 
32; swymmen ib. 3, 1. 3, 14; Sweden 3, 1,9; sbartz ib. 2, 17; swer ib. 3,7; 
geswecht ib. 3, 19; swach 4, 3, 10; swein ib. 3, 3; swartze ib. 3, 18; sweren 
ib. 3, 20; swacher, swancz ib. *4,2; Swäben ib. 4,4; swert 6, 1, 111; swantzen 
ib. 1,167; swer (adj.) 7,2,14. 8,2,10; gesworen 10,6,2; swer (adj.) 11,3, 
24; sweren 12, 3, 34; Swab 13, *7, 1; swere ib. 4, 2; swaig ib. 4, 3 ; versbellt 
ib. *7, 9; swiizen ib. 9,2; geswaigen ib. 10, 2; swach 15,3,9; v er sw eigen 
16,*1,5; gesbechet ib. 1, 8; versbunden ib. *1, 16; Swongau ib. 4, 8; swach 
17,3,7; versbigen ib. 3, *37; sbartz ib. 4, 27; sbern ib. 5, 7; sbartz ib. 5, 
18; sbeimen 18,4,8; sbaigen 19,2,18; swer 20,1,18; swert 21,3,1; swig 
23,1,1; sweren ib. 3,6; s wachen ib. *5, 4; sbachlich 24,2,6; sberlich ib. 
3,6; swach 25, *2, 3; beswert ib. 5, 11; swere 26,44; swachen ib. 48; swer 
(subst.) ib. *96. *165. *315; swacher ib. 103; swerer ib. 115; swert ib. 

16* 



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244 ARON 

147; s wachen 29,*1,39; verswigen ib. 2, *29; ungeshechet ib. 24 ; sbartzer 
30,2,28; verstunden ib. 2, *39; srvank ib. 3, 17; swere 31, 1,21; er s wetzen 
ib. 4, *31; versmunden 33, 1,*7; sweren 34, 3, 1 1; swartzer 35, 2, 36; stammen 
ib. 3, 1; peswärt 36, 6, 4; $w<?^r 39, 2, 20; swachen 45, 1, 3; geswaigt 47, !, 
2; xw*r 48,3,3; verswigen 51,1,*19; *w<?r (subst.) ib. 3, 1; geswulst 52, 
2,6; srvert 54, 1, 3; g es wind 56, 1, 14; swindi 61, 1,7; 5it?tf£ ib. 1,9; 62,1, 
1; swer (subst.) 65,2,10; 66,3,15; stver 68,2,9; srveig 69,1,1; swartzer 
72, 1, 2; swartzen ib. 1,8; swer (subst.) ib. 2, 13; swestem 75, 1,3. 12; 
swebt 76, 2, 15; sbammen, swemmelein 77, 2, 11. 12; swester ib. 3, 14; swer es 
(adj.) 77, 4, 15; ungeswacht 83, 1. 12; sweren (adj.) 86, 1, 6; swach ib. 6, 
♦19; swerlicher 87,2,21; swer (subst.) 88,2,2; Swaben 89,1,8; Swebm 
ib. 21; versbunden 90, 2, *1; Swaben 91, 2, 14; geswier ib. 3, 12; verswunden 
94, 2, *2; Sweden 95,1,3; swantzt ib. 1,16; swär (adj.) ib. 4,8; b es wäre 
ib. 5,10; swebt 100,1,1; swach ib. 2,3; swer (subst.) 101,1,16. 102,1,8; 
geswymmen 103, 1, 13; swer (verb.) 105, 1, 10; beswer ib. 3, 10; swert 106, 
3, *16; swer (subst.) ib. 4, 12; swertten ib. 5, 9; swachen 106, 10, 10; swanck 
ib. 10, 12; swerlich ib. 10, 12; geswindlich 107, 3, 9; swerlich ib. 4, 5; sber> 
lieh ib. 4,12; sbais ib. 5, 6; swanger 108, 1,3; swerlich ib. 3,8; swer (adj.) 
ib. 5, 18; swindt ib. 7, 1; *w<?r (adj.) ib. 7, 13. 14; swer (adj.) 109, 1, 17. 
ib. 3,15; swecht ib. 4,16; geswechet 110,2,10; swantz ib. 3, *16; swennt 
111,3,17; swirt 112, 1, *13; swecht ib. 1,15; swartz ib. 2,3; swach ib. 2, 
18; swucher 114,2,7; swer (adj.) ib. 3,3; geswilt ib.; umbeswaif ib. 3,7; 
sweren (adj.) 115, 4, 7; fwir (adj.) 116, 1, 2; 5w<rr (subst.) ib. 2, 7; swachen 
ib. 5,2; swartz 117,2,7; swester ib. 4,*12; swachem ib. 5,8; sweigen ib. 
7,11; rowcA 118,1,3; swachs ib. 1,17; swester ib. 7,* 17; swerleich 119. 
2, 10; swachlichem ib. 2, 18; sweren (adj.) ib. 3, 10; swerlich 121, 50; xw<«r- 
/tVÄ 1 ) 122,2,5 gegen 4 schw: schwdnlz 6, 1,*49; schwacher 25,4,2;^ 
schwacht9\ } 2,4', erschwillt 114, 3, *6. — Schiltberger: 14 sw: swager 
9,9; swach 18,9. 17; s weher 18,29. 34; swäretf, 15; x«w7 37, 16. 90, 17; 
geswelten 50,2; swartzen 54,30. 63,7; swartz 69,29; swangern 89,26; 
patswam 102, 23 gegen 50 ;cAw: schwur 5, 20; schwuren 13, 8; geschworen 
27,5. 111,2; schweren 61,36. 93,13; schwerdt 11,16; schwert 21,1. 37, 
14. 17. 43, 11. *15. 61, 35. 85, 15. 86, 12. 90, 19. 98, 10. 11. 18. 101, 21; schwertt 
21,2. 23,6, 28,7; Schwester 12,8. 15; schwartzen 43,27. 44,9. 46,9. 54,26. 
55,5. 63,1. 22. 26. 84,18. 85,22. 91,3. 128,32; schwär tz 57,10. 69,30. 80, 
♦11. 84,33. 85,10; s chwertz *80, 17; Schweifs 71,12; beschweren 8 \ 7; te- 
schwert 89,8; schwanger 91,29; Schweine fley seh 92,9; schw ein 100,33(2). 
— Beschreibung einer scereise: nur xw: gesworner 16. 225; xirt- 
/Htyin 268. — Nürnberger polizeiordnungen (13. u. 14. jh.): nur 
5W. — Tucher: erste hand 77 sw: gesworen (rr) 71,12. 79,4. 11. 17. 
90,19. 131,88. 147,27. 277,26. 281,3; sweren 90,12. 23. 216,84. 272, *2l. 
274,2. 279, *13. 286,26; swere 217, *5; swelt{ll) 198, *22. 234, *25; geswell 
74, 13. 283, 24; geswelle 258, 12; swelle 222, *13; swellen 229, # 28; aufsweü 
231,11; *ip*r(adj.) 116,21; beswert 199,6. 201,32. 272, 15; swartze 68,1; 
Swartzen 68,*36. 296,34; Swartzverber 159,36; Swarte 152,5; Swartz- 

») Nur in W. 



Digiti 



zedby G00gle 



S-VERBINDUNGEN IM NHD. 245 

Heinz 152,37; richtswert 119,20; swarten 77,21. 31. 32. 121, 17; srvipogen 
157,22. 28. 166,23. 167, 1. *4. 5.7. 19. 179,14. 21. 22. 25. 32; sweher 264, 
14. 265, 18; swein 267, 34; s weinen 270, *27; sweinensmaltz 249, 12; swein- 
stall 267,33; Stveinmarckt 113,30. 143,22. 200,29. 203,16. 251,3,14. 267, 
25. 290,23. 33. 291,5; Sweinaw 206,11. 208,22. 210,4; Stvoben 141,33. 
145,18; Swan 155,32; Sweicker 157,14; Swygershoff 210,2 gegen 14 
schw: schweren 70,13. 272,15; schweigen 67,23; schwig ib.; slillschweig 
ib:; schweissen 100, 19; geschwungen 109, 16. 19; Schwing sher lein 269, 10; 
schwipogen 128,17. 150.36. 178,35; Schweinmarckt 76,13; Schweinaw 
206,11. Zweite hand nur sw: sweren 312,7. 17; gesworen, gesworn 311, 
19. 320,13. 328,36. 332,2; sweher 310, 23; swynbogen 331, 12. 13. 18. 333, 
4; Swingsherlein 314,7; s wachen 313,29; Swab 333,28; swewischen 324, 
5; Swobach 316,1. 

II. Im mitteldeutschen Sprachgebiet. 

1. Urkundliche belege: 

§24. gesworn 1329, Meissner urk. no. 34; gesworyn 1352, ib. no. 
41; be sweren 1357, St. Afra no. 210; 1367, Meisen, urk. no. 50; gesworn 
1380, ib. no. 55; gcschwomen 1386, ib. no. 57; gesworn 1387, ib. no. 59; 
swestir 1391 ib. no. 61 ; gesworen, sweren 1403, ib. no. 67; Swemicz, be- 
sweren 1427, St Afra no. 264; gesworne 1433, Meisen, urk. no. 79; 1441, 
ib. no. 92; sweren (adj.) 1447, ib. no. 102; gesworne 1456, ib. no. 113; 
gesworn 1457, ib. no. 115; sweren (adj.) 1474, St Afra no. 296; schbert 
gr. 1 ) schlossbaurechnung von 1477, Meisen, urk. s. 95; Swertfeger 1480, 
ib. no. 138. 142; 1485, ib. no. 146; swe stern 1506, St. Afra no. 328; Schwed- 
in, Schwertfeger 1508, ib. no. 329. 

2. Belege aus literarischen denkmälern: 

§ 15. Johannes von Frankenstein, das Buch von guter 
speise, Offenbarung Johannis, Ritterspiegel, StollesThür.- 
Erfurt. chronik: nur sw. — Miscellanhs. (Pietsch-Rückert, Entwurf 
144) hat in folgenden fällen schw: schwankil, beschweren 1, 107. 108; 
schwer 1,105; verschwenden 1,132. 

B. sp, 8t, (sk). 

§ 26. Hier handelt es sich um diejenigen Verbindungen 
eines s mit einem consonanten, bei denen die neuhochdeutsche 
Schreibweise die ä- ausspräche nnbezeichnet lässt und die im 
gegensatze zu den unter A behandelten nicht nur anlautend 
sondern auch inlautend auftreten. 2 ) 



>) Münze. 

') Hier werden nur belege der Schreibung mit seh vorgeführt; es 
möge sich dieses verfahren rechtfertigen in hinblick auf das starre fest- 
halten der sp, st in der heutigen Orthographie im gegensatze zn der nhd. 
Schreibung von schl, schm, sehn, schw. 



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246 ARON 

I. schp. 

§27. Anlautend: Die Stäfner öfnung (15. jh., Grimm, Weist. 
1, 45 ff.) bietet 5 schpr ecken gegeu 7 sprechen, fürschprechen gegen m- 
uersprochen. — Ott Ruland: cz y Schpir 'zu Speier ' s. 2. — Inlautend: 
Ehingen: Ischpanien 12,14. 16,23. 17,3. 7. 21. 18,19. 20,16. 26,1. 8. 
18. 27,28. 28,16. 20; Ischpanisch 27,34. 

n. seht. 

§28. Anlautend 1 ): Fab. Frangks. oben s. 225. — inlautend: 
Urkunden von Basel: ernschlich s. 530,4; geischlich 582 a. 1393 no. 
489; exemplar A. — St. Gallen: gaischUch 1340 no. 1386. 1344 no. 1421. 
— Schwäbische Urkunden: gais ehelich 1350, Mone 10,254. 1401, ib. 
11,217. 1411, ib. 105; ernschlich 1447, ib. 110. Hierher vielleicht das 
engeselicher (K. Hofmanns text: engestlicher) der handschrift von Lutwins 
Adam und Eva v. 2532.*) — Wirklich seht geschrieben finde ich bei: 
Ott Ruland: in der faschten mes 8. 1 neben fasten ib.; umb acht mischUn 
bater no seht er 'rosenkranz aus mistelbolz'; herschtmess s. 2 (die fol- 
genden einschreibungen weisen durchaus mistlin pater noster und herst- 
mezz auf.) — Ingold: fierley mischt, das was schau fmist, leonäst, 
affenmist und schweinmist 40; vertuscht 50. — Wackernagel: hie- 
schischt 142 (Weinhold s. 15). — Wittenweiler, Ring: O we, min hord 
tot seht du mich 12«, 46. — Richental: gr auf von Die seht K {Tiest A) 
194. — Konrad von Megenberg, Buch der natur: der nebei ist aller 
schddeschtA(U.jh.)B.M, \2\gesundischt A 104,5; zeletscht 161, 12 A; 
letscht A 185, 10; vor froscht A 224, 16; gerös cht B (1877) 350,18. 351, 
11; rJ5c/*/A350, 24. 381, 12. — Oswald v. Wolkenstein: 4,3,3 faisU 
swein, gerne seht von Kyb W, gerne seht von Kleyb X. 

in. sk. 
§ 29. Hier können natürlich fast nur fremdwörter in be- 
tracht kommen, da sk schon lange zu seh {§) geworden war, 
wenn auch die Schreibung sc noch in unserer zeit fortlebt. 

a) als schk: Register: Mlschkatblüt 18,7 (MustkatblütW).— 
Urk. v. Oberttet. 8 s. 393, a. 1368: hundert phunt und dreyschk phunt 

*) Neben seht findet sich (vgl. s. 225 anm. 2) sth geschrieben; wohl 
in ähnlicher weise zu beurteilen wie die Schreibung in unreth (unrecht), 
die schon in spätahd. denkmälern sich findet (vgl. Weinhold, Mhd. gr. 
§ 202). Demgemäß wird auch bisthum (bistum) Stolle s. 91. 132. 146 zu 
beurteilen sein. 

*) Beizuziehen wäre auch Basler urk. s. 71, 7 ff. anno 1422, Oetlingen: 
als denn gefragt ist von der vischentzen wegen, spricht er, daz er in 
dem obgenanten zyle einem knechte . .lih die vischentzen . . . . , also dat 
er davon alle wichen einen dien seh visch geben sölte. Vgl. auch 
dynschedagh Lac. 3, 965 (Weinhold, Mhd. gr.» § 210). 



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S-VERBINDUNGEN IM NHD. 247 

wienner phenning (2). — Oswalt v, Wolkenstein: 95,4,2: tomaschk 
(WXohne k). — Sachenwirt: Gaschkonien 18,143. — Buch von 
KUter speise: muschat21*. — Stolle 63,10: sundern er wolde selbest 
korfurste, konnig, keiser und bobist sin, vnnd alle korfurslen vnd ouch 
andere fursten worden sine knechte vnd schkleuen. 

b) als schg: Ehingen: Damaschgo 13,24. 26. 30. — Katzen- 
ellenbogen: (wir) qrvamen in porte Fischgardo 1 ) 369, aber Fischardo 
369,5. — Richental: der cardinal von Flischgo 127. 128; her Wo schg a 
von holabrat 152 ; dominus Blasius lusinensis episcopus in Tuschgania 
161; Tuschgan 201, doch Tuschan 50; Mollischgo, Sawoschgi, Progne- 
wischgi 202; Karrvischgi, Kalischgi 186 (poln. namen). 

§ 30. Im allgemeinen können wir aus dieser Zusammen- 
stellung vor allem nur das bestätigen, was die grammatiken 
(oben s. 225) lehren, nämlich die zunähme der Schreibung mit 
seh gegen das 15. jh. hin. Es wird aber auch aus der Übersicht 
deutlich, dass diese Schreibung um 1300 begonnen hat (s. oben 
§2. 4. 6. 8. 10. 12. 14. 16. 18. 20. 22). Wir sind jedoch im stände, 
durch vergleichung der entwicklung dieser Schreibung in den 
einzelnen dialekten und bei den einzelnen Verbindungen eines 
s mit einem consonanten untereinander dieses resultat nach 
beiden Seiten hin zu ergänzen. 

§ 31. Es lehrt nämlich ein vergleich in dialektischer be- 
ziehung, dass im md. und eis. 2 ) die alte Schreibung mit s viel 
beliebter ist als in den andern dialekten (vgl. § 9, ß. 15 ß. 21 ß.) 

§ 32. Vergleicht man die consonantenverbindungen unter- 
einander, so kann man mit bezug auf ihre Stellung im worte 
(anlautend oder inlautend) drei gruppen unterscheiden, bei 
denen die Schreibung mit seh stattfindet: 

a) Nur im anlaute finden wir s chl, schm, sehn und schw; 
es liegt in der natur der geringen zahl und des seltenen ge- 
brauches der Wörter, die diese Verbindungen auch inlautend 
aufweisend, dass sich keine belege mit inlautendem schl, schm, 



*) Porto Viscardo an der nordspitze von Kephalonia. 

*) In bezug auf die Schreibung des schl (vgl. oben s. 228) weicht dieses 
allerdings vom gebrauch des mitteldeutschen ab. 

*) Eine superiorität des alem. mit ausnähme des eis. hinsichtlich 
der schreibang mit seh vor dem bairischen kann man vielleicht auch 
vermuten (vgl. sn s. 235 f.), der unterschied ist aber nicht so klar wie der 
oben erwähnte. 



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248 ARON 

sehn und schw bieten. 1 ) Doch überwiegt die Schreibung von 
sw statt des modernen schw auffallend gegenüber den im Ver- 
hältnis weit häufiger geschriebenen schl, schm, sehn, wobei ganz 
abgesehen wird von den stv der verallgemeinernden pronomina 
und pronominaladverbia, die mit sehr geringer ausnähme (schwaz 
Augsb. stb. 24; schwelich Wack. pr. 34,21; schwer Zur. jahrb. 
47, 12; schwo M. 8. A. 267, 12; vgl. Weinhold AG. § 190) durch- 
aus sw zeigen. 2 ) Es ist selbstverständlich, dass entsprechend 
den heutigen Verhältnissen — die heutige Orthographie kennt 
ja kein schp, seht, (schk) — die schl, schm, sehn und schw 
gegenüber den andern Verbindungen weitaus überwiegen. 

b) Nur im inlaute findet sich seht, wenn wir von den 
ganz späten belegen für den anlaut absehen. 

c) Sowohl im an- als auch im inlaute finden sich 
schp, schk. 

§ 33. Es ist wohl selbstverständlich, dass die Veränderung 
der Schreibweise auch eine Veränderung des lautwertes voraus- 
setzt, dass also in unserem falle in der zeit, wo die ersten be- 
lege mit schl etc. auftauchen — und wenn wir der Orthographie 
eine gewisse trägheit im nachfolgen der sprachlichen entwick- 
lung zuerkennen, schon früher — die ausspräche s conform der 
heutigen in geltung kam. Wenn eine änderung in der Schreib- 
weise bei sl schon im ahd. (vgl Braune § 169 anm. 3) insofern 
eintrat, dass wir hier zwischen dem s und / ein c oder k ein- 
geschoben finden (3 scläf, sclahan, sclahUu, kasclactdt, sclectcr, 
sclehtem Hymnen ; skluog Ludwigslied 52 ; piseluoe Erstes Reiche- 
nauer glossar; seläphun Mainzer beichte; sclahda Physiologus), 
so wird dies mit Scherer, zGDS. 127, dem auch Braune, Ahd. 



*) Es kommen fast nur Wörter mit -sl-, -sn~ aus -sei-, -sen- in be- 
tracht: so auch -sm- fismen 'sich unruhig hin und her bewegen* Schw. 
id. 1, 1081; flismen 'flüstern' ib. 1212; frismen, chrismen 'erbeben' ib. 
1329; lismen «stricken' Schm. Wb. 1,1513 (glifsmet Voc. Archon. f. 20; 
glismet Cgm. 690 f. 15S b . Cgm. 826 f. 159») nnd -sn- in ftsner ' hirtenknabe 
für schafe und ziegen' Schw. id. 1,1081; lusnen, lisnen 'horchen* Schm. 
1, 1515. Lexer 1, 1991; Überall weist das heutige s, nicht s, dieser Wörter 
darauf hin, dass einst ein vocal hinter dem s stand. 

*) Ausgeschlossen wurden hierbei noch die sw, die in der compo- 
sition entstehen, wie bei den Ortsnamen auf -wil, -wiler, -wang, wenn 
ihnen ein genitiv auf s vorausgeht (vgl. unten s. 266, anm. 1). 



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S-VERBINDUNGEN IM NHD. 249 

gr. § 169 ann). 3 folgt, wohl noch immer am besten dadurch 
erklärt, dass das / durch assimilation an das s stimmlos wurde, 
wobei das explosivgeräusch des l im k seinen ausdruck fand. 
Dieses sei (skl) darf also nicht, wie es Weinhold, Mhd. gr. * 
§§ 206. 208. AG. § 190 und neuerdings Leitzmann, Beitr. 14, 514 ») 
tun, mit unserem schl in Zusammenhang gebracht werden, 
lieber einen analogen einschub eines k zwischen s und / im 
slavischen vgl. Miklosich, Gramm. 2 283. Beiläufig sei auf die 
sei, sem, sen des ags. hingewiesen (Sievers 2 § 210, 1). 

§ 34. Wie misslich aber immerhin die Zeitbestimmung 
einer lautlichen Veränderung nach dem kriterium der Schreibung 
ist, lehren uns ja deutlich die Verhältnisse wie sie z. b. beim 
sc vorliegen. Hier sind schon aus sehr früher zeit, aus dem 
8. und 9. jh., Braune § 146 anm. 2, seh nachgewiesen. Es ist 
möglich, dass wir hierin eine Vorstufe des mhd. $ haben, seh 
aufgefasst als s + ch = nhd. ch in ich, aber dann ist die be- 
stimmung der zeit, in die wir den Übergang des s + ch (= ich- 
laut), der Vorstufe, in £ setzen wollen, eine sehr vage. Doch es 
wäre auch möglich, dass wir in diesen seh nur eine ortho- 
graphische Variante zu sehen haben, sowie wir (auch in den 
denkmälern die seh bieten) im ahd. in fränk. quellen neben c 
auch ch und in obd. ch neben c finden (Braune § 143 anm. 



l ) In dem uns hier interessierenden passus des Leitzmann ischen auf- 
Mtzes: 's vor /, r und ro bat schon den lautwert s angenommen, wie die 
massenhaften (!) sc beweisen (Weinhold § 190)' — sc habe ich die ersten 
50 seiten der predigten des 1. und 2. bd. darauf prüfend nur vor / ge- 
funden — ist vor allem zu berichtigen, dass das deutsche (sowie über- 
haupt das germanische, vgl. Brugmann, Grundriss § 578. 580) die laut- 
verbindung sr nicht kennt (wohl entstehen sr in der compositum von 
auf s auslautenden stammen mit suffixen, die mit r beginnen oder mit 
solchen, von denen nach ausfall des vocals nur r (f ) Übrig bleibt Ueber 
diese Verbindung und deren weiteres Schicksal im ags. and nord. vgl. 
Sicrers* § 180. Noreen § 200,2) und dass, wenn die lantgruppe scr ge- 
meint sein sollte, diese Schreibung (sc) schon im ahd. (Braune § 146 anm. 
J) 'besonders beliebt* war. Ferner ist darauf hinzuweisen, dass die sew, 
schw bei Weinhold AG. § 193 (es sind dies: serven Griesh. pr. 1,85; 
setoierunt ib.; schwene 1, 168) gegen Weinhold gewiss als zw aufzufassen 
sind. Es liegt ein rein orthographischer Wechsel des c und z vor; man 
vgl. das umgekehrte in der Basler urk., B. u. s. 1331 no. 292: guszhaden, 
Shilling; ib. 1296 s. 134 twiszent 'inter*; zismatici Richental 158,4 (vgl. 
auch Wehihold, Mhd. gr. » § 203. 205). 



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250 ARON 

2, 3). Am wahrscheinlichsten scheint mir dies z. b. beim Frei- 
singer Otfrid (Braune § 144 anm. 2), der sehr häufig eh für ein 
k der vorläge einsetzt. 1 ) Wir sind nun freilich wenigstens bei 
schl und seht durch Zuziehung anderer kriterien in der läge, 
für das seh den lautwert £ zu erweisen und dadurch auch 
manches für die datierung des lautwandels zu gewinnen. 

§ 35. Beweisend für schl sind die Schreibungen mit sl an- 
statt schl, wo es auf sei zurückgeht (Weinhold, Mhd. gr. 2 § 206. 
210. AG. § 190. B6. § 154; Birlinger 135.)*) Den an diesen 
orten gegebenen belegen seien noch hinzugefügt: Meinauer 
naturlehre 9 ): menslich 17, 13. 35; Stretlinger chron 4 ): motu- 
lieh 4,20. 45,22; Merswin 5 ): menslich 25, 27 etc. sehr häufig. 

§ 36. Beweisend für seht sind einmal analog dem obigen 
die Schreibung a) st statt seht < sei und zum andernmal die 
reime von Wörtern b) mit seht < st auf solche mit seht < set 
(zu vergleichen sind die schon oben angezogenen stellen aus 
(Braune, Weinhold und Birlinger). Dazu füge ich ad a): In- 
gold: mist (für mischt) 37, gemist 52 (aber gemischt 40). — 
Herrn, v. Sachsenheim, Mörin: wunstich 502, wunsten 3353; 
wüst 2077 'wischen'.«) — Hätzlerin: tvunst 11,284. 2,2580. 
5, 22; erwünst 2, 7. 16, ad b) 7 ) Herrn, v. Sachsenheim, Mörin: 
mit grossen kntitteln als die füst. Ich mein sie haben rofs gc~ 



l ) Interessant in dieser beziehung ist ein schreibervers in Philipps 
Marienleben, Wiener bs. 2709, Hoffmann 1211»: 'mercedem po s c ho laborü 
(14. jh.) 

') Doch schon im althochdeutschen zeigt sich sl für schl ^ sei wie 
auch st für seht ^ set ; vgl. Braune, And. gr. § 146 anm. 5. 

8 ) Hat sonst durchaus sl, s. oben s. 227. 

*) Hat bis auf ein schl durchaus sl, 8. oben s. 228. 

5 ) Hat bis auf ein sl durchaus schl, s. oben s. 228. — schl entstehen 
bei ihm in den Wörtern geisMiche 16, 19 n. ö. (daneben etwas häufiger 
geislich) und in erneschliche 47 (aber erneste) als Stellvertreter von schü. 
S. oben § 28. (Jeber sonstige orthographische Varianten dieses denkmals 
in beziehung auf s resp. seh 8. s. 241. 

*) der hübste, pulcherrimus, v. 2223 ist wohl ein Schreibfehler. 

7 ) Unsicher, ob hieher zu ziehen, weil neben formen mit seh auch 
solche mit s, ss, z vorhanden sind: O. v. Wolken st: kreisten : reist** 
14,5. 16. 18, gelust : vertust 119,2. 18. — Hätzlerin: tust : vertust 27, 
350, vertust : vertust 41, 16. Ich glaube nicht, dass man freisten : leisten 
Wernh. 205,19 bei Weinhold, B.gr. § 154 hierher ziehen soll 



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S- VERBINDUNGEN IM NHD. 251 

tuscht v. 3574 ff. — Hätzlerin: 28,19 glast : vast : erwascht. 
Demnach ist dem s in der Verbindung sl (wegen fleislich Mar- 
tina, menslich Mein, nat, Mersw.) wohl schon für den beginn 
des 14.jhs. der lautwert $ zuzusprechen; damit stimmen auch 
die ersten belege für schl (Alem. 1302, Bair. 1312). Die aiem. 
ausspräche der inlautenden st als It muss wegen Erec v. 1780: 
laste: glaste; Bari 323, 25: erlaste : glaste; Lanz. 2208: nmste: 
gelüste, ib. 3152 wunsten : kunsten spätestens am ende des 12. jh. 
in Übung gekommen sein. 

§ 37. Nach analogie des schl werden wir für schm, sehn, 
schp, schtv im anlaute, da ihre ersten belege (vgl. noch ausser 
oben §§ 8. 10. 12. 14. 16. 18. 20. 22. 24 schmalz 1287 H. U. 
3,1550; geschprochen 1317, Schreiber, Urkb. d. st Freiburg und 
Weinhold, Mhd. gr.» § 208. AG. 190. B6. 154) auch auf das ende 
des 13. jhs. hinweisen, auch dieser zeit zumindest die /-ausspräche 
zuerkennen müssen. 

§ 38. Für anlautendes seht war es nicht möglich, einen 
beleg aus dieser zeit zu bieten; aber die analoge ausspräche 
dieser consouantenverbindung in- Ober- und Mitteldeutschland 
mit der der obigen Verbindungen machen diese zeit auch für 
diesen lautwandel wahrscheinlich. 

Der grund, weshalb wir trotz der analogen ausspräche 
doch sp, st geschrieben finden, mag wohl darin liegen, dass in 
den gegenden, in welchen diesen consonantenverbindungen der- 
selbe lautwert sowohl im an- als auch im inlaute zukam, wegen 
dieser gleichheit kein grund vorlag, die Schreibung zu ändern, 
und dass dort, wo eine verschiedene ausspräche im an- und 
inlaute herschte, die inlautenden sp, st hemmend auf die ent- 
wicklung der Schreibung von schp, seht im anlaute wirkten. 
Diese annähme der hemmung scheint in dem umstände ihre 
bestätigung zu finden, dass sich wohl anlautende schp, bei denen 
im vergleich zu den Verhältnissen, wie sie bei st vorliegen, nur 
sehr wenige sp des inlautes dem sp des anlautes gegenüber- 
stehen, aber keine seht anlautend finden. 

§ 39. Bezüglich der auffallenden tatsache, dass sw sichtlich 
überall beliebter ist als schw, sei auf s. 264 anm. verwiesen. 1 ) 



*) Ueber sl etc. im mittelniederdeutschen vgl. Lttbben s. 49, § 38, 

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252 ARON 

IL 

§ 40. Ferner ist s in der Stellung nach r zu s geworden. 
In der Schriftsprache sind es nachfolgende Wörter, die uns 
diesen wandel zeigen: arsch mhd. ars, barsch mhd. bars, bir- 
sehen mhd. birsen, afrz. berser, bursche, mhd. barse f. 'böree', 
dorsche 1 ) f., mhd. torse 'kohlstrunk', herschen mhd. hersen, 
Hirsch mhd. hirz 2 ), kirsche mhd. kirse, knirschen mhd. kmrsen, 
kürschner mhd. ktirsencere, morsch zu einer verbalwurzel murs, 
Kluge, Etym. wb. 4 237 b . 238 a , (wirsch aus mhd. wirs comp.?) 3 ), 
tvirsching neben wirsing m. (zu gründe liegt lombard. versa 
'kohl, wirsing', Kluge 358 b ). Oefter finden wir diese assimila- 
tionserscheinung in der Umgangssprache und in der mundart 
(s. unten 8. 262 anm. 2). Conform der Zusammenstellung in I gebe 
ich hier eine Zusammenstellung eventuell in betracht kommender 
Wörter und Wortverbindungen zur illustrierung der entwicklung 
der Schreibung rsch. 

I. Im alemannischen. 

]. Urkundliche belege: 

§ 41. Glarus: ander swa 1386 no. 104. 1406 no. 137; RapresrviU 
1402 no. 132; Rappers chrviler (2) neben Rapper srvil (2), Rapper stcylen 
1429 no. 185; Raper srvil 1437 no. 207; Raperschwil 1438 no. 218; Rapre- 
schwil 1442 no. 236; Ganderschwil 1440 no. 227. — Basel: ander swa 
1279 no. 139. 1299 no. 196. 1339 no. 309. 1359 no. 377 (0). 1395 no. 496. 
1416 no. 592. 595. 1431 no. 661; ander s wannen s. 595 z. 4; anderswannen 
ib. z. 10 a. 1400 no. 526; Birse (Aussehen) 1295 no. 183. 1302 no. 205. 1321 
no. 267. 1328 no. 286. 1355 no. 359. 1392 no. 486; uff die Birs matte 1415 
no. 588; Birs 1432 no. 669. 1435 no. 674; Birsze 1355 no. 359; Birsz 1424 
no. 645 (3). 1435 no. 674; Birsiche 1335 no. 298. 1343 no. 323. 1371 no. 416; 
Birsbrugge 1348 no. 339; Birsegg 1373 no. 420 (s. o.); -egke 1404 no. 543; 
kirsegarten 1299 no. 196; kirszbom 1450 no. 749; Ursule, Ursel (5), Ur- 
sulen(2) 1371 no. 415; kilrsener 1390 no. 474. 1392 no. 482. 483. 1396 no. 
497; Mörsperg 1411 no. 572. 1416 no. 592; die mit -wiler zusammen- 



*) Natürlich gehört dorsch m. (nach nd. dorsch entsprechend 
anord. porskr, engl, torsk aus dän. torsk) nicht hierher; doch sei der 
merkwürdigkeit halber des Smaragdus (abt um 800) dursus erwähnt Es 
heisst bei ihm, Du Cange 2,966°: l Piscis species sunt hce } esox, Dursus, 
atausa, iraeta, lampreda et reliqui\ 

s ) Mhd. z, ist schon im 13. jh. mit s zusammengefallen (vgl. Paul, 
Mhd. gr.* §29). — Die dem mhd. hirz entsprechende form lebt noch 
mundartlich (alem. und md.) fort: Regel 73. Heusler, Conson. d. ma. v. 
Baseist s. 6. 

*) Wenn nicht aus (un}wirdesch entstanden, vgl. Kluge EW. 4 365. 



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^-VERBINDUNGEN m NHD. 253 

gesetzten Ortsnamen des typus -rswiler stets mit rs 1356 no. 360. 1382 
so. 449. 1396 no. 497. 1 ) — rsch nur in her seh et 1444 no. 720 s. 850 z. 13; 
Birsch 1500 no. 974 s. 1107, 15. — Königshofe n: bursierer (amt eines 
klosterbruders) 1422, Mone 10,121. — Augsburg: rs und rss: in hirs 
eervus im n. pr. Stolze hirs, das in den Urkunden sehr häufig vorkommt 
(vgl. das register im urkb. v. Augsburg). — Aus weist limern: ander- 
schwa mitte des 14. jh. Ermatingen (Thurgau) Grimm Weist 1,239*); 
15. jh. Roggwil ib. 177; ander schrvo s. 13 neben anderswo s. 14 ib. 4. 
2. Belege aus literarischen denkmälern: 
§ 42. Heinaner naturlehre: her sehen: do si (die Römer) vor 
gewaltic warent, daz si herschetent . . über alle riche ... s. 12 z. 12. — 
Hugo v. Montfort: birssen 9,22; wirser 17,2. 17,183. — Kuchi- 
me ister: M er spur g 16; Raperswüe 28; wirst (superlat.) 27; getorsl'd§\ 
forsten, ander swa 164. — Nenjahrsspiel (Mono Schausp. 2,378): rsch 
in ander schwa v. 420 gegen rs in arsloch 135; ein gantzi bursami 170; 
#/r*448; persönlich 584. — Heinrich Wittenweilers Ring: rsch in 
her sehen: emphfilhst du hr das haus mit sampt, so wyl sey her sehen in 
dem smpt 18 b , 12. Sogar das genitiv-* nach r als seh geschrieben: ist 
sey arm, nu hin, daz sey! Dannocht lebt sey noch dabey t sey schlaft 
dest bas und furcht ir nit vor teupen und vor feursch geschieht 22, 37; 
rs in ärs (podex) 3*, 34. 4^,9 u. ö.; phersisch 27 b, 27. 37*, 27. 37*, 35; 
wirser (peior) 5, 14; hirs (milium) 31 e, 44; rss in kerssen 27 1>, 21; kerssen- 
paum 51 d , 13; hyerssen (cervns) 52 b , 34. 52 «,29. 52°, 34; hyerss 52<\17; 
Mensen 52^,24. — Ulrich v. Richenthal: rs in Kürsiner 32. 182. 
215; gehorsam 69 j anderswo 51. 141; ars 10(T; rfs in Peter fshusen 72 
U.Ö. — Stretlinger chronik: rsch in ber schaftig •), bresthaft: do tel 



l ) Entsprechend Heusler, Consonantism. d. ma. v. Baseist. s. 4 hat 
die Urkunde no. 517 v. j. 1399 Hirtzbach s. 573 z. 15, s. o. § 40 anm. 2. 

') Hierher gehört nicht erschatz ib., dazu das verb. vererschatzen 
ib., da es gewiss nicht vom verb. ersetzen abgeleitet ist (hierzu ursatz 
'entgelt, recompensa'). Der zweite bestandteil ist sicher schaz 'geld- 
snmme'. Verfehlt ist die zusammenbringung des ersten bestandteils mit 
her ' exercitus' ; gewöhnlich wird er als ere ' bonos * erklärt (DWB. 3, 954), 
eine leistnng, die pro laude et consensu domini ' causa honoris* einmal 
beim wandet der hand vom neuen besitzer (käufer, erben) geleistet wird 
(laudemium) Zöpfl, Altert, d. d. reichs u. rechts 1, § 33, 158 ff. Es bleibt 
aber gewiss, da bekanntlich die technischen ausdrücke deutschen rechts- 
lebens misverständlicher Übersetzung ins lateinische ausgesetzt waren, 
aach der Vermutung räum gegönnt, dass wir in er- vielleicht er, e k früher, 
ehe, bevor* zu suchen haben. Man vgl. in der Stretlinger chronik eeschatz 
40 neben erschatz 132. Demnach gäbe erschatz etymologisch den sinn, 
daiseine Zahlung von Seiten des meiers an den dominus vor der leistnng 
des zinses zu geschehen hatte (?). 

*) Für bersthaftig — vgl. birsthaft^ Monumenta Zollerana 1,510 
(schwäb. linie), Lexer 1, 350 — aus bresthaftig ; keineswegs gilt Bächt- 



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254 ARON 

der her schaftig man nach der ler des alten 74,2; rs in mörsel möreer 
185, II. 1 ) — Legende v. S. Idda v. Toggenburg (Alcm. 12,173ff.): 
rsch in Raperschwü s. 176; rs in hirs s. 175. — Prologus zum elsiss. 
Parzival: rsch: u för sehen v. 168. — Elsässisches arzneibuch(Al. 
10, 219 ff.): rs in Kirsen. 

ß) Ingold, Goldenes spiel: rsch: geherschot 6 (doch rs: person); 
ander schwa 58 *); auch das s des neutrums des geschlechtlichen pro- 
nomens wird seh geschrieben nach r: prichl er seh altes 53; ich will dbrsck 
sagen 68. — Conradvon We i n s b e r g : rsch $ rzsch 8 ) : mir umb bürzschet 
zu Ermein ij gülden 70, 13 (bürschel, burschat halbseidenes zeug); rss: 
kürssen 13(2). 26. 45. 47; kürssner 30. 52(2); rs: kürsner 26. 57. 88; 
kirsner 26; hans von hirshorn 73; Wicktrshem 52 (ö); Otterswiüer 68. — 
Hermann v. Sachsen heim, Murin: rxcA: nur in murschel v. 3535 ff.: 
l nauch tut sehen sitten manigvalt safs wir zuosammen über tisch. Da 
truog wan her die murschel frisch, des allerersten rösch und wifs\ Für 
B ersehen (gen.) v. 3369 wird wohl Bert sehen oder B er sehen (adj. auf 
-isch) zu lesen sein; rs: wirs v. 42; kürsin 2881; ander swa 2985. — 
Kaufringer: rs: Ursen 5,633; kürsen 10,75. 15,17. 68; #t*rw 11,99. 
193. 12, 117; ars 13, 238. 241 (: wars) ib. 333; rss: hirssen 5, 592. — Georg» 
von Ehingen reisen: rsch: per schon: er ist och von der perschon 
ganlz wolgeslali und lidmessig gewesen 8.4 z. 2 ; bey des fürsten per- 
schonen 8 z. 9. 38; rs: forderst 4 ; fürsten 8 (also wenn t folgt); rsz in 
ander sz s. 1. — Keimchronik d. Johannes Kurz 4 ): rsch: Urschin ▼. 
1. 2. 65. 194. 250. 478. 1010; Ürschin 264. 270. 319. 408; Keterschmng 
675. 5 ) — Meichssner, Orthographie: rsch: Der hirsch würdt gebürscht 
Zs. fdph. 13,369. 

II. Im bairisch-ttsterreichischen. 

1. Aus Urkunden: 

§ 43. Hyrs des Rodlers purchlehen y Schaup der Hyrs 1329, Urkb. 
d. 1. o. d. E. s. 554; Ott Wirsinch 1304, ürkb. d. 1. o. d. E. no. 493; 
Chersperger sehr häufig, z. b. 1306 ib. 4,515. 1327 ib. 5,488 etc.; Cher- 
spach 1325 ib. 5, 413 (ö); Wyersing von Pottendorf 1335 ib. 6, 187; bursen: 
wir schulten auch von unser bursen raichen jeerlich . . am phund phen- 
nilig 1361 ib. 8 8. 10; rsch: vielleicht gehört Murchenhof (bei St Peter 
in der Au N.-ü.) 1360 ib. 7 s. 102 hieher. 



holde erklärung in der anmerkung zu diesem worte: ber schaftig umstellt 
aus breschhaftig. 

1 ) hirz (cervus) 3, 19 u. s. o. wurde ebensowenig hier wie bei andern 
denk malern berücksichtigt, wenn es mit z oder gar mit tz geschrieben war. 

*) Hierher vielleicht auch noch vertuscht 50 ^ verlurscht ^ verlursl 

*) Diese Schreibung zsch für seh hat dieses deokmal auch im worte 
dützsch deutsch 8.77. 

*) Aus lrsea (im bair. Schwaben bei Kaufbeuern). 

*) Doch auch Ramschwang v. 600 neben Ramswang 449. 



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zedby G00gle 



S-VEBBINDUNGEN IM NHD. 255 

2. Aus literarischen denkm&lem: 

§44. Hadamar v. Laber: rs: bbrs 43,2; birsen 46,1. 510,5; ge- 
bkrset 426,2; birscer 543. — Oswalt v. Wolkenstein: rsch: merschy 
(merci frz.) 57,1,12. — Schi ltb erger: rs: hirsenOl,!; rfs: ander fsrvo 
102,34; rss: Wwrssa 8,1t. — Tucher: rs: kürsner 151,12; kursner 
155,9. 266,20; morser 289,5; Bans Mörser 162,18; rfs im namen Hirfs- 
vogel 159,30 etc. sehr häufig; Herfspruck 252,25. 34; rss: hhrssen 160, 
22; Birsselgasse 144,8 (ö); rsch in erbforschter 93, 8; hir sehen 123, 16. 257, 
16. — Tetzel hat s. 170 rs in hirs (milinm). 

III. Im mitteldeutschen. 

§45. Buch von guter speise: rs: mursel 28; morselSO; kirsen 
s.o.; kirsenmus 9,82; Air** grütze 47; mörser s.o.; bersich (fisch, vgl. 
Schm. 1,201) 55. 62. — Stolle, ThUring.-erfurtische chronik: rsch: zwene 
wagen mit ruchem nrisfsen korschen wergk s. 107,24; rfsch: g eher I sehe 
(inf.) über iand und lute 4, 10; rssch: regeren (regieren) und hersschen 
77,10; rs in personen, persönlich, torslc, fursten\ rfs in ander fs 36; 
Ingerfsieuben s. o. — Bei Luther wechselt rs mit r;iA bei hir seh 
(Franke, Grundzüge § 89). — Aus Schlesien weisen Pietsch-Rtickert, 
Entwurf s. 144 folgende rsch nach: her schm Psalterium per hebdom., 2. 
hälfte des 14. jh.; her s hin abschrift einer psalmenübersetzung in pghs. 
1 duod. 26, vollendet 1340; vurschte prineeps, handschrift des Nicolaus 
v. Cosel, aus dem anfang des 15. und ende des 14. jh.; kursehner neben 
kursener im Cod. dipl. Silesiee 8, 79; zu dem yr sehten mal (2), ja sogar 
dyrsch = dir et Scriptores rerum Silesiacarum 6, 18. 

§ 46. Hieran mögen sich nachweise früher ruA-schreibung, 
welche die wörterbucher liefern, anreihen: 

her sehen: dem da her sehet ! ) met unde win Wälsch. gast v. 4290; 
»an in ze her sehen geschiht über di siben ib. 9068; her sehen (her s hm) 
Fundgr. 1,376» bei Conr. v. Heinrichau 1340 (DWB 4,2. 1155»); her scher: 
Berth. 4169. Hyst. 2,639. 1.2. Walther v. Rheinau, Marienleben 274,36 
(s. Lexer 1, 1262 u. 1263); herschnier (mhd. hersenier subst. n.): duo 
herschnier 1316, Freys, salbuch f. 29 b (Schindler 1,1166); hirschgervige 
im mitteld. arzneibuch (Fundgruben 1,376) a. d. 14. jh.; kurschen Cod. 
dipl. Sil. 3, 122"). Korschen Rothe, DUring. chronik 99, der auch 430 
hir sehen hergehen und 674 hir sehte hat; mur sehet mhd. mursel, Heldenb. 
B 220, 32 (Lexer 1,2254); morsch: daz alle sin hüt und sin vleisch zu- 
morschtt was D. Mysr. 1, 185, 16 (14. jh. md.; DWB. 6, 2590; zersch mhd. 
zers Cgm. 589 (v. j. 1377) hinterdeckel, Cgm.713 (v. j. 1476) f. 7, 17 (Schmeller 
2,1152). 



') So die handschriften A um 1300 und G 1340; RUckert setzt 
herschl ein. 

*) V.j. 1387 DWB 5, 2821: mit emir kurschin. 



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256 ARON 

§ 47. Die frühesten r;iA-schreibungen (ander schwa a. 253, 
hergehen Meinauer naturlehre 253, Psalterium 255, Psalmenüber- 
setzung ib., Wälsche gast ib., Conrad v. Heinrichau ib., herschnier 
Freys, salb, ib.) berechtigen uns, für diese zeit auch die ent- 
sprechende ausspräche anzunehmen und spätere rs nur als 
historische Schreibung aufzufassen. Zwei weitere stützen für 
diese annähme bieten einmal das vorkommen der Schreibung 
rs für etymologisches rsc (vgl. den analogen fall menslich für 
menschlich § 35, z. b. Elisabeth 5032 gar unerforsbere sint 
godes ordenunge und Stolle s. 42 erforfser : der selbe Jude was 
ern Apels vnnd ern Bossen Vitzthum, des jungen hern re(he f 
heymelicher rath, vnnd alle ore heymelkeil eyn ufstreger vnd er- 
forfser), zum andernmal reime von Wörtern mit ursprünglichem 
rs auf solche, deren rsch auf rsc zurückgeht (es liegt in der 
natur der sache, dass sich nur wenige finden lassen): örsch 
equus: teers stultus; Heinrich v. Beringen, Schachgedicht v. 2064. 
9316 und rossen : gedrv sehen Ottokars Reimchronik v. 60709 
(letzteres gütige mitteilung des herrn professor Seemüller mit 
der beraerkung: 'die lesart ist sicher'). Wir können demgemäß 
diesen lautwandel als im 13. jh. vollendet auffassen. 

III. 

§ 48. Der wandel eines s zu s begreift sich wohl am 
leichtesten im zuletzt besprochenen falle. Denn das r (zumal 
das stimmlose) hat grosse physiologische verwantschaft mit 
dem s. Sweet, A Handbook of Phonetics 39 beschreibt an- 
schliessend an Bell das / folgendermassen (Sievers § 152 b, 
anm. 4): 'das s ist dem s sehr ähnlich, hat aber mehr von 
dem point-element, d. h. stärkere beteiligung des zungensaumes; 
dies hat seinen grund in der annäherung an stimmloses r; das 
s ist in der tat ein s das auf dem wege zu stimmlosem r an- 
gehalten ist. Dies geschieht, indem man die zunge aus der 
f-lage ein wenig zurückzieht und mehr nach oben wendet, was 
den zungensaum mehr in action bringt' (vgl. übrigens auch 
Sievers s. 106 § 12 b.) 

Schön stimmt zu dieser beschreibung des § die tatsacie, 
dass r vor d, t, z am Inn, Lech und an der Salzach geradezu 
wie s lautet: fust fort; kusz kurz u. dgl., vgl. Schindler, Gr. 
§661. BWb. 1,139. 1155. DMa2,344. 4,44. Weinhold BG.§155. 



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S-VERBINDUNGEN IM NHD. 257 

Wenn wir abgesehen von den oben s. 252 erwähnten Wörtern 
den wandet von rs zu rs in der 'Schriftsprache' nicht vorfinden, 
so haben wir darin — abgesehen von fremdwörtern wie börse, 
iiscurs u. dgl. — das resultat mannigfacher ausgleichungen zn 
sehen, die immer eintraten, wenn nach dem r ein mit s be- 
ginnendes wandelbares element (suffix) auftritt, z. b. -st der 2. sg., 
des Superlativs, -s des genitivs, die suffixe -sc, -sam u. dgl. 

§ 49. Schwieriger ist das s* in den consonantenverbindungen 
zu begreifen in denen es als erster bestandteil auftritt. 

Eine assimilatorische einwirkung der folgenden consonanz 
ist, da wir es mit dem wandet eines s zu s, d. h. mit dem 
wandel der tonlosen dentalen (alveolaren) spirans zu einer ton- 
losen spirans zu tun haben beider jedenfalls die zungenarticulation 
stets weiter rückwärts liegt als beim s ('mindestens 1 cm. 1 , Grtttzner 
8.220), ohne weiteres begreiflich bei lauten, die entweder die 
gleiche articulationsstelle wie das s besitzen oder eine weiter 
rückwärts liegende. 

§ 50. Sicher gilt diese erklärung also bei /Ar für sk in 
fremdwörtern, wie es die mundarten bieten. Also in Wörtern 
wie: Skandal (hierbei ist mit ausnähme der uns interessierenden 
/die phonetische Schreibung vermieden, da diese ausspräche 
für das ganze obd. Sprachgebiet gilt), ikarnitzel düte; diSkurirn 
reden, diikurs rede, streit, s. m. g. (vgl. Schm. 1, 549), muskei, 
msketen muskete, muikatelier muscateller (über die letzten 
Wörter vgl Nagl, Roanad s. 200 zu v. 2377).i) 



') Ein secundärer Vorgang ist es, wenn das k dieser Verbindungen, 
durch das £ palatalisiert, weiter nach vorne geschoben als palatales / er- 
scheint, z. b. starnizl l papierdüte * , ital. scarnuzzo (Schm.), statt d aus 
ittl. scatola 'Schachtel' (Schmellers Mundarten, nachtrage hierzu in 
Herrigs Archiv 87, 374); stuapiau *skorpion' (Nagel a. a. o.). Für das 
alter dieser entwicklung scheint es zu sprechen, wenn eine hohenzollersche 
Urkunde (kloster Wald) v. j. 1430 den tag ihrer ausstellung mit den Worten 
'nach saut Stolastican tag ' angibt; vielleicht ist auch damast n. (zu gründe 
Hegt der name der Stadt Damascus) hierherzuziehen, doch sprechen ital. 
damasto und nl. damast dagegen, wenn diese nicht deutsche lehn- 
wörter sind. — Belege für schk aus früher zeit s. o. § 29. — Eine par- 
allele zu der Verschmelzung der alten ^-Verbindungen bietet das mund- 
artliche neusing c neugierig', entstanden aus neusgierig (Vilmar, Kurhess. 
Idiotikon 283. Schindler 1, 1711. Ronsdorfer ma., Zs. fdph. 19,362). Hält 
man m obiger erwägung die tatsache, wie oft sich die palatalen flaute 

Beitrage rar geschieht« der deutschen iprsohe. XVII. 17 



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258 ARON 

§ 51. Wahrscheinlich gilt die annähme einer solchen as- 
similierenden einwirkung des folgenden consonanten bei der 
erklärung einer grossen zahl der inlautenden -st der aleman- 
nischen mundarten. Denn es wird wohl nicht als reiner zufall 
zu betrachten sein, wenn ein grosser teil dieser Wörter nach 
declinationsschemen geht, die ursprünglich in gewissen casus 
ein i in der endung besassen. Ich erinnere hier nur an Wörter 
wie mhd. ast, hast, brunst, brüst, ernst, vüst, geist, gerüste (jo- 
decl.), geswuist, gespenste n. (/o-decl.), daneben gespanst, gespenst 
fem., gunst, last, list, tust etc. etc. In allen den fällen, in 
denen bei diesen Wörtern und ihren ableitungen palatalisierung 
des Stammsilben vocals ('umlaut') — wenn er nicht schon selbst 
ein palataler war — eintrat, hätten wir auch das s als eine 
Wirkung des folgenden i zu betrachten, wie man ja auch jetzt 
die palatale affection des vocals durch folgendes i als durch 
die zwiscbenstehenden consonanten vermittelt erklärt, welche 
zunächst palatale färbung ('moui liierung') annehmen mussten, 
und dann ihrerseits die palatalisierung des vocals bewirkten 
(vgl. Sievers, Phonetik 3 237 f. Braune, Ahd. gr. § 51 anm. \)S) 

§ 52. Ausser nach r wäre somit st entstanden: a) ur- 
sprünglich wechselnd mit st bei der i-declination {gast pl. gehe) 
und im präs. der sw. verba I, b) ohne Wechsel, durch bildnngs- 
suffix veranlasst, z. b. nomina mity-suffix wie gerü&te; adjeetiva 
wie veste, abstraeta auf -i wie reite ruhe, rast, wobei bei den 



im klänge den palatalen flauten (rcA-lauten) nähern (Sievers, Phonetik 
§ 15 anm. 5) — man vergleiche das hinterwäldlerische gweisch 'geweih' 
(Birlinger, AI. spr. s. 134. Weinhold, Dialektf. s. 82) — so hat man sieb 
die entwicklung des sc zu s vielleicht folgendennassen vorzustellen: 
sk^-sk^$-ch^L Hierher zu stellen ist die eigentümlichkeit der 
Ruhlaer mundart (Regel s. 73), für stammauslautendes s vor dem dimi- 
nuierenden -chen s zu bieten, z. b. gleichen 'gläschen', müschen 'mans- 
chen', Lüchen ' Lieschen', gänschen, henschen 'H&nschen' etc. 

>) Natürlich musste der vor dem palatalvocal stehende oonsonant, 
das f, seiner articulation nach ein palatallaut sein (vgl. Kruszewski, 
Internation. zs. 2, 267). — Ueber t-ableitung bei mhd. gester, swester s. 
Kauffmann, Beitr. 13, 393. 14,163 gegen Luick ebenda 13, 588 f. — W« 
umlauts Wirkung des £ aus s vor palatalem t fön de eine schöne parallele 
in derselben Wirkung des s aus sc in der lautverbindung -asch (= <# 
-c asc), das regelmässig in den alem. mundarten zu $$s wurde, z. b. (& 
'asche', wette 'waschen'. Vgl. Brandstetter § 19. Heusler, Genn. 34, 117. 



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^-VERBINDUNGEN IM NHD. 259 

unter a) angeführten das st durch Übertragung verallgemeinert 
worden wäre. Für eine gesonderte entwicklung dieser inlautenden 
st scheint es auch zu sprechen, dass sich Zeugnisse, welche die 
^-ausspräche in consonantenverbindungen beweisen, am ehesten 
bei st finden (vgl. oben § 36). 

§ 53. Schwieriger ist es, mit den andern i- Verbindungen 
zurecht zu kommen. Denn bei diesen ist eine assimilierende 
Wirkung des folgenden consonanten nicht recht glaublich, schon 
aus phonetischen gründen, da ja bei den labialen (p, w, m) die 
zunge gar nicht articuliert und die dentalen (/, n) dieselbe al- 
veolare articulationsstelle wie der ursprüngliche laut, das $, 
besitzen, und sie ist auch wegen der inlautenden bewahrten 
st, sp des mitteldeutschen bezw. der st im bair.-österreichischen 
Tollkommen ausgeschlossen. 

Man kann aber auch nicht vermuten, dass eine verschieden- 
artige Silbentrennung an diesen Verschiedenheiten zwischen mittel- 
und oberdeutsch schuld trüge, sonst müssten wir für das bair.- 
österreichische einmal etwa kaSpar und zum andern etwa 
klo-ster 1 ) ansetzen. 

§ 54. Lässt sich nun das £ in diesen Verbindungen kaum 
durch einwirkung des folgenden consonanten erklären, so war 
vielleicht ein vorhergehender laut die Ursache dieses lautwandels, 
und der wäre aus phonetischen gründen und wegen des oben 
s. 252 ff. auseinandergesetzten das r. 

Es wären demnach unsere ^^-Verbindungen im wortanlaute 
sandhierscheinungen , hervorgerufen durch die Stellung der 
Wörter mit ursprünglichem sl, sm, sn, sp, st und sw nach Wörtern 
die auf r endigen. An solchen mit -r schliessenden Wörtern 
ist aber unsere spräche sehr reich. Hierher gehören: die sub- 
stantiva auf -fr; die adjectiva im nom. sg. m. starker declina- 
tion, im gen. sg. und pl. st. decl. fem., im dat. sg. f. st decl. 
(eine kategorie, in welche die so häufig gebrauchten wortclassen 
wie der artikel und die demonstrativpronomina gehören), die 
comparative, die personalpronomina mit ihren : meiner, mir, wir, 
unser; deiner, dir, ihr, euer; er, seiner, ihrer, ihr\ die praepo- 



') Singular steht da -st in huaitar 'tussis' (Nieder-Oesterreich), vgl. 
Nftgl 8.201 zu v. 231. 



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260 AßON 

ßitionen: ausser, für, über, unter, vor u. 8. w.; die praefixe: er-, 
ver-, zer- u. s. w. 

Und an diesem anschlusse an ein vorausgehendes mit r 
schliessendes wort trüge die dem s folgende consonanz die 
schuld; sie trennte das s von dem träger des silbenaccentes, 
yon dem ihr folgenden sonanten, weil ihr eine geringere schall, 
fülle innewohnt, die bei p und t bis auf denn nullpunkt sinkt; 
diese bedingen sogar eine pause! 

§ 55. Auf dieser tatsache der lautpbysiologie (Sievers, 
Phonetik 3 § 25. 26. 27) fussen ja auch die vergleichungen der 
indogermanischen sprachen, bei welchen Wörter des typus * + 
consonant (im anlaut) mit Wörtern, die das s entbehren, zu- 
sammengebracht werden; vgl. Brugmann, Grundriß« 1, § 55 ff. 
6. Meyer, Griech. gr. 2 § 245 ff. und neuestens K. F. Johansson, 
Beitr. 14, 289 ff. Zur illustrierung seien die sichereren fälle an- 
geführt: 

Für sl—l: Ir. slath stonge, ahd. latta f. litte, bret laz. — Got 
ahd. as. slahan, anord. sld, ags. sttan, aber gr. Aaxßjc», lat lacerare. — 
Got slaupjan, ags. slupan, nord. got. sliupan, ahd. sliofan, lit slübnas 
schwach gegen lat lübricus schlüpfrig; wz. sli glatt, schlüpfrig sein, ahd. 
slimen glätten, mhd. sUm, an. slim, aber lat. Itmare feilen, glätten, Uma 
feile, levis, gr. Xeloq glatt. 

Für sm — m: Ausser gr. oßixQoq neben tuxQoq, oiavqqu, fivQ^a, 
ofilXai, ofjlXoq taxusbaum, filXa£ t pTXoq, ofxrjQiy^ borsten, ftijQiy$. — Ahd. 
smelzan neben gr. fiiXöa>, dazu ags. meltan, an. maltr (adj.) verfault, ahd. 
mhd. malz einschmelzend, weich, schlaff. — Got. smals, ahd. smal, ags. 
smcel, as. smal klein, gering, aber asl. malü klein, gr. fifjXa klein vieh, 
altir. mil tier (dieselbe bedeatnng hat anord. smali klein vieh; vgl. auch 
ahd. smalanöz, smalaz vihu kleinvieh). — Gr. fieiödw lächle (doch ?<- 
jLOftfteiöiiq), aber lett smiju, asl. sme-jq se lache, ai. smdy-a-M t diso 
ahd. smielen. 

Für sn—n: Av. snafiathi, air. snechta, got. snaitcs, lit. snigas, tsL 
snegü schnee gegen gr. vel<pei, vlipa (aber äyavvt<po$ f lat. ninguit. — Ahd. 
snuor, air. sndthe faden gegen lat. neo, gr. viw vij{ia faden, aber irrn 
ncbat. — Ahd. snura f. Schwiegertochter, ags. snoru, afr. snorc, an. snor, 
sner zu aind. snuiä, asl. snücha gegen lat nun**, gr. wo«. — Ahd. 
snabul m., ndl. jnatrc/ Schnabel, rüssel, *w*£ Schnabel, afr. snavel mund 
gegen ndl. n*& f. schnabel, ags. w*6& Bchnabel, gesteht, an. nef n. nwc 
(neben snaßr feinriechend), dazu auch das germ. lehn wort ital. fäffo 
schnauze, rüssel. 

¥\Lrsp — p: Got spehoan, ahd. spiwan speien zn lit spiduju speie, 
at spuo gegen gr. ntvw. — Ai. spdf späher, Wächter, lat. -spicio, ahd. 



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S- VERBINDUNGEN IM NHD. 26 t 

spehön spähen, anord. spakr verständig gegen ai. pdqyämi sehe, asl. 
paziti attendere (reflex. mit se cavere). — Got. spinnan, ahd. spinnan 
spinnen gegen lit pinti flechten (pdntis strick) und asl. peti spannen, 
von der darin enthaltenen wz. pen- lat. pannus Stückchen tuen, läppen, 
m1. o-pona Vorhang, ponjava fem. segel, zu welcher sippe auch unser 
fahne (got. fana tuch, zeug, läppen, ahd. fano tuch [ougafano Schleier, 
halsfano halstuch, gundfano fahne] masc. gehört. — Idg. wurzel sprek, 
spreg gegen prek, preg in isl. sprekla, schwed. sprdkla kleiner fleck, 
mhd. sprickel (sprünkeleht adj. fleckig) gegen engl, to freak sprenkeln, 
freckU Sommersprosse und weiterhin gr. tieqxvoq, ai. pfeni gefleckt, 
bunt 

Für st—t: Ai. sihägämi verdecke, verhülle, gr. oxiyoq dach, lit. 
stoga-s dach, aksl. o-stegu toga gegen gr. xiyoq dach, lat. tego y aisl. pak, 
ahd. dah dach. — Got. stdutan, ahd. stözan stossen gegen ai. tudämi 
stosae, lat tundo. — Gr. otiy/ua stich, punkt zu oxCC,aj mit einem spitzen 
werkzenge flecken machen, lat. instigare anstacheln, reizen, ahd. stihhan 
stechen gegen ai. tij scharf sein, schärfen (tigmd spitzig, scharf). — Ai. 
sthüra gross, mächtig, zend. staora zugvieh, got stiur, ags. stior, ahd. 
stior stier gegen as). lurü stier, gr. tavoog (lat (aurus) y an. pjörr (dän. 
tyr, schwed. tjur)\ aber anord. störr, ahd. stüri adj. gross, mächtig, air. 
tarb. — Ahd. stinchan stinken gegen gr. xayyoq ranzig. — Lit. strdzdas 
drossel (vogel) gegen asl. drozgii, russ. drozdü, lat turdela (ahd. drö- 
scela, baier. dröschet), mhd. drostel, an. prgstr masc. — Ahd. drozza, 
ags. protu fem. kehle gegen mhd. strozze, andd. strota kehle, luftröhre. 
— Mhd. nhd. strotzen, engl, strut anschwellung, schwellen, gegen anord. 
prütinn geschwollen. 

Das fehlen des ursprünglichen s der grundformen in manchen 
indog. sprachen wird als Wirkung eines sandhi zu erklären sein, 
der durch die dem s folgende consonanz erleichtert wurde. 
Dieses moment der erleichterung des sandhi ist aber, wenn 
auf das s unmittelbar der sonant, der träger des silbenaccentes, 
folgt, nicht vorhanden. 

§ 56. Ein anderes moment der erleichterung des sandhi 
liegt in dem Stärkeverhältnis der einzelnen silben zu einander, 
da sich ja minder betonte silben einer stärker betonten silbe 
unterordnen und sich so zu einer grössern phonetischen einheit, 
dem Sprechtakte, zusammenfügen. Die starken silben in solchen 
Sprechtakten bilden die stärksten silben der Wörter, und das 
sind die Stammsilben. Hiernach (dazu vgl. Sievers § 33) würden 
die s und s im anlaut der Wörter und silben zu erklären sein. 
Es blieb nämlich I) (stets vorausgehendes r vorausgesetzt) s 
vor dem sonanten der starken silbe des Sprechtaktes, also im 



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262 ARON 

anlaute der Stammsilben '), wurde aber II) zu s im anlaute der 
mittelstarken und schwachen silben desselben typus, also a) in 
nebensilben und b) bei encliticis. 

So haben wir: 

Ad I. sagen, sehn, singen, suchen u. dgl. 

Ad II. a) Die oben s. 252 erwähnten Wörter in ihren zwei- 
silbigen formen, wenn dem ursprünglichen s ein vocal folgt 3 ) 
(hierher kann man auch rechnen die Wörter des typus i + con- 
sonanz, vgl. oben § 54); diesen schliessen sich an mundartliches 
ghoriam, koriam gehorsam (besonders häufig in der grussformel 
ksamster diener, samster diener für gehorsamster diener) Schindler, 
Ma. §651. D.Ma.3,107. Bavaria 3, 209. Albrecht s. 15. Broniech 
8. 129. Weinhold, Dialektf. 80) und uriach (s. ßirlinger, AI. spr. 
132: urschach legende des hL Aurelius, hs. d. 17. jh.). 

b) Hierher gehören mundartliehe Verbindungen wie anattc, 
adv. f. unter sich, 'nach unten'; fürH adv. f. für sich, 'vor- 
wärts'; hinterti adv. f. hinter sich, 'rückwärts'; hintersißrsi 
adv. f. hinter sich für sich, 'vorwärts-rückwärts' also: 'verkehrt* 
(Winteler, C, cap. I, § 4. 1 b; Schindler, Ma. § 652. Bavaria 3,209. 
Handschuchheimer glossar. Mundart des burggrafenamtes,Herrigs 
Archiv 43, 179. Krassnig s. 32). — Ferner: ii, sc mundartlich 
für das personalpronomen sie in Verbindungen wie: war se 'war 
sie', hör Se 'höre sie', Über ie 'über sie', gib mir le, dir h 
'mir, dir sie'. Schm., Ma. § 651. D.Ma. 3, 107. 129. Regel 73. 
Hierher ziehe ich auch das thüringische und hennebergische 



') Mit scheinbarer ausnähme von mundartlichem Mach Ursache, das 
aber mit seiner beton ung auf ür- im gegensatze zu etwa ersetzen das 
Verhältnis um so klarer darstellt. 

*) Die mundarten sind, wie schon erwähnt, an solchen Wörtern 
reicher. Mit $ lauten noch: börse, ferse, hirse, mörser, pftrsich, Ursel 
Ursula, vers, wir sing; dazu: farce fülleel, force stärke. Dazu noch die 
Wörter mit -rst wie durst, forst, rvurst, denen noch verlurst Neujahrs- 
spiel v. 336, Stretlinger chron. 25, ägerst Elster* schwäb. Schm. Wb. 1,4$ 
zuzufügen sind. Durch methat esis kommen hinzu die mundartlichen 
Wörter für brüst, kruste, presse Krefelder mundart, D. Ma, 7, 50, kresse 
Regel s. 64. Zudem die genitive auf -r auslautender Wörter mit s, 
z. b. bruder's, und die Verbindung ebensolcher Wörter mit dem dop. 
acc. 8g. des geschlechtigen pronomens, z. b. dirs dir es, nicht nur in 
thttring. ma. Vgl. Winteler C. I, § 4, 1 b; Schmeller Ma. § 652. Ueber rst 
in der flezion und beim Superlativ s. unten § 48. 59. 



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S-VERBINDUNGEN IM NHD. 263 

goirk 'gar so' in Wendungen wie goirte ülömm 'gar so schlimm', 
goirie gärn 'gar so gern', vgl. D.Ma. 3, 129. Regel 73. 

§ 57. Wir können also ganz allgemein die regel aufstellen : 
In der Stellung nach r wurde s zu s, wenn ihm un- 
mittelbar ein den hauptaccent nicht tragender laut 
folgte. 

Unsere lautverbindungen J4-consonant wären also entstanden, 
wenn dem ursprunglichen $+consonant ein r vorhergieng; ein 
satz, wie d$r vatfrs pilt 'der vater spielt' ist in seinen takt- 
verhältni8sen conform einem dfs doklgrs rech[nung] 'des doctors 
rechnung'. Die nach r entstandenen ä+consonant- Verbindungen 
hätten dann ihr geltungsgebiet erweitert. Diesen wandet möge 
folgendes schema veranschaulichen: 

I. II. III. 

ich Bpile ich spile ich ipile etc. 

du spilst du spilst (durchaus £p) 

er spilt er spilt 

wir spiln wir spiln 

ir spilt \r ipilt 

si spiln si spiln 

I stellt die Verhältnisse vor, II während und III nach der 
Wirksamkeit des gesetzes dar. 

Da nun -r$ > rs mindestens für das 14. jh. anzusetzen ist, 
so wäre auch die Wirksamkeit dieses sandhi in jene zeit zu 
verlegen, und damit stimmten auch die oben nachgewiesenen 
Schreibungen von seh + consonanz. 1 ) 

§ 58. Gegen diese hypothese lässt sich aber folgendes 
geltend machen: 

1. Der mangel eines directen nach weises des sandhi aus 



l ) Folgende Zusammenstellung möge eine Übersicht von diesem 
gesichtspunkt (seh nach r) ausgehend gewähren. Hierbei sind kürzere 
denkmäler, aber auch urknnden und weis tum er, natargemäss nicht in 
betracht gezogen, nnd von den grossem denkmälern die nicht übergangen 
worden, die untermischt s- oder ^-Schreibung in irgend einer der hieher- 
gehörigen consonanten verbin düngen aufweisen: 



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264 



ARON 



den denkraälem. l ) Aber dieselbe trägheit der Orthographie 
finden wir auch bei den Wörtern mit rs. 

2. Dass wir auch sonst nicht nur nach r inlautend st, sp, 
sw u. s. f. besitzen. 





sl : schl \ sm : schm 


sn : sehn sw : schw 


Denkmal : 








übh. 


n. r ! übh. J n. r 


übh. [ n. r | tibh. 1 n.r 


( A 


9:1 


5:0 


sm 


8:1 | 2:1 j sw 


H. v. Montfort ) B 


4:49 


2:7 


11:2 | 5:0 


1:16| 1:7 1 sw 


|c 


0:4 ' 0:1 


1 sm 


1 sehn j sw 


Kuchimeister 


22:2 | 19:0 


1:2 | - 


sehn 26: 13 4:1 


Ingold 


schl 


schm 


sehn i 23 : 40 , 2:4 


Mörin 


27 : 56 | 4:4 


18:12| 6:1 


22: 19 | 5:5 ;106:44 15:4 


Kaufringer 


64 : 22 | 9:6 


schm 


sehn !l04: 15 1 13 : 7 


0. v. Wolkenstein 


sl 


77: 1012! :1 


60:2 23:0 '168:4 25:2 


Schiltberger 


schl 


4:3 1 1:0 


2:11 1 1:0 ! 14 : 50 0:3 


f A 
Tucher < g 


159:43119: 29 


27:62 10:8 


34 : 60 16 : 9 


77:14 \0sw 


30:3 \ 2 schl 


sm 


4: 16.3wAn 


sw 


Richental 


schl 


schm 


sehn 


56:65 1:2 


Tristrant 


schl 


schm 


sehn 


4:88 |0:18 



Die falle, in denen unsere consonantenverbindungen nach r auf- 
treten (in der tabelle je die zweite spalte) sind vorne in der beleg- 
Sammlung durch Sternchen bei der selten- oder verszahl ihres Vorkommens 
gekennzeichnet. 

>) Wenn auch demgemäss ein directer beweis aus den denkmäleni 
nicht zu erbringen ist, so möchte ich doch die aurmerksamkeit auf zwei 
tatsachen lenken, die uns vielleicht noch leise spuren von der Wirksam- 
keit unserer regel aufweisen. Erstens: unter den Wörtern die mit sw 
anlauten, nehmen eine hervorragende Stellung hinsichtlich ihres gebrauchet 
die verallgemeinernden pronomina und pronominaladverbia (swer, swaz, 
swie, swo etc.) ein. Diese Wörter, die sich bis ca. 1400 im gebrauch be- 
haupten (vereinzelt noch im 15. jh., so swas Kaufringer 8, 6, 10), Soden 
sich regelmässig mit sw geschrieben: ausnahmen sind sehr selten (nun 
findet dieselben aufgezählt cap. 1 § 32, a). Der grund hierfür mag darin 
liegen, dass diese Wörter, die immer zu anfang eines satzes gebraucht 
wurden, gar nicht unter unsere regel fallen konnten, d. h. die conseqnente 
^-Schreibung in diesen Wörtern bewiese indirect einen sandhi. — Dans 
erklärt sich auch ungezwungen, dass dem sw gegenüber den sl, sm, tn 
ein längeres leben gegönnt ist, wenn man eine beeinflussung der Ortho- 
graphie durch die sw der verallgemeinernden pronomina und pronominal- 
adverbia annimmt. Zweitens: tabellarisch sind nachfolgend die Ver- 
hältnisse bei Scheidung der mit sw (schw) anlautenden Wörter nach Wort- 
arten dargestellt: 



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6-VERBINDÜNGBN IM NHD. 



265 



§ 59. Ein grosser teil der alem. inl. St fällt hier allerdings 
ausser betracht (s. oben § 51). Bei weitem der grösste teil 
der alem. st aber müssen als Übertragungen von Wörtern in 
denen sie berechtigt sind (d. i. in der Stellung nach r) auf- 
gefasst werden. Es sind dies die St welche als flexionsendung 
oder Suffix auftreten; hierher gehört vor allem das -st der 2. 
pers. sg. Ein warst, wärSt, wirft des verb. subst lassen ein biit 
(dem sich nach der proportion lauscht 2. sg. pr. v. verb. lauschen 
'.tauscht 3. sg. pr. = biSt : x iät anschloss 1 ), begreiflich er- 
seheinen. Kurz dieses st, welches bei verben wie gebären, dörren, 
ehren, fahren, führen, begehren, hören, kehren u. ä. sich not- 





1 


II 


in 


Denkmal : 


sw : schw 


sw : schw 


sw : schw 




verbum 


adject.(adv.) 


Substantiv 


Kuchimeißter 


14:9 





12:4 


Stretlioger ehr. 


36:2 


6:0 


17:0 


Richental 


14:33 


7: 10 


•35:22 
8 swert : 9 schwert 


Ingold 


4:7 


4:13 


15:20 
12 swert : 10 schwert 


Mörin 


47:20 


27:13 


32:11 
7 swert 


Kaufringer 


30:10 


23:0 


51:5 
5 swert 


Schiltberger 


1:8 


7:19 


6:23 
2 swert :18 schwert 


Tucher 


25:8 


4:0 


48:6 


Tristrant 


schw 


schw 


4:41 
2 swert : 22 schwert 
1 s wager : tischwag er 



Man sieht bei vergleichung der drei gruppen untereinander, dass 
schw beim verbum beliebter ist als beim adjeetiv (adverb) und Substantiv. 
Und dies kann vielleicht auch als eine spur des sandhi gedeutet werden, 
insoferne als bei dieser Wortklasse eine häufigere, beziehungsweise festere 
Verbindung mit auf r auslautenden Wörtern und partikeln (ich verweise 
nur auf die präfixe er-, ver-, zer-) vorkommt. 

l ) Das entgegengesetzte bietet die ma. an der mittleren Altmtihl 
in der 2. sg. verb. subst is, 3. ist, in der sonst st durch st vertreten ist 
(D. Ma. 7, 389). 



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266 ARON 

wendigerweise als flexionsendang der 2. sing, ausbildete, wurde 
als die 2. pers. charakterisierend empfunden und verallge- 
meinert. Auf ähnliche weise wäre auch das •£/ des Superlativs, 
ursprünglich nur berechtigt bei Wörtern die auf r auslauten, so 
in Superlativen wie erite, ungeheuerste, teuerite, vorderste u. a^ 
auch auf anders auslautende Wörter übertragen worden. 

§ 60. Dieser erklärung aber entziehen sich die andern 
inlautenden £• Verbindungen des alem. bezw. bair.-österr. Es 
sind dies vor allem die Wörter mit inl. sp (bei sw kommt wohl 
nur Oswalt in betracht). In anbetracht ihrer geringen anzahl 
könnte man vielleicht lautliche analogie 2 ) annehmen. 

Dafür würde es sprechen, a) wenn sich in mundarten die 
sonst St bieten, etwaige st zeigen, und b) wenn sich in 
mundarten die sonst st bieten, etwaige §t zeigen. Jene würden 



*) Die alem. Ortsnamen auf schwill -schwang Hessen sich als Über- 
tragungen des anffixes von Wörtern, in denen es regelrecht stand, er- 
klären. Also nach Rapperschwil, Ganderschwü u. dgl. auch Attensckwü 
u. dgl. 

*) Ueber das wesen der lautlichen analogie spricht sich Schuchardt, 
Ueber die lautgesetze s. 7 ff. folgendermaßen aus: ' (Andrerseits) lassen 
sich nicht selten erscheinungen bei denen durchaus begriffliche be- 
ziehungen im spiele sind, auf ideelle nebeneinanderstellung zurückführen, 
und da können wir von einer niedrigeren Ordnung von analogiebildungen 
reden. So begünstigt die häufigkeit gewisser lautcomplexe die neubildung 
identischer (z. b. ie = ie in ital. pieta) oder die häufigkeit eines gewissen 
lautwandels wird zur allgemeinheit Ich habe vor langen jähren den 
gedanken geäussert, dass im ital. (und im romanischen überhaupt) ie, uo 
— vulgärlat. £, f ursprünglich , wie noch jetzt, in manchen dialekten, 
an ein folgendes t oder u gebunden war: vieni, buonu, öuoni. Zunächst 
würde es durch begriffliche analogie ausgedehnt worden sein: viene, buont, 
dann aber auch ohne eine solche: pietra, ruota und formen wie bene, 
bove (plur. buoi), nove (gegenüber nuovo) würden eben die letzten un- 
eroberten platze bedeuten '. Vgl. auch Easton im Am. journ. of philoL 
5, 174. Hinzuweisen ist auch auf die analogien welche die fremdwörter 
bieten. Bei diesen sind auch lautsubstitutionen (so nennt diesen Vorgang 
Gröber) zu beobachten, die ihre Ursache darin haben, dass ' der sprechende 
mit denselben bewegungsgefühlen, mit denen er seine muttersprache 
hervorbringt, auch das wort aus der fremden spräche erzeugt (vgl. Paul, 
Principien» s. 340. 341. Kruszewski, Intern, zs. 3, §22,2, §30; gesets 
der lautcombinationen ib. anm. 2, § 32; Intern, zs. 5, §78. Jespenen, 
Intern, zs. 3, 194. 211. 212). 



Digiti 



zedby G00gle 



S-VERBINDUNGEN IM NHD. 267 

die noch uneroberten positionen darstellen, diese den begiun 
jener dort vollzogenen bewegung andeuten. 

Zum ersten fall kann man vielleicht rechnen das part. prät 
genest der Handschuohheimer ma. (Lenz s. 54 b ), die sonst inl. 
it hat So auch in der Rheinpfalz (Bavaria 4, 242). Bei dem 
Präteritum und participium der verba reisen, wissen, müssen 
u. dgL mag — wenn nicht formen auf -et zu gründe liegen — 
der s-laut der andern formen eingewirkt haben. Ferner könnte 
das unerklärte aister 'immer* der Schweizer ma. (Brandstetter, 
Gescbfr. 38, 250) hierher gehören. Vgl. auch s. 265 anm. 

Zum zweiten falle wären zu rechnen die ip des bair.-österr. 
und die sonst sporadisch auftretenden st wie geweit l ) 'ver- 
dorben' neben gewest (Bavaria 4,242), das bereits erwähnte 
niederösterr. huastn, ferner paStur in der Ronsdorfer Ma. 2 ) 

§ 61. Der dritte einwand der erhoben werden kann, stützt 
sich auf die Verhältnisse in der ma. von Baselstadt. Es setzt 
nämlich die oben aufgestellte hypothese alveolares r voraus, 
das dieser ma. aber nicht oder nur selten eigentümlich ist. Es 
herscht vielmehr neben dem zitterlaut des Zäpfchens der stimm- 
lose velare reibelaut ohne jede mitwirkung des Zäpfchens vor, 
welcher oft zum reducierten laute ohne hörbares reibegeräusch 
wird (Heusler s. 82). Conform diesen Verhältnissen heisst es 
auch in Baselstadt bi^s f. der Birsfluss u. dgl. Daraus folgt, 
dass diese ausspräche des r eine ziemlich alte ist. 3 ) 

Wie aber auch noch heute daselbst die ausspräche des r 
eine verschiedene ist (es kann nämlich nach Heusler a. a. o. 
als reducierter laut ohne reibegeräusch eintreten im wortanlaut 

») 'Am Königsdorf im Grabfeld (hört man) gewascht, aber ist' 
Schindler, Nachträge. Herrigs Archiv 37, 374. 

*) Substitution der lautcomplexe begünstigt durch die gleichheit des 
ersten bestandteils und durch das Übergewicht des complexes in den 
sich der alte wandelt, ist bei hastt neben haspei (dazu das verb. hastnen, 
Schindler Wb. t, 1185) anzunehmen, wenn beide Wörter identisch sind 
(ein Zusammenhang mit bd. hast fem., hasten, die dem md. ndd. ent- 
stammen, Kluge, Etym. wb. 132 *>, ist natürlich abzuweisen). — Auch auf 
die mundartlich oft vorkommende vertauschung von mistet und mispel 
sei hier hingewiesen. 

8 ) Die belege aus den Urkunden (s. oben) mit rsch in her sehen und 
Birsch können an und für sich nichts gegen das alter dieser ausspräche, 
beweisen. 



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268 ARON 

und zwischen zwei vocalen oder zwischen vocal und folgendem 
sonorconsonanten auch in den wortanlautenden Verbindungen 
PX> 'fr tyt fXf $X> deren erster bestandteil gleichzeitig zur reinen 
lenis herabsinkt; niemals jedoch im freien auslaut oder vor 
stimmlosen consonanten) so wird wohl schon früher für r irgend 
ein unterschied je nach der erwähnten Stellung bestanden 
haben. Andrerseits ist es ja auch leicht einzusehen, dass der 
wandel von einem alveolaren r (ein solches haben ja auch 
die Basler einst besessen) zu einem, sagen wir ganz allgemein 
rückwärtsartioulierten r zunächst eintrat, wo rückwärtige arti- 
culation der nachbarlaute bestand. 

Obige hypothese kann nur bestehen, wenn zur zeit der 
Wirkung des sandhi die auslautenden r noch vorne articuliert 
wurden. 

Irgend eine ähnliche erklärung scheinen mir auch arsch, 
Hirsche (Seiler ß. 244) zu fordern. Bei herschen könnte man 
allerdings auch noch beeinflussung durch das nomen herschaft 
annehmen. 



Anhang. 

§ 62. Der Vollständigkeit wegen mögen auch die i bertick- 
sichtigung finden, die nicht in den behandelten consonanten- 
verbindungen vorkommen und auch nicht auf sc zurückgehen. 
Die Wörter, welche derartige S besitzen, sind entweder dem 
heutigen hochdeutsch oder der mundart eigentümlich, oder sie 
treten sporadisch in früherer zeit auf; bei diesen letzteren ist 
das seh gewiss oft nur als orthographische Variante für s iu 
betrachten. 

§ 63. I. S wird ausserdem gesprochen : 

1. In der 'Schriftsprache' in groschen m., mhd. gros, grosse 
aus mlat. grossus\ grosch neben gross (Tucher s. 102 bezw. 101; 
im 15. jh. überhaupt schwanken zwischen diesen zwei formen, 
vgl. Lexer 1, 1093. Schmeller WB. 1, 1014.0 

2. In den mundarten : abgesehen von allgemeinem Übergang 
des s in $ in Wallis (Rapp, D. Ma. 3, 67), Davos, Vorarlberg 

l ) Hieher auch schimmcl (' bureaukratischer Schimmer), das woW 
auf das simite der amtasprache zurückgeht 



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S-VERBINDUNGEN IM NHD. 269 

(Birlinger, AI. spr. 132) 1 ) in: schunst sonst ('und sol schunst rächt 
daraus prechen' Ifon. Boica 10,191 ad 1472) Schindler, Wb. 2, 
433. Schm., Gr. §650 Ostlech; — felö fels Salzungen (wegen 
fdsspaltef) — ami} amsel (Schm., Gr. § 655 Ostlech. Nassl, 
Tepler ma. 14. Noe, Iglaner ma., D. Ma. 5,515) wohl durch suf&x- 
Qbertragung von droSl drossel bewirkt ; vgl. die Übertragung des 
Suffixes -uldr -aldr vom germ. apludra-, ags. apuldre, an. apuldr 
Apfelbaum' auf ags. mapuldre, ahd. hiufaltar, Kluge, Nominale 
stammbild. § 94. (hierzu Winteler, Kerenzer ma. s. 411 ff. Beitr. 
14, 455 ff. k + -azz = got. atj > zk > tsch). — ö bei 'sollen 1 
(oberpfälzisch. Sette communi, Schm. 3, 349. Cimbr. wb. 166, 
vgl Weinhold, Mhd. gr.* §411. AG. §379. BG. § 327; zur er- 
klarung s. v. Fierlinger KZ. 27, 190 ff. Johansson Beitr. 14, 290 ff.) 

§ 64. IL seh findet sich geschrieben und vielleicht auch 
gesprochen : 

a) bewirkt durch ein seh, das im worte vorkam : a) wenn 
es vorausgieng: schusschiln = schusseln 2 ) Breslauer urk. no. 289; 
geschossche = geschosse Cod. dipl. Sil. 4, 258. 259; schosschen 
= schössen Stolle 67; schischel = schüssel im fränk. kochbuch 
k 18909 d. germ. mus. f. 6. 7. 10» (Birlinger, AI. spr. 133 anm.; 
Pietsch bei Rackert 144); — ß) wenn es nachfolgte: Schalmen- 
schiler Voc. lat. teut. hs. 57 (Birlinger 132); sleschischem silesiaco 
Script, rer. Sil. 6,71 (Rackert 144); reuschisch = reussisch Osw. 
?. Wolkenstein 1,2.6; das ruschifs land Richental 50; geschel- 
tchaft Ringk 7°, 7. Stolle 2.») 

b) in sonstigen fällen: Elschi n. pr. Basler urk. no. 455 
anno 1384; möschin messing, Glarner urk. no. 160 anno 1419; 
möschmg Hugo v. Montfort 31,98 (Mhd. wb. 2,1. 159 b , seh 



') Dazu vergl. auch noch Bavaria 3,210: 'In Wülfertshausen und 
Mellrichstadt werden s und seh wie das englische sh gesprochen und 
es ist ein unverkennbar leichter Zischlaut. Bäsh, hat shi mein shuh net 
geshdhn 'base! hat sie meine schuh nicht gesehn* (regiernngsbezirk Unter- 
franken und Aschaffenburg). 

*) Hier sei auf den analogen Vorgang des indischen und litaui- 
schen hingewiesen (B ragmann § 557, 4. § 587, 2), z. b. ind. cväcura- aus 
*svacwra-, lit sz&zura-s ans *seszura-s 'Schwiegervater'. 

*) Hieher gehören auch aus heutigen ma. paschasche passage Weinhold, 
D. dialektf. 81, ummschuscht umsonst Schmell. Wb. 2, 333, dem sich das 
oben erwähnte ostlechische sunit anschliessen dürfte. 



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270 ARON 

wegen seh in tischen"}); losch los: ledig und losch Zs. f. geseb. 
d. Oberrh. 9, 186 a. 1342; schuochent quaerimus, Eis. pred., Alem. 
1,281; geschendet gesendet Alexander B. v. 825; mit schulchim 
vndirscheyd Meissner urkb.no. 34 anno 1329; Mathiasch, waisch 
Sendersche chron. 1530 — 40 (Birlinger, Augsburger ma. s. 19); 
grosschem Stolle 64. 

Hierzu kommen noch : heischen für heissen *): . . . da wonden 
. . . zwene gebroeder . . . der eyne heysche Hoderich Karl Mejoet 
30 ; ein riter . . . hisch zu sammene sine man . . . vnnd hisch sy 
by liebe vnnd by fute, das sy alle ore habe sulden trage . . . 
Stolle 15; der bischof . . . habe dem herzogen vorheif sehen tmd 
gelobet ib. 66; die selbe porte heischet Policastro Katzenellenbogen 
368 ; eptischin für äblissin 2 ) (ungemein häufig, z. b. Basler urk. 
1335 no. 298. Glarner urk. 1303. 1330. 1340 etc. St. Gallen 
1317. 1320 etc. Oberrhein 10,471. 479 etc. Wackernagel, Altd. 
pr. 122. Boner, Benecke 48,20; eptisschin Stolle 138. Vgl. 
ausserdem Weinhold, Mhd. gr.* § 110 A § 193 B § 154p) 

§ 65. Andrerseits findet sich für seh aus sc öfters s ge- 
schrieben. 

1. Vor r : Dietrich der Sreiber Urk. v. Oberöst. 5, 164 a. 1316; 
srift Wackern., Altd. pr. 13,23. Vgl. auch Rückert 142. Wein- 
hold a. a. o. 

2. Vor -heil: wenn kusheit, mens h ei t Rückert 142, mennisheit 
Wack. pr. 2, 7, jüdiesheit Register 48. 56. 57. 72. 74. 78 nicht 
als kuscheit etc. aufzufassen sind; sh für seh oft vorkommende 
orthographische Variante. 

3. vleis für vleisch (wurde [noch heute flass und friss frisch im 
nassauischen, Kehrein no. 171] gewiss auch in einigen gegenden so 
gesprochen, vgl. auch ndl. vleezig * fleischig' ohne Ar-ableitung) 
Rückert a. a. o., Augsb. stadtb. 198, 26, fleifs Stolle 95. In der Zu- 
sammensetzung in: fleishackel Augsb. stb. 31. 32. 34. 198. 199 etc. 



') An der Blies wird hischd sogar für haifsen gebraucht, Schindler 
Wb. 1, 1184. 

*) abschtischn bei Gryphius, elsäas. abtischin, ndd. ebbedische Wein- 
hold, D. dialektf. 81. 

*) i bezw. i für s zeigt sich im Wiener Jargon in wiitrln , vgL 
wiscln, wis wis machen, wissern Schmell. BW. 2, 1039. Vilmar, Knrheta. 
idioticon 456; zu visel, stm. membrum visile? 



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S-VERBINDUNGEN IM NHD. 271 

vielleicht analog wie oben in 2) aufzufassen, vgl. fleischaker- 
zech Urk. v. Oberöst. 8,37 anm. 1367; zur orthographischen Ver- 
schmelzung zweier ch vgl. nachomen für nachchomen 1370, ib. 
8,471; Erlachlohter für Erlachchloster ib. 8,327. 

4. -es, is für -esch, isch: hubes hl. Elis. 167; kindes ib. 1543; 
rames ib. 7870. 

Ferner: sachare Wack., Pr. 37. 39; sulmilch Dankrotzh. 
319; chusir Wack. pr. 75,2; menfsin ib. 2, 53; inzwissen 1,103; 
harnafs Stolle 141; fis piscis hl. Elis. 1109; disse dat. v. tisch 
ib. 2519. 2719. 3647 im reime auf gewisse certe 1717. 2123; 
disse g oder m. tischgenosse ib. 2727; blamensier, -Wr, -**r für 
biämenschir blanc-manger (vgl. hl. Georg v. Reinbot v. Durne 
1913 'swie doch ein fürste da was gast, biämenschir e was da 
liure\ Buch von guter speise 3. 76. 77. Es ist wohl in vielen 
dieser fälle (hL Elisabeth: Wetterau) wie in den mnd. Schreib- 
ungen vals, valsk, valsch, vis, vles(?), harnas, Riges, Rigisch, 
IAves (Liviscti) etc. (Lübben, Mnd. gr. § 35) das s eine ortho- 
graphische Variante des seh. 

WIEN, 2. September 1891. OTTO ARON. 



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GRAMMATISCHES. 

XVIII. Zur geschichte der den gotischen -ös, -6m, 

-6n und -ö entsprechenden endsilben vocale in den 

andren altgerman. dialekten und verwantes. 

Wegen der bisherigen versuche die im wgm. zu beob- 
achtende Spaltung der gotischen -6s, -6m, -ön und -5 entspre- 
chenden laute zu erklären s. Jellinek, Beiträge zur erklärung 
der germ. flexion s. 1 ff., und unten anm. 2. Die bisher aufge- 
stellten fassungen der entsprecbungsregeln unterscheiden sieh 
nach zwei kategorien, in sofern die Verfechter derselben ent- 
weder von einem urgerm. einheitlichen laute = got. -5(-) als 
dem reflexe von europ. -ö- und -ä- ausgebn, oder, zum teil 
unter berücksieb tigung der europ. Verschiedenheit, die existenz 
urgerm. verschiedener laute annehmen. Dass sich nun im 
urgerm. gegenüber dem zusammenfall von europ. 6 und ä in den 
Wurzelsilben die ursprüngliche Unterscheidung von 6 und d in 
den endsilben erhalten hätte (-4- als -d°- oder -£"-), dürfte von 
vorne berein auf grund der im germ. öfters zu tage tretenden 
abweichenden behandlung desselben lautes in den end- und 
den Wurzelsilben an sich nicht für unmöglich gelten. Andrer- 
seits aber wäre auch wegen des got -£(-) = europ -d- und 
•6- die berechtigung der annähme einer völlig gleichen ent- 
wicklung des ä in beiderlei silben von vorn herein nicht in 
abrede zu stellen. Eine entscheidung Hesse sich hier nur für 
den fall erzielen, dass es gelänge die genesis der westgerm. 
vocale mit der einen oder mit der andren hypothese in ein- 
klang zu bringen. Dieses aber ist, wenigstens nach meiner 
prÜfung, unmöglich was die ä°- (6 a -) und o-tbeorie betrifft: es 
stellen sich solcher annähme gänzlich unlösbare, resp. nur mit 
hilfe willkürlicher hypothesen zu beseitigende Schwierigkeiten 



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GRAMMATISCHES. 273 

in den weg. Hingegen verträgt sich die annähme eines ein- 
heitlichen *-ö-, wie ich im folgenden darzutun hoffe, ganz gut 
mit der deutung des betreffenden wgerm. lautstandes. 

Nach Pauls grundlegenden ausftthrungen (s. diese Beitr. 
4, 343 ff. und 372) ist dem wgerm. -a (-ä) gegenüber -e (-#) 
(beides got -ö(-) entsprechend) unbedingt die priorität zuzuer- 
kennen, und gilt dasselbe für wgerm. -o(-) gegenüber -a (eben- 
falls beides = got -£[-]). Bei der annähme eines einheitlichen 
urgerm. *-ö- müsste also von den wgerm. reflexen dieses rocals 
hinsichtlich der qualität 

-o(-) (-5-) für den ungeschwächten, 

-a(-) (-Ä-) für den primär geschwächten, 

-e (-#) für den secundär geschwächten laut gelten. 

Nun haben die gotischem -6s entsprechenden wgerm. en- 
dungen mit -s oder -r normales -0- (-6-) bez. -a-, während die 
gotischem -Ä* entsprechenden wgerm. sufßxe, deren schluss- 
consonant apokope erlitten hatte, in der regel -a (-ä) bez. 
-e i-fe) lauten: 

nom. acc. pl. der 0-substantiva: as. -os, ags. -ew, aofr. 
-or; die 2. sg. praes. ind. der 2. schw. kl.: ahd. -ös(t), as. aonfrk. 
-os, ags. afr. -asi (für *-cw); die 2. sg. praes. opt. der nämlichen 
verba: ahd. -ös(t), as. -os (man beachte auch die 2. sg. praet. 
ind.: ahd. -ds(t), as. aonfrk. -os < *-fo für *-&); 

nom. acc. pl. der o-substantiva: ahd. aonfrk. -o, as. (Freck. 
heb., E8s. heb., Hom., Oxf. gl.) -a; nom. acc. pl. der ö-substantiva: 
ahd. -d 1 ), as. aonfrk. -a, ags. (in den ältesten quellen) -ce (Beitr. 
8, 325); nom. acc pl. fem. der st. adj .-flexi on: as. aonfrk. -a 
(ags. afr. -e 2 sind selbstverständlich nicht beweisend); gen. sg. 
der o-subßtantiva: ahd. as. -a (im aonfrk. begegnet nur unur- 
sprüngliches heribergo Gl. L. 567; man vgl. aber die dative 
ertha Ps. 72, 9, stimma Ps. 67, 35, etc.), ags. -e (-#), afr. -e*); gen. 



') Aas diesem -ä geht hervor, dass die primäre qualitative Schwä- 
chung des o älter ist als die quantitative (vgl. auch Beitr. 4, 348). Für 
die erhaltung der länge ist hier wol das bestreben, den plar. vom sing, 
zu unterscheiden, verantwortlich zn machen. Das seltene ä des pl. masc. 
(Beitr. 2, 135) dürfte als analogiebildung nach dem masc. zu fassen sein. 

') Hinsichtlich dieses and der folgenden afr. -e sei bemerkt, dass 
der laut in der historischen periode nicht mehr als -e, sondern als -p ge- 
sprochen wurde. 

B«itrftge rar getchiokte der denttchen ipraohe. XVII. 1$ 



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274 VAN HELTEN 

sg. fem. der st adj.-flexion: ahd. as. -era (im aonfrk. begegnet 
nur -ero Ps. 57, 5. 67, 14; man Vgl. aber die dative -era, -ora 
Ps. 62, 2. Gl. L. 306), ags. -(e)re (north, -ra?), afr. -(e)re. 

Diese verschiedene behandlang hängt offenbar mit der er- 
haltang und der apokope des schlussconsonanten zusammen: 
in den dialekten welche überhaupt nur primäre Schwächung 
aufweisen, blieb der grundvocal vor consonanten qualitativ 
intact, erlitt aber sonst Schwächung; in den dialekten die in 
der überlieferten periode secundäre Schwächung zeigen, wurde 
der vor consonanten anfangs intact erhaltene grundvocal 
*-o- zu -a-, erlitt also primäre Schwächung, während das *-«, 
welches zuvor durch primäre Schwächung aus dem durch con- 
sonantapokope nicht gedeckten *-6 hervorgegangen war, durch 
secundäre Schwächung in -e {-ce) übergieng. Folglich muss 
das ehemalige nach *-6- stehende -r (oder -z) in der periode 
geschwunden sein, wo sich die qualitative Schwächung zu ent- 
wickeln anfieng. 

Ausnahmen von dieser regel finden sich zwar: im nom. 
acc. pl. fem. der st. adj.-flexion hat das ahd. -o 1 ), das ags. und 
und afr. -a neben zweideutigem -e\ in demselben casus der 
o-subßtantiva begegnet alem. (und fränk.) -o (Ahd. gr. § 207 
anm. 6) neben normalem ahd. -d, ein för älteres -ce eingetre- 
tenes ags. -a (Sievers, Ags. gr. § 252 anm. 3) 2 ) und afr. -a 



<) Dm selten für -o begegnende -a (Ahd. gr. § 248 anm. 9) kann 
natürlich nicht — dem as. aonfrk. -ä dieser casus sein; es ist offenbar 
als -ä zu fassen und als solches auf gelegentliche entlehnnng ans der 
subst.-flexion zurückzuführen. Vgl. das sporadisch im adject nom. acc. pl 
m. vorkommende -a (Ahd. gr. a. a. o.), welches in den quellen auftre- 
tend, die kein phonetisch aus -e entwickeltes ~a aufweisen, ebenfalls aas 
der Bubst.-declination herzuleiten ist 

*) [Da die hier angezogene stelle öfters so ausgelegt wird, als sei 
-a im ags. die jüngere, -ce, -e die ältere endung, so möchte ich mir er- 
lauben darauf aufmerksam zu machen , dass es sich wohl eher um eine 
dialektische, als um eine chronologische Unterscheidung handelt Ib 
mercischen ist c für alle Zeiten fest geblieben: für das westsachs. fehlen 
gleich alte quellen oder belege; sie würden aber aller Wahrscheinlichkeit 
nach, wenn sie vorlägen, die endung -a zeigen, wie denn auch die älte- 
sten datierbaren kentischen texte bereits das -a haben, vgl. z. b. in des 
Urkunden bei Sweet, O.E.T. 440,40 (a. 805—831) taula, 447, 12 (a. 836) 
Öearfa. Sollte nicht doch — trotz der abweichenden behandlung des 
gen. sg., der dunkel bleibt — ahd. alem. (und allgemein a^jectivisches) -o 



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GRAMMATISCHES. 275 

(-e, d. h. -?, ist hier jüngeren datums, also Schwächung des -a). 
Jedoch gestatten diese formen eine auf der hand liegende 
(kürzlich auch von Hirt in den Indog. forsch. 1, 214 f. vorge- 
schlagene) erklärung. Altes aus urspr. proklitischem *p6z 
hervorgegangenes *p6 musste sich nach vertust des urspr. nicht 
proklitischen *pös und nach eintritt der qualitativen vocal- 
schwächung in der endsilbe in zwei formen spalten: in pro- 
klitisches *pä (woraus ahd. thia 1 ) durch *peä, *pea oder durch 
*M *pe<*, vgl. Beitr. 16,288; as. tha, s. ib. 290, und thia) und nicht 
prokliti8ches *p6 (woraus ahd. theo, thio durch *peö, *peo, oder 
durch *po, *peo, s. ib. 288; in der proklisis ags. Üa, afr. thcC). 
(Man vgl. ahd. ztvä, as. twä als die urspr. mit schwachem ton, 
und ahd. zwo, as. tn>6 als die urspr. mit hauptton gesprochenen 
formen). Durch anlehnung an die urspr. nicht proklitische 
pronominalform konnte sich nun im vorahd. im nom. acc. pl. 
fem. der adj.-flexion neben lautgesetzlichem *-ä (woraus -a) 
ein *-ö (woraus -o) entwickeln (nach *p6) oder neben laut- 
gesetzlichem *-a ein *-o (nach *po); im vorags. und vorafr. 
entweder ein gleiches *-ö (woraus *-d, -a) oder *-o (woraus -a) 
oder, wenn die analogische genesis hier jüngeren datums war, 
ein (nach t5a gebildetes) *-a, welches für lautgesetzlicbes *-ce 
eintrat Nach dem muster dieser adjectivsuffixe entstanden 
dann die gleichen endungen der Substantivflexion. 

Der verschiedenen behandlung von *-fo, *-5r (*-oz?) und 
*-o (aus *-6z) steht die wesentlich nicht verschiedene behand- 
lung gegenüber, welche die wgerm. reflexe vom urgerm. *-ö+ 
nasal (zum teil = got. -dm, -öma, -öna) und *-3 (zum teil = 
got. -6) < *-£" hinsichtlich der qualität aufweisen. In beiden 
fällen entsprechen hier abd. -0- und -o, as. aonfrk. -o- und -o, 
ags. afr. -a- und -a: 

gen. pl.: ahd. -o, -6no (-ono), -ero, as. aonfrk. -o, -ono, 
{-ano etc.), -{e)ro\ nom. sg. m. der schwachen nomina: ahd. as. 



-» wsächs. kent. -a die urspr. circumflectierte form des nom., gemeinahd. 
-a = merc. -<f, -e die 'gestossene' form des acc. (vgl. lit. mSrgös.mergäs) 
repräsentieren können? £. S.] 

>) Bei T und (Ahd. gr. § 287 anm. lh). Der nom. acc. pl. fem. 
dhea Ib., dea B (s. ib.) kann diesem thia entsprechen oder die ans dem 
m&Bc. eingedrungene form sein (für dhea, dea nom. acc. pl. masc in Is. 
und B s. ib. f). 

18* 



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276 VAN HELTEN 

aonfrk. -o; 1. gg. praes. opt. nach der 2. schwachen conjugation: 
ahd. as. -o (aonfrk. rvise Gl. L. 1044, Hke Ps. 55, 13 Bind ana- 
logiebildungen); — dat. pl. nach der 6- and der n-declinatioo: 
ahd. -6m, -ön, as. -on (-un stammt aus der o-flexion, s. Germ. 
31, 390 f.; aonfrk. -on dieses casus, wofür ausnahmsweise 
-un, kommt nicht in betracht, weil es die aus den andren 
flexionsklassen entnommene endung -on, selten -un, für älteres 
-u°m sein kann); 1. sg. praes. ind. der 2. schwachen conjuga- 
tion: ahd. -6m, -6n, as. aonfrk. -on] 1. pl. praes. ind. dieser 
conjugation: ahd. -6n (im aonfrk. ist die betreffende form nicht 
belegt); 1. pl. praes. opt derselben klasse: ahd. -dm, -6n (aonfrk. 
nicht belegt); 3. pl. praes. opt. der nämlichen klasse: ahd. -in, 
as. -on (aonfrk. bftthin, lovin, scamin, -an Ps. 69, 5. 68, 33 und 
35. 68, 7. 69, 3 sind analogiebildungen); inf. dieser flexion: 
ahd. -6n f as. aonfrk. -on; 1. und 3. pl. des schwachen praet 
ind.: ahd. (alem. und bei Is.) -6m, -6n; 

gen. pl.: ags. afr. -a, -(e)na, -(e)ra; nom. sg. m. der schwa- 
chen nomina: ags. afr. -a — (der dat. pl. der 6- und n-stämme 
kommt nicht in betracht; die reflexe der andren oben ver- 
zeichneten endungen fehlen im ags. und afr.); gen. dat. aec. 
sg. und nom. acc. pl. fem. der schwachen declination: ags. -an, 
north, afr. -a, welche nicht als analogiebildungen nach der 
ma8Culindeclination zu fassen sind (Beitr. 4, 370; 15, 463), son- 
dern als die lautgesetzlichen aus altem *-6n (dem urepr. suffix 
des gen. dat. sg. und nom. pl.) hervorgegangenen endungen zu 
gelten haben, die mit den aus *-on entstandenen Suffixen des 
masc. (Beitr. 15, 460 f.) zusammengefallen waren: einfaches ein- 
dringen der masculinen flexionsformen in das fem. wörde sich 
zwar erklären als die consequenz einer formengleichheit, welche 
sich im plural in folge von zuvor im gen. und dat. dieses 
numerus entwickelter uniformität entwickelt hatte; wie Hesse 
sich aber bei solchem Vorgang die tatsache begreifen, dass den 
obliquen casus des sing, gegenüber der nom. sg. fem. conse- 
quent die alte endung erhalten hat? 1 ) 

*) Desgleichen ist das as. -un des fem. nicht als Analogiebildung 
(Beitr. 4, 370. 15, 463), sondern mit Behaghel (Germ. 31, 392) als die 
regelrechte fortsetzung von *-ün zu fassen, während hingegen die -on, 
-an desselben genns auf rechnung der vom masc. und (was den gen. dit 
sg. betrifft) vom ntr. ausgeübten einwirkung stehen bleiben müssen. 



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GRAMMATISCHES. 277 

Hieraus ergibt sich also die folger ung: zu der zeit wo sich 
die Schwächung des durch consonantapokope auslautend ge- 
wordenen *-£ einstellte, wurde der auf*-o + urspr. auslauten- 
den nasal zurückgehende laut, grade wie das *-ö- vor nicht 
geschwundenem consonanten, vor Schwächung geschützt, und 
zwar durch einen factor, der, weil er kein voller consonant ge- 
wesen sein kann, als das nasalelement des nasalierten vocals 
anzusetzen ist; in den dialekten mit seeundärer Schwächung 
wurde der urspr. intact erhaltene vocal in folge von primärer 
Schwächung durch *-£(-) zu -a(-), grade wie in *-ös, *-dr (oder 
*-öz) > -as f -ar (s. oben s. 274). 

Indessen finden sich auch hier fälle, welche beim ersten 
anblick zum zweifei an der richtigkeit des erschlossenen be- 
rechtigen könnten: die statt des zu erwartenden -0 bez. -a 
begegnendem ahd. as. aonfrk. -a, ags. afr. -e im acc. sg. der 
subst., adjeet. und pronom. ö- stamme und in der 1. sg. des 
sehwachen praet. ind. Doch hält es nicht schwer diese Wider- 
sprüche unsrer regel als nur dem schein nach existierend dar- 
zutun. 

Der aus nasal + consonant hervorgegangene nasalklang 
»chwand früher bei den kurzen vocalen als bei den langen. Man 
beachte got gibt gen. pl. neben fisk acc. sg., ahd. as. aonfrk. 
fisco, ags. afr. ftsca gen. pl. neben fisc acc. sg.: vorgot *getö 
neben *fiska (aus *ge$d* } *ftska n ) hätte got. giba neben fisk er- 
geben, und aus vorwgerm. *ftskö neben *fiska wäre historisches 
fksca resp. fisce neben fisc hervorgegangen; nur vorhistorisches 
*#M" neben *fiska erklärt die historischen flexionsformen 
(vgl. den nämlichen Vorgang im aslov., Germ. 17, 376). Dem- 
nach ist für das urgerm. in einer bestimmten periode als acc. 

Zu dem Beitr. 15,460 ff. ausgeführten sei hier übrigens noch folgen- 
des bemerkt. Die Verteilung des -on und des -un im dat. acc. sg. und 
nom. acc. pl. masc. sowie im dat. sg. ntr. (Germ. 31, 391 f.) verbietet es, 
in dem -0- und dem -t#- die wechselnden bezeichnungen eines -ti«- zu er- 
blicken; das -0- des normalen -<w repräsentiert hier den ana -ti«- ge- 
schwächten laut (vgl. das aonfrk. constante -0- dieser flexionsformen), 
du (mit ausnähme des nom. acc. pl) seltene -tut ist die aus dem fem. 
und (was den nom. acc. pl. angeht) aus dem ntr. eingedrungene endung. 

Die erhaltung des -ti- (d. h. -ti«- < *-o- vor m) im as. pronom. dat. 
sg. masc. und nentr. und im dat. pl. -un (-um) (wofür seltenes -on, -om) 
rührt offenbar von dem einfluss des labiale her. 



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278 VAN HELTEN 

sg, neben *ftska, *gasli, *ansti, *$unu, *mannu, *x atl & nu e ^ 
*gebö" anzusetzen, d. h. eine isolierte flexionsform, deren Um- 
änderung nach dem muster der anderen accusativen sing, 
kaum unterbleiben konnte. Aus solchem *geb6 aber musste 
im got. giba (woneben foeilöhun mit geschütztem -£»), im ahd 
as. aonfrk. giba, geba, geva, im ags. afr. giefe, ieve hervor- 
gehn. 1 ) In der flexion des starken adj. und der pronomina 
hätte der acc. sg. fem. auf *-ö n zwar gewissermassen einen 
halt finden können an dem *-an, *-an6 (s. Beitr. 15, 473 ff.) des 
acc. sg. m., doch dürfte es mindestens ebenso begreiflich sein, 
wenn zu der zeit, wo sich beim subst. neben altem *-6* des fem. 
*-ö eingebürgert hatte, nach diesem muster auch beim a<\j. und 
pron. neben *-ö n ein *-o in schwang gekommen wäre und in der 
folge, wie beim subst, die lautlich von haus aus berechtigte endung 
verdrängt hätte; also *armö* > durch analogie *armö > *armd > 
got. arma (woneben noch ainöhun mit geschütztem -<3-) l ), ahd. as. 
aonfrk. arma, ags. afr. earme, ernte; *si6*>*siö>*sid>*sia> 
durch contraction ahd. as. aonfrk. sia mit diphthong; *hiö n > 
*hiö>*hid>*hia>*hie> durch contraction ags. hie (afr. hia 
erklärt sich aus dem umstand, dass in diesem dialekt die 
contraction noch vor der Schwächung des *-a zu -e erfolgte 
durch anschluss an den diphthong ia); *pö n >*p6, das sich 
wie *pö aus *p6z (s. oben s. 275), in zwei formen spaltete, in 
proklitisches *pd (woraus as. thcT, ahd. thea, dea, thia, dia, 
as. aonfrk. thia 7 ), s. Beitr. 16, 290 und 288) und nicht prokli- 
tisches *p6 (woraus got. p6, ags. ÖöT, afr. tha). Auf das suff. 
der adverbia mit altem *-öm (aus *-dm acc. sg. fem. oder instr.? 
vgl. Kuhns zs. 23, 90 ff. Morph, unters. 1,271. Streitberg, Die 
germ. compar. s. 37. Brugm. Grdr. 2 § 275 und 276) konnte 
natürlich der erwähnte factor nicht einwirken; daher ahd. a«. 
aonfrk. longo, ags. dearnunga etc. Für die deutung der endung 
in ags. afr. lange, lange etc. ist zu vergleichen was Streitberg 



! ) Diese deutung des got. giba, arma etc. hat gegenüber der nahe- 
zu allgemein acceptierten fassung des casus als urspr. nom. einen ent- 
schiedenen Vorzug, weil sie nicht wie letztere zur erhebung von be- 
denken auf grund von bandi, bandja, si, ija etc. berechtigt 

■) Es sei denn dass die alterierung durch -<f- noch vor der primären 
Schwächung stattgefunden hätte, in welchem fall die entwioJüungareibe 
*pö, *ptö f *p€ä, *p£a, thea gewesen wäre. 



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GRAMMATISCHES. 279 

a. a. o. über das nebeneinandergehn von urgerm. adverbialen 
*-£ (aus -dt) und *-ö n (aus *-6m) bemerkt hat (als stützen von 
S/s fassung beachte man auch die lat. adverbia der art und 
und weise auf -o(d) und -am). 

Für die 1. sg. des schwachen praet. ind. ist zunächst ein 
Vorgang ins äuge zu fassen, der in diesem tempus im an. gleich- 
sam vor unsren äugen stattfindet und für das vorgotische mit 
voller Sicherheit zu erschliessen ist, nämlich das durch die 
formengleichheit der 1. und 3. sg. des starken praet. ind. ver- 
anlasste eindringen der form der 3. sg. in die 1. sg.; vgl. got. 
sökida 1. sg. für ein bei rein phonetischer genesis zu erwar- 
tendes *sökidd<*sökiÖ6 n , neben lautgesetzlich entwickeltem 
sökida 3.8g. <*sökiÖS<*sökiÖ6p l ). Sodann aber ist für das 
ahd., as. und aonfrk. zu beachten, dass das Verhältnis der en- 
dungsvocale, welches mit rücksicht auf an. -a, -*r, -e im sing« 
des schwachen praet ind. und auf analoges europ. -0- in der 
1., -ei-) in der 2. und 3. sg. der conjugation als das ursprüng- 
liche zu gelten hat, d. h. altes *-£- in der 1., altes *-£- in der 

2. und 3. sg. praet. ind., in den zuletzt erwähnten dialekten 
zerrüttet war: die 2. sg. hat hier einen altem *-£- entsprechenden 
voeal, ahd. -fo, as. aonfrk. -ij 2 ), wonach auch für die 3. sg. 
die nämliche neubildung zu vermuten ist Also statt *-Sp oder 
*•£ in letzterer person *-öp oder *-£>(wie aus *-0 für *-öz) 
*-ä> ahd. as. aonfrk. -a; durch analogie, dem an. und got* 
congruent, in der 1. sg. -a für *-o oder eventuell schon *-d für 
*-ö, resp. *-ä für *-ö". Die betreffenden ags. endungen sind 
doppeldeutig: die -e (alt. -oi) der 3. und 1. könnten den ahd. 
as. aonfrk. -a entsprechen und -est Hesse sich erklären als die 
folge von anlehnung an -e, grade wie das nur im M des Hei. 
begegnende -es neben häufigem -e dieser quelle für das -a der 

3. und 1. sg.; doch könnten auch -est und das -e der 3. sg. die 
regelrechten entsprechungen sein von altem *-6s, *-e (aus *-ef>) 
(vgl Beitr. 9, 561. 16, 294). Für afr. -e ist dasselbe non liquet 



*) Ungeachtet Collitz' scharfsinniger deutung des schwachen praet 
glaube ich einstweilen an der alten vnlgatansicht festhalten zu müssen. 
Man beachte n. a. die 2. sg. ahd. -tös y as. aonfrk. -dos and den alem. pl. 
-tarn {-tön), -tot (-tönt), -tön, deren -0-, ^-, auch wenn urgerm. *-at = 
ahd. as. aonfrk. -a wäre, Collitz* theorie hinfällig machen würde. 

*) Ueber -tas und -tu$ im ahd., -das im as. s. Beitr. 9, 561 fussnote. 



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280 VAN HELTEN 

auszusprechen (die endung der 2. ist in den quellen gar nicht 
belegt). 

Von den übrigen für unsere Untersuchung in betracht kom- 
menden endungen begreifen sich -a, -e des acc. sg. masc as. 
-ana, -ena, ags. ~(e)ne (in den älteren quellen -tue, Beitr. 8, 325), 
afr. -(e)ne, und des aofr. thete nach dem Beitr. 15, 473 ff. 
ausgeführten als die reflexe von altem *-5, das entweder nach 
oder etwa schon vor der consonantischen apokope, jedenfalls 
aber nach der kürzung ursprünglich ungedeckter vocale an die 
pronominalform antrat. Für ahd. -mo wird nach dem was 
oben betreffs des durch frühzeitige consonantapokope auslau- 
tend gewordenen *-ö erkannt ist, die annähme einer alten 
ablativform auf *-möt (s. Jellinek, Beitr. z. erkl. der genn. 
flex. s. 62 f. und Beitr. 16, 313 fussnote) hinfällig: letztere hätte 
-ma ergeben, und es empfiehlt sich demnach für das -o von 
-mo die Braune-Behaghelsche fassung (Beitr. 2, 158. Pauls Grundr. 
1,571 f.) gelten zu lassen, zumal wo constantes bez. schwan- 
kendes -ru neben constantem -mo sich ganz leicht erklärt als 
die folge einer einwirkung von seiten des ~u im dat. sg. fem. 
der substantiyflexion. 1 ) Hingegen lässt sich lautgesetzlich mit 
altem *-öt das sporadische ahd. -a des dat. sg. masc. ntr. 
(Beitr. 14, 109) vereinigen sowie auch das häufige as. -a der- 
selben casus (für welches dann keine analogische genesis, 8. 
Beitr. 16, 291 fussnote, anzunehmen wäre). Als ausnahmen der 
lautgesetzlichen entwicklung verstehen sich ohne weiteres ahd. 
as. -o in der 3. sg. praes. opt. der 2. schwachen conjugation 
(das aonfrk. hat hier wie in der 1. sg. analogisch entwickeltes 
-e: bede, tvone Ps. 65, 4. 68, 26) und ahd. as. aonfrk. -o im 
imper. sg. der nämlichen klasse. Eine ausführliche besprechung 
erfordern aber die wgerm. suffixe des nom. sg. fem. und nom. 
acc. sg. ntr. nach der schwachen declination. 

Nach Möller in diesen Beitr. 7, 543 und Jellinek in dessen 
Beiträgen zur erklärung der germ. flexion s. 10 sollten ahd. 
as. aonfrk. -a, ags. afr. -<? des schwachen nom. sg. fem. auf 
altes *-en zurückgehn. Hinsichtlich der berechtigung dieser 



>) Anch so (vgl. Beitr. 16, 313 fussnote) möchte ich indessen so 
Schmidts -mu *-zmd(i) sowie an einer chronologisch nicht verschiedenen 
bebtndlnng des -t nnd -p (-&) bei der apokopierung festhalten. 



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GRAMMATISCHES. 28 1 

hypothese sind wichtige bedenken zu erheben: erstens hält es 
schwer zu glauben, dass sich in einem paradigma, wo alle 
andren casus ein suffix mit *-0- oder *-#- (vgl. Beitr. 15, 463 ff.) 
hatten, im nom. sg. ein *-en festgesetzt hätte; zweitens ist die 
ehemalige existenz eines nom. sg. fem. *-o der n-declination 
zu erschliessen aus formen wie got. airpa neben ags. eortie, 
ags. meord neben got. mizdö, ahd. wis, halb neben an. visa, ags. 
wise, an. halfa, ags. talu, sagu neben an. tala, saga. Für die 
Vorgeschichte dieses *-ö nun wäre zweierlei behandlung denk- 
bar: die endung wurde entweder durch anlehnung an die obli- 
quen casus zu *-6n oder sie blieb vor der hand intact. Ersteres 
ist fttr das vorgotische und vornordische anzunehmen auf grund 
von got tungö und an. tunga. Nicht aber für das vorwestger- 
manische, denn altes *-ön hätte nach dem oben erörterten in 
historischer zeit wgerm. -0 bez. -a ergeben. Demnach ist der 
wgerm. prototypus als *lung6 (*tungö) anzusetzen, woraus 
*timg(u\ das aber in der folge, vor oder nach der w-apokope, 
von den casus auf *-ön(-) oder *-ö«(-) (s. Beitr. 15, 463) beein- 
flußt und durch eine neubildung ersetzt werden konnte, für 
deren suffix a priori *-6n, *-ün, *-5 oder *-ö zu vermuten 
wäre. Mit *tungön und *lungün ständen die überlieferten for- 
men im Widerspruch. *Tungö mttsste aber regelrecht tunga, 
zunga bez. lunge (in den älteren ags. quellen auf -<*, Beitr. 
8, 325) ergeben. Einem *-ö könnte allenfalls das -u des nom. 
sg. fem. der ags. schwach flectierten kurzsilbigen lufu, hosu, 
swiopu y tvucu etc. (Sievers, Gramm. § 278 anm. 1) entsprechen 
(deren endung schwerlich als die folge von analogiebildung 
nach der schwachen declination zu fassen ist, indem sich das 
starke und das schwache paradigma lautlich nur im gen. und 
dat. pl. berührten); doch dürfte mit rücksicht auf das unwahr- 
scheinliche einer verschiedenen analogischen entwicklung bei 
den knrz- und den langsilbigen eine andere annähme, d. h. die 
fassung des -w als residuum des *-u aus dem urtypus *-5, den 
Vorzug verdienen. 1 ) 



') [Hiergegen spricht jedoch der umstand, dass die ältesten texte 
auch bei den kurzsilbigen ausschliesslich noch die endung -<g, -e bieten, 
die erst später, und nicht einmal ganz, durch -u verdrängt wird (Beitr. 
0,247 t). E. S.] 



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282 VAN HELTEN 

Für den wgerm. nom. acc. 8g. wird von Moller (Beitr. 7, 
540) wie für den nom. 8g. f. vorhistorisches *-£n postuliert 
Auch diese hypothese stösst auf bedenken: erstens weist die 
für ahd. -tot des nom. acc. pl. ntr. feststehende urform *-ono 
(Beitr. 4, 370. 15, 463) durch das anorganische -o- entschieden 
auf ein ehemaliges *-£(-) im nom. acc sg. n. hin; zweitens ist 
die annähme einer ehemaligen formengleichheit des nom. sg. 
n. und nom. sg. m. unabweisbar wegen der berdhrung zwischen 
got. nam6 (tat. nomen) und wgerm. namo, nama, noma, lat 
semen, lümen, qv/ux und ahd. sdmo, as. Homo, ahd. riomo, aslov. 
slemf und as. selmo, an. nyra ntr. und ahd. nioro (vgL Pauls 
Grundr. 1,389 f.). Auf grund der für den nom. sg. m. anzu- 
setzenden vorhistorischen endungen *-6n oder *-6 (— lat -o in 
homö etc.) ist also für die endung welche im nom. acc. sg. n. 
auf veranlassung der formengleichheit im gen. dat. sg. m. und 
n. für urspr. *-wn = idg. *-$ eintrat, *-6n als möglich anzu- 
nehmen oder resp. *-#, welches später einerseits nach Vorgang 
des masc, andrerseits unter dem einfluss des nom. acc pl. auf 
*-önö zu *-ön wurde. Zwar hätte solches *-ön bei regelrechter 
entwicklung nicht die historischen wgerm. endungen ergeben, 
doch liegt die annähme nahe, dass hier ein der genesig des 
acc sg. f. auf *-o fttr *-o" zu vergleichender entwickelungs- 
gang (s. oben s. 277 f.) vorgelegen habe: durch den abfall des 
nasalklanges im starken nem. acc sg. n. *-a" geriet *-ö m als 
neutrale endung in eine isolierte Stellung und konnte demzu- 
folge auf analogischem wege das ■ aufgeben; also augö*> 
durch analogie *augö> ahd. ouga etc., ags. Jage, afr. dge. 

Mit dem für das ags. afr. beobachteten Schicksal des altem 
*-o- entsprechenden lautes vor -s, -r und " stimmt die behand- 
lung dieses vocals im an. überein: Oberall ein durch primäre 
Schwächung aus urspr. intact erhaltenem *-o-, *-5" (im urnor- 
dischen z. t noch belegt als -ö, Pauls Grundr. 1, 491 £ § 172, 
4, 5 und 6. s. 516 § 231b), auch im schwachen nom. acc sg. 
f. (vgl. Pauls Grundr. 496 § 176, 1). Hingegen findet sich vom 
ags. afr. -e abweichend an. (wn.) -a fttr auslautend gewordenes 
*-6 in den praeteriten sera, rera, grera < *sezö etc (der reflex 
von urnord. -ö im acc. sg. der pronominalflexion fehlt im 
an., s. Beitr. 15, 480; das -a des imper. sg. der 2. schwa- 
chen conjugation hat selbstverständlich fttr die lautliche be- 



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GRAMMATISCHES. 283 

handlung keine beweiskraft; die 3. sg. praes. opt. der 2. 
schwachen klasse ist analogiebildung). Demnach ist es fraglich, 
ob das *-<5* des acc. sg. f. der pronominalflexion und des nom. 
aec. sg. n. der schwachen nomina, wie im vorwestg., auf asso- 
ciativem wege das * einbüsste und so an. -a ergab, oder für 
dieses -a ungestörte entwicklung aus -*<3" anzunehmen ist, wie 
im gen. pl. -a < -o n (vgl. got. -6 im schwachen nom. acc sg. n. 
< *-o n ). Und ebenso waltet auch Zweideutigkeit ob in betreff 
des adverbialen -a: aus *-ö n , wie got -6 etc., oder aus *-6 für 
*-of, wie ags. -# etc.? 

Das got. stimmt mit dem ahd. as. und aonfrk. überein in 
der primären Schwächung des ungedeckten *-ö, einem process, 
der hier nicht nur das durch consonantapokope auslautend ge- 
wordene oder relativ spät angetretene *-ö trifft, sondern auch 
das -*ö welches von haus aus ungedeckt war und im vor- 
gotischen die für die andern dialekte feststehende kürzung zu 
-u nicht erlitten hatte: acc. sg. f. der o-nomina (s. oben s. 278); 
acc. sg. m. der pronominalflexion -ana (Beitr. 15, 479); mena 
(Beitr. 16, 311 ff.) und -a im nom. sg. m. der schwachen flexion; 
woneben durch anlehnung erhaltenes -6 im imper. sg. und der 
3. sg. praes. opt. der schwachen verba 2. klasse. 

Das gesammtresultat unsrer Untersuchung wäre also fol- 
gendes. Es sind, mit ausschluss des an., im altgerm. hin- 
sichtlich der nach der Wirkung des consonantischen auslaut- 
gesetzes eingetretenen qualitativen Schwächung des *-#(-) zwei 
deutlich ausgeprägte stufen zu unterscheiden: 

eine gewissermassen conservative, mit primärer Schwäch- 
ung des in den auslaut getretenen vocals, neben erhaltung des 
durch consonant oder nasalelement gedeckten vocals; auf dieser 
stufe stehen das got., das ahd., das as. (die vereinzelt auf- 
tretenden jüngeren -a(-) und -e für -o(-) und -a abgerechnet) 
und das aonfrk.; 

eine gewissermassen radicale, mit secundärer Schwächung 
des aus auslautendem *-ö hervorgegangenen -a und primärer 
Schwächung des zur zeit der genesis des letzteren -a erhalten 
gebliebenen, durch consonant oder nasalelement gedeckten vo- 
cals; auf derselben stehen das ags. und das afr. (die vereinzelt 
auftretenden jüngeren -*(-) für -a(-) abgerechnet). 

Das an. nimmt mit seinem -a aus ungedecktem und aus 



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284 VAN HELTEN 

gedecktem *-ö(-) eine absonderliche Stellung ein, die mit rttck- 
sicht auf die anderwärts beobachtete schützende kraft eines 
consonanten oder des nasalelements schwerlich für die folge 
des umstandes zu gelten hat, dass die Schwächung zu gleicher 
zeit im absoluten auslaut und vor consonant bez. nasalelement 
stattfand, vielmehr darin ihre erklärung findet, dass die noeh 
vor der Schwächung gedeckter *-<> aus ungedeckten *-d ent- 
wickelten *-d mit ausnähme der kürzung keine weitere 
Schwächung erlitten haben. 

An merk. 1. Ob das vorwestg. auch einen schwachen nom. acc 
sg. n. auf *-ö für *-un gekannt hat, liess ich oben unermittelt, weil mir 
die anhaltspunkte zur entscheidung, speciell die belege für eine vor- 
historische berührung zwischen schwachen neutren und femininen fehlen, 
denn das fem. ags. hcorie, afr. hcrlc kann ja auch durch den zusammen- 
fall des -a bez. -e des fem. und ntr. entstanden sein. Als beweise für 
vorgot. *-ö im nom. acc. sg. n. (woraus *-ön durch anlehnung an den 
nom. acc pl. auf *-önö) dürfen hingegen gelten: primo got. hliuma, ston* 
neben zd. sraoma, aid. sthäma (vgl. Pauls Grundr. 1 } 390); secundo wahr- 
scheinlich das ntr. kaurnö als ursprünglicher nom. acc. pl. (zu kaurn\ 
der irrtümlich als sing, aufgefasst wurde (unsicher ist die gleichung 
-daurö in augadaurö acc. sg. n. 2. Cor. 11,38 = altem dual turd; die 
form könnte verschrieben sein für -dauron, vgl. das vielfach belegte 
plur. tant. dauröns zu * daurö = *hd. tura, -im, aus gedachtem dual 1 ) 

Für vorwestg. *-ö im nom. sg. m. der schwachen declination (woraus 
+-ön durch anlehnung an den nom. pl. auf *-öniz) sprechen die vielfachen 
berührungen zwischen schwachen masculinen und femininen, wie z. b. 
ahd. rahho und ags. hracu, hrace, as. spado und ags. spadu, ahd. brunno, 
ags. burna und ags. burne, ahd. sterno und got stairnö, ags. geaüa und 
ahd. galla, ahd. bluomo, gidingo, giloubo, scincho, scollo, scozo, sunno 
etc. und biuoma, gidinga, güouba, scincha, scolla, scoza, sunna etc. (vgl. 
Pauls Grundr. 1,389 f.). 

Auch beachte man an. pkii, simi neben pkla t sitna ntr. (vgL aid. 
sima und s. Noreen, Gramm. $317), an. vangi neben ahd. wanga, ags. 
won^e ntr. (s. Pauls Grundr. 1, 3S9), sowie an. müli, mpskvi, fotski 
neben ahd. fem. müla, rnifsca, falawisca (a. a. o.), als die Zeugnisse für 
ein gleichlautendes vornordisches suffix im nom. sg. m. und n. bez. im 
nom. sg. m. und f. (= *-ön? vgl. finn. tnako = um. *magö mit *-ö oder 
*-<)» aus*-<Jw, Pauls Grundr. 1,494.)*) 



') Dem auch andrerseits das ntr. got. daur t as. dor y ahd. tor und 
vielleicht auch ags. duru die existenz verdanken. 

*) Die richtigkeit von Noreen b fassung dieses *-on als prototypus 
von urn. ä (-Ä« ?) mOchte ich indessen mit rücksicht auf tawitiö, warahiS 
etc. (mit -<$»?) u. dgl. bezweifeln. Wie dem aber sei, jedenfalls dfirften 
sowohl die oben erwähnten doppelformen als auch der umstand, dass 



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GRAMMATISCHES. 285 

An merk. 2. Die neuerdings von Hirt, Indog. forsch. 1, 195 ff. vor- 
gebrachte theorie Über den einfluss einer ehemaligen gestossenen bez. 
schleifenden betonnng anf die behandlnng nrgerm. langer vocale in den 
endsilben empfiehlt sich nicht wegen der reihe vermuteter Grundformen, 
welche diese annähme zn erfordern scheint. Gegenüber (s. ebenda 204 ff.) 
ahd. geba, ags. giefe etc. : Tiftyv; ahd. zunga, ags. tunge etc. : ärjdwv; 
got gibo ) ahd. tago, ags. daga etc. : &ewv (nnd got dagt : *-en)\ got. 
tuggöy wato, ahd. hano, ags. hana : lit. akmu, vandu, sowie den anf 8. 
208 B a, b ? c, d und s. 211 § 23 B erwähnten -(u) : *-ö, -(t) : -1 stehen die 
i. t schwach , z. t. gar nicht begründeten, z. t. unmöglichen postnlate 
*bandj$n =*• got. bandja-, noiftjv : got. hana, an. hani (man vgl. das oben 
über die endnng dieser flexionstbrmen bemerkte nnd beachte neben 
itotftqv got. mcna^ztnenö für minöp)\ *% a ß en ( m ^ secundärer personal- 
enduiig!) =^ got. haba; *daz?nz=*- got daga, ags. dar&c (also mit ~e für 
nmlautbewirkendes -£*=*-£n!); *-ö», *-6m (gestossen ?)=»-«, -e in Airza, ä*£* 
etc., ahd. neriia, ags. nerede etc., ags. hearde etc.; *-cö (prototype von 
•«??) der adverbia: got. -d, ahd. as. -o, ags. -a; *-©(*)(?) =»*-tf in h/aprö 
etc.; * -2(0 (?)=»• -* in hadre etc.; *-* (gestoss. ?) =- got. -a, an. t- in 
nitida, safnaöi etc.; **ti*Arr8 (gestoss. ?)=*» ahd. swigar. Ausserdem be- 
achte die sich schwerlich nach der a. a. o. 22. 213 vorgeschlagenen fassung 
erklärenden Widersprüche: got. tuggo gegen ahd. zunga etc., got gibös 
gen. sg. und nom. acc. pl. gegen ahd. geba, gebä etc., got. dag 6s gegen 
ahd. tagä etc. 

Zu Hirts satz : auslautendes -a> blieb in einem bestimmten falle er- 
balten (a. a. o. s. 199 ff.), sei bemerkt, dass es nicht einzusehen ist, warum 
altes *watd bez. *wotön nicht zu *walön hätte werden können (=» got 
wato); dass der übertritt von *nefö, *menö in die schwache flexion sich 
für das wgerm. ganz gut begreift als die folge der formalen ähnlichkeit 
dieses isolierten nom. sg. m. *-ö und des *-o» im schwachen nom. sg. 
m.; dass nach Streitbergs recht plausibler deutung der adverbialendung 
-4, -pro (Compar. s. 37) diese suffixe schwerlich als die beweise gelten 
dürfen für das unzulässige der vulgatansicht über die behandlnng von 
anslaut. *-o. 

XIX. Zur geschiente des -au(-) im altgerm. 
Was in XVIII über die Schicksale des altqp *-ö(-) ermittelt 
wurde, ermöglicht auch einen richtigen einblick in den wgerm. 
entwicklungsgang des *-£(-) aus *-aw(-) = got. -aw(-). Während 

das um. im schwachen nom. sg. m. constantes -ä (oder -ä») hat, die be- 
rech tigung, für diesen casus altes *-en zu postulieren, in frage stellen 
(demnach wäre auch für an. nefi, mdni, s. Beitr. 16, 313, die annähme 
eines *nefip, *mencp nicht geboten). 

Bei der gleichung (Indog. forsch., anz. l,32)germ. -2m(-2?) = run. 
-0 (yjiurila, tawida) = altn. -e y -i (hani, tdtfi), germ. -öm = run. ~o (ran. acc. 
sg. runo, worahto u. s. w.) = altn. -a (Idtia) ist übersehen worden, dass 
die normale endung für die 3. sg. im urnord. -i war. 



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I 



286 VAN HELTEN 

ersteres, wenn es durch apokope in den auslaut trat, zu -a (-4) 
bez. -e (-ce) wurde, erfuhr letzteres, wenn es von haus aus 
oder durch apokope auslautete, die nämliche behandlung wie 
das zeitweise durch den nasalklang oder -s, -r geschätzte alte 
*-6-, d. h. es ergab ahd. -o (und -£?), as. -o, ags. afr. *a (die ein- 
schlägigen formen sind im aonfrk. nicht belegt). Vgl.: 

nom. acc. pl. der w-substantiva ags. suna, dura, honda, aofr. 
apostola, suna, fretha (Aofr. gr. § 179* und 181) aus *sunau etc. 
für *sunawiz (Beitr. 16,314); gen. sg. derselben declination ahd. 
fridoo (einmal belegt, Beitr. 1,440; Schreibfehler?), -o, as. «wo, 
ags. suna, wuda, dura, honda, aofr. suna, fretha, awfr. ferda 
neben got sunaus] dat. sg. dieser klasse ags. suna, wuda, dura, 
honda, felda, forda etc., aofr. suna, fretha, honda, felda, ongosta, 
forda, awfr. fiel da, freda, ferda 1 ) neben got sunau; ahd. as. 
ahto, ags. eahta, aofr. achta neben got ahtau; ahd. eddo, odo f 
as. eftho Hei. C 27. 28. 45, CM 223, M 1422. 1542. 1664. 4289. 
4399, ettho Hei. M 1329. 1661. 1664. 1696. 1721. 1830, ohtho 
ib. 3629. Greg. Hom. (nach Galtee, Alts. gr. § 31), north, eö&o, 
oföa, merc. (?) eföa, et5a, oföa (Beitr. 4, 376. 6, 258), aofr. ieftha, 
ioftha, awfr. iefta, oftha, ofta neben got axppau. 

In den dialekten welche Oberhaupt nur primäre qualitative 
Schwächung aufweisen, war also zu der zeit wo sich dieser 
lautprocess einstellte, der altem auslautendem oder auslautend 
gewordenem *-au entsprechende laut noch verschieden von 
altem auslautend gewordenem *-o, es sei, was ich einstweilen 
unentschieden lasse, weil die contraction noch nicht erfolgt 
war oder weil die qualität des contractionsvocals eine andere 
war als die des alten *-6 (ersterer *-6 a , letzterer *-d°?). In 
den dialekten wo sich auch secundäre Schwächung entwickelt 
hat, war zur zeit der primären Schwächung derselbe unterschied 
vorhanden; erst später änderte sich hier die qualität des 
contractionsvocals in der art, dass derselbe mit dem aus *-£*, 
*-ös, *-6r, (*-ö*) hervorgegangenen laut zusammenfiel und wie 
letzterer zu -a wurde ungefähr zu der zeit wo das durch primäre 
Schwächung entstandene -a in -e (-ce) ttbergieng. (Für die dia- 
lekte ersterer kategorie ist demgemäss auch phonetischer zu- 
sammenfall der beiden *-£ resp. -o zu vermuten). 

>) Von den afr. formen sind einige zum teil oder ganz in die scbw. 
flexion Übergetreten (Beitr. 15,481). 



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GRAMMATISCHES. 287 

Dem -a im ahd. oda (Graff 1, 147), as. efiha Hei. C passim, 
H 1742. 2392. 2393. 2434. 2876. 3941. 4143. 4424. 4427. 5007. 
5011. 5069, ettha Hei. M 1484. 1530. 1548. 1750. 2608. 3408, 
and dem -e im ags. north, (auch merc?) obtie (Beitr. 6,258) 
kann also nicht *-au zu gründe liegen: die vocale müssen auf 
% -6 zurückgeben, m. a. w. es ist hier das zweite compositions- 
element als *pö mit der bedeutung Mann' zu fassen = ahd. 
thi, dd, as. thh < *pöt = aid. tdd l ) (vgl. wegen der erwähnten 
bedeutung ahd. dd dann, sodann, Graff 5, 67). Im aofr. iefte 
E*E. Sgr. und ieft (Gramm. § 82 d), aofr. ofte, oft, ieft können 
-le und -t auf *-p6 oder auf *-pau beruhen, denn statt -a findet 
sieh in den jüngeren aofr. und in den awfr. quellen auch -e 
(d. h. -9) oder (in enkl. formen) sogar apokope (vgl. für das 
aofr. Gramm. § 59). As. oft he (Prud.-gl. 93) erklärt sich aus 
anlehnung an die partikel the oder. 

Das -e des as. neben ahto Freck. heb. und Hei. be- 
gegnenden ahte Freck. heb. und Ess. heb. ist nicht als die 
regelrechte fortsetzung von *ahtau zu fassen. Es erfordert 
eine andere, mir übrigens noch dunkle erklärung. 

Für das -a des ahd. tvüla (Beitr. 4, 380) gewinnen wir durch 
das oben erschlossene wenigstens so viel, dass die Unmöglich- 
keit, dasselbe auf *-au zurückzuführen, als feststehend zu 
gelten hat 

Die in Beitr. 15, 472 vorgeschlagene deutung von as. tvita 
aus *witau < *witowe wird jetzt ebenfalls hinfällig; es ist, wie 
sich schon ohnehin mehr empfehlen dürfte, in tvita eine unter 
dem einfluss der interj. rvola age, agite, entstandene Umformung 
des nicht mehr als verb. empfundenen *witum, -un (= ags. 
nmton) zu erblicken. Wegen as. rvola age vgl. Ps.-comm. 62 
k Wola thu droht in ülhlfdi mik an thxnemo rehte. thuru mina fian- 
da ... tvola thu drohtin gereko min lif tuote thtneru hederun 
gcsihti.' 

Wegen as. lusta s. unten s. 298 fussnote 2. 

An. -a(-) < *-au(-) in sunar, handar, dtta, etia, gefa (vgl. 
Pauls Grundr. 1,516 § 232), gcefa steht auf einer linie mit ags. 
afr. -a < *-aw(-); vgl an. -a, -ar und ags. afr. -a, -as, -ar < 
*-5", *49, *-6r (*-6z). 

l ) Pauls gleichung ahd. as. thö, dö, ags. Qä = got. pau (Beitr. 4, 384) 
ist in verwerfen wegen aonfrk. thuo, mhd. duo, mnl. doe (gespr. du9). 



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288 VAN HELTEN 

XX. Ueber die erbaltung des -u in 
drei- und viersilbigen formen im ahd., as. und aonfrL 

Bekanntlich gibt es im ahd., as. und aonfrk. eine bedeu- 
tende zahl formenkategorien, deren -u dem bisher allgemein für 
die u-apokope angenommenen gesetz zum trotz nicht ge- 
schwunden ist und nach der vulgatansicbt als die folge von 
associativer neubildung oder erhaltung zu gelten habe. In 
einzelnen fällen nun könnte man sich zur not mit dieser fassang 
zufrieden geben. In den meisten jedoch hält dies schwer, in- 
dem die muster welche die analogische behandlung veranlasst 
haben sollten, entweder gänzlich fehlen oder dermassen in der 
minorität stehen, dass gerade die umgekehrte entwickelung in 
erwarten wäre. Demnach empfiehlt es sich, den versuch xu 
machen, auf andrem wege zu einer mehr befriedigenden den- 
tung zu gelangen; und, wie ich glaube, ist die erreichung 
dieses ziels nicht unmöglich, wenn man Sievers' regel für das 
ags. -u der dreisilbigen formen (Gramm. § 135) und die ans 
licgendu etc. nom. 8g. fem. und nom. acc. pl. ntr. (für Ucgendiu 
etc.) 1 ) zu erschliessende behandlung der viersilbigen auch für 
die anfangs erwähnten dialekte gelten lässt, also von der 
tbesis auegeht: mit ausnähme der fälle wo die annähme 
von analogiscber einwirkung auf der hand liegt, blieb 
-w im ahd., as. und aonfrk. in dreisilbigen Wörtern nach 
langer wurzel- und kurzer tonloser mittelsilbe, in vier- 
silbigen nach kurzer (tonloser) paenultima erhalten. 1 ) 
Das eine und das andre zu begründen wird die aufgäbe dieses 



! ) Vgl. einerseits y feine, zomelra für *yfilane t * gdmelerä, andrer- 
seits heafodu, werod für *h£afodü t *w£rödu. 

*) [Seit einer reihe von jähren fasse ich die zuerst Beitr. 5, 133 ff. auf- 
gestellte regel vielmehr so: nrspr. -t# bleibt unmittelbar nach 
kurzer betonter (haupt- oder nebentoniger) silbe, schwindet 
aber nach langer (hanpt- oder nebentoniger) und nach unbetonter «11*. 
Es heisst also ags. dryhtlicu, Idngsümu\ ntetinu, hSafödu, hdlegu; liegttu\ 
urags. *rici-u y 'licgendi-u, *sirinzif>u etc. (histor. ricu, lic^endu, streni- 
fm etc.) nach derselben regel, welche formen wie fifu, j/arf«, fatu er- 
klärt. In formen wie *riäu, * strengt pu fiel das t später infolge seenn« 
därer accentverschiebung aus; der Vorgang bei riäu =*• rieht ^ ricu ist 
nicht auffallender als die ganz entsprechende entwicklung des ahd. obd. 



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GRAMMATISCHES. 289 

aufsatzes sein. Bevor wir indessen zur musterung der einzelnen 
einschlägigen fälle schreiten, ist es geboten, einen für die Ver- 
wertung von Sievers' gesetz äusserst wichtigen, in letzter zeit 
mehrfach angefochtenen satz zur spräche zu bringen. 

Dass die reget im allgemeinen das richtige trifft, dafür 
sprechen nun einmal die facta, deren beweiskraft von Jellinek 
(Beitr. z. erkl. d. germ. flex. s. 47) ohne genügenden grund be- 
anstandet wird, denn seine fassung heafodu < *hiafod < *hea- 
fodu wird hinfällig durch die norm reced, tverod : hiaf(o)du, 
rdetenu im nom. acc. pl. ntr., monig f coren : hdl(i)gu im nom. sg. 
fem. und nom. acc. pl. ntr., und der deutungs versuch *strengt 
> *strengi& > * strengte > * strengte > * strengte > strengtfu 
dürfte schwerlich beifall finden. Nicht so günstig jedoch scheint 
es zu stehn um den satz, dass auch bei den betreffenden formen 
der langsilbigen stamme mit idg. -10- dasselbe princip zu be- 
obachten sei als die folge einer Spaltung der alten endung in 
-ia- (-io-) und -/&- (-jo-). Zwar wären dem von Kluge (Pauls 
Grundr. 1, 333) gegen -ia- vorgebrachten die fragen entgegen- 
zuhalten: weshalb pridja mit trliya und nicht mit tertivs 
identisch sein müsse und warum für die synkope des p (oder 
/?) im prototypus von nipja- und für die genesis von nn aus 
nd in synn etc. absolut ein folgendes j verantwortlich zu machen 
sei? Aber eine nicht abzuleugnende tatsache ist es, dass rice 
gegenüber q/nn, sibb in der Beitr. 5,132 ff. vorgeschlagenen 
weise nicht mehr als stütze für die in rede stehende annähme 
zu verwerten ist (s. Beitr. 12, 539 anm. 14, 184 anm. 1); und auch 
die im Zusammenhang mit letzterer fassung für hairdeis an- 
genommene entwickelung aus *hertHiz (Beitr. 5, 129) dürfte 
vielleicht jetzt (vgl. Beitr. 16, 281) nicht mehr aufrecht zu er- 
balten sein. Indessen sind wir dennoch m. e. nicht genötigt, 
Sievers' theorie aufzugeben, denn die richtigkeit derselben er- 
gibt sich für das westg. aus der folgenden er wägung: 

so lange kein stringenter beweis für die ehemalige existenz 
eines nom. acc. sg. masc. und ntr. der lo-stämme auf *-fs, *-fm 



plintxu (nach diu, vgl. besonders bei- diu) =». fränk. bUntiu, blintu (und bei- 
diu, beidu). Die notwendigkeit, betonungen wie htafddu, hdligu anzu- 
setzen, folgt aus der nichtsynkope der mittel vocale dieser formen im 
gegensatz zu h&afda, häl^um etc. (Zeuner, Kent. ps. 65 f.) £. S.] 

Beiträge mar ge*ohlohte der deaUohen ipreobe. XVII. 19 



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290 VAN HELTEN 

geliefert ist (Beitr. 16, 280 ff.) *), ist es angezeigt, für die deutirog 
dieser casus von urgerm. formen mit *-o- > *-a- im suffix 
auszugehn ; 

wenn sowohl die prototypen mit langer als die mit kurzer 
Wurzelsilbe im urgerm. das suffix -ja- gehabt hätten, wären die 
beiderlei formen, was die Schwächung oder kürzung der endung 
betrifft, der gleichen behandlung ausgesetzt gewesen, d. h. es 
wären aus *sagja, *batija, *x£f$/a, *rUya die formen *sep 
(*sagi), *bebi (*babi) > *secgi (sacgi), *beddi (Haddi) neben 
*hirbi, *riki, ags. *secge, *bedde neben hier de, rice, as. *seggi, 
*beddi neben hirdi, riki hervorgegangen oder eventuell ags. 
secg, bedd neben *hierd t *ric, as. segg, bed neben *hird, *rür; 

dieweil dieses aber nicht der fall und die endung der 
kurzsilbigen anerkanntermassen auf -ja- zurückgeht, kann die 
abweichende behandlung nur mit einer Verschiedenheit der 
suffixgestalt in Zusammenhang stehn, m. a. w. muss die endung 
letzterer, da tertium non datur, mit -i- gesprochen worden sein. 2 ) 

Wenden wir uns jetzt nach dieser notwendigen abscb weifung 



l 1 ) Vgl. jetzt auch Beitr. 16, 567 f. E. SJ 

*) Zur näheren begründung der Beitr. 16, 273 f. vorgetragenen theorie 
sei es mir gestattet hier noch folgendes zu bemerken: 

die fassnng von ags. secg, bed, as. segg, bed als analogiebilduogen 
aus *secgi i*sac%i\ *beddi (*baddi) ist auf grund von as. beddiu, flettie 
etc. neben bed, fiel etc. a limine abzuweisen (a. a. o. s. 272); demnach 
muss das -t von *secgi Csacgt), *beddi (*badd%) auf lautgesetzlichem 
wege geschwunden sein; 

als das -i von *sec%i abfiel, blieb, wie aus ags. hierde, rice, as. 
hirdi, riki hervorgeht, bei den langsilbigen das -t erhalten : ein umstand, 
der entschieden auf die gleich zeitigkeit eines *sec%i (*sacgi), *bcddi 
Cbaddi) und *#ir&i- (event *Air&j- oder *hirdi-) + voc, *rt/rt -f voc. hin- 
weist; 

dieser voc. kann mit rücksicht auf *secgi etc. nicht als -a angesettt 
werden, denn abfall oder Schwächung von *-« in zweiter silbe neben er- 
haltung dieses vocals in dritter silbe stände mit dem bis jetzt erkannten 
Charakter der vocalischen apokope im Widerspruch; 

es bleibt also nur die möglichkeit eines *xirÖi~ etc., *rtki- -f * •*=*-«; 

su der zeit aber, wo es noch ein *#>#!> etc., *rtki* gab, kann apokope 
des -9 nicht als der factor der genesis von *se%i (*sagi), *beZi {*batö) 
gewaltet haben. 

Einen einwand gegen die a. a. o. s. 275 ff. vorgeschlagene theorie 
über die consonantendehnung vor j könnte man vielleicht erheben auf 
grund der formen mit doppelconsonanten nach langer tonsilbe (s. Beitraf* 



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GRAMM ATrSCHES. 291 

zur prüfung der ahd., as. und aonfrk. fälle, für welche die oben 
Ober die erhaltung des -u aufgestellte regel in betracbt kommt. 

Das -u im dat. sg. der o-, iö- und /ä-substantiva. Die zahl 
der kurzsilbigen 6 stamme, wo sich die endung nach der vulgat- 
ansicht lautgesetzlich erhalten hätte, ist nicht sonderlich gross 
(vgl. die Verzeichnisse in Gr. Gramm. 1,617 und 634, sowie 
Coßijn, Oudnl. ps., ä- en ja- stammen), ja sogar verschwindend 
klein im Verhältnis zu der erdrückenden majorität der lang- 
silbigen ö- und der iö-, >ö- stamme; herstellung des -w bei den 
letzteren nach der analogie des ersteren wäre unbegreiflich. 
Hingegen erklärt sich die entwicklung der historischen formen 
ganz gut aus dem Verhältnis: ahd. gebu, belu etc., spdhidu, sal- 
bidhu etc., minniu, tiiubiu, *suntiu (woraus suntu) etc., as. gebu, 
bedu, ahn etc., diurtiu, mdrüu etc., minniu, stemniu etc. als rein 
phonetisch entwickelte formen neben ahd. slahtu, Sru etc., chebiso, 
ahtungo etc., helliu, *sippiu, *crippiu, *maginniu (woraus sippu, 
crippu, maginnu) etc., as. bdru, qudlu, foldu etc., ebbiungu etc., 
helliu, relhiu, fastunniu, wöstinniu etc. (wegen reste der alten 
form auf -i s. Beiträge 16,279 fussnote, sowie as. rvostunni Hei. 
M 860. 864. 935. 2603, MC 2812 neben wöstinniu C 860. 864). 
Die aonfrk. quellen haben nur einen dat. auf -u: salethu Gl. 779 
(1. selethu). 

Was über diesen dat. bemerkt ist, gilt auch für den 
iostr. sg. des adjectivs: in anbetracht der geringen zahl der 
kurzsilbigen (vgl. für das ahd. Gr. Gramm. 1, 724, für das 
as. die in unsern quellen belegten bar, dol, gram, hol, -hwat, 

7, 109 ff. und Pauls Grundr. 1, 367): nach meiner fassung fiele die dehnung 
in die periode wo die Spaltung in -tu- und -ja- noch vorbanden war, und 
wäre dem gemäss rein phonetische genesis eines gedehnten consonanten 
nach langer silbe ein gradezu unbegreiflicher Vorgang, wenn man nicht 
die wenig plausible annähme gelten lassen wollte, dass sieh nach dem 
Übergang des ßonan tischen -t- vor vocal in -j- noch eine zweite lautliche 
dehnung eingestellt hätte. Aber was, möchte ich fragen, zwingt uns, 
das 'tt(j)-, ggij)- etc. der langsilbigen auf die rechnung einer allgemeinen 
phonetischen entwickelung zu schreiben, deren folgen später bis auf 
einige dürftige reste geschwunden wären? Liegt es hier mit rücksicbt 
auf die vereinzelten fälle nicht viel näher, an einen Vorgang zu denken, 
der erst zu der zeit wo das alte -t- zu -/- geworden war, auf analogischem 
wege stattfand, indem sich nach dem muster von -ttj-, -ggj- etc. (neben 
•'<-)• -£'(-) etc.) der kurzsilbigen sporadisch bei den langsilbigen aus 
•</-, -3/- etc. (neben -*/(-), -zK')) ein -tlj\ -ggy bildete? 

19* 



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292 VAN HELTEN 

qwk, lat, sod, smal, sum } wart, war nebst den nach dem mnd. 
anzusetzenden *frwn, *glad, *hrad, *nat, *slap, *tam, *flak) 
könnte man nach der bisher acceptierten fassung das -u im 
gedachten casus höchstens bei diesen stammen erwarten; dass 
sich dasselbe überall findet, ist offenbar wider die folge von 
anlehnung nicht nur an formen wie *gramu, *holu etc., sondern 
auch an solche wie ahd. eigenu y heüegu, *hreimu etc., as. enigu, 
öti(a)ru, mildiu etc. Die Lips. gl haben einen instr. auf -u, lu- 
den (mfrk.) 651; sonst begegnet die endung -a in recht a Kar. 
ps. 2, 12, mina ib. 65, 14. 

Auch bei den Substantiven wären die instrumentale der 
nicht grade zahlreichen kurzsilbigen ahd. *grabu, as. ktitu u. dgl 
schwerlich im stände gewesen, die Verallgemeinerung eines 
bei den lang- und mehrsilbigen der apokope verfallenen -u zu 
erwirken; auch hier aber wird der historische stand der formen 
begreiflich durch die annähme: ahd. kindu, fiuru, ubilu etc., 
bettu etc. nach *grabu, *giw&tiu (woraus gitvälu), houbitu etc.; 
as. goidu, fingru, ubilu, webbiu, girvittiu etc. nach klibu, bilidht, 
mäkiu, höbdu etc. 1 ) In den aonfrk. quellen begegnet kein 
instrum. des Substantivs. 

Als sichere zeugen für ein ehemals nach unserer regel er- 
haltenes -u im nom. acc. pl. ntr. der o- und i'o-substantiva finden 
sich sodann im ahd. die nachzttgler ostfränk. giwdtiu, gibeinhiy 
finstarnessiu, alem. stucchiu, meremanniu mit den analogie- 
bildungen ostfränk. cunn(i)u (für altes *cunni, Beitr. 16,280) 
und alem. chindüiu, chusseliu, örchussiu, eimberiu etc. (Ahd.gr. 
§ 198 anm. 5. 196 anm. 3), im as. die nachzügler nötilu beluas 
Prud. Pass. Rom. 333 *), ofligeso Freck. heb. 472 und 478, und 
die auf früheres *rikiu hinweisende analogiebildung nettiu* 
Sonst hat sich hier die form ohne flexionsendung festgesetzt: 
ahd. bilidi, giwdti, Acht, houbit etc. und sogar tat, ioh, grab etc. 
nach peiti, chunni etc. (Beitr. 16,279), wort, idr, legar etc.; as. 
bilibi, artiedi, gisiuni etc. (für formen wie höbid etc. fehlen mir die 

>) Im as. mid wädi H81. C 370 neben näd wädiu M Hegt keine 
apokopierte form eines tö-st. vor : wädi ist dat sg. fem. zu wäd (= thd. 
wät, gen. dat. wäi%)\ wädiu neubüdung, wie brüdiu, idisiu M 298. 301. 274 
(vgl. unten s. 296 fassnote). 

*) Das citat wurde mir freundlichst von meinem collegen Gallee 
mitgeteilt. 



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GRAMMATISCHES 293 

belege) nach muddi, netti etc., word, mf, water, weder etc. 
(doch dalu, fatu, clibu etc.). Das aonfrk. hat ausser dale und 
den bildungen mit -fr nur unflectierte formen: rehnussi, riki, 
hovit etc. und sogar gescoi, gebot wie cunni, kint, tvatir, uvel etc. 

In ähnlicher weise hat im as. nom. sg. fem. und nom. acc. 
pl. ntr. der starken adjectivdeclination die unflectierte form 
den sieg errungen: bei attributiver und bei prädicativer Ver- 
wendung im nom. sg. fem. neben hlüd, thin, mikil etc. auch 
hilag, öbar etc. für *hilagu, *öbaru etc. {anthSti etc. hat ana- 
logisch gebildetes -i, denn der urtypus auf *-« musste hier 
lautgesetzlich eine suffixlose form ergeben), im nom. acc. pl. ntr. 
neben wrSb, min, manag, mikil etc., auch blödag, langsam, dertH 
etc. für *blödagu } *langsamUy *derbiu etc.; doch finden sich noch 
vereinzelt im nom. pl. ntr. managu Hei. M 1732, mtnu ib. 4348 
(neben sonstigen manag, min), die als archaismen auf einen 
ehemals weit über die einzelnen kurzsilbigen *gramu etc. sich 
verbreitenden gebrauch des -u hinweisen (vgl. auch gramo n. 
pl. ntr. Hei. 5310, den einzigen beleg für die flexion der kurz- 
silbigen) und ausserdem als schlagender beweis für die auf- 
gestellte regel constantes bithtu, das in folge seiner Verwendung 
als partikel (= * beides zusammen') von dem u-vernichtungs- 
process unberührt blieb (belege für die casus nach der Jo- 
flexion fehlen). Im aonfrk. begegnen als nom. sg. f. al, guot, 
mikil etc. und heilig, idil, undirthüdig etc. {tvosti etc.), als nom. 
acc. pl. ntr. min, tfAn (statt deren häufiger sina, rr&na, alla, 
rehta etc. mit analogischem suffix). 

Das ahd. hat in den betreffenden casus neben den in prä- 
dicativer Stellung verwanten suffixlosen formen (und unursprüng- 
lichem rvuosti etc.) attributive durch anlehnung an die flexion 
des demonstrativpronomens entwickelte formen auf -(i)w (fränk.) 
und diphthong. -im (obd.). Wie blint (oder * blind) n. sg. m. 
und n. a. sg. n. zu blrntir, -az (oder *blind6r, -at) wurde, 
konnten die suffixlosen nom. sg. f. blint (oder * blind), manag 
etc. und *wöst aus *w6sti) etc. erweitert werden durch diph- 
thongisches -iu, wenn der associative process zu der zeit 
eintrat, wo thiu (vgl Beitr. 16, 286) schon einsilbig gesprochen 
wurde, oder durch zweisilbiges -t|u, wenn die entlehnung zu 
der zeit stattfand, wo noch *pi\u in schwang war. In letzterem 
fall aber war zweierlei möglich: es blieb in der folge, als *pi\u 



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294 VAN HELTKN 

zu thiu wurde, die adjectivendung als zweisilbiges -i\u erhalten, 
woraus später -u durch synkope des aus -*- hervorgegangenen 
halbvocals, oder es wurde das adjectivsuffix wie die pronominale 
form behandelt; auf ersterem wege entstand das fränk. -(i)w, 
auf letzterem das obd. -tu, es sei denn, dass dieses (was weniger 
wahrscheinlich) als eine jüngere bildung direct auf contrahiertem 
thiu beruhe. Für den n. a. pl. ntr. der oben gemeinten o- stamme 
gilt natürlich auch das für den n. sg. fem. bemerkte: zuerst 
regelrecht entwickelte suffixlose form, dann -{i)u bez. -ra; nicbt 
aber für den n. a. pl. ntr. der tö-stämme, dessen lautgesetzliches 
•i|u mit dem entlehnten -t|u zusammenfiel, also im fränk. zu- 
nächst keine änderung erlitt, im obd. aber durch einwirkung 
des einsilbigen thiu durch -w ersetzt wurde. Die -(i)u bez. 
-iu im n. sg. f. und n. a. pl. ntr. der jo -stamme und der o- 
stämme, deren -u der regel gemäss erhalten bleiben musste, 
stehen selbstredend für älteres lautgesetzliches *-* (vgl. Beitr. 
16,279) und *u. 

Man beachte ferner die arcbaismen ahd. (fast ausnahmslos 
fränk.) nähiu, maneghiu, nuhsamiu etc. nom. sg. (Beitr. 9, 320): 
die formen sind, wie ags. menigu, yldu etc., entweder zu der 
zeit entstanden, wo die u-apokope noch nicht erfolgt war, oder 
sie haben sich nach dieser periode entwickelt, in welch letz- 
terem fall die verhältnismässig kleine zahl der kurzsilbigen es 
kaum vermocht hätte, das Sprachgefühl für einen n. sg. fem. 
auf -u aufrecht zu erbalten; im einen sowohl wie im andern 
falle also ist die annähme einer nicht auf die kurzsilbigen be- 
schränkten erhaltung des -u unabweisbar. 

Auch die endung der 1. sg. praes. ind. gewinnt durch unsre 
regel eine mehr befriedigende erklärung als zuvor: ahd. bmiu, 
singu, *zelliu (woraus zettu\ sezziu etc. nach gibu, nimu, horm, 
*suohhiu (woraus suohhu) etc., as. gibiudu, seggiu etc. nach gibu, 
gilöbiu etc. Die Kar. ps. haben keine form mit -m, sondern 
werthe, wirthon, biddon; von den schwachen verben 1. kl. ist 
hier keine 1. sg. praes. ind. belegt. 

Mit der beurteilung der ebenfalls hier in betracht kommenden 
formen für den nom. acc. pl. und dat. (locat.) sg. der u-sub- 
stantiva steht die frage nach der Chronologie der i- und u- 
apokope in directer Verbindung. Auf grund der bildungen sunt, 
puogi nom. acc pl., sunt dat. sg. etc. und des genuswechsel* 



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. GRAMM ATISCHE8. 295 

von Armni glaubte ich Beitr. 15, 456 ff. die posteriorität des u- 
schwundes annehmen zu müssen. Nach dem oben für die en- 
dung des nom. acc. pl. der neutralen 10- stamme erschlossenen 
wird *kinniu als beweismittel für diese theorie hinfällig; altes 
*kirmitviz hätte sowohl bei gleichzeitigem als bei nicht gleich- 
zeitigem abfall des -t und des u *kinniu neben den neutren 
auf *-iu ergeben. Aber auch die andren a. a. o. zur spräche 
gebrachten formen dürften m. e. nicht mehr zur besagten fol- 
gerung berechtigen. Ob -i vor oder zugleich mit -u schwand, 
aus dem nom. plur. *sciltiiwiz wäre auf phonetischem wege 
nur *scildiu, nicht scildi entstanden. Sunt, siti, megi nom. acc. 
pl. aus *suniwiz etc. Hessen sich zwar zur not auch jetzt noch 
als beweise für die beregte Chronologie verwenden; wenn je- 
doch, wie ich seitdem erkannte, die pluralia scildi etc. ganz 
gut als analogiebildungen zu fassen sind (scildi pl. : scild sg. 
anstatt *scildiu : scild nach gasti : gast in folge der ähnlichkeit 
der isolierten endung *-iu mit i und ungeachtet der in andren 
fällen für den verlauf der langsilbigen u-stämme massgebenden 
einwirkung von seiten der numerisch überwiegenden o-stämme), 
dann läge die annähme viel näher, dass zu der zeit wo *scildiu 
noch neben scildi im gebrauch war, nach diesem muster neben 
*suniu etc. eine doppelform suni etc. aufgekommen wäre, die 
später wie scildi die alte m-form gänzlich verdrängte. Als 
beweise gegen die theorie möchte ich jetzt vielmehr die dativ- 
locative ahd. suniu, hugiu, sigiu, sitiu, fridiu (Zs. fda. 28, 112 f.), 
äs. *suniu (nach suni es, -ie) gelten lassen: dass sich hier -w 
durch anlehnung an das -u, -w des instr. der o-, jo- und io- 
flexion erhalten hätte, ist von Jellinek (Beitr. z. erkl. d. germ. 
flex. s. 106) mit recht beanstandet worden, und da, soweit ich 
sehe, auch eine andere möglichkeit analogischer beeinfiussung 
ausgeschlossen ist, dürfte es geraten sein, suniu etc. wie ahd. 
-furtiu, Wcddiu, Feldiu (Zs. fda. 28, 113. Beitr. 14, 119£) als die 
regelrechten phonetischen fortsetzungen einer grundform auf 
*-ivti { ) zu betrachten, zumal wo die vereinzelten formen mit 

l ) Streitbergs sinniger deutung von suniu aus * suniu (Com parat 
s. 25) kann ich nicht beipflichten; altes diphthongisches *-w hätte nach 
der bei den andren im auslaut stehenden diphthongen zu beobachtenden 
behandlnng, d. h. contraction, dann kürzung (Beitr. 16, 287), historisches 
-ö ergeben, das der ahd. Schreibung gemäss durch -i* oder (seltener) -i 



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296 VAN HELTEN 

-i, ahd. as. sunt, ahd. Wcdäi, Furti, amfrk. Weldi (Beitr. a. a. o.) 
dieser annähme nicht sonderlich im wege stehen: das j fingere 
-i in Waldi etc. kann ja auf analogiebildung nach dem locat 
-i der i- und o- stamme (Beitr. 14,121) beruhen, Isidors sunt 
steht vermutlich im satzsandhi für suniu (Beitr. 14, 119fussnote), 
und das einmal belegte as. sunt Hei. M 1998 neben sunu, -o, 
-ie desselben casus könnte Schreibfehler sein. 1 ) 

Mit unsrer regel stimmen ahd. blintemo, heizero, managemo, 
-eru etc., as. gödumu, fastoro, manegumu, hilagaro etc^ aonfrk. 
(amfrk.) horscomo, aüero, hiligemo, miküiro etc. als phonetische, 
ahd. smaiemo, flahheru etc., as. *gramumu, -oro etc., aonfrk. 
*natomo, -iro etc. als analogische bildungen. Dieselben erfordern 
also nicht die annähme von anlehnung an die pronominalformen 
(wie dieses wohl der fall ist beim st acc. sg. m. auf -an nach 
*pan, vgl. Beitr. 15, 474 ff.). Dem as. dat. sg. m. und n. godxm 
(-um) liegt *g6bümtnu < *zdbommu zu gründe mit *-ommu nach 
*pommu (vgl. got pamma) = histor. them (aus * pcmmu fflr 
*pammu < *pommu oder für *pamm aus *pammu < *pommu\ 

Anm. Im anschluss an die hier besprochenen fälle sei auch be- 
treffs des westg. locativs auf -t, ~c bemerkt, dass die erhaltung der endung 



dargestellt wäre. Auch widerspricht der fassung wgerm. -tu ^ *-iu der 
ags. afr. dat. sg. suna etc., dessen -a auf älteres *-at* hinweist. 

>) Aus diesem dat. loc. auf -tu nach der w-declin. erklären sich die 
dat.-locative und dat. -instrumentale auf -tu der masc »-stamme BacMu, 
Wangiu etc. und fall tu, sie ff tu, louffiu, serviu (Beitr. 14, 120 f. Zs. fdt. 
28, 113), welche keineswegs mit Brugmann (Grundr. 2, 633) als analogie- 
bildungen nach dem muster der io- stamme zu fassen sind, mit deren 
flexion das s-paradigma im sing, zu der zeit, wo das -j- (aus -i-) noch in 
vollem gebrauch war, keine berührung hatte (die paar kurzsilbigen, deren 
-t" des nom. acc. sg. mit dem suffix der to-stämme zusammenfiel, kommen 
hier nicht in betracht): beim eintritt der langsilbigen «- stamme in die 
t-declination brachten dieselben ihren dat. -loc. auf -tu mit, der in folge 
dessen einerseits als solcher auch für die ursprünglichen s-nomina bah, 
wanff in gebrauch kam, andrerseits durch beeinflussung von Seiten des 
instr. auf -i* der andren klassen auch als instr. verwant wurde (vgl. auch 
Kögel, Zs. fda. a. a. o.). 

Die vereinzelten dat.-locative ahd. kiwaltiu, steteo etc. (Zs. fda. 28, 
113), as. tvädiu, brüdiu, idisiu (s. oben s. 292 fussnote 1) repräsentieren 
kaum etwas anderes als kiwalti etc. mit angehängtem -u (-o) aus der 6- 
declination, welches für das Sprachgefühl der typus des dat-loc sg. fem. 
geworden war. 



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GRAMMATISCHES. 297 

schwerlich allein von dem einfluss der kurzsilbigen 0-stämme herrührt. 
Es ist neben diesem factor noch ein andrer ins äuge zn fassen, die be- 
trächtliche zahl der io - stamme, für deren locativ -t als das resnltat von 
ungestörter phonetischer entwickelang zn gelten hat: durch jüngere 
kürzung ^ *4, durch contraction ^ *-Hj% durch ältere kttrzung -= *-i(j% 

XXL Ueber die westgerm. entsprechungen von altem 
*-nassuz, *-xaitiuz, *-skapi. 

A. Ueber die entwicklung der westg. suffixe -nassi, -nessi, 
nessi etc. haben Sievers und Kögel (Beitr. 4, 140 f. 7, 181 ff.) ge- 
handelt. Ersterer geht bei seiner deutung aus von einer hy- 
pothetischen grundform *~nassi, letzterer denkt an die möglich- 
keit eines vorhistorischen *-nassnn. Selbstverständlich würde 
sich diesen erklärungsversuchen gegenüber eine fassung em- 
pfehlen, wobei ein dem gotischen -(n)assus entsprechendes suffix 
zu gründe gelegt würde. Eine solche aber ist m. e. wenigstens 
für das ahd., as. und aonfrk. glaubhaft zu machen, und ich 
wage es hier deshalb dieselbe den fachgenossen zur prüfung 
zu unterbreiten. 

Voran gehe eine übersieht der in unseren quellen vor- 
liegenden Varietäten: 

ahd. (Gr. Gramm. 2, 321 ff. Graff 2, 947. Braune, Ahd. gr. 
§ 201. 210 anm. 1 und 2. 213 anm. 1. Kögel, Ker. gl. 150 f. 
Hench, Monsee fragments 127) 
feminina nach der iä-flex. auf -n«, -{n)iss(t)a, -(w)uw(i)a, 
feminina auf -nassi, -nessi, -nissi, -nussi, 
neutra auf -nessi, -nissi, -nussi; 
as. (Hei. M 2085, CM 987. 3843. 3852, M 3826, C 3270, 
Beichte 35, Ps. C 73, Prud.-gl. 405) 
feminina auf -nissia (-nissea), -nussia, 
feminina auf -nessi, -nissi, -nussi, 
neutra auf -nessi, -nissi] 
aonfrk. (Cosijn, OudnL ps., Ja-st neutra, jd-st tweede kl.) 
feminina auf -nissi, 
neutra auf -nissi, -nussi. 
Was zunächst den vocal der vorletzten silbe angeht, so ist 
fftr -M- an das Beitr. 15, 460 ff. erörterte gesetz -w- (d. h. ü-) aus 
♦-o- vor *-m der ultima zu erinnern ; also -{n)uss- aus dem nom. 
acc sg. (und dat. acc. pl., vgl. 8. 298) *-(n)ossu~. Sodann be- 



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298 VAN HELTEN 

achte man, dass nach dem was Paul (Beitr. 6, 226 ff.) über den 
Wechsel von -0- und -e- in der paenultima der endungen aus- 
geführt hat, neben *-(n)oss- (= got. -(njassu-, ahd. -nctss- in 
-nassi) auch altes *-(n)ess- anzusetzen ist; woher in gl. K und 
Ka, wo von i-umlaut eines -a- nicht die rede sein kann, die von 
Kögel (Ker. gl. 26) hervorgehobenen formen thicnes, indechnes 
und die in Pa und gl. K sich vorfindenden auf -nessi (Beitr. 
7, 183), sowie as. -nessi *), mit erhaltung des -e- durch anlehnuog 
an die formen auf -nes, *-ness (das -e- von diesen -nes, -nessi, 
-nessi weist zu gleicher zeit auf die Unmöglichkeit einer grund- 
form *-(n)<w« hin). In ahd. -nessi, nessi der jüngeren quellen 
mit umlaut in der ableitungssilbe ist der vocal natürlich doppel- 
deutig. Das -i- der paenultima begreift sich als die folge von re- 
gressiver durch ein -f (-) der folgesilbe hervorgerufener assimilation. 

Für das Verständnis der genesis von femininen wie den 
ahd. auf -(ri)uss(i)a, -(n)issia, den as. auf -nissia, -nussia und von 
neutren wie den ahd. as. auf -nessi, -nissi, -nussi, den aonfrk. 
auf -nissi, -nussi genügt ein blick auf das paradigma der formen 
auf *-(ri)assuz, wie dasselbe für die vorhistorische periode nach 
der Wirkung der apokopegesetze zu postulieren ist (zur Ver- 
meidung von unnötigen widerholungen bezeichne ich den vocal 
der vorletzten silbe mit x): 

sing. 1 — *(n)xw pl. — *(ri)xssiu 

2 — *(n)xssö (-au?) — *{n)xssiwö (? vgl. got. sunime) 

3 — *(n)xssiu — *(n)xssum 

4 — *(n)xw — *(n)xssun (resp. *(n)xssm). 
Wegen *-(n)xss < *-(ri)xssuz, *-(ri)xssiu < *-{n)xssiwi, 

*-(n)xssiwiz 8. oben s. 288 ff. 

Im nom. und dat. sg. fielen hier die flexionsformen mit den 
für die nämlichen casus des i- (td)-paradigmas anzusetzenden 
*minn, *minniu etc. zusammen 2 ), im nom. acc. pl. mit den für 
diese casus nach der ntr. i'o-declination zu postulierenden 
*rikiu etc. (vgl. oben s. 292). Als reste des alten suffixlosen 

l ) Für das unterbleiben des umlaute in der endung im as. siebe 
die participia und gerundia auf -andi, -annias, -anne. In brmnendi, bid- 
diendi, huggiendi, libbiendi, bidernicnne M steht das -e- auf einer linic 
mit dem -e- des infin. auf -en M (vgl. wegen dieser formen und wegen 
libbendi, hettendi C Beitr. 4,866 f. und Germ. 31,389). 

*) Durch die annähme des nämlichen Vorgangs erklärt sich aaeh 
as. lusta acc. sg. oder pl. f. fUr *luslia. Der Beitr. 15,481 für den Ober- 



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GRAMMATISCHES. 299 

nom. sg. sind die oben citierten nominative thicnes, indechncs 
aufzufassen, deren nicht belegtes genus höchst wahrscheinlich 
als fem. anzusetzen ist. 

Die Überführung der *-(n)xw- formen in die schwache t- 
flexion erfolgte augenscheinlich durch die annähme der in den 
zahlreichen abstractbildungen auf-i vorliegenden endung: *-(ri)xss 
> -nxssi; sie findet sich auch in den ahd. derivaten auf -iseli 
(Gr. Gramm. 2, 108) aus -isal ntr., in den neben gimarkida, fir- 
leitida etc. begegnenden gimarkid% 9 firleitidi etc. (Kluge, Nom. 
stammbild. § 125), mit -idi für *-t'Öu (vgl. auch im ags. die 
gelegentliche Überschwenkung der abstracta auf -Ö(w) nach der 
schwachen f-flexion, Sievers § 255,3. Cosijn, Aws. gr. 2, § 17), 
wahrscheinlich auch in ahd. minnt, tvunni, färi neben minna, 
wwma, färä; sie hat als parallele die bildung von erweiterten 
formen wie ahd. fülnussida, ftrlorannissida etc. neben fMnissi, 
ferlornissi etc. zur seite. 

Für die ags. feminina auf -nis, -nes(s), flectiert -nisse, -nesse, 
ist die obige deutung nicht anwendbar: ein dat. sg. der w-flexion: 
auf *-iu läset sich für das vorags. nicht nachweisen, und für 
den dat. sg. der to-stämme ist altes *-te anzusetzen (vgl. Beitr. 
8, 326). Ein andrer weg, auf welchem alte masculina auf *-(n)assuz 
in die td-declination übergetreten sein könnten, ist mir nicht 
ersichtlich ; vielmehr würde man mit rücksicht auf die abstracta 
auf ~(n)oÖ, -(n)aÖ und -häd = got. -opus, haidus als den ags. 
reflex von *-(n)assuz masculines -ness, flect. -nesses etc. er- 
warten. Es bleibt demnach, soviel ich sehe, nur die möglich- 
keit der ansetzung eines vorags. Suffixes *-(n)essi, flectiert *-(ri)es- 
siöz etc., woraus historisches -nis, flect. -nisse resp. jüngeres -nes(s), 
-nesse. Dieselbe fassung ist auch geltend zu machen für die afr. 
feminina auf -nisse, nesse, denn auch in dieser dialektgruppe 
findet sich kein auf altes*-?« zurückgehender dat. sg. der tt-flexion. 

Die nämlichen feminina *-(ri)essi waren natürlich möglicher- 
weise auch im vorahd. und voras. vorhanden; in diesem fall 
mussten die direct daraus hervorgegangenen und die auf in- 
directem wege aus *-(ri)essuz entstandenen feminina *-(n)issia 
zusammenfallen. 

tritt dieses substantives in die 0-klasse angenommene factor Uustö" wird 
hinfällig durch das oben s. 13 über die entwicklung der aus *-au und 
*-d hervorgegangenen vocale erörterte. 



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300 VAN HELTEN 

B. Gegenüber ags. häd (noch zum teil nach der ti-ded. 
flectiert, Taalk. bijdr. 2, 140), -häd begegnen als nach der i- 
flexion gehende formen ahd. hext masc. und fem., -heit fem., aa. 
-hed fem. (die declination des masc. hSd Hei. M 461 ist niebt 
belegt). Für die entwicklang des fem. des nomens gewährt 
die fassung 'dass die Casusgleichheit des nom. und acc der 
masc. und fem. t-nomina das auseinanderhalten der ursprüng- 
lichen genera erschwerte' (Beitr. 15,457 fussnote) keine be- 
friedigende erklärung: einmal fällt es auf, dass der genus Wechsel 
sich nur hier, nicht bei den andren urspr. u-stämmen wie puog, 
bog etc. findet (die feminina fluot, tust etc. stehen unter dem 
verdacht, auf anderem wege in die t-klasse hinübergetreten in 
sein, Beitr. 15,458 und 482 ff.); dann aber wäre auch nicht 
einzusehen, warum ein masc u- stamm beim eintritt in die •- 
declination, wo es doch eine stattliche zahl nomina masc generis 
gab, ohne weiteres zum fem. geworden sein sollte. Es ist hier 
demnach nicht einfache Übersiedelung aus der u-klasse anxu- 
nehmen, sondern an denselben entwicklungsgang zu denken, 
der Beitr. 15, 484 für den neben masc. got. kustus, an. kostr, 
ahd. kost begegnenden fem. t-stamm ags. cyst, aofr. kest vor- 
geschlagen wurde: mit genug Wechsel aus *kustiz (vgl das 
Beitr. 15, 484 auf anlass vom fem. lysi bemerkte), das durch 
Verwechslung von -uz des nom. sg. mit dem -uz der uz-, iz- 
stamme aus *kustuz (= lat. gustus) entstanden war; in gleicher 
weise konnte ja auch altes *x<ivÖuz (= aid. kitus) ein *x<wte 
ergeben, woraus fem. heit, -heit etc 

Zu derselben fassung nötigt auch das mit ahd. -heit, t& 
-hed übereinstimmende afr. t-fem. -he de, -heit; von einem di- 
recten übertritt aus der u- declination in die t-klasse könnte 
hier überhaupt nicht die rede sein wegen des in dieser dialekt- 
gruppe herschenden -a < *-au im nom. (acc) pl. der u-sub- 
stantiva. 

Dem -nessi aus -ness etc (s. oben s. 299) vergleicht sieb 
ferner sporadisches ahd. -heitt für -heit im ahd. gomaheiti ace. 
sg. 0. 1, 27, 3. 3, 15, 19, theganheitx acc. sg. 0. ad Lud. 45, gitac- 
hiti nom. sg. (nach Graff 4, 145) und aonfrk. -heide nom. acc 
sg. fem. (woneben seltenes wärheit nom. acc. sg., vgl. Cosyn, 
Oudnl. ps. § 5). 

Im ahd. begegnen ausnahmsweise neutra auf -heitc wie 



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zedby G00gle 



GRAMMATISCHES. 301 

daz kewonekeite (Graff 1, 871), biscofheiüs Tat. 2, 3; im mnl. 
auf awnfrk. *-heidi ntr. hinweisende nomma wie dat scoenheide, 
dat kerstenhede, dat menschede, tgerechtecheide etc. (s. meine 
Mnl. gr. § 258 und 265 opm. 2). Die form und das genus begreifen 
sich als parallelen zu neutralem -nessi etc. (s. oben s. 298). 

C. Auch bei den compositionsbildungen mit urspr. *-skapi 
finden sich sowohl in der form als im genus beachtenswerte 
Varietäten : 

masc. ags. -scipe, as. -scepi, -scipi (in ambaht-, brober-, droht-, 
friund-, thegan-, tverd-, wirdscepi, -scipi); 

femin. ahd. -scaf, flect. scefft, as. *-scap, flect. *-scepi und 
*-scipi (vgl. die mnd. fem. bröder-, eigen-, nut-, vröt-, vrunt-, 
warschap), awnfrk. *-scap, flect *-scepi und *-scipi (vgl. mnl. 
die vrient-, bli-, gheselscap etc., flect. siere vrienscepe, groter 
Miscepe(ri) etc. und siere vrient-, bli-, geseiscap etc. als neu- 
bildungen nach dem nom. acc., s. meine Mnl. gr. § 277 c), aonfrk. 
-scap (vgl. urcuntscap sina acc. Ps. 54, 22; flect. formen sind 
Dicht belegt), aofr. -skipi (Gramm. § 179); 

neutr. awnfrk. *-scap, flect. *-scep{x)es, -i{e), *-scip(i)es, -i(e) 
(vgl. mnl. dat paepscap, iridderscap, dat geseiscap etc., flect. 
ten, van, enen paepscepe, ridderscepe, geselscepe etc. sowie paep-, 
ridder-, geseUcaps etc. und paepscape etc. dat. als neubildungen, 
8. meine Mnl. gr. § 271), as. -scepi, -scipi (in that, thit folc-, 
gum-, heri-, lant-, gibodscepi, -scipi), aofr. -skip(i) (Gramm. § 174), 
awfr. -scip (vgl. dat boed-, eerf-, burger-, orken-, maester-, 
wytscip, gen. -scypes, -schips). 

Die ausserordentlich kleine zahl altgermanischer neutraler 
{-stamme macht es sehr unwahrscheinlich, dass urspr. masc 
oder fem. i-nomina zu den neutren übergetreten wären, nötigt 
im gegen teil zur annähme eines ursprünglich sächl. *-skapi 
(aus *-skapizT) Aus solchen neutren mussten sich laut- 
gesetzlich formen auf -scap {-scaf) entwickeln, die entweder dem 
alten genus treu bleiben oder auch in folge ihrer isolierten 
Stellung wie flöd, frist, friü etc. (Beitr. 16, 482 ff.) in die klasse 
der weit zahlreicheren masc. oder fem. t- stamme übergeführt 
werden konnten. Daher awnfrk. *-scap ntr., as. awnfrk. *-scap, 
aonfrk. -scap, ahd. -scaf fem. 

Erhaltung bez. herstellung des -t im nom. acc. sg. nach 
analogie des simplex, wie z. b. im ags. upcyme, as. mägwini, 



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302 VAN HELTEN, GRAMMATISCHES. 

aofr. wUkere etc., ist hier nicht wahrscheinlich mit rücksicht 
auf den umstand, dass in unseren quellen von einem simplex 
scepi < scapi keine spur begegnet. Auf indirectem wege aber, 
durch die bildung auf -scap hindurch, konnte sich *-scapi oder 
-scepi, -scipi (mit -t- durch assimilation) entwickeln, indem sieb 
angesichts der kurzsilbigen i stamme auf -t gegenüber den lang- 
silbigen ohne suffix für das Sprachgefühl die Vorstellung eines 
durch kürze der vorsilbe bedingten nom. acc. sg. auf -t fest- 
setzte. Daher die oben verzeichneten masc. fem. und ntr. formen 
auf -scepi, -scipi, -scipe. 

Die mnl. neben -scap begegnenden -scep, -scip fem. und 
ntr. (s. meine Mnl. gr. § 271 und 277) sind natürlich neu- 
bildungen nach dem gen. dat. auf *-scepi t *-scipi f *-scep(i)es etf. 
Ebenso die mnd. feminina -schop, -sc hup (vgl. blide-, bode-, 
bröder-, gevadder-, gram-, greve-, hör-, köpman-, lant-, mage-, 
sei-, viant-, warschup, -schop) mit -o- und -u- zur bezeichnunp 
eines für -e- vor labial eingetretenen ü. Der mnl. nom. ae* 
sg. -scepe (Mnl. gr. a. a. o.) geht entweder zurück auf altes *-scepi 
oder er ist jüngere neubildung nach dem gen. dat. -scepcs, -e 
nach dem muster der ntr. f'o-stftmme rike-, -es, -e. 

GRONINGEN. W. VAN HELTEN. 



NACHTRAGE. 



Zu 8. 274 und 275. Wenngleich ans Sievers' dankenswerter er- 
läuterung hervorgeht, dass von einer in der historischen periodr 
stattfindenden Verdrängung von älterem ags. -ae des nom. acc. pl. <to 
d-substantiva durch a keineswegs die rede sein kann, so dürfte dennoch 
der s.275 vorgeschlagenen annähme räum bleiben, nach welcher and.-», 
ags. afr. -a im nom. acc. pl. der <9-nomina als scheinbare ausnahmen der 
regel * ahd. -a, ags. afr. -c = altein *~ö{z) ' einer anlehnung der adjeetiv- 
fleiion an die pronominale ihre existenz verdanken. Einen wichtigen 
fingerzeig gewährt hier übrigens der umstand, dass ahd. -o offenbar »1» 
die eigentliche endung der adjeeti vflexion gelten muss. 

Zu s. 281. Der von Sievers in der fussnote hervorgehobenen Ur- 
sache zufolge sind selbstverständlich die worte 'Einem *ü könnte - 
den Vorzug verdienen * zu streichen. W. v. H. 



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ZU V. RICHTHOFENS ALTFRIESISCHEM 
WÖRTERBUCH. 1 ) 

lrotz aller troff liebkeit ist v. Richthofens Wörterbuch doch 
beute zum grossen teil veraltet. So lange wir noeb kein neues 
altfriesisches Wörterbuch besitzen — und für die nächste zeit 
ist dazu keine aussieht vorhanden — ist es notwendig, dass 
wenigstens die tatsächlichen irrtttmer berichtigt und die fehlenden 
artikel nachgetragen werden. Es ist in dieser riebtung bereits 
manches getan ; besonders steckt in van Heltens Aofries. gramm. 
viel, leider nur schwer auffindbares material. Was im einzelnen 
hier und da beigebracht worden ist, kommt der fries. lexiko- 
graphie nicht eher zu statten, als bis dies material in alpha- 
betischer reihenfolge im anschluss an v. R/s artikel geordnet 
ist. Im folgenden gebe ich sowohl derartig verstreutes als 
eigenes. Ich hoffe in ersterer hinsieht Vollständigkeit erreicht 
zu haben. Ausgeschlossen habe ich natürlich die alphabetisch 
geordneten nachtrage und besserungen von Buitenrust Hettema, 
Bijdragen tot het oudfriesch woordenboek, Leiden 1888, S.XII — 
XVIII und 1 — 79 sowie diejenigen von van Helten, Beitr. 14, 
232 — 278. Desgleichen habe ich — abgesehen von gelegent- 
lichen bemerkungen — darauf verzichtet, den überreichen schätz 
zu heben, der in der materialsammlung von van Heltens Aofrs. 
gramm. verborgen ist. Ich bemerke nur, dass das Wortregister 
(8. 253 — 255) bei weitem nicht alle Wörter enthält, 'die in v. R.'s 
Wörterbuch falsch oder gar nicht erklärt sind und für welche 
der Verfasser dieser gramm. oder andere eine deutung gefunden 
oder versucht haben \ Für fast jeden artikel zu v. R.'s Wörter- 
buch bietet diese grammatik eine bereicherung. 

! ) Offene länge: ", geschlossene ; ä liegt in der mitte zwischen 
reinem a und offenem ö. F citiere ich nach Hettemas Fivelingoer en 
Oldampster Landregt (o. = oben, m. = mitte, u. = unten). Die übrigen 
zahlen beziehen sich auf v. Richthofens Afrs. rechtsquellen. 



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304 BREMER 

ä, e, cwe, ewa hat v. R. nur in der bedeutung 'gesetz*. 
eouen 'eternum' Ps. 2 b , 11. euuan 'eeterna' Ps. 2 b , 13. 

alikna. Vielmehr aliknia 'gleich gelten \ auf grund der 
3. sg. aliknat. Günther, Die verba im aofries. 58. 

an und ana sollten in einem artikel vereinigt sein. Die 
belege für ana sind alle rflstringisch. 

arbeida. Vielmehr arbeidia, aufgrund der 3. sg. arbeideth. 
Günther 56. Vgl. nwfrs. arbeidsje. 

avcl übersetzt Kern, Taalk. bijdr. 2, 188: 'Übertragung von 
gutem durch jemand bei lebenszeit'. 

avend, aiund, iovnd u. s. w. * abend'. Der ganze artikel 
gehört nach Buitenrust Hettema, Tijdschr. v. Nederl. taal- cd 
letterk. 8, 70 anm. zu Svend (v. R. ewende). 

bar na, berna ( brennen*. Wiewohl v. R. sonst alle mög- 
lichen orthographischen Varianten mit als Stichwort anführt, 
hat er in diesem falle übersehen, eine sehr wichtige nebenfonu 
anzugeben, die nur rüstringisch belegt ist: bürna. Die belege 
sind: 3. sg. ind. praes. burnt R 1 131,2, plur. burnath RU30, 
16, verbaladj. urburnen R 1 69, 8. Die letztere form zeigt, das« 
wir das starke aoristpraesens germ. *brunnan, eine nebenform 
zu *brinnan *), vor uns haben. Afrs. bärna oder berna (d. i. 
bärna) — bärna ist auch rüstr. die gewöhnliche form — ist (trotz 
van Helten, Aofrs. gramm. § 270/) schwach und gebt auf 
*bromnan < germ. *brannjan zurück. — Vgl. rerma. 

basafeng 'unzüchtiger griff* stellt J. Grimm (s. v. R's 
wb. s. 1163) zu unserem böse. Ebenso nahe scheint mir sat 
bcazjt ' rasen, phantasieren ' zu liegen, z.b.un bcazjende kronk- 
heid 'eine krankheit, in der man phantasiert*, vgl. unser nord- 
deutsches verbast 

b e d e h fi 8. bedehuse ' templo ' Ps. 2 b . 

beia 'beugen*. Einziger beleg beye E 8 243, 40. Wir müssen 
wohl begia ansetzen; denn es heisst heute im sat. bije oder 
bigje. Es liegt hier einer der fälle vor, in denen übertritt der 
schwachen verba auf -jan in die klasse derer auf -öjan erfolgte; 
daher der umlaut. Grundform germ. *baugjan. 



') Ueber das Verhältnis von brinnan : brunnan vgl. 2s. fdph. tt, 
495 f. 



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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 305 

belda,balda' ausstatten '. Letztere form ist zu streichen, 
weil ä nur in der 3. sg. ind. praes. und im verbaladj. vorkommt 
und hier ganz regelrecht aus e verkürzt ist 

b€nde, bände. Letztere form ist zu streichen. Der zwei- 
malige beleg bände S 497, 32 und 499, 33 kann gegenüber den 
40 belegen für bende nur ein Schreibfehler sein oder, was wahr- 
scheinlicher, das plattdeutsche wort. 

benedia 'benedeien', benediath 'benedicet* Ps.2 b . bndiada 
'benedictus' Ps. 2». 

bSnsechtich 'mit knochen Verletzung verbunden'. Nach 
Kern, Glossen in der Lex Salica 101 nicht zu entscheiden, ob 
zu steht = got. saühts oder zu *secht = salfränk. sieht, secht, 
einem v er balabstr actum von afrs. sia. v. Richthofen fragt im 
wörterb. 'knochen-sichtig, sodass man den knochen sehen kann? 
oder knochen verletzend?' Kern antwortet a. a. o. auf diese 
frage: ' keines von beiden; das erste nicht, weil es gar nichts 
ist ' Knochen verletzend 1 könnte es auch nicht gerade sein, da 
'Verletzung habend' nicht = 'verletzend' ist.' 

berna 'brennen' s. bärna. 

beva 'beben'. Vielmehr bevia, bivia (vgl. irthbivinge 'erd- 
beben'), nach der 3. sg. ind. praes. beuath. Günther, a. a. o. 56. 
Vgl. wang. Ww, sat. Viyje. 

b i g r e v a 'begraben' fehlt bei v. R. Belegt ist das verbaladj. 
bigretven F 154 m. 

bihöf wird von v. R. zweimal angeführt: einmal als 'be- 
huf, hülfe', dann als 'behufsam, behülflich'. Beide mal haben 
wir dasselbe wort: ein subst, das auch als prädicatives adj. 
gebraucht wurde. Entspräche das adj., wie v. R. will, dem 
ags. behife, so würde vielmehr *bihefe zu erwarten sein. 1 ) 

bihreppa s. bireppa. 

bibröria. he berorith 'commouebit' Ps. 2 b . Zu hrdria. 

(biien), bigin, begin 'beginn'. Die eingeklammerte 
form, die v. R. nach bi{enna ansetzt, ist zu streichen. 



[*) In Wirklichkeit handelt es sich wol um einen alten adj. -tt-stamm, 
der später auch substantiviert wird ; vgl ags. behöflic und behöfian, neben 
denen nur behefe (mit übertritt in die jTi-flexion), aber kein subst. *behöf 
steht. Zu bildungen wie behöflic vgl. parallelen wie sdflness : sifte, 
swöt-mete : swite u. ä\ E. S.J 

Beiträge der geschlohte der deutschen apraohe. XVII. 20 



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306 BREMER 

biienna, biginna, beginna 'beginnen'. Das verbum 
wird (trotz van Helteo, Aofrs. gramm. § 270, 8. 207 f.) schwach 
flectiert, und erst im späteren wfrs. und in E. Sgr. kommen die 
im nwfrs. durchgedrungenen starken formen vor. Aofrs. biierma 
> wfrs. biginna ist = germ. Higannjan. Nur zufällig ist bijanm 
nicht belegt. Ueber die lautliche entwicklung dieser formen 
s. renna. Wie nwfrs. bigjinne, so weist auch für das ostfries. 
sat bxginne auf afrs. g. 

biiota. Vielmehr biffita 'begiessen', s. giata. 

biletha. Vielmehr bilethia 'bilden', aufgrund des verbal- 
adj. büethad Günther 56. 

biliva 'bleiben'. Buitenrust Hettema, Tijdschr. v. Nederl. 
taal- en letterk. 1891, s. 254 macht darauf aufmerksam, dass 
das verbum ausser 'bleiben' auch die besondere bedeutung 'tot 
bleiben, sterben' hat. Er bringt hierfür die folgenden belege 
bei: aldeer die man bilyst J. M. F., Hett. 2, 47, 19, wo büyft zu 
bessern ist, = al deer een man oflyuich wirth W 395, 25. dal 
dio berde bilewen se J. M. F., Hett. 2, 95, 12 = that thio berthe 
büervid se ms. 4 to = dat dio berthe daed se W 75, 23. 

b i 1 o k i a fehlt bei v. R. Belegt ist der opt. bihkie F 130 m. 
Zu loc 'scbloss'. Günther 58. 

bimeta 'bemessen' fehlt bei v. R. Verbaladj. bimeten 
F 120 o. 

bineta 'benutzen'. Vielmehr binettia anzusetzen. S. neta. 

binieta, natürlich biniäta (so ofrs.) anzusetzen, 

biplichta fehlt bei v. R. Belegt ist der opt biplichte 
F40u. 

bireppa. Vielmehr bihreppa. bireppa F62m. S. reppa. 

b i b e k a. Nach Günther 22 ist auf grund des opt bisike 
ein starkes verbum biseka und ein schwaches bisika zu scheiden. 
Auch van Helten, Aofrs. gramm. 8. 5 sondert biseka 'läugnen' 
mit kurzem e < a, von bisika (zu sika 'suchen'). 

bisetten 'besessen, verrückt', müh bisette hei B 159,26. 

bisinga. Vielmehr bisiunga 'besingen'. Opt bisiunge 
F 38 u. S. singa. 

biskirmgre 'protector' Ps. l b . 

bislagia fehlt bei v. R. Belegt ist die 3. sg. bislaghal 
E l 236, 15. Günther 60 vergleicht ahd. slagbn (complodere)^ 



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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 307 

bis tri da. bistridith,- eth E 2 234, 27. 25. 'Die bedeutung 
jener stelle scheint nicht, wie v.Ricbthofen will, ein 'angefochten 1 , 
sondern ein 'widerstreitend* zu erfordern; ich möchte daher an- 
nehmen, dass bistrideth verschrieben ist statt bistridech 'wider- 
streitend', vergl. thi bistridiga F 124 m., ch wird nach v. Ricbt- 
hofen's bemerkung in den handschriften oft mit th verwechselt' 
Günther 64. 

bitekna. Vielmehr biteknia 'bezeichnen', aufgrund der 
3. sg. biteknath. Ahd. bizcichandn. Günther 60. 

bithiöda, so nur wfrs. und auch für das rüstr. voraus- 
zusetzen. Sonst aofrs. bithiüda. 3. sg. praes. bithiut F 2 o. 

bitimbra. Vielmehr bitimbria, auf grund der 3. sing. 
bctimbrath. Günther 61. 

bivia 'beben' s. beva. 

bla 'blasen', blerem E 1 211,8 setzt v. R. = ble hi htm. 
Günther 13 bestreitet dies mit unrecht, indem er ble ther hine 
fordert. Es ist bisher nicht beachtet worden, dass für hi im 
alt- wie im neufriesischen enklitisch r gebraucht wird, das nie 
als wort für sich allein vorkommt, sondern immer dem vorher- 
gehenden worte hinzugeschrieben wird. Natürlich ist dies r 
ein rc8iduum der vollen form her. Einige belege findet man 
bei van Holten, Beitr. 14, 282 und Aofrs. gramm. s. 188 (enklit her 
B i 180, 13 und E l 101, 14) und 189 f. Doch ist an einen pro- 
nominalstamm i- für das fries. nicht zu denken. Auch das 
enklit neutrale -et, das -em für den dativ, -ene für den acc. 
sing., -em für den dat. pl. (ebd.) hat regelrecht sein h verloren. 

blindia 'blenden' fehlt bei v. R. Belegt ist die 3. sing, 
praes. blindat F 4 u. Das parallele verbum ist blendet. Günther 63. 

bodthing. Vgl. fimelthing. Jaekel, Zs. fdph. 20,276: 
baduthing (bedthing) ' Streitgericht'. Siebs, Zs. fdpb. 24, 435: 
'das ein für alle mal vorgeschriebene ding'. R. Much, Zs. fda. 
35, 325 anm.: 'gesetzgebende Versammlung'. Am eingehendsten 
Heck, Zs. fdph. 24,435—437. 

borga. Vielmehr borgia, auf grund der 3. sing, borgath. 
Günther 56. 

bötia fehlt bei v. R. Günther 63 belegt den opt praes. 
böte F 130 o. Parallel verbum Uta. 

branga, brenga, brensza, bringa 'bringen'. Ich 
bemerke, dass wfrs. bringa regelrecht aus brenga, branga ent- 

20* 



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308 RREMER 

wickelt ist (vgl. unten 8. v. retma) < germ. *bra*gjan, dass also 
germ. brivgan im afrs. nicht mehr erhalten ist. 

bürna 'brennen' 8. barna. 

daia. Hierher der von Günther 43 beigebrachte beleg 
deya F 128 o. und to deyane F 42. Einen besonderen artikel 
dSia anzusetzen besteht kein grund. ai und ei wechselt be- 
kanntlich in der Schreibung. 

dathsirima s. sia. 

da v a. Vielmehr ddvia 'taub werden', auf grund der 3. sg. 
däuath. Günther 56. 

deia 'töten'. Die belege im Afrs. wb. stammen sämmtlicfa 
aus dem westerlauerschen Friesland: inf. deja, deje, praes. ind. 
3. sg. dath, dat, pl. dejeth, conj. deje. Machte uns nicht die 
3. sg. dath von vorn herein stutzig, so läge es nahe, an ein 
causativum zu got diwan zu denken, also *daujan, wiewobl es 
sehr fraglich ist, ob diese herleitung mit den friesischen 'laot- 
gesetzen' in einklang gebracht werden könnte; man sollte dann 
*dSa oder *d(ä erwarten. Das neuwfrs. stimmt zu unseren be- 
legen: inf. deye, praes. dei, daetst, daet, pl. deye, praet dactlt, 
verbaladjectiv daet. Afrs. dath weist, in Übereinstimmung mit 
der awfrs. flexion, mit Sicherheit darauf bin, dass der alte 
Infinitiv nicht deja, sondern ditha lautete; das wäre also germ. 
*daupjan. th zwischen vocalen ist in Westfriesland zu j ge- 
worden und zwar, wie es scheint, um 1400. Die belege sind 
massenhaft Vgl. snia 'schneiden', snein 'geschnitten', tney 
'der schnitt', lata 'laden', schaia 'schaden' u. 8. w. 'König Karl 
und Radbod', wo 439, 13 der conj. diye steht (so auch J. M. F., 
Hett 2, 64, 24) hat 439, 28 auch layde 'ladete' = J. M. F. laedade 
Ilett. 2, 64, 12. Die übrigen belege für dya sind aus der Jor. 
Fris., wo die belege für j < th auch sonst überwiegen. 

detha 'töten' 8. deia. 

dommia fehlt bei v. R. Günther 63 bringt als beleg das 
verbaladj. missdommat F 136 u. bei. Parallelverbum zu dämm, 
demmcu 

donga 'düngen', nach Günther 62 wahrscheinlich ztedorigia 
anzusetzen. 

dwä 'tun'. Bei v. R. fehlen merkwürdigerweise sämmtliehe 
belege für die Schreibung dwa, dwaen, so massenhaft sie aueb, 
zumal im wfrs., vorkommen. 



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ZUM ALTFRIE8. WÖRTERBUCH. 309 

düra<*dursa trennt Günther 74 f. mit recht von thurva. 
Statt der 2 artikel thura und thurva bei v. R. sind vielmehr 
dura nnd thurva > thüra anzusetzen. So auch van Holten, 
Aofrs. gramm. § 307 /. Afrs. dura ist in den heutigen mund- 
arten noch erhalten: wang. dür, dürst, dür, pl. dürt, praet 
durste, verbaladj. durst; sat. düre und dür, dorst, dür, pl. dürene, 
praet. dorst e, verbaladj. dorst ; nwfrs. doarre, doarst, doar, pl. 
doarre, praet doarst, verbaladj. doarren. Im sat und nwfrs., 
scheint es, sind beide verba zusammengefallen, da unbetontes afrs. 
th hier d ergeben musste. Im wang. werden sie noch heute geschie- 
den. S. thura und thurva. Auch afrs. dura ist mit 'dürfen' zu 
übersetzen. Es ist aber ein 'dürfen 1 besonderer art. Schön ist die 
alte Scheidung noch in Nordfriesland und auf den ausseninseln 
bewahrt: auf Amrum und Föhr heisst det der ik ei du das 
darf ich, d. h. das wage ich, getraue ich mich nicht zu tun; 
det ser (bez. (er) ik ei du das brauche ich nicht zu tun; det 
mut ik ei du das darf ich nicht tun, weil es verboten ist. 

efsivene, efsivne. Kommt nur im Brokmerbrief vor, 
B 178, 19 ff.: § 198, Benfrötha anda thüma and anda nosebene: 
tuene skillingar; ist er en efsivene: thrS skillingar. § 196. Ben- 
frötha anda cnoctum (knoclum) andare höndbrede: tuene skil- 
lingar; ist er en sivne: thrS skillingar. § 198. Ben fr 6t ha a er- 
mem, a (benetn) and anda szinbacum, anda sculderbene anda 
henszeblne: fiütver skillingar; ister ene (en) efsivene: achta 
skillingar. Die ältere (Wicht'sche) hs. schreibt beide mal ef- 
sivene, die ein wenig jüngere efsivne. Das erste mal haben 
beide hss. en. § 196 stehen die worte ister en sivne: Ihre 
skillingar nur in der jüngeren hs. Im letzten satze hat die 
ältere ene, die jüngere en. Die Varianten sind im übrigen ganz 
belanglos. Zu deutsch: 'knochen Verletzung an dem daumen und 
an dem nasenbein: 2 Schilling; ist da ein(e) efsivene: 3 Schilling. 
Knochenverletzung an den knöcheln und der flachen band: 2 
Schilling; ist da ein(e) sivne: 3 Schilling. Knochenverletzung 
an armen, an beinen und an den kinnbacken, an dem schulter- 
bein und dem hängebein (?): 4 Schilling; ist da ein(e) efsivene: 
8 Schilling.' Hieraus geht hervor, dass efsiv(e)ne eine besonders 
schlimme Verletzung der knochen sein muss, man sollte meinen, 
ein knochenbruch oder knochenspaltung oder eine blosslegung 
des knochens. Zweifellos haben wir ein verbalnomen vor uns, 



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310 BREMER 

dass an ags. ffcsian, tfsian 'scheeren, schneiden, die haare 
schneiden' anzuknüpfen ist. Das fries. wort würde in got ge- 
stalt *(ga)abisibni, *(ga)abisifni lauten. Liegt hier mit stamm- 
abstufung das got suffix -ufni vor? Wahrscheinlich ist efsiv(c)ne 
als ein compositum zu verstehen = *ef{e)si-bSni (germ. *abisöiß' 
gdbainia) 'glattrasierter knochen'. Das einmalige swne wäre 
also in efsivne zu bessern. 1 ) 

eifna 'ebenen'. Belegt ist nur ei/had R 130,24, natür- 
lich = c-ifnad *ge-ebnet\ Folglich inf. ifnia, ivenia. Vgl. mena. 

epenuddria fehlt bei v. R. Verbaladj. epenuddrat F 110a. 

epernbaria. hi epernbarath 'reuelabit* Ps. 2 b . 

er s. bla. 

ergera. Vielmehr ergeria 'schlechter machen*, aufgrund 
des verbaladj. ergerad. Günther 56. 

ergia 'schlechter werden' ist nicht nur in wrtrgia 1 sondern 
auch als simplex belegt. Günther 56, ahd. argin vergleichend, 
belegt das praet. ergade F 132 o. 

eta, ita 'essen', eta ist zu streichen. Awfrs. ita wird nicht 
nur durch nwfrs. ite, sondern auch durch sat. ite, wang. Ute bestätigt 

et ha. Vielmehr ethia 'beschwören' trotz des ger. io ethane 
F48u. Günther 57. 

ethelia * durch heirat erben* fehlt bei v. R. Belegt ist das 
verbaladj. ethelat F 140 o. Zu Sthel 4 erbgut'. Günther 57. 

evela. Vielmehr evelia 'beschädigen'. S. urevela. 

faka. Vielmehr fakia. Verbaladj. fakad. Günther 57. 
feda, foda. Vielmehr 2 verschiedene verba: fida und 

[*) Einfacher ist wo) folgende deutnng. Die Lex Frisionum bestimmt 
im tit. XXII. De dolg § 35 ff. Si quislibet digitus ex quatuor longioribus 
iu superioris articuli iundura ita percussus fuerit ut humor ex uui- 
nere de cur rat quod Uduuagi dicunt, 1. solid, comp, etc.; § 64 Si hu- 
mor per articulos digitorum decurrerit, sicut superiut de manu 
scriptum est, ita et inpede componatur\ ähnlich in der Additio sapientam 
tit. III, § 32; ferner § 44. Si quis alium unguibus crataucrit, ut non 
sanguis sed humor aquosa decurrat t quod cladolg vocant, ter X. 
denarns fresionicis componat. § 45. Si quis alium in tergum autpectus 
ita vulneraverit, ut vulnus sanari non possit f sed per fistulas samt es 
de cur rat, ter XII. solid, componat. Hier handelt es sich Überall um 
eine Verschlimmerung der wunde durch abträufelndes wundw&sser oder 
eiter. Da nun ags. siwen-ieze (zu ags. sion aus sih/an 'seihen', Bdtr. 
9,278) 'triefäugig' heisst, so kttnnte ags. *cefsiwen, fries. efsiven recht 
wol • abtriefung ' im sinne des humor decurrens bedeuten. £. S.] 




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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 311 

fidia. Ersteres raus 8 aber nicht fida, sondern fitha angesetzt 
werden. Denn es heisst wang. /WO * füttern, ernähren'. Oft 
genug reichen ja unsere belege nicht aus, zu entscheiden, ob 
th, t oder d vorliegt, da stimmloses th in t, stimmhaftes in t 
übergeht und massenhaft so geschrieben wird. 

felich. Der beleg H 355, 3 ist zu streichen. Denn a. a. o. 
ist mit Buitenrust Hettema, Tijdschr. v. Nederl. taal- en letterk. 
1891, s. 250 f. emmermar evelike zu lesen (evelik 'ewiglich'). 

fenda ' fangen'. Der artikel ist zu streichen. Den ein- 
zigen beleg efend E 1 44, 27 hat v. R. missverstanden. Für efend 
se ist vielmehr mit Hettema efendse zu lesen = efendsen, verbal- 
adj. zu fä. Günther 42. 

ferdria 'fordern' fehlt bei v. R. Günther 57 bringt das ger. 
to ferdrianne F 30 o. bei. 

fereth. Kern, Glossen in der Lex Sal. 177 hält es für 
fraglich, ob 'fereth in den gesetzen 'freveltat' hcisse, wie die 
niederd. Übersetzung (misdaet) bat, . . ., aber das wort muss 
diesen sinn sonst gehabt haben, sonst würde man es nicht so 
übersetzen.' Vgl van Helten, Beitr. 14, 246 f., der fer(e)th an 
allen 7 bez. 8 belegstellen mit ( leben' übersetzt = ags. ferb. 

ferma. Vielmehr fermia 'firmeln' mit Günther 57. 

festna. Vielmehr festnia, auf grund des verbaladj. ifestnad. 
Günther 57. 

fetha 8. fida. 

fether 'feder'. fetheran 'pennas' Ps. 1*. 

fjfäl 'rad' ist nur neutrum, nicht auch masc, wie v. R. aus 
2 belegstellen schliesst: nach van Helten, Aofrs. gramm. s. 
124 (3) ist H 30, 14 anden offenbar in and en zu trennen; B 1 
171, 17 muss enne 'mit rücksicht auf die form des adj. unbedingt 
als Schreibfehler gelten' (in B 2 steht en). Auch nwfrs./W oder 
fjil ist neutrum. 

fimeltbing. Nach J. Grimm, RA. 827, Sohm, Altd. ge- 
richtsverfassung 45 und R. Schröder, Lehrbuch der deutschen 
rechtsgescb. 36 und 540 bezeichnet bod- und fimelthing den 
gegensatz teils des echten, teils des gebotenen dings einerseits 
and des after- oder nachdings andrerseits. Vgl ferner Jaekel, 
Z8. fdpb. 20,277. Heck, Zs. fdph. 24,435: fimelthing ist 'nur 
eine art des bodthing, nämlich das vom grafen persönlich ab- 
gehaltene'. Ebd. 437; susding. 439; oder rügegericht, heim- 



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312 BREMER 

liches spürgericht. Siebs, Zur gesch. d. engl.-fries. spr. 416; 
anders jetzt Zs. fdph. 24, 438 f. R. Much, Zs. fda. 35, 325 anm.: 
fimelthing 'gerichtsversammlung'. J. Grimm, RA. 838 leitete 
fimelthing von ßme ab. 

fior, fiur 'feuer'. Dazu feur 'flamm am* Ps. 2 b . 

fira. Vielmehr /tria 'fern werden*. Praet. firadc. 

fitera. Vielmehr ftteria 'fesseln ', auf grund des verbaladj. 
efiterad. Günther 57. 

fleil, flail '(dresch)fleger. Belegt ist een yrssen flayle 
Wfrs. chronik. Cad.- Müller flayel, Westing fleiel. 

födia 8. fida. 

forahüre s. J aekel, Beitr. 15,534. 

formlde s. Jaekel, Beitr. 15,534. 

forsmaga. Vielmehr forsmaia. S. ursmaga, 

forst 'forst' s. rütforst. 

framd, fremed 'fremd'. Als älteste form ist framid an- 
zusetzen wegen wang. ' f rammt. Im wang. sind noch heutigen 
tages die vollen endsilbenvocale zum teil getreuer bewahrt ab 
selbst im altrüstringischen. 

framma s. frema. 

frema. Vielmehr framma, fremma. framma F 44 m. 

gada. Vielmehr gadia. 3. sg. gadath. Günther 57. 

gara 'ein spitz zulaufendes ackerstück \ inna garum, inna 
garem urk. 1437 (Ofrs. urkdb. 1 nr. 469). super gharen (ebd. 
1 nr. 588). Ortsname Garun im ältesten Werdener codex (Cre- 
celius s. 22). — Beitr. 15, 544. 

gela 'jagen' hält Günther 21 (vgl. v. R. 774») für ags. galan. 
'Freilich muss es im fries. etwa: mit gesch rei einen jagen be- 
deuten.' Diese etymologie ist nicht möglich; es mttsste sonst afre. 
*gala heissen. g steht im afrs. nur vor demjenigen e, S, das aas 
u, ü, o, 6 umgelautet oder germ. ai ist. gela kann somit nur germ. 
*güljan, *göljan oder *gailan sein oder auch *gulwjan. Auf alle 
fälle ist das e lang; falls aus *gailan: offenes e, sonst: geschlosse- 
nes e. Ein starkes *gailan könnte nur 'ausgelassen sein' bedeuten. 
Got göljan 'grüssen' bleibt der einzige positive anhält, so dunkel 
auch die bedeutungsvermittlung. Vgl. v. R. 1 164* u. 11 19 8. v. «/- 

gerda 'gürten' fehlt bei v. R. S. unegert. [gela. 

giata 'giessen'. Vielmehr lata, d. i. iata, anzusetzen. Belegt 
ist nur einmal biiuth in der hs. £ s der Emsiger busstaxen 229, 



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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 313 

19. Auch wenn an dieser einen belegsteile zufällig Higiuth 
geschrieben wäre, stände die ansetzung von iata ausser zweifei. 
Hinsichtlich der Verteilung des anlautenden g- und {- haben 
die neufries. mundarten den alten zustand getreu bewahrt: es 
heisst nun bei Westing jäten, wang. jödt, Cad.- Müller jaaten, 
sat jtet9, G. Jap. und nwfr. jiette. Das praeteritum und 
verbaladjectiv hatte natürlich anlautendes^ und ist mit Sicherheit 
als gdt und geten (bez. gitin) anzusetzen. Vgl. wang. ydt, 
yit&n, sat. gdt (neben der neubildung fit), getn, nwfrs. geat, 
gctten. 

gland, gliand 'glühend*. Siebs sagt Beitr. ll,221anm.: 
'gl and 'glänzend', wo v. Richthofen (Afre. Wörterbuch p. 776) ä 
annimmt *), hat a und ist mit mhd. gl ander, g linden zusammen- 
zustellen'. Diese behauptung ist, so bestimmt sie ausgesprochen 
ist, so falsch. Erstens bliebe so die form gliand unerklärt 
Zweitens heisst es altostfries. gland und nie *gl6nd, wie bei 
kurzem alten a durchaus verlangt werden müsste. Drittens 
heisst das wort nicht 'glänzend', sondern, wie v. Richthofen 
richtig angibt, 'glühend'. Es kommt nur vor: 1) als attribut 
von 'glut' und 'kohle': mith euere gl andere glede 2 ) R E H 76, 25. 
28. 32; 77, 26 = gliandere F 36 m. = mit gliand er coele W 77, 25 
= mei gliaender coele J. M. F., Hettema, 0. F. W. 2, 95, 23 = myt 
eenre gloy ender kolen im Emsiger plattdeutschen text 77, 25 = 
cum uno candenti carbone im Huns. lat. text 76, 25; 2) in dem 
ausdruck thet g lande riucht E 58, 25 = thet gliande riucht H 
58,26. 'Das glühende recht' ist natürlich die feuerprobe. Unter 
einem 'glänzenden' recht vermag ich mir ebenso wenig etwas 
zu denken, wie ich mir vorstellen kann, auf welche weise durch 
'glänzende glut' und 'glänzende kohle' al thet god in brand 
geraten soll, wie im 24. landrecht gesagt ist Der umstand, 
dasß an derselben stelle die eine handschrift gland, die andere 
gliand (bez. gliaend) schreibt, beweist, dass gland dasselbe wort ist 
wie gliand. Natürlich ist gliande zu schreiben, und die nebenform 
glände ist nur eine orthographische abweichung, welche auf 
eine mouillierte ausspräche des / hinweist Analoge beispiele 

') Davon steht kein wort da. 

*) 'glut* ist für 4 kohle* um der alliteration willen eingesetzt; vgl. 
im selben satze mith eine bernande brönde, houe an hüse, hüs and hilde } 
a were and a wdrve. 



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314 BREMER 

sind sehr zahlreich, grade für l, r und tz. Vgl. z. b. lüde neben 
liüde Meute', flucht neben fliuchl 'flieht', fründ neben friund 
'freund', brast neben briast 'brüst', tzake neben tzjäke Kinn- 
backen', tzurke und tzerke neben tz{urke und tzierke 'kirche\ 
Vgl. van Helten, Beitr. 14, 242 anm. und Aofrs. gramm. §24 
anm. 2 und s. 243. Ich würde die behauptung von Siebs nicht 
ernst genommen haben, wenn nicht van Helten in seiner Aofrs. 
gramm. § 27 glande 'glühend' unter den beispielen für fehlen 
des umlauts bei kurzem a vor nasal — hierüber s. v. rerma — 
angeführt hätte und nach § 275 anm. 2 das -an de von gliande 
als die gewöhnliche participialendung -an de aufgefasst hätte. 

Das aus dem participium gliände zu erschliessende verbuw 
gl(ä 'glühen' bereitet der erklärung ernstliche Schwierigkeiten. 
Jedenfalls muss man zunächst auf ein *glea zurückgehn; vgl 
*miä 'mähen', *kr{ä 'krähen' (zu erschliessen aus Cad.-Müller 
miahnen, sat. miöe, G. Jap. mjean und sat k{be < kr{6e) < *mia 
und *kria. Man möchte jenes *glia weiterbin auf *glfijan < 
*glöjan zurückführen. Allein die parallelen verba haben im 
afrs. keinen umlaut: blöia 'blühen' (wang. blöi, sat. btöie, nwfrs. 
bloeye), gröia 'wachsen, gedeihen' (wang. grSt, sat. groie), nwfrg. 
groeye, *bröia 'brühen' (wang. bröi, sat. breue\ *fl6ia 'fliessen' 
(wang. fldi), *rdia 'rudern' (wang. röi, sat. roie). Diese umlauts- 
losen formen beweisen allerdings, dass das t unursprünglich ist; 
die verba gehen nach der schwachen d-conjugation; vgl Amrum 
ru 'rudern', starkes verbum > Föhr rui schwach. Es scheinen 
also als grundformen ags. blöwan u. s. w. vorauszusetzen zu sein, 
welche durch *blöia u. s. w. ersetzt wurden, bevor aus altem 
6a im fries. uä geworden war (vgl. <tya 'tun'). Wir wissen 
bisher noch nicht, wie weit verschiedene praesensklassen den 
langvocalisch auslautenden verbalwurzeln zu gründe liegen. 
Wäre es nicht denkbar, dass neben *blöwan, *gr6wan, *br6man, 
*fldwan, *r6rvan ein anglofriesisches verbum glsjan mit j im 
prae8en88tamm gestanden habe? Das friesische ist ja auch 
sonst grade hinsichtlich der in frage stehenden verbalklasse sehr 
altertümlich. Vgl. im gegensatz zu den oben angeführten in- 
finitiven *miä und *kriü: afrs. tveia, rvaia 'wehen' (wang. mä, 
sat weie, nwfrs. waeye). 1 ) Ich würde selbst die annähme eines 



*) *dreia, *draia 'drehen 1 (wang. drei, nwfre. draeye) ist weg« 



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ZUM ALTFRIE8. WÖRTERBUCH. 315 

genn. *glcc- (> afrs. giß) als alter ablautsform zu *glö- der 
erklärung vorziehen, welche van Holten, Aofrs. gr. § 275 anm. 2 
gibt, dass nämlich giß ' wahrscheinlich eine durch die formen 
der 2. und 3. s. pr. i. *gl£st, -th (aus *gliwis(t), -ith, urspr. 
•glöwizi, -i&i), neben *blist, -th, *mis(, -th, *s£st, -th (aus *W£- 
wis(t) u. 8. w.) vermittelte analogiebild. nach *blia, *mia } *sia 
gelten darf; die phonet, entwickelte form hätte glöwa ge- 
heissen = ags. gldwan\ Ja weshalb denn nur grade bei 
diesem einen verbum und nicht auch bei 'blühen' u. s. w.? Und 
hätte es ferner nicht weit näher gelegen , dem vorbilde 
der viel gebrauchten verba dua und fü zu folgen, deren 2. 
und 3. sg. auch dist, deth und fest, fith lautet, als dem der 
verba *mß und *kriü 1 )? Also *gluä oder *#/ä? Und hätte 
es nicht noch viel näher gelegen, wenn unser verbum sich 
dem stammverwanten bldia, grbia u. s. w. angeschlossen hätte? 
Eben die abweichung von dem normaltypus weist uns darauf 
hin, dass wir es nicht mit einer neubildung, sondern mit einer 
altertümlichkeit zu tun haben. Glücklicherweise liegt die er- 
klärung nicht so fern: wir bedürfen der oben gegebenen an- 
nähme gar nicht Das Verhältnis vom amr. ru 'rudern' zu föbr. 
rui (einer bildung wie afrs. bldia) weist uns den rechten weg. 
Auf Amrum ist ru noch ein halbwegs starkes verbum : rui, ruist, 
ruit (auch rust), pl. rui, praet. rust, verbaladj. run (neben der 
neubildung rust). Auf Föbr geht dasselbe verbum schwach: 
rui, ruist, ruit, pl. rui, praet. ruid, verbaladj. ruid. Natürlich 
flectierte man das verbum auf Föhr früher ebenso wie auf 
Amrum. Ein analoger übertritt bat bei afrs. gröia u. s. w. statt- 
gefunden — und, wie ich glaube, auch bei * glühen'. Das par- 
ticipium 'glühend' ist eine isolierte form, die man — zumal 
in den formein, in denen glßnde allein belegt ist — als ad- 
jectivum empfand und somit von dem verbalsystem trennte. 
glßnde ist also ein * lautgesetzlicher' rest des alten typus aller 
dieser verba: eines ehemaligen *glß 'glühen', *grß 'wachsen' 
u. 8. w. Diese formen sind regelrecht durch die mittelstufe 

des d statt des sonst zu erwartenden / ein plattdeutsches lehnwort, ebenso 
wie amr.- führ, drei gegenüber dem echten ire 'halme drehen*. 

! ) Dieses letztere verbum hätte an die stelle von *blß und *siä zu 
treten, da die ansetzung wenigstens der ersteren der beiden verba mit 
iä sehr ansicher, wenn nicht gradezu falsch ist ; vgl. 6. Jap. blaeye. 



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316 BREMER 

*glea, *grea aus germ. *glöjan, gröjan u. 8. w. entstanden. Der 
neue typus *gröia kam durch den einfluss des praeteritums 
*gröde und des verbaladjectivs *grdd auf. Die 3. sing, grith 
H 333, 15 gehört noch zu dem alten infinitiv *griä l ), groyt und 
bloyt S 491, 5 schon zu dem neuen grdia, btöia. Sat heisst es 
heute gleue ebenso wie breue, und wfrs. gleon, gleaun 'glühend' 
bei Gijsbert Japicx ist das neue participium = afrs. *glönde. 

Das friesische führt also zu einem urtypus *gröjan, prae- 
teritum *gröda, im gegensatz zu dem ags. gröwan, praet. iriow. 
Die von mir (Niederd. jb. 13, 11 f. anm.) als ' nordsächsisch ' be- 
zeichnete mundart stimmt mit ihrem ru (rui, grui) 2 ) zum ag&, 
ebenso wie das im urgerm. parallele verbum 'tun', hier du (so 
auch /w), das ags. dön {fön) ist und nicht das afrs. duä (fa). 
Wie der ags. und afrs. typus zu vereinigen sind, diese frage 
bleibe hier unerörtert. Ich bemerke nur, dass mir die annähme 
unumgänglich erscheint, dass zwei verschiedene praesensklassen, 
indog. langvocalisch auslautende, unthematisch flectierte stamme 
und indog. thematisch flectierte mit j im praesensstamme in 
dieser klasse zusammengeflossen sind (vgl. Zs. fdph. 22, 496 f.). 
Letztere hätten also im afries., erstere im ags. den ausscblag 
zu geben. Zeigt auch das afries. verbalnomen gröwinge noch 
den ip-typus, so sind wir doch nicht zu der annähme berechtigt, 
dass noch in dem altfries. verbum selbst beide typen neben 
einander gestanden hätten (gliß, aber grörva). Eine derartige 
Scheidung ist, soweit ich sehe, nur in einem falle noch möglich 
und zugleich notwendig. Auf Amrum und Föhr sagt man frei 
4 wehen' im gegensatz zu se 'säen', tre 'halme drehen', ble 1 blasen, 
hauchen', kre 'krähen*. Afrs. weia, waia 'wehen' ist in gleicher 
weise auf urgerm. *wcejö zurückzuführen, *m{a, *kriä aber (sei 
es unmittelbar, sei es durch die mittelstufe *mwwö, *krcbtö 
hindurch) auf *mceö, *krceö. z ) 

l ) Vgl. m&th «er mäht': »rotö. 

') blöi ' blühen ' ist wohl ein plattd. lehnwort. 

[*) giiand, gland kann möglicherweise auch auf ein altes *gfia* 
zurückgeführt werden, von dem (nwfrs. gleij, von sonne und luft, Wasscn- 
bergh, Taalk. bydr. 1,35 f. 0. B.) ahd. gfi-mo, glei-mo * glüh wurm', ags. 
Ziä-m (^ *zlai-mi') etc. abgeleitet sind. Andrerseits findet sich das oben 
s. 315 vermutungsweise angesetzte germ. *glejan vielleicht noch direct 
in dem (freilich schwach gewordenen) altnorw. gla(J)a, isl. gljd, das vom 
weissstrahlenden frost und vom nordlicht gebraucht wird: ocleitierfram 



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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 317 

gljä 'glühen' 8. gland. 

glisa. Vielmehr glisia, auf grund der 3. sg. glisat. 
Gönther 57. 

gong 8. ümbegung. 

greva stellt Kögel, Zs. fda. 33, 24 zu age. gerefa. Un- 
möglich; sonst mttsste es afries. *riva heissen. 

harn und hamreke. Nach Stratingh, Marken in Fries- 
land, Yersl. en nieded., afd. letterk. deel 9, s. 52 anm., scheint 
ham, kern ' wohnplatz, heim' ein von ham } kern verschiedenes 
wort zu sein. Letzteres ist ein durch graben abgesondertes 
stock land, auch hamland genannt» Arends, Ostfriesland und 
Jever 2, 29 leitet Hammer- oder hamrichland, wie der alte klei- 
boden im norden und osten von Ostfriesland heisst, der im 
westen meedland genannt wird, wie ' dies von mähen, so jenes 
von kämmen ab, das im afrs. desgleichen 4 mähen', eigentlich 
'bauen' bezeichne — tatsächlich nur 'verstümmeln' (s. hemma). Es ist 
indessen nach Stratingh a. a. o. die frage, ob hamrichland dieselbe 
benennung ist wie hammerland. Auch ich nehme mit Stratingh 
an : 1. hem, hemes, 2. hem (ham) } hemmes {hammes). x ) Beide Wörter 
sind nach den belegen bei v. R. s. v. ham sehr wohl zu scheiden. 
Van Helten, Aofrs. gramm. s. 131, § 160, übersetzt hem oder 
hemme 'eingefriedigter, für den Zweikampf bestimmter räum'. 

handa, benda. Vielmehr allein henda. Formen mit a 
kommen bei diesem verbum nur da vor, wo Verkürzung vorliegt, 
und diese ist im afrs. regelrecht a für e und i. 



decqvan skima mceti glceannda froste Spec. reg. 61,85 Brenner (= 52,33 
Key8er-Munch-Unger, hier mit der v&r.\ect. glianda,glyjanda); al pcetla 
Hos (das nordlicht) munnde skina (var. glia) af frosii oc iaclum ib. 56, 
18 (= 48,3), af hanum stcenndr (var. gliar) g(iair) pcetta lios ib. 56,23 
(= 48,7); vom Schwerte: gljdndi (var. glöandi sverti Karlamagnussaga 
177,20 (Fritzner 1,612). Uebrigens sind die wurzelformen gft, glai and 
£#, $lö vielleicht unter der Voraussetzung eines alten ablauts j/ei, gloi } 
Zloi, gft, %li zu vereinigen; s. z. b. Fick, Et wb. I 4 , 416. E. 8.] 

[*) Dies wort ist ohne zweifei identisch mit ags. ham{m), mit dem 
es auch bereits von Kemble, Cod. dipl. 3, XX VII identifiziert ist: ( It is 
so frequently coupled with words implying the presence of water as to 
render it probable that, like the Friesic hemmen, it denotes a piece of land 
surrounded with paling, wicker- work, etc., and so defended against the 
streun, which would otherwise wash it away' (Bosworth- Toller 506»). 
Vgl. auch Leo, Rectitudines 82 f. E. S.] 



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318 BREMER 

havk 'habicht', vielmehr als hauuk anzusetzen. Vgl. sat 
hauük Habicht, falke', 6. Jap. hauck. 

hei 'sinn 1 . Unter den belegen fehlt der besonders charak- 
teristische mith bisette hei B 159,26 'mit besessenem sinn, be- 
sessen, verrückt'. 

heia, heila 'ferse'. Daneben muss notwendig rüstr. *Atto 
bestanden haben > wang. Ml. 

hemma, hamma heisst nach Kern, Glossen in der Lex 
Sal. 102 nicht, wie v. R. angibt, ' hemmen', sondern besonders 
' verstümmeln'. Sal f rank, chamian ' verstümmeln , lähmen \ l ) 
Vgl. homelia l verstümmeln', hemüinge 'Verstümmlung'. Günther 
H9 zieht got. hamfs 'verstümmelt' herbei. 

her s. bla. 

herta 'hirsch'. tha h~ tan 'ceruos' Ps. 2 b . 

hi s. bla. 

herbergeman findet man unter hiriberge. 

herfst 'herbst' nur einmal spätwfrs. belegt Als filtere 
form ist zweifellos hervest anzusetzen, wie noch Westing schreibt. 

hersban s. Jaekel, Beitr. 15,535 f. und van Holten, Beitr. 
16,315. 

hervest 'herbst s. herfst. 

hlaka 'lachen'. Nicht hlaka, sondern hlakkia nach aus weis 
des praet hlackade und des neuwfrs. laitsje. Als älteste form 
ist hlahhia anzusetzen. Das kk ist erst im späteren altwestfries. 
aus hh entstanden, grade so wie hier thlh (z. b. in aththa) so 
tt geworden ist. Die von mir als 'nordsächsisch' bezeichneten 
mundarten (Niederd. jb. 13, 11 f. anm.) an der Westküste Schles- 
wigs stimmen zum anglischen hlwhhan (vergl. Sievers, Ag*. 
gramm.2 § 162, 1), wenn auch die flexion die der schwachen 
ö-verba ist: Amrum (und analog Föhr, Süd, Helgoland) toxi. 
In den eigentlich nordfriesischen mundarten aber heisst 'lachen' 
lakd oder lök? (ö = offenes langes o). Wie aber verhalten sieb 
hierzu die neuostfries. formen: Cad. -Müller legge*, wang. läj, 
sat laypl Der einzige beleg für afries. hlakkia stammt aus 
Westfriesland. Im ostfries. ist der übertritt in die schwache 

[') In Hesseis' Lex Salica 486 (§ 118). 504 (§ 159) erklärt Kern du 
wort jetit mit ( to pincb, aqueeae', obwol auch er howitlim rar w- 
gleichung herbeilieht £. S.] 



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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 319 

o-conjugation nicht auf dem ganzen gebiet erfolgt. Wang. läy 
beweist für das Weserfriesische, wenn auch nicht die ursprüng- 
liche flexion — das wort hat umlaut und geht schwach: läy, 
läyet, läyeten, läyet — so doch einen afries. inf. auf -a und 
nicht auf -ia. Denn wir sind nicht berechtigt für das wang. 
einen conjugationswechsel anzunehmen, da sonst im wang. regel- 
mässig verba auf -i den afrs. auf -ja entsprechen. Die sat. 
fleiion stimmt zu der westfriesischen. Die wgerm. geminata 
hh ist im ostfries. nach ausweis dieses einzigen beispiels ' er- 
weicht' worden. Mit der Schreibung y habe ich in diesem falle 
nicht die stimmhafte, sondern nur die lenisaussprache bezeichnen 
wollen. AI so altostfries. *hlahhia (Ems), *hlehha (Weser) mit 
hh und nicht mit g. Uebrigens beweist der mangel des Um- 
lauts im sat, wfrs. und nordfrs., dass hier der übertritt in die 
schwache fl-conjugation sehr alt ist und in die zeit fällt, als 
die Angelsachsen noch auf der kimbrischen halbinsel sassen. 

hleda Häuten' fehlt bei v. R. Günther 43 belegt das praet. 
Mette F 44 o. Vgl. nwfrs. Hede 'tönen, lauten, läuten', praet lette. 

hleta. Der artikel ist nach Kern, Taalk. bijdr. 2, 192 zu 
streichen. Van Helten, Beitr. 14,252. 

hlia. Lehrreich ist die bedeutung von sat. Ifo 'gestehen, 
wenn man vorher nicht mit der spräche heraus wollte, womit 
auch der begriff der reue über die tat, die man gesteht, ver- 
bunden ist'. 

hlidia. Vielmehr hHda 'bedecken' trotz des einzigen 
beleges to hlidiane F 307, 32. Günther 23. 

hlötb. Synonym mit warst, aufzufassen als 'heerd', nach 
Kern, Taalk. bijdr. 2, 191. Jaekel, Zs. fdph. 23, 140: 'eine zum 
einbrechen vereinigte schaar oder bände'; vgl. ags. hlöti 'eine 
zum gemeinsamen stehlen vereinte gesellscbaft oder bände von 
7 big 25 (lieben ' (Schmid, Gesetze der Angelsachsen s. 17). *) 

bongia muss als besonderer artikel angesetzt werden. 
Die belege verzeichnet v. R. unter hua. 

hopia 'hoffen'. Praet hopade 'sperauit' Ps. 2*. Nwfrs. 
hoopje. 

höria 'huren' fehlt bei v. R. Nur in overhöria. 



l l ) Vgl. auch ags. hlööere praedo Wright-Wttlcker 1,506 = ahd. 
landtri latro TaÜan 199, 8. £. S.j 



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320 BREMER 

hoxene, hoxne Kniekehle'. Vgl. zu diesem artikd 
Friesche volksalmanak 1890, 8. 48 anm.: 'Die hoxt' komt voor 
als aanwijzing of naam van een stukje land op faet Segist« 
van Aanbreng, op Suyricb, dl. III, pag. 419. 'Hoxe wordt in de 
Friesche taal nog gebruikt voor de kniebuiging, alzoo vor d&t 
deel van het menschelijk been, waar, bij baiging der knie, door 
onder- en bovenbeen, en hock wordt gevormd*. 

hoxna. Vielmehr hoxnia, auf grund der 3. gg. hoxnatk 
Günther 58. Nach Kern, Taalk. bijdr. 2, 1879, nicht 'behexen', 
sondern eine art von 'lähmen'. Welche, s. hoxene. 1 ) Vgl van 
Helten, Beitr. 14,253. 

href 'bauch' s. rif. 

hreilmerk, wörtlich 'gewandmark 9 , geldwertbezeicbnung 
— 4 weden = Va Mnmerk. 'Seitdem man statt der wede regel- 
mässig mit metall zahlte', bedeutete reilmerk 'die summe von 
48 pfennigen oder 4 Schillingen. Sie war und blieb aber doch 
die grosse, in der man nach alter gewobnbeit die summen, die 
an die friesischen gerichtsgemeinden zu zahlen waren, auf- 
drückte, und für die sich in dem reinen metallgeldsystem kein 
entsprechender name fand. Die reilmerk .... blieb die mark 
des inneren friesischen Verkehrs, weshalb für sie auch, nament- 
lich und zuerst in den westlichen landen Frieslands, der name 
volksmark ('liudmerk') aufkam. Im Verhältnis zu den vieles 
anderen marksorten, die allmählig bei den Friesen eindrangen 
und neben einander gebraucht wurden, nannte man sie dann 
auch vielfach die 'kleine 1 mark'. Jaekel, Zs. f. numismatik 
11 (1884), 189. 191 f. 2U0f. und 12 (1885), 170f. 189. Im 
gegcnsatz zu v. Kichthofen zeigt Jaekel bes. s. 171 anm. die iden- 
tität von hreilmerk und liudmerk. 

hreka. Vielmehr hrekka 'reissen'. Günther 39. 

hrene 'rein' s. rette. 

hreplik s. replik. 

hreppa s. reppa. 

hreppinge 8. reppinge. 

hrif 'bauch' s. rif. 

hrither 'rind\ Kern, Glossen in der Lex Sal. 49t: 
«Dies allbekannte wort bedeutet gewöhnlich riud überhaupt 

l 1 ) So schon Bugge, Tidskr. *, 302 in igt, onhöksnimn. E. S.J 

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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 321 

oder 'koebeest', wie man im ndl. sagt 9 . 'Neben der allgemeinen 
bedentung besass es auch die, welche es im nordfriesischen hat; 
das nordfries. redder oder ridder ist rind, aber ganz besonders 
ein junges, und im bauernfriesischen bezeichnet riere (aus ha- 
dere) immer ein junges rind, eine ftrse'. 

h r ör i a. Günther 63 belegt die 3. plur. praes. rorat F 120 o. 
Parallelverbum mit gleicher bedeutung hrSra. — Compos. bi- 
kröria. 

höre 8. forahüre und landhüre. 

hu sa. Vielmehr hüsia 'beherbergen', auf grund der 3. sg. 
hüsalh und des opt. hüsge, dazu praet. wfrs. hüsade belegt. 
Günther 58 und 68. Vgl sat hüzje 'ein haus bauen'. 

hwllia <welken'(?) fehlt beiv.R. Verbaladj. wilat F 272. 
Ahd. hnfitön? Günther 61.' 

lata 'giessen' s. giata. 

je ldm er k 'geldmark' oder höchste mark, eine mark zu 
12 Schillingen. Dazu vgl. Jaekel, Zs. f. numismatik 12 (1885), 
178—184. 

ifnia 'ebenen' s. ivenia. 

t8ern, trsen 'eisern' adj. fehlt bei v. R. In der wfrs. 
Chronik steht een yrssen flayle. Vgl. nwfrs. izeren. 

itskeddia 'erschüttern'? Zu skeddia 'stossen, schütteln'? 
t7- vor s für id-? it skeld • enda 'concucientis' Ps. 2 b . 

ivenia, ifnia 'ebenen' fehlt bei v. R. S. eifna und mena. 

kampia, nebenform zu kampa, kempa, fehlt bei v. R. Opt 
praes. kampie FH 160 u. Günther 63. 

kgd und kethere Instruction sricbter\ Kern, Glossen in 
der Lex Sal. 78 f. — Minssen, Fries, archiv 2, 191 : es wählte 
'in Ostfriesland jede gemeinde ihre Vorsteher, die vorzüglich die 
polizei und militärsachen verwalten mussten, sie hiessen bauer- 
richter, kedden auch schüttemeister, in den Städten schütten- 
richter und schütten hoftlinge; schon vor dem jähre 1567 waren 
diese zu Emden bekannt, wo sie grenzstreitigkeiten entschieden, 
die stadtpolizei besorgten, die aufsieht über den schiessgraben 
führen und die bürger im schiessen üben mussten. S. Ostfries, 
mannigfaltigkeiten, bd. 2, s. 251'. 

keia 'behüten' fehlt bei v. R. Günther 45 belegt das 
praet. kayde F 120 m. Zu kei, kai ' Schlüssel'. 

Beiträge sor geschieht« dar deutschen iprache. XVII. 21 



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322 BREMER 

keke 'kinnbacken' £226, 14 ist zu streichen. Es ist ein 
Schreibfehler für beke (van Holten, Aofrs. gr. s. 108, § 133 anm.l). 
Eine afries. form kike gibt es also nicht. Was Siebs, Zur 
gesch. d. engL-fries. spräche 1, s. 195 über das Verhältnis von 
afrs. keke zu tziäke sagt, ist hinfällig: iä in (z(äke ist nicht 
aus i durch vorausgehenden palatal diphthongiert worden, ist 
vielmehr = germ. eo; vgl. ags. cioce. 1 ) Afrs. tziake regel- 
recht > wang. söke 'wange'. 

kelda fehlt bei v. R. Verbaladj. ekalt F 100 o. Ahd. 
kaltin = frigidum fieri. Günther 39. 

kethere s. kSd. 

koka ' kochen'. Vielmehr kokia. Vgl. wang. kocki, sat 
kökje, zuidhoeksch kökje, landfries. koaitsje. 

kona. Nach Jaekel, Zs. f. numismatik 12 (1885), 151 f. 
ist der Schilling cona 'ein Schilling' (d. i. eine zwölfzahl) Kölner 
Pfennige. Das wort 'cona' ist daher höchst wahrscheinlich aus 
'Colna' zu erklären, zumal es der friesische dialekt liebt, das / 
vor dem nasal ausfallen zu lassen'. Dann ist natürlich cöna 
zu lesen. Zur assimilation eines / an folgenden nasal vgl 
skem(m)a 'soll man' B 176, 17. E* 146,3. 188,23. F 5 mal; pL 
sken 'sollen' H 329,6. 18. 330,29. E und F oft Näheres über 
den skilling cona Jaekel a. a. o. 147 — 152. 

korta, kerta, kirta. Der beleg kert E 217, 1 gehört viel- 
mehr zu kerva, nach van Holten, Aofrs. gramm. s. 88. 

krawa. Günther 58 setzt kräwia an, auf grund der 3. sg. 
kraweth F 86 o. und vergleicht ahd. chrawön 'carpere'. 

kristegia * Christ werden' fehlt bei v. R. Praet pl. christe- 
gaden F132o. 

lad 'lot' der Rtistr. busstaxen, R 536, 1 (§4) <muss als 
ein lot gold gefasst werden, und es ist 1 lot gold nach dem 
älteren busstaxentext — 10 Schilling cona, nach den Zusätzen 
von 1327 = 12 Schilling cona'. Jaekel, Zs. f. numismatik 12 
(1885), 150 f. 



[') Diese form beruht aber meines wissen s nnr auf der einen stelle 
Male.ceocan Wright-Wülker 1,290,25; dagegen ist ciace (angl. cict) 
oft bezeugt, nnd erscheint auch in der glosse Mandibräe : ceacan ib. 
1,290,27 zwei zeilen nach jenem ceocan, das danach wol sicher nur 
einen Schreibfehler enthält E. S.J 



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ZUM At/TFRIES. WÖRTERBUCH. 323 

laga. Vielmehr lagia ' bestimmen', auf grund des praet. 
lageden F 8 o und des verbaladj. eiagad. 

län s. withirlün. 

landhure 8. Jaekel, Beitr. 15, 533 f. 

landsture s. van Holten, Beitr. 16, 314 f. 

lede ist nach Kern, Taalk. bijdr. 2, 172 f. zu streichen. 
R 173, 22 ist hülide zu lesen 'wie beschaffen?' 

lega, leia, ledsa, lidsia * legen*. So v. R. Der einmal 
belegte inf. legen ist schon wegen des n plattdeutsch. Auch 
leia ist nur einmal belegt und wjrd wohl eher auf einem ver- 
sehen beruhen, als dass eine analogiebildung nach der 2. und 
3. sg. praes. lebt, leith, dem praet. leide und dem verbaladj. 
leid anzunehmen wäre, wie sie in dem mundartl. leie im sat. 
vorliegt. So bleibt allein afrs. ledsa, ledza, wfrs. lid(s)z(()a. 
Vgl. wang. lidz, sat. lezze, nwfrs. lizze. S. liga. 

leinmerk, wörtlich ( leinwandmark', geldwertbezeichnung 
= 3 reilmerk = 12 weden. Dafür seit dem 11. jh. die metall- 
münze 1 mark =12 Silberschillingen. Jaekel, Zs. f. numismatik 
11 (1884), 189. 198. 200. 

lema, lama 'lähmen'. Vielmehr lemma, lamma. Die allein 
belegten formen der 3. sg. ind. praes., des conj. praes. und des 
verbaladj. müssen natürlich einfaches m haben. 

lena, lenia. Vielmehr 2 verba: 1. lina, 2. lenigia. Letz- 
teren inf. erfordert das verbaladj. lengad R 1 117, 6. 8, dessen 
g nicht, wie v. R. will, für j steht Günther 63 und 69. 

lenda 'zu ende bringen'. Opt. praes. lende EM 46, 6 (so 
statt eende zu lesen). Vgl. mnd. lenden. Van Helten, Aofrs. 
gramm. s. 224. 

lema, lirna. Vielmehr lernia, Hrnia 'lernen', auf grund 
des verbaladj. gelernad, elirnad. Günther 58. 

lesene, 'mit dem ahd. 'lisina' identisch, bezeichnet ebenso 
wie das ahd. 'lesa', mhd. 'lese' einen wollenen kleiderstoff sowie 
ein daraus verfertigtes kleidungsstück', 'ist also nur ein anderer 
name für die wede.' Jaekel, Zs. f. numismatik 12 (1885), 148. 

let. '1) im pos. . . .' bis l tha liaua antha letha £6,9' ist 
zu streichen. Beide belege gehören nach Kern, Taalk. bijdr. 
2,174 vielmehr zu /ilA'leid'. Auch die unter 2)o angegebene 
bedeutung 'schlechter' kommt let nicht zu. Der einzige beleg 
hierfür littere £ 99, 6 gehört eben wegen der bedeutung (gegen- 

21* 



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324 BREMER 

satz zu bethere) vielmehr zu litik 'klein, gering 1 . So bleibt for 
let allein die bedeutung 'spät' bestehen, die auch dem nwfre. 
let zukommt 

lethoga. Vielmehr lethogia 'ledig, frei machen 1 aufgrund 
des praet lethogade. Günther 58. 

leva, lavia, liova 'zurücklassen'. Das verbum beisst 
ofrs. leva > wfrs. Iiout$a (s. den folgenden artikel). Daneben 
steht, mit gleicher bedeutung, das denom. lävigia, das widerum 
— vgl. nhd. endigen und enden — eine nebenform lävia hat 

leva, liuva, liova 'glauben'. So v. R. Der inf. ist ofrs. 
als leva anzusetzen ; vgl. wang. leiv, sat. (g)liy,e. Im wfrs. hat 
sich bekanntlich nach jedem langen vocal vor w ein u ent- 
wickelt (Ißva > *liuwa); der so entstehende diphthong wurde 
unter Verkürzung des ersten componenten auf dem zweiten be- 
tont, der gedehnt wurde (*leuwa > *leüwa > liüwa), und jedes 
lange ü ist späterhin vor w diphthongiert worden (Ijüwa > 
liourva). Eine form liova hat es sonach nie gegeben; vielmehr 
ist das allein belegte lyowa eben als liourva zu lesen = nwfm 
leauwe. Vgl. die entwicklung des wortes 'abend': ewenda ist 
B. 169, 18 für das ofrs. belegt; vgl. wang. aiven. Auch wfrs. 
ist noch ewnd (jedenfalls schon eüwnd zu lesen) a. 1441 Schw. 
521 belegt Schon 1463, 1474, 1479, 1481 heisst es jownd oder 
jound — man s. die belege bei v. R. unter l avend\ — Gleich- 
zeitig ist ium, iurvn belegt. Ein beleg für die moderne form 
jowen stammt schon aus dem jähre 1415. Die zuidhoeksche 
mundart ist auch in diesem punkte conservativer: in dem 
Hindeloper seemanns-almanach vom j. 1679 ist noch eeond be- 
legt. Vgl. auch Leeuwarden > Ijouwert (Lewardiae 1368, Zy- 
outverdera del schon 1392 belegt.) 

leva 'belieben' s. iiavia, luvia, levia. 

liacht, licht 'licht'. Letztere form ist zu streichen. Es 
heisst stets liacht. Das einmal belegte lichte W 403, 6 mnss 
in liachte gebessert werden, falls, wie es scheint, das wort 
überhaupt hierher gehört 

liaga, liatza 'lügen'. So v. R. Nur Ijßga ist als inf. 
anzusetzen, lieber den angeblichen opt. liatze s. van Holten, Beitr. 
14,262. 

Iiavia, luvia, levia 'lieben'. So v. R. Es sind 3 ver- 
schiedene verba, deren jedes einen besonderen artikel für sich 



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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 325 

beansprucht* 1. l{äoia 'lieb werden ', 2. luvia 'lieben' = ags. 
lufian, 3. leva ' belieben '. Vgl. van Helten, Beitr. 14, 261 f. 

libba, liva, leva 'leben'. So v. R. Natürlich ist als inf. 
nur libba anzusetzen, wie auch allein belegt ist. Die formen 
mit v sind nur für die 3. sg. ind. praes. und für das praeteritum 
belegt, wo sie allein grammatisch berechtigt sind; vgl. van 
Helten, Aofrs. gramm. s. 222. 

liga, lidsa, lidzia 'liegen'. Die erstere form kommt gar 
nicht vor und ist zu streichen; vgl van Helten, Aofrs. gramm. 8.222. 
lidszia, lidzia, lidsza, lidza sind gleichberechtigte Schreibungen : 
auf das d folgt ein ursprünglich mouilliert gesprochenes stimm- 
haftes s. Im nfrs. — schon im afrs. sind die ausätze dazu 
da — sind 'liegen' und 'legen' zusammengefallen: wang. lidz, 
sat. lezze, nwfrs. lizze bedeutet beides. 

hödmerk s. hreilmerk. 

litik 8. let. 

löndhüre s. landhure. 

löndstüre s. landsture. 

makia s. matia. 

marteldöm 'martyrium' wfrs. Chron. 

mar wey, dat. sg., urkundlich 1375 bei Emden. Beitr. 15, 543. 

matia, maitia, meitia 'machen'. Der ganze artikel ge- 
hört zu makia. v. R. lässt es ungewiss, ob matia nur eine 
nebenform von makia sei. Es kann indessen keinem zwei fei 
unterliegen, wie schon Epkema gesehen hat, dass die spätwfrs. 
Schreibung matia, meythia, maytia die assibilierung des afrs. k 
darstellt ; vgl. nwfrs. meitsje. Zuidboeksch ist übrigens kj 
erhalten: in dem Hindeloper eeemanns - almanach v. j. 1679 
m<B<Bikje\ einen modernen beleg finde ich grade für dieses wort 
nicht; wol aber zuidhoeksch kökje 'kochen', hindel. kooikje 
= landfries. koaitsje. Im ostfries. ist k vor dem afrs. -ia (mit 
silbischem i wie im ags.) der schwachen verba erhalten : Cad.- 
Müller macki, Westing macken und mtckie, v?a.ng. macki, sat. ma9kje. 

mea. Vielmehr m%a 'mähen'. Belegt ist nur die 3. sg. 
ind. praes. meth. Indessen wird der inf. mjp völlig sicher ge- 
stellt durch die neufries. formen: Cad.-Müller miahnen 9 sat miöe, 
G. Jap. mjean. Wang. mei ist eine neubildung der art, wie ich 
sie 8. v. gland, gliand besprochen habe. 



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326 BREMER 

mena * vorwärts treiben'. Als einzigen beleg führt v. R. 
das verbaladj. emenad R 1 131,3 an, aus dem übrigens auch 
nur ein menia zu folgern wäre. Der ganze artikel ist aber zu 
streichen. Nach van Helten, Beitr. 14, 238 und Aofrs. gramm. 
10 (2) steht in der hs. ganz deutlich eivenad. Der beleg gehört 
also zu ivenia, ifnia 'ebnen'. 

merk 'mark'. Jaekel, Das friesische pfund und die frie- 
sische mark, Zs. f. numismatik 12 (1885), 144 — 200. Die fries. 
mark (wie die ags.) = V2 pfund = 3^2 Schillinge = 42 pfennige; 
sie ist 14 kölnische lot schwer und verhält sich zur Kölner 
mark wie 14 : 16. 'Die friesische mark ist von der kölnischen 
sehr früh verdrängt worden und hat sich nur im äusserten 
osten Frieslands, in Rüstringen, Wursten und Wtthrden, neben 
der kölnischen bis ins 16. Jahrhundert behauptet'. 

merka * merken* fehlt bei v. R. Belegt ist der imperativ 
merc F 100 m. u. 134 0. 144 m. Vgl. nwfrs. merke. Mit andrer 
flexion merkia. 

mßrn s. mörn. 

ml, mei 'mag'. Im inf. als muga anzusetzen. Part mu- 
gande F 52 u. Vgl. sat. müge, gegenüber den neubildungen 
wang. mt, nwfrs. meije. 

m|ä 'mähen' s. mea. 

missdommat F 136 u. fehlt bei v. R. Günther 63 setzt 
darauf bin dommia an, als parallelverbum neben demma. 

molka fehlt bei v. R. unsometha molka F 112 m. 

monna. Vielmehr monnia ' heiraten ', auf grund der 3.8g. 
monnath. Günther 59. Das wort wird begreiflicherweise nur 
auf frauen angewendet Vgl. wxvia. 

mörn * morgen', nur wfrs. belegt. Daneben ist mit umlaot 
mSrn für das ofrs. anzusetzen > Cad.-Müller meehn, wang. min. 
Dies mSrn ist, wie ich aus van Helten's Aofrs. gramm. s. 126 
§ 154, ersehe, wirklich belegt in sön a mSrna R* 544, 18. Von 
hause aus kommt das S natürlich nur dem loc sing, zu, dem 
casus, in dem das wort am häufigsten gebraucht wird. 1 ) 

muga s. mf. 



[') Im ags. ist die flexion morgen — merne noch restweise erfatltei. 
Beitr. 8, 331. E. 8.] 



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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 327 

nammon u. s. w. 'niemand', nymma Wfrs. chron. 

nära. Dazu vgl. wang. nfor 'traurig, elend, erbärmlich, 
bemitleidenswert, gering 9 , auch 'geizig, krank, gerührt 1 ; es be- 
deutet überhaupt etwas verächtliches. Vgl. van Helten, Beitr. 
14, 264 f. 

naschfelden s. Jaekel, Beitr. 15,532 — 535 und van Helten, 
Beitr. 16,315. 

nasependinge 8. Jaekel, Beitr. 15,532 — 535 und van 
Helten, Beitr. 16,315. 

nasesceldes. Jaekel, Beitr. 15, 532 — 535 und van Helten, 
Beitr. 16,315. 

nedigia, nedgia, neda 'nötigen'. Nach Günther 63 viel- 
mehr 2 verba: 1. nida, 2. nSd(i)gia, denom. von 'nötig*, netigade 
R 23, 30 wird wohl Schreibfehler für nedigade sein ; andernfalls 
müs8te man eine contamination annehmen nette : nedigade. 

neta. Vielmehr netta 'nützen'. Günther 41. 

nithre. Dazu n thre (descendit) Ps. 1% 1. 

onbogia, on bogeia 'inljabitare' Ps. 2 b . 

öndul 'das auf dem aussendeich wachsende gras, das der 
Überflutung ausgesetzt ist'. Nom. pl. ondlar 1356 (Ostfrs. urkdb. 
1, nr. 79). Dat. pl. ondlum 1378 (ebd. nr. 134). In Ortsnamen 
Ondelmeed 1437 (ebd. nr. 469). Ondulmadun im ältesten Wer- 
dener register (Crecelius s. 22). inna Liteka Ondias 1375. — 
Beitr. 15, 543. 

öntasta. Ger. onthotasten F 46 u. 

overhora. Nach Günther 58, vielmehr overhöria. 

pas Augenblick, Zeitpunkt, schritt'. Vgl. Buitenrust Hettema, 
Beitr. 14, 154 f. Zu den belegen op dit pas vgl. wang. fon dit 
pas 'diesmal'. 

passia 'passen, abpassen, abmessen'. Buitenrust Hettema, 
Beitr. 14, 154 f. Wang. pas 'passen'. 

paulunceo 'tabernaculum' Ps. 1*. 

pendinge s. nasependinge. 

pennega. Vielmehr pennigia 'bezahlen', auf grund des 
verbaladj. pennegad. Günther 59. 

plichta fehlt bei v. R. Günther bringt den inf. plichta 
FllOu. bei und das verbaladj. biplichte F40u. 



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328 BREMER 

pünd 'pfund\ Jaekel, Das friesische pfund und die frie- 
sische mark, Zs. f. numismatik 12 (1885), 144—200, zeigt 

1. 'dass die Friesen im ersten viertel des 11. Jahrhunderts 
sieben weden (oder lesenen) sowie auch die an wert sieben 
weden gleichstehende metallgeldsumme von sieben Schillingen 
(Schillingen cona) oder von 84 silberdenaren zu einem pfunde 
zusammenfassten.' 'Die friesischen rechtsaufzeichnungen, in denen 
sich das pfund zu 7 agrippinischen pfennigen und das pfund 
zu 7 weden oder 7 Schillingen findet, gehören zu den ältesten 
einheimischen aufzeichnungen des Stammes. Zur zeit ihrer ent- 
stehung kannte man diese beiden siebenteiligen pfundarten in 
ganz Friesland vom Fli bis zur Weser. Was die späteren 
friesischen aufzeichnungen anlangt, so stösst man nur noch in 
einigen Weste rlauw ersehen rechtsquellen auf ein sieben- 
teiliges pfund, das an metallwert von den beiden genannten 
pfundsorten widerum erheblich verschieden ist'. l Diese pfund- 
rechnung, deren Ursprung vor dem jähre 1000 liegt', ja * älter 
als das achte Jahrhundert' ist, war 'seit dem zwölften Jahr- 
hundert im absterben begriffen/ Sie war im 11. jh. 'zwischen 
Fli und Weser im ausschliesslichen gebrauch'. 'Bei keinem 
der andern deutschen stamme findet sich . . . eine spur eines 
derartigen siebenteiligen pfundes'. Nur in der benachbarten 
Drentbe hat dieses eingang gefunden. 

2. Das zwanzigteilige kölnische pfund, im gegensatz 
zum siebenteiligen, = 20 groschen bez. Schilling. Dies begegnet 
uns ausser in der Lex Friß, in den Rüstr., Emsg. und Huns. 
allgem. busstaxen und in den meisten westerlauerschen texten. 
Es hat sich 'von westen her 1 eingang verschafft, l zuerst in dem 
westerlauwerschen Friesland ', 'dann auch östlich der Lauwers 
in den Ommelanden und im Emslande', aber in Westfriesland 
'die friesische pfundrechnung erst im 15. Jahrhundert vollständig 
verdrängt*. 

Das fries. pfund war schwerer als das kölnische. Jenes 
wog 28, dieses 24 kölnische lot. 

Das pfund 'teilten die Friesen, wie die Angelsachsen', 'in 
2 mark.' 

pündemeta 'pfundmass'. Vgl. Jaekel, Zs. f. numismatik 
12 (1885), 164—166, 



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ZUM ALTFRIE8. WÖRTERBUCH. 329 

ranna s. renna. 

redigia rediegande 'preparantis* Ps. 2 b . 

rein l regen', nur wfrs. belegt, nwfrs. rein. Die ostfries. 
form ist rin > Westing rin, Cad.-Müller rien, riehn, wang. rin, 
sat rin(ri). 

reknia fehlt bei v. R., belegt F 122 u. 

remia 'einen räum herstellen, erbauen 1 fehlt bei v. R. 
Günther 59 belegt das yerbaladj. remat F 42 o. — Nicht zu 
verwechseln mit rema l platz machen, räumen'. 

renda, randa. Die letztere form zu streichen. Es heisst 
nur r&nda. Formen mit a sind nur in der 3. sg. ind. praes. 
und im yerbaladj. belegt, und hier ist a die regelrechte Ver- 
kürzung von e vor zwei stimmlosen consonanten derselben silbe. 

rene 'rein', natürlich als hrene anzusetzen. 

renna l rinnen, rennen'. Daneben runna, was v. R. nicht 
besonders anführt. Letztere form ist nicht nur R 75,19. 214, 
14 und H 337,29 belegt, sondern auch in dem wfrs. ronna (opt. 
rönne mehrmals, verbaladj. rönnen W 437, 8). Vgl. das Ver- 
hältnis von bärna : bürna. ronna hat v. R. als besonderen ar- 
tikel. Zu dem starken verbum runna gehört das praet. wfrs. 
ran. renna kann, wenn es gleich an beweisenden belegen fehlt, 
(trotz van Holten, Aofrs. gramm. s.207, § 270 f.) nur ein schwaches 
verbum sein; vgl. das Verhältnis von bürna : bürna. Und deshalb 
muBS notwendig neben renna die nur zufällig nicht belegte form 
fanna angesetzt werden. Alle verba auf germ. -amjan, -anjan, 
-avffjan, -ankjan, -ampjan gehen im afrs. entweder auf -amma, 
-anna, -anga, -anka, -ampa oder auf -emma, -enna, -enga (-en- 
dszia), -enka (-ens2{a), -empa aus. Vgl. damma und demma, framma 
und fremma, hamma und hemma, lamma und lemma, tvlamma und 
wlemma; kanna und kenna, desgl. mit metathesis bärna und 
berna; branga und brenga (brensza), sanga und senga, swanga 
und swenga, schanka und skenka (skenzia), thanka und thenzia; 
kampa und kempa. Wir haben es hier nur mit verschiedenen 
Bebreibungen für einen laut zu tun, der zwischen a und e lag. 
Dieses ce ist offenbar das ags. ce, f, welches statt gewöhnlichem 
e in denselben fällen in gewissen texten geschrieben wird; vgl. 
Sievers, Ags. gramm. 2 § 89, anm. 2 (auch bcernan); die Erf. gl. 
schreiben hier öfter ae, $ neben e: die Ep. meist ae, f. Ebenso 
wie ags. nuen, cengel wird auch afrs. bald man bald men ge- 



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330 BREMER 

schrieben, 'mensch' bald man(ni)ska bald men(ne)ska, ' enger 
bald angel bald engel, 'hengst' bald hanxt bald h engst, 'länger 1 
bald langer bald lenger, 'er geht' bald ganght bald 0W0/A, 
4 kämpf er 1 bald kampa bald Äempa, 'fremd 1 bald fram(e)d bald 
fremed x ) } 'hemde* bald hamede bald hemethe 1 ), 'Ems* bald i4m#f 
bald EmeseX) Dagegen kommt vor nd ein analoges schwanken 
nicht vor, wird vielmehr stets e (d. i. e) > wfrs. ei geschrieben; 
vgl. blenda, endia, hinda, penda, renda, senda, wenda, binde, 
enda, wend. Dass im fries. wirklich ein solches m in jenen 
fällen vorliegt, geht einerseits daraus hervor, dass echtes a ror 
nasal im ostfrs. unerhört ist — in beispielen wie fand, band 
ist der vocal eben deshalb lang, vgl. Sievers, Ags. gramm.' 
§ 3S6, anm. 3 — , andrerseits aus der entwicklung des neufriea 
Im wang. und sat. steht in diesen fällen a, im nwfrs. i (so 
schon im jüngeren awfrs.; man siehe die belege bei v. R.). 
Z. b. wang. ban, sau, doch swev, pank > tank, frommt, hamimn, 
sat. barnje (baddenje), brazve, saeve, tazvke, madnske, honst, 
fraamd, nwfrs. rinne, bringe, stvinge, skinke, t'mke, minske. Weder 
Siebs (Beitr. 11,251; Zur gesch. d. engL-fries. spr. 79 f.; in 
Pauls Grundriss 1, 731 und 735) noch van Helten (Beitr. 14,240 
und Aofrs. gramm. 31 — 35) haben diese erscheinung erkannt, 
nehmen vielmehr in diesen fällen teilweise erhaltung des geim 
a an, das der nasal vor dem umlaut bewahrt habe. Ein nasal 
umlaut hindernd! — Nwfrs. rinne haben wir kein recht = genn. 
rinnan zu setzen, obwohl es stark flectiert wird. 

replik. Vielmehr hreplik. 

reppa. Natürlich ist hreppa anzusetzen. Günther 39. 

reppinge. Vielmehr hreppinge. 

rif, ref 'bauch', ist natürlich als hrif anzusetzen. 

rotha. Vielmehr rothia 'roden 9 , auf grund der 3. sg. ro- 
that. Günther 59 fragt: gehört hierzu auch das verbaladj. vor- 
rot ad F 100 m.? 

ruda. Vielmehr rüdia 'zerren', nach aus weis des verbaladj. 
(e)rudad. Ueber die etymologie dieses Wortes = ahd. riUon s. 
Kern, Glossen in der Lex Salica 169. 

') Diese formen beweisen, dass zur zeit des anglo- fries. t-umltutt 
schon framdi-, hampi-, Amsi- (vgl. Amsivarii) neben framid-, lump-, 
Amis- vorlagen, folglich dass zur zeit des umlauts in dreisilbigen Worten 
synkope des t eingetreten war. 



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ZUM ALTFRIE8. WÖRTERBUCH. 331 

r im na s. renna. 

rfitforst Traditiones Fuldenses §31: census qui dicitur 
rütforsL § 32 rutforstar. Vgl. Jaekel, ßeitr. 15,532—536. 

salva. Vielmehr sälvia 'salben' nach dem E 1 247, 5 be- 
legten praeteritnm saluade. Doch vgl. van Helten, Beitr. 14, 260, 
der hier ein besonderes verbum saluia * färben, sich verfärben 9 
annimmt. 1 ) 

samena. Vielmehr sam(e)nia 'versammeln \ aufgrund des 
praet. samanade und des verbaladj. samened, samnad. Die be- 
lege sind aus Westfriesland. Der artikel gehört natürlich zu 
sornnia, sogenia 'versammeln' (vgl. auch somnath, sogenath 'Ver- 
sammlung). Hier stammen die belege alle aus Ostfriesland. 
Ostfrs. som(e)nia und wfrs. samenia entspricht sich ja genau. 
F20o. steht der plur. praes. sompniat. sog(e)nia ist aus *sou(e)nia 
entstanden ; vgl. sigun, s(ugun, sogon 7 < *siuun (wfrs. soven, 
saun). *sou(e)nia repräsentiert ein urgerm. *sabnöi<m neben 
*samnöian. Da im ofrs. o steht und nicht a, so muss das o 
von der form mit m her übertragen sein. Ueber urgerm. bn = 
m und das alter von damit zusammenhängenden analogie- 
bildungen s. Zs. fda. 37, heft 1. 

sana, sannia 'streiten'. Günther 45 setzt nach der 3. pl. 
praes. samtath R a 540,34 und dem opt. sänne F 152 m. einen 
inf. sanna als wahrscheinlich an. Wegen des ostfrs. a vor 
nasal müssen wir senna, sanna (d. i. scenna) ansetzen; vgl. meine 
au8fübrungen s. v. renna. Die bei v. R. allein angegebenen 
wfrs. belege sind inf. sana und sannia (je einmal), plur. ind. 
praes, sanet (3 mal), opt sänne (einmal), verbaladj. sand (4 mal). 
Während diese belege sonst stimmen, kann der inf. nicht richtig 
überliefert sein. Analogiebildungen der art wie *sana nach 
sanet kommen nie vor; wir müssen W 3S8, 18 also sanna bessern. 
Dass auch W 411, 20 sanna einzusetzen sei, wage ich nicht so 



[*) Die ganze stelle ist nach Deut. 8, 1 ff. bez. 29, 2 ff. gearbeitet, 
and die worte ne hira rvede ne saluade entsprechen den Worten vesti- 
mcntum luum . . . nequaquam vetustate defecit . . ., en quadragcsimus annus 
est 8,4 oder adduxit vos quadraginta annis per des er tum: non sunt äU 
trita vestimenta vestra 29, 5. Vgl. auch mhd. stellen wie ir genant be- 
gonde salrven von heizen frühen Nib. 1334, ob da an Schemen vrouwen 
saiwei iht lichter wate Kndr. 1669 (Mhd. wb. 2 b , 35). Damit ist van Heltens 
deutung wol sichergestellt £. S.] 



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332 BREMfeR 

bestimmt auszusprechen, weil die möglichkeit eines Übertritts 
in die 0-conjugation, so wenig auch wahrscheinlich, doch nicht 
ausgeschlossen ist; vgl. kompia neben kampa, kempa u.dgl. 

sansa 'senken' nur einmal belegt. Nach dem s.v. rerma 
ausgeführten, müssen wir sanka, senka sens{z)a ansetzen. Die 
schwachen verba mit wurzelauslautendem k oder ng gehen im 
afrs. oft auf -ka, -ga, oft auch auf -sza bez. -szia aus. Vgl 
über die analoge erscheinung im ags. Sievers, Ags. gramni. 2 
§ 206, 6). So wird bald reka bald rilsfäa, bald sika bald seza 
geschrieben, smekka und smetsa, werka und tvirtza, skenka und 
skenzia, thanka und thenz(j)a, thinka und thins(zi)a, brenga und 
brensza. Das neufries. hat hier überall k oder v, ein beweis, 
dass die ausspräche im afrs. zwar palatal (vorn am harten 
gaumen), aber nicht assibiliert gewesen ist. Hingegen wgerm. 
gg in 'sagen', 'liegen', * legen* bat im afrs. assibilierung erfahren: 
es heisst afrs. stets seä(s)za oder sidza oder sidsa, lid{s){z{(ja f 
ledsa oder ledza oder lid{s){z(j)a; wang. — , lidz, lidz\ sat — , 
lezze, lezze; awfrs. sizze, lizze, lizze. Hier hat also ein j be- 
standen, als es in jenen fällen schon geschwunden war. 

sea 'säen 9 . So v. R. Belegt ist allein das starke verbal- 
adj. esin. Wahrscheinlich ist als inf. *siä anzusetzen (vgl. 8. v. 
gland); denn Cad.- Müller schreibt ziahn und in der 2. aufl. zy- 
ahnen 'sehen, Seminare'. Wang. sin, das schwach flectiert: sind, 
senden, sind, wird wol eine neubildung sein, wiewol ich nicht 
weiss wonach, und wiewol e statt wang. ai nur im auslaut gesete- 
massig ist (z. b. si 'die see'), also auf einen inf. *si < afre. 
*sia hinweist. Auch 'krähen' und 'mähen' sind im wang. un- 
ursprünglich : krö, kröd, kröden, kröd; mei, meid, meiden, meid. 
Im sat. entspricht, auch schwach flectierend, kr{6e (> k{de\ kride, 
krid und mtfe, mi(n)de, mindene, min(d). Sat. sidje und nwfre. 
siedje 'säen' sind denominativa von 'saat'. 

seka, sega, sedsa, sidsa 'sagen'. So v. R. Die ereteren 
beiden formen sind zu streichen, seka hat v. R. nach der 3. sg. 
sekth (— secht) gebildet und nach dem conj. sed(s)ze, wofür 
bei der unbeholfenheit der afrs. Orthographie einmal sehe ge- 
schrieben ist. Eine form mit g kommt in der flexion des verbums 
überhaupt nicht vor. Es bleibt sonach als inf. bestehen oft*. 
sed(s)za und wfr8. sidza, sidsa (> nwfrs. sizze). Der einmal 
belegte inf. seggen W 431, 22 ist natürlich die plattdeutsche 



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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 333 

form, wie sich solche fremdlinge ja gar nicht so selten in un- 
seren texten, bes. den westfriesischen, jüngeren finden. 

s6knia fehlt bei v. R. Belegt ist der opt praes. seknie 
F 110 u. Das wort gehört zu sikne. Günther 59. 

selia entnimmt Günther 59 zweifelnd dem verbaladj. 
vneselade F 112 m. 

senda, sanda, seinda 'senden'. Die mittlere form ist 
zu streichen, a wird nur geschrieben, wo kttrzung des e vor- 
liegt: 3. sg. ind. praes. sant, praet. sante, verbaladj. (e)sant 
Wfrs. seinda ist regelrecht aus senda entwickelt 

sera, sara 'anordnen, rüsten' sollte als serva angesetzt 
werden. Nur zufällig sind grade nur formen mit einfachem r 
belegt. Bekanntlich vollzieht sich der lautwandel rv > r in den 
afries. denkmälern vor unseren äugen, serva geht auf germ. 
*sarwjan zurück. Ob neben sera eine form sara zu recht be- 
standen hat, bezweifle ich. Falls die beiden belege für a nicht 
auf einem Schreibfehler beruhen, so läge es am nächsten, an 
einen laut & (vgl. s. v. renna) und an einen dem anglischen 
entsprechenden lautwandel zu denken; vgl. Sievers, Ags.gramm.* 
§ 159, 1. Allein das scheint nicht zuzutreffen. Zwar von verben 
auf -arwjan kommt sonst im afrs. nur noch hrverva vor, 2 mal als 
hwarva belegt, und binera, ausser an den 4 bei v. R. angefahrten 
stellen noch E l 48, 1 8 und F 14 m. mit e belegt ; vgl. dazu van Helten, 
Beitr. 14, 264 f. Unsicherer ist warnet W 411,21. Aber 'der 
erbe' und 'das erbe 1 ist massenhaft als erva, erve belegt, ohne 
dass Schreibungen mit a da- neben vorkämen. 

si ä 'säen' s. sea. 

sia 'verwunden'. Ueber dieses angebliche wort hat van 
Helten Beitr. 14, 269 f. gebandelt und abschliessend Buitenrust 
Hettema, Bijdragen tot het oudfriesch woordenboek 52 — 54. 
Beide haben übersehen, dass schon Kern, Glossen in der Lex 
Sal. 101 f. eine deutung = lat. secare versucht hatte, die sich 
freilich nicht mehr aufrecht erbalten lässt. Das verbaladj. esxn 
H 86, 5, in dem van Helten s. 270 ohne ausreichenden grund 
eine verschreibung für *esen erblickt, kann natürlich mit dem 
wfrs. schieta, syatta 'schiessen', welches an den bei v. R. s. v. 
angeführten stellen vorliegt, nichts zu tun haben, estn weist 
auf älteres *esiwin oder *esigin zurück. Im ersteren falle würde 
afrs. *sia — germ. sihwan ( seihen, tröpfelnd fliessen' vor- 



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334 BREMER 

liegen ! ): das äuge a. a. o. würde 'ausgelaufen' sein. Diese erklär- 
ung liegt jedenfalls eben so nahe wie die auf dieselbe bedeutung 
hinführende von Günther, Die verba im aofrs. 23: esin < *esigen 
zu siga, das im afrs. wol zufällig nur in der bedeutung 'sinken', 
nicht in der 'tropfen, fliessen' belegt ist. Möglich aber, das« 
esin für * esnin < aofrs. esnithin verschrieben ist v. R. führt 
8. v. sia noch leseyth S 457, 13 an, das weder zu skfita noch 
zu sia oder siga gehören kann. Es ist nicht sicher, ob a. a. o. 
offcseyth oder offeseynth zu lesen ist Da die bedeutung 'ge- 
schnitten' durch den Zusammenhang gefordert wird, vermute 
ich einen durch das unmittelbar voraufgehende peynth veran- 
lassten Schreibfehler für offcsneyn. Afries. s{äma, stma bezeichnet 
eine Verwundung. 2 ) Es bietet sich nur eine etymologie: germ. 
sihwan > afrs. *sia. s&ma : sia = got siuns : saifvan. In sjßma 
haben wir die ältere form zu sehen, während sima offenbar 
nach dem verbum *sia neu gebildet ist — Es gibt übrigens 
im afrs. (5 verschiedene sia geschriebene worte: 1. sia (< got 
siujan) 'nähen' (belegt ist nur der conj. sie S472n. 4. 494,29. 
498, 35. W 472, 9 und das verbaladj. sied F 60. 74 u. 82 il) > 
Westing seien, Cad.-Müller zyen, wang. si, sat sfo. — 2. s\a (< 
got saifoan) 'sehen' > Westing sijdhn, Cad.-Müller schian, schh 
aden, wang. sjö y sat. s{ö, nwfrs. sje(a)n. — 3. sia (< *sehön) 4 pu- 
pille'. — 4. s{a (< ?) 'nachkomme'. — 5. wahrscheinlich *siä (< 
*saan) 'säen' > Cad.-Müller ziahn > zyahnen. — 6. unser *sia 
'seihen'. — 7. sia 'genösse' (v. R. 101ö b ) gibt es nicht Die be- 
lege gehören zu sith, dessen ih wfrs. in j übergeht (s. s. v. deia). 

s|äk ofrs., 8|'ek wfrs. Daneben setzt v» R. noch sek an. 
Diese Schreibung ist nur einmal belegt und bedeutet natürlich 
siik, mit mouillierter ausspräche des s. Ein solches i wird 
nach s, r, /, n oft nicht geschrieben, vgl. s. v. gland. 

sikringia, denom. von sikringe, fehlt bei v. R. Belegt ist 
der opt praes. sikringe F 340. 

singa. Vielmehr s{unga 'singen', mit w-epenthese oder 

l ) Vgl. oben die fussnote zu efsivene. 

*) Vielleicht wird, trotzdem es in der hs. doppelt steht, E 40,21 
däthsiäma statt dalhshima — so bei v. R. ein eigener artikel — in lesen 
sein. v. R/s herleitung von Stria scheitert an dem langen 3. Der Hin- 
singoer text hat an der parallelstelle suimea. Möglich also, dasa aaeb 
£40,21 vielmehr däthsyhna zn lesen ist, zumal das letztere wort sack 
sonst belegt ist 



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ZUM ALTPRIES. WÖRTERBUCH- 335 

tf-umlaut. Ein inf. *singa ist nirgends belegt Beweisend sind 
nicht nur die awfrs. belege sionga (mit regelrechtem o < u vor 
nasal), sondern auch die neufries. formen: Cad.-Müller siungen, 
ziong, wang. sjuv, sat. s{uwe, nwfrs. sjonge. Wie ich sehe, ist 
auch aofrs. s{unga belegt in dem ger. tho siungane F 54 und 
dem von Günther s. 15 beigebrachten opt praes. bisiunge 
F38u. 

sith 'gefährte' s. sia. 

siuchte Krankheit' fehlt bei v. R. als besonderer artikel. 
Man findet die belege s. v. sechte. siukte Jur. 2, 50. 58. 60. 76 
bedeutet wol nur eine orthographische Verschiedenheit; vgl. 
brekt(h) und brecht 'er bricht' u. dgl. (van Helten, Aofrs. gramm. 
§ 267 g). sechte <germ. *suhti] siukte (siuchte) ist eine neubildung 
< *siukpi oder *siukif>i. Fraglich ist es, ob syuke 257, 18 nur 
ein Schreibfehler für syukte ist, oder ob es ein besonderes wort 
siüke gegeben hat < germ. *siuki > sflik 'seuche*. 

Sjfunga 'singen' 8. singa. 

8jfüke 'krankheit' s. siuchte. 

stüw fehlt bei v. R. B[uitenrust] H[ettema], Taal en let- 
teren 1 (1891), s. 249 und anm. 2 handelt über dieses wort. 
siüw, wfrs. > s{ouw ist mehrmals belegt, a. 1460: Hwasoe naet 
mey verfolget als er clocka clept wert, ieff leyken brand deen 
wert, iefft sioun (lies siouw) oppe leyn wert Schw. 1, 599. a. 1461: 
syn toe ferfxdgien mit slandena fijn (lies: syu), mit docke clanck 
Schw. 600. a. 1461 : soe schelma dy duriga wrfolgia mit standena 
fyntva (lies: syuwd) ende mit docka clange Schw. 601. Bedeutung: 
korb oder pack als signal auf dem türm, wenn die be wohner 
hülfe nötig haben. Das wort gehört etymologisch zu sß i sehen' 
und bat mit unserem 'schaub' nichts zu tun. Ehrentraut teilt 
in seinem Fries, archiv 2 (1854), 67 folgendes über wang. sx9au 
mit: € dait schlau ist irgend ein zeichen (eine jacke, hose oder 
sonst etwas), welches an ein tau gebunden und an den mast- 
baum bis in die mitte desselben hinaufgezogen wird. Dieses 
tat man auf einem schiffe, welches von einer fahrt zurück- 
gekommen ist und auf der rhede liegt, um den Insulanern zu 
vei stehen zu geben, dass jemand mit einem boote oder wagen 
an das schiff kommen müsse: dait schip lat sin sch/xu wei. — 
dait schip scheut oder hä al sch&ud. Früher war dieses mehr 
üblich als jetzt, indem man jetzt öfter die flagge aufzuziehen 



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336 BREMEE 

pflegt 1 . Auf Ararum ist eine sjau (sj = mouill. s) 'eine winke, 
gewöhnlich eine stange, an deren spitze ein tuch oder kleidungs- 
stück befestigt ißt'. Outzen sagt in seinem Glossarium der fries. 
spr.: 'sjou, sjau, Halligen u. holl. sjouw, eine schau oder flagge, 
die zum zeichen aufgehängt wird, auch etwa mit einem ähnlich 
lautenden zuruf.' 

sivene, sivne 8. ef sivene, efsivne. 

skelde s. nascscelde. 

skgnia 'schön werden'. Praet skenade E 1 101,4. 

sk et. Bei v. R. zwei artikel 'vieh, rindvieh' und l schätz'. 
Es ist natürlich dasselbe wort. Vgl. /tö, das sowol 'vieh' als 
'gut, habe 1 bedeutet. Sat. syet heisst 'abgäbe'. Vgl. sketta. 

sketta. Für die ursprüngliche bedeutung des Wortes ist 
lehrreich, was Minssen, Fries, archiv 2, 191 aus dem Saterlande 
berichtet: l sgetle vieh einschütten; dies war eine pflicht der 
schüttemeister (dö sgSttere), die das vieh, welches in fremde 
ländereien gekommen war, fangen und wegbringen lassen 
mussten, wofür sie dann den eigentümer des viehes in strafe 
nahmen'. 

skilling. 1 8killing wicht goldis = 40 skillinga cona. 
Jaekel, Zs. f. numismatik 12 (1885), 148—150, beweist 'dass 
der Schilling gewicht goldes der Rüstringer recbtsquellen nicht 
ein geschlagener goldschilling, sondern eine rechnungsmünze 
ist, welche die summe von 12 pfennigen gewicht goldes 
bezeichnet'. 

skilling merk 'schillingmark'. Dazu vgl. Jaekel, Zs. f. 
numismatik 12 (1885), 177. 

skipia 'vereinigen'. Verbaladj. schipat F134o. 

skipnese kommt nur vor im RUstringer Dömesdi: thes 
dtheres dis, sä werthat se (nämlich alle tvetir) txk thire selua 
skipnese, thir se bifara wiron R 1 130, 21. Thes t{ända dis wer th 
th{ü rvrdld eivenad an thire setya skipnese, thSr se was Sr se 
üse drochten skepen hede R 1 131,4. v. R. übersetzt 'scböpfung', 
was an beiden stellen keinen sinn gibt. Das wort heisst 'in- 
stand, bescbaffenheit'. Man vergleiche für den ersten satt den 
lat. text ad slatum pristinum post hec revertetur. 

skirmere 'protector' Ps. 2*. 

skö. Vielmehr sköch 'schuh', unbeschadet des gen. plnr. 
scöna. schoech ist W 439, 14 belegt. Vgl. nwfrs. skoech, pL skoen. 



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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 337 

skül. scul 'latibulum' Ps. l ft . 

slagia s. bislagia. 

sliapa. Belegt ist nur die 3. 8g. praet. sleph H 96, 4. 
v.R. fragt: • lautet der altfries. inf. sliapa oder slipaV Keins 
von beiden, vielmehr slipa = got. afslaupjan, ahd. sloufen, ags. 
slypan 'abstreifen'. Günther 44 und 50. 

8mekka, smetsa, smakia 'schmecken 1 . Wfrs. smakia 
ist natürlich ein anderes verbum als afrs. smekka, smetsa. Letz- 
teres > wang. smek, ersteres > sat. smc&kje und awfrs. smeitsje. 

smela. Vielmehr smellia 'schmäler machen', nach dem 
einzigen belege smellath E* 210, 20. Günther 60. 

sömia setzt Günther 62 als wahrscheinlich an, auf grund 
von unsometha molka F112m. 

somnia, sogenia 8. samena. 

sönd, wfrs. sänd 'sand\ Das wort ist, wie im ags., neu- 
trum. pissia in that sand Chronik. 

spürna fehlt bei v. R. Inf. spurna F 128 m. 

stäta 'stossen' 8. stita. 

stemme 'stimme' s. stifne. 

stepa 'helfen' fehlt bei v.R. Buitenrust Hettema, Tijdschr. 
v. nederl. taal- en letterk. 1891, s. 252 f. bringt die folgenden 
belege bei: soe aeghen him zyn friond toe stepane (Cod. Emm. 
htm to hilpene, Cod. Isbr. und Ms. Belg. hem te helpen) J. M. 
F., Hettema, Oude fr. wetten 2, 78, 4 = soe agen zyn fryonden 
toe scepena (in stepena zu bessern) alter druck 25, 10. a. 1118 
wfre. quod si aliquis, stipmtibus parentibus, amicis pecuniis pa- 
cisci noluerit Schw. 1,71. Vgl. nwfrs. stypje 'unterstützen' 
stepa 'helfen 9 steht schon in Hettemas Wörterbuch. 1 ) 

steta *stos8en\ Günther 13 bat darauf hingewiesen, dass. 
neben dem schwachen verbum stita < * staut jan (wang. stait, 
sat. stete, nwfrs. stjitte) der rest des starken verbums * stäta 
noch in dem verbaladj. thruchsteten F 68 u. vorliegt. Es liegt 
indessen näher, auch als starkes, reduplicierendes verbum *steia 
anzusetzen < *stauijan mit/ im praesensstamme. Es wäre hier- 
mit ein anhaltspunkt für die Überführung des verbums in die 
schwache conjugation gewonnen. Die 3. sg. ind. praes. und 



[*) Vgl. ags. stepan in gleicher bedeutung, bes. hi folce gestfpte 
sunu öhtheres Beow. 2393. E. S.] 

Beitrage but geechiohte der deutschen spräche. XVII. 22 



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338 BREMER 

das verbaladj. stat darf man natürlich nicht für ein *stdta in 
ansprach nehmen. Die Verkürzung des ö zu a ist hier ganz 
regelrecht. Dass in wfrs. texten ein paar mal statt gesehrieben 
wird, beweist keine ursprüngliche länge. Wir haben hier viel- 
mehr bereits die neuwfrs. dehnung vor uns, wie in so vielen 
anderen fällen, vgl. nwfrs. die 3. sg. und das verbaladj. statt. 
Hingegen ist es möglich, dass der inf. stSta, das ger. tö sti- 
tande, die 3. sg. stet und der opt stete zum teil noch dem starken 
verbum zuzusprechen sind. 

stifne nicht 'Stiftung, Schöpfung' sondern 'stimme'. Van 
Helten, Beitr. 14, 238 anm. stifne ist also dasselbe wort wie 
stemme. Letzteres ist nur in texten aus der zweiten hälfte des 
15.jhs. belegt Vgl. ags. stefn neben stemn. Ueber das Ver- 
hältnis des f zum m und der t zum e s. Zs. fda. 37, heft 1. 
Wangerogisch stem ist übrigens masc 

stiva. Vielmehr stivia 'steif werden ', aufgrund der 3. sg. 
ind. praes. stiuath E 1 87, 14. Günther 60. 

stoppia fehlt bei v. R. Ger. to stoppian F 124u. 

strafia, nach dem einzigen belege vielmehr straffia. 

strika, striza 'streichen'. Es heisst nur strika. Der be- 
leg f&r z estrizen darf nicht für den praesensstamm in ansprach 
genommen werden. Vgl. nwfrs. strikt, verbaladj. stritten. 

stüre 8. landsture. 

swera. Vielmehr suSria ' schwer werden', auf grund des 
praet. swiradt. Günther 60. 

swila. Vielmehr suilia 'heu trocknen', aufgrund der 3.sg. 
suilath. Günther 60. 

swinga, swenga, swanga 'schwingen'. Nachdem s.v. 
renna ausgeführten gehen alle 3 formen auf germ. *swa»gja* 
zurück. Es ist also ein schwaches verbum, was aus den belegen 
nicht zu ersehen ist. Gleichwol daneben auch das starke verbum 
suinga anzunehmen, haben wir keine veranlassung, obgleich sowol 
im wang. als im nwfrs. das verbum heute stark flectiert wird: 
wang. swev, srvuv, srvuven, nwfrs. swinge, srvong, swongen. Wang. 
swev — eigentlich wäre swav zu erwarten, vgl. s. v. renna — zeigt 
gegenüber spriv, pwiv, drivk, dass eine andere bildung vorliegt 
Und so hat sich auch nwfrs. swinge, grade so wie rinne, den 
starken verben angeschlossen, mit denen es im praesensstamm© 
lautlich zusammengefallen ist 



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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 339 

swiva. Vielmehr suivia ' schwanken ' = ahd. sweibbn, auf 
grund der 3. sg. ind. praes. swiwet, für die andernfalls *swift 
zu erwarten wäre. Vgl. sat. snAuje 'schweben*. 

talemon. Kern, Glossen in der Lex Salica 78 sagt von 
dem letzten satze bei v. R. auf s. 1063: 'hiemit ist ihre amt- 
liche Stellung nur vag bestimmt. Aus Fr. Rq. 153 geht hervor, 
dass die talemen zur gattung der keddar gehören, denn es heisst: 
'Alle kSddar se en jer tveldech, büta talemennum. And neu 
k£d, and nene rSdjeva ni mitten ketha, ni achta, ni riuchta, inna 
ene others welde\ Die talemen sind also eine species von 
keddar, und in ihrem Wirkungskreis können sie zu kitha, zu 
achta und zu riuchta gehört haben 9 . 

talia, tella 'zählen'. Bedeutung 1. zählen, rechnen, be- 
rechnen. 2, erzählen, berichten, sprechen. So v. R. taiia und 
tella sind nicht nur der form, sondern auch der bedeutung nach 
zwei verschiedene verba. talia bedeutet 'zählen, zahlen 9 , tella 
'erzählen'. Freilich beginnt schon im afrs. die neigung das 
eine wort für das andere zu gebrauchen. So heisst es S 384, 2 : 
thisse marck scelma alle tella and recknia bi fior penningen. Im 
wang. bedeutet tel sowol 'sagen' als 'zählen', aber Mtali 'be- 
zahlen'. Im sat. hat teile 'sagen, erzählen' auch die bedeutung 
von 'zählen', wiewol das alte wort für 'zahlen' noch als tazlje 
erhalten ist. 

tek(e)na. Vielmehr tek{e)nia 'zeichnen', auf grund der 
3. sg. biteknath R 1 7, 21. Günther 60. 

tetsia. Günther 21 bringt noch eine anzahl belege bei, 
wonach der inf. in den Schreibungen tetsia, teiszia, telzsa, tetza 
vorkommt Es liegt also ein wgerm. *takkjan oder *tukkjan 
Tor. Nach dem s. v. sansa gesagten wäre das wort als 
tekka anzuführen, wenn auch diese form zufällig nicht belegt 
ist. Wol aber ist die 3. sg. ind. praes. bitech Fl4o. belegt, 
deren ch vor dem (abgefallenen) -th der endung ein altes k 
repräsentiert. Weiteres über dies wort bei van Helten, ßeitr. 
14,273, der es hd. zücken gleichsetzt 

thrir/uchte, adj. 'zum dreimaligen reinigungseid ver- 
pflichtet'. Van Helten, Aofrs. gramm. § 201. 

thüra 'dürfen' und thürva 'dürfen'. Beide artikel ge- 
hören zusammen: rv ist nur in den älteren denkmälern noch 
erhalten, in den jüngeren zu r geworden. Dagegen scheidet 

22 # 



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340 BREMER 

Günther 74 f. mit recht aus den belegen 8. v. thura ein von 
v. R. nicht erkanntes verbum dura < *dursa aus. So auch 
van Holten, Aofrs. gramm. § 307 y. S. dura. 

thüsternesse. thuster , nesse, • • • sternesse 

'caligo, tenebras, tenebrosa' Ps. l a . 

thwinga, dwinga, twinga 'zwingen'. Diese reihenfolge 
könnte den verdacht erwecken, als sei in diesem worte ihw zu 
drv und weiter zu irv geworden. Allein das zwei mal in der 
Jur. fris. belegte drvingen ist jedenfalls das plattdeutsche wort 
th ist in thwinga niemals stimmhaft gesprochen worden und 
daher regelrecht zu / geworden, wie schon die awfrs. belege 
zeigen. Vgl. wang. pww, sat twine, nwfrs. ttvinge. 

tidia ' ziehen'. Von diesem verbum ist nur der opt tidie 
einmal belegt. Ich glaube, dass hier nur eine unbeholfene 
Schreibung für He vorliegt, so dass der beleg zu tia zu stellen 
und der artikel tidia zu streichen wäre. 

timbra, timmera. Vielmehr timbria 'zimmern', aufgrund 
der 3. sg. ind. praes. betimbrath R 1 122, 16 und des praet 
timmerade W 436,6. 438,23; tymmerad hi Chron.; dazu timr 
brege 'edifficabis' Ps. 2 a , mit g für J. 

toga. Vielmehr togia, auf grund des verbaladj. togad. 
Günther 61. 

tor 'türm*. Auf grund des einmal belegten wfrs. thoer = 
nwfrs. toer so von v. R. angesetzt. Wang. tun zeigt, dass viel- 
mehr afrs. turn anzusetzen ist. Auch nwfrs. toer beruht auf turn] 
oe ist die nl. Schreibung, vgl. nwfrs. boer 4 bauer'. Läge ein afr&ö 
vor, wie man nach ags. torr vermuten könnte, so wäre nwfrs. oa 
zu erwarten, vgl. moarn 'morgen', noard 'norden', hoarn 'hörn', auch 
oar 'ander', moanne 'mond' u. p. w. Es ist also wenig wahrscheinlich, 
dass das einmalige thoer in den Magnus-küren etwas anderes ist 
als die nwfrs. schon bei Gysb. Jap. belegte form, um so mehr als 
die Schreibung oe vor r für ü auch sonst vereinzelt im awfrs. 
vorkommt: so boer S 481,6 in dem nur zwei oder höchstens 
drei Jahrzehnte jüngeren Franeker bauerbrief von 1417, stioerde 
W 440, 1, boernahuys Brunnenhaus' W 436,8. — Fttr das alter 
von wang. tun spricht auch die nebenbedeutung 'kirche', Ehren- 
traut, Fries, archiv 1, 392. 

tösökia 'fordern von' fehlt bei v. R. 2. sg. sokcsl to F 
26 m. 34 u. Günther 60. 



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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 341 

toth, to8ch, tusch, tusk, tond 'zahn'. So v. R. Natür- 
lich sind töth und tusk (tusch > wfrs. tosch) zwei verschiedene 
Wörter, tond H 60, 14 ist als un friesisch zu streichen, v. R. sagt 

selbst : ' toth und tusk kommen neben einander vor s. z. b. 

R 61, 30. 31. ß 178,9. 14, und galten demnach für verschiedene 
worte.' 

tragda. Vielmehr trachtia 'trachten 9 , auf grund des praet 
tragdade. Günther 6 1 . 

(trekka), tregga. Vielmehr trekka 'ziehen*. Das gh der 
3. sg. trcghl steht für ch und weist also auf k y nicht auf g. 

tun. Unter dem artikel tun 'zäun' führt v. R. die tunan 
in den busstaxen von Wimbritzeradeel § 28 (S 495, 17) an, eine 
bezeichnung, welche 'an wert den groschen vollkommen gleich 9 
ist, wie die parallelstelle der busstaxen der Hemmen § 29 
(S 499, 24) zeigt Diese tunan sind sonst nur noch einmal be- 
legt in den busstaxen von Leeuwarderadeel (S 457, 20) und be- 
deuten hier gleichfalls 'groschen 9 , wie die parallelstelle der 
busstaxen von Fifdelen, Wonzeradeel und Wimbritzeradeel 
(S 473 anm. 8) zeigt. Natürlich haben diese tunan mit 'zäun 9 
nichts zu schaffen. Nach Jaekel, Zs. f. numismatik 12 (1885), 
155 scheint der name tunan für turnan 'zu stehen und somit 
die tourschen groschen zu bezeichnen, die man sonst auch 
nur 'groschen 9 nannte 9 , wenn auch dieser fries. groschen 'dem 
alten tourschen groschen an wert nicht mehr gleich 9 kam. 
Vgl. cona. Hiergegen ist einzuwenden, dass rn im afries. wol 
zu r, nicht aber zu n geworden ist. Krause, Zs. f. numismatik 
15 (1887), 300 f. übersetzt tuna ( tonne 9 und bringt aus dem 
lande Wursten, anfang des 18. jhs., tahnbir 'tonne Wer 9 bei, 
gradezu als münzbezeichnung gebraucht = 6 groschen. Warum 
aber dann nicht, wie sonst, tonne? 

tfira W. 440, 4 steht natürlich für türva, gehört folglich 
zu dem artikel turf und ist als besonderer artikel zu streichen. 

twarenna. Vielmehr tuärenda 'entzwei reissen 9 nach 
Kern, Taalk. bydr. 2, 176. 

ümbegung. in da umbe gungä 'in circuitu 9 Ps. 1*. 
unbirepped. Vielmehr unbihrepped 'unberührt 9 zu hreppa. 
undhanda. Vielmehr undhenda, s. handa. Als inf. ist 
allein undhenda belegt. Alle formen mit a kommen nur im 



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342 BREMER 

praet. und verbaladj. vor, wo a die regelrechte Verkürzung ?on 
e ist. 

undhela fehlt bei v. R. 

unegert 'ungegürtet', verbaladj. zu girda. vnegert F120u. 
v. R. hat nur ungert. 

uneselad, verbaladj. zu selia? vneselade F 112 m. 

unewaxen, verbaladj. zu tvaxa: vnewaxena FI60. v. R 
hat nur unrvaxen. 

unewlemeth, verbaladj. zu wlemma. vnewlemeth F44u. 

unfor wäret, verbaladj. zu fortvaria. vnforwaret F46o. 

unhleßt, onhlest 'diffamatio'. wühlest W 401,20 bessert 
Kern, Taalk. bijdr. 2, 206 in uvrhlest. Vgl. van Helten, Beitr. 
14, 252 f. 

unsömeth. unsometha molka Fl 12m. Zu sömia? 

urbalia 'durch bringen' zu balu. Günther 56. 3. sg. praes. 
vrbalat F116u. 

urbärna, schwach. Daneben urbürna, stark: verbaladj. 
urbürnen. Vgl. bärna. 

u r b r 1 d a ' verschleppen '. Verbaladj .nur urbrüden. wrbroedt 
W 23, 12 ist mit Buitenrust Hettema, Tijdschr. v. nederl. taal- en 
letterk. 8, 72 zweifellos in wrbrocht zu bessern ; das Jus mos. 
Fris. hat an derselben stelle wrbrocht. 

urbürna s. urbärna. 

urevela. Vielmehr urevelia 'beschädigen', auf grund des 
verbaladj. ureuelat. Günther 57. 

urhera. Vielmehr urheria, auf grund des verbaladj. wr- 
heralh E> 99, 9. Günther 58. 

ürhlest 'beschwerde', eigentlich 'überlast'. Kern, Taalk. 
bijdr. 2, 203 f. Van schaede ende uvrhlest W 396, 1. Ndld. over- 
last, auch in der formel van schade en overlast. Kilian über- 
setzt das wort mit 'oppressio, vis, contumelia, iniuria, violentia'. 
uvrhlest bessert Kern a. a. o. 206 für wnhlest W 401,20 und 
übersetzt 'violentia, contumelia'. S. urlest. 

urlest 'verbusst'. Der artikel ist nach Kern, Taalk. bijdr. 
2, 203 zu streichen. Vielmehr ürhlest. 

urmcla E 1 28, 14. Vgl. ahd. m&tön aus tnahaldn, Graff2, 
651. Günther 40. 

ursitta bedeutet nach Kern, Glossen in der Lex Sal. 98 
picht nur 'versäumen', sondern auch, wie im ndl. zieh verzette*, 



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ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 343 

'sich gegen etwas auflehnen, sich widersetzen'; das subst. ist 
ndl. verzet 'widerstand'. 'In Afr. Rq. 14,6 hat das lateinische: 
si quis hoc contempserit, solvet etc., die Übersetzungen in ver- 
schiedener mundart: sawasa hir ursitte and thes riuchtes werne, 
sa bete a. s. f. und : sahuasa hir versitte and riuchtes werne, sa 
bete, und: htvasa tha kininge werth forirvernande iefta sina weldega 
boda, sa skil a. *./*.' 

ursmaga. Vielmehr ursmaia ' verschmähen ', wie die be- 
lege zeigen. Hierher gehört natürlich auch der artikel forsmaga, 
ursmaia bei v. R. s. 753. Der opt. forsmage H 342, 9 hat g =j. 

urstönda. 116,27 'gegen einen in schütz nehmen'. 'Das 
Wurster landrecbt gibt es zurück mit vorentholden, d. h. 'vor- 
enthalten', s. v. a. 'auszuliefern weigern, schützen'. Diese beiden 
bedeutungen 'hindern, hinderlich in den weg treten, prohibere, 
impedire, obstare', 'schützen' hat das ags. forslandan.' Kern, 
Glossen in der Lex Sal. 96. Ebd. anm.: 'die person, gegen 
die man etwas in schütz nimmt, steht im ags. im dativ, gerade 
wie im altfries.; man vergleiche: hwasane eniga monne ur- 
stonde mit hine god forstdd haedhenum folce. (Andreas 1145).' 

ursuma. Vielmehr ursümia, auf grund der 3. sg. ursümath. 
Günther 60. 

urthringa fehlt bei v. R. Opt. vrthringe F 110 m. 

ürwaxa fehlt bei v. R. Das wort steht Brokmerbrief 27 
(154,23): vrwaxt hir aenge monne sin hei, thet hine rid{eua 
berna welle er tha ryachta dei. Ahd. übarwahsan (Graff 1,686 f.) 
ist sowol intransitiv als transitiv, vrwaxt steht im nebensatz; 
es beisst nicht: waxt aenge monne sin hei vr. Folglich heisst 
es ürwaxa 'überwachsen', und nicht Ürwaxa 'überwachsen' = 
got. üfarwahsjan 'übermässig wachsen' (nur 2. Thess. 1, 3 belegt). 
'Ueberwächst irgend einem manne sein sinn, sein gemüt, dass 
er...', bedeutet also nicht etwa 'schwillt ihm sein mut, so 
dass er', sondern 'überwältigt, überkommt es ihn . . . zu tun'. 
Der mit thet eingeleitete satz ist also das object, dessen der 
hei zum ürwaxande notwendig bedurfte, und ohne welches ein 
ürwaxan des hei gar keinen sinn gäbe. — hine ist natürlich 
als hi thene zu verstehen. 

ürwere 'Oberlippe'. Vgl. bei v. R. were. ürwere statt 
nuxwere he. E 89, 24 ist mit Kern, Taalk. bijdr. 2, 198 zu bessern. 
Vgl E 218, 20, wo der Ems. text ihß üre were hat 



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344 BREMER 

ur wert ha. Vielmehr unter da 'verderben' = got fror 
wardjcm. 

utbelda, utbalda 'ausstatten'. Letztere form ist zu 
streichen. Mit a kommt nur das verbaladj. ütbalt vor, mit 
regelrechter Verkürzung des e zu a. Daneben erschließ 
Günther 62 nach der d-conjugation: 

ütbeldia. 3. sg. ind. praes. utbedlat F 142 o. 

waga. Vielmehr wagia 'wagen', wegen des verbaladj. 
waged. Vgl. sat. wögjc (doch wang. woy). 

waka. Vielmehr rvakia 'wachen' > wang. wacki, sat 
tvafkje, nwfrs. weitsje. 

warf, werf. Ein artikel bei v. R. warf und werf sind 
zwei ganz verschiedene Wörter. Nur letzterem (wang. werf) 
kommt die bei v. R. unter 1. und 2., nur ersterem die unter 3. 
angegebene bedeutung zu. Nach Kern, Taalk. bijdr. 2, 190 
bedeutet warf 'öffentliche Versammlung' und 'platz der öffent- 
lichen Zusammenkunft'. 

wede, bei v. R. 2 artikel, die zu vereinigen sind. Jaekel, 
Die friesische wede, Zs. f. numismatik 11 (1884), 189—201, 
zeigt, 'dass bei den bewohnern der friesischen lande vom Fli bis 
zur Weser im 9. und 10. Jahrhundert, ja wol bis ins 11. hinein 
ein gewöhnliches graues, wollenes, auch teilbares gewand von 
4V2 eilen länge, welches wede (pallium) hiess und in fester, 
allgemein bekannter wertrelation zum metallgeld stand, als 
Zahlungsmittel in gebrauch war'. 'Sprachlich und sachlich' 
stimmt dazu das anord. vaömäl, 'ebenfalls ein grobes wollen- 
zeug, das in jedem hause selbst gewoben, namentlich den 
ärmeren zur kleidung diente', und das 'nach einer bestimmten 
Schätzung in fester relation mit dem kubgelde als tausch- und 
Zahlungsmittel verwant' wurde. 4 weden = 1 1 eilmerk, 12 weden 
= 1 llnmerk. 'Sicher ist die friesische Verwendung der wede 
älter als das 9. Jahrhundert'. Seit dem 11. jh. fieng man an 
'mehr und mehr statt ihrer metallgeld zu zahlen': 1 wede = 
12 Silberpfennigen, also = 1 Schilling. Nach Jaekel, Zs. f. 
numismatik 12 (1885), 147 f. wede = schillling cona. Vgl. auch 
Krause ebd. 15(1887), 301. 

wegk. Der artikel ist nach Kern, Taalk. bijdr. 2, 196 w 
streichen. Der betr. beleg gehört vielmehr zu wigq. 



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zedby G00gle 



ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 345 

wenia 'wohnen' 8. wona. 

wSria R*540, 14 = as. giwäron, ahd. rvdrin. Günther 61. 

wer na, warna 'weigern'. Letztere form ist zu streichen. 
Von werna lautet natürlich die 3. sg. ind. praes. warnt mit 
regelrechter Verkürzung des e zu a. 

wicht göldis 'gewicht goldes' s. skilling. 

wigge, widse, widzie 'wiege'. Nur die mittlere form 
besteht zu recht. Nach Kern, Taalk. bijdr. 2, 184—186 ist das 
wort nur als widze 487, 1 belegt Alle anderen belege gehören 
zu wigg 'ross'. 

wilkera, wilkara. Vielmehr wilkeria, wfrs. wiikaria 
'willküren, belieben', wegen des verbaladj. wilkerad. Günther 61. 

wimpel. thi foerde thin wimpel to Akts Ghron. 

withirlän. with\ lan 'retributionem' Ps. 2\ 

withirstrida. Opt. praet. witherstride F12m. 

wfvia 'heiraten', vom manne gesagt; vgl. monnia. 3. sg. 
wiwat F 140 m. Verbaladj. thet wiwade god (hs. wiweda) ß 2 164, 
24. Günther 62. 

wlemma. Daneben ist rvlamma (vgl. s. v. rennet) nicht 
nur aus grammatischen gründen anzusetzen, sondern auch aus 
wlitiwlamelsa zu entnehmen. 

w 1 i t i w 1 e m (m) e 1 8 a. Daneben wlitiwlam{m)el$a. wlitela- 
melsa E 214, 15. 

wona, wuna 'wohnen'. Belegt ist allein das verbal- 
adjeetiv und zwar als unat E* 146, 11, sonst nur wfrs. tvenat 
oder wonat. Sonach wäre wunia, wonia, wenia anzusetzen. 
Wfrs. wonia entspricht mit seinem o ganz regelrecht älterem 
und ofrs. wunia. Buitenrust Hettema, Tijdschr. v. nederl. taal- 
en letterkunde 8, 70 anm. erklärt alle formen mit o für platt- 
deutsch, offenbar verleitet durch nwfrs. wenje < awfrs. wenia. 
Man ist aber nicht berechtigt, wonia als echtes friesisches wort 
zu streichen, da aofrs. wunia nicht nur durch unat sondern vor 
allem durch wang. wüni sicher gestellt ist. Afrs. wunia ist 
ohnehin die zu erwartende form = ags. wunian. Auffällig ist 
der umlaut in wenia. Die schwachen verba der d-klasse, 
auch die aus der ai-klasse übergetretenen, kennen bekanntlich 
keinen umlaut Man wird wol an ein germ. *wonjan denken 



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346 BREMER, ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 

müssen > afrs. *tvenna, das man im hinblick auf wunia zu 
venia umgestaltet hätte. 1 ) Vgl. Günther 62 f. 

wöstnesse f. 'desertum' Pb. 2 b . 

wrogia, wreia, ruogia, rueka 'rügen'. So v. R. Die 
letztere form gehört zu tvreka (Kern, Taalk. bijdr. 2, 177 f.). Im 
übrigen liegen 2 verba vor: 1. wrögia, 2. tvröia. Günther 63. 
Ersteres ist das sat. wrögje 'untersuchen, anklagen, rügen' und 
wang. wröy 'eine sache prüfen, um ein urteil darüber zu fällen; 
kosten, prüfen, schmecken '. 

wunia 'wohnen' s. wona. 

Beiträge zur altfriesischen grammatik findet man in 
dem vorstehenden s. v. barna, biienna, bla, branga, deia, dura, ge- 
la, giata, gland, hlaka, keke, leva, matia, mea, mörn, renna, samena, 
sansa, sea, sera, sia, singa, stela, swinga, thüra, thwinga, wona. 

[Nachtrag. Zu efsivene. Meine Vermutung, das wort sei als 
1 glattrasierter knochen ' zu deuten, muss ich fallen lassen, da diese be- 
deutung, auch wenn man für efesian die bedeutung basieren* annehmen 
darf (was zweifelhaft scheint), doch nur bei umgekehrter ordnnng der 
glieder des von mir vermuteten compositums herauskommen könnte. Bei 
Sievers* deutung ist allerdings das ef- statt des zu erwartenden of- auf- 
fällig, da im afrs. ef- als praefix sonst gar nicht belegt ist, hingegen 
massenhaft of~. Auch im Brokmerbrief selbst kommt das verbaisubst 
ofledene vor. Aber da im ags. auch nur reste des praefixes cef- vorliegen, 
so könnte unser wort an sich wol der einzige rest für das friesische sein. 
Es wäre dann ein verbalabstractum auf germ. -inö (Kluge, Nom. stamm- 
bildungsl. § 151), wie stulina, lugina von der tiefstufigen wursel ge- 
bildet Wie steht aber efsiven zu dem sonst in den fries. texten ge- 
brauchten lilhwei? 

Zu hlaka. Es wird urfries. *hlcehha anzusetzen sein, das ausser 
im wang. in die schwache d-conjugation übergetreten ist, mit demselben, 
bald a, bald e geschriebenen vocal, über den ich s. v. renna gehandelt 
habe (vgl. macht und mecht * macht'). Ich bin geneigt, den gleichen vocal 
als ergebnis des umgelauteten gebrochenen a auch vor r anzunehmen, 
vgl. sera. Zweifellos ist dieses cb für umgelautetes gebrochenes a vor 
/: falia und fella 'fällen' ^nwfrs. feile, wäld und wdld «gewalf, wall* 
'brunnen, quelle* (nur mit a belegt) ^ wang. wel> Gyeb. Jap. wd t älder 
und eider « älter', älder und dl der 'eins der eitern', äldirmon und tlder* 
man ♦ altermann ' (vgl. Sievers, Ags. gr. a § 159,2). Hingegen stets e tot 
// aus germ. Ij (Sievers § 80, anm. 2) in sella, Ulla, helle {hüle). 4. 10. 91] 



[*) Bei einem verbum der ai-klasse, wie wohnen = ahd. wonen } ist 
der umlaut als residuum alter abstufung leicht erklärlich, Beitr. 8,92t 
9, 297. Ags. gr.» § 416, anm. 6. E. S.] 

HALLE A.S., den 24. juni 1892. OTTO BREMER. 



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DIE BISTRITZER MUNDART VERGLICHEN MIT 
DER MOSELFRÄNKISCHEN. 

EINLEITUNG. 

Die Stadt Bistritz 1 ), im nordosten Siebenbürgens gelegen, 
zählt unter 9083 einwohnern 5470 Deutsche und ist der mittel- 
punkt des 'Nösnerlandes', einer deutschen Sprachinsel von ca. 
25 000 seelen, die in einer Stadt und 35 dörfern wohnen. 

Die grttndung der colonie fällt wahrscheinlich schon vor 
die zeit der grossen einwanderung von Deutschen nach dem 
stiden des landes unter Geisa II. (1141—61). 

Bezüglich der herkunftsfrage der Siebenbürger Deutschen, 
die sich mangels geschichtlicher denkmäler am sichersten auf 
dem wege der Sprachvergleichung wird lösen lassen, gilt heute 
für erwiesen, dass das auswanderungsgebiet wenigstens der 



l ) Bistritz ist offenbar slav., = 'Lauterbach' (vgl. serb. bistrica, 
sc. rika f. 'der klare, sc. fluss', bez. 'der schnelle', zu altsl. russ. bystrü 
'schnell')» nach der vorbeifliessenden Bistritz benannt. Bistritz heisst 
in der mnndart nhn, Schriftdeutsch Nösen. Dieser name ist wol dat. 
plur. eines personennamens, worauf die gewöhnliche wen düng: (fu)t$?nhn 
-*= (von) t$9n (zu, bei den) nhn (Nösen) deutet. Interessant ist, dass sich 
unweit vom mosel fränkisch sprechenden Wallendorf, mundartlich wogten- 
dorf (auch bei Bistritz liegt ein Wallendorf = vu a lndrof) an der luxem- 
burgischen grenze, zwischen den luxemburgischen orten Medernach und 
Waldbillig ein Niesenthai findet. In diesem tale befindet sich eine 
ansiedlung namens Niesen, der angeblich die vielen luxemburgischen 
familien Nösen und Niesen (so z. b. mir aus Echternach bekannt) ent- 
stammen. Nur nebenbei sei erwähnt, dass sich eine menge Eifler und 
Luxemburger Ortsnamen in Siebenbürgen widerfinden, z. b. Dürrenbach 
(bei Bistritz Dürrbach), Baasen, Bell, Bongard, Kastenholz, Stolzenburg, 
Weidenbach, Reissdorf (vgl. Reussdörfel, Reussen = Szeretfalva), Boden- 
dorf, Scheuren, Sachsenhausen, Schönberg, Burgberg, Buchholz, Michels* 
berg u, a. 



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348 Kiscii 

Nichtbistritzer in den Rheingegenden, im gebiete der mittel- 
fränkischen mundart zu suchen ist; nur die eigenartigkeit, ja 
der 'entschieden oberdeutsche Charakter' der Bistritzer mundart 
ist widerholt betont worden. Zuerst hat Keintzel (s. u.) die 
herkunft aller, auch der Bistritzer Deutschen von mfr. Sprach- 
gebiete behauptet. 

Ich glaube nun, nach eingehender vergleichung der Bistritzer 
ma. mit dem mfr., dass sich die beiden ansichten eher ergänzen 
als ausschliessen. Denn einerseits steht die Bistritzer ma. 
(besondere vocalisch) dem speci fisch hochdeutschen ent- 
schieden näher als die übrigen siebenbürgischen maa.; 
andrerseits teilt sie mit diesen die charakteristischen 
eigenheiten des mfr., besonders aber des moselfränki- 
schen, das im gegensatze zu dem in vielen wichtigen punkten 
schon dem ndd. zugehörigen ripuarischen von dem echt md. 
stamme der Chatten gesprochen wird, also dem hessischen 
nahe verwant ist. Es besteht also zwischen diesen beiden, 
heute gewöhnlich mit dem gesammtnamen des mfr. bezeichneten 
gebieten nicht nur ein bedeutender sprachlicher, sondern auch 
ein ethnographischer unterschied. 

Da sich ein abschliessendes urteil Über die herkunft aller 
Siebenbürgen Deutschen nur fällen lässt, wenn vorerst die laut- 
gesetze aller einzelmundarten erforscht sind, so suche ich im 
folgenden die lautverbältnisse der Bistritzer mundart klarzu- 
legen unter vergleichender Berücksichtigung der lautverbältnisse 
des mfr., ganz besonders aber — soweit dies bei der unzuver- 
lässigkeit des mundartlichen materials aus jenen gegenden 
möglich war — der moselfränkischen mundarten, woraus 
sich die nähere Zugehörigkeit der Bistritzer ma. zu den 
letzteren von selbst ergeben wird. — Uebrigens sei be- 
merkt, dass alles gesagte zunächst von der mundart der Stadt 
Bistritz und nur cum grano salis auch von den umliegenden 
orten gilt (die eine in allen wesentlichen punkten der stadt- 
mundart gleiche ma. sprechen), jedoch ausdrücklich nicht von 
den in manchem eine Sonderstellung einnehmenden mundarten 
der orte : Kleinbistritz, Jaad — Mettersdor£ Treppen — Ober- 
neudorf. 

Für die richtigkeit jeder einzelnen lautform der Bistritzer 
ma., die meine muttersprache ist, übernehme ich volle bürg- 



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BISTRITZER MÜNDART. 349 

schaft; für die citierten formen der verglichenen maa. kann ich 
natürlich nicht einstehen, doch ist verdächtiges bestmöglich un- 
beachtet geblieben. Die besternten idiotismen habe ich im 
herbste 1889, besonders in der Eifel, in Luxemburg und an der 
Mosel persönlich gesammelt. Die Orthographie der nicht be- 
sternten mfr. formen ist die der benutzten quellen. 

Für die berechtigung einer Sonderdarstellung der Bistritzer 
ma. mögen die worte eines der besten kenner unserer mund- 
arten sprechen: 'in seiner unbestreitbaren eigentümlichkeit hat 
auch das Bosnische das recht, für eine selbständige — dem 
gemeinsächsischen nur nahe verwante — ma. zu gelten und als 
solche selbständig behandelt zu werden. Eine gründliche, vom 
physiologisch-historischen Standpunkte ausgehende Untersuchung 
des nösnischen, die nächst anderen deutschen dialekten auch 
das fränkische, namentlich das hennebergische und thüringische 
vergleichend herbeizieht *), das wäre eine arbeit, die mancherlei 
aufklärung geben müsste und darum dem wörterbuche voran- 
gehen sollte' (J. Wolff, Natur der vocale etc., Mühlbacher 
gymn.- programm 1874 — 75, 8. 10). 



Verzeichnis einiger abkürzungen. 

m a. = mundart. — B. — Bistritz, -er, -erisch. — m s 1 f r. = mosel- 
fränkisch. — rip. = ripuarisch (nach der üblichen Scheidung des mfr. 
in mslfr. und rip., vgl. Beitr. 9, 385 ff. Weinhold, Mhd. gr.» § 149.). — 
88. = siebenbttrgisch-säcbsisch. — sss. = süd-ss. (soll kurz die im 'Jfieder- 
land', d. h. im Bilden und in der mitte Siebenbürgens gesprochenen ma. 
bezeichnen). — d. = deutsch. — ww. = weeterwäldisch. — Ix. = 
Luxemburg, -isch. — slx. = süd-lx. (d. h. Sauer und Moseltal). — nix. 
= nord-lx. (d. h. Elz- und Oeslinger ma.). — hunsr. = Hunsrück. — 
mal. = Moseltal. — Sgl. = Siegerland, -ländisch. — elf I. = Eifel, Eitler. 
— seifl. = süd-eifl. — neifl. = nord-eifl. — tr. = Trier, -isch. — kobl. 
= Koblenz. 

Literatur. 

Citate entstammen für sgl.: J. Heizerling, Ueber den vocalis- 
mus etc., Marburg 1871; für lx: Follmann, Ma. der Deutschlothringer 
und Lx., Metz 1886, oder: P. Klein, Die spräche der Lx., Luxemburg 
1855, oder: Hardt, Vocalismus der Sauer-ma., Echternach 1843, oder 



*) Statt dieser mundarten ist das meines erachtens dem nösnischen 
viel näher stehende moselfränkische gewählt 



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350 KISCH 

N. Gönner, On serer lider a gedichter an onserer Letzeburger deitscher 
sproch, Dubuque (Iowa) 1879; für die eifl. ma.: Hecking, Die Eifel 
in ihrer ma., Prüm 1890, oder: Th. Busch, Ueber den Eifeldialekt, Mal- 
medy 1888, oder: Schmitz, Sitten und sagen etc., Trier 1856, für ww.: 
K. C. L. Schmidt, Ww. idiotikon, Hadamar 1800; für tr.: Laven, Ge- 
dichte in tr. ma., Trier 1857; für hnnsr.: Rottmann, Gedichte inhunsr. 
ma., Kreuznach 1874; und endlich für alle: Firmenich-RicharU, 
Germaniens Völkerstimmen, Berlin 1843—68. 

Von weiterer literatnr erwähne ich besonders: J. Wolff, Der con- 
sonantismns des ss. etc., Mtthlbach 1873; J. Wolff, Ueber die natnr der 
vocale im ss. dialekt, ebenda 1875; Fr. Kr am er, Idiotismen des B. dia- 
lektes, Bistritz 1876 nnd 1877; G. Keintzel, Ueber die herkunfc der 
Siebenbürger Sachsen, Bistritz 1887; A. Seh einer, Die Mediascher ma, 
Beitr. 12,113; J.Roth, Laut und formenlehre der starken verba im se., 
Archiv des Vereins für s. landesknnde, N. F. 10, 423 ff. 



I. Abschnitt. Die vocale. 

A. Vocalsystem. 

1. Einfache vocale: ü, u, q a , q; o, q; d, a; f, f ; t, i; *. 

2. Diphthonge: 

a) echte: ae, ao; gff; dt. 

b) unechte: u a , i a . 

B. Die vocale im einzelnen. 

1. ö (Bell-Sievers w 1 , vgl. Sievers, Phonetik 5 95) ist das 
lange, geschlossene w, wie es im d. du, fz. sou, magy. rut ge- 
sprochen wird. 

2. u (Bell-Sievers u 2 ) bezeichnet den kurzen, etwas offenen 
u-laut des d. mund, des magy. kulya. Der geringe phonetische 
unterschied bleibt aus praktischen gründen graphisch unbe- 
zeichnet 

3. o (Bell-Sievers o l ) ist langes, geschlossenes, dem u ru- 
neigendes o, wie es in d. so, fz. seau, magy. csök gesprochen, 
wird. 

4. g (Bell-Sievers o*) ist der laut des d. stock nach nordd. 
ausspräche, des magy. oA, kurzes, offenes vom q a qualitativ ver- 
schiedenes o. Der unterschied zwischen den beiden lauten wird, 
da misverst&ndnisse ausgeschlossen sind — <f erseheint nir 



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BISTRITZER MÜNDART. 351 

als länge, o nur als kürze — bloss durch den circumflex kennt- 
lich gemacht 

5. o (Bell-Sievers » 2 ) bezeichnet nach dem muster der 
altnord. hss. den aus vielen ma. bekannten, zwischen a und o 
liegenden laut (früher mit ä bezeichnet), wie er in südostd. 
bank, magy. ad, kalap gesprochen wird; o ist seine länge. 

6. a (Bell-Sievers a 2 ), länge d, ist das sog. reine ö, wie 
es in nordd. ast, vater, magy. dg gesprochen wird. 

7. f (Bell-Sievers e 2 ) ist der laut des deutschen ä in 
männer, bände, des magy. e in fekete, (e, also offenes 1; seine 
länge ist durch f bezeichnet 

8. f (Bell-Sievers **) ist der laut des bühnendeutschen e 
in recht, des magy. e in ^y, belydr, gyertya, geschlossenes, 
kurzes e. f (Bell-Sievers e 1 ) ist vom vorigen nicht nur quan- 
titativ, sondern auch qualitativ verschieden ; nennen wir jenes 
(mit Bell- Sie vers) guttural-palatal, geschlossen (mixed), so ist 
dies entschieden palatal, geschlossen (front). Es klingt wie ein 
e-laut mit starker beimischung von i und entspricht d. e in 
see, fz. ite y magy. ntyy. Wie bei 0, wo die Verhältnisse analog 
sind (0 : = f : f\ scheint auch hier eine genauere graphische 
Scheidung entbehrlich. 

9. i ist der laut des d. i in fisch, des i in magy. itt, offenes, 
kurzes i (Bell-Sievers t 2 ). 

10. f ist d. geschlossenes, langes i in tön, sie, fz. fini, 
magy. ir. 

11. 9 ist der 'stimmgleitlaut' a, s. Sievers a. a. 0. 173. 

12. ae ist nhd. ae in m*w, /Wn nach der gewöhnlichen md. 
ausspräche, früher mit ai bezeichnet (s. Sievers a. a. 0. 142). 

13. ao ist nhd. ao in d. haus, laut nach md. ausspräche 
(8. Sievers a. a. 0.). 

14. dt bezeichnet langes a mit nachschlagendem, flüch- 
tigem e. 

15. oV ist <f (s. ob.) mit kurzem, flüchtigem (?. 

16. u a ist kurzes u, i a kurzes t mit einem flüchtig nach- 
schlagenden laute, der bisher mit e (d. h. 9) bezeichnet wurde; 
für B. indes ist derselbe ein dem offenen f zuneigender kurzer 
a-laut 

An m. 1. Die hauchlante sind im silbenaDlaute mit h f bei der aspi- 
ration mit c bezeichnet, während der Spiritus lenis unbezeichnet blieb. 



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352 kisch 

Die con semantischen lautzeichen sind die in neueren mundartlichen werken 
gebräuchlichen. Näheres 8. unter abschnitt II und Sievers a. a. o.' 127. 
Anm. 2. Für den vocalanlaut gilt in der gewöhnlichen rede 'leiser 
einsatz ' (Sievers a. a. o. 137 f.); 'fester* (Spiritus lerne) ist nur bei kräftigen 
ausrufen, nachdrucksvollen fragen u. dgl. zu beobachten; z. b. oltbmol 
(aliez ein mal), aber aosn! (mhd. üzhin!). Im innern der rede erfolgt je- 
doch kein neuer einsatz, der vocal verliert den kehlkopfverschluss; tb. 
fu-im (fona imu), med-hn (mit imu). 



Cap. L 
Geschichtliche entwicklnng der stammsilbenvocale» 1 ) 

a) Kurze vocale. 

§ 1. a. 

We8tgerm. a ist nirgends als reines a erhalten, sondern 
erscheint: 

Ia. Als u vor ursprünglich inlautendem m, n; um- 
laut f. Z. b. sumdn (skamen), humdn (mhd. harne), hnn&r (ha- 
mar); huraf (hanaf), u (and), humbrix (nom. propr., Hahnenberg), 
gunts (ganazzo), mun (mana), munzdl n. (füllen, zum vorigen), 
rum (rama). — Umlaut: himt (hemidi), int (nbf. enit), mm- 
z9lixi (dem. zu obigem munztf), git&r (JenSr). 

Ib. Mslfr. (wenigstens ww. seifl. slx. hunsr.) ebenfalls, 
während Sgl. a > ä (-am- > -4m-), tr. a > 6 hat Z. b. slx. 
iutr&n* (s. o.), seifl. hundf*, humrix* (nom. pr.), slx. usicht (mhd. 
anesiht). — Umlaut: ww. hunsr. tr. himmel, int. Dagegen sgL 
hämer (hamar), kämer {kamara)\ tr. honen (hano), ön* (am). 

Anm. Slx. ww. hunsr. vu(n) (von) -^ altmfr. (schon tr. capitultr) 
regelmässigem van(a). Auch B. fu\ ebenso B. gtvunf (mhd. md. nbf. 
gewan), vun (mhd. md. wanen); Sgl. vä (-^z van(a), nicht -*= -o-). 

Ha. a wird zu u a : 

1 a. vor inlautendem b, d, p, g, /, s, f (A, s. 3); umlaut 
ä. Z. b. nu a bel (nabulo), gru a bm (graban), ru a f fem. (rabo m.) 
mu a t (mado), k c u a d9r (chataro), Snu a f (mhd. snate), u'tx (a'W *)» 
iru a dn (pl. von irado); §u a f (mhd. adv. schade), bu a dn (badön)] 
mu a x (ahd. mägo — nicht wie bisher -d- [was auch andere ms, 
z. b. schwäb., rhfr. bestätigen], vgl. Kluge, EW. unter 'mohn' 

*) Die vocale der sog. en- und prokliticae, die je nach ihrer ateUnmg 
im satze stark oder schwach accentuiert sein können, sind unter cap. II 
(' nebensilben ') mitbehandelt 



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BISTRITZER MÜNDART. 353 

und Scheiner a. a. o. § 60, anm.), v*du*xf f. (mhd. witage m.), 
Sru a g» (mhd. schräge), hu a x f. {hag m., ags. haga, an. hagi [also 
g inlautend]); fuFlnai f. (mhd. valrvische fem.), Ar c w a / (chalo), 
mu a ln (malan)] fu a znix (mhd. vasendht), fu a zdln (junge bekommen, 
mhd. vaselen), glu a zdr (glaser), hu a s (huso), hu a bm (havan). Vgl. 
III a, 4. — Umlaut: grävdr (pl. von grab), sddn (mhd. nbf. 
tchete{we)), vdgv (pl. von wagan), k'nägdln (zu chnagan), Sältxi 
(dem. von scala), häskv (dem. von haso), h&bmtxi (dem. von 
havan)] äb9$, -dr& (mhd. eb(e)cti). 

Anm. 1. Aber fpftr (fater)\ wgm. d ward hier unregelmässig ^ 
t\ daher zusammenfall mit IV, 3, entspreoheDd gpfätwMaet [umlaut] 
(gevattersleute); hgsrt {hasalä) deutlich wegen des s = wgerm. s (statt 
des regelmässigen z) ; vgl. §32» und § 2 V » anm. 

Anm. 2. Daher auch (s. o.) ä'xfu<*x (woche, aht tagä), fgr-> nö- 
mefu*x (vor-, nachmittag, -fay*), bäx$fu*f£ (mhd. buochstabe entspricht, 
Dicht -«top) lautgesetzlich. 

Anm. 3. Nach abfall von folgendem g wird a durch *ä zu 0, um- 
laut e, nach §6; z. b. <fr£ {trag an), hol (hagal); umlaut: dret\'dresf 
(trägt, trägst). 

Anm. 4. Dagegen (s. o. umlaut): flegrt (flegü), bled?r (pl. von 
blal), leg* (legen), iz?l (esil), zfy {sega\ wie wenn i (s. u. § 2) zu gründe 
läge; auch fc el\% (chelih). 

IIb. 1 ) Ib. Slx. hat uo, ue, msl. (Clüsserat, nach eigener 
aufzeichnung) g a , g a , seifl. o° ; Sgl. neifl. ä, o. Z. b. slx. nuobel, 
gruowen; seifl. mo a {*, Ico a d9r*, sno a {*\ slx. geluogt (gelegt, B. 
g9lu*xt K ); seifl. fo*lmd$*, slx. bezuolen (mhd. tesa/n); slx. Auo$f, 
Äwo/ (hast, hat, wie B.). — Aber sgl. häse, rdw (rabe) etc.; 
neifl. Stift** (s. o.). — Umlaut f A , (4?), f. Kobl. *cÄa*Ä/, tr. 
blaeder (blätter, slx. blSder); (ww. schahdei) hunsr. rhfr. f A W*, 
eifl. efo$ (links, wie B., vgl. sss. Spesch). 

Anm. 1. Seifl. fator, tr. vadder. 

Anm. 2. (Vgl oben anm. 3.) Tr. drd(n), lx. dret 

2a. a > u* vor r, r + consonant; umlaut & Z. b. 
h*u a rifraeiox (chara — (mhd.)t**f/öc), du a r (dara), tsu*rix(zarga), 
hu a rtrig9l (mhd. harttrügel), mu a rl9f(<mara+alp, vgl. mediasch. 
{T//i alp), gu a rg9l (swb. ^a/y/, begrifflich = zarga), gu a rts (bair. 
garzig), gu a r (alle, insgesammt, #aro), im a r/n (tvartin), mu a rk* 
(mar(a)g). — Umlaut: drbds (mhd. nbf. erbeiz;), dm m. (mhd. 
erne), bärf (pl. von hart), gärln (pl. von garto), mär (nbf. tfwro), 
gdrtk'umzr (mhd. gertvekamer). 

') a bezieht sich immer auf die B., b auf die mslfr. ma. 

Beitrüge bot gwchiohU der dentaoben spräche. XVII. 23 



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354 KISCH 

Anm. 1. Durch ableitungs- und flexionssilben ward oft ä zna ver- 
kürzt; z. b. f arver (färber), arj9m (argirön), margtln (mergeln, s. Kluge 
a. a. o.), harter (comp, von hart). 

Anm. 2. Einige Wörter haben t« als nmlaut dnrch zusammeofall 
von e mit S (s. n. § 2, 1»): t«rn (mhd. eren), »ti«r (meri), ttfarn (cherian\ 
vi*rm9n (wertnen), ent$9ltlci a rts (unslitcherza) u. a. 

Anm. 3. Zu gfimirtc (mhd. gemerke), tri (erila) vgl. § 2, 1 anm. 1 

2b. Mslfr. wie lb: slx. duor, wuor (ward), fuoren (faren); 
msl. gg a rgdl (s. o.) wg a l9 (wartin), gg a td (garto), $wg a C* (*swarta) 
g a rm9däe* (armutei DWB. 1, 562). Dagegen sgl. (rip.) ärem 
(aram), wdrem (warm), wdr (spät mhd. war). — Umlaut: eifl. 
gertkammer, (rbds*\ sgl. ww. d: dm, fdrkel (ferkel, wie B.). 

Anm. 1. Sgl. arjern* 

Anm. 2. Auch mslfr. (s.o.) Sgl. weartne, msl. ents9llslc e*rt$. 

Anm. 3. Sgl. irle\ (mhd.) westmd. gemirke. 

3a. a > u a vor ht, hs; umlaut dt: mu a xf (mahl), vu'sn 
(wahsan), Uu a xC (falltreppe und Schlacht, vgl. mhd. slaht und 
slahte), flu a s (flahs), bdnu a xtn (mhd. benahten), u a xts9, -tsix (mhd. 
ahzehen, -zec). — Umlaut: nätxtn (mhd. nehlen), <fr# c (robd. 
nbf. eht), dt%Cdl (mhd. ahtel), gdmdtxi (mhd. nbf. gemehte); 
fldf&n (mhd. vlehsin). 

Anm. 1. Schon hiernach ist der (in allem den ss. lautgeaetien 
widersprechende) Stammesname der s. 'Sachsen': sp/cs in der ma. 
einfach fremdwort 

Anm. 2. Nach ausfall von folgendem h wird a durch *ä in 6, 
nmlaut { nach § 6 (s. o. IIa, 1, anm. 3): ilo (slahan), ilft 1 (schlagt), 
tsfr (zahar). 

3b. Wie Ib. 2b: slx. truochten (trahtön), wuossen (wahtan)] 
neifl.: g\ z. b. bdngxtdn*. — Umlaut mslfr.: (, £ wie 1. 8: 
nfzldn seifl. (gestern abend). 

Anm. Tr. schion (s.o. anm. 2). 

III a. a > g. 

1 a. Vor Z + consonant; umlaut a. — gelber (alber), 
goldm (qualm, dunst, wasserdampf; vgl. obd. galtn betäubuog, 
nd. kwalm dunst, s. Kluge, qualm), leglix (nbf. chalh), hol 
(imperat. von hallan), tfglt (kalt); firtsqlC (praet. von mhd. 
verzeln), hglftzrC m. (halftra f.). — Umlaut: salm (Vieh- 
seuche, scalmo, mhd. nbf. schelme), half (mhd. nbf. help) k'aldn 
(mhd. kellen), halt' (fr. heltit, obd. haltil), aldtr (fr. eltiro, obd. 
altiro), gdvalf (gewelbe). 



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BISTRITZER MUNDART. 355 

Anm. Aber holt (hall), hplvix (zn halb), holf (halb), golgv (galgo), 
zolf (salba); umlaut: hi*lt (halda) vgl. § 2, 1, anm. 1. 

III b. a ward mslfr. 

Ib. Vor f + consonant > d; umlaut f. Z. b. wdldvtxv. 
(tvald), käld (kalt), salz (salz)] tr. haals (hals) } eifl. gdldm* (qualm), 
haall (s. o.), baal (boddo). Dagegen sgl. (rip.) a, umlaut e : 
tvait, walm (qualm 8. o.), salz, st all de (stalla, B. ifolt). — Um- 
laut f. Z. b. hfntx?* (dem. von hant, B. hanlxi), eifl. tr. 
W/w*r (pL von kaip, B. Kaivar). (f bezeichnet hier ' einen zwischen 
a und f liegenden laut', d. b. Wintelers &, breites ce). 

Anm. Aber seifl. hall* (e. o.), tr. halnrich, half, galjen. 

2a. a>#* vor ro + consonant; umlaut (i vor -m/?-) d: 
iom(chamb\ Iqm (lamb), iqmfdrt (mhd. kampfer). — Umlaut: 
l&mtxi (dem. von lamb), Icdm (pl. von chamb)', [dimpix (mhd. 
dempfec), St impdl (tisch-, stuhlfuss, mhd. stempfei), fimpdln (mhd. 
tempern), tiimpern refl. (zu mhd. kempfenj]. 

Anm. Aber btqmpm (stampfdn), vqm (wamba). 

2 b. Hiefür stehen mir nur sgl. (rip.) beispiele zur Ver- 
fügung. Sgl. a, umlaut, auch mslfr., f. Z. b. komm; tr. 
lämmesche (lämmlein) [eifl. slämpel (fuss am tisch, stuhl etc., s. o.)]. 

Anm. Ww. kobl. wampes (wamba). 

3 a. a > q vor -n^ > -»Ar c (d. h. demjenigen n#, das zu 
nk ward, vgl. §27, IIa anm. 4.), n + consonant; umlaut vor 
np, nd : a, sonst i. Z. b. /pW (/an# adj., vgl. IV a. 1.), lovtidf 
(mhd. lancwit), plgnts (setzling, pflanza), sqnts m. (mhd. schanze 
f.), &W (schäm, wie mhd. schände), tsgnf (zand), gqntndr 
(bair. gant(n)er, mhd. kantner), sfntsn (hart arbeiten, mhd. 
schanzen). — Umlaut: hivtl f. (henkel, arm; zu hengen), fintst dr 
(venstar), Svintsdln (umherstreifen, mhd. swenzeln), gditivtidr (zu 
mhd. gestenke); Iranerin (mhd. trendein), landdln (mhd. lendern\ 
band9l m. (mhd. bendel), bdhant (bihenti), franddrn (mhd. ver- 
endern), hant (pl. von hant), fdrsanddln (zu mhd. versehenden). 

Anm. 0p** * erklärt sich aus *gins=gense (pl. von gans) nach 
$3, IIa; nach der obigen regel erklärt sich auch hinü (mhd. nbf. hen Ische), 
da dem gedächtnis das bewuestsein der Zusammensetzung mit hant ge- 
schwunden war und B. (mslfr. !) altes nsc auch =»* nü ward. 

3 b. Seifl. msl. lävti* (lang adj., adv. lau*, B. Ion s. IV b), 
l&Blcdf* (lanervit), tsdnt*, fmgävlc (mhd. umbeganc, B. emggvü). 
•— Umlaut: tr. Äf»* 4 * f. (henkel), [westmd. (mhd.) finster]; ww. 

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356 kisch 

(rändeln (langsam geben;, seifl. bfndif*, 6fw?/* m. (kleine binde), 
ferfnzrn* (heiraten). 

Anm. Hunsr. gaese (pl. von gans), slx. hpitt* (s. o.) 
4a. a> g vor auslautendem b, d, p, g, p, t, k (/), s, 
Ä, / (//-), m (-mm-), n (-nn-). Umlaut vor g, k, (h): &, 
sonst d. Z. b. djTx (/ac), grgf (grab), rot* (rat), tingt (praet. 
von chnetan)\ sgf (scaf), dgt (daz), gs («*), dgx (dah), bgx 
(f., wie md. bah), glgs (glas), mgs (unbefruchtet geblieben [von 
der kuh], nicht < mat, -tt- } s. Frommann, Deutsche ma. 6, 16), 
zgx (sah), gd§<fx (giscati); fgm (tarn), mg (man), Jco (kan) f 
sfgl (stal), §vom (swam, spongia, und praet. von srvimman). — 
Umlaut: ddfglix (mhd. nbf. tegelicti), ddtgdltxi (dem. von dah); 
rätxi (dem. von rat), Säfkv (dem. von scaf), gldskv (dem. von glas). 
Anm. Aber ztft (saf, Dach IV a. 3a, da ~t schon früh (mhd) 
antrat); zgl zur futuralumschreibung gebraucht, wie im mhd. engl. (ahd. 
sol, got. skal, engl, shall, nl. zal\ -g- kann hier nur •*= a entstanden sein, 
s. u.); zu bl?t (biat) s. Ha. I anm. 4. 

4 b. Seifl. tr. daag (d. h. däx), graaf, raad; daad (daz), 
naas (naz,, B. ngs), daach (dah), baach f., glaas; seifl. mds* (von 
einer kuh, die noch kein kalb gebracht hat), gdidx* (giscah); 
tr. st aal (stall), ww. Sgl. md (man), kd (kan). — Umlaut: tr. 
f, Sgl. f : dag (d. h. dfx, pl. von tac), männcher (d. h. mf/ifyr 
pl. vom dem. zu man). 

Anm. Aber mslfr. (ww. hunsr. Ix. eifl.) wie Sgl. rip. nd. sali mit 
altem a, wie auch B. (schon aitss. sah (sollst), sal, s. Fr. Müller, 
Deutsche Sprachdenkmäler aus Siebenbürgen, Hermannstadt 1864, 185. 203). 

IV a. a > g. 

1 a. Vor -ng- > »; umlaut d. Z. b. lg» (longo, adv.), 
lg*dn (mhd. langen), sfgv (stanga), tsg» (zanga). Umlaut: gfo'qt 
(mhd. gengec), hdvHtxi (dem. von mhd. hengel), zdwtn (sengen), 
äv9l (engil), gizävdhyi (dem. von gesenge). 

Anm. li»9r (comp, von longo) ist mit lautgesetzlichem linUnr (vgl. 
III a da, comp, vom adj.) zusammengegangen. Ebenso erklärt sich wol 
auch hg* st (hengist) ^ * hwst wie fö*stn^*pfingustin, s. besonder» 
§3, IIa, 

lVb. a>a. 

Ib. Seifl. sgl. lav* (adv., vgl. III b. 3b). — Umlaut: seil 
hfv9llXf (». 0.) 

2a. a > g vor inlautendem nn, rr; umlaut a. Z. b. 
fgvtiox (mhd. phannkuoche), bdlSpgn (bettstätte, mhd. spatwbetle), 



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BISTRITZER MÜNDART. 357 

ngr (narro), fqrdr (pfarrdri). — Umlaut: fcu&lc (pfenninc), 
grandix (zu nahd. part. prs. von grennen, < *grennendec), ran 
(rennen), dandn (tennin), tsarn (zerren), blarn (blerren). 

2 b. a > a mslfr.; umlaut: $ vor nn, a vor rr. Z. b. 
eifl. pandtiüx* (pfannkuoche), hunsr. parrer (s. o.). — Umlaut: 
seifl. Sgl. männer (pl. von wan), Sgl. rönn* (rennen), eifl. ww. 
blardrP (blerren), zarren (zerren), Sgl. narrich (nerrisch). 

3 a. a > o vor inlautendem /r, f, p; kk, tt } pp; 11, mm] 
vor st, sp, sk, f,ft. — Umlaut vor k : dt, sonst d: mgxv (mahhdn), 
bqxv (bahho), vqsdr (waz,z,ar), finjfm (vernarren, trans. mhd. ver- 
äffen), tsvqfc f. (gabelförmiger ast, bair. zwacken f.), bqkn (sich 
verstecken [kinderspiel], s. u.), smqkv (smacchön), lots (latta\ rqts 
(ratta) fdrzqtst (versetzt, mhd. westmd. versalzit), pqtsix (patzig, 
aufgeblasen), t\p9zn (iterat. von tappen), Svqpdln (bair. schwap- 
pein schwanken [von flttssigkciten]), grqp f. (kleines stück traube, 
fz. grappe, it. prappolo), grqpdin (grapsen, s. Kluge a. a. o.), qll 
(mitunter/mhd. adv. (ülez), fql (falla), tcrql (kralle, pl. lange nägel, 
zu mhd. krellen), hqm (hamma), kUqntir (mhd. klammer), Srgm (mhd. 
nbf. schramme), gyst c (gast), qsp (aspa), mqs (mhd. masche), t'qä (tas- 
ca\ KrqfC (chraft), qbdr (avar, -&-). — Umlaut: hätxC (hehhit), 
hdt%9ln (mhd. nbf. hecheln)^ ds%x (e&ich), väsix (mölke, s. u.), 
fcdszl (chez,z,il), Idfdl (leffil), bdßldkv (mhd. [be\klecken), bläksn 
(blöken, iterat. zu mhd. blecken), ätcdr m. (ecker), gdbdksdl (zu 
mhd. gebac), fät§ (mhd. veische, bair. feeischen windel), pldtsn 
(klatschend schlagen, auffallen, mhd. platzen, platschen), vdtät'ö 
(wetzstein [von unausgebackenem brote gesagt]), bat (betti), 
(f9r)ldpdrn refl. (sich allmählich verlieren, verschwinden; bair. 
(ver)leppern), tildpdr m. (glockenklöpfel, zu mhd. klepfen, ndd. 
Meppen kurz anschlagen), drväln (mhd. erwellen sieden machen), 
ivdl (balken, mhd. swelle), ivdln (swellen), svdm (swemme), tidsf 
(chestinna), dsfrix (estirih), vdspdlts (mhd. wespe), väSn (wascan, 
mhd. nbf. weschen), hdfm plur. tant. (plur. von hevo), häftn 
(heften). 

Anm. 1. Aber np^st (ast). 

Anm. 2. Aber tatst" (le^z,ist) neben lautgesetzlichem f9rlätsn (mhd. 
verletzen), fast (festi) neben fästuvti (festung). 

3bw Mslfr. hat hier a, nur tr. hat hier meist d. Umlaut: 
seifl. msl. ww. $\ tr. f ; Sgl. rip. f. Z. b. ww. mache (die mache), 
w asser, seifl. zwack f. (gabelförmiger ast), (sgl. backe schmollen? 



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358 kisch 

s. o.), batzig (auffahrend), ww. tappche (plump auftreten); seifl. 
Ix. msl. grap (stück traube, eine band voll), ald (zuweilen, schon), 
raslfr. harn* (scbinken), krallen (lange fingernägel); ebenso sgl. 
(rip.) a, z. b. sache (sahha), kachel (chahhala), falln (fallari) etc. 
Das (sonst msfr.) tr. hat waasen, f aalen, s. Laven a. a. o. — 
Umlaut: seifl. fsix* (e^ich), ww. kobl. eifl. rvaessig d. h. 
tvfsix mölke, auch sonst gebräuchlich?), seifl. 1c{$9p t (s. o.), 
blfkstn* (blöken), grtfk'* (gebäck), eifl. ftidr (s. o.), seifl. 
plettin* (8. o.), wftäte* (wetzstein und von unausgebackenem 
brote), tvftsix* (unausgebacken, ww. watzig), bf£* (betti), 
tilfpdr m. (glockenklöpfel), tcfsl (chestinna, s. ob.), fVrft 
(aslrich). Dagegen hat sgl. (rip.) f. Z. b. Sgl. ässich, bädde 
(belli), wälze (wetzen), geschäfU Auch tr.: mäss (mhd. mezxer), 
läffel (leffil) u. s. f. 

Anm. 1. Slx. seifl. näst* (s. o.). 

Va. 1. -aw- ward (vgl. Braune, Ahd. gr. § 114) durch 
ao> 6 nach § 12. Ia zu ü\ umlaut i. Z. b. lü m. (lö, got 
*lawa-) frü (/rö); ri (rö), SM (strö). 

2. -ew- wird zu <ft, indem es mit der gruppe -iu«>- (s. § 13 
IIa) zusammengieng. Z. b. h<f € (hewi), fr<f?t* (frewita, praet 
von frouwen), Hrqtn (strewen). 

Vb. 1. Auch mslfr. (slx. tr.): frü* (frö); — umlaut: itri* 
(vgl. § 12 1 b), also wie B. dagegen Sgl. (rip.): fr6*, rö*. 

2. Msl. tr. fraai dichl (freue dich), B. fr<ft d%x\\ fraa'n 
(frouwen), straa'n (strewen). Dagegen Sgl. äj : fräjje (frouwen), 
Sträjsel n. (alles, was dem vieh untergestreut wird, B. gd&i r<ffs9l). 
Vgl. §13. IIb. 

§ 2. Westgerm. e. 

Ia. e > i a vor r, rr, r + cons., [/], //, / + cons. (ausser 
Iw > l, Ik > Ix)- Z. b. svi a rn (swero), di a r (der), vi'r (wer\ 
hi a r (hera), bi a rij-pi, -aos (bergein, -aus, zu berg\ gi*rn (gern 
und mit absieht, gerno), fi a riC (fersana), gi a r§t (j/ersta), vi'r 
(gerstenkorn am äuge, ww. weehr), hi'rC (h'erd), i a rt* (erda), 
6vi a rC (swert), vi a rdmt (wermuota), Smi a r (smero), smi'rn (mhd 
nbf. smern), vi a rk* (werah), vi a rn (werden), si a rn (sceran), pi'rtf 
(perala), fi'l (fei), äni'l (snello), fi'lt (feld), gi a lC (gelt), st flu 
(stelza, nicht stelza [s. Kluge], was aus obd. ma. [z. b. swb.] 
hervorgeht), böxifi'lls (bachstelze), Smi a ltsn (smelzan), mi'lk» 
(melchan). 



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BISTRITZER MUNDART. 359 

Aum. 1. Durch zusammen fall von i mit e 9 den die ma. mit dem md. 
teilt (nicht mit demobd.), erklären sich nach § 1. IIa, 2a anm. 1, III a, la 
formen wie: zaldn (siltan), mahnt f. (mhd. milm m.), tfabr (chillari), 
fartsblr (formell pferdebirne, begriff 1. bofist), harts (hirza und mhd. adj. 
herze). 

A n m. 2. £=»- t vor r, / in tfirbrt (keYvola), k'irtsfiln (zu mhd. kirren), 
siltfsn (iterativform zu mhd. schuhen, das zu scilah gehört, [biln (billan)\\ 
i^i^»1 in fhrievlc (mhd. pfirsich), li\rnmel%x (mhd. kernmilch), svirn 
(sweYan), ivforix (eiterig, mhd. swiric). 

Anm. 3. h{ (er) wegen des (sehr frühen) abfalls von r nach IIa 
anm. 1. 

I b. Msl. eifl. stve'm* (swero), de°r (der), lx. stets ie, ie 
(d. b. i(): fielt (feliso), hierz (herza), bürg (berg), ierd (erda), 
hier (hera), hie (er), gier (gerno) u. 8. f.; Sgl. bat ea, Sa (vor 
r). Z. b. sfearwe (sterban), tviart (werd), giarn (gerno), bSarch 
(birg). 

Anm. 1. Dieser zusammenfall (s. o.) gilt auch mfr. allgemein. 
Z. b. Sgl. pärd (pfir-frit, bei B. färt), harze (herza). 

Anm. 2. Sgl. kirwel (s. o.), eifl. hütistn*, (eifl. bitten); slx. pfov* 
(pl. von pfersich), ww. kirn* (mhd. kirn f.) 

Anm. 8. Mslfr. — ww. seifl. tr. — he**, hce. 

IIa. e > e vor b, d, p, g, s < -hs- in mundartlich mehr- 
silbigen Wörtern, vor Ih > l, (Ik > l . .%). Z. b. lebmdi% (mhd. 
lebendec), fyrdl (mhd. schedel), lejdr (hefe, legar), iserfl (mhd. 
zedele), vegdln (sich bewegen nach art eines wagebalkens, iterat 
zu wegan, nicht = rvackelnl mbd. daher wol tvegelen anzusetzen, 
nicht -e-, vgl. Lexer, Mhd. wb.), vecfrr (wetar), feü*r (fedara), 
Ifdzr (ledar), ledix (leer, mhd. ledic), ledig* (ausschliesslich für 
leeren, ledegen); v§sdl (wehsal), zesls9 (sehzehan), zfstsix (sehszug), 
toftln (bißlhan), velix (welc[h]). 

Anm. 1. Mundartlich einsilbige haben f. Vgl. z. b. Ifft (libit), 
Iffl (Übe!) mit obigem lebmdix, bft (bitot): berl9r (bitaläri), berrtn 
(bitalön), zfs(sihs): zests», -isix (sihszihan, -zug), vfx (wie): vegrtn (s.o.). 

Auch gf (giban), rf (rigan) nach Schwund von folgendem b, g\ 
ebenso z{n9S (segansa). 

Anm. 2. e =** 1 in Hrip9s (chribiz,). 

Anm. 3. mät 1 (miiü), kpenvät (mhd. spinnewit), als ob -e- zu 
gründe läge, s. § 1. IIa, 1. 

II b. Mslfr. ww. wedder (wetar), tr. ledrig (d. h. Igdrix, wie 
leder, denn f ist mit ee bezeichnet [bei Laven a. a. o.]) ; brfete 
(bißlhan), [slx. welech (welch)]; Sgl dagegen hat oc (d. h. f): 
wcerer, fcerer (fedara). 



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360 KISCH 

Anm. 1. Tr. leeft (s. o.), beed (s. o.), scheel (scilah, B. &l); ww. 
rehn (s. o.), mal. sfnis* (stgansd). 
Anm. 2. Mal. eifl. krtbs (s. o.). 
Anm. 3. Seifl. fyantvff* (s. o). 

III e > d? vor k, h: tsdfy (zunft, mhd. zeche), rdfy n - 
(niedriger berg, mhd. rech 8. u.), brd?x (mhd. breche), trlätyn 
(zu mhd. erlechen), ddfxn? (familienname, mhd. dechent), bdfy 
(peh, b-)\ ße (ßhu), gdföe (giscehan), zdf (sehan). 

Auch hier ist £ mit e zusammengegangen, s. § 1 IIa, 3a, 
lila 4a, lVa3a. 

Anm. Aber tsä (zihan). 

III b. Mslfr. f. Eifl. mal. Ix. r{xn (abhang, lothr. in 
Ortsnamen z. b. 'Rech'; auch hess., also westmd., sonst kaum 
gebräuchlich), eifl. brfx ( 8 * °0» * r « brähchen (brehhan), rähchen 
(rehho); vgl. Weinhold, Mhd. gr. § 103 -ehe > ei nrh. sehr be- 
liebt: sein (sehan), gescheht (giscehan) s. o.; heute eifl. gescheit 
(geschieht, wie B.). 

IV a. e > d vor/?, t, pp, kk, tt; sk, st (sp, ft). Vgl. § 1, 
IV a 3a: t'rdfm (treffan), fdf9rfcraot (Bertram, zu pfeffar), ßstrn 
(mhd. ve^eren, s. Kluge, fessel), yngdsn (mhd. ungez,%en), §täpm 
(mhd. steppen), äpdk* (scfiaf klauenfett, specch), §tdkv (mhd. stecke), 
tildC (chletta), idtn (plur. von letto), drdSn (dreskan), gästtr 
(mhd. nbf. gestre). 

IV b. Mslfr. {, f, Sgl. (rip.) f . Z. b. Ix. p{f9rtcraoC* (s. 
o.), tr. ähsen, ww. essen (e%z,an, B. dsn), eifl. l{t* (letto), gfsfor* 
(mhd. gestre), ww. dre/r (*drecch). — Sgl. (rip.) dräffe (treffan), 
ässe, gästern. 

Anm. Die mslfr. länge hier und III b gegen agl. (rip.) kürte ist 
charakteristisch; Tgl. B. äf, ä. 

V a. Sonst e > f\ Z. b. gfi (gelo), mfl (melo)\ f$s (ftsa), 
ifzn (lesan), gdvfsf (sw. part. pr. von rvesan)\ flfxi (wagen- 
korb, mhd. vlehte), finfxf (kneht), k K fv9r (chevar), brfm (mhd. 
brem). 

Anm. 1. Aber brimix (brünstig, tod Schweinen gesagt, vgl. htesa 
und in svlrix (swfric) Beitr. 13, 393 f. 14,163); fie%tn (vlihtan), Hat 
(gerade, sliht), rex? {riht)\ lefts (lifs). 

Anm. 2. bäs9m (+btsmo) folgt deutlich IV a, da s hier stimmtot 
ist; vgl. besonders § 32a und § 1. IIa anm. 1. 

Anm. 3. Fremdes e =■* t in (flz?bitn~ (Elisabethen-), awnUx* (dem. 
von Agneta), gritxi (Gretchen), saUt?r (mhd. Salpeter), pifsr (Peter), 



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BISTRITZER MUNDART. 361 

platHn?9 (pftnnkuchen [Deutschland], kletite [Oesterr.-Ung.], lat. placcnia); 
sonst z. b. fij(n)f c (nehmt). 

Vb. Auch tr. geel (gelo), mtU (melo), eifl. gdwfst* (ge- 
wesen); tr. knoehchd (kneht), eifl. fcfw9r* (chevar). 

Anm. 1 . Mal. seifl. brimix* (brünstig ß. o.), eifl. löffzen (pl. von lifs). 

Anm. 2. Slx. eifl. bfssem, köln. bessern (btsamo) s. o. 

Anm. 3. <r =- i bes. wind, beliebt (Weinbold a. a. o. ; Wahlenberg, 
D. nrh. ma., Köln 1871); nimt (nehmt), andre beispiele oben in den an- 
merkungen. 

§ 3. Westgerm. t. 

I a. t > i vor b, f, d, p, s, g, (h), l, m, n, r, rr, r + con- 
sonant Z. b. zibm (siburi), drif (trieb, früh nhd. trip, 8. Kluge). 
viMn (mhd. wibelen), bibdl (mhd. bibel)\ Sib9r f. (scivaro), itibdl 
(stiväfy (mx^r [zu nihhein]); Slidn (slito) f pid9rn (zupfen, 8. u),pidn9n 
(durch zupfen in fäden auflösen, 8. u.), -nidn (unten, nidana, in 
Zusammensetzungen), nidtr (nidar), fridn (einfriedigung und friede, 
wie mhd. vride\ vifcr (widar)\ vis (rvisa), visbom (wiseboum [b heisst 
stimmlose media]), vizdlt%i (dem. von wisala); §vij9r (swigar), 
St € ig9l m. (mhd. stigele f.), gigv (1. pl. des st. praet. von mhd. 
gigen)\ ziln (mhd. sile), Stil (stü), tsvilix (zwüih), himdl (himil), 
hw&lisn (sterben, zu mhd. himelri), ftmdl (männlicher hanf, s. u.), 
in (im [ihnenj und in(an) [ihn]), hi (hin(a), z. b. in hidd eigtl. 
hintun, = versorgen, 8. u.), irix (weissgegerbtes schaf Jeder, irah), 
leirix (chirihha), Sirbdl n. (dem. von scirbi), firgrtn (mhd. virgeleri), 
smirJclix (ranzig, zu mhd. smirkeri). 

Anm. 1. i s*. I vor r- lauten in mundartlich einsilbigen Wörtern: 
ifirn m. (stirna f.), btr (bira), gtär (giscirri), vir? (wirl), mir (mir), dir 
(dir), hiri (hirsi), hb-n (hirni), hirf (hirt), tsvlrn (mhd. zwirn). Doch 
hirts (hiruz,), wol wegen der dreifachen consonanz. 

Anm. 2. lot (ligen) erklärt sich «^ mhd. lien, ftn nach 5 8. 1 a. 

Anm. 3. Aber Spei (spil), trotz ipiln (spildn-, imp. B. ipill); melix 
(mi/uh, mhd. milch), ist nach lila zu beurteilen; ebenso $n(in), da es in 
zusammen Satzungen meist vor cons. stand, wie un- ^ on s. § 5. 1 anm. 3. 

Ib. Auch msifr.; dagegen hat sgL (rip.) nur nach r-lauten 
1 ungeschwächtes t, sonst wie nhd. Verlängerung und Schwächung' 
(Heinzerling a. a. o.), nach b, d, (m), n, /, (s): f, nach g: f. 
Z. b. ww. siwwezig (siebzig), eifl. wibbelich (zu wibelen, s. o.), eifl. 
piddeln (zupfen), pitemen (leinwand zupfen), tr. nidder, eifl. (los* 
mix) tsdfriebn (eig. [lass mich] zufrieden 4 h. in ruhe, wie B. 
t$9fridn\ widder (widdar), eifl. rviss, wisbSm* (s. o.), ww, diser 
(disSr, ß. dizzr), hunsr. (hess.) silen m. (s. o), süscheit n. (wage, 



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362 kisch 

hebel zur befestigung des pferdcgeschirrs, B. zilniaef n.), «& 
still (stil), ftl* (filu), seifl. himdlzn* (sterben, 8. o.), ftmdt* (männ- 
licher hanf, bair. ftmel, 8. o.), higQdon (hingetan, versorgt, ß. 
higido, 8. o.), schirbel (s. o.), ämirfofrn* (mhd. smirken, 8. o.); 
Sgl. jedoch: serve (sibun), frire (fridu), vel (filu) u. 8. f., vor g: 
rejjel (rigit), cjjel (igil). 

Anm. 1. Auch mslfr. z. b. bier 9 tr. iwVr/, mt*r, (Her, hier (ihr, tm); 
eifl. Atrz (hirschkäfer, B. hirtsgs [-ochse]). 

Anm. 2. /«>(n) tr. eifl. (ligen) vgl. § 8. Ib. 

Anm. 3. Msl. tr. möüich, ön (s. o.) (wie ti»-=-on); doch *j?itf und 
spillen. 

II a. i erscheint (nach abfall von folgendem n vor spirans) 
als <ft vor (n)$; vor (n)/* als <f. Z. b. teptt (zins), dqtzn (dinsan), 
fqutn (< *finstn, mhd. p fingst en); fqf (finf). — Zu diesem 
höchst interessanten abschnitt vgl Staub in Frommanns D. ma. 
7, 18 ff. 191 ff., ebenso § 5. III a und besonders § 22. Ia. 

Anm. 1. Vgl. besonders hpesf und gges § 1. IV a 1a anm. und 
lila, 3a anm. 

Anm. 2. (Im 888. auch dfesfix (afr. ts. ding es tag, s. Kluge unter 
dienstag), B. jedoch stets dentstox [analogienentlebnung aus dem nhd.?] 
Immer lenih (Unsi)\ hiezu vgl. § 5 III a anm. 

II b. Eifl. ddsen (dinsan 8. o. ; dräsen refl. sich ausstrecken, 
besonders beim gähnen, gehört wol auch hieher; B. dr<f<zn< 
*drinsan? refl., sich dehnen, strecken, doch ist mir die Vor- 
geschichte des wortes unbekannt. Vgl. sss. droasen). Diese 
verschiedene behandlung des i vor urspr. ns, nf gilt auch ww. 
sgl. rip., dagegen hat schon hess. dinsen etc. 

Anm. 1. Neifl. dostig (s. o), msl. dentstix; slx. lenzin (plur. von 
linst) wie B., rip. l(z»n\ vgl. § 5, 111 b anm. 

III a. Sonst (also vor 11, / + cons., mm, m + cons., rot, n + 
cons. [ausser ns, nf, s. IIa], und allen mundartlich stimmlosen) 
i > e : dfl (Ulli), Sei- (seilt), veli (wildi), Jcelk* (hüsteln, bair. 
kilkezen) ; §vfm*n (swimman), Slem (schief, schräg, *slimb), fynpn 
(mhd. schimphhüs } euphemistisch für abort, wie mhd. kuolhüs, 
sprdchhüs u. a.), hemptr (hintberi), grenC (grmt) y ztni (mhd. 
sint), bendzr (ausschliesslich für böttcher, mhd. binder), vpitl 
n. (winchil m.), revlc f. (mhd. rinke m. f.), brevtn (*wringan\ 
ventirgr&t (singrQn, eigentl. wintergrttn), trendfrl n. (wasser- 
wirbel, mhd. nbf. trindel) } Spfs (spi%\ det (diz) f ff (i?), rfsV 
(rist), es (ist), flfttfrn (iterat. zu mhd. vlittern, schallend lachen), 
tsvet drn (flimmern der äugen infolge eines Schlages, s. u.) y gtfts* 



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IA 



BISTRITZER MUNDART. 363 

(mhd. glitzcn), giftin (mhd. glitsen, swb. glitschen), gp§n (gischen)\ 
zfm\ (imp. von sehan), $r fiedln (aufspringen, risse bekommen, zu 
mhd. schricken; hess. schrick, Sprung, riss), gtksn (mhd. gigzen), 
bgmpfk c 9r (blauspecht, zu bo*m [baumj und ptkv [picken]), tsfpm 
m. (zu mhd. nbf. zipf), v?ft f. (mhd. wift), dr/ff (anlauf, zu 
trifi), lefpm (mhd. kippen). 

Anm. 1. Aber: ptpts (mhd. nbf. pftpfiz,). 

Anm. 2. Merkwürdig t^t* in sk»# st. f. (schinke swm.), smuk 
(peitschenende, mhd. smicke); in bunisi/ (mhd. winzig) hat sich -«- ans 
-iv- entwickelt; vgl. k'u = ahd. kuman ^ quiman o. a.; s. Kluge unter 
winzig. 

Anm. 3. t ward durch *l^- ai in den betonten pronominibus : a^ 
(ih), mö<?x (wiA), rfa^ (^)* zae X (**A); unbetont: t£, m#, <%, «(&. 

III b. Auch mslfr. e, e } a (eifl. wechselt ^, a [sogar 0] auf 
eine strecke yon einigen meilen). Seifl. schelt (s. o.), Uflksdn* 
(hüsteln, 8. o.), tr. schwömmen, scMömm (schräg), eifl. hampdr* 
(s. o.), ww. bender (ausschliessl. für böttcher), tr. röngg, sgl. 
brenge, eifl. wantdrgren* (singrün), trtndrt* (wasserwirbel), tr. 
spöss, ww. dött, tr. edd, öss (ist)] sgl. zweddere (flimmern), tr. 
glöddschen (ausgleiten), sgl. sech, eifl. bömpttidt* (specht, s. o.), 
tr. schöff (seif, B. Sff), eifl. ww. tstp9ri* (zipfel, s. o.), drffti^ 
(mit schwung, anlauf losgehend, s. o.), tiepdn* (abhauen, s. o.). 

Anm. 1. Ww. tr. piebs (d. h. pips). 

Anm. 2. Eifl. ww. wunzig\ doch eifl. sm$U+, Imak* f. (s.o.). 

Anm. 3. Ebenso mslfr. (auch hess.) ; jedoch nicht rip. (und sgl. 
neifl. nix.). Für 'dich' s. die grenze bei Wenker, Sprachatlas 27. Vgl. 
tr. hunsr. ww. msl. eich — ich, meich — mich etc. mit rip. ech, mech 
u. s. f. Vgl. § 16. 

§ 4. Westgerm, o. 

la. o erscheint als u vor m, n; umlaut i (vgl. § 1. Ia. 
§5. Ia). Z. b. braejum (brütigomo), huni% n. (honag n.), Icu 
(spätahd. komen). — Umlaut: kif (3. p. sg. prs. von obigem 
k ti, mhd. nbf. käm(e)t), k'isf (küm(e)st). 

Ib. Eifl. hunix (e. o.), (ww. bräum), eifl. tiu(n); dagegen 
sgl. hdnich, komme, bririjam. Umlaut: lx. kitt (s. o.), eifl. kint, 
(köln. kütt). 

IIa. o > o vor inlautendem b, f, d, />, g, l vor / + 
consonant, r + consonant; umlaut f. Z. b. tiqbdr (mhd. 
kobel), Jcnoblox (chlobolouh), opds (obaz), hob9l f. (mhd. hovel 
m.), gbm (ovan und obana), dqddr (totoro), oebr (odar), rogdl 



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364 KISCH 

(mhd. rogel) 9 bog» (bogo), holn (holön), boln (balken, mhd. hole 
[vgl. ^n. bolr baum8tamm]), legi (cholo\ fgln (folo), hgltirt 
(mhd. hol(un)der), vglf (wolf), fcgrf (chorp), dts morfist* (mhd. 
des morgenes, s.u.), folg» (folgeti). — Umlaut: h$$ (mhd. hö~ 
vesch), Icnfrdl (mhd. knödel), d$ddrn (cacare, zu totoro), frffpltii 
(dem. von troc), beln (pl. von mhd. hole, s. o.) tyltsdr (pl. von 
holz), k erttor (mhd. nbf. körder), $$rls (baumrinde, ndl. schors(e) 
f., zips. schörz), reptsn (mhd. nbf. rophizen, rofzen), tepdln (mhd. 
topelen). 

Anm. Aber mur (morha), (f9f)it rubrtn (strobalön), godi {gota\ 
barst (mhd. borst) \ in volk\ dem. v$lkiy\ (wolchan), liegt deutlich -«- 
zu gruode, vgl. mhd. neben f. wulken, um laut -tf-, 

II b. Tr. owen (ovan und obana), bodem ([d. h. o, denn g 
ist besonders bezeichnet] bodamo), bogen (bogo), holten (holön), 
wolf, korf {chorp), morjensd (s. o.). — Dagegen Sgl. 6 a (d. h. ff): 
dgebö a re (angeboten), bd a ue (bogo), h6 a ln (holön) u. a. — Um- 
laut ö (d. h. f, 'ein laut zwischen nhd. ö in können und e in 
kennen*). Z. b. ww. knöttel (s. o., ww. ist -tt- < gm. d stets = 
r, also = */cn$r9l), tr. förchden (forahtan, -u-), eifl. repsen (auf- 
stos8en, 8. o.). Dagegen vgl. sgl. bäjelche (dem. von fto^o). 

A o m. Eifl. mur*, ftritrumbn* , Ix. ^ö f (s. o.) 

III a. Sonst (also vor mundartlich auslautendem /, vor r, 
rr, rn, rd und allen mundartlich stimmlosen lauten) wird o > 
o A ; u miaut f. Z. b. hol (hol), fol (fol), ipgr n. (fussspur, 
spor n.), dg*r (tor), gdfrgrn (gefroren), fdrvgrn (park prt. von 
ftrwerran), hgrn m. (hörn n.), AVm (weizen, chorn), vorf (wort\ 
sgrn (mbd. schorn); lof (lob), trox (troc) y gdCrofm (part pr. 
von treffari) y §<f$tn (mhd. schoben), postn (pfropfen, s. u.), Icngx 
f. (mhd. knoche m.), fgxn (mhd. fochen), k'g*p (kanne, chopf), 
(ifro A p m. schlinge, vgl. Lexer, nrh. storp schlinge), ArVfcn 
(mhd. kotze), brok f. (das weiche des brotes, broccho m.), rok» 
(rocko), £/>öY (spot), rg*s (ros), <?s (ohso), dgxtdr (tohter). — 
Umlaut: Itfptxi (dem. von choph, s. o.), ifpzln (am schöpfe 
beuteln, zu mhd. schöpf), Sprfskv (dem. zu sprowo), Stflc (pL 
von s(ok\ weinstock, mhd. stoc). 

Anm. 1. Aber (fygkv (schaukeln, zu tsolc = mhd. schoc), hgfm 
(mhd. hoffen\ durt (dorot), fgrt (mhd. t>orO- 

Anm. 2. don9r t bei B. dpnthr (donar) weist wol auf *-tiiuf- lurflck 
(8. § 5); vgl. nl. donder-, engl, t hunder. 



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BISTRITZER MUNDART. 365 

III b. Auch mslfr. tr. vertvbr (verworren, 8. o.), ipor n. 
(s. o.) (sgl. sböar n.), wört (s. o.), g est och (gestochen, ß. gdtfoxn), 
gespröch (gesprochen), B. gdSprQxv), eifl. postdn (pfropfen, s. 
§ 23, 1), broll* f. (s. o.), tr. köbb (köpf), dichter (s. o.), eifl. ww. 
os* (8. o.). — Dagegen sgl. (rip.) o a (d. h. g): gesto a che (ge- 
stochen), gego a sse (gegossen), ko a bb (köpf), gno a bb (knöpf), ro a st 
(rost) u. s. f. — Nur vor r oa (d. h. g a ), vor ht 6* (d. h. gT). 
Z. b. hoam (hörn), d6 a ch(er (tochter). — Umlaut mslfr. /, ö 
(d. h. f): tr. Icehcher (pl. von /oä, B. /?V r )> äöhchder (pl. von 
/öftrer, B. d§xt <dr )\ — dagegen sgl. (rip.) f. Z. b. lächeiche 
(dem. von /oä), gnäbbe (plur. von knöpf). 

Anm. 1. schockein Sgl. (schaukeln, s.o.), tr. /br/. 

Anm. 2. Eifl. donsr* (s.o.). 

§ 5. Westgerm. u. 

Ia. Altem w entspricht u vor b, d, g, doppeltem ver- 
schlusslaut, m, n, /, r, rr, r + cons., hs, ht; umlaut i, vor 
doppeltem verschluselaut ?. Z. b. iCuf (stuba), snufcrn (mhd. 
snudern), tut (düte), jui (mhd. Jude), trudn (pl. von mhd. 
trule), durdln (dudeln), flugv (pl. praet. von fliogan), tugntsdm 
(mhd. tugentsam), zumdrlu a t f. (sumarlata, -o-), frum (mhd. vrum), 
snur f. (kreisel, zu mhd. snurren), urtsn (Überreste, die das vieh 
vom futter stehen lässt, pl. zu mhd. ure%), gur (stute überhaupt, 
nicht wie mhd. gurre), lurts (mhd. lerz, nrh. lurz), bus (Schrauben- 
mutter am rade, buhsa), fus (fuhs), fruxt (getreide, /ruht), tsuxi 
(zuht) ; Icukv (mhd. gucken), spukv (spucken), tut dl f. (zu mhd. 
tutte), Hup f. (schlinge, mhd. slupf m.), Supern (zu mhd. nbf. 
schupfen), $fupm (mhd. stupfen), itrup f. (mhd. strupfe), fupm 
(zu frübnhd. tupf), tiutsn (zudecken, (umbi)chuzzen), lutin (saugen, 
s. Kluge unter lutschen). — Umlaut: tinibdl (knubil) } grip9s 
(kernhaus, kehlkopf, grübiz), bif (butin) } bei B. fi&rn (furdiren, 
mhd. nbf. vudern) 9 ßtxi (Judenmädchen, dem. von Jude), ligv 
(lugin), drimdrn (poltern, zu mhd. drümen), grinal f n dem. zu 
mhd. krume), Uindk* (chuning), mintsdrgf (Mönchsdorf, zu munih), 
gdbin n. (Zimmerdecke, zu mhd. büne), pü (pfuliwi), hü (ein- 
sattlung zwischen zwei bergen (riedname), mhd. hülwe), tirm 
m. (eigensinn, zu mhd. türmte, vgl. tr. törmen, angestrengt nach- 
denken), firbm (mhd. vürben), Sirgv (mhd. schürgen), ipirtidl m. 
(mhd. nur nrh. spurkel, s. u.), fis (pl. von fuhs), flixti% (mhd. 
vlühtec); lclppdl (mhd. kHipfel), hpvurtsdl (weisse niesswurz, mhd. 



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366 kisch 

lüppemurz), (ptftp (pfeffer, mhd. gestüppe), tsaoihp9r%i (zaun- 
könig, dem. von mhd. zünslüpfel), äffkv (den Weingarten mit 
pfählen versehen, mhd. nbf. stücken), flftsi% (einlutzig), s?tsbr{i 
(mbd. nbf. schutzbret), §frpt$9l m. (längliches gebäck, mhd. 
strützel), dppm n. (mhd. nbf. tupfen), r;k c {ruckt), mffc (fliege, 
muccd), §ep9rn (zu mhd. schupfen), iftslii (lange dauernd [von 
hartem brote], ww. schützlich. 

Anm. 1. u^ü> i^i vor r-lauten oft in mundartlich einsilbigen 
Wörtern: hürt f. (hurf), dürf m. (roggentrespe, bair. tur(), vürsf (wurtil 
fürt 1 (furche, furuh), fürn (mhd. nbf. turn); trf f. (mhd. Orte), dir (tvri), 
tftr (mhd. kürre), bb-f (burdi), k'im (chumin), b\ (mhd. bün). 

Anm. 2. Aber fgr (für, furi), zgn (sunu, doch pl. entsprechend: 
zto), triptsn (tröpfeln, zu mhd. nbf. trüpfe), tifi (weibl. brüst (in der 
kindersprache), zu iutto m.); trpUsn (stottern, ww. trucksen). 

Anm. 3. un-^pn~ nach IV a, da meist consonant folgte. Z. b. 
ongäsn (mhd. ungiz,z,en), vgl. $ 3, I a anm. 3. 

Anm. 4. u dnrch *ü =^ ao in draogw (trocken werden, zn mhd. 
md. trüge adj.); nmlant ae: drae% (trüge), draegv (trocken machen); 
ferner fcaod^rn (schreien wie der welschehahn, mhd. kutern, s. Kluge 
unter kauderwelsch). 

Ib. Auch mslfr. Z. b. seifl. Stuf* (s. o.), schmuddel (nasen- 
schleim, mhd. snudel), juf (s. o.), ww. dudein (d. h. durttn, s. o.\ 
duddern; hunsr. sumdrlo't f. (s. o.), msl. tgddumdlf (einge- 
schlummert, B. cng9dum9lt\ zu dumdln, leise schlafen, einnicken), 
sumdrßidl ww. (Schmetterling, eigentlich sommervogel, B. zum^r- 
fogdl, Schmetterling), eifl. tun* f. (luna), slx. urt&n, ww. urze, 
eifl. urzel (s. o.), (hess. gurre, schlechtes pferd), ww. lursch, msl. 
.turts* (s. o.), eifl. tvurksM* (iterat. zu würgen, swb. worxen, den 
rachenschleim mühevoll herauswerfen, B. vurksn), bus* f. (s. o.), 
fruxi* (getreide, s. o.), k'uk'zn* (s. o.), §puk K 9n*, fut*rn* (schelten, 
fluchen, tr. ebenso, B. fuftrri), äup^rri* (wegstossen, s. o.), msl. 
§tup* f. (bandschleife, s. o.), eifl. itup?n* (s. o.), msl strup* f. 
eifl. tuj#n* (s. o.), kuß* (kinderbett?; windel, B. kuts f. windet), 
lut&ri* (s. o.). — Umlaut: tr. stiffcher (pl. des dem. von stubo), 
msl. grips* (kehle, s. o.), eifl. tof <# (s. o.), ho a rtrig*l (mhd. äöt/- 
rrö^e/, B. hu*rt rigdl), slx. drin&lri* (s. o.), ^rtm*/ (s. o.), Ar'roeA 5 
tr. msl. kinnik, dagegen rip. kening, Sgl. k6nix (s. o.), eifl. g*bin % , 
ww. gebühn (s. o.), (nass. jpü/ (s. o.), ww. pöi), seifl. *«• (hohl- 
weg, s. o.), spirkei (februar, 'findet sich nur am Rhein, von 
Mainz abwärts' bis nach Holland; dagegen westfftl. fries., noch 
mehr aber östlich und südlich führt der februar andere nanto' 



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zedby G00gle 



BISTRITZER MUNDABT. 367 

Kramer a. a. o. II. 125. Interessant ist, dass dieses hoch- 
wichtige wort rip. nfr. spurkel, sporkei lautet und fem. ist, sgl. 
sbirkel fem., ww. spörkel m., nur seifl. dagegen wie B. §pirk*el 
m.), Ulepdl (s. o.), eifl. flftsix (s. o.), ww. pötzchen (dem. von 
putz, potz, hitzblatter, B. pelskv), seifl. dppdn* n. (topf, 8. o., 
köln. düppen), tr. möck (fliege). Dagegen sgl. (rip.) u > u nur 
vor r, r + cons. (Ueinzerling a. a. o.). 

Anna. 1. Eifl. hürt* (». o.), dürt* (s. o. t Sgl. durt), lx. für (mhd. 
tum); tr. dir* (turi), tr. kier (s. o.), seifl. birt* (s. o.), hlrlxe (dem. von 
kurf* (s. o.), B. htrtxi); Sgl. £f (s. o.). 

Anm. 2. 81x. sonn (8. o.), eifl. friptsw (s. o.), (hess. tft'tft 8. o.). 

Anm. 3. Aach mslfr. un-^on- nach IV b. Z. b. tr. onglöck (mhd. 
ungelücke, B. onglelc). 

Anm. 4. Eifl. <frit, ww. nass. kobl. treu, trei (trocken, 8. o.), treuen 
(trocknen trans.) (dagegen sgl. drij, drijje, köln. druge, druigen, nix. 
drech, dr ecken), eifl. kaudern (unverständlich reden, sgl. kö*dern). 

IIa. u vor Z + consonant > 0, umlaut e. Z. b. molftor 
(multwitrf), äolf (adj. mhd. schult), §ol?ds (nom. propr. scultheizo), 
sold9r (sctdtarä). — Umlaut: selpm m. (erdscholle, s.u.), zeit* 
(pl. schweine-, kalbsfttsse, mhd. sülze), §Celpm (stülpen), geldra 
(gutän), sfldix (mhd. schuldec). 

Anm. Aber ulpix (tölpelhaft und dumm, s. u.) 

II b. Eifl. moltrerv (auch mqlfdrshiff m., wie 888. multerhüf 
= maulwurf, [eigentlich maulwurfsbaufe]), scholl, ww. scholthes 
(s. 0.), tr. gedold (gedult) wie B., goldig (golden, B. ggldi% zu 
00/rf, got. gulp). — Umlaut: ww. schölp f., nhess. schulpe f. 
(nach Vilmar a. a. 0.), sonst nirgends gebräuchlich, bdtg.: 1. die 
schuppe, 2. was glatt und breit ist, z. b. eisschölpe (s. 0.), 
eifl. ww. stolpen (s. 0.), schöllig (s. 0.). 

Anm. (Auch hess. ulpch, tölpel und dummkopf zugleich, Vilmar 
a. a. 0.). 

III a. u > d nach abfall eines folgenden nasale vor 
(#) f. Hierzu vgl. bes. § 3, IIa. Z. b. fdrnäft (firnunft), bei B. 
äs (uns). 

Anm. Aber entsrtt (unslit), pnts {uns), bei B. aos neben äs, fufls9, 
-tsix {finfzihan, -zuc) zu spät-ahd. fünf, mit frühem ausfall des -w-, DWB. 
4, 1,371 f. 

III b. Mslfr. hat in diesem falle (s. 0.) 6, ü, (sgl. vernöft, 
s. 0.), ww. eifl. ös (uns), hunsr. fi$, schon mhd. mslfr. üs, s. Wein- 
hold § 454. 



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368 kisch 

Anm. Aber mal. Ix. enzelt, sgl. (rip.) eselt (wie sss. tfslt), vgl. 
§ 3, IIa anm. 2, hunsr. fufzich, kobl. fufzeh(n). Neben #*, £* (heute) gans 
gewöhnlich <w$ (s. o.) (vgl. Laven, Gönner a. a. o.). 

IV a. Sonst (vor t, p, k, mm, m + cons., nn, n + cons. 
[ausser ns, nf], st, sp, sk. ft) u > j>; umlaut f. Z. b. h$f 
(huf), kgfor (kupfer, < mlat. cuper, nicht cuprum, dem ahd. 
chupfar entspricht, 8. u. und Kluge unter kupfer; vgl nd. koper, 
ags. copor, nord. kopar), ngs (nuz,), bgttr (butera), brgx (brüh), 
brgmdln (zu mhd. brummen), rgmp (ein gefäss, rumph), k*gmp 
(mhd. kumpf), k K Qmp9s n. (mhd. kumpost), bei B. k'rymptr (kar- 
toffel, eigentlich grundbirne), zqnobmf (sunnun-dbant), (ßf$t)hQn 
(erster polizei- und wirtschaftsheamte der Stadt, mhd. hunne), 
sprqwtfds (sprungweise aufwallend (von siedendem wasser) adv. 
gen. sg. von mhd. sprunc), brqstyts f. ( brüst latz), mqsptorn 
(knuppern, von der maus, vgl. bair. swb. musper, rührig), kUqff 
f. (feuerzange, chluft). — Umlaut: tffördn (kupfern, zu k\f*r 
s. o.), -brtfl (buhil), pm (umbi), k^mpdl m. (wasserpfuhl, tiefer 
tflmpel, dem. zu kumpf), tvdrt (ungarisch), frpntsqf (verwant- 
8chaft, mhd. nbf. vrüntschaft), bei B. bpk (wald, busc), ffsn (mhd. 
zwischen, -f- entspricht mhd. -tf- umgelautet < -m-, das durch 
vocalisierung des -w- entstand; vgl. mhd. mfr. tuschen, obd. 
zusehen. Dies gilt auch für das folgende wort, s. u.), tfsfdr 
(swester, mhd. nbf. süster), Ipftn refl. (sich heben, mhd. lüften). 

Anm. 1. Aber fum (tumb), tfrump (mhd. strumph); rif f. (mhd. 
rufe). 

Anm. 2. u^*ü^ao in: dao (du [du]), nao (nu [nü]) nach § 10. 

IV b. Auch mslfr. ähnlich u > o, umlaut e, ö. Z. b. koffer 
tr. slx. eifl. (8. o.), tr. noss (s. o.), sproch (spruch), stombig (stumpf- 
schneidig, B. sfqmpix, zu stumpf), ww. eifl. komp m. (s. o.), tr. 
grombier (s. o.), tr. sonn (sunna, B. 2qn), Sgl. sonnö*-wend (nie 
samstag, wie B., s. o.; auch dieses wort spricht deutlich gegen 
den 'obd. Charakter' der B. ma.), tr. gefon (B. g9fqn, pari pr. 
von findan), spronk (mhd. sprunc), tonken (tunchön, B. fgwkw), 
eifl. brost (brüst), mospdrn* (s. o.), (rip. kiueht). — Auch (sgl.) 
rip. hat hier u > o. — Umlaut: eifl. ömm (s. o.), ww. msLeifl. 
kömpel (s. o., ein echt westmd. wort), eifl. frfntiäf* (verwant- 
schaft, 8. o.), tr. bösch (wald, s. o.), ww. söster, lx. sester (s. o.), 
tr. eifl. lx. löschen, -e- (s. o.), eifl. löften. — Auch (sgl.) rip.: o, e. 

Anm. 1. Tr. stromb, also nicht wie B.; eifl. rif* (0. o.). 

Anm. 2. Mslfr. dau, nau; rip. (sgl.) dagegen: dö (du), vgl §10. 



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UI8TRITZBR MUNDART. 369 

b) Lange vocale. 

§ 6. Westgerm. ä. 

Ia. Wgm. ä erscheint als u a vor ht, um laut de. Z. b. 
bru*x£ (praet. von bringan), du a x? (täht und praet. von denken). 
— Umlaut: udd^ix (mhd. andcehtec). 

Addq. Zweifelsohne liegt in la spater zusammenfall von ä mit a 
(Tgl. § 1. IIa, 3a) vor, wofür auch pfxt f. (mhd. bäht\ ein altes dialekt- 
wort, spricht; vgl. auch nhd. brächte, dächte ^ brähta, dähta. 

Ib. Mslfr. hat überall, auch vor ht, westgerm. d > 6, u In- 
laut e } ö, f. Z. b. tr. bröhchd (brähta), döhchd (dähta). 

A n m. Ww. eifl. ho cht (seh wein sbett, lager von Schweinen, s. o.) 

IIa. Sonst überall ä > o\ umlaut f. Z. b. §pro f. (star, 
as. sprä), AVo A (chrä), ro*sf f. (räz,a), sfrgmix (gestreift, zu 
mhd. sträm), ArVm (mhd. kam), ompds (ämeiz,z,a), gg* (gäri), sfg 
(stän), nofdr (nätara), dro*f (eisendraht und bindfaden der 
schuster, drdt); grg (grdo), big (Mao). Umlaut: gr$f (orts- 
riehter, grävio), trfm (pl. von mhd. drdm), ao&bl£ddrn (eigentl. 
ausblättern [vom ausschlage am munde], zu mhd. blätere), h? 
(hähan) f g£ (gdhi), b£ (bäjan), drfsldr (zu drähsü), drfern (mhd. 
erveeren), fdnzn (atmen, zu g*dn, mhd. nbf. äten), l$gdl (lägila). 

Anm. mu*t f. {mäd n.) ist mit mu a t f. (mado m.), zusammen- 
gegangen, wozu dann lautgesetzlich (umgelautetes) mädtr (mädäri) stimmt 
Vgl. § 1,11a, la. 

II b. Ww. eifl. sproh f. (star, s. o.; ausserhalb des mfr. 
gebietes noch nfr. ndd. gebräuchlich), ros* f. (s. o.), [hess. strö- 
mig gestreift, s. o.), msl. ömds* (nix. neifl. gn&s*, vgl. bei B. 
un&s) } ww. eifl. gd(n), stö(n), slx. no/V* (s. o.), tr. eifl. drdt 
(auch bindfaden, vgl. ags. präd faden), blo, grd. — Umlaut 
[hess. grebe dorfvorstand], ww. tr&m (eifl. treef*, sg. tröf*), eifl. 
aosblfcbrn (s. o. zu eifl. blöder, B. blg*d9r), tr. erßhren (s. o.), 
schon mhd. md. Sdemen (s. o.), enffön (B. emff, empfangen). 

Anm. I . Ww. mahder (s. o.). 

Anm. 2. Mslfr. (B.) go(ri), siö(n) ~*z -ä- sprechen auch gegen die 
(früher beliebte) annähme, dass gän bloss alem. sei gegenüber bair. fr. 
gen (vgl. Weinhold, Mhd. gr. § 335. § 340). 

§ 7. Westgerm. 6. 

la. 6 > ä vor /, r. Z. b. häl (praet von haitan), fdl 
(praet. von fallan^tsärf (ziarida). 

Beiträge zur geschiente der deutschen spräche. XVII. 24 



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370 KISCH 

II a. 8on8t e > ät. Z. b. ArVtfty (mhd. krieche), tsätgdl f. 
(ziagai in.), br &f {briaf), Sldff (praet, von släfan\ lats (praet. 
von Ifo&an), drdf§ (mhd. driesch, ndd. dreesch, obd. ungebräuch- 
lich). Vgl. §13. Ia, Ib. 

Anm. Aach e, e in lehnwörtern erscheinen oft als äf, ä. Z. b. 
tsMpm (entspricht 'Szeppen', nbf. zu magy. Szöpoyir, Schtfnbirk), läf 
%nts (Lechnitz), tsärrt (magy. Szeret), pht ?rldrof (Petersdorf), pärnos 
(magy. Vermes), bäi (dann, magy. bi£). 

§ 7 b. Westgerm, e erscheint eifl. (rip.) als /, mal. als t 
Z. b. zeech (ziahha), ipijdl (spiagal), [ww. hei (hiar)]\ msl. dris 
(s. o.). 

§ 8. Westgerm. t. 

I a. Die Verbindungen -(/-, -tw-, -tÄ- erscheinen vor /, r 
als <f, sonst als f>Y Z. b. /p7/jp (veilchen), vpV (irfirdn); tyV 
(Wa), /r c fy A *n (pl. tant., zu chfava), dgtn (dihan). 

I b. Mslfr. erscheint in diesem falle ei. Z. b. eifl. bei (bia), 
deien (dihan, s. o.), drei (dri). 

Ha. Sonst überall \>ae. Z. b. Icaet (chidi), raesf i 
(mhd. riste), taer/n (schleichen, mhd. liehen), tae&li (dihsala) t 
k K naesC m. (schmutz, 8. u.), aezbn* m. (mhd. is(o)pe), par9daes 
(paradisi), graen (weinen, grtnan), vae (win) u. s. f. 

Da bei B. schon 1366 ein Hussalseif (s. u. zaefm) nach- 
weisbar ist, muss t schon früh zu ae geworden sein; indes 
nicht vor der ein Wanderung, die ja für ßistritz sicher vor 1200 
.anzusetzen ist; denn zu dieser zeit ist, wenn auch nicht all- 
gemein d., so doch höchst wahrscheinlich mslfr. noch t gesprochen 
worden. Es hätten sich dann im sonderleben zweier ursprünglich 
identischen ma. ganz unabhängig von einander dieselben laute 
entwickelt. Diese sprachwissenschaftlich sehr interessante tat- 
sache ist gerade für t ausser zweifei. Denn engl. nfr. i ist 
jedenfalls selbständig diphthongiert worden. Vgl. gm. & > got 
i, westgerm. > d, skand. auch > d, wo auch wgm. und skand. 
von einander unabhängig sind. 

Anm. 1. Aber Uxt (schlecht, zu iiht), itip f. und itaep (stale, 
pfeiler als stütze, vgl. mhd. md. sttper, s.u.), vf»9rf (-=z*vt9*rf, tringarto), 
{ib9r)rim?ln (mhd. rimeln). 

IIb. Mslfr. t > ae (ei) (s. u.). Z. b. msl. slx. seifl; *W*, 
seifen m. (mhd. Hfe, Sgl. siffe U ad. sipen sumpfige stelle, B. 
saefin m., lässt sich bis nach der mitte des 13. Jahrhunderts 



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BISTRTTZER MUNDART. 371 

ausser dem streng nd. gebiete nur nrh. nachweisen [Keintzel 
a. a. o. 50]), raesf* f. eifl. (s. o.), Ix. t eissei, rnsl. kneist, para- 
daesap9i* (liebesapfel, s. o., wie B.), tr. greinen (weinen, s. o.), 
slx. mal. wai u. s. f. 

Dagegen habeu pgl. neifl. nix. (also das Übergangsgebiet) 
und rip. t > i vor r, inlautendem s und den zu halbvocalen 
erweichten labialen und dentalen, sonst t > i (Heinzerling a. a. o). 
Z. b. mrver (weiber, mslfr. [B.] weirver), ise (isan), Hr (lira); Sgl. 
ming (tvxn), köln. ming (min), ding (din), nix. feng (/In), schengen 
(scinan) u. dgl. Schroffer gegensatz zwischen rip. und mslfr.! 
(Aehnlich wie 'das Übergangsgebiet ' zum mslfr. verhält sich 
hier [und sonst] das sss. zum B. Vgl. Scheiner a. a. o. § 63 — 66). 

Anm. Lx. licht (leicht), kobl. stip(e) f. (stütze), eifl. steip(en), tr. 
wöngert (s. o.) 

§ 9. Westgerm. ö. 

Westgerm. 6 (ahd. > uo) erscheint als d\ umlaut vor /, [m, n] 
r: d, sonst de. Z. b. tfäf (herde von Zuchtpferden, mhd. stuoi), 
mdlt (mhd. muolle\ äfdfix (holperig, zu mhd. stuofe), hdl (huot), 
mal (muol, prnet. von malan), da (tuon) f fdt9r (unterfutter, fuotar), 
pldx (pfluog), rd (ruowa). — Umlaut: tidf (pl. von kuo) n drdtf 
(truobi), rätp (ruoppa), zdfkv (suohhan), bldf (bluojan), brät 
(brennen, mhd. brüejen), sfdl (plur. von stuot), fdln (fuolen), 
sndrxi (dem. von snuor), grdn&C (< grdf \gruoni\ + ahd. mät). 

Anm. Aber mgftr (muotar), obw (*uofar)\ dfsf, dft (2., 3. p. 
sg. prs. von tuon, s. u.) f heuert n. (küchlein, huoninch&n). 

§ 9b. Mslfr. 6 > ö, (neifl. Sgl. rip. 6 > ö), umlaut t (bezw. 
e). Z. b. tr. pluhg (pfluog), drief (truobi), eifl. brit* (brennt, zu 
mhd. brüejev, s. o.) u. a.; vgl. eifl. brinaistel, B. brandsCdl, 
brennes6el. 

Anm. Ww. lx. Sgl. rip. dist, dit, schon mhd., eine speeifisch mfr. 
lautform. Die detjdüt grenze reicht nicht weit nach süden (schon tr. 
düC) s.o.; durch Verkürzung entstand rnsl. mutier (s. o.), ebenso mslfr. 
henkel n., rhfr. länkcl (köln. aber hfntxe), sonst md., obd., ndd. ganz 
andere bezeichnungen für küchlein (s. Kluge unter küchlein) [heule ?l : 
huoninchtt(n) = enkel : eninchli(n)]. 

§ 10. Westgerm. ü. 

1 a. Die gruppe -öw- erscheint als d } umlaut pV. Z. b. 
ödn (mhd. büwen), t ( rdn (trüwen); gdbqt (mhd. gebiuwe), fVpV 
(\gi]triuwi). 

Anm. aet (ürvila) erklärt sich aus mhd. iule. 

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372 kisch 

Ib. Mal fr. au, um laut ei. Z. b. bauen (s. o.) v treüich (mhd. 
triutvelich), sgl. (rip.) qu, um laut <t/. 
Anm. Auch tr. eil (s. o.) 

IIa. Sonst ü> ao, umlautai: §ao9r (scür), zaofm (süfan), 
iaom (scüm), laodn (läuten, mhd. litten), zaol (sül), haoxv (hocken, 
kauern, mhd. buchen), Jclaobm (cMübdn), laosfzrn (horchen, 
lüstrSn), sfaodn m. (mhd. slüde f.), gdba&r (gibüro), maol (muDd 
und maul, mtdd), raomdn (mhd. rümen), icutfrn (mhd. nbf. schüren), 
k'aol (8. u.). — Umlaut: laezr (lürra y mhd. Hure), paef f. (teig- 
brett, mhd. bhUe) } braejum (brütigomo), gdkraedi% (mhd. gekriute), 
gaex (suppe des eingesäuerten krautes, md. ndd. jüche). 

Anm. 1. Aber rup (rüppa), tfum (chümo), of (£/*), dumm (dümo). 

Anm. 2. Aber fi%C (fühti), lis (mhd. liuhsc). 

IIb. Msifr. ü>ao, um laut ae. Z. b. seifl. $ao9r* (s. o), 
laodan* (s. o.); ww. hauche (s. o.), seifl. laos&rri* (s. o., also nicht 
bloss bair., s. Kluge unter lauschen), [hess. fiebauer, 8. o.], domr- 
ArVaof** (hauswurz, ß. dqr&rtiraoi t eigentlich donnerkraut), maof* 
(stets für mund, s. o.), kaul (mhd. md. küle) u. 8. w. Umlaut: 
msl. meischen (dem. von müs), gekreider (zu gekriute, s. o.), 
u. 8. w. Dagegen sgl. neifl. nix., rip. ü>ü bez. > u f um- 
laut i, i unter denselben bedingungen wie t>t bez. i, s.o. 
§ 8, IIb. Z. b. sgl. huss (hüs), bür ([gi]büro); hxser* (pl. von hM*l 
biche (pl. von büh)\ köln. hus, hüser etc. (vgl sss. hoch [büh], 
um laut gfeh [md. nd. Jüche]). 

Anm. 1. Ein 1 , rup- (B. auffällige Verkürzung, s. Klage unter raupe), 
hunsr. kum, [sgl. dumme], msl. hunsr. o//, rip. op, 

Anm. 2. Lx. ficht (s.o.). 

c) Diphthonge. 

§ 11. Westgerm. ai. 

Ia. at ward durch (*ei >) *S> i vor A, r, *>; also B. 
j == ahd. S. Z. b. ri (r&), fri (*Ma), Mr (eber, mhd. btr), («•/> 
rim ([aft]rÄyan), * c fr/* (mhd. *Ä-*), mt (mir), i (Sr), irtf (trist\ 
Sni (snio), zil (sSla), t (Ära), vi (wi, wSwes), 

I b. Auch msifr. (rip.): tr. ri (s. o.), tsif* (zSha, zur grdf. teäh- 
w6n) 9 eifL Mr* (s. o.), tftr* mf* f* msl. W/** wannieh (wann 
< wann + Ar, B. rfni), ihnder (kurz zuvor, comp, von f (s. o.), 
B. inf*r); schnie, siel, wie, ihwig (ewig). 



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BI8TBITZBR MÜNDART. 373 

II a. -a(/- > gfV. 

Z. b. $t (et), lot m. (blauer scbieferton, mhd. leie), möibom 
(vogelkirsche, eigentl. maibaum, zu meto). 

üb. Mslfr. 'Cuj' > aai (d. h. dt) vergleicht sich wenigstens 
quantitativ B. pY Z. b. msl. aai, laai f. (schiefer), eifl. mäibom 
(rogelkirsche). Dagegen Sgl. (rip.) : -tij- (sgl.), -Ä- (nordrip.), nix. 
-£-. Z. b. Sgl. äj (ei), nordrip. e\dr (pl.), nix. /e (töt). 

lila. Sonst ai > ? A . 

rf^iw (deismo), tsvf (zwei), bei B. fnix (niedlich, einac), 
tse (pfeil, zeiri), dfl (teil), k fsdr (keisar), brft (breit), lfm 
(leimo)p mfst (meist), Ift (leid), mfsn (zu mhd. meisch), ddrhem 
(dar + heime), gfs (geiz), snfzdln (mhd. sneiseln), zftflr (*eifar), 
svfstn (intr. mhd. sweizen). 

Anm. 1. Aber tili (Meint). 

Anm. 2. t^zai oft verkürzt: k K lintsi% (zu obig. & c /f), vinix (zu 
vi [wi]), tsvintsix (zwanzig, zu tsvi [zwene], 8. Braune, Ahd. gr. § 43, anm. 
5); { ^ e z. b. in hetix (heilac), rerl (mhd. reitet) , ff'pr (eitar), zet (seita), 
Iftpr (leitara) u. a. 

Anm. 3. Auffällig ai^ä in ^Ä/n (pl. zu mhd. geile swf.), pAfrn 
{beizen), hätflix (heikel), /rfo (gehirnkrampf, mhd. vreise). 

III b. Hunsr. seifl. slx. ww. i, f, msl. d. Z. b. seifl. dSsem, 
slx. &tft* (niedlich), d#, kiser, westsgl. brSt, mist, lid, ww. 
dehem, lx. eifl. ww. ges* (msl. ^<fe*) stets statt rip. (sgl.) zij 
(ziga) [nur zeckel, ß. tef/fa/ (mhd. zt'cfcß/i)], schneist (d. h. -? A -, 
durchhau durch den wald, s. o.), zfz*n (seihhan, B. zfx n )> ww « 
s&ber (d. h. sfwdr), [schwdssen (auch intr.), s. o.]. 

Anm. 1. Msl. klien. 

Anm. 2. Seifl. tr. klinzig, ww. wtw^ (s. o.); hunar. r<lr/* (s. o.), tr. 
iwätt (der zweite, B. tsvef), enanner (einander). 

Anm. 3. Msl. (s. o.) stets ai^ä: fräslich (mhd. weislich) etc. 

§ 12. Westgerm. au. 

1 a. au [durch *ö] > ü vor ä und allen dentalen (d, t (z), 
s, n, r, l), also B. ü = ahd. 0; — umlaut i. Z. b. rfÄ/* (töd), 
ifüsn (stöz,an), büzn (mhd. böz,e), üsfdrn (östarün), rüs (rosa), 
ftrbüst (boshaft, zu mhd. verbösen), lü (Idn), ür (ör), flu f. (flöh). 
— Umlaut: risdfpm (irdenes gefäss, entweder zu rce^en, mürbe 
machen, oder < rtst- [mhd. rcest-en] dfpm [nbf. tupfen], vgl. 
röstpfanjia), flits f. (mhd. vlbz, m. n.), Mrn (stören, besonders 
unbefugten das handwerk legen, mhd. stceren [auch hindern, 
vertreiben]), fnrn (hören), drfrirn (mhd. ervroeren). 



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374 KISCH 

Anm. Oft ö=^m, |=^i verkürzt: flut%9m (zu vi Odern), bu (scdno), 
hux (höh), bun (bona); lidn (mbd. l&ten), hrpr (comp, von hux, s. o.), 
hizf (*höhida), grist (*gröz;ida) u. a. 

I b. Auch mslfr. (rip.), z. b. tr. dü&nfogel (totenvogel, 
käuzeben, B. düdnfogdt), eifl. sttofo&l (taubenfalk, eigtl. stoss- 
vogel, B. Sltofogdt), totem*, rts*, firbtof* (boshaft), htoa& 
(hoebmesse, B. hum9s Dachkirche), ürtnk'rfxer* (ohrwurm, eigtl. 
Ohrenkriecher, B. ürnk'rd^r), flu* f., lü(n) (lön). — Umlaut: 
&* [iwrfa^n] (mai8 enthülsen, eig. schön machen, B. &m$xw zo 
$* [B. fein, dünn, nicht schön], scöni), ww. Mren (s. o.), Ix. /Jl* 
(pl. von flöh, B. /S), kobl. rischer (pl. dem. von rosa, B. rtrifrr). 

A d m. Ww. hunsr. schu(nn) (s. o.) t tr. fludern (s. o.) , hijfcrt m 
(höhvart, B. Atf/br^ m.); Ix. Ä^f 1 * (höhida). 

II a. au > o A vor labialen und gutturalen ausser germ. A 
(für den auslaut läset sich dies nicht behaupten), um laut {-. 
rgm f. (mhd. roum m.), Sof (bund stroh, mhd. schoup), tsd hgf 
(zu häuf, zusammen, mhd. ze houfe), qx {ouga), rgx (rouh). — 
Umlaut: iff (gedeckter hausflur, mhd. löube), hfff (houbil), 
Ifnffil m. (mhd. knöufet), begdl (bretzel, zu bfgw, mhd. böugrn), 
Uffm (kouferi), dffm (toufen), gftfdl (mhd. göuehet), glfbm (gi- 
louberi). 

Anm. Aber px (ouh), bpwrf (mhd. boumgarte)-, lüfm (lou/fan), 
itfix (mhd. löufec). 

II b. Mslfr. hat im südlichen teile (hunsr. msl.) d, im 
grösseren nördlichen (eifl. Ix. ww. [letzteres soweit sich aas 
Firmenichs proben ersehen lässt] au > o, um laut { (rip. auch 
ö, umlaut z. b. köln. du). Z. b. eifl. d<?f* (toub, B. dof), &7* 
(bund stroh, s. o.), ts9 ho*f* (zusammen, s. o.), bom* (boum, B. 
bom). — Umlaut: l&f (rhfr. [Heinzerling a. a. o.], Aachen /#/), 
lx. eifl. hit, rhfr. höfl (s. o.), eifl. k'nef* (pl. von knouf), lx. 
dSfen (8. o.), slx. hSfen (häufen); vgl. köln. häuf, lauf etc. 

Anm. Eifl. msl. tr. gx* (s.o.), eifl. bo**rf* (s.o.) 

III a. -ouw- > -<2-, umlaut ff: frd (frouwa), hd (houma), 
tfrdn (krouweri), dd {tau), genä (m(h)d. {ge)nouwe), d (puwa). — 
Umlaut: h<ff {hetvi), ifrQtn (strerven), flg^fn (mhd. vläw**), 
fr<ftn (frouweri), gtUrgisdl n. (mhd. strötmesat), drqtn (dremen). 

III b. Mslfr. (lx. ww. msl. tr.) d, umlaut & (d. h. dt, 
vergleicht sich B. oY). Dagegen sgl. rip. o a u, oy, umlaut 4j, 
öy. Z. b. frd, hd, nd (twuwe), dd. — Umlaut: eifl. h#, tr. 



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BISTRITZEE MUNDABT. 375 

straajen (s. o.), fröf ! (imp. von frouwen), fragen (s. o.) Dagegen 
Sgl. strfy'sel (s. o.), köln. höy (kenn). 

§13. Westgerm, iu. 

I a. iu vor einem (alten) a, e, o der folgenden silbe er- 
scheint als dt, vor r (/) als ä (vgl. Braune, Ahd. gr. § 47). 
Z. b. sl&fmdn m. (mhd. slieme), grätbm (pl. von griobo), frdtzn 
(fieber und frieren, ahd. friosan), lätgv (liogan), Isaf (ziohan), 
däff (Hof und diob), vätn (Wien), Utojf (Hohl); Sldrn (mhd. 
stiere), fär (fior), dar (tior) 9 bär (bior), närn (pl. von nioro). 

Anm. Ausnahmsweise tacvel (tiuval), lae9r (sciurra), wie obd., 
wo auch Huf et, schiure blieb (s. lila). 

I b. Eifl. hier S (f), hunsr., tr. i, eifl. grirven (grieben), 
frfzfti* (fieber und frieren), tsfn* (ziohan), tr. dief (Hof), Slirtn* 
(sliere, s. o.) [nass. veier (fior)]; mhd. erscheint ei (d. h. e + i). 

Anm. Aber (s. o.) tr. deiwel (d. h. daewrt), scheier (d. h. sae^r). 

II a. -iuw- > gV, vor / (r) <f. Z. b. bliftn (bliuwan), bl<fl 
(mhd. bliuwel), brffn (briuwan), gdbrqtsdl n. (brei fürs vieh, zum 
vorigen), /r7p7 (chliurveRn), grqln (mhd. griuweln). 

II b. Mslfr. ei (d. h. ae). Z. b. ftfefen (s. o.), bleiel. 

III a. Sonst erscheint iu als ai: /ta^r (hiuru), baef (biutit), 
firaesf (2., 3. p. sg. prs. von friosan), (saex (imp. von ziohan), 
haef (hiutu), laet (liuti), faerdl m. (iltis, lat. viverra), nae (niun). 

Anm. Aber %to (blitzen, liuhtcn), vgl. § 10, IIa. 

Illb. Mslfr. auch ae* (ei); rip. (auch Sgl. nix. neifl.) da- 
gegen iu > i bez. i unter denselben bedingungen, wie ü > ü, 
u, und i > i, i, 8. § 8, II b. Z. b. tr. Äeter (8. o.), ww. freust 
(d. h. fraest, s. o.), tr. z*/cä, heid, leid, deier, eifl. /Wer (iltis, 
8. o.), nei(n) ; (rip.) Sgl. dtr (Huri), ning (niun) etc. 

Anm. Eifl. lichten (blitzen). 

Cap. IL 
Die Tocale der nebensilben. 

A. § 14. Die vocale der endsilben. 

Ia. Die inlautenden endsilbenvocale vor -n schwanden 
spurlos ausser nach nasal; vor -n nach nasal und sonst Oberall 
werden sie zu *. Z. b. ptt$n (nicht -Qn, mhd. phetzen), ffin 
(mhd. zwischen), tffpm (mhd. kippen), dfpm (mhd. nbf. tupfen), 



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376 kisch 

vu*sn (wahsari), frgtn (frouwen), tfoxn (kohhdri); aber zpiin 
(singari), Sumdn (scamSri), ufrdm (aram), blpnddr (blintir), maer&s 
(g. sg. von min), u. s. f. 

Ib. Von den mslfr. ma. haben die westlichen (lx.eifl.tr.) 
Oberall — soweit sich absehen lässt — (auch vor -n nach 
nasal) 9; die übrigen (ww., msl. [etwa von Bernkastei ab], 
hunBr.) unterscheiden sich dadurch, dass sie -n, ausser nach /, 
r, abwerfen. Z. b. eifl. pttfrn (s. o.), tetchen, titp9n, lx. kappen, 
dep9ri*, wuossen, tr. frdjen, lx. gesongen (gesungen), uorem, 
meines. Aber ww. wase (wahsari), wesse (wi&ari), gcehse (ge- 
gessen); [sgl. ähnlich wie ww., rip. wie westmslfr., s. o.]. 

IIa. Von den auslautenden (ungedeckten) endsilben- 
vocalen erhielt sich bloss die adjectivendung m als p; alle 
andern schwanden. Z. b. hartsd [mgf9r] (mhd. herziu [muoter], 
zum adj. harz), blpnd9 (blindiu), he& (hübeschiu); aber hfttf 
(*hitzida), hfy? (*h6hida), §fuf (stuba), hu's (haso), nu m s (naso). 

Anm. Die pl orale g\t%9 (jene), pte (alle) erkären sich als ursprünglich 
st. neutra (jetzt auch für m. f.) wie s. b. nhd. zwei. Vgl. Kauflfmann, 
Geschichte der schwäb. ma. § 107, 2. b. ß f anm. 

IIb. Auch msifr. schwanden die auslautenden eudsilben- 
vocale; -tu scheint sich auch wie B. als 9 erhalten zu haben. 
Dafür spricht wenigstens die erhaltung des 9 im nom. aoc pl. 
der st. adj. (vgl. besonders IIa, anm.), z. b. alle (d. h. al9, alle, 
s. o. anm.); gude nöhchd (gute nacht! durch Übertragung aus 
dem nom. des st. f., wie B., das hier auch -9 hat). — 

Dagegen bleibt rip. (sgl.) auslautendes -e in der 
flexion und in denen auf -ida. — 

Mslfr. hezzd (s. o.), hfx*\ stuff, huos, nuos, d* deck . . (die 
dicke . .); aber rip. hitzde, hoigde, scede (sagte, mslfr. [B.] söt) etc. 
Anm. Msl. tr. alle, s. o. 

B. § 15a. Die vocale der mittelsilben. 

Die vocale der schweren bildungssilben werden zu ?, ausser 
^9 > % " lin 9 > 'lf*1? (doch -ing > -*/r f ); die der kurzen schwanden 
unter den gleichen bedingungen wie die endsilbenvooale, s. o. 
§ 14, la. Z. b. grät-pi (mhd. kriechisch), fn9i (gleich, überein- 
stimmend, zu ein, aus *etnisc), kUn?k l (kuning), foauk (pfen*mg\ 
In&k* (bohrer, mhd. limine), h^n9U (n. pr. Henning, zu Benno 
d. h. Heinrich), fldfstn (vlehsiri) [aber fldfsn (flio&ari)], /ton 



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BISTRITZBR MUNDART. 377 

(ISwinne), [aber libm (pl. von Itwe)], dandn (mhd. tennin), [aber 
ran (rennen)], iraevdr (scribdri), zflix (sdRg), kHzlevtfifS (mhd. 
kiseUncstem), hfmf (heimuoti), zibm (sibun), faoznf (düsunt); 
doch (s. o.) tffztr (cheisur), opds (oba%), qtfds (ackus). 

Anm. 1. Schwere mittel vocale werden wie kurze behandelt, wenn 
sie schon früh (mhd.) verkürzt waren. Z. b. geldn (gülden, mhd. gülden) 
[aber geldsn (guldln)], moxf (machöta) [doch mfn9t (mänod)]. 

Anm. 2. Nach $ 15 a werden auch die zweiten glieder solcher 
Zusammensetzungen behandelt, bei denen dem gedächtnisse das bewusst- 
sein der Wortfügung entschwunden ist. Z. b. Zusammensetzungen mit 
hüs, -teil, -heit, -feil, -filu, -garto u. a. Z. b. zff$s (seif haus), ilaefts 
(schleifhaus), Jclofc?s (glockenhaus), tfox9s (kochhaus, küche), rft?s 
(rälhüs), bok K 9s (backhaus); dreUl (dritteil)', tflmtltrt (kleinecheit)', 
volfA (wolfeü); 9tub9l ([al]sSvil, mhd.), vab»l (wie viel), vew9rt (wtn- 
garto), bo*9rf (mhd. boumgarte), felffs n. (korb aus haselruten, •*= mhd. 
filme + vaz), bu°rbes (barvuoz,\ hont 9$ (hundahs) u.a. 

Anm. 9. Da der sonant aller schwach und stark accentuierten 
silben schwinden kann, ist synkope (auch gegen die obigen regeln) häufig. 
Genaueres lässt sich hier nicht sagen. Z. b. gintst {Jens\t) t hei (mhd. 
hübesch), u*tx (attah), oW (mitunter, mhd. allez,) u. s. f. 

§ 15 b. Auch m8lfr. gilt diese regel. Z. b. katholesch (B. 
tfafg&f), eifl. Ix. tr. kinek (s. o.), penek, dagegen vgl. rip. (sgL) 
pärmink, kenenk; ähnlich 888. k'pwwtf, ftr&wk\ ImewU (s. o.), 
hfnzvtf (s. o.); mel. sraenvr* (scribdri), sielig (sdHc), eifl. tifwdr* 
Itmtf (maikäfer, eigentl. käferling), tr. drebbling (treppenstufe, 
B. t'rfylftk*), lx. Umecht (heimuoti)-, tr. hözzd (*hilzida, B. hftsf); 
doch lx. kiser (cheisur), [eifl. aber dks* (s. o.)], schlessel (slu&il, 

B. §lfS9l). 

Anm. 1. Vgl. mslfr. hadd (habtta). 

Anm. 2. Gilt auch mslfr. (s. o.), z. b. eifl. msl. rotes (räthüs), hunsr. 
rares, Sgl. schöpfest (schaf haus), backess (s. o.), [-keit aber tr. -kät, lx. 
-kit], hunsr. wollfel, ww. waltwel (wolfeil), lx. eifl. wengert (s. o.), bong er t, 
hess. ww. Sgl. feines (aus raten geflochtener korb mit 2 griffen, s. o., 
ein interessantes wort, das sich in dieser form und bedeutung sonst kaum 
findet), msl. bo*rb9$+ (s. o.), eifl. 6p?r* f. (mhd. ougebrä, auch dkper, ww. 
aber, B. pp9r), tr. ww. scholthes (sculthei^o, B. solt9s, doch nur als nom. 
propr.). 

Anm. 3. Gilt auch mslfr., z. b. ald (mitunter, schon, s. o.). Vgl. 
Kauffmann a. a. o. s. 136 ff. 

C. § 16a. En- und prokliticae. Zu den nebensilben 
gehören auch die sog. en- und prokliticae, die, je nachdem auf 
ihnen der nachdruck ruht oder nicht, stark oder schwach accen- 



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378 KISCH 

tuiert sein können, wodurch natürlich auch ein lautwecbsel 
bedingt ist. Es sind meist pronomina: ae% — ix (•*)» *» — 
d* (du), mir — mdr (mir), (Rr — ddr (dir), mae% — inft (wäh), 
daex — dix (dih), mir — mir (wir), Ir — tr (ir) } gnts — u 
(uns), ae% — ix (iuwih), zae% — zix (sih), hf — * (er), ff — 
dt\ r (iz,), tiw — 9m (imu), in — dn (man)] [plur.] zae — & 
(siu), ir — 9r (iru). zdt (Sie < sie, sio m. f.); zae (sie < sm) 

— zd, [irtr] — fr (iro), pn (Ihnen), in — 9n (ihnen, in). — Ä*r 

— d9r (der), dgf (dae), dgC (dass) — ddf, C (daz), di a s — 
das, s (des), di a m — d*m (demo), di a n — dn (den), ddf — da 
(dia, diu), di a r — ddr (dem), ddf — dd (die, dio), di a r — ihr (dero), 
di a n — dn (din); — voC — vgi (waz)\ e — d (ein), S — 
rn (einiu), ?n»r — tr (d. sg. von einiü). — Ferner: gädn — gan 
(guotan), tsä — tsd (zuo — ze), x r — JQ Ü#X nao — n Q (**» 
am beginne der rede oft), frä — frd (frouwa) mg* (mann) — 
dm (man; »m erklärt sich aus *m < *md (vgl. hfrmesfgt 
Hermannstadt und gdviddmt < *gdvidmf gewidmet u. a.), g. u. 

§ 16 b. Auch mslfr. wie B.; z. b. tr. eich — ich, dau — 
de, mir — mer, dir — der, meich — mich, deich — dich, mir 

— mer, (d)ihr — (d)er, ons, eifl. ds, — lx. es, eich tr. — ich, 
seich — sich. hce(n) — e, edd — et, *t, (h)im — em, *(h)in — 
en, sei — se, (plur.) sei — se, (h)irer — er (s. o.), (h)ime* — 
en; msl. dpr, lx. *dier — der, ddd (das), dadd (dass) — ded, 
U, lx. dies — des, *diem — dem, *dien — den, lx. di — de, 
*dier — der, *d£ — de, *dier — der, *dien — den. wät K — 
wadd, e — e, tr. aan — en, aaner — er. Ferner: gühden — 
Sgl. gan (-dach, guten tag, B. gandgx), zu, zd — ze, tr. ß — 
nass. ja (eija*, acjd*, Kehrein [Volksspr. und sitte im hit 
Nassau 20S] : ija, vergleicht sich B. aejo < *\jd < yd < jA\ 
vgl. sgl. ence (nein) mit B. anf), nau — no (s. o.), tr. frd — 
[md. ver], sgl. md (mann) — me und y m (man, z. b. wafm, was 
man, s. o.). 



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BISTRITZER MUNDART. 379 



IL abschnitt. Die consonanten. 

Cap. I. 
Allgemeines. 

Im innern der rede und in Zusammensetzungen werden 
alle mundartlich auslautenden stimmlosen laute vor anlautendem 
vocal, ausser nach stimmlosen, stimmhaft. Z. b. gfv^m ! (< gef 
+ ?#w, gieb ihm!), älg&n! (<§lg*x + 9n y schlag ihn!), aejo&t 
(< aex + ox + ft\ ich und fauch] es), ddps (< dt + p$ } es ist), 
vfz^f (< vfs + di\ weiss es), väg9ngf (< väk + dn + gf> wecke 
ihn auf!); aber $s£d? «est* + *, isst er?) 

Anlautend stimmhafte laute nach auslautenden stimmlosen 
erscheinen als stimmlose lenes. Z. b. maenes-bräd^r (mines 
bruoder), 9 hu a tgäsn (er hat gegessen), dgtsae (< dot +zae 
das sind), tsdt! finterj.] (< lof +zäf, lasst sehen!), lis- def 
(lies dies!) — 

Beim zusammentreffen zweier verschlusslaute im an- und 
auslaute wird der verschluss für den zweiten in gewöhnlicher 
rede nicht — wie etwa bei langsamem syllabieren — erst nach 
der explosion des ersten, sondern schon während des ver- 
schlusses desselben hergestellt (also wie im deutschen, s. Sievers 
a. a. o. s. 158 f.). Z. b. tot-ti ent-bu'dn (< dtf+kent'+bu'dn, das 
kind baden), stgp-dg-tsä! (< ätgp [p mit leisem absatz, s.§ 23 a] 
+ rfoY +tsd, stopfe das zu!), zätk-dzrn! (< zättf + dir + dn, 
suche dir ihn!), fik-fak* (ticktack), tsik-tsati (zickzack), 
zgk-banddl (sackband), bgk-t'rfx (< bgk* + /V<kc, back- 
trog), nicht zdf^-d^rn etc. wie Scheiner (a. a. o. 8. 117, §7) 
för die Mediascher ma. ansetzen kann, vgl. §26a. 

Von aus- und anlautend zusammentreffenden homorganen 
verschlusslauten werden fortis + fortis zur einfachen fortis, fortis 
-f- lenis zur stimmlosen lenis. Für homorgane dauerlaute er- 
scheint nur ein einziger. Z. b. fn-gru a i aesdlf (< tn + gru a i 
+ 1 aes9lt\ eine gerade deichsei), g-vpi-brftfu (auf eine brücke 
kommen); 9-detnfst (< dC + dff + nfsf, es tut nichts), p-vpi- 



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380 KI8CH 

bre go (auf eine brücke gehen, s. o.), S( rum-bandtl (Strumpfband); 
/?-m (einnehmen), e-mi*r (im meer), fd-rtkw (sterben, mhd. ver- 
rükken, nicht < verrecken), e-sae (< es + zae, ißt sein), o-fl'nl 
(<gf+vi a n auf wen?) vmi-%<pidn (< vinix-jq**n , wenige 
jungen). — 

Hierin dürfte sich das mslfr. ähnlich verhalten; da mich 
jedoch in diesen heiklen dingen meine gewährsmänner im suche 
lassen, kann ich dies nur im allgemeinen behaupten. 



Cap. II. 
Die einseinen consonanten. 

A. Sonore. 

1. Halbvocale. 

§ 17. Westgerm. w. 

Ia. Anlautend ist w nur in den Verbindungen [*>/-,] wr- 
geschwunden ; sonst erscheint es als die stimmhafte labiodentale 
spirans v. Z. b. r?sf (ags. wrist), raesn (ags. writan): vgndtr 
(wuntar), vinix {tv£nac) } vu a sn (wahsan), vu a &mt (waso entspricht, 
nicht *wraso, wie in nhd. rasen, s. Kluge unter wasen). 

Arno. 1. Sehr interessant ist die erhaltung des n>- vor r als b in 
brerl m. (brerl m. junger eichen- oder buchenstamm als bindknebel, nbf. 
rerl, kurzes, dickes stück holz, *ahd. tvreilel, mhd. reitet, vgl. Kluge unter 
rist, s. u.) f breiten (nbf. re»?n, ags. wring an); wie brew9n:rew?n und 
brerl : rerl, so dürfte sich auch brintsn (drehend biegen) : rintsn refl. (sich 
mutwillig und üppig bewegen, iterat. zu *wrankjan renken, ohne irgend- 
welche lautliche Schwierigkeiten) verhalten. 

Anm. 2. mir (wir) ist wahrscheinlich selbständige form neben 
wir (s. Regel, Die Ruhlaer ma. 95). 

A n m. 3. v ^ b auch in buntsix (winzig, vgl. besonders § 3, lila, 
anm. 2), babao (Schreckgestalt für kinder, bair. wauwau), bibi\ (interj. 
mhd. rve! rvi!) 

Ib. Mslfr. gilt dies auch; nur ist sein lautwert der eines 
'bilabialen weichen Spiranten', reduciert gesprochen wie md. 
w (vgl. Sievers, a. a. o. § 15, 1 und 24, 2 sowie Nörrenberg, 
Beiträge 9, 386 f.). Da auch rip. 'der dem alten w entsprechende 
laut noch bilabial ist', mttssten wir die ß. ma., wenn wir v för 
ursprünglich hielten, auf nd. gebiet, das v hat, verweisen, 
woran ja gar nicht zu denken ist. Demnach scheint ß. r 
secundär entstanden zu sein, vielleicht unter fremdem einfiusse; 



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KISTRITZER MÜNDART. 381 

vgl. besonders magy. rumän. (auch labiodentales) v. Z. b. tr. 
reissen (s. o.), mnnig, lx. wuosem* (s. o»), nmossen* etc. 

Anm. 1. Die bewahrung des tu- vor r war zn allen zeiten ein 
wesentliches merk mal des mfr., das dafür heute b hat (rip. jedoch v). 
Z. b. kobl. brcedel, raedel (bindknebel, s. o.), dazu broedeln (festbinden, 
B. brer^ln), ww. wreddel, reddel, hunsr. rärel (kurze, dicke Stange; 
junge buche, s. o.), Sgl. brenge (s. o.), rip. vrenge (hess. ranzen (s. o.)]. 

Anm. 2. Mslfr. mir*, wie sonst md., obd. (schwäb.). 

Anm. 3. Eifl. bibt* (s.o.). 

II a. Inlautendes w nach vocal und ursprünglich auslau- 
tendes w schwand stets; mundartlich auslautendes w (also nach 
abfall eines auslautenden vocals) wird zu f. Vor -n [-/] wird 
-ir- zu -b- unter denselben bedingungen wie -t;- = germ. -b- f s. 
besonders § 24, Ha. Z. b. t (ewa), frgfi' (frewida), spftn (spi- 
wan); g$l {gelo\ mär (umgelautet < marawi), äni (snio)\ Svglf 
(swalawa), fu a rf (farawd)\ tsvi (zwöne), fu a rvix (färbig), farvdr 
(ftrber); aber farbm (mhd. verweri), Svglbm (pl. von swalawa), 
txbm (pl. von lewo). 

Anm. 1. Aber fein neben tsvesn (zwischen, zwiskem), zest"9r 
(sw€ster)\ Wolff a. a. o. 40 zieht auch B. tse\i9r t sss. zeiker (aus röhr 
geflochtener handkorb), hierher, indem er es auf *zwikar (wie mhd. zuber 
-^ zwibar) zurückführt. Doch stimmt, wenigstens für B., der vocal durch- 
aus nicht zur Wolff' sehen ableitung. Wie in te$n (zwiskem) und zest?r 
(got snristar) müsste auch hier ~e-, nicht -<?- erscheinen. Auch ist auf- 
fallend, dass sich das wort meist bei ma. gefunden hat, die dem sl. ge- 
biete benachbart sind (nordböhm., oberlaus., schles., kärnth., bair., östr.). 
Auch Schmeller (Bair. wb. 4, 222) schreibt dem worte fremde (btfhm.) 
herkunft zu. Vgl. noch magy. sicher (aus dem slav.?) entlehntes cökör, 
bandkorb aus bast. 

Anm. 2. w schwand im anlaut des zweiten teils Zusammensetzungen 
in lyvltrt (lanewit), molfwt (moltwerf), lacn&C (finwät), hgntretf 
(hantwerk), metgx (mittewoche) und in vielen eigennamen auf -tof (wolf\ 
z. b. berthf (beYahtwolf) u. a. 

Anm. 3. rv^m in fu*bn9l (valtvische), tsvelmzr (zwölfer [geld- 
stflek]); w=*b in ärb?s (ararveiz,). 

Anm. 4. Erhalten ist w in l\f (Uwo) und fvix (6wtc); doch sind 
beide schon wegen des vocals entlehnt (aus dem nhd.). 

II b. Auch mslfr., z. b. tr. häi (hewi), fräjen (frewen), g£l, 
eifl. mfr (mürbe, auch umgelautet, 8. o.), sni*, aber nie w >b 
(8. besonders § 24. II b) : farwen (pl. von farawa), schmalwen 
(pl. von swalawa) u. s. f. 

Anm. 1. Eifl. tr. lx. (eschen (s. o.), lx. sester, ww. eifl. söstei* 
[köln. süster], eine interessante form), die sich auf hd. gebiete kaum 
anderswo als mfr. findet; B. tseU»r oder ein ähnliches wort kennt das 



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382 kisch 

mslfr. — von der insl. eifl. Jx. ma. weiss ich es aus eigner erfahrung — 
nicht (s. o.). 

A n m. 2. Eifl. lävßt */* (s. o.), moforshöf* (s. o. § 5, II ; zur bedentunga- 
entwicklung vgl. B. ipenvät [spinne, eigentlich spinnewM Spinngewebe]), 
mftix* (s. o.). 

Anm. 8. Eifl. fp*lm$s, färmösch (s. o.); Ix. ifirbes, erb es (s.o.). 

Anm. 4. Sgl. liaw, tr. inrig, in denen w auch nnregelmlssig er- 
halten ist. 

§ 18 a. Westgerm, j. 

Anlautend ist/ teils als g teils als J, d. h. palatale, weiche 
spirans, wie sie ndd. md. gesprochen wird (also nicht = södd. 
jO, erhalten. Wo doppelformen neben einander vorkommen, 
haben die mit g- eine specielle bedeutung, was fttr die ur- 
ßprünglichkeit der ^-formen spricht. In- und auslautend ist > 
geschwunden (hiefür beispiele in § 6, 8, 9, 1 1). Z. b. giner (jenfr), 
gintst (rabd. jensit), gaex (krautsuppe, md. ndd. jüche) — jaox 
(jauche), gomdrn (schmerzlich verlangen, jämarön) — jonarn 
(jammern), gpkv — jukv (jucchen) } gdhqr&s- (Johannes), sonst 
jgwk* adj., jqv adv. und sbst. (mbd. junc, junge) u. s. f. 

Anm. ./-=*ȣ-, also die stimmhafte spirans ist stimmlos geworden 
in xt&s' (Jesus! als interj.), %a (ja). 

§ 18 b. Der lautwert des mslfr. (rip.) j stimmt zu B. >; 
auch sonst verhält sich mslfr. j wie B. Fttr den wandel von 
j > g habe ich ausser Gehannes (Jobannes) weder mslfr. noch 
rip. sichere beispiele finden können — denn gm (gähi) gebort 
nicht hieher und (mhd.) rip. gel (ieht) beweist nichts, da rip. 
jedes g- = j- ist ; vgl. Wolff a. a. o. s. 64. Z. b. tr. j6r (jdr\ 
ww. jahn (jdn, sss. g<fn), \x.juocht (mhd. jaget), %%\.j&ke (s. o.\ 
eifl. JQmdrn*) tr. jömern (s. o.), tr. adj. jonk (s. o.); wichtig ist 
dass sich weder mfr. noch B. das obd. buh oder md. knabe 
findet ; in beiden ma. heisst knabe jong bez. /oy). 

2. Die liquiden. 

§ 19 a. Westgerm. r. 

Das B. r, ein 'gerolltes alveolar-r\ ist in der regel erhalten 
geblieben. Z. b. di*r (der), vi a r (wir), vu°r (ward), du*r (dara). 

A n m. I. -r schwindet in hf— 9 (er), Ana (immer, mhd. iencr), i (ir\ 
häf (hiar)\ m? (mir), vo (war), dp" (där)\ aber dtrbae (dabei), <brn& 
(darnach), d?(r)hfm (daheim), ihr (sä (dazn) u. s. f. 

A n m. 2. Dnrch assimilation (sonst wäre der vocal gedehnt) schwand 
-r- in feiarlt (snperl. von fordar), vist (wirdis), vif (wirdit), mfdn 
(mardar), f?d?rn (fordmrön), fidfrn (furdiren). 



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BISTRITZER MUNDART. 383 

Adui. 3. Metathc8is zeigt ha nf reff (mhd. hantwe~rc) und die eigen- 
naineu auf -drtf (-darf) und -brix (~berg), %. b. vu a lndrof (Wallendorf ), 
humbn'x (Hanenberg) u. s. f. 

Anm. 4. r:=**/ in fintp9ln (mhd. tempern), i<*rp9l (ertberi), brumel 
(brämberi), marmzlst e (mhd. marmelstein) , plmerpf (latein. ar mar tum, 
mhd. almer tin), balbWn (barbieren). 

Anm. 5. Alle deminutiva bilden den plur. auf -r. Z. b. mflxer 
(mädchen), st* rex»Ux 9r (eigen tl. stricheichen), bMg»Ux*r (bflehelchen), 
rfslcnr (dem. von ros), jpMltx?r (pl. des dem. von junge)', £cnd9r%9r 
(pl. des dem. von chind) mit Verkleinerung der pluralform. 

Anm. 6. Hier sei auch der gebrauch der st. form im g. d. sg. f. 
und g. pl. des adj. auch nach dem artikel oder einem st. flectierten adj. 
erwähnt. Z. b. meC d?r grüs9r klott (mit der grossen glocke), ts9r 
mei9r nu*xt (zi [dem] mitteru naht), rfi«r gldw frä ir zgn (der alten 
frau [ihr] söhn), tsvi rfi«r hel9r ap9l (zwei der schönen äpfel), d9r heUj9r 
drg*t Icinfk'dpx (eigentl. der heiligen drei kOnige tag). Hiernach er- 
klärt sich auch sss. narst (Neustadt -=: [in deru] niuweru steti). 

Anm. 7. Unursprünglich ist r in berhfeks (entstellung -^ mhd. 
bilwiz) s. besonders u. 

§ 19b. Mslfr. r ist in der regel erhalten; dagegen schwindet 
rip. r vor dentalen (mslfr. nicht, wie B., nach den Schreibungen 
zu scbliessen). Demnach wird auch der lautwert des mslfr. 
ein andrer sein. Mag nun auch die angäbe Yietors (Die rhfr. 
Umgangssprache in und um Nassau) , der für das nass. 
angibt: 'r ist das zungen-r; im nordöstl. rhfr. (d. h. rip.) da- 
gegen gaumenlaut' richtig sein, so unterscheidet sich mslfr. r 
doch von B. (zwar Zungenspitzen-) r dadurch, dass es nicht 
gerollt ist. Z. b. hör (hdr), wuor (ward). 

Anm. 1. Mslfr. hce(n), hie — e (s. o.), tr. I, hei, ml, wo, dö; aber 
der bei, dernö, der h im, -£-, der zu (s. o.). Wichtig ist, dass sich B. aus- 
schliesslich di*r (d&r) findet; rip. nie r- formen, sondern die. Mslfr. hat 
(nach den Untersuchungen von Busch, Zs. fdph. 10,394) nur in den nördl. 
teilen häufiger die, südl. der (sss. und die Jaader ma. [s. die einleitung] 
haben dl, vi [wir]). 

Anm. 2. Hunsr. vedderscht (s.o.), eifl. mpd9f*. 

Anm. 3. Lx. Möstrof, lothr. Aistroff, Albes troff, Bistro ff u. a. 
(Follmann a. a. o.), eifl. Hummer ich, maJbri'x* (Malberg) u. s. f. 

Anm. 4. Lx. irpel, msl. bromel, eifl. a{t)m9rae, balwieren (s.o.). 

Anm. 5. Auch mslfr., ja (Weiohold, Mhd. gr. § 261) specifisch rhfr. 
mfr. Z. b. tr. slröck eichen (strickchen pl., B. st* rek* 9ltx9r), jöng eichen 
dem. von jungo); könnercher (kindchen), mcedercher (mädchen) etc. 
Interessant sind besonders die Verkleinerungen der pluralform und die 
(übrigens gemeinmd.) Verbindung von -chen (~kin) und -el (-/in), von 



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denen letzteres allein sowol mslfr., als B. ungebräuchlich ist, wol aber 
die en tsp rechungen von -kin. 

Anm. 6. Auch mslfr. regel (8. o.), z. b. tr. mödd semer starker 
stömm (mit seiner starken stimme), lx. an onserer deiischer sprach (in 
unserer deutschen spräche) etc.; ngrsf (s. o.) vergleicht sich eifl. 
Neuerburg (-=|an der] naier bürg [in diru] niuweru bürg). 

Anm. 7. Vgl. hess. berlewiiz (ähnliche entstellung ^ bilwiz wie 
B.); s. Vilmar a. a. o. unter berlewitz. 

§20a. Westgerm. /. 

Westgerm. / bleibt im allgemeinen erbalten; seinem laut- 
werte nach ist es das harte, mit tiefem timbre gesprochene 
slav. (russ. poln.) [durchstrichene] i t das oft schwach, ja mit- 
unter gar nicht zu hören ist. Z. b. kUql (chliuwelin), Ifrp d. 
(dem. von iSrahha); $pä$<ff neben -/- (spttlsohaff, geftss fürs 
spülicht, zu spuolen und scaf), vu a ndrof neben -/- (Wallendorf), 
9zu (so < also), burix'hdn neben -/- (nom. pr., burghalle[n], mit 
echt frk. nd. halla), in denen allen / 'selbst den letzten con- 
sonantischen rest verloren hat'. 

Anm. 1. / :=*» r in tiobw (mhd. kobet), l ^ m in smaods-r (mhd 
slüder). 

Anm. 2. Umstellung des / mit einschob in den stamm in nolt 
(nädala, md. nälde), neben *?>?/. 

Anm. 3. Die (alem.) zusammenziehungen mhd. son «^ soln, men-^ 
wellen kennt auch B. zin (mhd. nbf. süln), ven (wollen). 

§ 20b. Auch mslfr. / bleibt meist; der lautwert des mfr. 
/ dürfte nach den angaben darüber unserem / mindestens sehr 
nahe kommen ; von dem eifl. / (z. b. bei St Vith) kann ieh dies 
auf grund eigner beobachtung bestätigen. Vgl. '/ hat am Nrb. 
u-timbre', Nörrenberg a. a. o. 404, anm. 3; lx. eifl. / ist gedehnt, 
die dehnung ist zugleich erweichung und der erste schritt zur 
vocalisierung, sagt Busch a. a. o. und bezeichnet das eifl. I mit 
'polnischem i\ wenigstens 'vor explosivlauten'. Für die tr. ma-, 
'deren / sich vom hochd. / unterscheidet', vgl. Laven a. a. o. 
XXV, I. Auch Schreibungen wie lx. kdrel (Karl), kerel (kerl) 
etc. sprechen für die ähnlichkeit zwischen eifl. lx. tr. / und B. 
/. (Hartes, tiefes t hat auch das frk.-henneb. und nordsehles.). 
Eifl. kleiel (s. o.), tr. leerche(n) n. (lerche, s. o.), msl. esu (s. a) 

Anm. 1. Mslfr. nol (s. o. anm. 2). 
Anm. 2. Sgl. sonn, wonn (s. o. anm. 3). 



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BISTRITZER MÜNDART. 385 

3. Nasale. 

§21a. .Westgerm, m. 

Westgerm, m erscheint (mit ausnähme der flexions-m, die 
zu -n wurden) in der regel als m. Z. b. auch in bäsdm (besmo), 
bäz9m (buosam), ts&k'umff (zuokumft). 

Anm. 1. m^-n auch in ftdn (phedamo), odn{ätum), fdn(eidum), 
durch assimilation in tiun?n (part. prs. von chomari), */cun (choman), wo- 
raus allein sich Uu nach §22, IIa erklärt, ferner ni(n)C (2. p. pl. prs. und 
imperat. von ntman), *nin, woraus n\ (niman). 

Anm. 2. -m + ^-=»-» in bonnt (mhd. boumgarie). 

Anm. 3. rn^ft vor / (vgl. § 24, IIa) in i*rb9l (ermilo, mhd. nbf. 
erblinc), dribtl (mhd. drum, drümmel). 

§ 21b. Gilt auch mslfr. Z. b. eifl. bessern (s* o.), bodem 
(bodamo), ww. fadem (fadam). 

Anm. 1. Eifl. ku(n) (choman), kut (2. p. plur. prs. und imp., B. 
k'uf), lx. kit (3. p. eg. prs., B. k'if). 

Anm. 2. Eifl. lx. bonger ( (s. o.). 

Anm. 3. m^b kennt auch das mslfr., so bit, bei (mit) neben m-, 
butz (knss, s. u. § 22, Ia, anm. 6). 

§ 22 a. Westgerm. n. 

Das B. n ist, soweit erhalten, 'supradentales, dorsal -alveo- 
lar es n (Sievers w 4 ); doch wird es auslautend nach labialen 
labialisiert (> m), nach gutturalen gutturalisiert (> »). Z. b. 
obm (ovan), rdtpm (pl. von ruoppa), lüfm (louffan), rfskv (dem. 
vod ros), ligv (lugin), rox* (mhd. rauchen). Im sss. verhält 
sich dies anders; Scheiner a. a. o. schreibt z. b. diwtin (dencheri), 
das B. diwkw gesprochen wird. 

I a. An- und inlautend bleibt n, nur vor altem/; s schwindet 
es. Z. b. fqf (finf), fdrnäfC (firnunft), fuftsd, -tsix (finfzehan, 
finfzug); d<ftzn (dinsan), tsyts (zins), gqts (gans), bläfrtsfiz 
(bluotrunsec). In nebentoniger silbe schwand n (vor s) in das 
morfisf (mhd. des morgens), 9s (uns), än&sf (iomari), n&nasf 
(nioman), zaemdsdrqf (Simonsdorf, < *zim9ns-dr<}f). 

Anm. 1. Aber cnUrtf (unslit), lenti (linsi), pnts (uns), bei B. aos, 
zfn9s (sigansa); keine ausnahmen sind natürlich falle wie zemft (sfnaf), 
hun9f (hanaf), dätntst (dionSst), i*rntst (<8rnust) etc., wo n nicht un- 
mittelbar vor f, s stand. 

Anm. 2. * vor s schwand in fptsin (*pftngustin, alem. pftste), 
holst (hengisOf [888. dftstix (afr. dingestag, B. dentst^gx)] ; n vor k in 
gitf\ (neben gewöhnt. gowk c \ mhd. ganc\) 

Anm. 3. Auch die subst. auf -ing werfen n ab. Beispiele s. § 15a. 

Beiträge mr geeohlohte der deutaehen spräche. XVII. 25 



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A n m. 4. Durch hoinorgane assiinilation ward a^hi in vaemn 
(rvtnberi), laenwt {ftntvät), hierzu laemdäx (leintuch), bei B. e m?s (inbh), 
fn&r (embar); auf assimilation beruhen auch sp$l (sphtnala), hgtftrt 
{koluntar), fl (elina); hevk k 9l (huoninchiß[n]) t ink k ?l (eninchiftn); luf 
dissimilation zumzln (samanön). 

Anm. 5. Das unorganische n in npsf {asl) erklärt sich wol aas 
dem unbestimmten artikel; das n (») in ftrzevk* (pfeYstch), rftewk* 
(reiich) [nach analogie dieser aodrevk K (gurke ^ *üdre{v)k -=r üdorck, 
•^ 'ugorek zu magy. ugorka y poln. ogurek gurke)] durch aniehnung an 
die subst auf -levk*' ^ -ling. 

Anm. 6. Mit bezug auf das nhd. sind interessant zent (seit, mhd. 
im/), zpsC (sonst), emzost (mhd. umbe sus). 

Anm. 7. Nach der obigen regel (la) wird sich auch das umstritteoe 
motsn küssen -^ *mpntsn -^ *munt(az)zen (nicht ^ smackezen) erklären, 
worauf die vergleicnung mit den rheinischen ma. führt, vgl. ww. mund- 
sen, monsen (küssen) zu munds, mons (mäulchen, kuss), ferner ww. 
mutzen (maulen, den mund aufwerfen), eifl. (wo gm. m- ^ b- auch sonst 
sich findet), bulz (kuss) und besonders motten* , das sich — nach der 
aussage eines Trierers — in der bedeutung 'küssen' an der untern Mosel 
findet. Zur bedeutungsentwicklung vgl. lat. osculum, kleiner mund und 
kuss, auch nhd. mäulchen = kuss. Dass sowol B. als mslfr. für mund 
nur maol gebraucht wird, macht gar keine Schwierigkeiten. Denn die 
erhaltung eines sonst ausgestorbenen wortes in specieller functioo ist 
etwas in allen ma. gewöhnliches (vgl. swb. mompfl ^ mundvoll, aber stets 
maul, nie mund). Dass der vocal nicht zum eraatze gedehnt ist, hat 
seine analogien, s. b. blattest i% (bluotrunsec), fufts* {finfzikan)\ — Sgl. 
moffel (mundvoll [auch hier stets mull, nie mund]). Vgl. noch Krämer 
a. a. o. s. 89 f. 

§ 22 b. Da sich mslfr. n (besonders im osten) ähnlich verhalt 
wie B., so wird auch sein lautwert dem des B. n nahekommen. 

Ib. Genau so mslfr.; diese eigentümlichkeit — den abfall 
des n vor f, s — teilt das mfr. mit dem nd., während schon 
das hess. den ausfall nicht gestattet; ausserdem kennt noch das 
alem. (swb.) diese höchst interessante lauterscheinung. Vgl. be- 
sonders D. ma. 7, 18 ff. 191 ff. VgL ferner Sgl. vernöfl (s. o.), 
hunsr. fufze, fitfzig] tr. Ix. eifl. däsen (s. o.), msl. gase (gänse), 
ww. 6s, hunsr. üs (neben ons, sogar noch nfr. ons), ww. bloul- 
röstig (s. o.), hunsr. des morjets (». o.), Ix. es, ww. oeimes, hunsr. 
(trimmest, Sgl. (n)Smes (s. o.). 

Anm. 1. Aber msl. Ix. enzelt, lx. lenz, msl. sfn4s*\ dagegen rip. 
(sgL) iselt, sdes (vgl. sss. <fslt\ lps)\ aber sgl. sanft (t. o.), eifl. huntf, 
Sgl. denst etc. 

Anm. 2. Eifl. dS stich, sgl. dtasüch, msl dentst%%*\ doch mslfr. rip. 
pengeslen, hengest, gank\ (gehe!). 



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BISTRITZER MÜNDART. 387 

Anw. 3. Auch mslfr. (rip. nicht), s. besonders § 15b. 

A n m. 4. [Krefeld, wlmel (nftnberi)], sgl. dornet {inb\z,\ melfr. Stner, 
ämer (embar)-, henkel vgl. § 9 b, anm. 2. 

Anm. 5. Lx. näst, allgemein mslfr. w-, wie in sehr vielen obd. md. 
und nd. ma.; hunsr. persching, lx. pl(r)$9w (pfi reich). 

Anm. 6. Sgl. sendet (seit), ww. soss, sust (sonst). 

II a. Ursprünglich auslautendes n (stammhaftes und flexions- 
n) seh windet spurlos nach mundartlichem vocal, ausser o, ot 
und d, sofern sie westgerm. -dw-, -(/-, -tw-, 4h-, -a</-, -iuw-, -etv- 
bez. -üw-, -6w-, -ouw- entsprechen; sonst bleibt n erhalten. 
Z. b. da (tuon), brät (brennen, mhd. brüejen), bf (bdjan), slg A 
(slahan), hu (habin), mae (min), nae (niun), f, 9 (ein), tsä? (zio- 
hari)\ — frgtn (mhd. vrieri), dtftn (dihan), nginftn (die letzten 
worte eines andern im gespräche widerholen, nach kindischer 
gewohnheit, *ndhsntwan), k'frn (chiuwan), flgen (mhd. vlöuwen), 
k K lgn (pl. von chldwa); bdn (büwan), k'rdn (chrouwön); ligv (lugin), 
Jfaldn (mhd. kelten), obm (ovan), zdtkv (suohhan), Idtn (pl. von 
letto), lirn (lehren und lernen, wie ahd. mhd. liren), fürn (nbf. 
turn), fdln (fuolen), vdln (rv